Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 29 (11.4.1930)
- Date
- 1930-04-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29, 11. IV. 1930 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 303 Pessach - Beilage Mazzebacken im Städtchen! Text und Zeichnungen von Ra hei Szalit. .,Du bist der Herr über die Stadt, ich bin die Herrin über meinen Ofen“, so spricht Gitta zum Bürgermeister. Sie steht vor ihm, unerschrocken, kampfbereit. Ihre Augen sprühen f unken, mit letzter Verzweiflung känpft sie um ihr Recht. Sie muß siegen. Der Bürgermeister muß ihr den Ofen freigeben. Sonst ist sie und ihre Familie ruiniert. Gitta ist nämlich Bcsitzerin eines groben Backofens. Dieser Schatz befindet sich in ihrer armseligen Stube, wo sie mit ihrem Manne, dem Tischler Leibe und acht Kindern wohnt. Gitta hat elf Kinder; die anderen drei sind aber längst nach Amerika ausgewandert. Diese acht hungrigen Mäuler satt zu machen, ist keine Kleinig- Leit. Die alle Hobelbank, die in der Wohnstube steht, ist meistens unbenutzt; denn wer hat Geld, sich etwas bei einem Tischler zu bestellen. Und so wartet man das ganze Jahr mit Sehnsucht auf Chanukka, denn dann fängt man schon an, die Mazze für Peßach zu backen. Wer einen großen Backofen besitzt, ist ein Glückspilz, vorausgesetzt, daß der Bürgermeister die Erlaubnis gibt, darin die Mazze zu backen. Gitta hatte bis jetzt immer Glück gehabt; bis zum Chanukkafest buk sie ihr schwarzes Brot in ihm. Um diese Zeit aber reinigte sie ihn mit glühenden Steinen ujid kochendem Wasser, und die arme T ischlerstube mitsamt dem Ofen verwandelte sich für mehrere Monate in eine Mazzefabrik. Weg war der Hunger, die dünnen Aermchen der Kinder rundeten sich langsam. Zum Sabbat konnte man sich etwas Fische leisten. Wohl entbrannte der Neid bei irgendeiner bösen Nachbarin. Genug, der Bürgermeister erfuhr, daß Gitta ohne Erlaubnis in ihrem Ofen Mazze für andere buk — und aus war die Seligkeit. Ein dicker Geridarm kam säbelklirrend mit mehreren Polizisten an einem schönen Morgen in die mazzeduftende Stube; mit drohender Stimme schrie er die zu Tode erschrockene Gitta an, verschloß die Ocffnung des Ofens und setzte mehrere dicke Siegel darauf. Gitta darf keine Mazze mehr backen, der Bürgermeister hat es ihr verboten. Vcrzweifeit stand die arme Gitta da. Vor ihren gequälten Augen sah sie schon die hungernden Kinder, ihr Herz krampfte sich zusammen, was tun? Plötzlich schoß ihr ein Gedanke durch den Kopf. Sie sprang auf, zog ihr Sabbatkleid an, g'ättete mit etwas Wasser ihren Scheitel, schlang das Tuch um die Schultern und verschwand durch die Tür. Quer über den Marktplatz ging sic festen Schrittes auf das Haus des Bürgermeisters zu; den letzten Rubel steckte sic dem wachthabenden Soldaten in die Hand, nun stand sie vor dem Bürgermeister. Einen Moment fühlte sic sich schlapp werden; sie raffte sich mühsam zusammen, die Angst um die Kinder gab ihr den Mut, und sie fing an, in gebrochenem russisch dem Bürgermeister sein Unrecht zu erklären. ״Du bist Herr über der Stadt, ich bin Herrin über meinen Ofen“. Dieser mit verzweifelter Energie herausgeschmetterte Satz war so unerwartet, so grotesk und dabei so nierkmürdig logisch, daß der Bürgermeister zum ersten Male von seinen Papieren aufschautc. Er sah vor sich ein vom Leid zerquältes Gesicht, das noch Spuren einstiger Schönheit trug. Irgend etwas mußte er in ihren Augen gelesen haben, wohl die Verzweiflung der Mutter, denn er sagte kein Wort zu ihr, er winkte nur einen Gendarm herein und flüsterte ihm etwas zu. Der Gendarm ging r,h/ N/ ■״*#_; 5jv W&y.-s .־.־• r! -• ,si■' dann mit der Gitta quer über den Marktplatz zu ihr nach Hause, löste die Siegel vom Ofen und Gitta hatte gesiegt. Man hörte wieder das Klappern der Eimer des Wasserträgers Schmuei, der *das Wasser zum Mazzebacken brachte. Mit aufgeschürzfen Aermein standen die Frauen in Reihen an den Tischen und kneteten und walzten den Teig. Lustig knisterte das Feuer im Ofen, der Tischler Leibe mit einem langen Holzspaten bewaffnet, schob die rohen Mazzos in den Ofen und holte sie nach einer kurzen Weile wieder knusprig heraus. Wenn die Nacht kommt, werden die Petroleumlampen angezündet, eine mollige Wärme strömt aus dein Ofen, die Kinder, sauber gewaschen, in reinen Hemddien, tummeln sich zwischen den arbeitenden Frauen und begleiten mit gierigen Augen jede Mazze, die in den großen Wäschekorb wanderte. Manchmal fällt eine auf den Fußboden zur großen Freude der Kinder, denn das bekamen sie. So eine Mazze ist Cliomez, die darf nicht mehr am Peßach gegessen werden. Es wird eifrig gebacken, Tag und Nacht, mit wechselnden Arbeitskräften, denn es gibt viel zu tun. Nicht nur fiir sämtliche Nachbarinnen hat Gitta zu backen, auch aus den Dörfern kommen die Jüdinnen in die Stadt zu ihr. Sie nehmen ilire kleinen Kinder mit und hausen für wenige Pfennige in den benachbarten Häusern. Ihre kleinen Bauermvagen stehen auf dem Hofe und die zottigen Pferdchen werden in Gittas Ziegenstall untergebracht. Draußen fällt der Schnee, die Fensterscheiben sind mit Eisblumen bedeckt, die Straßenpassanten drücken neugierig ihre Nasen daran und versuchen, in die Mazzefabrik hincinzuguckcii. Gitta rennt geschäftig hin und her, ihr Gesicht ist von der Ofenhitze gerötet. Sie hat alle Hände voll zu tun, sie löst ihren Mann am Ofen ab, versorgt die Kinder, melkt die Ziegen, kocht das Essen, unterhält sich mit den Kundinnen, schreit den Hund an, ermuntert die Arbeiterinnen. Wann sie schläft, weiß niemand, denn sie ist Tag und Nacht auf den Beinen. So in der Zeit von Chanukka bis Peßach kennt sic kein Ausruhen. Wenn sic ihre Kräfte versagen fühlt, fängt sie an zu singen, und wenn sie singt, singen alle mit. Oeffers kommt auch Josse[, der Badchen (Possenreißer) herüber, er isf ein ersehnter Gast, denn Jossel kann vieles. Er dichtet, singt, tanzt, erzählt Witze und das alles durcheinander. Dazwischen liebäugelt er mit der rotwangigen Mierele, die jedesmal verschämt die Lider senkt. Er ist ein heimlicher Mitarbeiter der Gitta, denn wenn sie merkt, daß die Arbeiterinnen anfangen langsamer zu walzen und immer wieder den Mund zum Gähnen aufreißen, so schickt sic schleunigst ein Kind zum Jossel herüber und im Nu sind alle wach. Jossel zieht einen Weiberrock an, bindet sieh ein Tuch um den Kopf, ahmt die Stimm!? der Gitta nach und bringt alle zum Lachen. Diese Zeit, wenn Jossel da ist, kann Gitta ruhig fort gehen. Und alle ihre anderen Angelegenheiten erledigen. Jossel paßt scharf auf, jede fertige Mazze wird mit einem Witz empfangen. Um dies immer wieder zu hören, beeilen sich die Frauen und unter unbändigen Lachsalven wird das Dreifache geleistet. Mit freundlichem Kopfnicken drückt ihm Gitta ihre Zufriedenheit aus und verspricht ihm zum Dank, seine Schwiegermutter zu werden, was Jossel mit furchtbarer Grimasse entgegennimmt. ,,Lieber möchte ich einige Flaschen von Deinem Peßacbmet haben, als eine Deiner Töchter zur Frau“ — und alles lacht wieder. Gitta aber ist gar nicht beleidigt, denn sie ist mindestens genau so stolz auf ihren Met, wie auf ihre Töchter. Den braut sie dicht vor Purim, an die 40 Flaschen voll süßen Mets hat sie in ihrem Keller stehen, freilich bleiben zu Peßach nicht viele übrig, denn aus irgendeinem Grunde explodiert die Hälfte schon vorher. Immer wieder hört man einen unter- Die besoffenen Hühner irdischen Knall, um eine Flasche wird es weniger, und Gitta wird für einen Moment traurig. Ocfters kommen ihre Hühner merkwürdig sich gebärdend vom Keller hinauf, sie gackern, »krähen ohne Ursache und wälzen sich komisch durcheinander. Anfangs erschraken alle, ihr Benehmen war so unheimlich, so gar nicht wie das übliche Benehmen von Hühnern und man glaubte, daß ein Dybuk in sie gefahren sei. Die rotwangige Mierele war die erste, die das sagte und alle schrieen auf. Die Arbeiterinnen liefen voller Entsetzen davon und die arme Gitta rannte in ihrer Verzweiflung zum Rabbiner, um Rat zu fragen. Der Rabbiner erkundigte sich genau nach ihren Metflaschen und ob sie nicht die Hühner im Keller hält und erklärte ihr dann, daß die Tiere einfach von ihrem Met getrunken hätten und besoffen seien. Erleichtert kam sie nach Hause und die beruhigten Frauen gingen wieder an ihre Arbeit. Von nun an freuten sie sich nur noch auf das Hühnertheater, wenn sie eine Explosion im Keller vernahmen. Diese schönen Zerstreuungen, wie Hühnertheater und Jossel, hören auf, wenn der Tag kommt, an dem die Mazze für den frommen Talmudlatribdan Reh Mendele gebacken wird. Frisch gereinigt wird ■der Ofen, die Kinder werden zu der Nachbarin geschickt, die Arbeiterinnen binden frische Schürzen um. Reb Mendele beaufsichtigt selber das Backen. Nach jeder Mazze müssen sie die Hände waschen und an den Walzen darf kein Stückchen Teig hingen bleiben, das Wasser zum Anrühren wird schon einen Tag vorher gebracht, denn so verlangt es das Gesetz. Feierlich und geheiligt fühlen sich alle. Es ist still und dennoch gähnen die müden Frauen nicht, sie fühlen sich geehrt, für Reh Mendele die Mazzes zu backen. Sein schönes, trauriges Gesicht mit dem langen weißen Bart, seine leise Stimme, seine guten Worte füllen alle Herzen aus. Eine Mazze für Reb Mendele zu backen ist ganz etwas anderes, denn das wird Reb Mendele essen, der große Gelehrte, der Tag und Nacht beim Talmud sitzt und jeden zweiten Tag fastet. Alles was er besitzt, verteilt er unter die Armen und der Herr schenkt ihm immer wieder Reichtum. So erzählen sich die Frauen und alle segnen ihn. Gitta bedient selber den Ofen. Ihr Gesicht strahlt, ilire Stirnrunzeln glätten sich und sie murmelt leise ein Dankgebet für die Ehre, die ihr der liebe Gott geschickt hat. Obwohl Reb Mendele jedes Jahr bei ihr seine Mazzes backen läßt, Ist Chaxkele nimmt ein Stück Mene eus de* Korb Gitta Jedesmal vom Glück berauscht. Die alte Esther, Reb Mendeles Frau, steht neben Gitta und nimmt ihr die Mazze vom Spaten ab. Jedesmal sagt sie ihr ein gutes Wort, jedesmal lächelt sie ihr zu, alles findet sie gut und schön, und als Gittas jüngstes Kind, der kleine Chazkele, ein Stück Mazze aus dem Korb nimmt und Gitta vor Scham erbleicht, denn vor Peßach darf ja keine Mazze gegessen werden, so nickt Esther bloß lächelnd dazu. ״Er ist ja noch ein kleines Kind, lassen Sie ihn doch, er kennt ja noch nicht das Gesetz“, tröstet sie Gitia. Reb Mendele aber legt segnend die Hand auf das Köpfchen des Kindes und Gitta strahlt wieder. Mit Reb Mendeles Mazzes, die unmittelbar vor Peßach gebacken werden, schließt die schwere und schöne Zeit ab. Gitta hat nur noch für sich die Mazzos zu hacken und dann ist Peßach da. In die schwere Arbeit versunken merkten sie alle nicht, wie der Winter vorüberging und der Frühling mit all seiner Schönheit einzog. Ucberal! sind die Türen und Fenster geöffnet, die Häuser werden vom Choniez gereinigt, die Kinder hüpfen mit den Kälbern um die Wette und alles freut sich und wartet voll Freude auf den ersten Sederabend. Hebräisches Theater in Berlin (״In der Wüste“. Stück nach D. Frischmann. Musik: Sternberg. Dekorationen: Frl. Berger. Regie: R. Zwi. Darsteller: Hebr. dram. Studio.) Das hebn drara. Studio des Rates für hebräische Arbeit unter der Jugend in Berlin, das gegründet worden ist zur Unterstützung der hebräischen Arbeit in Berlin in der Gewißheit, daß die Kunst eines der wichtigsten Mittel zur Gewinnung der Jugend für die hebräische Sprache und Kultur ist, steht vor seiner ernten Aufführung. Das Ziel des Studio bei dieser Aufführung ist, das Leben des Volkes Israel in der Wüste in seinen Manifestationen im Heiligen und Profanen darzustellen, den Gottesdienst dieser Epoche, die Beziehungen zwischen Priester Schaft und Volk, zwischen den Einzelnen im Volk und auch das soziale Moment. Das Studio geht dabei ebenso wie D. Frischmann in seiner Schrift: ״In der Wüste“ von der Voraussetzung aus, daß die Israeliten in der Wüste nicht nur Thora, Riten und Gesetze empfingen, sondern auch aßen und tranken, liebten, haßten und eifersüchtig waren. . . . Diese Verkettung des Heiligen und Profanen darzustellen ist das Ziel der Aufführung, die wir in Balde genauer ankündigen zu können hoffen und von der wir uns eine Wirkung versprechen, die die große verwendete Arbeit verlohnt. Nahum Lev in. Hebräischer Lehrerverein. Am 30. März fand im Beth-Am die zweite Gründungsversammlung der hebräischen Lehrer Berlins statt. Nachdem die Statuten, die von einem zeitweiligen Komitee ausgearbeitet waren, angenommen waren, wurde das Komitee, bestehend aus den Herren: Barasch, Braslawski, Dr. Dörffler, J. Gutmann, Dr. M. Mayer, M. Mohr, J. Pre ßaann, Dr. T orczyner, gewählt. Der Verein, der alle hebräischen Lehrer Berlins vereinigen soll, macht es sich u. a. zur Aufgabe, die hebräische Kultur und ihie Sprache unter das Berliner Judentum zu verbreiten und die hebräische Unterrichtstätigkeit zu vervollkommnen. Alle hebräischen Lehrer, die noch nicht Mitglied in diesem Verein sind, werden aufgefordert, sich einzutragen. Monatlicher Mindestbeitrag 1 M. Zuschriften an J. Preßmann, p. A. Beth-Am, Grolmanstr. 36. . 0 ״Du bist der Herr über die Stadt, ich bin die Herrin über meinen Ofen'* Lwb« •dteb di• Maxso• in dm Ofeo