Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 27 (4.4.1930)
- Date
- 1930-04-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 188 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 27, 4. VL 1930 ״Erlösung durch Arbeit" Anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Prager Konferenz, an der A. D. Gordon teilnahm und damit zum ersten Male in direkten Kontakt mit dem westjüdisehen Zionismus trat, veröffentlichen, wir die nachstehende Darstellung seiner Gedankenwelt, an der Hand der neuen deutschen Buchausgabe, fraglos einer der wichtigsten zionistischcn Publikationen des letzten Jahrzehnts. Als erster Band des Zionistischen Bücherbunds (Jüdischer Verlag, Berlin), ist ein Auswahlband aus den Schriften A. D. Gordons erschienen. Die Leitung des Zionistischen Bücherbunds ist zu dieser Wahl aufrichtig zu beglück wünschen. Oordons Lehre war bisher nur durch vereinzelte Aufsätze in deutscher Sprache bekannt geworden und in den anderen europäischen Sprachen überhaupt noch nicht. Hier wird der vorliegende Auswahlband Wandel schaffen. Er gibt ein Bild von A. D. Oordon als einem Philosophen der nationalen Bewegung, für den Nationalismus den Versuch bedeutet, ״seine Wesenheit zur Offenbarung bringen“. Nationale Bestrebungen sind ihm geistig kulturelle Bestrebungen, und darin ist er ein Schüler Athad Haams. Aber bei Achad Haatn hatten Geist und Kultur noch etwas Abstraktes an sich, sie bildeten eine Lebensfunktion neben anderen, einen Ueberbau über dem alltäglichen Leben, bei Oordon sind sie etwas ganz Konkretes, das das ganze Leben dürchdringt und sich in jeder seiner Aeußerungen, auch und gerade in der geringfügigsten und alltäglichsten manifestiert. Bedeutete für Achad Haam die Kultur, die er meinte und die für ihn das Wesen des Judentums und des Zionismus war, eine Geistesgemeinschaft, so bedeutete sie für Oordon eine Lebensgemeinschaft. Wie Achad Haam weiß auch Oordon, daß diese Erhöhung und geistige Erneuerung, die ihm Zionismus ist, nicht durch Massenaktionen, durch Politik oder Wirtschaft herbeigeführt werden kann, sondern daß sie Aufgabe jedes Einzelnen ist und in jedem Einzelnen anheben muß. Und in Uebereinstimmung mit Achad Haam weiß er, daß es hier nicht um etwas geht, das leicht oder schnell kommen könnte, um etwas, das nicht durch politische Aktionen oder pseudomessianische Erwartungen erleichtert, sondern durch sie nur gefährdet werden kann. Immer wieder betont er die Schwere der Aufgabe. ״Schwer ist der Weg der Wiedergeburt, sehr schwer.“ ״Das ist sehr schwer zu verwirklichen. Es ist ein Emporsteigen auf steilem, schwerem Wege.“ Und wie Achad Haam betont A. D. Oordon immer wieder, daß die Juden nicht so sind wie andere Völker, daß es nicht ihre Aufgabe ist, ein ״normales Leben“ zu führen. ״Man kann sagen, daß wir, die wir ein Leben verlangen, das unserem Geist entspricht, jenes Leben in seiner ganzen Tiefe nicht verstehen, daß wir nicht normal sind oder daß wir die Kraft jenes Lebens nicht verstehen, daß wir nicht begreifen, wie sehr e® mit dem allgemeinen Leben, mit dem Leben der übrigen Völker verknüpft ist. Doch wie dem auch sei, unsere Wege scheiden sich, und wer den einen geht, wird niemals den anderen gehen.“ ״Man wird sagen: ein solches Leben, wie ich es geschildert habe, ist vielleicht gut für Einzelne, doch nicht für die Allgemeinheit. Ja, n u r für Einzelne; denn den Grand für einen Bau können nur Einzelne legen. Sie werden, wenn ihrer auch wenige sind, das 1 Leben des Volkes retten und nicht jene, die auf dem Wege des ״Lebens“ gehen, so viele auch ihrer sein mögen. Und für sie, für diese wenigen, muß man die Wahrheit sagen; man muß sie früh sagen und in allen Zungen.“ So kehren bei Oordon die drei Orundlehren Achad Haams wieder: die Besonderheit des Judentums, das kein Volk ist wie die anderen Völker, sondern eine Gemeinschaft eigenen Geistes, die Wiedergeburt des Volkes, nicht als ein politisches oder wirtschaftliches, sondern als ein geistiges Phänomen der Erneuerung des Lebens, und der Ursprung dieser Wiederbelebung nicht von der Masse her, sondern in der Wiederbelebung des Herzens der Einzelnen, die die schwere Aufgabe nicht scheuen. Oordons Fortschritt über Achad Haam besteht in seiner neuen Auffassung des Geistes. Er wendet gegen den Kulturzionismus ein, daß dort der ״Geist eben nicht lebendig ist, er erfüllt und belebt nicht den Körper um! erhält aus dem Körper kein Leben, er ist abstrakt und seine Herrlichkeit existiert nur ira innersten Herzen und Hirn. Diese ganze Kultur ist eigentlich nichts als ein Komplex von Meinungen. Eine lebendige Kultur umfaßt das ganze Leben. Alles, was das Leben um des Lebens willen schafft, ist Kultur. Alles, was die Tuenden zur Zeit und außer der Zeit ihres Tuns fühlen, denken und erleben, und die Beziehungen, die aus alledem in Verbindung mit der in allen lebenden Natur entstehen, machen den Geist der Kultur aus“. Gordon geht es um eine Kultur des Lebens, um eine Philosophie des Lebens, aber auf der Grundlage der alten verjüngten jüdischen prophetischen Geistlichkeit. So schafft er eine Synthese zwischen Achad Haams abstrakter Geistigkeit und der gegen ihn ankämpfenden Anforderung der ״Jungen“, vor allem Berdyczewskis, nach der Unmittelbarkeit eines von aller Geistigkeit und aller Last der Tradition befreiten ״heidnischen“ Lebens. Aber in dieser Synthese steht er in der Linie Achad Haams. ״Unsere Kraft liegt im Geiste. Aber nicht in einem körperlosen Geist, sondern in wirkendem und schaffendem Lebensgeiste.“ Als das tragende Element der neuen konkreten Geistigkeit sieht Gordon die Arbeit an. Arbeit ist ihm keine Wirtschaftliehe Funktion, die Güterbeschaffung zum Zwecke hat. Sie ist das tragende Element des Menschenlebens, das durch sie erst in das wahre Verhältnis zur Natur, zu Mitmenschen, zum All und zur Ewigkeit gebracht wird. Als die wahre Arbeit erscheint ihm die Arbeit des Landmannes in der Natur. Wie der spätere Nathan Birnbaum verlangt auch Gordon eine Verländlichung der Judenheit. ״Arbeit in allen ihren Formen, doch vor allem und mehr als alles Landarbeit, Abkehr von jeglicher Ausbeutung der Arbeit anderer, wirtschaftliches Leben auf kooperativer Grundlage und inneres Leben auf der Grundlage des Geistes der Familie, das müssen wir auch in den Ländern der Diaspora verlangen.“ Wie Landauer sieht Gordon bei der Schwere der Aufgabe die Notwendigkeit und die Pflicht, hier und jetzt mit ihr zu beginnen. ״Beginnen wir es nach unseren Kräften zu lösen. Beginnen wir den neuen Geist za schaffen. Beginnen wir, und wir werden unseren Weg finden. Vielleicht können wir etwas tun, wo wir auch sein mögen.Wird doch alles, was es an Menschlichem im Leben der Menschheit gibt, in Wahrheit durch Einzelne geschaffen.“ Wie Achad Haam beruft sich Gordon auf die Propheten. In ihrem Geiste verkündet er seine Auffassung des Nationalismus. Das Ziel der nationalen Entwicklung ist ihm der ״Am- Adam“, das ״Mensch-Volk“, ein Volk, das weiß, ״daß, so wie der Einzelne ehrlich sein, in seinem Nebenmenschen den Bruder sehen und sich zu ihm brüderlich verhalten muß, auch das Volk verpflichtet ist, ehrlich zu sein im Verhältnis zu seinen Nachbar- Völkern, in ihnen Brüder zu sehen, sich zu ihnen brüderlich zu verhalten, und daß es so das gleiche Recht und die gleiche Verantwortung überall dort hat, wo sie der Einzelne hat. Dann wird das Volk und jeder denkende und fühlende Einzelne sehen, daß es für den Einzelnen unmöglich ist, Mensch zu sein, so lange sein Volk, der Schöpfer seines konkreten Lebens, ein Raubtier ist." Oordon lehnt so jeden Unterschied zwischen individueller und nationaler Moral ab, zwischen der Ethik des Einzellebens und den Notwendigkeiten der Geschichte. ״Wir, die wir die ersten gewesen sind, die gesagt haben: ,Nicht soll ein Stamm gegen den anderen das Schwert erheben‘, wenn w i r daran gehen, von neuem unseren Pfad zu bahnen mitten in dem dahinflutenden Leben anderer Völker, haben wir die Pflicht, den riehtigen Pfad zu finden, ein neues Volk zu schaffen, ein Mensch- Volk, das ein menschliches brüderliches Verhältnis zu den anderen Völkern hat.“ Gordon sieht die jüdische Freiheitsbewegung als einen Teil einer allgemein menschlichen. Gerade der Umstand, daß im Judentum etwas neu erstehen will, wenn in der ganzen Menschheit unter mächtigen Wehen eine neue Freiheit und Menschlichkeit geboren werden will, gibt ihm den Antrieb, zu den Juden zu sprechen, sie müßten die Ersten sein. Bei den einzelnen Menschen findet er bereits das Streben nach Rechttun, nach Vervollkommnung, nach Rechtfertigung. Noch nicht aber bei den Völkern. ״Das Volk als Gemeinschafts- Persönlichkeit ist ein niedriges Raubtier, dessengleichen es unter den Raubtieren gibt. Dem Volk als Volk ist nicht nur erlaubt, Greuel aller Arten zu begehen, sondern all dies wird ihm zum Ruhme*angerechnet, als Heldentat, als etwas, für das der Mensch sein Leben hinzugeben für wert findet. Alle Ideale und allweltlichen Menschheitsbestrebungen verschwinden hinter der rohen Ichsucht des Volkes. Wie kann solches Volksleben menschlich sein, selbst wenn es auf der gerechtesten sozialen Ordnung basierte? Wer sollte das verstehen wie wir Juden? Wir haben zuerst verkündet, daß der Mensch itn Ebenbilde Gottes geschaffen wurde, wir müssen weiter gehen und sagen: das Volk muß im Ebenbilde Gottes geschaffen werden. Nicht weil wir besser sind als andere, sondern weil wir für diese Forderung geduldet und gelitten haben. Um den Preis unserer Leiden haben wir uns das Recht erkauft, die Ersten zu sein bei dieser Schöpfung. Wir haben aus Leid und Höllenqualen ein verborgenes Licht gemacht und werden es zur Offenbarung bringen in der Schöpfung eines Mensch-Volkes." Aus dieser Einstellung Ist es erklärlich, daß Gordon in Palästina im Weltkriege der schärfste Bekämpfet des Gedankens einer jüdischen Legion oder jüdischen FrciwiUigenmeldung war. Er hat gerade an der Haltung des palästinensischen Jischtrw und der palästinensischen Arbeiterschaft seine bittern Erfahrungen gemacht. Er stand (Jamals beinahe allein da. Er gibt seiner Verzweiflung immer wieder Ausdruck. Er sicht tief in den Grund des Herzens. Er legt sich die Frage vor, warum die Juden und die Menschen überhaupt, oft gegen ihre theoretische Ueberzeugung, von dem Glanz der Herrschaft, der Macht, des Militärs, des Kapitalismus, des Reichtums geblendet sind, warum sie aus solcher Blendung Taten begehen, die von den meisten als Taten des Heldentums und der Verteidigung von Idealen und als Hingabe geprjgsai werden, während Gordon erkennt, ),daß hier nur ein Surrogaf der fiingatze besieht,’ In Wirklichkeit eine Entweihung wahrer Hingabe.“ Gewalt, Macht, Reichtum üben eine unheimliche Suggestion aus und Oordon ist voll des Schmerzes, daß das jüdische Volk in seiner Wiedergeburt dieser Suggestion, der es Jahrhunderte widerstanden hat, erlegen ist. Wie Landauer erkennt er, daß die Kraft der Herrscher und die Befehlsgewalt der Generäle und Kapitalisten über die Bevölkerung, Soldaten und Arbeiter, nicht in einer wahren inneren Macht der herrschenden Schichten gelegen ist, nicht in ihrer Tugend oder Sedengröße, sondern in der Seele der Unterworfenen selbst, in eben der Herrschsucht, die als ein unerfüllter Traum und Wunsch in den Seelen der Beherrschten lebt. Die vielen Unterdrückten verehren die Gewalt, verehren sie mit Zähneknirschen, doch sie verehren sie und werden vor ihr zunichte. Denn ira tiefsten würde ein jeder, ob nun mit klarer Einsicht oder nicht, wünschen, Faust zu sein, nur daß er es nicht sein kann.“ Daß das jüdische Volk diesem Prestige der Macht so leicht gerade zu der Zeit seiner Wiedergeburt erlegen ist, daß sich in seiner eigenen Seele so wenig wahre Kraft und so viel nachahmende Schwäche enthüllt hat, hat •Gordon mit solchem Leid erfüllt. Als den Weg sah er die innere Befreiung des Einzelnen von der Hypnose, die Entmengung der Menge, die selbständige kritische Besinnung gegen die Hingabe an den Einfluß der Masse. ״Die Herrschbegierde stammt nicht aus einer Ueberfülle von Kräften, sondern aus dem Mangel der wesentlichsten Kraft, der Kraft, das Leben in seiner ganzen Fülle zu erleben, mit jeglicher Kreatur der Welt ein Leben der Ewigkeit zu leben.“ Oordons Abhandlung ״Von Herrschaft und Herrschsucht“ ist nicht nur die bedeutendste Abhandlung, die er je geschrieben, sie gehört, heute leider nur in einem ganz engen Kreise bekannt, zu den bedeutendsten Darstellungen grundlegender Erkenntnisse soziologischer Psychologie. Es wäre zu wünschen, daß schon um ihretwillen dieser Band weit über den Rahmen des Zionistischen Bücherbundes auch in der nichtjüdischen Welt Beachtung fände, wo er helfen könnte, neue Erkenntnisse über das Wesen des Judentums und der jüdischen Emeuerungsbcwegung zu verbreiten. In dem Bande stehen noch sehr viele andere wichtige Dinge über Gordons Verhältnis zum Krieg und zur Macht und zur Stellung des Jischuw ln diesen Fragen, eine Stellung, die sein ״Herz bedrückt hat wie Trümmer untragbaren Zusammenbruchs“. Die Grundfrage kommt ihm Immer wieder, was suchen wir in Palästina. ״Wollen wir wirklich nur das sein, was die besten Menschen der anderen lebenden Völker schon beginnen, nicht mehr sein zu wollen? Mag man sich gegen mich auflehnen, mich verdammen, mich beschimpfen so viel man will, mir gibt die anmaßende Frage keine Ruhe: was bedeutet diese Verleugnung all unserer höheren Wesenheit? Ich glaubte in meiner Naivität oder in meiner Unbrauchbarkeit, daß wir ein Mensch-Volk zu schaffen streben, das auf die Fahne seiner Wiedergeburt nicht geschrieben hat: ,Durch Feuer und Schwert wird Juda erstehen‘, sondern: »Nicht hebt fortan Volk gegen Volk das Schwert und nimmer werden sie Krieg lernen.“ Auf das viele, das Gordon über das Verhältnis zur Mandatarmacht und zu den Arabern, über Nationalismus und Sozialismus, über Organisation, Politik und Partei sagt, kann hier nicht mehr eingegangen werden. In jeder dieser Fragen sagt Gordon Entscheidend;;!;, das seit seinem Tode niemand mehr mit solcher Klarheit gesagt bat. Die Uebcrsetzung der Auf- Sätze durch Viktor Kellner, dem wir schon eine sehr gute Uebertragung der Essays von Bialik (ebenfalls im Jüdischen Verlage) verdanken, ist ausgezeichnet. Sie wahrt den Rhythmus des Originals, ohne dem deutschen Ausdruck die geringste Gewalt anzutun. Kellner hat auch eine sehr gute Einleitung hinzugefügt, die das Wesen Gordons knapp und überzeugend hervorhebt. Wird der Zionistische Bücherbund auch in seinen weiteren Publikationen sich auf dieser Höhe halten, wird er ein wichtiger Faktor in der Erziehung der Bewegung und ein Mittelpunkt ihrer geistigen Strömungen und Auseinandersetzungen werden? Hans Kohn. Arabische Delegation und Parteien (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) AG Tel-Awiw, 27. März. Die arabische Delegation ist in der vorigen Woche über Aegypten nach London abgereist. In Jerusalem und Ludd hatte sich eine große Menge eingefunden, um der Delegation das Geleit zu geben und auch an verschiedenen Stationen im Süden hatten sich Vertreter der Einwohner zum Bahnhof begeben, um sich von den Delegierten zu verabschieden. Während der Zeit, die zwischen der Wahl der Abgesandten und ihrer Abreise lag, ist sowohl um die Zusammensetzung wie auch um die Ziele der Delegation ein heftiger Kampf unter den palästinensischen Arabern ausgefochten worden. Während gleich nach den Unruhen jede Spaltung im arabischen Lager überbrückt schien, hat später eine Gärung eingesetzt. Es wurde gelegentlich behauptet, daß die Spaltungen im arabischen Lager teils auf religiöse, teils auf persönliehe Motive zurückzuführen seien. Diese Behauptung gibt ein durchaus verzerrtes Bild der Lage. Es ist zwar richtig, daß religiöse Differenzen zwischen Moslems und Christen, die in der Zeit während und nach den Unruhen wie weggewischt schienen, heute wieder an vielen Stellen spürbar sind. Und es ist ebenfalls richtig, daß persönliche Differenzen und Kämpfe heute wieder deutlich werden, sowohl zwischen den großen Familien, wie auch zwischen den Anhängern und Gegnern des Mufti. Es hieße jedoch die Lage verkennen, wenn man behaupten wollte, daß sich damit die Differenzen erschöpfen. Es gibt heute unter den Arabern einen starken Trieb zur Parteienbild u ng, der innerhalb kurzer Zeit neue Gruppen hervorgebracht hat. Und die Meinungsverschiedenheiten, die in diesen Oruppen verkörpert sind, zeigen klare politische Färbung. Es haben sich zurzeit zwei Hauptrichtungen herauskristallisiert, die man die gemäßigte und die radikale nennen kann. Die erste ist für Verhandlungen mit England und für die Lösung des palästinensischen Problems durch die Schaffung eines Parlaments unter britischem Mandat. Zu dieser Richtung, die allem Anschein nach auch Verhandlungen mit der Jewisn Agency mit Sympathie gegenübersteht, gehört die Mehrzahl der Delegation und der Arabischen Exekutive. Ihr gegenüber steht die radikale Richtung, die weder von Kompromissen mit den Juden noch mit den Engländern etwas wissen will, sich von Verhandlungen nichts verspricht und die Losung der vollen Unabhängigkeit Palästinas auf ihre Fahne geschrieben hat. Diese Richtung hat für eine Delegation wenig übrig, erwartet von ihr keine Ergebnisse und steht ihren Mitgliedern als den ״Gemäßigten“ oppositionell gegenüber. Sie hat auch die Reise der Delegation bekämpft, weil sie in dieser Aktion ein Unternehmen sieht, das geneigt ist, Hoffnungen zu erwecken, ohne ein Heilmittel bringen zu können. Zu dieser radikalen Richtung, die im Gegensatz zum herrschenden Kurs der Arabisehen Exekutive und auch teilweise zum moslemitischen Rat steht, gehört die Minorität der Arabischen Exekutive selbst und verschiedene Führer außerhalb. Die junge Intelligenz, die seit langem im Gegensatz zur alten traditionellen Führung steht, neigt zu einem großen Teil dieser zweiten Richtung zu. Bei den neuen Gruppenbildungen — es gibt heute fünf bis sechs erkennbare Strömungen nebeneinander — handelt es sich nicht allein um die Frage des Mandates und der Verhandluu- . diskutiert, Pläne für die Hebung der Wirtschaft, die* Besserung der Lage des Fellachen gemacht. Arbeiterprobleme beginnen aufzutauchen, es wird die Forderung nach besserer Volkserziehting erhoben, an verschiedenen Stellen werden Versuche zur Organisierung der Lohnarbeiter . . . Anfängen. Öle heute herrschende Gärung und das starke politische Interesse muß jedoch wichtige Folgen haben. Eine gewisse Zersplitterung der Kräfte ist bei den Meinungsverschiedenhelten unausbleiblich; die Differenzen führen aber anderer* seits auch zu einer Klärung der Fragen, es werden immer neue Kreise in die verschiedenen Bewegungen hineingezogen und auf die Dauer wächst das Verständnis für öffentliche Fragen und öffentliche Aufgaben. Das Ziel der Delegation in London — das wird aus den Aeußerungen ihrer Mitglieder und der Presse klar — ist vor allem die Bildung׳ eines Parlaments in Palästina. Das ist auch die Mindestforderung, auf die sich die verschiedenen Richtungen am ehesten einigen werden. Für die radikale Opposition ist damit zwar das Problem keineswegs gelöst; die Losung der völligen Unabhängigkeit und Selbst- Verwaltung wird hei bestimmten Gruppen erhalten bleiben. Trotz dieser Opposition wird man sich in London vor allem aut diesen Punkt konzentrieren. Das gilt nicht nur für die Ver- Handlungen mit dem Colonial Office, sondern auch mit der Jewish Agency. Solche Verhandlungen erscheinen jetzt durchaus nicht mehr als unwahrscheinlich. Unter diesem Gesichtspunkt wird es immer deutlicher, daß ein klares Programmder zionistischen Politik fürdie arabische Frage heute dringend notwendig ist. in Palästina hat man, nachdem die Welfe der Erregung, die sich in öffentlichen Diskussionen Luft machte, sich verlaufen hat, die Frage wieder zurückgestellt. Trotz oder wegen der Erregung und dem großen Eifer, mit dem die Diskussionen geführt wurden, ist keine der großen Fragen, die mit der arabischen Politik Zusammenhängen, gründlieh behandelt worden. Gerade jetzt aber, wo die arabische Delegation ihre.Arbeit in London beginnt, erscheint die Forraulierung einer Verhandlungsbasis von zionistischer Seite aus besonders dringend und sollte nicht länger verschoben werden. Wissenschaftliche Expeditionen der hebräischen Universitäten Das naturwissenschaftliche Institut an der Hebräischen Universität in Jerusalem sandte vor etwa einem Monat eine wissenschaftliche Expedition, bestehend aus einem Zoologen, Herrn I. Aharotti, einem Botaniker, Herrn M. Zahari, der Assistentin P. Eck man und einem Zeichner nach Mesopotamien, um dort wichtige Forschungen auf dem Gebiete der Insektenkunde vorzunehmen. Die Expedition konnte eine interessante wissenschaftliche Ausbeute verzeichnen, die neues Licht auf die Insektenkunde dieses Gebietes wirft. Eine zweite Expedition wird in nächster Zeit nach Antiochia reisen. Auch der Botanische Garten der Universität wird durch die Expeditionen eine Bereicherung erfahren. Auf der ersten Expedition wurden durch den Botaniker bereits etwa 4000 Pflanzenexemplare zu Züchtungsversuchen gesammelt, die demnächst ausgepflanzt werden sollen. (Ziko.)