Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 23 (21.3.1930)
- Date
- 1930-03-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 23, 21. Hl. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 157 Der Antisemitismus in In der Soviel-Union Von Felix Stössinger. Die jüdische Fresse hat wiederholt Material über anti- ■semitische Erscheinungen in Sowjctrußland veröffentlicht, zujetzt erst das Ergebnis des Gdessaer Prozesses gegen 23 Agropomen, die durch antisemitische Quälereien eine Kollegin in dt n To־l getrieben haben. Wie in anderen Fällen hat auch diesmal das" Gericht den antisemitischen Mord durch schwere Stralen gesühnt. Die Verfolgung antisemitischer Untaten durch die russisehen (jerichte stellt aber nur die eine Seite der judenfeindlichen Bewegung dar. Die andere Seite, die man nicht vergessen darf, ist die Bestrafung von Juden durch Sowjetgerichte, die zionistische Bestrebungen oder den unerlaubten Unterricht des Hebräischen drakonisch verfolgen. Auch über diese Ersehe!- nun<r hat die Presse wiederholt berichtet. Ist auch Verhältnismälüg wenig Material über diese beiden Arten von Judenverfol- ״ungen (1. durch die Bevölkerung, 2. durch den Staat) veroffentlicht worden, so lassen doch auch die wenigen bekannt gewordenen Tatsachen einen tragischen Hintergrund ahnen. Wenn die üeffentiiehkeit über die Ereignisse in Rußland im Grunde immer unvollständig unterrichtet wird, so liegt das durchaus nicht an Materialmangel. Die bolschewistische Dikjatur unterdrückt zwar jede Nachricht, die ihr nicht genehm ist. Aber wenn sie auch selbst für Visitkarten eine Zensurgenehmigung vor der Ausführung des Druckauftrages fordert, so verfangt doch die Auswirkung der Verhältnisse selbst die Behändjung und Besprechung von Tatsachen, die weitgehende Schlüsse gestatten. Auch muß man immer bedenken, daß die bolschewisfische Presse, besonders die bolschewistiche Provinzpresse, viele Dinge ohne Scheu veröffentlicht, die außerhalb Rußlands gegen das Regime verwertet werden können, innerhalb Rußlands aber kein Geheimnis sein können, da sie jeder kennt. Selbstverständlich beginnt der Streit erst bei der Verwertung der Tatsachen. Wichtig ist aber, festzustellen, daß fast für alle Gebiete die bolschewistische Presse das für jede Untersuchung notwendige Material überreichlich liefert. Das alles trifft auch für das antisemitische Problem in Sowjefrußland zu. Es liegt nur au der ungenügenden Behändlung dieser Fragen, wenn es heute noch keine zusammenfassende Darstellung darüber gibt, wenigstens soviel mir bekannt ist. Andere Schwierigkeiten als Sprachschwierigkeifen bestehen nicht. Da es aber nun eine solche Darstellung nicht gibt, müssen wir den Zusammenstellungen, die P a n a i t I s t r a 11 veröffentlicht hat, unsere besondere Beachtung gewähren. Panait Istrati, ein leidenschaftlicher Revolutionär und überzeugter Bolschewist, ist, wie man weiß, aus Rußland tief enttäuscht zurückgekehrt und hat ein dreibändiges Werk über Rußland veröffentlicht (Les Editions Rieder, Pans), das in allen Ländern größtes Aufsehen erregt hat. Der wichtigste Band dieses Werkes ist der 3. Band ״La R ussie nue“, eine außerordentliche Zusammenstellung dokumentarischen Materials über alle wichtigen Probleme auf Grund eines gründlichen Studiums der bolschewistischen Presse. Selbstverständlich veröffentlicht Istrati nur kurze Auszüge, aber die Auswahl enthält durchwegs typische und charakteristische Mitteilungen, so daß die verhältnismäßig wenigen Zitate aus einem vier Jahre umfassenden Pressemateriai symptomatischen Charakter haben. Die von ihm zitierten Dinge gestatten uns vor allem, die verhüllte Totalität zu erraten, der sie entnommen sind. Istrati hört nicht auf, theoretisch Bolschewist an bleiben. Daher bekämpft seine Polemik niemals das bolschewistische System an sich, sondern nur seine Erscheinungen. Stets ist er vom Glauben erfüllt, daß das System selbst imstande ist, die Dinge zu ändern. Mag dies auch der Rest einer nicht gänzlich vollzogenen Abkehr von seiner politischen Vergangenheit sein, so macht sie doch seine Angaben doppelt bedeutsam. Der Antisemitismus wird, wie viele andere Erscheinungen in Rußland, als Erbschaft der Vergangenheit betrachtet. Istrati stellt demgegenüber fest, daß der Antisemitismus erst seit dem Tode Lenins entstanden ist, und daß kein Tag vergeht, an dem nicht neue antisemitische oder pogromistisclie Tatsachen in der bolschewistischen Presse veröffentlicht werden. Es gab nach Istrati früher einen Antisemitismus in Rußland, aber, und darin wird ihm jedermann beistimmen, niemals war die russische Arbeiterschaft antisemitisch, und niemals gab es in den revolutionären Gruppen auch nur eine Spur von Antisemitismus. Jetzt zeigt sich aber, daß gerade das Proletariat seit 1923 in steigendem Maße antisemitisch wird. Zweifellos wird der Antisemitismus offiziell verachtet und bekämpft; er wird sogar oft drakonisch bestraft, aber es ist nach Istrati so wie mit vielen anderen sowjetischen Phänomenen. Man bekämpft die Erscheinungen, aber geht nicht der Sache selbst auf den Grund. Es ist so wie beim Kampf gegen den Alkoholismus. Offiziell wird er geführt und unterstützt. Aber der Fünfjahresplan sieht fast eine Verdreifachung des Alkoholumsatzes im Budgetinteresse vor. Die Vergiftung der Arbeiterschaft durch Antisemitismus macht auch vor den Funktionären der bolschewistischen Partei nicht Halt. Nach der ״Prawda“ von Leningrad, 29. Juni 1927 (oder 1928) versammelten zwei bolschewistische Parteimitglieder die Arbeiter einer Fabrik um sich und einer rühmte sich mit eigener Hand 900 Juden an der polnischen Front getötet zu haben, bedauernd, sie nicht bis zum letzten Mann ausgerottet zu haben. ״Niemals“, schreibt Sosnowski in der ״Prawda“ (September 1927), ״haben wir in der Partei und bei den Jungkommunisten eine solche antisemitische Durchdringung bemerken können.“ Die ״Prawda“ der Jungkommunisten vom 23. Dezemher 1927 widmet eine volle Druckseite der Schande eines kommunistischen Arbeiterantisemitismus, sicher ein ausreichender Beweis dafür, daß er existiert. Sie zitiert Fälle, nadi denen die Arbeiter ohne den mindesten Grund Juden den Eintritt in die Gewerkschaften verwehren und infolge davon das Recht aut Arbeit nehmen. Sie stellt fest, daß ganze Gruppen von Jungkommunisten sich Exzesse gegen jüdische K i n d e r zuschulden kommen lassen. Die ״Pravvda“ vom 17. Mai 1928 zeigt die Entwicklung des Antisemitismus in der bolschewistischen Partei an Hand von Beispielen auf: In Kiew verweigert ein hoher bolschewistischer Funktionär den Juden das Arbeitsrecht; in anderen Orten mißhandeln Bolschewisten die Juden. In einem bolschewistischen Institut findet man eine Aufschrift ״Tod den Juden, hoch die Sowjets“. Die ״Krasnaja Gazetta“ vom 29. Juni 1928 berichtet, daß ein führender Kommunist Juden und Orthodoxe unterschiedlich behandelt. In der Fabrik ״Die Oktoberrevolution“ wird ein invalider Jude unter Zustimmung des bolschcwistischen Roten Direktors mißhandelt und beinahe erwürgt (״Prawda“, 28. Juli 1928). Nach der ״Prawda der Jugendlichen“ vom 29. Juli 1928 besenimpfen in Rostow׳, Dniepropetrowska, in Khasan und in anderen Orten die jungen Kommunisten die jungen jüdischen Kameraden. Nach der ,JKrasnaja Gazefta“, Abendblatt vom 9. September 1928, gibt es ein Buch von Gorew, das Material über den neuen Antisemitismus in der Arbeiterschaff behandelt. Nach der ״Prawda der Jungkommunisten“ vom 18. November 1928 werden in den Bergwerken des Donetz junge. jüdische Arbeiter von bolschewistischen Funktionären mißhandelt. Bolschewisten beklagen ganz offen, daß es nicht möglich ist, einen Pogrom zu veranstalten. Jüdische Bergarbeiter werden von der Arbeit ausgeschlossen und erhalten kein Wohnrecht, weil sie Juden sind. Die Ortssowlets ermutigen den Antisemitismus durch stillschweigende Duldung. Das alles enthält die eine zitierte Nummer der ״Prawda der Jungkommunisten“ vom 18. November 1928. Nach der ״Iswestia“ vom 16. November 1928 wird in der Glasfabrik ״Oktober“ in der Nähe von Minsk eine jüdische Arbeiterin von den Zwischenmeistern insultiert, verfolgt, mißhandelt, entkleidet, gepeitscht, das alles in Gegenwart sämtlicher Arbeiter und des kommunistischen Betriebsrates. Die ״Prawda“ vom 15. Januar 1929 bestätigt, daß drei Arbeiter, die an dieser Mißhandlung beteiligt waren, Parteimitglieder sind. Dieselbe Zeitung berichtet in derselben Nummer über zahlreiche Vorfälle gleicher Art. Der ״Trud“ vom 29. Mai 1929, der unter dem jetzt abgesetzten Führer der bolschewistischen Gewerkschäften, Tomski, den täglichen Beschwerden des russischen Lebens großen Raum gewährt hatte, erklärt, daß dieser Antisemitismus nicht bloß ein Ueberbleibsel der Vergangenheit ist, sondern ein neues politisches Phänomen. Politische Exzesse melden weiter die ״Prawda der Jugendlichen“ vom 10. April 1928, in der eine besonders grausame Verfolgung eines jüdischen Arbeiterstudenten geschildert wird, lind viele andere Zeitungen. Besonders erstaunlich sind die antisemitischen Manifestationen in den höheren Unterrichtsanstalten. Es ist bekannt, daß gerade die russische Studentenschaft unter dem Zarismus in ihrer übergroßen Mehrheit revolutionär gesinnt dem Antisemitismus zaristischer Intellektueller leidenschaftlichen Widerstand entgegengesetzt hat. Antisemitische Exzesse kommen heute auf allen höheren Lehranstalten vor. Auch dies ist besonders bezeichnend für den Ernst der Lage und für das neuartige Symptom eines Arbeiterantisemitismus, weil nur Arbeiter oder zur Arbeiterschaft gehörige Bevölkerungsschichten zum Besuch höherer Lehranstalten zugelassen werden. Die ״Prawda“ hat eine ganze Anzahl Fälle in den verschiedensten Städten des Reiches aufgeführt, auch solche, die von der kommunistischen Hochschulzelle gedeckt worden sind. Kennzeichnend für den Ernst der Lage ist, daß auch Maxim Gorki, der ja nun wirklich als ein bedeutender Anhänger des Sowjetsystems bezeichnet werden kann, zu diesen Fragen in der ״Prawda“ vom 26. September 1929 Stellung nimmt. Schon die Tatsache allein, daß eine so prominente Persönlichkeit zu dieser Frage das Wort ergreift, stellt eine Bestätigung der Sache selbst und einen Beweis für die Beunruhigung dar, die sie in den Spitzen des Systems erregt. Der Artikel Gorkis schließt mit •., und im Die ״Schwarzen Hundert*‘ Eine neue russische Veröffentlichung Ober den ״Verband des russischen Volkes" Vor einigen Monaten sind im sowjetrussischen Staatsverlag zahlreiche Dokumente über die Tätigkeit des ״Verbandes desrussischen Volkes“ veröffentlicht worden auf Grund von Materialien, «eicheי!®.Jahr 1011׳ die von .der sehen Provisorischen Regierung eingesetzte außerordentliche Untersuchungskommission gesammelt hat*). Der Verband war bekanntlich eine politische Organisation, die sich während der revolutionären Bewegung 1905 in Rußland zur Bekämpfung der Revolution gebildet hat, für die unbeschränkte Selbstherrschaft des Zaren eintrat und sich namentlich durch geradezu wütenden Antisemitismus auszeichnete. Es wurden von Mitgliedern dieses Verbandes — der in Rußland oft mit einer altrussischen Bezeichnung ״Schwarze Hundert“ genannt wurde — eine Reihe von politischen Morden ausgeführt. So wurden die Deputierten der ersten Reichsduma Herzenstein 1906, Jollos 1907 — beide jüdischer Abstammung; Herzenstein war aber zum Christentum übergetreten — ein linker Deputierter der zweiten Duma Karajew ermordet, es wurde der Versuch gemacht, den Grafen Witte mit seinem Haus in die Luft zu sprengen usw., Mitglieder dieser Organisation beteiligten sich auch an zahlreichen Judenpogromen. Sie konnten ihre Verbrechen im allgemeinen ziemlich ungestraft vollziehen, da auch in den Fällen, in denen sie vor Gericht gestellt und dem Gesetze nach verurteilt worden sind, sie gewöhnlich später begnadigt wurden. Es ist daher verständlich, daß, als im März 1917 die zaristische Regierung zusammenbrach und es eine der ersten Maßnahmen der entstandenen Provisorischen Regierung war, eine Untersuchungskommission über die ungesetzmäßigen Handlungen der Mitglieder der früheren Regierung zu ernennen, die Kommission sich auch mit der Tätigkeit dieses Verbandes beschäftigen mußte. Es sollte dabei klargestellt werden, wie weit der Verband — der übrigens in verschiedene Gruppen zerfiel — in seinen Aktionen von den Regierungsorganen unterstützt wurde. Während der acht Monate des Bestehens der Provisorischen Regierung sammelte die Kommission ein sehr großes Material, konnte aber ihre Arbeit infolge des bolschewistischen Umsturzes nicht zu Ende führen, da die Kommissionsmitglieder zu antibolschewistischen Parteien gehörten, welche seit November 1917 nicht mehr öffentlich auftreten konnten. Ein vollständiges Bild der Tätigkeit des Verbandes und des Verhältnisses der Regierung zu ihm konnte also noch nicht erhalten werden, immerhin liefern die jetzt in einem Band von mehr als 400 Seiten gesammelten Dokumente zum Teil recht wertvolles Material für die Geschichte Rußlands in der Periode zwischen den beiden Revolutionsjahren 1905 und 1917. Die zaristische Regierung wurde von den oppositionellen Parteien stets beschuldigt, daß sie in Wirklichkeit hinter dem Verband stehe, seine Tätigkeit leite, daß dieser also in Wirklichkeit nur ein Organ der Regierung sei. Liest man jetzt diese Dokumente — meistens sind das geheime Berichte der Gouverneure, Polizeichefs usw. an die Zentralbehörden in Petersburg, beziehungsweise Anordnungen und Antworten des Ministeriums an die untergebenen Organe —, so muß man zum Schluß gelangen, daß dieser Vorwurf zwar in seiner Verallgemeinerung übertrieben, zu einem großen Teil aber inderTatberechtigt war. Es gab nicht wenige Leute in der Regierung, in den Zentralwie in den Provinzbehörden, die Gegner der ungesetzmäßigen Tätigkeit des Verbandes waren. Es überwog im allgemeinen aber doch ein Wohlwollen dem Verbände gegenüber, weil man in ihm einen Bundesgenossen im Kampf gegen die Revolution sah. Alle reaktionären Elemente sammelten sich in diesem ״Verband des russischen Volkes“, der auf seiner Fahne die Aufrechterhaltung der drei angeblich unerschütterlichen historischen Grundlagen des russischen Staates schrieb, ״des orthodoxen *) Pojuz russkago naroda po materialani cresvycainoj sledstvennoi kommissii vremen■ nago praviteljstva 1917, Moskau-Leningrad, Staatsverlag 1929, 444 Seiten, russisch. Rußland den Worten: ״Es kann gar keine Frage sein, ob man den Antisemitismus bekämpfen muß. Man kann nur zwei Fragen stellen: Bekämpft man ihn bereits genügend und beharrlich genug? Und was ist zu tun, um die Antisemiten zu bekämpfen? Nach diesem Gorki-Artikel ist es nicht schwer, zu vermuten, daß in gewissen Regierungskreisen die Frage gestellt wird, ob es überhaupt richtig ist, die antisemitischen Exzesse zu bekämpfen. Wie könnte sonst Gorki der Frage, ob dieser Antisemitismus bekämpft werden soll, mit der Erklärung entgegentreten, daß dies gar keine Frage sein dürfe. Gewiß hat die bolschewistische Regierung bisher viele antisemitische Exzesse verfolgt, vor allem die, die mit Tötungen, in vielen Fällen mit Selbstmorden der Gequälten oder mit schweren Mißhandlungen geendigt haben. Daß viele antisemitische Exzesse nicht in die Oeffentlichkeit dringen und nicht vor Gericht kommen, ist selbstverständlich und nicht zu vermeiden. Das Problem birgt aber noch neue Schwierigkeiten. Wird die Sowjetregierung auf die Dauer in der Lage und willens sein, antisemitische Exzesse zu verfolgen, wenn die Partei selbst, wie die bisherigen Beispiele zeigen, zunehmend von Antisemitismus durchdrungen wird? Es ist schwierig, diese Frage schon heute zu beantworten, obwohl sie sich bereits aufdrängt. Vergessen wir nicht, daß das ganz neue, ja einzigartige Phänomen eines Arbeiterantisemitismus auf ganz neue Ursachen schließen läßt. Wie in anderen Ländern ist auch hier der Antisemitismus ein Ausdruck der Verzweiflung, der Verstimmung, der Enttäuschung, die sich nicht gegen die Schuldigen richten kann und sich daher an Schuldopfern ausläßt. Es ist schwer, sich eine Vorstellung von der Not und von dem Elend zu machen, in dem das ganze russische Volk lebt. Wenn nun die russische Arbeiterschaft bereits antisemitisch zu werden beginnt, so läßt dies auch Befürchtungen über die Stimmung anderer Teile des russischen Volkes den Juden gegenüber zu, von denen wir aber nichts hören, da sie über keine Presse verfügen. Die bolschewisfische Regierung ist im Augenblick ziemlich ״judenrein“, da auch die jüdischen Trotzkisten, die wie Radek Buße getan haben, keine einflußreiche Stellung mehr besitzen. Man kann also den russischen Arbeiterantisemitismus nicht durch die Herr- Schaft jüdischer politischer Führer erklären. Seine Gründe liegen in der Not, die das System schafft, und deswegen ist auch bd vorsichtigster Abwägung der russischen Situation eher eine Verschliminerung des Antisemitismus als eine Verbesserung zu erwarten. Zarenreich Glaubens, des unbeschränkten Absolutismus und des Voltetums“. Es war kein Wunder, daß dieser Verband sofort eine mächtige Stütze beim Hof und dem Zaren fand. Nicolaus II. setzte sehr ungern seine Unterschrift unter das Verfassungsmanifest vom 17. (30.) Oktober 1905, — er begann bekanntlich seine Regierung mit den verhängnisvollen Worten an die Delegation der Selbstverwaltungsorgane, die Hoffnungen aut eine Abschaffung des Absolutismus in Rußland seien ״sinnlose Träume״. Als sich nun eine politische Organisation bBaeto, die sich zur Aufgabe stellte» den Absolutismus gegen atef die üb beschränken und abschaffen wollten» zu vertddlgen, war es natürlich, daß diese Bewegung seine Gunst fand und daß er sie! besonders wohlwollend behandelte. Der unglückliche Zar Nikolaus ging dabei soweit, daß er selber das Abzeichen eines Mitglieds des ״Verbandes des russischen Volkes“ annahm und es bei verschiedenen Gelegenheiten öffentlich trug. Diese allerhöchste Gunst ,und das Bewußtsein, daß unter dem Schutz dieser Gunst alles gestattet ist, war natürlich der Anlaß dazu, daß im Verband oft Elemente ausschlaggebend wurden, die von den Behörden selbst äußerst abfrillig beurteilt wurden. So schreibt am 17. August 1907 der Stadthauptmann von Odessa, Grigorjev, an den damaligen Premier- und Innenminister Stolypin von der sogenannten ,,Schutztruppe“ (Druzina) des Verbandes in Odessa: ״Wie durch Polizeiuntersuchungen wiederholt festgestellt wurde, besteht diese Schutztruppe meistenteils aus jungen Menschen, die keine bestimmte Beschäftigung haben, unter ihnen sind Personen da, die sich wegen Diebstahl zu verantworten hatten, der Polizei bekannte Zuhälter, die auf Kosten von Prostituierten leben.“ In Odessa, damals einer blühenden Stadt mit einer sehr starken jüdischen Bevölkerung, war die Tätigkeit des Verbands des russischen Volkes und seiner Schutztruppe besonders intensiv, einige Jahre hintereinander übte der Verband in der Stadt eine wahre Schreckens- Herrschaft aus. In einem Bericht an den Stadthauptmann im August 1908 schreibt die Odessaer Geheimpolizei über die Schutztruppe des ״Verbandes des Erzengels Michael“ (eine Organisation, die sich vom ״Verband des russischen Volkes“ hauptsächlich aus persönlichen Gründen trennte, die politische Trennungslinie zwischen ihnen war untergeordneter Bedeutung, in ihrer praktischen Tätigkeit aber unterschied sie sich vom Verband durch nichts), in der Schutztruppe seien Personen, die sich mit Diebstahl beschäftigt haben, einer von ihnen werde von der Polizei wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen gesucht, die Führer der Gruppe versammeln sich in der Wohnung einer verdächtigen Frau, die der Polizei als Diebin und Kupplerin bekannt ist, usw. Ueber einen gewissen Pogoreljski, der in Blagoweschtscbcnsk im Amurgebiet in Ostsibirien eine lokale Gruppe des ״Verbandes des russischen Volkes“ organisieren will, berichtet der Polizeichef im Juli 1908, er sei der Polizei als Erpresser und Skandalmacher bekannt, der schon im Gefängnis gesessen hatte, als ein ״Mann mit sehr dunkler Vergangenheit . Ueber die Schutztruppe des Verbandes in Petersbürg wird berichtet, sie bestehe aus ״Beamten, die Karriere machen wollten, ebenso wie aus vom Gericht bestraften Personen, aus sehr heruntergekommenen Arbeitern, aus Leuten, die öffentliche Häuser unterhalten. Alle stehen sie auf einem sehr tiefen moralischen Niveau und trieben sehr dunkle Geschäfte, indem sie dabei ihre Titel als Mitglieder des ,Verbandes des russischen Volkes‘ ausnutzten.“ Gerade diese Organisation in Petersburg w׳ar es, weiche Herzenstein ermordete und den Grafen Witte in die Luft sprengen wollte. Ihre Tätigkeit wurde vom Vorsitzenden des Gesamtverbandes, Dr. Dubrovin, geleitet. Einer der Führer des Verbandes in Odessa, der nach der Revolution 1905 die ganze Stadt und namentlich die Juden terrorisierte, u. a. auch den Premierminister Stolypin wegeti angeblicher Begünstigung der Juden vor dem Senat verklagte, Graf Konovnizyn, wird in den Polizeidokumenten als ein Mann geschildert, der früher in Russisch-Polen gedient hat, sich dort Geld aus den Sparkassen angeeignet hafte und für Bestechung militärpflichtige Personen für dienstuntauglich erklärte. Trotz dieser Vergangenheit aber spielte er eine sehr große Rolle in Odessa und wurde vom General Kaulbars, dem Oberbefehlshaber der Truppen des Militärbezirks Odessa geschützt, ja sogar verhätschelt, weil Kaulbars im ״Verband“ die einzige sichere Stütze der Regierung sah. In einer öffentlichen Versammlung erklärte Konovnizyn, er und seine Anhänger hätten nichts zu