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Jüdische Rundschau · 1930-04-08 · Heft 28 (8.4.1930) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 28 (8.4.1930)
Date
1930-04-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 186 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 28, 8. IV. 1830 t et als H arry Sn eil, der praktische Idealist. Er ist der Sohn eines Landarbeiters und war selbst Bauernknecht, bis ihm ein Stipendium das Studium an der Londoner Schule für Wirtschafts- Wissenschaft ermöglichte. Uebcr die Aufgaben eines Parlamentsmitgliedcs sagte er einmal: ״Wenn ein Mann seine besten Gaben in das Unterhaus mitbringt und alles was selbstsüchtig und mißgünstig ist, draußen läßt, dann kann er an diesem Platz bessere Dienste leisten als irgendwo sonst in der Welt.“ Diese seine Haltung — so schreibt ״Daily Heraki“ — hat auch die Art seiner Beteiligung an der Palästinakommission bestimmt. Die Antwort der Araber Die in London weilende p a I ä s t i n e 11 s i s c h ־ a r a b i ־ sehe Delegation ließ, wie schon kurz gemeldet, dem Büro Reuter eine Mitteilung zugehen, daß die Delegation den Bericht der Snaw-Kommission sorgfältig studiert hat und zu dem Schluß gekommen ist, daß das Dokument eine faire Schilderung der Lage gibt. Die Delegation erhebt aber Einwendung gegen die Art, wie die Kommission die Tote Meer-Konzession behandelt. Die Araber seien in dem Bericht sehr fair behandelt worden, insofern man sic von jeder Verantwortlichkeit für die Unruhen freispricht; die arabischen Führer können aber nicht den Tadel auf sich sitzen lassen, daß sie durch Informierung des Volkes über ihre Besdnverden die zu den Unruhen führende Erregung geschaffen haben. Nach Ansicht der Delegation sei es Pflicht der politischen und religiösen Führer, ihren Standpunkt vor dem Volke darzulegen. Im übrigen ist das Dokument als Ganzes von historischer Bedeutung für Palästina. Von Herrn Snell behauptet die Delegation, daß er schon vor seiner Berufung in die Kommission prozionistisch gesinnt war. Die Delegation begrüßt die Vorschläge betreffend das Boden- und das Einwanderungsproblem und spricht den Wunsch aus, daß diese von der Kommission empfohlene Politik in präzisen gesetzlichen Bestimmungen Ausdruck findet. ״Daily Heraki“ erfährt, daß die arabische Delegation ihre Beschwerden und Vorschläge in einem Memorandum zusammenfassen und der Regierung unterbreiten wird. Das Organ der Arabischen Exekutive ״Felestin“ sieht in dem Bericht der Shaw-Kommission einen Sieg der Araber. Die Kommission, erklärt das Blatt, sagt genau das was ihr die arabischen Anwälte während det Untersuchung gesagt haben. * Die arabische Delegation wurde am 1. d. M. vom Premierminister Ramsay Macdonald und dem Kolonialminister Lord Passfield empfangen. Auch Dschemal Effendi el Hussein'!, der seit einigen Monaten in London weilt, war zugegen. Der Sekretär der arabischen Delegation gab im Namen des Großmufti eine Mitteilung an die Presse, in der es heißt: Beide Parteien waren sehr erfreut, miteinander zusammengekommen zu sein; man plauderte fast zwei Stunden lang allgemein über die Lage. Wir sind nicht in der Lage, irgendein Statement über die Verhandlungen herauszugeben, weil es sich um eine allgemeine Zusammenkunft handelte. Es ist wahrscheinlich, daß weitere Zusammenkünfte folgen werden. Die arabische Delegation, heißt cs in der Mitteilung weiter, sei jetzt damit beschäftigt, den soeben herausgegebenen Bericht der Palästina- Kommission gründlich durchzunehmen; sie wird in diesen Tagen einige Erklärungen zu dem Bericht herausgeben. Der Mufti von Jerusalem wird am 10. d. M. im Unterhaus in einer Versammlung sprechen, die das proarabische parlamentarische Komitee veranstaltet hat. Zum erstenmal — so heißt es in der Ankündigung — wird dieses Komitee seine'Auffassung der Palästina Sache vor einem Auditorium von Abgeordneten vertreten. Clemenceans spricht Das Buch des Sekretärs Clemenceaus Jean Märtet, das den Titel führt ״CI eine nee au spricht“ (Verlag Ernst Rowohlt, Berlin) ist ein merkwürdiges Denkmal. Hier wird ein großer Mann der Geschichte nicht in einer Biographie vorgeführt, sondern gewissermaßen im Tonfilm, als Sprechender, aber ganz untheatralisch, im täglichen leben. Die Gespräche (aus den Jahren 1927 und 1928) sind nicht systematisch aufgebaut, auch vom Herausgeber nicht im Sinne thematischer ■Straffheit bearbeitet; der Alte spricht einfach, wie man so spricht, vom Hundertsten ins Tausendste, mit eigentümlichem Charme, mit dem Trotz des eisernen Rationalisten, über politische und alltägliche Gegenstände, über Länder, Menschen, Werke, Geschichte, Literatur, Kunst, Frauen — hier ist nicht der Ort, den Reichtum dieses faszinierenden Sprechens widerzuspiegeln. Für unsere Leser ist von besonderem Interesse, daß CIcmcnceau auch über Juden spricht. So z. B. äußert er sich einmal über die Drcyfus-Affäre, wobei er darauf hinweist, daß die Figur des Hauptmanns Dreyfus selbst in diesem Kampf gegen die durch Staatsräson geheiligte Lüge' schließlieh bedeutungslos war. Seine Stellung zu Juden ist nicht einheitlich und naturgemäß von seinen politischen Ansichten bcdingt. Zwei dieser Aeußerungen seien hier zitiert: Am 26. Februar 1928 sagt er zu Märtet: .Zurzeit schwanke ich zwischen dem Wunsch leben zu bleiben, um den Ozean zu betrachten, und dem Wunsch zu sterben, um Leon Blum nicht mehr sehen zu müssen. M.: Da bleiben Sie lieber am Leben. CI.: Das tue ich aus Instinkt. Wer hat bloß den Leon Blum erfunden, Märtet? M.: Der Gott der Juden. CI.: Seltsame Erscheinung! Man muß an die Isis- oder Mithra-Religionen denken, die allmählich in die römische Gesellschaff cindrangen und sie zersetzten. . . .“ Am 6. Juli 1928 kommt das Gespräch wieder auf Juden. Märtet berichtet: Clemen e c au: ״. . . A propos Israel, mich hat Edinond von Rothschild besucht. Er ist noch gut auf den Beinen . . . Edmond von Rothschild ist unter den Juden ein guter Jude. Er blieb eine Weile hier und hat mir Sachen gesagt, die recht verständig waren, und das ist selten von seiten einer Geldmacht . . . Sachen, in denen, möchte man sagen, etwas Vornchmes war. Edmond von Rothschild vermeidet nicht systemafisch die Ideen. Die dreißig Millionen, die er für Laboraforien gegeben hat . . . ganz hübsch, finden Sie nicht? Er ist Jude! Und er ist gern Jude! Einmal habe ich schlecht von den Juden gesprochen, da ist er aufgestanden und hat auf den Tisch geschlagen . . . ja, Märtet, und hat gesagt: ,Herr CIcmcnceau, das jüdische Volk ist das größte der Welt!‘ Und dann fing er an von seinem Judas Makkabäus . . .Das habe ich ganz gern, man soll sich nicht schämen zu sein, was mau ist; das sf die einzige Art, es anständig zu sein.“ Das ist eine gute Lehre des toten Tigers, und zugleich die!reffende Charakteristik eines großen Juden, des ״Vaters“ des neuen Jischuw in Erez-Israel. Die Dreyfus-Affäre. Das in den nächsten Tagen im Verläge Dr. Walther Rothschild, Berlin-Grunewald, erscheinende, reich bebilderte Buch von Dr. Bruno Weil rollt neben einer faszinierenden Darstellung des gesamten Dreyfus-Falles die Frage der politischen Zusammenhänge auf Grund des ganzen bisher zugänglichen Aktemnaterials' und des jetzt erst bekannt gewordenen Briefwechsels Schwarzkoppen-Münster erneut auf. Die Berliner Balfour - Gedenkfeier Die Zionistische Vereinigung für Deutschland veranstaltete gemeinsam mit der Berliner Zionistischen Vereinigung am 2. April eine Gedenkfeier anläßlich des Todes von Lord Baitour, die im Bachsaal stattfand und einen eindrucksvollen Verlauf n^hm. Nach einem Vorspiel des Kammerorchesters Michael Taube (Traucrsynfonic von P. Locatelli) eröftnete Dr. Alfred Klee die Veranstaltung, der u. a. ausführte: Wir Juden sind ein Volk des Gedenkens, das hellenische Ideal des Vergessens ist nicht das unsrige. So gedenken wir mit innigem Dank des großen Staatsmannes, der In seiner Jugend durcli die jüdische Bibel entscheidende Bildungselemente etnpfangen hat. Bis an sein Lebensende war ihm die Bibel eine lebendige Quelle der Anregung für sein persönliches Leben, trotz seines philosophischen Skeptizismus. Als Balfour 1878 mit seinem Onkel am Berliner Kongreß teilnahm, hörte er dort wohl zmn ersten Male von der Judenfrage. Wenn sich auch sein politisches Interesse später verstärkte, blieb er doch ein musischer Mensch, auch in der Zeit, als er Premierminister war. Wahre Leidenschaft in der Politik ergrift ihn nur dann, wenn es um ganz Großes ging. Dieser Mann setzte sich für die Sache der jüdischen Wiedergeburt mit seiner ganzen staatsmännischen Leidenschaft ein. Wir Juden denken an Ahaschvverosch, der uns gegenüber gerecht sein wollte. Wir denken an Cvrus, der uns einst die Heimkehr ermöglichte. So wird Lord Balfour im jüdisehen Volke unvergessen bleiben. Er hat sich bemüht, dem Volke der großen Vergangenheit eine große Zukunft zu schäften. Das Volk der Erinnerung wird ihn nicht vergessen! Dr. Oskar Wolfsberg sprach hierauf etwa folgendes: Balfour war Politiker und Denker. Sein״ Persönlichkeit eribt sich aus der glücklichen Zusammenfiib. ng dieser beiden lemente. Balfour war ein Mann tiefer und vielseitiger Bildung, eines guten Humorä als des großen Lebensgefühls, ein wahrer Aristokrat. Davon war auch seine politische Tätigkeit durchtränkt. Der Philosoph der Skepsis war zugleich ein ganz gläubiger Mensch. Skeptiker war er im erkenntnistheoretischen Sinne. Wenn aber im Menschen etwas zur Tat drängt, dann wird die Skepsis zur Basis eines Geschehens, das von Glauben erfüllt ist. Balfour besaß eine außerordentliche Einfühlungfähigkeit. So konnte er auch das ihm beinahe unbekannte |iidische Volk verstehen und lieben. Seine scheinbare Gleichgültigkeit auBpolitischem Gebiete ermöglichte es ihm, die Erfahrungen zu sammeln, die ihn später zum Führer machten. So hat er auch die Bedeutung des Nationalen in Beziehung aut das Allmenschliehe erkannt, und er wußte, daß die nationale Wiederautrichtung des jüdischen Volkes Vorbedingung ist für unsere Anteil am Menschheitsgeschehen. Wir Juden fassen die Menschheit als eine Einheit im Hinblick auf die Ewigkeit auf. Die Ewigkeit aber ist die Welt der Wirklichkeit, von der wir nur ein Schatten sind. Bei den großen Trägere der Geschichte offenbart sich die Wirklichkeit und tritt gleichsam in unser Leben ein. Eine solche Figur war Balfour. — Nirgends ist sein Name so populär wie im jüdischen Osten, wo ihn das Volk mit rechtem Instinkt liebt. Die Dankbarkeit gegenüber Balfour können wir nur so erfüllen, daß wir seinen Traum durch unserer Hände Arbeit zur Wirklichkeit werden lassen. Als letzter Redner ergriff Kurt Blumenfeld das Wort zu folgenden Ausführungen: Die Balfour - Deklaration ist keine Begründung unserer Rechte auf Palästina, sondern nur ihre Bestätigung. Sic war möglich, weil eine Bewegung bestand, die eine öffentlich-rechtliehe Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk erstrebte, und weil die Judenfrage existierte. Trotzdem war der Mann notwendig, der uns die Deklaration gab. War Balfour ein Schwär- Hier, oder verstand er, worum es sich handelte? Kannte er die Schwierigkeiten bei der Verwirklichung? — Bei aller Glaubenfähigkeit war Balfour ein nüchterner Mensch. Der gepflegte besonnene Mensch entschloß sich zu dieser ungewöhnlichen Tat, obwohl er um ihre Schwierigkeiten wußte. Kurz vor seinem Tode noch dachte er daran, im Oberhaus für den Zionismus bei der Beratung des Berichtes der Palästina-Kommission zu sprechen. Seine letzte Botschaft an das A.-C. war, daß er auf die Kraft des jüdischen Volkes vertraue und hoffe, daß dieses Vertrauen nicht getäuscht werde. Er wußte, daß man dem jüdisehen Volke kein Land schenken kann, sondern mir die Möglichkcit zum Erwerb des Landes. Wir wissen, daß die Balfour-Deldaration erforderlich war, und daß wir ohne sie die Verwirklichung unserer Idee nicht hätten in Angriff nehmen können. Wir müssen die Deklaration daher stets erhalten. Wir sind überzeugt vom Recht des jüdischen Volkes auf sein Land als heiligem und notwendigem Lebensrecht. Völker überwinden Schwierigkeiten durch schrankcnlose Hingabe aller ihrer Kräfte! Durch nüchterne Ausrechnung erreicht kein Volk sein Ziel, sondern nur durch den dementaren Drang, der in ihm lebt. Alle Argumente sind gut für das Nachdenken der Zionisten; die Bewegung wird durch sie nicht bewiesen, da sie in ihren Quellen unbeweisbar ist. Die Frage nach der Fassungskraft des Landes kann nur so beantwortet werden, daß der Begriff der Uebcrvölkerung ein höchst problematischer ist. Es kommt stets auf die wirtschaftlichen Verhältnisse in einem Lande an. Unsere Aufgabe ist es, das Land fortschrittlich zu entwickeln. Allein im Pflanzungsbau können über 50 000 Familien angesiedelt werden. Nur wir haben die Möglichkeit, das Land zu entwickeln. Darin liegt neben dem historischen Recht unser Anspruch begründet. In unserer Hand liegt es, die Grenzen des Landes zu dehnen. Verwirklichung der Balfour-Deklaration heißt, Erez-Is• rael größer zu machen. In dem kleinen Lande Palästina waren die Juden einst ein großes Volk. Der Balfour-Deklaration kann nur der sinnvoll gedenken, der wünscht, daß die Juden in Palästina wieder zu einem großen Volke werden. Nachdem das Kammerorchester Michael Taube noch das Largo aus dem Violinkonzert A-moli von A. Rivaldi (Solistin; Anita Sujowolskv) und das Air aus dem Concerto grosso Dmol! von Händel zu Gehör gebracht hatte, fand die würdige Feier ihren Abschluß. L. Oie gefährlichen Fest-Wochen Regierung fordert Zurückhaltung Jerusalem, 3. April. (I. T. A.) Die!Palästina-Regierung hat den Bericht der Shaw-Kommission ara 1. April inorgens veröffentlicht und Exemplare des Berichtes durch Acroplane im ganzen Lande verbreiten lassen. Auch den Oberhäupterii der verschiedenen Gemeinschaften wurde der Bericht durch Regierungsorgane zugestellt. Am 2- April lud der stellvertretende Chefsekretär der Palästina-Regierung die Redakteure der verschiedenen palästinensischen Zeitungen in sein Amtsbüro und richtete an sie die dringende Aufforderung, sich besonders jetzt, am Vorabend des moslemischen Nebi Musa- Festes, des jüdischen Peßach und der christlichen Ostern Zur ii ck haitu 11 g aufzuerlegen und sich einer gereizten Sprache zu enthalten. Den kommenden drei Wochen, sagte er, sieht die Regierung mit Besorgnis entgegen. Nicht etwa, daß die Regierung Unruhen befürchtet, aber da in vergangenen Jahren in dieser Zeit der religiösen Feste oftmals beklagenswerte Ereignisse eintraten, fühlt die Regierung die Verpflichtung, zu äußerster Vorsicht zu mahnen. Wiederaufbau Von Dr. Fritz Löwenstein, Jerusalem. Die Fragen, die mit der Hilfeleistung an die Opfer der Augustunruhen, mit dem Aufbau der zerstörten Siedlungen mul mit der Einführung geeigneter Sicherheitsmaßnahmen für die Zukunft verbunden sind, naben in der Diaspora nur ein sehr geringes Interesse gefunden und sogar in Palästina selbst kouzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf einige wenige Punkte, die einen prinzipielleren Charakter tragen. Das ist merkwürdig; denn die Hilfeleistung und die Wiedereinordnung von vielen tausenden palästinensischer Juden, die kolonisatorische Aufgabe des Wiederaufbaus und im allgemeinen die Verwendung eines Betrages von mehr als einer halben Million Pfund für Palästina — ein Betrag der einem normalem Jahresbudget des Keren Haiessod entspricht sind wichtig und intcressant.genug. Es gab eine Fülle schwieriger Fragen zu lösen. Die Sammlungen für den Hilfsfonds, obwohl größtenteils mit dem Apparat des Keren Hajessod durchgeführt, unterstanden besonderen Spender-Komitees in New York und London und diese Spender-Komitees übertrugen die Verwaltung des Fonds nicht der Palästina-Exekutive, sondern einem nur von ihnen abhängigen Dreier-Komitee, das aus den Herren Col. Kisch, Dr. Hexter und Ruthenberg besteht. Diese Frage bildete ja einen der Hauptbeschwerdepunkte gegen die amerikanischen nichtzionistischen Mitglieder in der Agency. Noch komplizierter ist das Problem der Verwendung der Gelder. Im Anfang gab man sich der Illusion hin, daß die Palästina-Regierung, deren mangelnde Voraussicht mitschuldig am Ausbruch der Unruhen war, in größtem Umfange Entschädigungen gewahren würde, so daß es möglich sein würde, die Gelder des Hilfsfonds großenteils den koustruktiven Aufgaben zuzuwenden, ln der Zwischenzeit ist klar geworden, daß davon keine Rede sein kann und daß die Ent- Schädigungen, die die Palästina-Regierung in kurzer Zeit zahlen wird, nur einen sehr kleinen Teil der wirklichen Verluste decken werden. Eine weitere Frage bezog sich darauf, wer als geschädigt anzusehen ist. Es erhob sich insbesondere das Problem der indirekten Schäden, etwa Wohltätigkeitsinstitutionen, die durch die Unruhen verhindert worden waren, die übliche Sammlung für ihre Institution durchzuführen. In diesem Zusammenhang müssen auch Keren Ha- Hilfsfonds schwer gelitten haben. *״Die Entscheidung des Komitees fiel gegen die indirekten Schäden, da man bcfürchtete, daß schließlich der ganze jischuw sich als indirekt geschädigt betrachten konnte. Was aber waren überhaupt die Aufgaben des Hilfsfonds? In den ersten Wochen mußte er die Erfordernisse des Augenbiieks befriedigen: den vielen Tausenden von Flüchtlingen Unterkunft, Nahrung, Kleidung und medizinische Hilfe gewähren, den Verwundeten und Kranken helfen, dann traten langsam die konstruktiveren Fragen in den Vordergrund, insbesondere die Zurückbringung der Flüchtlinge an ihre alten Wohnorte oder, wo dies wie etwa bei den Bewohnern Hebrons unmöglich war, die dauernde Einordnung an anderen Orten. Dieser Teil der Arbeit kann heute als nahezu abgeschlossen gelten- Unzweifelhaft war ferner, daß der Wiederaufbau der zerstörten Siedlungen in den Umkreis der Tätigkeit des Fonds fallen würde. Aber hier erhob sich eine der wichtigsteil und kompliziertesten Fragen des ganzen Komplexes. Bekanntlich sind durch die Zerstörungen so gut wie ausnahmslos wirtschaftlich schwache Siedlungspunkte getroffen worden. Von den fünf zerstörten judäischen Siedlungen (Ger Tuviah, Kfar Uriah, Artuf, Huldah und Moza) ist keine einzige als wirtschaftlich zukunftsreich zu bezeichnen, Ber Tuviah in einem gewissen Umfange vielleicht ausgenommen. Dasselbe gilt in noch höherem Maße von den kleinen, großenteils nicht einmal bekannten Siedlungspimkten wie Migdal Eder, En Setim, Kfar Etta. Und hier erhob sich die Frage, ob ohne Berücksichtigung der wirtschaftlichen Zukunft der Siedlungen sie wieder aufgebaut werden sollten, weil den Arabern gezeigt werden müsse, daß Juden ihre Position im Lande nicht aufgäben und wei! die Spender ihr Geld gegeben hätten, um den Wiederaufbau des Zerstörten zu ermöglichen. Diese Auffassung, die von einem großen Teil des Jischuw vertreten wurde, vermochte sich nicht durclizusetzcii und nach vielen Enqueten gelangte das Hilfs-Komitees zu einer Art Kompromiß. Es Beschloß, Kfar Uriah und Huldah nicht wieder aufzubauen, in Moza und Artuf den frühe• ren Siedlern die Rückkehr zu ermöglichen, wenn sie dies wünschen sollten, aber keine Vergrößerung und Verstärkerung dieser beiden Punkte durchzuführen, dagegen Ber Tuviah in größerem Umfange wieder aufzubauen. Die früheren Siedler dieses Ortes haben es vorgezogen, mit Hilfe des Fonds sich an anderen Stellen des Landes anzusiedeln, ihren Boden in Ber Tuviah haben sic durch Vermittlung des Hilfsfonds dem Keren Kajemeth übereignet und hier wird jetzt mit der Anlage eines Moschaw Owdim von 50 Familien begönnen werden. Die Siedler sind frühere Legionäre, denen bekanntlich die Ansiedlung schon sehr lange versprochen war. Auch die städtischen Probleme waren nicht leichter zu lösen. Wenig Schwierigkeiten bot Safed, wohin die nach dem Pogrom geflüchteten Juden sehr bald von selbst zurückgekehrt waren und wo mit einem Betrage von £ 25 000 ein kleines jüdisches Viertel und ein Handelszentrum nach dem Beispiel des Haifaer gebaut werden wird. Ist auch Safed heute keine wirtschaftlich florierende Stadt, so bietet es doch die Möglichkeit eines Ausbaus als Sommerkurort und aus diesem Grunde fiel die Entscheidung günstig für die Zukunft dieses Jischuw. Umgekehrt liegt es bei Hebron, das am schwersten getroffen wurde und wo ein Wiederaufbau allem Anschein nach nicht in Frage kommt. Die Hebroner jüdische Gemeinde lebte schon in den letzten Jahren unter sich immer mehr verschiechternden Verhältnissen und nur die vor einigen Jahren dorthin übersiedelte Slobodkaer Jeschiwah gab der Gemeinde einen gewissen Halt. Die Leitung der Jeschiwah hat nunmehr beschlossen, nicht nach Hebron zurückzukehren, sondern hat sich bereits in Jerusalem seßhaft gemacht, und dasselbe gilt vom größten Teile der Gemeinde, insbesondere von den jungeren und arbeitsfähigen Elementen. Ueber das Schicksal von 40 Familien, die wegen Alter oder Arbeitsunfähigkeit schwerer anzusiedeln sind, bleibt die Entscheidung noch offen. Es scheint jedenfalls, als wenn die Hebroner jüdische Gemeinde nicht wieder aus den Trümmern erstehen soll. Auch um Hebron hatte sich dieselbe Diskussion abgespielt, die wir oben bei den judäischen Kolonien näher gekennzeichnet hatten. Probleme anderer Art boten Jerusalem und Haifa, wo nur sehr wenig zerstört ist und wo die geflüchteten luden großenteils längst zurückgekehrt oder sich anderswo definitiv eingeordnet haben. Hier stand vor dem Hilfsfonds — nach der unmittelbaren Hilfsarbeit und nach dem Wiederaufbau des Zerstörten — das dritte Problem: die Verstärkung gefährdeter Positionen des Jischuw zwecks Verbinderung neuer Angriffe oder zwecks Ermöglichung besserer Verteidigung. ln Jerusalem gibt es im Süden, Westen und Nordwerten eine Reihe neuer jüdischer Stadtviertel, die isoliert sind. Das großzügigste Projekt sah vor, daß durch einen großen Bodenkauf das gesamte Terrain zwischen Betli Hakcrem im Nordwesten, Rechawiah im Westeil und Talpioth im Süden gekauft und bebaut werden sollte, wodurch ein jüdisches

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