Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-03-28 · Heft 25 (28.3.1930) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 25 (28.3.1930)
Date
1930-03-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653181--21470-2679571
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

0 Nr 25, 28. HI 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 169 rt in daO der Har• trag niniums Ich mit chen ihrt; riedüber mein der :rem Abeilen wir wer. der rbeit t 711 , die Ilgen rlich, rnen, : für über eiltet teten iclier e es ir zu ^cizsvali llung Oe• daß 1 der ,sseti, neter kein erteil 1000(! sieb imilie ldertt enug, der .eben Dez ist, )eklastina- :eilt jetzt Remo den! und einer rt, sie wiche Einer jeftihl Wir n der 1 Oe- 1!s in heute atten: it gebwohl roßen ld in en in :wicht 8 wir tiefer rency, 1t redes die haben ihmen Is nur i der :r Bcr unsen Haieines ir uns istand Lage Ischen 1, daß chten. varen, t sei,! Vergreift, a aufmmen haben Juden Ischen , sind Wir unsere 1 Me- Außenpolitische Umschau Griechenlands Zentenarfeier — Belgien als binationaler Staat — Die Annäherung der arabischen Könige — Stabilisierung der Regierung MacDonald RW, Berlin, 26. März 1930. In diesen Tagen feiert Griechenland die Hunclertjahrfeier seiner Unabhängigkeit. Mit der griechisehen Revolution begann das Zeitalter der nationalen Staatengründungen, das zumindest in Europa mit dem Ende des Weltkriegs seinen Höhepunkt erreicht hat. Die besten Geister Europas wandten damals den um ihre nationale Wiedergeburt kämpfenden Griechen ihre Sympathien zu. Ein schwärmerischer Enthusiasmus ergriff das fortschrittliche und geistige Europa, nicht nur weil liier die Idee der Freiheit durch ein geschichtliches Ereignis symbolisiert schien, sondern auch weil es sich um die Griechen handelte, weil man sich erinnerte, daß auf griechischen Leistungen die abendländische Kultur beruht. Wir haben hier ein Beispiel dafür, wie der idealistische Freiheitskampf eines Volkes, das sich ganz für seine nationalen Ziele einsetzt, die öffentliche Meinung zu sich herüberzwingt, auch wenn die reaktionären politischen Kräf'.e (die damals im Geiste Metternichs die Großmächte regierten) Widerstand leisten. Oft ist in jüdisch-nationalen Kreisen die Erinnerung an die griechisehe Erhebung beschworen worden. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Proklamierung der griechischen Unabhängigkeit regten sich die ersten Vorboten des jüdischen Erwachens, und fast 100 Jahre nach der griechischen Revolution hat ein soeben verstorbener 1epräsentativer Mann des heutigen Europa, den bei den Trauerreden im englischen Unterhaus vorige Woche Baldwin als den ״letzten Athener“ bezeichnet hat, daran erinnert, daß die abendländische Kultur auf dem Erbe nicht nur der griechischen, sondern auch der jüdischen Nation beruht. Hellas ist frei, Jerusalem ist noch eine bloße Idee. Das jüdische Problem bietet der Welt die ״letzte Nationalitätenfrage“ dar. In allen Völkern haben sich Menschen für die Idee der jüdischen Renaissance begeistert, wenn auch nur wenige eine ähnliche Aktivität entwickelt haben, wie vor hundert Jahren die Griechenfreunde. Freilich dürfen wir nicht übersehen, daß der Vergleich zwischen der griechischen Erhebung und der jüdischen Renaissance ein sehr unvollständiger ist. Die Griechen haben ihr Vaterland niemals verlassen, wenn sie auch eine recht große Diaspora hatten, vielleicht größer als irgendein anderes Volk mit Ausnahme Irlands. Aber bei ihnen ging es um Abwertung der türkischen Fremd- Herrschaft, um Aenderung der äußeren Formen ihres bereits vorhandenen Volkslebens. Bei uns Juden geht es um die Gewinnung eines Nationalheims, das wir erst besiedeln müssen, in einem Lande, das obendrein von einem anderen Volk teilweise besetzt ist. Die jüdische Diaspora ist von anderer Art als die griechische, denn es fehlt ihr das Zentrum eines Mutterlandes. Und das jüdische Volk hat im Gegensatz zu den Griechen während der jahrhundertelangen Trennung von seinem Lande seine Tradition fortgesetzt und ein intensives eigenartiges geistiges Leben geführt. Die Juden sind heute auch in ganz anderem Maße an der Kultur Europas beteiligt als die Griechen sogar 100 Jahre nach der errungenen Selb* ständigkeit. Das jüdische Problem ist also komplizierter und verschieden von allen andern nationalen Befreiungsbewegungen, die durch einfache Anwendung des Grundsatzes des Selbstbestimmungsrechts der Völker lösbar sind. Das wußte auch der Verfasser der Balfour-Deklaration, der bei vielen Gelegenheiten auf die Einzigartigkeit der Judenfrage hinwies. Für die jüdische Renaissance gibt es keinen Präzedenzfall, und die Lösung, die in Palästina gefunden werden muß, hat mit allen Realitäten des jüdischen Volkslebens und des Landes Palästina zu rechnen, ln einem Punkte aber ist unsere nationale Bewegung den anderen vergleichbar: auch wir sind darauf angewiesen, die Sympathien und Hilfe der zivilisierten Welt für unsere Sache zu gewinnen. Die Judenfrage ist eines der drückendsten ungelösten Weltprobleme. Die Welt ist an seiner Lösung ebenso interessiert wie wir. Das jüdische Volk hat einen Anspruch auf nationales Eigenleben, und die besten Elemente des heutigen Europa müssen überzeugt werden, daß die jüdischen nationalen Ziele im Einklang mit dem Prinzip der Gerechtig- Reit verwirklicht werden können. Auch wir begrüßen das befreite Griechenvolk mit Sympathie. Wir ersehnen eine Weltordnung, die der Entfaltung jeder nationalen schöpferischen Eigenart Platz bietet, ohne Beeinträchtigung anderer Nationen und ohne politischen Mißbrauch des nationalen Gedankens zur Vergewaltigung anderer. Dieser Gedanke der freien nationalen Entfaltung ohne machtpolitische Uebergriffe auf das national-kulturelle Gebiet ist besonders für Palästina wichtig, wo zwei Völker Zusammenleben müssen. Dieses Zusammenleben bietet ein hartes Problem, das auch andern Ländern nicht fremd ist. Wir sehen auch anderswo eine Trennung der staatlichen von der nationalen Sphäre sich vollziehen, die nur möglich ist in Verbindung mit der Ausbildung eines starken Staatsgefühls, das dazu verhilft, in Angelegenheiten des gemeinsamen Vaterlandes auch gemeinsame Ziele zu setzen. Ungeachtet der vollen Unabhängigkeit in allen nationalen Angelegenheiten sollen im allgemeinen Staatsleben sowohl die Sprachen der den Staat bewohnenden Völker als auch die einzelnen Staatsbürger völlig gleichberechtigt sein. Ein interessantes Beispiel einer derartigen Entwicklung bietet Belgien, das «ach schweren inneren Krisen in den letzten Wochen GEDENKFEIER der Zionistischen Vereinigung für Deutschland gemeinsam mit der Berliner Zionistischen Vereinigung anläßlich des Todes von LORD BALFOUR am Mittwoch, den 2. April, abends 6‘/1 Uhr im Ba<h־$aai, Berlin W35, Lützowstr. 76 (Magdeburger Platz) PROGRAMM: Trauersymphonie von P. LOCATELLI -Kammerorchestcr MICHAEL TAUBE ANSPRACHEN: GHAIM ARLOSOROFF, Tel״Awiw / KURT BLUMENFELD Air aus dem Concerto grosso d-moll von HÄNDEL Kammerorchester MICHAEL TAUBE Karten zu Mark 2.—, 1.—, 0.50 im Büro der Berliner Zionistischen Vereinigung, Berlin W 15, Meinekestrafee 10. — (Telephon: Bismarck 7165) und an der Abendkasse. der Lösung seiner Nationalitätenfrage ein gewaltiges Stück nähdr gekommen ist. Belgien hat den Flamen die Universität Gent gegeben und — so heißt es — nach diesem ersten Schritt zum nationalen Frieden soll jetzt eine umfassende Verwaltungsreform vorgenommen werden mit dem Ziel der vollen Gleichberechtigung der beiden Sprachen, d. h. Einführung auch der flämischen Sprache im Amtsverkehr und sogar in der Armee. Wir haben also hier das Vorbild eines binationalen Staates, der auch dadurch charakterisiert wird, daß der Name des Gesamtstaates nicht identisch ist mit dem einer der beiden Nationen. Es gibt keine ״belgische“ Nationalität, dennoch fühlen sich Flamen wie Wallonen, bei voller freue zu ihrer nationalen Eigenart, als Belgier. Das ist eine ganz andere Position als die der nationalen Minderheiten in Polen oder Tschechoslowakei, denn hier sind beide Völker Staatsvölker, womit natürlich noch nicht aller Reibungsstoff zwischen den beiden beseitigt ist, aber dennoch ein modus vivendi besteht. Diese Entwicklung in Belgien kann wohl als epochal bezeichnet werden. Es ist kein zu großer Optimismus nötig, um anzunehmen, daß Palästina faei zunehmender jüdischer Einwijndfrung sich nach ähnlichen Gesichtspunkten entwickeln kann. Man braucht sich nur vorzustellen, was es für das gesamfe Judentum bedeuten würde, wenn das hebräische Judentum Palästinas zu einer ähnlichen Position gelangte, wie sie heute eine der beiden Nationalitäten im neuen Belgien haben. Daß dieses Ziel friedlich erreichbar und erstrebenswert ist, darauf gründen wir die Hoffnungen des Zionismus. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß angesichts der Lage in dem in ständiger Wandlung begriffenen Vorderen Orient sich für eine solche Neugestaltung unter besserer Ausnützung alle!• Siedlungsmöglichkeiten größere Perspektiven für das jüdische Volk ergeben. * Im Vorderen Orient gehen heute auch wichtige Umgruppierungen vor sich. Zwischen den beiden seit Jahrzehnten feindlichen Häusern der Haschimiten und Wahabiten ist eine Annäherung zustande gekommen, die gekrönt wurde durch die persönliche Begegnung der Könige Ibn Saud von Hedschas und Feisal von Irak auf einem englischen Kriegsschiff im Persischen Meer. Der seit dem Weltkrieg die Mittelpunktsfigur der arabischen Freiheitsbewegung bildende König Hussein von Hedschas wurde bekanntlich vor 5 Jahren von Ibn Saud besiegt und verjagt und der kurze Glanz seines Kalifats war damit verflogen. Die Söhne Husseins, Abdalla von Transjordanien und Feisal von Irak, nunmehr die Nachbarn Ibn Sauds, standen mit diesem in dauernder Fehde, und auch Ibn Saud konnte seiner eigenen unbotmäßigen Stämme, die Ueberfälle auf mesopotamisches Gebiet unternahmen, kaum Herr werden. Diese Lage hat sich jetzt geändert. Feisal und Ibn Saud haben sich über gewisse Grenzschutz- und Polizeifragen geeinigt Darüber hinaus aber kann die persönliche Annäherung der beiden mächtigsten arabischen Fürsten für die Entwicklung der arabischen Bewegung von großer Bedeutung werden. Dieser Friedensschluß ist das Werk eines Toten, der ein großer Freund der Araber war. Dieser Mann, Sir Gilbert Clayton, der vor einem halben Jahr als High Comhiissioner in Bagdad plötzlich gestorben ist und die Früchte seines Wirkens nicht mehr sah, ist auch uns kein Unbekannter. Als Zivilsekretär Palästinas hat er sich allgemeine Sympathien erworben, und sowohl nach Herbert Samuels als auch nach Lord Plumers Abgang wurde in zionistischen Kreisen sein Name als der des erwünschtesten Kandidaten für das Amt des High Commissioners von Palästina genannt. Vielleicht hätte Clayton auf diesem Posten etwas für die Annäherung der beiden Völker Palästinas tun können. Sicherlich wäre es nützlich, wenn jetzt Persönlichkeiten von seiner Art, die das Vertrauen beider Völker genießen, auf dem Plan erschienen. Für die zionistische Politik aber ist der Friedensschluß der arabischen Könige wieder eine Mahnung daran, daß auch im Osten Palästinas Machtfaktoren von erheblichem Gewicht heranwachsen. Die zionistische Politik, die bisher ausschließlich nach dem Westen orientiert war, sollte nicht versäumen, den Kontakt auch mit dem Osten aufzunehmen; denn die Sympathien der Palästina umgebenden arabischen Staaten sind aus politischen und wirtschaftspolitischen Gründen für uns ebenso wichtig wie die der europäischen und amerikanischen Welt. Wir können gewiß die Festigung der arabischen Reiche durch die neuen Freundschaftsbeziehungen begrüßen; sie bringen in die orientalische Politik ein Moment der Stabilität, das auch für uns eine politische Arbeit auf lange Sicht möglich macht. * Ein Moment der Stabilität ist jetzt auch in die britische Politik gekommen. Bekanntlich wußte die Regierung MacDonald bisher nicht, ob sie die nächsten Monate überleben wird. Man rechnete fast allgemein mit Neuwahlen im Mai. In den letzten Tagen aber haben sich, wie es scheint, unter der Wirkung des neuen konservativen Schutzzoll - Programms die Liberalen mit der Arbeiterregierung dahin geeinigt, daß die Liberalen, die das Zünglein an der Wage bilden, dem Kohlengesetz keine Schwierigkeiten mehr machen werden, wogegen die Regierung sich verpflichtet, eine Wahlreform noch vor Ausschreibung der nächsten Wahlen durchzubringen. Wenn aber keine Neuwahlen im Mai stattfinden, dann — so schreibt der gut unterrichtete ״Observer“ — weiß jedermann, daß dies einen Aufschub für mindestens zwei Jahre bedeutet. Denn nach der Publikation des Simon-Berichtes über Indien könne man das Land nicht einem innerpolitischen Kampf aussetzen. MacDonald wird also sowohl bei der Reichskonferenz als auch bei der Indien-Konferenz im Herbst den Vorsitz führen. Wenn diese Informationen, die bisher keine offizielle Bestätigung haben, sich bewahrheiten, dann wird auch die Lösung des Palästina- Problems noch in den Aufgabenkreis der Arbeiterregierung fallen. Die Tatsache, daß die Wahrscheinlichkeit von Neuwahlen im Mai bestand, hat natürlich auch die Aktivität der zionistischen Politik stark behindert. Ja, es ist kein Geheimnis, daß manche zionistischen Politiker ihre Spekulationen bereits auf die künftige konservative Regierung stützten, von der manche eine Politik der starken Hand auch in Palästina erwarten. Es bleibe dahingestellt, ob es richtig ist, von den Konservativen — selbst wenn man ihren Sieg bei etwaigen Neuwahlen als sicher betrachten will, was wir durchaus nicht tun — einen grundsätzlich neuen Kurs im Vorderen Orient zu erwarten; man muß bedenken, daß in manchen Gebieten die Arbeiterpartei nur das Erbe der Konservativen ausführt, daß z. B. Sir Gilbert Clayton seine Vorschläge über die Befreiung des Irak noch unter konservativer Herrschaft ausarbeitete. Wie dem auch sei, nach der jetzigen Sachlage wäre es sehr riskant, mit dem Gedanken eines nahen Sturzes der Arbeiterpartei zu spielen. Man ■darf wohl annehmen, daß nach Abschluß der Flottenkonferenz die Regierung das Palästina- Problem auf die Tagesordnung stellen wird, lnzwischen wird auch die palästinensische arabische Delegation in London sein, die zufällig zugleich mit der ägyptischen Delegation eintrifft, die den neuen englisch-ägyptischen Vertrag zustande bringen soll. Ein gewisser Zusammenhang besteht ja auch zwischen Palästina- und Aegypten-Politik. Sache der Jewish Agency ist es, der Regierung solche Vorschläge zu unterbreiten, die sie mit Erfolg auch im Parlament als ein Programm praktisch durchführbarer Palästina-Politik vertreten kann. Wir nehmen an, daß ein derartiges Programm vorliegt und, nach seiner Approbierung durch Aktionskomitee und Adininistrative Committee der Agency nunmehr weitergeleitet werden wird, damit die Jewish Agency die Initiative in der Hand behält und nicht der unerwünschte Zustand entsteht, daß wichtige Entscheidungen ohne Mi*- Wirkung der Jewish Agency getroffen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.