Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 26 (1.4.1930)
- Date
- 1930-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 20,! IV. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 181 Politik und Propaganda Von Hans Rosenkranz. 1. Jizchak Qriinbauni sprach in Berlin über die Lage des Zionismus. Er entwickelte sein Programm. Was er sagte, war im wesentlichen dieses: Die Jewish Agency habe sich nicht bewährt. Sie sei eine Gefährdung der zionistischen Arbeit. Sie lähme die Entschlußfähigkeit des Aktions-Comites, sie setze über sein Votum als höhere Instanz das des paritätischen Administrative Committee. Der Einfluß der Nichtzionistcn sei zu stark. Ein großer Teil der für den Notstandsfonds in U. S. A. gesammelten Mittel sei nicht nach Palästina gekommen, sondern nichtzionistischen Zwecken zugeflossen. Es bestehe die Gefahr der finanziellen Abhängigkeit von den Joint-Gruppen. Dann würde der Aufbau eine philanthropische Sache und nicht mehr die Befreiung des Volkes sein, nicht mehr die Lösung der Juden trage. — Die zionistische Leitung sei nicht mutig genug: sie befände sich in der Defensive. Sie suche eine Verstaudigung mit den Arabern, die keine sei. Auf Tausenden von Altären seien immer wir die Geopferten gewesen: für viele Vaterländer, auf den Barrikaden der Revolution, auf den Aliaren vieler Ideale seien die Juden gefallen. Der neueste Altar, auf dem wir geopfert werden sollen, sei die panarabische Bewegung. Deshalb gäbe es heute keine Verständigung mit den Arabern, sondern nur unsere Leistung im Lande. Deshalb müssen wir gegen alle Versuche eines parlamentarischen Regimes in Palästina heute kämpfen, denn Parlamentarismus bedeute bei dem gegenwärtigen Kräfteverhältnis den Ruin unserer Arbeit. Er sei, so etwa sagte Jizchak Grünbaum, Demokrat. Aber er sei erst dann für demokratisches System, wenn die Gewähr seiner demokratischen Handhabung gegeben sei. Er sei für Gerechtigkeit — selbstverständlich auch gegenüber den Arabern — aber eine Gerechtigkeit, die auf den Trümmern unseres Glückes, auf den Ruinen jüdischer Arbeit, auf den Enttäuschungen jüdischer Sehnsüchte aufgebaut wäre, sei keine Gerechtigkeit Der Zeitpunkt für eine Verständigung mit den Arabern sei erst dann gekommen, wenn wir in gleichem Kraft- und Machtverhältnis ihnen gegenüberstehen. Die zionistische Leitung sei defensiv. Es sei aber nötig, mit großem Programm und weittragenden Planen aggressiv hervorzutreten, der Welt zu beweisen, daß wir nicht nur aus unserem historisch-moralischen Recht nach Palästina kommen, sondern daß wir auf einem kommunikatorischen Landstrich eine geschichtliche Aufgabe für alle Völker zu lösen haben, daß wir als Kultur- und Ideenträger in dieses Land kommen, daß »vir dort Vorposten Europas und Bindeglied zur ganzen östliehen Erde sind. Grünbaum sagte leider nicht, welches denn die Programme, welches die Pläne seien, mit denen man hervortreten solle. Aber er sagte etwas anderes, mit dem ernsthafte Auseinandersetzung verlohnt: das Wort vom , Judenstaat" sei in den Winkel gestellt; es sei ersetzt durch aas harmlosere ״Aufbau Palästinas“. Die Idee sei verwässert. Ja, wir kämen nach Palästina als Träger einer Staatsidee, nicht eines Staates, in dem nur Juden leben und Anrecht haben, aber eines Staates, der von uns gebaut werde. Wir bauten kein philanthropisches Hilfswerk, sondern u׳ir bewirkten die Lösung einer Weltfrage. Wir müssen Opfer verlangen an Leben und Vermögen. Opfer aber seien nur zu haben für große Ideen. Der Fehler der zionistischen Leitung sei es, die großen Ideale zu vermengen und zu verwechseln mit den Zielen der momentanen Tagespolitik. Sie postuliere die Erfordernisse des Tages als die großen Ideale. Und das sei Sakrileg und Gefahr in einem. II. Hier wurde objektiv und dem Inhalt nach wiedergegeben, was Grünbaum in seiner Berliner Rede gesagt hat. Es sei der Versuch einer Auseinandersetzung gemacht, eine nicht gehaltenc Diskussionsrede sei nachgetragen: Ueber die Zweckmäßigkeit der Jewish Agency heute zu streiten, beweist Mangel an politischem Verständnis, nichts sonst. Wir sind vor die Welt nicht hingetreten und haben Palästina nicht verlangt als zionistische Partei. Wir haben es für die Juden verlangt. Und nur für die Juden konnten wir es verlangen. Den Juden galt die Balfour-Deklaration, dem jüdischen Volk das Mandat. Und es konnte gar nicht anders sein. So war es die natürliche Konsequenz, daß im Mandat nicht eine Zionist Agency, sondern eine Jewish Agency instaffiert wurde. Und es wäre ein nationales Unglück gewesen, hätte man es anders gemacht. Die zionistische Leitung hat getreu ihrer Idee eine Jewish Agency verlangt — und meines Wissens Jizchak Grünbaum mit ihr — und hat sie erhalten. So mußte in logischer und natürlicher Folge der Entwicklung eines Tages die Jewish Agency konstituiert werden, und "die Zionistische Organisation, die als Sachwalter und Treuhänder ihre Rechte tma Pflichten geübt hatte, von diesem Platze abtreten. Die Jewish Agency war eine Notwendigkeit, weil sie selbstverständlich war. Wir verhandeln mit den Völkern und der Mandatarmacht die Sache der Juten. Eine alljüdische Körperschaft mußte eines Tages der Verhand'ungspartner sein. Ob der Zeitpunkt der Konstituierung der richtige war, darüber freilich kann man streiten. Ich glaube, daß es — opportunistisch gesehen — vielleicht zu früh gewesen ist. Aber die Entscheidung darüber kann man der Geschichte überlassen. Die Agency ist da; sie zu bekämpfen ist Selbstmord, ist leichtfertiges Spiel mit dem Feuer; denn eines Tages brauchen wir die Agency als sichtbares Symbol geeinten Judentums. Sie heute zu zerschlagen, heißt :׳sie für ein Menschenalter und vielleicht für immer unmöglich machen. Die Agency ist da. Und jeder Politiker, dem es ernst um seine Sache ist, wird nur eine Haltung ihr gegenüber haben können; to make the best of it: das möglichst Beste aus ihr zu machen. Wie aber steht es mit der Verwässerung der Idee? Wie steht es wirklich mit dem ״Judenstaat"? Wenn Grünbaum sagt, die zionistische Leitung verwechsele in unheilvo’Ier Weise die Ziele des Tages mit den Idealen der Bewegung, so muß man ihm entgegenhalten, daß er die Erfordernisse der Politik mit denen der Propaganda verwechselt. Aber ist nicht dennoch etwas grundlegend Wahres in dem, was er sagt? Ist nicht ״Aufbau Palästinas" vielen von uns eine philantbropische Sache geworden, sehen wir uns wirklich noch als ״Träger einer Staatsidee“, als Löser der Judenfrage, die eine weltirage ist? Gewiß: ich weiß, die Zionistische Organisation ist keine philanthropische geworden, sondern eine Volksorganisation geblieben. Aber ist ihre Bewegung nicht stagniert in der nüchternen Arbeit des Tages, ist ihr Antlitz nicht sarkastischer, skeptischer und deshalb — eben weniger lebendig geworden? — Ich weiß, daß die Herzische Konzeption des Judenstaates kein realpolitisches Programm bedeuten kann und darf. Ich weiß, daß die Politiker vor der Postulierung großer Ideale warnen und Scheu haben werden, denn sie fürchten, die Nichtzionisten zu reizen, der arabische!} Demagogie Material zu geben. Ich weiß das alles. Aber der Zionismus ist eine Bewegung von mehr als einer Generation. Er ist verloren, wenn er die Jugend nicht hat Und die Jugend der Juden — zumindest in Deutschland — ist indifferenter, viei viel kühler, als sie es noch vor acht oder zehn Jahren war. Reservoire von Menschen, eine Fülle von menschlicher Qualitat und geistiger Potenz geben wir ab an Kommunismus, an Pan-Europa und an manche gute und reine Sache. Auf vielen Altären — mit Orünbaum zu reden — gehen die jungen Juden Opfer zu bringen. Wir haben sic nicht! Wir haben nur einen Bruchteil von ihnen 1 Woran liegt das?. Liegt es nicht daran, daß wir uns zu weit entfernt haben von den strömenden Quellen unserer Bewegung, daß ihr idcalistischer Schwung versandet ist im nüchternen Alltag? Wir haben die Jugend nicht, wie wir sie haben müßten. Und wir haben ihre lebendigsten Teile nicht! So wird ein neuer Kreuzzug idealistischer Werbung uns nötig sein. Ihn können nicht die Parteisekretäre inszenieren — schlimm genug, es erst sagen zu müssen. Die neue Propaganda, die Belebung der Idee, die Eroberung der Jugend kann nicht gemacht werden. Sie kann nur entstehen aus der Selbstbesinnung auf den wahren Kern unserer Bewegung, durch eine ernste Prüfung unseres innerlichen persönlichen Verhältnisses zu der Idee, zu der wir uns bekennen. — Es ist zu leicht geworden, Zionist zu sein. So müssen wir uns selber es wieder schwer machen, so müssen wir das Selbstverständlich-Gewordene wieder prüfen und auflockern und es lebendig und neu und werbend gestalten. Das mag Im Ueberschwang manchmal politisch nicht sehr bequem sein. Aber der neue Idealismus, die Neugewinnung der Jugend, wenn sie gelingt — und sie muß ja gelingen — wird, so aenke Ich, auch ein politisches Faktum sein, ein Faktum der Kraft, der Stärke und des Opfers. David Wolffsohn aus seinem Archiv Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem. Die Hebräische National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem, die bekanntlich auf Kosten der ״David und Fanny Woiffsohn-Stiftung“ ihr neues Haus auf dem Skopusberge errichten konnte, beherbergt nunmehr in ihren Räumen neben den Möbeln der Familie Wolffsohn vor allem auch das wertvolle Archiv, das von dem sorgsamen Kaufmann selbst aufs gründlichste geführt und nach seinem Tode von den treuen Helfern und Freunden Dr. Abraham Robinson, Dr. Jakob K I a t z k i n und Frau Betty Leczynski geordnet und registriert wurde, bis cs schließlich im vorigen Jahre seinen endgültigen Platz in Jerusalem gefunden hat. Eine nochmalige genaue Bestandsaufnahme und Bczettelung seitens der Biblioineksverwaltung trat den hervorragenden archivalischen Leistungen der drei eben genannten Bearbeiter noch ergänzend zur Seite und ermöglicht nun jedem wissenschaftlichen Benutzer, das Bild David Wolffsohns, des Nachfolgers Theodor Herzls als Präsident der Zionistischen Organisation, aus den Papieren erstehea zu lassen. Von den etwa ISO, meist sehr umfangreichen Faszikeln des Archivs steht die überwiegende Mehrzahl, nämlich 157 Faszikel, in direkter Beziehung zu Wolffsohn, während der Rest Kolleghefte, Dramen- und Briefmanuskripte Theodor Herzls enthält und eigentlich also ins Herzl-Archiv gehörte. Die Wolffsohn betreffenden Stücke beginnen in der jetzigen Neuordnung mit 29 Kopierbüchem von Briefen Wolffsohns, die vom Jahre 1S3Ö bis zu seinem Tode reichen. Wir finden hier in bunter Mischung Persönlifhes und Geschäftliches, das zu Anfang überwiegt, sowie Zionistisches, das in den letzten Jahren beinahe den gesamten Raum einnimmt Schon diese Verteilung charakterisiert den Lebensgang dieses litauischen Juden aus einfachem, altfrommem Hause, der in ganz jungen Jahren nach Königsberg gesandt wurde, um dort in der Talmud Thora-Schule des bekannten Rabbiners Dr. Rülf zu lernen, der ihn schon frühe den Idealen der ״Zionsliebe“ nahebrachte. Gleichfalls schon früh trat er ins kaufmännische Leben ein und brachte es überraschend schnell zu großen geschäftlichen Erfolgen, die ihm bald ermöglichten, sich in der Holzbranche in Köln selbständig zu machen und den Grund zu einem sehr erheblichen Vermögen zu legen. Weite Geschäftsreisen, besonders in die Wälder des Balkan, bereicherten seine Welt- und Menschenkenntnis. Hand in Hand damit aber geht mannigbfche jüdische Vereinstltigkeit: im Kölner jüdischen Literaturverein werden Vorträge Uber ״Talmudische Sprichwörter“, ,,Die russischen Juden‘% ״Das Vereinsleben der russischen Juden׳^ usw. genahen, deren Manuskripte sich gleichfalls im Archiv befinden und deren Themen zeigen, wie stolz David Wolffsohn, den Herzls ״Altneufand“ nicht umsonst David Litwak nennt, auf seine ostjüdische Abkunft war und wie sehr er sich bemühte, den mehr oder minder assimilierten Juden des Westens etwas von dem reichen und vollen Judentum seiner Heimat zu vermittein. Diese Vortragstätigkeit führt ihn mit dem jungen Referendar Dr. Max Bodenhcimer zusammen, der damals bereits eine Schrift ״Syrien, ein Zufluchtsort für die russischen Juden“ (Hamburg, 1891) verfaßt hatte, und der mit den Führern der Berliner Chowewe Zion, mit der Dr. Hirsch H i I ־ desheimer, Dr. Heinrich Löwe und Willy Bambus sowie auch mit Dr. Pinsker in Odessa in Verbindung stand. Wolffsohn schloß sich sofort diesem Kreise an und begründete gemeinsam mit Bodenheimer einen Palästina-Kolonisationsvcrein in Köln, ebenso wie er in Loge und Literaturverein für die allmähliche Ausbreitung des Palästina-Gedankens tätig war. Trotz all dieser mannigfachen Tätigkeit aber, die uns die erste Hälfte der Kopierbücner spiegelt, wäre Wolffsohn nicht zu einer historischen Figur für das jüdische Volk geworden, wenn er nicht Theodor Herzl noch im Jahre des Erscheinens des ״Judenstaates“, 1896, begegnet wäre. Hier Hegt das zenträfe Erlebnis seiner Entwicklung, das ihn etwa so umwandelte, wie Herzl selbst durch den Dreyfus-Prozeß verwandelt worden ist. Freilich ist es für die Verschiedenheit der beiden Männer bezeichnend, daß Herzls zentrales Erlebnis vom Außerjüdischen, vom Antisemitischen, herrührte, der Wolffsohns Gleichgewicht niemals ernsthaft erschüttert hat, daß Wolffsohn selbst aber von einem Innerjüdischen gepackt wurde, nämlich von dem Phänomen des zum Judentum oder doch zur Judenhcit zurückkehrenden Theodor Herzl selbst. Um die Gewichte ganz genau zu verteilen, muß freilich noch hinzugefügt werden, daß erstens gerade Herzls typisches Westlertum, seine königliche Geste, die lässige Grandezza seiner Melancholie auf den Ostjuden Wolffsohn, wie später auf einen so großen Teil des ganzen ostjüdisehen Volkes, wirkte, und daß zweitens die Umwandlung■ selbst entfernt nicht so radikal und aufwühlend war wie bei Herzl, da sie ja nichts vollkommen Neues schuf, sondern nur ein bisher schon vorhandenes Lebenselement aus der Peripherie in das Zentrum aller künftigen Energien rückte. Aber gerade daraus resultiert jene rührende Mannentreue, die Wolffsohn nun seinem Herrn und Führer gegenüber bewahrt und die er nach dessen Tode in rührendster Sorge auf Mutter, Witwe und Kinder des Frühvollendeten ausdehnt. Die Korrespondenz mit Herz!, die im Mittelpunkt der nächsten Abteilung des Archivs steht und dort vor» Wolffsohns eigenhändigem Tagebuch und seinen zionistischen Manuskripten ergänzt wird, zeigt dies persönliche Verhältnis mit dokumentarischer Treue, eröffnet aber außerdem wichtige Einblicke in die Geschichte der zionistischen Finanz- Institute, insbesondere in die des Jewish Colonial Trust und seiner Niederlassungen in Konstantinopel und der Levante, au deren Gründung und Leitung Wolffsohn bis zuletzt führend und verantwortlich beteiligt blieb. War er doch, wie man ihm oft, und so häufig zu Unrecht, vorgeworfen hat, der Kaufmann unter den zionistischen Führern, der den Daumen auf den Geldbeutel hielt, sich bei jeder Ausgäbe über die unendlichen Schwierigkeiten Rechenschaft gab, unter denen das Geld, teilweise durch kleine und kleinste Spenden, aufgebracht worden war, der aber, wenn eine große diplomatische Aktion auf dem Spiel stand, deren Chancen ihm einleuchteten, auch verhältnismäßig sehr bedeutende Summen sofort zur Verfügung zu stellen bereit sein konnte. Denn auch dies ist ein merkwürdiger, und vielleicht widerspruchsvoller Zug ia WoUfsohas Charakter: derselbe ״Baal Habajit“ im besten jüdischen Sinne, wie ihn die dritte Abteilung des Archivs im Briefwechsel mit seiner zärtlich geliebten, naiv um ihm besorgten Frau und in deren Tagebüchern zeigt, derselbe Baal Habajit, der, als bisher einziger Präsident der Zionistischen Organisation, auch am Leben der Gemeinde, und zwar in gcmäßigt konservativem Sinne, tätigen Anteil nimmt lind dessen Eingaben für Ausländerwahlrecht und gegen die Orgel uns die gleiche Gruppe von Faszikeln bewahrt hat, dieser schlichte, treue, einfache jüdische Kaufmann und Familienvater ist innerhalb des Zionismus, sowohl zu Herzls Lebzeiten wie als sein Nachfolger, im wesentlichen, wenn auch nicht in extremer Weise, auf der Seite der ״politischen“ Zionisten, die in Pal.».- stfna ״Bedingungen, nicht Dinge“, d.!1. vor allem politische Voraussetzungen der künftigen Kolonisation schaffen wollten, nicht aber auf der Seite der ״Praktischen“, die unter Weizmanns und Warburgs Führung den umgekehrten Weg ׳ für richtig hielten. Wolffsohn war also ״Kaufmann“ mehr im Verhindern unkaufmännischer Transaktionen und unpraktischer kolonisatorischer Experimente als in der schöpferischen Ausnutzung der langsam in Bank und Nationalfonds sich ansammelnden zionistischen Kapitalien, die er vielmehr erstens sicher und mit bescheidenem Nutzen zu verwalten und zweitens für die große politische Aktion aufzusparen für seine oberste Pflicht hielt. Die Gegensätze, die aus dieser Haltung entstanden, verschärften sich noch, nachdem Wolffsohn 1911 zwar von dem sechs Jahre lang geführten Präsidium der Weltorganisation zurückgetreten war, die Finanzinstrumente der Bewegung aber mit seinen Freunden Jaeobus Kann und Bodenheimer weiter in der Hand behielt und seine Machtstellung gelegentlieh gegen die ihm phantastisch und unverantwortlich erscheinenden Projekte der neuen ״praktischen“ Leitung unter Prot. Otto Warburgs Präsidium einsetzte. Diese Kämpfe spiegelt der umfangreiche zionistische Briefwechsel, den die folgenden Abteilungen des Archivs bringen und der Sonderfaszikel des Briefwechsels mit Ca wen, A. Friedemann, Greenberg, Hantke, Kann, Katznelsohn, Alex und Oskar Marmorck.Nordau und jean Fischer enthält, während in den nicht ausgesonderten Briefen noch zahlreiche Schreiben Sokolows, T schlcnows und anderer enthalten sind. — Diese Korrespondenz zeigt aber auch die hohe persönliche Vornehmheit Wolffsohns, der z. B. seinen Gegner Ezechiel Tschlenow mit wirklich echter Ritterlichkeit und Hochachtung behandelt und niemals in die Fehler Herzls gegenüber seinen Mitarbeiten! verfällt, unter denen er selbst einst so schwer, und meist stumm, gelitten hatte. Diese immer sachliche Kampfesweise Wolffsohns hat ihn naturgemäß nicht verhindert, die Schwächen seiner Mitarbeiter zu erkennen und sie in gelegentliehen Tagebuch stellen oder sonstigen Notizen — dieses Material ist verhältnismäßig sehr knapp — stets treffend, zuweilen ironisch —, scharf, doch nur selten geradezu boshaft zu charakferisicreii. Doch wäre es unrichtig, aus dem bisher Gesagten zu schließen, daß Wolffsohn sich etwa der gesamten praktischen Tätigkeit in Palästina gegenüber ablehnend verhalten hätte. Die folgenden Teile des Archivs mit den Akten des Jewish Colonial Trust, der Anglo Palestine Co., der Anglo Levantine Banking Co., des Keren Kajemeth, des Kölner und des Berliner Zionistisehen Aktions-Comitös, des Bezalei, der Kölner Zionistischen Ortsgnippe, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der El Arlsch-Expedition würden ein solches Fehlurteil schlagend widerlegen: enthalten sie doch einen sehr beträchtlichen und überaus wichtigen Teil des gesamten Materials zur inneren Kolonisationsgcschichte Palästinas und zeigen Wolffsohns aktiven und recht häufig auch privat opferwilligen Anteil an zahlreichen noch heute im Lande bestehenden Institutionen, die er für aussichtsreich hielt und deshalb großzügig zu fördern bereit war. Schon die Tatsache seiner letztwilUgen Verfügungen zugunsten der Hebräischen Universität in Palästina zeigt ja, daß dieser ״Politiker“ nicht gegen wirkliche Palästinaarbeit, und dieser Kaufmann nicht gegen wissenschaftlich-kulturelle Arbeit eingestellt war. Eine Sonderbedeutung im Archiv nimmt das außerordentlich umfangreiche Manuskript der Wolffsohn-Biographie Dr. Abraharn Robinson ein, das im Verlauf der Registrierungsarbeiten in Jerusalem genau mit dem Texte der gedruckten Biographie verglichen wurde. (Diese ist bekanntlich nach dem Tode des Verfassers im Jüdischen Verlag erschienen.) Der Vergleich ergab, daß das ursprüngliche Manuskript sehr viel interessantes zionistisches Material enthält, dessen Veröffentlichung offenbar seinerzeit als Inopportun empfunden wurde und das zum Teil auch heute noch nicht vollständig mitteilbar ist. Das gleiche gilt für zahlreiche Stücke des Archivs selbst: seine Wissenschaft- Piche Ausnutzung wird in voller Freiheit erst erfolgen können, wenn zahlreiche der dort durch ihre Briefe vertretenen Personen keine aktive Rolle mehr im zionistischen Leben spielen, die sie heute in zum Teil genau umgekehrter Position zeigt als zu Lebzeiten Wolffsohns. Gerade deshalb aber wird das Archiv für kommende Zeiten eine große historische Bedeutung haben und das ״Silberne Zeitalter‘ der Zionistischen Organisation ebenso lebendig erstehen lassen wie seinen Führer und Repräsentanten: den Ostjuden deutscher Bildung, den National■• juden religiöser Einstellung, den politischen Chowewe-Zionisten, den ideal gesinnten Kaufmann, den jüdischen Gentleman David Wolffsohn. Unsere üesdüdiie Zionismus ist Erinnerung. Zionismus ist das in unserem Blut bewahrte Gedächtnis versunkener Generationen. Indem wird das Gewesene heraufhoben in unser lebendiges Innere, haben wir die Entscheidung auch für die Zukunft getroffen. Das war ein einmaliger Wiflcnsakt, ein nicht beliebig wiederholbarer, und wir haben bald erkannt, daß er, um wirksam zu bleiben, des Fundaments bedarf, das durch Sprache, Literatur und Geschichte unseres Volkes gegeben ist Das war damals eine heiß umstrittene Erkenntnis; heute ist es eine billige Weisheit geworden, die niemand mehr aufregt. Die Sache ist anerkannt, ohne sich in Wahrheit durchgesetzt zu haben. Denn heute ist — praktisch wenigstens — ein Neues in die Erscheinung getreten: die Tatsache des jüdischen Palästina. Die Beschäftigung mit allen Prob'emen des Landes gibt heute den Gemütern jenen Stoff, den wir früher im Lernen und der heute verächtltich behandelten Ideologie gefunden haben. Man übersieht dabei, daß Palästina auch heute noch nicht ohne weiteres eine an sich wirksame Tatsache ist, daß es auch heute noch einen Willen voraussetzt, den es nicht durch sich alldn zu erwecken vermag; kurz, daß es auch heute noch notwendig ist, immer wieder zu den Quellen zurückzugehen, ohne die nichts geschehen könnte und ohne die alles Oeschehene sinnlos bleibt. Es ist gut, solche Erkenntnis vorauszuschicken, wenn hier mit besonderem Nachdruck auf die ״Zeitschrift für die Geschichte der luden in Deutschland״*) verwiesen werden 8011, die jetzt ihren zweiten Jahrgang beginnt. Es handelt sich hier um ein wissenschaftliches Spezial- Studium, das fruchtbar wird, wenn seine Resultate durch uns aus dem bloß bewahrenden Gedächtnis in die Unmittelbarkeit lebendigen Sehens erhoben werden. Das bedeutet für uns eine Erweiterung unseres Gesichtskreises und eine Schär- *) Herausgegeben von Prof. Elbogen, Prof. Freimann, Rabb. Dr. Freudenthal; redigiert von Dr. Raffael Straus ln München und Dr. Friedländcr, Berlin; erscheint im Philo- ,Verlag.