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Jüdische Rundschau · 1930-04-01 · Heft 26 (1.4.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 26 (1.4.1930)
Date
1930-04-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 180 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 26, I. IV. 1930 Wie alle Völker? Ja, wie alle Völker! (Eine Auseinandersetzung mit Dr. Magnes.) Von Sch. Oorelik. I. Wenn auch der Unwille in den zionistischen Reihen gegen die Meinungen von Magnes in der Hauptsache wahrseheinlieh durch den Gebrauch, den er von ihnen gemacht hat, hervorgerufen worden ist, so sind doch auch diese Meinungen und Aeußerungen selbst von der Art, daß sie das Befremden, mit dem man auf sie reagiert hat, verständlich und gerechtfertigt erscheinen lassen. Wohl gemerkt: die Aeußerungen über das Wesen und die Ziele des Zionismus überhaupt stoßen auf entschiedenen Widerspruch und fordern eine ernste Diskussion. Die praktischen Vorschläge von Magnes über die Araberfrage sollen hier nicht berührt werden. Es genügt nur die Bemerkung, daß für die Araber auch Magnes ein Zionist ist wie alle anderen, dessen Vorschläge von ihnen als unannehmbar betrachtet werden. In den Augen der Araber ist Magnes ein Zionist, für den größten Teil der Zionisten aber ist wenig ersichtlich, aus welchen Gründen Magnes noch Zionist ist. Sein Zionismus ist derart verschwommen, derart seiner notwendigen Elemente beraubt, daß er fast wie eine Liebhaberei erscheint. Die Verkündung eines solchen Zionismus muß gerade in dieser Zeit sehr viele Zionisten empfindlich treffen, sie zu heftigem Widerspruch herausfordern. An dem Ostrakisinus, den man über Dr. Magnes zu verhängen versucht, will sich der Schreiber dieser Zeilen nicht beteiligen. Aber polemisieren möchte er mit ihm und aus einem notwendig erscheinenden Trotz antwortet er auf seine Frage ״Wie alle Völker?“ mit den Worten ״Ja, wie alle Völker“. Ja, wie alle Völker! Es ist sehr bemerkenswert, daß ein Teil der Zionisten höchst empfindlich geworden ist in bezug gerade auf diesen Punkt. Haben wir denn nicht alle auf eine oder andere Weise dem ״Ato Wechartonu-Kult“ gedient? War nicht in all den Jahrhunderten der Zerstreuung das Bewußtsein, den Anderen nicht zu gleichen, das Bewußtsein der Besonderheit unser größter Trost? Warum also diese Empfindlichkeit in der letzten Zeit? Die Erklärung kann meines Erachtens nur im folgenden liegen: weil diese Schicksalhafte Auszeichnung benutzt wird, Hoffnungen nicht zu stärken, sondern zu vernichten, proklamierte Rechte nicht aufrechtzuerhaltcn, 'sondern sie zu schmälern, weil sogar heimliche und offene Mißgönner, Widersacher unseres Vorhabens darin ein sehr geeignetes Mittel erblicken, den Zionismus zu bagatellisieren und aus einer Lebensfrage für das jüdische Volk einen Musterpavillon zu machen, wo Gruppen von Juden erreichte Vollkommenheiten auf ethisch-sozialem Gebiete demonstrieren können. Ein als weltfremd und idealistisch geltender Herr hatte das Pech, den Rest seines Vermögens einem gewiegten und gar nicht weltfremden Herrn zu borgen. Seine Bemühungen, es zurückzubekommen, blieben erfolglos. Einmal ertappte er seinen Schuldner gerade dabei, als er Geld, sehr viel Geld zählte und sich anschickte, seinen Besitz in die Tasche zu stecken. Der idealistische Gläubiger faßte Mut und forderte das Geborgte energisch zurück. Mit welchem Ergebnis? Der gewiegte Schuldner umarmte seinen Gläubiger und sagte zu ihm: ״Wozu brauchen Sie Geld, lieber Freund, Sie sind doch ein weltfremder Idealist, ein Träumer, Sie haben das Amt, ein Beispiel der Erlösung zu geben.“ Was blieb dem so Gefoppten anders übrig als aus allen Leibeskräften zu schreien: ״Ich bin gar kein Idealist, ich bin ein Mensch wie alle, ich bin gleich allen übrigen, die auf ihre Rechte bestehen, gebt mir mein Geld zurück.“ So ungefähr ist der Sachverhalt und aus ihm erklärt sich die Animosität des weitaus größten Teils der Zionisten gegen jede besondere Hervorhebung und Betonung der kulturellen und geistigen Ziele, gegen jeden sogenannten Missions-Zionismus. Dieselbe Animosität ist gegen den Achad-Haamismus, den falschen wie den wahren, in den zionistischen Reihen festzusteilen. Die zionistische Bewegung hat Achad Haam zwar sehr selten Folge geleistet, aber nicht nur ist dieser vornehme, feine, kalte Denker, dieser große Bremser respektvoll angehört worden, sondern ihm wurde eine beispiellose Ver* ehrung gezollt. Jetzt aber erleben wir, daß jedes Sichberufen auf Achad Haam die Zionisten mißtrauisch und wachsam macht. Wieder derselbe Grund: Achad Haam und seine Auffassung vom Zionismus wurde selbst von Nichtjuden auf den Schild gehoben mit der erkennbaren Absicht, sich über die wahren Ziele des Zionismus hinwegzusetzen. Man sagt ״gelstiges Zentrum“, man verneigt sich vor den kulturellen Plänen, man macht all diese Komplimente, und eigentlich beabsichtigt man dabei etwas ganz anderes, nämlich: dem Zionismus das Genick zu brechen. Da fangen auch die jüdischen Arbeiter in Palästina an, zu schreien, jene Tausende von jüdi* sehen jungen Menschen, die nicht nur wegen nationaler, son* dern auch wegen anderer hoher menschlicher Ideale nach Palästina gingen und sie in die Wirklichkeit umzusetzen versuchten. Da schreien sie: wir sind wie alle Völker! Und sic haben vollkommen Recht, wenn sie so schreien, denn zu gut wissen sie, zu stark fühlen sie, welche Gefahr droht. Nehmt diesen Arbeitern, die an den Musterkolonien ihre Seelen aufrichteten, nehmt ihnen die Illusion, daß Palästina Millionen von Juden aufnehmen wird und muß, und alles bisher Geleistete wird dem Untergang verfallen sein, keine Hand wird sich mehr erheben wollen, der Mut wird dahinsinken. Gerade diese ,Menschen, die aller Art ErlÖsungsschnsüchte hegen, werden als erste die errungenen Posten verlassen, wenn man sie der Hoffnung beraubt, daß gerade jüdische Massen, Miliio* nen Juden nach Palästina kommen werden, obwohl es unter Millionen schon nicht so leicht sein wird, absolute Gerechtig* kelt und Gleichheit herzustellen. Die Arbeiter kommen nicht mit einem Ultimatum, wie Magnes es tut, Indem er sagt: ״Kann Palästina nicht auf hoher ethischer Basis erbaut werden, dann lohnt es nicht, daß irgend jemand es nimmt.“ Die Arbeiter aber sagen: Juden her, viel viel Juden her! Und wenn es auch, was die hohe ethische Basis betrifft, nicht voll* kommen gelingt (wo gelingt es, wann Ist es gelungen?), wird man sich schließlich mit ein paar fluchenden Propheten schon zu helfen wissen. Denn in einer Beziehung sind wir wirklich den anderen Völkern ungleich: auf das Böse, das wir verüben, erwidert sofort ein plötzlich auftauchender Prophet mit leidenschaftlichem Fluch. Jerusalem sündigte und Rom 8ündigte. Die Sünden Jerusalems waren gewiß harmlos im Vergleich zu den Sünden Roms. Eigentlich äffte man nur Roms Laster nach. Aber während in Jerusalems Straßen Propheten durch ihre Strafreden alles in Unruhe versetzen, ergingen sich die römischen Philosophen in resignierten Betrachtungen über die Schwächen der Menschen und über die Unvollkommenheit der Welt. Sie spazierten, Indem sie diese Fest- Stellungen machten, in kostbare Gewänder gehüllt, durch die kühlen Räume ihrer Paläste: denn sie waren mehr Ironiker als Moralisten, mehr Stilisten als Weltverbesserer. Rom ging wegen seiner Laster zugrunde, Jerusalem aber, Jerusalern wurde zerstört, weil die Juden mit kochendem Wasser, mit nutzlosem Heldentum den gutorganisierten, mit den besten Instrumenten der Mord- und Kriegstechnik jener Zeit ausgerüsteten römischen Legionen zu trotzen glaubten. il. ״Wir sind wie alle Völker!“ Das soll in diesem Fall bedeuten, daß man auf den Ursprung des Zionismus, auf den wahren Ursprung zurückkommen soll: auf den Zionismus als Antwort auf die jüdische Not, auf die jüdischen Leiden, auf die jüdische Unsicherheit. Zwar ist cs nicht zu leugnen, daß die ständige Hervorhebung eigener Leiden eine gewisse demoralisierende Wirkung haben kann. Es besteht die Gefahr des Apologetentums und der Ucberheblichkeit. Aber dessenungeachtet ist bei Aufzählung der Motive, die den Juden zum Zionisten machen, das Motiv der Not, des großen Unbehagens hauptsächlich zu berücksichtigen. Nichts hat sich in dieser Hinsicht in der letzten Zeit geändert. Nach wie vor hätten wir die Berechtigung gehabt, unsere Kongresse mit einer großen Rede über die Gesamtlage des jüdischen Volkes einzuleiten, einer Anklagerede, wie sie es früher war, als Nord au auf den zionistischen Kongressen seine Rede hielt Derjenige, welcher wie Magnes bei Betrachtung des Zionismus diesen ursprünglichen Boden verläßt und sich auf den Boden von Missionismen geistiger, kultureller und moralischer Art stellt, der beraubt, wie sonderbar es auch klingen mag, den Zionismus seiner Daseinsberechtigung. Man kann nicht für den Zionismus plaidieren, indem man sagt: es geht uns zwar mit jedem Tag immer besser und besser, nicht nur denken wir Diasporajuden nicht unterzugehen, sondern im Gegenteil, wir werden immer stärker, aber Palästina ist nun einmal unser Heiliges Land, nicht nur übrigens für uns, es ist das Heilige Land, und deswegen müßt Ihr Araber uns die freie Ein- Wanderung sichern, die wir benötigen, um eine Million Juden in das Land zu bringen zwecks Förderung eines geistigen und kulturellen Heimes. Für den Ethiker Magnes, der Palästina auf hoher ethischer Basis aufbauen will, muß doch klar sein, daß man nur im Namen geistiger Kultur, nur aus dem Verlangen heraus ״eine ethische Gemeinschaft aufzubauen und dadurch das Land heiliger zu machen“, kein Recht hat, einer Bevölkerung, die schon dort wohnt, eine Nachbarschaft aufzuzwingen. Wir sprechen nicht davon, daß es für ein geistiges Zentrum gar nicht notwendig ist, eine Million Juden zu haben. Für Jawneh genügte auch eine geringere Zahl, Jawneh braucht nur ein Häuflein (die Armenier haben ihr Kultur- Zentrum in einem Kloster bei Venedig). Nein, nein! Wir können den Zionismus vor der Welt nicht begründen, nicht verantworten, indem wir sagen: es zieht uns nach Palästina, weil wir dort hebräisch sprechen und gute Bücher schreiben wollen. Noch weniger können wir den Zionismus mit der eventuellen Aussicht, der Welt das Beispiel einer neuen hei!- bringenden Lehre zu liefern, begründen. Man braucht keine neuen heilbringenden Lehren. Käme es nur auf Lehren an, fürwahr, die Menschheit, die Welt könnte in einer halben Stunde glücklich werden. Der geringe sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft kann auf keineft Fall durch den Mangel an hohen Lehren erklärt werden. Der Zlonismus hat seine einzig wahre Berechtigung in der Not der Juden, die groß ist, in der Tatsache, daß Hunderttausende von Juden in der Welt umherirren und überall auf gesperrte Tore stoßen. Palästinas Tore aber müssen offen bleiben, weil es das ehemalige jüdische Land ist, aus dem Juden nicht freiwillig, sondern mit Gewalt verschleppt und vertrieben worden sind, und an das sie niemals während der 2000 Jahre des Exils aufgehört haben, zu denken (sogar einige ernste Versuche, es zurückzubekommen, haben sie gemacht). Der Zionismus kann immer nur in der Unsicherheit von Millionen Juden, in den steigenden Wellen des Antisemitismus, in der Aussichtslosigkeit der Assimilation seine Erklärung und Berechtigung finden. Zionismus kann man nicht mit Achad Haam, sondern nur mit Grätz, mit den 13 Bänden Jüdischer Geschichte argumentieren. Und auch jehuda Halevy war so- Zusagen ein Pogromzionist. Er fühlte den spanischen Pogrom voraus, er war nicht sicher mit Spanien. Es zog ihn nach Palästina, nicht weil er dort bessere Gedichte zu schreiben hoffte (er schrieb auch im Exil gute Gedichte, man kann überhaupt gute Bücher und gute Gedichte Im Exil schreiben), sondern weil In ihm die Erinnerung lebte an die Zeit, als die Juden noch frei und selbständig waren. Magnes hat den ursprünglichen Boden des Zionismus verlassen, er hat die Hauptargumentation des Zionismus nicht berücksichtigt und daher scheint er uns auf einmal so fremd, so fern. Er ist Übrigens nicht der einzige, der den ursprüngliehen Boden verließ. Es ist überhaupt ein sehr großer Fehler, daß wir vor den Freunden in der christlichen Welt, den warmen, wie den lauen hauptsächlich Über die sozial-ethischen Versuche, die unsere Arbeiter in Palästina machen, sprechen, und fast gar nichts über die wahren Gründe, die den Juden zwingen, in seine alte Heimat zurückzugehen. Auf den zionistlschcn Kongressen vor dem Kriege war man unhöflich genug, über diese Gründe zu sprechen. Die zionistische Atißenpföpaganda in den letzten Jahren sah ihre Aufgabe größtenteils darin, die Welt zu einer Paradeschau reinzuladen, die durch Triaden begleitet waren, wie etwa: Seht, was wir früher waren und was wir jetzt sind. Die Welt sah sich die Kwuzöth an, und wenn sie In guter Laune war, sagte sie einige Schmeicheleien und schmunzelte heimlich recht Ironisch: weltfremde Toistoijaner. Es gab aber auch solche, die überlegten: wir lassen den Juden die Versuchsstationen und auch das, was sie unter Kultur und geistigem Zentrum verstehen, und ziehen uns aus der Affäre. Keine bessere Gelegenheit als auf diese Weise den Zionismus zu begraben. Die Zahl der Achad Haamiiten in England nahm zu* sehend® zu..... HI. Einer der klügsten, hellsten und geistreichsten Köpfe des russischen Zionismus, der leider zu früh verstorbene und den Westzionisten fast unbekannte A. Idelsohn hat schon vor zwölf Jahren, gleich nach der Balfour-Deklaration, als alle im höchsten Rausche sich befanden, das Bild des englischen Kolo• nialbeamten vor sich gesehen, wie er über ״Ali Prnchat Drachim“ gebeugt, Achad Haam studierte. In der tiefen, glänzenden Analyse der Balfour-Deklaration, die er vor dem zionistischen Merkas im Jahre 1918 in Petrograd gegeben hat, sah er die Möglichkeit voraus, daß man vielleicht versuchen wird, mit der ״geistigen Münze zu zahlen“. ״Ich glaube," sagte er damals, ״daß in den englischen Kreisen auch jetzt die Vorstellung von Zionismus im achadhaamlstischen Sinne herrscht, und daß eine solche Vorstellung genau den Syrapathien des Nachmittag-Engländers entspricht.“ Unter dem Nachmittag-Engländer verstand er jenen im Smoking gekleideten Gentleman, welcher sich zu dieser Zeit (vormittags ist er ein kalter Imperialist) als großer Bibelfreund offenbart und als solcher in sich Sympathien für den Zionismus entdeckt. Wir sind natürlich auch für diese paar Nachmittagsstunden dankbar, aber wir hätten vielleicht in Palästina viel Unglück nicht erlebt, wären die palästinensischen Beamten in der Weise instruiert gewesen, daß man Interesse für den Zionismus nicht nur in den Nachmittagsstunden, sondern auch hauptsächlich in den Vormittagsstunden, den Dienststunden, haben muß.... Dieser Idelsohn! Sehr fehlt er uns jetzt. Seine scharfe analytische Feder hätte sicher vielen geholfen, aus dem gedanklichen Wirrwarr herauszukommen, in welchen sie geraten sind. Seiten Übrigens hat jemand soviel Verständnis für Realitäten gehabt wie er. Er sah in all den Jahren seines bedeutungsvollen Wirkens seine besondere Aufgabe darin, jeden Juden, jeden Zionisten, der sich zu weit in das Reich der Illusionen wagte, durch eine kalte Dusche schommgsloser Logik zu ernüchtern und ihn auf den Weg der Tatsachen zurückzubringen. Aber noch unbarmherziger verfuhr er mit all denen, die predigten, daß die Ziele des Zionismus auf dem Gebiet von allerhand Missionen Hegen, daß er ״Jahaduth“ retten und weiterentwickeln will und muß. Er wußte natürlich, daß, wenn ein Nachtnan von Bratzlaw nach Palästina ging, es gewiß mit heiligen Dingen zu tun hatte, aber wenn es sich um jüdische Massen handelte, die 1!2ch Palästina wollten, so konnte er in ihnen nichts anderes sehen als Juden, die in Palästina ein schlechtes für ein besseres Leben eintauschen wollen. ״Der Zionismus“, sagte er, ״ist die Fortsetzung der Haskala. Sein Hauptziel ist das Leben. Seine Hauptsorge ist nicht, die Kulturwerte zu hüten, sondern den Juden zu einem normalen glücklichen Leben zu verhelfen. Kultur, Sprache sind für den Zionismus nur Mittel, aber nicht Ziel des Lebens.“ Seine nicht besonders hohe Meinung vom Menschen überhaupt, konnte es auf keinen Fall zulassen, daß Juden ganz besondere Menschen seien, Menschen nicht von dieser Welt, und daß sie deshalb nach Palästina gehen, weil sie hebräisch sprechen wollen. Vielmehr nahm er an, daß es die Juden, wenn sie gesunde normale Menschen wie alle sind, nach Palästina zieht, hauptsächlich, weil sie hofften, dort wirklich frei, normal, unverfolgt, unbefeindet als Juden leben zu können. Daß die Juden in Palästina hebräisch sprechen werden, hat auch er mit Sicherheit angenommen und es keineswegs als Heldentum, sondern als etwas sehr Natürliches betrachtet. Daß dabei eine eigene nationale Kultur entstehen würde, glaubte und hoffte er, weil die Juden immerhin ein fähiges Volk sind und gewandt in geistigen Dingen. Aber das sind alles Folgen und nicht Ziele. Und wenn ein geistiger Zionist ob solcher Nüchternheit sich gekränkt fühlte, versuchte er ihn zu trösten, indem er zu ihm sagte; ein normaler Mensch wäscht sich zuerst, dann frühstückt er, ißt Mittag und Abendbrot und dann erst endlich geht er ins Theater.... Es würde sich lohnen, über diesen bedeutenden Kopf und diese strahlende Persönlichkeit einmal ausführlich zu reden. Beim Lesen der Broschüre von Magnes, besonders bei den Stellen, wo er sagt, daß unser Hauptstreben ist, das Land noch heiliger zu machen, mußte ich an Idelsohn und seine sarkastische, unerbittliche, ehrHche Feder denken. Er war ein herzensguter, liebenswürdiger Mann, aber er hätte nicht umhin gekonnt, Dr. Magnes die ganze Schärfe seiner Feder fühlen zu lassen und ihm beim Lösen der von Ihm selbst aufgeworfenen Frage, ob er noch Zionist sei, die nötige Hilfe geleistet. BaUonr-Gedenkfeier in London nnd Berlin Die britische Sektion der Jewish Agency veranstaltet am Dienstag, dem 1. April, In der Albert Hall in London eine Gedenkfeier für Balfour, auf der Lord Meichett, Viscount Robert Ce cii, der frühere Kolonienminister L. S. Amery, die Gattin des Schatzkanzlers Frau Philip Snowden, das Mitglied des Unterhauses Colonel Josiah Wedgwood, ferner Dr, Welzmann und Nahum Sokolow die Hauptredner sein werden. Weizmann führt den Vorsitz, In Berlin verar.staltet am Mittwoch, dem 2. April, abends 8(4 Uhr, die Zionistische Vereinigung für Deutschland gemeinsäm mit der Berliner Zionistischen Vereinigung im Bach-Saal, Lützowstr. 76, eine Gedenkfeier anläßlich des Todes von Lord Balfour unter Mitwirkung des Kammerorchesters Michael Taube. Gedenkreden werden halten Dr. Chaim Arlosorof f, Tel-Awiw, und der Präsident der Z.V.f.D. Kurt Blumenf e Id. Prcsseschan ln mehreren Jüdischen Zeitungen Deutschlands erschien ein Artikel ״Das einzig Sichere" von Moses Waldmann, dem wir folgenden Absatz entnehmen: In diesen Tagen wird auf Grund des Berichtes der par- Iamentarisdien Untersuchungskommission vor aller Welt noch einmal das Problem des jüdischen Paiistinaaufbaus behandelt. Noch ist nicht ganz klar, welche endgültigen Maßnahmen die britische Regierung als Mandatarmacht ergreifen wird, um eine Wiederkehr solch trauriger Ereignisse wie im August 1929 in Palästina zu verhindern. Eines aber ist gewiß: nach wie vor wird alles von unserer eigenen Leistung, von unserer Opfer- Willigkeit, von unserer Einsicht und von unserer Haltung abhingen. Das gilt sowohl für die reine Kolonisationsarbeit wie auch für die Regelung unserer Beziehungen zu den Arabern. Es wäre ein unglückseliger Irrtum, wollten wir die Verantwortung für alles in der Zukunft zu Tuende auf Faktoren abwälzen, deren Entschlüsse unserer eigenen Entschlußfähigkeit entzogen sind. . . . Desgleichen muß die Ueberbrückung der Gegensätze zwischen uns und dem arabischen Volke in Palästina durch unsere Einsicht und unsere politische Reife versucht und durchgeführt werden. Erstens, damit wir einmal als autonome Gesamtheit lernen, unser Verhältnis zu anderen Völkern zu regeln, zweitens weil nur eine derartige Prozedur uns davor behüten kann, daß man uns die Gesetze des Handelns vorschreibt.

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