Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 28 (8.4.1930)
- Date
- 1930-04-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 28. 8. IV. 1830 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 197 Jerusalem entstanden wäre. Der Hilfsfonds dagegen hat einem bescheideneren Projekt seine Zustimmung gegeben, das den Bau von etwa 150 Kleinen Häusern in den genannten Vierteln Vorsicht und sic dadurch vergrößern will, ln besonderer Weise wird das Problem des sehr unsicher liegenden Sanhedriah gelöst, wo durch Bau zweier großer Häuser, jedes mit 25 Wohnungen, ein Mittelpunkt geschaffen werden soll. In Haifa hingegen wird das Problem der Verbindung Hadar Hacarmcls mit der Altstadt in der Gegend des Wadi positiv gelöst werden. Wenn man, wie es gelegentlich geschehen ist, die Aufgäbe des Hilfsfonds ganz allgemein darin erblickte, den Jischuw zu stärken, um ihn gegenüber etwaigen zukünftigen Ueberfälkn besser zu schützen, so war es klar, daß jede kolonisatorische Unternehmung in die Kompetenz des Fonds fallen konnte. Wenn an irgendeiner Stelle des Landes Boden gekauft und besiedelt wird und dadurch jüdischer Besitz arrondiert oder die Verbindung zwischen zwei Siedlungspunktcn hergestellt wird, so erhöht dies ohne Zweifel die Sicherheit der Siedlungspunkte. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß sowohl im Emek wie in der Küstenzone ähnliche Möglichkeiten ohne weiteres bestehen. Abgesehen davon aber, ob der Hilfst'onds überhaupt nach Erledigung seiner näher liegenden Aufgaben genügend Mittel für derartige neu kolonisatorische Aufgaben übrig behält, kann cs natürlich durchaus in Frage gczogen werden, ob derartige Aufgaben noch in die Kompetenz des Hilfsfonds fallen. Die durchgeführte Erweiterung des Straßen- und Telephonnetzes im Emek und die Errichtung einer Reihe von größeren Steingebäuden mit verschiedener Zweckbestimmung erhöhen ohne Zweifel die Sicherheit in diesem Bezirk. Ueber den weiteren Umkreis der Frage dürfte die Entscheidung erst in Zukunft fallen. Es wird von Interesse sein, nachstehend eine Uebersicht über die Ausgaben und Bewilligungen des Hilfsfonds zu geben, soweit sie feststehen: 1. Unmittelbare Flüchtlingshilfe ... £ 84 300 Anleihen an Handwerker und Kaufleutc . ... . ■ ,.,!.■155000 ,, ״ Sicherheitsmaßnahmen ״vww>>, 36500 ״ Rechtshilfe . •I * «** •!TilPWim 11 7500 £ 183 300 183 300 2. Wiederaufbau der landwirtschaftliehen Siedlungen . -£ 65 000 Wiederaufbau von Safed ..... 000 25 ״ Wiederaufbau von Jerusalem und Haifa 50000 ״ £ 140 000 140000 323 300 Kleine Nachrichten ־ Nach einem Bericht des landwirtschaftlichen Departments der Palästina-Regierung sind dieErntcaussichten infolge der sehr guten Wetterverhältnisse in diesem Jahre sehr günstig. Die Kulturen haben sowohl Regen als Sonne in ausreichendem Maße erhalten. In der im Mecca Temple in New York abgehaltenen von mehreren tausend Personen besuchten Balfour-Gcdenkver- Sammlung wurde vom Präsidium mitgeteilt, daß die araerikanischen Zionisten beschlossen haben, 5000 Bäume im Baifour-Wald zu Palästina zu pflanzen. Die' Wahlen zur Asefat Haniwcharim, der offiziell anerkannten repräsentativen Körperschaft der palästinensischen Juden, werden gemäß Beschluß des vom Waad Lcumi cingesetzten Zcntralwahlkomitees im Juli d. Js. stattfinden. Zwei kommunistische Agitatoren, die in Haifa Proklamationen gegen die von der palästinensischen Judenheit beobachtete Bai?our-Trauer verteilten, wurden, der eine zu drei, der andere zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Abteilungsleiter im Kolonisations-Department der Exekutive der Jewish Agency in Jerusalem, Mr. Stern, und der Leiter der Instruktions-Abteilung des Departments, Mr. Zein ach, werden im Laufe der nächsten Monate in Osteuropa weilen, um dort den Stand der Chaluzim-Ausbildung zu studieren und eventuelle Verbesserungen im Hinblick auf die Bedürfnisse der landwirtschaftlichen Kolonisation in Palästina vorzuschlagen. Im Verlauf des Jahres 1929 haben sich 5002 Personen um die palästinensische Staatsbürgerschaft bcworben. In dem gleichen Jahre wurden 4051 Bürgerschafts- Zertifikate erteilt. Presseschan M. N^u stadt, der in deutschen Poale-Zion-Kreisen wohlbekannte Leiter der Kapaj-Nachrichten in Palästina, äußert sieh im ״Jüd. Arbeiter“ (Wien) zur jüdisch-arabischen Frage und schreibt dazu, nach Hinweis auf die Notwendigkeit der Erweckung der arabischen Volksmassen gegen die jetzigen reaktionären Führer, u. a. folgendes: ״....Uns interessiert in diesem Zusammenhang nicht die Frage des Parlamentes, wenn wir auch nicht der Meinung sind, daß zionistische Treue im täglichen hysterischen Geschrei gegen das Parlament zum Ausdruck kommen muß. Wir müssen — und das ist das Grundproblem — einen Vorschlag zur Schaffung eines konstitutionellen Regtmes im Lande machen. Es ist unmöglich, daß wir jahrelang die Tatsache ertragen, daß die ganze Regierungsgewalt im Lande in den Händen der englischen Beamtenschaft vereinigt sei, und die Bevölkerung rechtlos bleibe. Mag die Reform nicht in der Schaffung eines Parlamentes bestehen. Aber irgendein Forum, das die Teilnahme des Volkes an der Regierung ermöglicht, den Volkswillen zum Ausdruck bringt, muß gefordert werden. Wie wollen wir denn anders den Prozeß der politischen Klassendifferenzierung und -erziehung der arabisehen Gesellschaft ermöglichen?“ Zionistischer Bücherbund. Als zweiter Band der Jahresreihe des ״Zionistischen Bücher-Bundes“ erscheint in diesen Tagen ״Die jüdische Legion im Weltkriege“ von Wladimir Jabotinsky. ln diesem Buche schildert der Schöpfer der jüdischen Legion seine politischen Bemühungen zu Anfang des Weltkrieges, die nach Ueberwindung vieler Widerstände schließlich zur Bildung der jüdischen Legion geführt haben. Eine Reihe von wichtigen politischen Personlichkeiten, Juden und Nichtjuden, werden in ihrem Verhältnis zur zionistischen Sache dargestellt. Jabotinsky selbst war bei der Aufstellung der ersten Bataillone in London beteiligt und hat dann die Reise an die Palästina-Front mitgemacht. In tagebuchartigen Aufzeichnungen gibt er seine Erinnerungen an diese Zeit wieder. Das Buch, das im russischen Original und in anderen Sprachen bereits großes Aufsehen erregt hat, enthält auch eine Anzahl Bildbeigaben. Die Ausstattung ist die gleiche wie die des ersten Bandes des ״Zionistischen Bücher-Bundes: A. D. Gordon, ״Erlösung durch Arbeit“. Der Z. B. B. liefert jährlich vier Bände gegen einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von 18 M. ausschließlich Porto; außerdem werden den Mitgliedern eine Reihe von anderen Vorteilen geboten. Prospekte auf Wunsch beim Jüdischen Verlag, Berlin W 50, Budapester Str, 11. Ausstellung von Kinderzeldranngen Von Rahcl Wischnitzer-Bernstein. Es ist dem Erwachsenen immer eine Ueberraschung, wenn er das Verhältnis des Kindes zur Kunst beobachtet. Die Intensität des Verhältnisses ist ihm unbegreiflich, denn das Kind ist triebhaft, 1ms aber erscheint die Kunstbetätigung als Ergebnis der Veredelung, der Verfeinerung, der Sublimierung der Triebe. Freud selbst sagt, daß die Intensität des Lustgefühls aus der Befriedigung dieses veredelten Triebes nur eine gedämpfte ist. (Das Unbehagen in der Kultur, 1930.) Wann hatte das Kind nun Zeit, seine Triebe zu sublimieren, woher die Fähigkeit dazu und, wenn es nur sublimierte Triebe sind, denen das Kunstschaffen des Kindes entspringt, woher die erstaunliche Intensität Ihrer Aeußerung? Diese Fragen drängen sich einem mehr oder weniger bewtißt bei der Betrachtung künstlerischer Arbeiten von Kindern auf. Vielleicht ist es so, daß das Kind durch das Kunstschaffen bei den Erwachsenen zur Geltung zu gelangen sucht (sein Wachstum wird von dem Wunsche dauernd begleitet, nun endlieh einmal groß zu sein), zur Geltung, die ihm jede andere, Technik und Zweckdienlichkeit voraussetzende Arbeit versagen müßte. Hier findet cs das einzige Gebiet menschlicher Betätigung, wo Selbstausdruck die Hauptsache ist, wo der Geschmack am Manuellen dem Siegeszug der Maschine zu widerstehen vermag. Die Kinder wissen cs sehr genau, wann ihre Leistung mit Herablassung gelobt und wann sie mit offener Bewundcrung gewürdigt wird. Eine Ausstellung ihrer Kunst bedeutet ihnen eine Vcrbriefung ihrer Gleichstellung mit den Genossen. Wenn ich mich hier zum Anwalt dieser Menschenklasse aufwerfe, die doch nur eine Schulklasse ist, so tue ich das nicht aas Snobismus und Blasiertheit der Kunst der Erwachsenen gegenüber und auch nicht um der Eitelkeit der jugendlichen Exponenten willen, die unter der Leitung von Adele Reifenberg so Erstaunliches leisten, sondern weil die Schule, deren Aus- Stellung nur ein sichtbareres Zeichen ihres Dienstes am Kinde ist, eine Schule ist, die unsere Oeffentlichkeit angeht. Acht Jahre bereits besteht die Jüdische Schule in d e r F a s a n e n s t r a ß e. Sie ist eine Gründung des Jüdischen Sclmlvereins. Es ist eine jüdisch-paritätische Schule. Die Kinder werden da, ohne im Sinne einer Partei oder einer religiösen Richtung zurechtgebogen zu werden, im jüdischen Geiste erzogen. Vielleicht wird es dieser Schule gelingen, den Gedanken zu verwirklichen, daß Judentum zunächst Gemeinschaftsbewußt־ sein bedeutet. E>it: modernen Pädagogen sind nicht mehr restlos von der alle Gegensätze auszuglachenden Schule für die Kleinen eingenommen, denn gerade die empfindlichsten bleiben zu oft dabei unberücksichtigt. Die eine oder die andere Familie hat den Wunsch, ihr Kind, bevor es in den allgemeinen Schmelztigel der staatlichen Bildungsanstalten kommt, in einer möglichst kongenialen, von Konflikten wenig beschwerten Umgebung zu behalten. Nun hat der Jüdische Schulverein natürlich nicht die Mittel, eine für die jüdische Allgemeinheit so wichtige Schule — der starke Andrang dieses Jahres ist ein Beweis dafür, daß sie wichtig ist —, würdig auszugestalten. Sie hat keine geeigneten Räumlichkeiten, kein den modernen Anforderungen entsprechendes Kiassemnobiliar, keine Turngelegenheit. Das ist all« sehr schlimm. Wenn die Elternschaft trotz dieser Mißstände sich entschließt, die Kinder dieser Schule anzuvertrauen, so spricht das für sie deutlich genug. Man braucht sie. Durch Eingliederung in die Zahl ihrer gemeinnützigen Einrichtungen, durch mustergültige Ausgestaltung dieser Bildungsstätte würtie die Berliner jüdische Gemeinde, die ihre Aufgaben schon lange nicht mehr im engen Rahmen einer bloß religiös־ charitativeü Einrichtung auffaßt, eine Tat vollbringen, die dem Ansehen jüdischer Kulturarbeit in Berlin stark zugute kommen würde. Der Makkabäerstaat Vortrag Prof. Täubler. Im Rahmen der von der Berliner Jüdischen Gem e i n d e veranstalteten religiösen Sonntagsvorträge sprach am 6. April Prof. Dr. Täubler, Heidelberg, über die ״Entstehung des Makkabäerstaates“. Prof. Täubler versuchte in seinem Vortrage, über das geschichtliche Tatsachenmaterial hinaus Motiv, Form und Wesen des makkabäischen Staates in ihrer Bedeutung für die Gesamtgestaltung des jüdischen Schicksals darzustellen; zugleich zog er eine Reihe instruktiver Parallelen zu der jüdischen Entwicklung unserer eigenen Tage. Er betonte, daß auch zur Zeit der Makkabäer das Judentum die Bedingungen und Formen seines Daseins aus einer Epoche weitpolitischer Umgestaltungen heraus neu gestalten mußte. Nach einer kurzen Darstellung der Vorgeschiche seit der Zerstörung der beiden palästinensischen Reiche schilderte der Referent die Rückkehr unter Cyrus. Das Volk erstand neu, aber nur als ein Tempelvolk. Auch die Zeit Alexanders des Großen brachte noch keine nationalpotitische Auferstehung. Man lebte vom Glauben an das Wunder. In Jerusalem herrschte die Priesterkaste mit dem Hohen Priester an der Spitze, dessen halb autonome Stellung etwa der des heutigen Großmufti von Jerusaiem entsprechen mochte. In der Zwischenzeit war aber die große jüdische Gemeinde von Alexandria, dem New York des Altertums, entstanden. Dort begann eine innere Umwandlung; aus dem biblischen Juden wurde der Angehörige der hellenistisehen Weltkultur. Nun kam Palästina von Aegypten, zu dem es bisher gehört hatte, an Syrien. Die vornehmen Familien des Landes, auch der Hohe Priester, waren mit Aegypten verbun* den. Für rücksichtslose Streber war jetzt Gelegenheit, um mit syrischer Hilfe emporzukommen. Unter Antiochus Epiphanes kam es zu einer Rebellion mit der Folge der Konfiskation der Tempelschätze. Erst später greift der König wirklich den Tempel und den Gottesdienst an. Das bringt dem lange erschlafften Volk die Kraft zur politischen Tat. Die Syrer wollten das Volk von der Priesterherrschaft zur Freiheit der sich selbst verwaltenden Bürgergemeinde hinführen. Aber das Recht am griechisehen Zeus wurde zum Unrecht an dem den Griechen in seinem ethischen Spiritualismus unbekannten Gott von Jerusalem. Es kam zum Kampf, und der Gott von Zion siegte. Dieser Sieg ist ein ewiges Symbol; er ist das Symbol der Treue zu sich selber. Nach außen hin begann jetzt der staatliche Kampf gegen Syrien. Im Innern aber hob bei den Juden jener Kampf an, der nie zu beenden ist, nämlich die Spannung und Auseinandersetzung zwischen dem Eigenen und dem AIIgemein-Menschliehen. Bald kam es auch zu Gegensätzen innerhalb der Sieger. Die nur Frommen waren befriedigt, nachdem Tempel und Kult verteidigt waren. Juda Makkabi dagegen erstrebte politische Sicherheit und darum suchte er schon damals Freundschaft mit Rom. Im weiteren Verlaufe der Entwicklung gelang die Gründüng des Staates, der aber von Anfang an den Todeskeira in sich trug. Der Staat hatte nicht die dem Wesen des Volkes entsprechenden Formen. Im Verlaufe der syrischen Wirren hatte man die Souveränität erlangt. Allmählich trat eine Verabsolutierung des Fürstentums ein, es wurde zum Königtum, das Angllichung kn die Reiche der Welt erstrebte. Die Masse des Voltes entfernte sich dadurch von ihm, da das Volk im Fürsten in erster Linie den Hohen Priester sah. So erschienen vor Pompcjus neben den Abgesandten des Fürsten auch Botschafter des pharisäischen Volkes mit der Bitte um römische Herrschaft. Erst 130 Jahre später kam der Zusammenbruch; der Staat versank in den Spalt zwischen Königtum und Priestertum. Audi der Tempel ging unter; allerdings war das blutige Opfer schon seit langem geistig überwunden. Jetzt konnte sich das Judentum frei entwickeln, nachdem es von den Formen des Tempels losgelöst war. Es begann die Europäisierung des Judentums. Formen und Inhalte können wechseln, aber die Träger des eschichtlichen Lebens bleiben bestehen, wenn sie sich nur selbst ie Treue halten. Aus den Tugenden und Lastern dieser Vergangenheit kann die Prognose für Gegenwart und Zukunft gestellt werden. Sie lautet auf die Erhaltung des schöpferischen Judentums durch die Herstellung der natürlichen Einheit der jüdischen geschichtlichen Entwicklung. ז . Siegfried Gillis. im April dieses Jahres feiert der jüdische Maler und Graphiker Siegfried Gillis sein Berufsjubiläum als bildender Künstler. Neben zahlreichen Porträts hervorragen־ der Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens schuf er bedeutende Genrebilder weltlichen Inhalts. Bemerkenswert sind seine Fedcrzeichnungcn und Gemälde aus dem traditionellen^ jüdischen Leben. Ucbcr die Eigenart seiner Kunst ist ja bereits in verschiedencn Abhandlungen, so anläßlich eitriger Ausstellungen im Juni 1926 und 1927 ausiühriich berichtet worden. Es sei jedoch noch besonders bervorgehoben, daß er zu den wenigen Künstlern gehört, deren Arbeiten ohne viel Reklame einen bcachtenswerten Rang einnehmen. Seine stärksten Schöpfungen, die seine persönliche Note in der Feinfühligkeit der Empfindung und dem Strebet! nach seelischem Ausdruck, sowie die Kraft seines Religiösen Gefühls veranschaulichen, sind: ״Zwiespalt“, ״Rabbi sagt...“ und ״eine schwierige Talmudstclie...“ weit über Deutschlands Grenzen hinaus haben Werke von Siegfried Gillis ihren Weg gemacht. Trotzdem er unter den Künstlern zu den schwer Ringenden zählt, zeigt er sich stets hiflsbereit. So wünschen wir alle, die ihn kennen, daß ihm bald der Erfolg beschieden sein wird, der ihm gebührt. Karlheinz A r e n z. Briefe an die Redaktion Wie alle Völker? Müncheberg, den 2. April 1930. An die Redaktion der Jüdischen Rundschau Berlin. Sehr geehrte Redaktion I Nachdem ich mit steigendem Erstaunen den Artikel ״Wie alle Völker? Ja, wie alle Völker!“ von Sch. Gorelik zu Ende gelesen habe, bin ich zu der Meinung gekommen, daß er nicht ohne Erwiderung bleiben kann. Mein Protest geht gegen Sätze wie: ״Jdelsohn hätte Dr. Magnes beim Lösen der Frage ob er noch Zionist sei die nötige Hilfe geleistet“, denn das kann doch wohl nur heißen, man müßte es auch heute tun; oder ״Für den größten Teil der Zionisten ist nicht ersichtlich, warum Dr. Magnes noch Zionist ist.“ Man mag noch so sehr bejahen: ״Wie alle Völker!“ — es sollte doch nicht gerade unser Ehrgeiz sein, Methoden der Abgrenzung gegen andersdenkende Volksgenossen, die bei andern Völkern beliebt sind, der Abgrenzung dadurch, daß man dem Anderen einfach die Zugehörigkeit abspricht, für uns ״fruchtbar“ zu machen. Es gibt nun einmal verschiedene Denkmöglichkeiten innerhalb unseres ״Volkes im Zustand der potentiellen Energie“, wie es der Zionismus darstellt; und obwohl ich z. B. einen Vorkämpfer des Revisionismus genau so als schädlich empfinde wie manche Zionisten Dr. Magnes, kann ich einem Revisionisten doch nicht die Zugehörigkeit zum Zionismus absprechen. Und ob man es heute noch verzeihen darf, wenn jemand, der es besser wissen muß, schreibt, daß Palästina ״Millionen von Juden aufnehmen wird und muß“? Wie kann man sich und die Welt so täuschen, wie kann man es wagen, Dinge die geschehen müssen, zu verschieben, bis wir die ״Mehrheit“ im Land5 sein werden? Ja, ich meine unter vielen, vielen Dingen das verrufene Wort ״Parlament“. Wenn Zionismus ist, den Kopf in den Sand stecken und sagen: Ich will doch aber, daß es so sein soll, — dann vielleicht bin ich kein Zionist. Noch aber bin ich einer und wohl auch Dr. Magnes, und wir arbeiten weiter, und darum möchte ich sagen: wenn schon ,,Wie alle Völker“ — cs gibt wichtigere Aufgaben zur Normalisierung unseres Leben, wichtigere Errungenschaften, die uns noch fehlen, als die nationale Ausschließung Andersdenkender. Clianan Oppenheimer. * Gieiwitz, 4. April 1930. Sehr geehrte Redaktion, Es mag als Wagnis erscheinen, wenn ich als Unbekannter es unternehme, gegen den berühmten Autor Gorelik zu polemisieren. Ja, wir sind wie alle Völker und sind es dennoch nicht. Ato wchartonu ist kein ״Kult“, sondern der Glaube eines jeden Volkes, das eine Bedeutung in der Weltgeschichte hat oder hatte. ״Wir sind auserwähit“ kann bei uns Juden nur bcdeuten, daß wir unserer Geschichte und Veranlagung nach bcrufen sind, an der Ueberwindung der Materie zugunsten des Geistes zu arbeiten. Das von Gorelik angeführte Gleichnis gibt den Sachverhalt nicht treffend wieder. Aus welchem Grunde darf ein Idealist nicht seine Rechte wahren? Der gefoppte Idealist hätte ant« Worten müssen: ״Jawohl, ich bin ein Idealist, aber ich habe dennoch ein Recht, zu leben. Gerade weil ich Idealist bin, stelle ich mich mit um so größerem Rechte dem Unrecht entgegen.“ Es müßte sehr traurig um den Zionismus bestellt sein, wenn, wie Gorelik meint, die Verneigung vor den kulturellen Plänen den Anschein, erwecken könnte, als wolle man dem Zionismus ״das Genick brechen“, ln Wahrheit macht die Besinnung auf das Geistige den Zionismus erst zu einer hehren jüdischen Idee. Erst das Ziel, jüdische Kultur — wie immer man sie auch auf fasse — zu erhalten, kann dem Zionismus seine innere Berechtigung verleihen. Keineswegs aber kann die jüdische Not — seelisch und körperlich als Antisemitismus und materiell als soziale Not — das Aufbauwerk des Zionismus rechtfertigen Auch ohne Antisemitismus muß es einen Zionismus geben. Wäre wirklich die Judenfrage in dem Problem des Judenhasses erschöpft, dann gäbe es nur eine Lösung: möglichst schnelle und restlose Assimilation, denn nach dieser Voraussetzung hätte es keinen Sinn mehr, die Juden als solche zu erhalten. Und die soziale Frage kann schon deshalb nicht d i e Judenfrage sein, weil nur ein Teil der Juden von ihr betroffen ist. Soziale Not gibt es in jedem Volke, ohne daß sie darum die Lebensfrage dieses Volkes ist. Es besteht gewiß die Pflicht, hier helfend und lindernd einzugreifen, aber es Wäre falsch, wem! man in dieser Frage das Judenproblem sehen wollte. Sinn und Berechtigung für die Erhaltung der Judenheit — Juden sind wir nur, soweit wir Träger des Judentums sind, denn lediglich das Judentum (wie immer aufgefaßt) gibt uns den Stempel der jüdischen Eigenart — ich meine, Sinn und Berechtigung für die Erhaltung der Judenheit kann also nur von jüdischen Werten ausgehen. Dabei ist es gleichgültig, ob man diese Werte als religiös, national, soz.ial oder ethisch aufflßt, die Summe sämtlicher Regungen der jüdischen Seele