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Jüdische Rundschau · 1930-03-25 · Heft 24 (25.3.1930) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 24 (25.3.1930)
Date
1930-03-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 104 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 24, 25. III. 1930 davon überzeugt sein, daß, wenn die Juden in noch kleinerer Zahl als jet/t im Lande gewesen wären, der Jischuw zerstört worden wäre. Dies beweise wiederum die dringende Notwen• digkeit einer Fortführung der praktischen Arbeit. Es mögen Differenzen bezüglich der Methode der Arbeit bestehen, aber bezüglich der Grundlagen des Zionismus gäbe es keine Meinungsverschicdenheit. Er habe das volle Vertrauen, daß sich die Bewegung aus der schwierigen Lage herausarbeiten und vorwärts gehen werde. * In den folgenden Sitzungen beschäftigte sich das A.-C. mit einer Reihe organisatorischer Fragen. Ferner referierten die Herren Dr. H antke und J a f f e über den Keren Hajessod und Rabbi Berlin über den Hilfsfonds, woran sich eine längere Debatte schloß. In den letzten Sitzungen des A.-C. wurden eine Reihe von Resolutionen angenommen, die jedoch nicht veröffentlicht wurden. Die Sitzung des Administrative Committee der Jewish Agency wurde am 23. d. M. mit einem Referat Dr. Weizmanns eröffnet, woran sich eine Debatte anschloß. Berliner Jüdische Gemeinde Schluß der Etatdebafte In der Sitzung der Repräsentanten Versammlung der Jüdisehen Gemeinde Berlin am Donnerstag, dem 20. März, wurde die Hauptaussprache über den Gemeindeetat für 1930, die schon die zwei vorangegangenen Sitzungen ausgefüllt hat, zu Ende geführt. Vor Eingang in die Tagesordnung fand die Amtseinführang des zum stellvertretenden Mitglied des Gemeinde- Vorstandes gewählten Herrn Professor Dr. Seligmann statt. Dr. Fleischer (Üb.), der zur Fortsetzung der Etatdebatte das Wort ergriff, führte aus, seine Freunde könnten es nicht zugeben, daß die Schulpoütik in den Händen eines Mannes (Dr. Kollenscher) verbleibt, der für Minderheitenrechte der Juden eingetreten ist. Der Redner wandte sich gegen Emil Ludwigs Ausführungen in der ״Vossischen Zeitung“, der die Judenheit heimatlos nannte, und schloß, die größte Leistung des deutschen Judentums ist nicht das Werk in Palästina, sondern der Kampf um Gleichberechtigung. Hans Goslar (Volksp.) knüpfte an den sachlichen Berieht des Gemeindevorsitzenden Herrn Kareski an, der auch außerhalb der Kreise der Berliner Gemeinde Bewunderung erregt hat, eine Bewunderung, die sich auf das, was die Gemeinde leistet, erstreckt Die Vorwürfe gegen Dr. Kollenscher seien unberechtigt; die Volkspartei ist mit der Art, wie er das Schuldezernat leitet, einverstanden. Es sei eine Ehrenpflicht der Gemeinde, möglichst allen jüdischen Kindern die Möglichkeit zu schaffen, jüdische Schulen zu besuchen, in denen die jüdische Jugend mit jüdischem Geist gestärkt und mit Widerstand gegen die kommunistische Propaganda gewappnet wird. Goslar knüpfte an die vor kurzem stattgefundene Besprechung der jüdischen Wirtschaftsführer in der Angestelltenfrage an und verlangt mehr Verantwortungsbewußtsein seitens der jüdischen Chefs, um der erschreckenden Stellungslosigkeit zu steuern. Stärkste Pflicht der jüdischen Gemeinde sei es, den sabbattreuen Angestellten zu helfen. Der Redner wies darauf hin, daß der preußische Staat 90 Millionen für die christlichen Kirchen jährüch verwendet und außerdem noch theologische Lehrstühle und konfessionelle Lehrerakademien unterhält, da* gegen aber für die Bedürfnisse des jüdischen Unterrichts kaum 400000 M. verwendet. Man müsse von der Regierung paritä tische Behandlung fordern. Der Redner regte die Angliederang eines jüdischen Verlages an das Gemeindeblatt zur Herausgabe von Werken für Schüler und Abiturienten an; für später käme die Gründung eines Zentralverlages in Betracht. Bei den kommenden Gemeindevvahlen, tue um die großen Güter des Judentums geführt werden sollen, müsse man der verhetzten deutschen Oeffentlichkeit das Beispiel eines vornehmen sachlichen Wahlkampfes geben. Dr. London (üb.) schließt sich diesem Appell Goslars namens seiner Fraktion an. Er wendet sich dagegen, daß die Gemeinde sich mit Abwehrkampf befaßt. Frau Lina Wagner-Tauber (Volksp.) regt die Schaffung einer Jugendbeiiage zum Gemeindeblatt an, Ke Redtierin tritt für die Ausgestaltung des jüdischen Schulwesens ein und für Förderung der Sache der jüdischen Angestellten auch bei staatlichen und Stadtbehörden. Sie wies auf die Tatsache hin, daß es in Berlin im ganzen zwei jüdische Schutz- Polizisten gibt. Kareskis Schlußwort In seinem Schlußwort nimmt der Vorsitzende der Gemeinde, Dr. Kareski, ausführlich Stellung zu den Bemerkungen der einzelnen Redner. Das Niveau der Generaldebatte namentlich am ersten Aussprache-Abend habe ihn sehr befriedigt. Er habe es sich zur Aufgabe gestellt, bei allen grundsätzlichen Verschiedenheiten einen Weg gemeinsamer Arbeit zu finden; es gibt einen jüdischen Gesamtwillen, und dieser gibt die Grundlage für gemeinsame Arbeit. Der Redner gibt einen Rückblick auf die Entwicklung der Finanzen der Gemeind e seit Ende der Inflation, die das Gejneindevermögen vernichtete und sagt, alle, die an dem Wiederaufbau der Gemeindefinanzen und des Gemeindevermögens gearbeitet haben, begehren nicht Dank, die Arbeit selbst ist Dank genug. Die Gemeinde tut viel — durch ihre Darlehenskasse und durch Uebernahme von Bürgschaft für anderseitige Kredite — um der Mittelstandsnot zu steuern. Der Redner berührte noch die Fragen des Ledigenheimes, der Schule, der Abwehr, des Jugendpflegeausschusses und wies insbesondere darauf hin, daß die Berliner Gemeinde ihre Jugend in Obhirt nimmt und ein gutes Verhältnis zu ihr besitzt, während andere Gemeinden kein Verhältnis zu ihrer Jugend finden. Der Vorsitzende schloß mit dem Bekenntnis zur jüdischen Einheitsgemeinde. In der nächsten Sitzung wird in die Spezialdebatte eingegangen werden. Weitere fflnl Todesnrteile Jerusalem, 20. März. (J.T.A.) Das Kriminal-Assisen- Gericht, zusammengesetzt aus den Richtern Corrie und Defreltas, hat nach zweistündiger Beratung das Urteil im Prozeß gegen neun Araber gesprochen, die beschuldigt waren, die Mitglieder der jüdischen Familie Aboushdid ln Hebron während der Unruhen im August 1929 ermordet zu haben. Fünf der Angeklagten wurden zum Tode verurteilt, die vier weiteren Angeklagten wurden wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. London, 21. März. (J. T. A.) Das Juristische Komitee des britischen Kronrates trat heute in die Behandlung der Appelle gegen die von palästinensischen Gerichten in den letzten Monaten ausgesprochenen Todesurteile ein. Es gelangten zunächst drei Berufungen gegen Todesurteile, die Araber betreffen, zur Behandlung. Entscheidungen sind noch nicht gefallen. Das Rückgrat der Kolonisation Von Julius Simon, New York. I. Das Grundprinzip des Keren Kajemeth: ,,Boden in Palästina als unveräußerliches Eigentum des jüdischen Volkes“, ist ein starker nationaler und sozialer Appell. Aber Palästina kann nicht mit moralischer Kraft allein aufgebaut werden. Es ist vor allem eine ökonomische Aufgabe, unsere Politik muß den unerbittüchen Gesetzen der Wirtschaft entsprechen. Die Hauptfrage ist daher: Sind die Prinzipien des Keren Kajemeth vereinbar mit einer erfolgreichen Kolonisation? Meiner Meinung nach sind sie unentbehrlich. Unentbehrlieh für den jüdischen Arbeiter, für die Schaffung einer sich selbst erhaltenden jüdischen Bauernschaft, und gleich wichtig für die jüdische Mittelklasse in Stadt und Land. Einige Beispiele: ״Hazafon“ ist ein neuer Vorort von Tel-Awiw. Eine beträchtliche Anzahl von Leuten mit kleinen Mitteln, die während des großen ״boom“ in Tel-Awiw nicht in der Lage yaren, die hohe Miete zu zahlen, kauften an der Peripherie der Stadt Boden, um dort eine vorstädtische Siedlung von Kleinhäusern mit Küchengärten zu begründen. Jeder hatte Durchschnittsersparnisse von 300 Dollar — kein kleiner Erfolg in Palästina, insbesondere, für Handwerker, Arbeiter, kleine Angestellte und ähnliche Leute mit verhältnismäßig geringem Einkommen. Diese Ersparnisse steckten sie in den Erwerb des Bodens. Aber damit waren sie ebenso weit entfernt von ihrem Ziel wie zuvor, ja, ihre Lage war noch verschlechtert; denn ihre ganzen Ersparnisse waren im Boden festgelegt Sie wandten sich an ein amerikanisches Institut mit dem Ersuchen, eine Summe als erste Hypothek vorzustrecken, und zwar 60°/o der Baukosten. Die Gesellschaft fragte: woher werdet ihr den Rest von 40°,0 nehmen? Die Antwort war typisch jüdisch, von einem Optimismus getragen, welchen Schopenhauer als ״bösen Optimismus“ bezeichnet und der zuweilen wirklich böse ist: ״Gott wird helfen.“ Die Institution wußte von früheren Erfahrangen, was dies bedeutet: Bauen auf Abzahlung (natürlich teurer bei geringerer Qualität), Anleihen hier und dort, was in Palästina unerträgliche Zinsen und Zahlungstermine heißt. Kein verantwortliches Darlehnsinstitut könnte solch einen Plan unterstützen. In diesem kritischen Augenblick kam der KKL. zu Hilfe. Es wurde mit dem amerikanischen Institut eine Vereinbarung getroffen, wonach der Keren Kajemeth den Leuten die Terrains abkaufte und sie ihnen wieder gemäß seinen Erbpachtsbedingungen überließ. Der Erwerbspreis deckte die fehlenden 40°/o der Baukosten — und ״Hazafon“ wurde gebaut. Mein Herz lachte, als ich diese kleine Vorstadt im letzten Frühling sah: weiße freundliche Häuser, gut gepflegte Küchengärten, glückliche Hausbesitzer. Sie gehören zu den wenigen Hausbesitzern in Palästina, die sich nicht zu sorgen brauchen. Sie haben erste Hypotheken auf ihren Häusern, die sie zu leichten Bedingungen amortisieren, und sie zahlen eine angemessene Bodenpacnt. Ke Baukosten betrugen dort weniger als woanders, weil sie bar bezahlt wurden. In 15 Jahren werden die Leute Eigentümer ihrer Häuser sein, frei und unverpflichtet, und inzwischen zahlen sie an Zinsen, Amortisation, Steuern und Instandhaltung weniger, als sie an Miete in Tel-Awiw zu zahlen hatten. Ohne den Keren Kajemeth wäre dieses Ergebnis unmöglich. Und an dieser Transaktion ist nichts, was auch nur im geringsten nach Wohltätigkeit schmeckt. Ke Erbpacht des Keren Kajemeth wird als eine bindende Verpflichtung angesehen, und das Pachtgeld muß pünktlich und regelmäßig entrichtet werden. Was in Hazafon getan wurde, soll jetzt auch in den Pflanzungskolonien der Orangenzone durchgeführt werden. Das Problem ist hier, wie Landarbeiter nach und nach Kleinsiedler werden können. Erfahrene Arbeiter, die viele Jahre in diesen Kolonien beschäftigt waren, haben Ersparnisse, manche besitzen auch eine Kuh, oder Hühner, oder Geräte. Was die Leute brauchen, ist ein Häuschen, Stall, Küchengarten und auch etwas bewässerbares Land, das sie in ihrer freien Zeit kultivieren würden. Sie könnten erste Hypotheken bekommen, wenn sie Boden hätten. Den Bodenpreis und die Kosten für die ersten Amellorationen könnten sie nicht aufbringen, aber Erbpacht zu bezahlen, werden sie wohl imstande sein. Ohne den Keren Kajemeth bliebe dieser wertvollste Typ der Siedler zu lebenslänglicher Lohnarbeit verurteilt n. Bisher habe ich nur Boden in Betracht gezogen, der einen gewissen Markwert hat, wie städtischer oder Pflanzungsboden. Aber es gibt bekanntlich noch Ländereien, die für die jüdische Kolonisation notwendig sind, wie der Emek, wo der Boden im Verhältnis zu seinem Ertrag viel zu teuer ist, und dessen Vorbereittmg für die Ansiedlung ungeheure Summen Geldes erfordert. In anderen Ländern wird die landwirtschaftliche Kolonisation durch Gewährung von Freiland erleichtert. In Palästina aber muß jeder Quadratmeter gekauft werden. Es ist klar, daß ohne den Keren Kajemeth bis heute von jüdischen Händen kein Pflug über die Felder des Emekk geführt worden wäre. Ich weiß mm, daß mancher einwenden wird: Zugegeben, daß eine öffentliche jüdische BodeninstKu ion unentbehrlich ist; warum soil diese aber den Boden verpachten und nicht lieber verkauf en? Sie sollte leichte Zahlungsbedingungen bewilligen und einen geringen Nutzen beanspruchen; sie könnte, wenn nötig, den Kaufpreis für das ganze Land verauslagen; denn Privateigentum ist ein großer Ansporn für erfolgreiche Kolonisation. Insbesondere Juden haben dafür ein ausgesprochenes Gefühl. Ich glaube, dies ist kein triftiges Argument Land zu erwerben und es weiterzuveräußern, gefährdet unser ganzes Werk, das begründet werden muß auf dem Dasein einer sich selbst erhaltenden Bevölkerung. Der Keren Kajemeth allein, der seinen Zinsfuß den jeweiligen Bedingungen anzupassen vermag, bietet eine ökonomisch gesunde Lösung, die keinen Schimmer t von Unterstützung hat. Ein anderer Einwand: ״Zugegeben, daß' der Keren Kajemeth für die Armen unerläßlich ist, aber ein Mann mit Mitteln wird niemals ein Pächter sein wollen, er will Herr in seinem eigenen Hause sein.“ Das ist ein sehr irreführendes Argument. Der ״arme“ Hazafon-Hausbesitzer ist viel eher Herr in seinem eigenen Hause, als der Eigentümer in Td- Awiw, der dem äußeren Anschein nach viel ״reicher“ ist, aber überall Schulden hat. Das Pachtrecht kann vererbt, verkauft, verschenkt werden, gerade wie ein Privatbesitz. Richtig, daß der Keren Kajemeth die Uebertragung des Bodens verweigern kann, wenn diese zu einer Enteignung eines Kleinsiedlers zugunsten eines Großbesitztums führen würde, oder im Falle eines Verkaufs an einen Nichtjuden. Aber wer würde dies als eine Ein- Schränkung der Besitzrechte betrachten? Und warum sollte der Bemittelte einen bedeutenden Teil seines Vermögens in Boden zu versenken wünschen, wenn sein Geld dringend für den Betrieb benötigt wird, besonders in Palästina, wo Krediterleichterangen sehr beschränkt sind und der Zinsfuß sehr hoch ist? Wenn der Keren Kajemeth groß« flüssige Summen für seinen Zweck verfügbar hätte, so würde ich heute anregen, daß er den gesamten Baien, auf dem heute Tel-Awiw steht, erwerben sollte. Es würde keine Schwierigkeiten bereiten, den Boden von all denen, die an Privateigentum geglaubt und Häuser in Tel-Awiw errichtet haben, zu kaufen, und man müßte nicht einmal hohe Preise dafür ,bezahlen und könnte Handel und Industrie Tel-Awiws neu beleben, in größerem Maße als zur Zeit der Hausse und stärker und gesünder zugleich. HI. Aber was geschieht mit dem Wertzuwachs des Bodens, der sonst dem Bodeneigentümer zufällt? Bei ländlichen Böden kann nur in seltenen Fällen ein Wertzuwachs erwartet werden in einem Lande, wo die Bodenpreise schon unangemessen hoch sind. Anders ist es in städtischen Gegenden, wo die Preise steigen können. Aber die Pacht des Keren Kajemeth ist so niedrig, daß sie niemals die Hälfte des üblichen Zinsfußes übersteigt, und der Wert des Bodens muß schon sehr hoch steigen, um die Vorteile der Zinsleistungen wettzumachen. Ueberaies stellen Gewinne aus dem Wertzuwachs des Bodens nur Spekulationsmögüchkeiten dar und die Ersparnisse an jährlichen Ausgaben sind ständig und sicher. Die Weiterveräußerung mit Gewinn kann glücken oder auch nicht. Sehr oft geschieht sie, nachdem der Besitzer lange schwere Jahre sich darum bemüht hat oder gezwungen wurde zu verkaufen, noch bevor die günstige Gelegenheit gekommen war. Aber jährliche Erspar, nisse sind Tatsachen. Der Farmer auf Erbpacht kann eine größere Summe jährlich in seine Farm investieren als sein Nachbar, der Privateigentümer. Der Hausbesitzer auf Erbpachtboden in der Stadt kann größere Summen für sein Geschäft verwenden als der Nachbar, dessen Haus oder Pflanzung au! privatem Grund und Boden errichtet ist. Wer versteht, daß die primitive Wirtschaftsstruktur Palästinas größeres Arbeitskapital benötigt als anderswo, diejenigen, die wissen, daß sogar der besser gestellte Bauer, Händler oder Industrieller sehr oft unter dem Mangel an Kapital leidet, werden zögern, das Wagnis einzugehen, das ein Privatbesitz in Palästina wirküch mit sich bringen kann. IV. Dürfen wir als Schlußfolgerung sagen, daß der Keren Kajemeth das Rückgrat der jüdischen Kolonisation in Palästina ist? In der Tat, es ist so. Den Keren Kajemeth bloß als eine Institution anzusehen, die arme Juden aut dem Lande ansiedelt, ist sehr kurzsichtig. Er ist der Förderer von Landwirtschaft, Handel und Industrie. Gebt dem Keren Kajemeth weiten Spielraum und der größte Teil seiner Eingänge kann für Kolonisation frei gemacht werden; demgemäß wird auch die Kreditgewährung auf einer gesünderen Basis aufgebaut werden können. Der Keren Kajemeth — und ich sage dies ohne jegliche Uebertreibung — ist der stärkste Pfeiler einer erfolgreichen Entwicklung Pa- 1 ä s t i n a s. Es gibt nur einen störenden Umstand in dem Bild: das Ausmaß, in welchem der Fonds gegenwärtig Hilfe zu bieten vermag. Das Ausmaß seiner Leistungen wird leider nicht durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage bestimmt. Das Angebot steht weiter unter der Nachfrage. Es gibt eine aktuelle Nachfrage und eine erhöhte Nachfrage. Schon die aktuelle Nachtrage ist groß; die erhöhte Nachfrage ist fast unbegrenzt. Das hingegen, was allein begrenzt ist, sind die Möglichkeiten des Keren Kajemeth. Sie sind begrenzt durch einen Umstand: Geld. Es liegt uns ob, diese gefährliche Begrenzung verschwinden zu lassen. Um Nordau zu variieren: ״Eine erfolgreiche jü* dische Kolonisation auf breiter Basis wird durch den Keren Kajemeth geschehen oder sie wird nicht geschehen!“ Arthur Eloesser, einer der geistreichsten und klügsten Theaterkritiker Berlins, feierte seinen 60. Geburtstag. Eloesser ist ein Berliner Kind und er hat in dem Buch ״Die Straße meiner Jugend“ ein entzückendes Bild des Lebens der jüdischen Bourgeoisie Alt-Berlins gegeben. Seine jüdische Herkunft wurde genauer enthüllt von seinem Vetter Ludwig Lewisoh n, der nach jahrelanger Abwesenheit vor fünf Jahren nach Deutschland zurückkam, nachdem er — er beschreibt es in ״Midchannel“ — durch eine Reihe von Erlebnissen sich aus der Umklammerung der amerikanischen Assimilation befreit und sein jüdisches Volkstum entdeckt hatte. Bei seiner Ankunft in Berlin findet Lewisohn den Vetter Arthur Eloesser, inmitten eines Milieus von Schriftstellern und Literaten, die sich für ״hundertprozentig“ deutsch halten, in Wahrheit aber für das scharfe und geschulte Auge des Beobachters eine eigene, in sich fast geschlossene jüdische Klasse bilden. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß in Lewisohns Mund dieses Attribut jüdisch keine Herabsetjung bedeutet, so wenig wie in unserem. Und in dem halb autobiographischen Buch ״Das Erbe im Blut“ zeigt Lewisohn selbst, welche verschiedenen Wege die einzelnen Abkömm- Jinge des alten Rabbi Mendel aus Wilna, die auf dem Umweg über Insterburg nach Deutschland und Amerika kamen, gegangen sind; trotz allem zusammengehalten durch die geheimnisvolle Macht des Stammes. Arthur Eloesser, obwohl sein Judentum nicht verleugnend, ist freilich auf dem Wege der bewußten Einfühlung und Anpassung recht weit gegangen. Sein soeben erschienenes neues Monumentalwerk ״Die deutsche Literatur“ (Bruno Cassirer Verlag Berlin W35), das ln seinem vorliegenden ersten Band einen geistesgeschichtlich orientierten Abriß über die Entwicklung vom 17. Jahrhundert bis zu Goethes Tod gibt, beginnt mit folgenden Sätzen: ״... Die Oermanen machen keine Bilder von ihren Göttern; das Göttliche wird verehrt im Brausen des Windes, im Rieseln der Quellen, im Rauschen der heiligen Eichen. Ihre Seele gehört der Natur, sie ist fließend und gestaltlos. Diese Gestaltlosigkeit bleibt das Wesen unserer (v. 1ms gesp. —- ״J. R“) Geschichte, das Germanentum ergießt sich über Europa und darüber hinaus in ungeheuren Wellen, die erschöpften Kulturboden wieder verjüngen...“ usw. Es ist schon eine große Selbstentäußerung eines jüdischen Schriftstellers, den germanischen Naturkult zur Zeit des Tacitus als ״unsere“ Geschichte m bezeichnen; ein seltsames Paradox der Assimilation. Und dabei zeigt gerade diese prachtvoll aufgebaute und fein gegliederte Literaturgeschichte, deren Grundgedanke die Darlegung der inneren Verflochtenheit der geistigen Tendenzen einer Zeit ist, wie stark ein kritischer Geist eine so gewaltige und packende Materie zu meistern vermag, auch ohne dieses überbetonte ״uns“. Den Hauptteil des Werkes bildet die Epoche der Aufklärung und der älteren Romantik; aus dieser Auseinandersetzung von Rationalismus und Irrationalismus, dieser ewigen geistesgeschichtlichen Gegenkräfte, ging die klassische deutsche Literatur hervor. Es ist eine Epoche, die für das Judentum besonders bedeutungsvoll ist und den Eintritt der Juden in den europäischen Kulturkreis markiert. Die leidenschaftliche Anteilnähme der Juden jener Zeit am literarischen Leben findet ihre späte Fortsetzung in dem Verfasser dieses Buches, (für dessen schönen Druck und gute Ausstattung dem Verlag besonderer Dank gebührt). So gibt der 60. Geburtstag des Schriftstellers willkommene Gelegenheit, ihn auch zu diesem neuen Werk zu beglückwünschen. ־ T. Gotthold Weils ״Königslose“. Eine nicht allein kulturgeschichtlich wertvolle, sondern auch für den Laien vergnügliehe Veröffentlichung sind Prof. Gotthold Weils ״Königslose“, ein arabisches Losbuch, aus dessen Orakelsprüchen man mittels einer komplizierten Verweisungstechnik eine Weissagung für die Zukunft oder eine Lehre für richtiges Verhalten gewinnen kann. Auch das jüdische Mittelalter kannte solche sifre gozalot, die teilweise auf Saadja, Abraham Ibn Esra» Juda Alcharisi, eines sogar auf den Freund und späteren Gegner Davids Ahitofei zurückgeführt wurden. ״Und wo mans aulschlägt, kt es amüsant“ B-K.

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