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Jüdische Rundschau · 1930-04-11 · Heft 29 (11.4.1930) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 29 (11.4.1930)
Date
1930-04-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 204 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 29, 11. IV. 1930 Neue hebräische Dichtung Wir nehmen mit dem heutigen Tage die bereits vor einem Jahre begonnene periodische Berichterstattung über die Werke der neuesten hebräischen Literatur wieder auf, die in den letzten Monaten infolge übermäßiger Inanspruchnahme durch politische Vorgänge etwas zurücktreten mußte. Wir erinnern an die Enquete über hebräische Literatur, die vor zwei Jahren in unserer Pessach ־ Nummer erschienen ist. Es ist uns jetzt gelungen, eine Reihe sachkundiger Mitarbeiter für diese Rubrik zu gewinnen. Wir betrachten die Kenntnis der hebräischen Literatur, der alten wie der neuen und neuesten, als das wichtigste Fundament der jüdischen Renaissance und eines erfüllten Nationalismus. Jizdiak Lamdan: Massada (Zionistische Lyrik unserer Tage) ״Zionistische Lyrik“ — eine an sich unsympathische Wort- Zusammenstellung. Romantische Erinnerungen an glücklich entschwundene Zeiten werden wach. An jene Tage ״unserer Jugend“, da zu Ehren von Zionistenkongressen hebräische Gedichte-Anthologien aus allen Epochen und feierliche poetische Begrüßungen erschienen. Zionistische Tendenzliieratur, selbst im Gewände der Lyrik, begrüßten wir als natürliche und selbstverständliche Begleiterscheimntg der Epoche nationalen Erwachens, Es war uns klar, daß die!Dichter dieser Periode legitimes Recht, ja entschiedene Pflicht zur politischen Tendenz hatten. Und wir liebten sie um dieses ״Opfers“ willen, daß sie ihre Kunst in den Dienst der ״Wiederbelebung der Herzen“ stellten. Es schien uns aber nicht minder sicher, daß eine Zeit kommen werde, da die ״enge“, politisch-nationale Dichtung sich zur Höhe jener ״rein-menschbeitlichen“ Dichtung emporschwingen werde, um deretwillen sich der mühselige Weg geistiger Renaissance erst zu lohnen beginne. Wir haben uns geirrt. Zumindest im Tempo dieser palästinensischen Menschwerdung. Den neuen palästinensischen Menschen, der Im Mittelpunkt zeitgenössischer hebräischer Literatur steht, umschweben noch Schatten und Gespenster seiner qualvollen Vergangenheit in der Golah, ihn lassen Geburtswehen des Werks und von überall drohende Gefahren nicht zu sich selbst kommen. Kein Wunder also, daß die hebräische Literatur des letzten Jahrzehnts, des ersten der entschiedenen Verwirklichung, uns noch immer in das Zaubernetz zionistischer ״Enge“ verstrickt. Seit J. Ch. Brenners großartigen und erschütternden Palästinaromanen (״MJkkan tunikkan“ und ״Schchol wechischalon“) begannen wir zu ahnen, daß zionistische Motive diese Literatur noch lange in Atem halt« werden, und daß die Poesie des Zionismus, trotz scheinbarer Nüchternheit in der Epoche imbeirrter Verwirklichungstat, noch lange nicht in all ihren Tiefen und Weit« ausgeschöpft ist. Freilich glaubten wir gerade am Beispiele Brenners — und mit gewisser Genugtuung — zu beobachten, daß zionistische Diskussion und Dialektik immer mehr aus seinen Romanen in seine Publizistik und Tagesschriftstellerei abgeschoben wurde. Jedenfalls aber schien es uns, als ob die neuhebräische Lyrik die erste Gattung unserer Literatur sei, die sich von ״nationaler Enge“ befreie. Auch hierin haben wir uns getäuscht. Und jetzt, da im letzten Jahrzehnt eine ganze Rahe zam Teil hochbedeutender lyrischer Dichtungen vor uns erstand« ist, deren Hauptthema der Zionismus ist, schäm« wir uns jener abwegigen Meinung, daß zionistische ״Gesimnmgs“״Dichtung nicht zugleich reine und menschliche Tiefe erreich« könne. Jizchak Lamdans ״Massada“ ist Bestätigung dafür. Es ist dn erster großer Wurf eines jungen Dichters, der vor diesem Werke kaum über den Krris der engeren Literaturfreunde bekannt war. In ״Massada“ hat er der jung« kämpfenden jüdischen Bewegung dn unvergängliches Denkmal gesetzt. ״Massada“ Ist in d« Jahr« 1923 und 1924 geschrieben und im Jahre 1927 im Vertag ״Hedim“ (Tel-Aviv) als Buch erschienen. * Massada, jene hochgelegene Felsen borg im Südwesten des Tot« Meeres, die nach der Zerstörung Jerusalems durch Titus noch drd Jahre lang dem römischen Feinde erbitterten Widerstand leistete, hartnäckig vertddigt von den entschlössenen Vorkämpfern der politischen Freiheitsidee, — Massada, das der Feind als letzten befestigten Ort des Landes nur nach wunderbarster Gegenwehr der kühnen Besatzung zu Fall bring« konnte, — Massada, in dem der eindringende Feind keine lebende Seele mehr vorfand, da alle, Männer, Frau« und Kinder — 960 an Zahl —, zuvor in den freiwilligen Tod gegangen waren, — dieses Massada wählt Lamdan zum Symbol j«er letzt« Zufluchtsstätte unseres Volks In unser« Tag«. Nicht geistige Jud«tumsnot treibt unsern Dichter, der hier völlig identisch mit dem ״Ich“ des Sprechers Ist, nach Massada: das ukrainische Pogromland speit ihn aus. Sein Bruder fällt auf ״gräberstarrenden Wegen“ im Kampfe mit den «!fesselten Horden, auch den Vater läßt er ״an die in Ruinenasche sich wälzende Mesusa geschmiedet“ zurück (die Mutter war schon längst gestorben), und er, er selbst flüchtet auf ein Auswandererschiff nach Massada. Massada kennt er nur vom Hörensagen: dort werde ״das letzte Banner des Aufstands“ entfaltet, dort der letzte Kampf um Sein oder Nichtsein entschieden. Auf dem Wege suchen drei Freunde ihn abzuhalten, alle drei mit dem Schlußruf: Massada ist Lüge, ist Trug, ist Täuschung! Ohne Zweifel sind diese ״Freunde“ keine Menschert, sondern Stimmen des eigenen Gewissens. Die erste ruft nach dem Gott der Rache, dem noch einzigen Halt in blutiger Zerstörung: häßlich und feige ist es, das Blut der ermordeten Brüder und Schwestern ungerächt lassend ins Weite zu fliehen! Die zweite vertröstet auf jene besseren Tage der Menschheit: nicht umsonst ist unschuldiges Blut geflössen, es hilft den letzten großen Endsieg bc- Yeunigen, der hinter dem ״roten Vorhang“ sich vorberoik:. Die dritte Stimme ist die der heillosen Verzweiflung, der tatenlosen Ergebung in ein unentrinnbares Schicksal. Allen drei Freunden will unser Dichter nicht folgen. So gelangt er, nur durch blinden Zufall der ״Schlinge des Galgens“ entschlüpft, ein Flüchtling, nach Massada und bittet um Einlaß: ״Oeffne die Tore, Massada! Dir zu Füßen liegt meine zerbröckelnde Seele — leg sie auf deiner Felsen Amboß und hämmre, schmied sie von neuem! . . . Rette!“ Von den Erlebnissen des Wahnsinns noch völlig besessen, ruft der Ankömmling wie irr: ״In den Schoß Massadas schmieg ich mein Haupt und frage: was soll ich tun mit dem Ende des Stricks, das um dm Hals mir noch baumelt? .. .“ Nur ein Zufall hat ihn gerettet: ein leeres Faß im Winkel des Hofs hat sich seiner in der Stunde des Mordens erbarmt. Soll er darin einen Finger des Schicksals erblick«? Gibt es eine Sühne der Greuel und wo? Das Schicksal antwortet: in Massada! * Die Mauern Massadas sind hoch und steil■ Die ״Hände Israels, die alles umarmen und deren Umarmung alles entgleitet“, beschwört der Dichter: ״Ihr Hände Israels, daß ihr nicht auch hier, im leeren Raume tastend, leer ausgehet t . . . Ich beschwöre euch, klammert euch fest an die Mauer Massadas und lasset nicht los! Sonst — haue man ab die Hände, deren Umarmung alles entgleitet!“ Die Mannschaft Massadas setzt im Kampfe das Größte ein, das es gibt: ihr nacktes Leben. Aeußere Güter hat sie nicht einzusetzen. ״Nackt und barfuß steigen wir zur Mauer empor, an alle Pfähle auf den Scheiden der Wege haben wir unsere Gewänder als freiheitskündmde Banner gehängt .. . und blieb« nackt auf dm Scheid« der Wege“ .. . Aber verachte uns nicht, Massada, daß wir wie Geplünderte mit leeren Hindra kommen! Der ״Zug der Armen“ führt noch einen Schatz mit sich: die Todesverachtung nach der Verzweiflung! Die Sonne Massadas, deren gleißendes Licht selbst Spalten und Klüfte der Berge durchdringt und das letzte Fleckchm geheimnisvollen Dunkels erhellt, wird dem sonnenfremdm Ankömmling aus der russischen Winterlandschaft, aus den finsteren Tälern des Grauens und den engen Gassen des Ghettos zur Quai: ״In meinem Blute heulen noch ferne Winternächte und klagender Psalmengesang meines Vaters rauscht noch in ihm .. . und Weißglut der Zerstörung glimmt noch in meinen Augen“. Anders die Nächte Massadas. Sie beleb« das Lager. Feuer an Feuer lodert auf und die Söhne Massadas, fast alles verkappte Königssöhne, erwachen zu neuem Leben. Die Beine heb« sich wie von selbst zum Tanz# arm Tanz ״von Feuer zu Feuer“. Noch ist die ״Kette der Tänze“ von Vätern zu Söhnen nicht zerrissen, jene Kette, die ״von dm Nächten Simchat-Thoras sich fortsetzt bis zu den Nächten Simchat- Massadas“, vom Gemeinscbaftstanz der Chassidim zur Horra der Chaluzim. Eine Reihe inhaltlich wie rhythmisch großartiger, atemraubender Tanzlieder leuchtet tief in die ekstatische Seele der nächtlichen Tänzer1). * Mit aufsteigender Morgenröte ist das Nacht- und Tanzkönigtum derer von Massada zu Ende. ״Wehe, ihr Augenblickskönige“, ruft der Dichter in der Ernüchterung des Morgengrauens, ״schon sehe ich die lauernde Hand, die euch die Krem« vom Haupte reißt, schon höre ich aus Tiefen das Heulen des einbrechenden Endes, schon warten ziellose Schiffe auf all« Meeren . . . und während die Völker der Welt beim Licht eines langen Tags an ihr Werk gehen, machen wir, die Verstoßenen der Welt, uns auf unseren Weg: ankerlos treiben wir auf sieben Meeren und harren auf eine neue schlaflose Nacht, die uns von neuem salbt . . .“ Dem ״Spruch des Ernüchterten“ folgt der ״Spruch des wandelnden Gerenkten“2), dem sich die jüdische Tragödie noch ganz anders darstellt: ״Weh, wer hat mich hierher geschickt? .. . Wer mir befohlen: geh und renke dich selbst auf Massadas Mauer zu Zeichen und zu Erweis! Was Ist das Zeichen, was der Erweis, da ein schweres Traumgesicht sich wie siedendes Blei in mich gießt: Niemand erwartet das Zeichen, niemand harrt des Erweises im ganzen Haus Israel! Nach Brot schreit der Hungrige, nach kleinem Erbarmen der Geschlagene, und der Satte und noch Beruhigte hat keinen Wunsch und, die ein letztes Traumgesicht entzündete, die Mauer Massadas erklimmen sie — zur Renkung.“ Seit je war die Sendung Israels unter den Völkern die Sendung des Leids. ״Ein ruchloser Alter, verhaßt und Schrecken säend, waren wir, wandelnd unter spielsüchtigen Volker-Kindern; unser schwerer Schatten, auf die taufrischen Morg« ihres Spiels geworfen, erschreckte sie.. . . Wie aber können wir nunmehr gleich Urnen werden, Kriegsspiele spielen im Kehricht des Umschwungs der Tage, In den wechselnden Pfützen der Zeiten? Nur eines war seit je und je unser Weg: Sendling des Leids auf Erden zu sein." Gedanken dieser Art beschleichen den Sohn Massadas in der Stunde seiner Isolierung, wenn er ״außerhalb des Lagers“, dem Zauber des nächtlichen Taumels entzogen, sich auf sich und sein Schicksal besinnt, wenn das Individuum in ihm erwacht und er sich seiner Stimme nicht mehr versagen kann. Dann ist es auch, daß sein Ohr jenes ferne Rauschen der ukrainischen Fichtenwälder umkost und ״auf kühlen Wassern der Ikwa3) zwischen schattigem Schilf“ jener Kahn dahintreibt, der in Ihm zarte Erinnerungen der Jugend erwachen läßt. Zwar drängt der Dichter diese bänglichen Gefühle für die frühere Heimat gewaltsam zurück: ״Verlaßt mich, Gestalten des Gestern! Was umstelji ihr mich? Aus eurem fetten Erdreich habe ich alt meine Wurzeln gerissen und wenn sie hier der Gluthauch verdorrt, so mögen sie dorr«! Euch ruf ich in der Bedrängnis nicht wieder, in euren Boden pflanze ich nicht nochmals!“ Aber dieser unnahbare, edle Stolz führt den Dichter zu einer Schicksalsfrage ganz anderer Art: die glührade Sonne *) Soeben erschienen im neuest« Heft der Zeitschrift ״Der Junge Jude“ (Mär-Apzril 1930) zwei dieser Gedichte mit wortgetreuer Uebersetzung von Ruth 011 e n d 0 r f. s) Diese vorzügliche, weil einfache und wortgetreue Ueber- Setzung des Begriffes מוקע verdanken wir der Buber- Rosenzweigschen Bibelübersetzung (Numeri SS, 4; 2. Samuel 21, 6, 9; ebenda 21,13). ®) Ukrainischer Fluß, Massadas, die sengend« Chamsine droh«, die an nordisches Klima gewöhnt« Helden zu verzehren. Selbst der Schatten schmilzt im glühenden Ostwind dahin. Kein Wunder, daß sie an die erquickende Kühle des sommerlichen Nordwaldes zurückdenk«. ״Wie wenig kost dich Gottes Gnade, Massada! - . Was gewährst du deinen dürstenden Kämpfern, arme Mutter, die ihr Haupt in deinen Schoß drücken, ihren letzt«? In stillem wortlosem Durste hängte ich mich an deinen Hals. Ich bedränge dich nicht, dmn ich kenne deine Armut.... Ich weiß alles.. . . Und weshalb reichst du mir die Brust noch, da sie doch sonnenverbrannte Dürre ist? .. .“ ״Und weshalb weinte Hagar über 1 s m a e l, da er durstig war und das Wasser im Schlauche zu Ende? Nicht sie brauchte weinen! Ismael ist groß geworden, ein in Wüsten erprobter Wildesel, der jetzt über weite Länder seinen drohenden Bog« spannt. .. . Wo aber ist Sara, daß sie weine über Isaak, ihr« Sohn, der hier verwaist aui Wüstensand geworfen hegt? Nicht der Sohn der Aegypterin, hier sinkt ohnmächtig vor Durst Isaak hin, der Same Abrahams und Saras!“ * Es gibt auch andere Nächte in Massada als die der frohen Reigentänze. Wie schwarze schwere Vogelschwing« lassen sie sich auf die Mauer herab und überschatten die Kampfwälle. In diesen Nächten sitzt die Mannschaft Massadas in stummer Verzweiflung, Gesicht gegen Gesicht, und mühsam entwinden sich ihrem Munde Rufe des schwindenden Mutes. Der erste: ״Ich dachte, daß in Massada es keinen Winter gäbe . . . und helft stieg Geruch des Blätter• falls mir in die Nase. Herbstschauer zog mir durch die Gebeine. Nun fiel schwere Nacht auf uns nieder und es friert mich, friert mich, friert!“ Ein anderer: ״Wie ein Gefäß das niemand mehr zunutze, rollt mir zu Füßen der leere Kelch der hingegebenen Jugend. All sein« Wein bracht ich als Opfertrank der Treue dir, Massadas Felsenaltar, dar und nun verblieb mir nichts!“ Ein dritter: ״Gleich dem Erlöschen unserer Feuer erlöschen auch wir!“ Die bewegliche Klage steigert sich zum Murren gegen ein unverdientes Geschick: ״Warum ließen wir alles hinter uns und stieg« zur Mauer?“ ״Wenn ich auch wüßte, warum — gleich Ist’s mir, ich bin müde! Auf der Mauer stehen kann ich nicht mehr im Kampf!“ ״Warum? warum? ich frag nicht mehr! Im voraus wußt ich den Weg: aufs Schafott!“ ״Meine leichten, wegedurstigen Füße betrogen mich! Wie Hebt« sie zu gehn, zu geh« ohne Ziel und Zweck! .. . Jetzt kann ich sie, die wankenden, nicht heben mehr ... es geht kein Weg weg von Massada!“ Gefühle der Vereinsamung und Verlassenheit befällt die Mannschaft Massadas: ״Ich glaubte, daß mein Volk mich sendet und um seinetwillen trug ich alles. Jetzt aber weiß Ich, daß da drunten niemals harrt der Freudenbotschaft, die von oben kommt ... Niemand wird um unser Fallen wissen, wie niemand wüßte, wenn wir siegt«. . ״Ablösung fehlt, wenn einer von uns matt und müde fällt, so füllt kein anderer seine Stelle. Es kann nicht anders sein: das Volk zerstreute sich in seine Zelte und vergaß, die für es kämpfen.“ ״Das Volk zerstreute sich? Und wann war es gesammelt? Wer hat die Mär erfunden, ihr geglaubt?“ ״Wißt ihr, viele drücken sich davon im Stillen und mit Nachtesanbrach steig« heimlich sie herab von unsrer Mauer. .. ״Wohin?“ ״Wohin? Auf alte Wege, die weg von Massada führ«. Gleich ist's dem Mann aus Israel, auf alle schärft sein Chaos-Auge er, nach oben und nach unten und, müd des lrrraj, blickt er, dem Tollwutshunde gleich, die durstige Zunge und heult entgegen allen Sonnen, Monden — und weiß selbst nicht, warum. . . .“ ״Wieder wenden Schiffe Ihr« Lauf nach allen Ufern und Gestaden.. . . Wieder sind nach all« Wind« gebläht der Gola Segel.. . .“ ״Täglich seh ich von der Höhe unserer Mauer Schiffe an Massadas Ufer kommen. Sind nicht unsere Brüder auf den Schiffen, lenk« sie den Schritt nicht auf uns zu?“ ״Unsere Brüder sind es, aber uns nicht gilt ihr Schreiten, Marketender sind’s!“ ״Sind gekommen, da sie hörten, in Massada gab es Kampf und Fall. Kampfbeute zu ergattern sind sie hergekommen! Nachhut sind sie, sammeln, was im hitzigen Kampf des Anstiegs unsere Jungmannschaft verlor und um Geld, mit trügerischer Wage, werden alles sie verschachern. . . . Wenn des Kampfes wachsendes Entsetzen auch die Unterstadt ergreift, eilen sie auf ihre Schiffe und nach sichern Ländern steuern sie. , . ״Und wenn des Kampfes Sturm sich legt, kommen wieder sie und wieder richten auf sie Ihre Märkte unten. . . .“ So und ähnlich geht in dunklen Winternächten unter Massadas Söhnen die Rede. In Träumen der Verzweiflung erscheint einem von ihnen die Gestalt des greis« Abtalion (A. D. Oordon) der sie zu trösten sucht: ״Erlöse jeder seine Seele in dem Kampf, denn des Volkes G«h1s seid nur ihr, sein Haupt ist «er Haupt!“ In nächtlichem Traumgesicht wendet sich einer an den ״Sich-wälzenden“ (I. Ch. Brenner): ״Du, der du die Wunden, sie zu heil«, uns zu lecken lehrtest und ohn’ Erbarmen unsre ganze Verwaistheit und Schwäche‘) enthülltest ... Du, der du dein Blut hier preisgabst, wie es jeder Sohn Madassas preisgibt hier auf der Mauer ..." Auch der Geist Brenners weiß keine Testende Antwort auf die Frage nach dem Sinn all der Opfer. * Da geschieht das beinahe nicht mehr Erwartete, das zugleich die Dichtung auf ihr« Höhepunkt führt. Einer aus dem Lager erhebt sich wortlos beim Licht der verlöschenden Feuer. Im Chor der Klagenden mitzujammern vermag er nicht. Er bückt sich, kriecht — nach draußen, außerhalb des Lagers. 4) ״Schchol wechischalon“ (״Verwaistheit und Schwäche“) ist, wie schon oben erwähnt, der Titel eines Romanes Brenners, seines letzten literarischen Vermächtnisses,

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