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Jüdische Rundschau · 1930-03-18 · Heft 22 (18.3.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 22 (18.3.1930)
Date
1930-03-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 22, 18. IU. 1030 JÜEDISCBE RUNDSCHAU Seite 151 Zionisiisdie Jtigcndfflhrertaguikg Am 9. März fand in Berlin eine von der Z. V. f. D. einberufene Jugendführertagung statt, an der zirka 200 Jugend-., liehe aus allen Teilen des Reiches teilnahmen. Ea waren alle zionistischen Bünde vertreten. Der Tagung kam dadurch eine ganz besondere Bedeutung zu, daß nach vielen Jahren zum ersten Male eine Zusammenkunft sämtlicher zionistischen jugendgruppen stattfand. In der einleitenden Ansprache betonte Dr. Kanowitz, daß sich im Laufe der letzten Jahre immer stärker in allen Bünden die Einsicht durchgesetzt habe, daß die Oemeinsamkeiten größer sind als die Differenzen. Gemeinsam ist das Streben nach Palästina, der unbedingte Willen zur persönlichen Verwirklichung des Zionismus durch Chaluziuth, gemeinsam besteht für die Bünde die Aufgabe, die Menschen, die den Weg nach Palästina nicht finden, der aufbauenden zionistischen Arbeit in der Oolah einzuordnen. Diese beiden Probleme sind für alle Bünde so zentral, daß sie die Notwendigkeit empfinden müßten, diese Fragen in gemeinsamer Arbeit zu lösen. Aufgäbe dieser Tagung sei es, die Voraussetzungen für eine stärkere Zusammenarbeit zu klären und zu Beschlüssen auch in organisatorischer Hinsicht zu kommen. Die Konferenz wurde eingeleitet durch ein Referat von Dr. Lubinski über ״Das deutsche Judentum“, in dem er die Entwicklungen im deutschen Judentum in der Nachkriegszeit schilderte. Dr. Lubinski sprach von den Veränderungen in der Wirtschaftsstruktur, von der Bevölkerungsbewegung der deutsehen Juden und den Wandlungen in der Ideologie und Zielsetzung, insbesondere von der Mentalität der nichtzionistisahen palästinafreundlichen Jugend. Dr. Lubinski sieht eine große Schwierigkeit für die zionistische Jugend in der Tatsache, daß ein großer Teil von ihnen zur persönlichen Verwirklichung in Palästina nicht gelangen kann. Der Zionist sei dadurch gekennzeichnet, daß er sich dauernd als Schuldner der Bewegung fühle, die in jedem Augenblick von ihm Opfer verlangen dürfe. Die zionistische Bewegung ist dadurch gefcennzcichnet, daß sie im Geg״-״-*z zu allen anderen jüdischen Bewegungen die Totalität jüdischen Lebens erstrebt und erreicht. In der Diskussion sprachen: Dr. Marx-Hamburg, Dr. Michaelis-Hamburg, David Tanne-Berlin, Hans Kaufmann- Berlin, Goldhaber-Leipzig, Kurt Winter-Königsberg, Kurt Blumenfeld. Die Nachmittagssitzung wurde eingeleitet durch ein Referat von E. Liebenstein (Merkas des Hechaluz) über ״Der Weg des jungen jüdischen Menschen in Palästina“. Liebensteln sprach von den Schwierigkeiten, mit denen der SWestjudc in ganz besonderem Maße in Palästina zu . fen habe. Er sah für den Chaluz nur einen Weg, dieser Schwierigkeiten Herr zu werden: die Eingliederung in die palästincnsische Arbeiterschaft. Die westjüdische Alijan aller Riehhingen müsse diesen Weg gehen. Im Anschluß an das Referat von Liebenstein sprachen Hans Kaufmann — Kadimah. Wolfgang Orbach — J.J.W.B. und Heimuth Bers — Zopnim über ״Chaluziuth als Erziehung«- aufgabe der zionistischen Jugend in Eteutschland“. Alle Referenten bekannten sich imeingeschränkt zur Erziehung zur Chaluziuth als der wesentlichsten Erziehungsaufgabe der zionistischen Jugend. In der Diskussion zu diesem Referat sprachen: Bromberger-BresIau, Hans Sternberg-Georgsthal, Oscherowftz- Berlin, Brachmann-Berlin, Dr. Erich Michaelis-Hamburg. Als Ergebnis dieser ersten Konferenz ist die Schaffung eines alle Bünde umfassenden Jugendrates zu nennen. Aktive GemeiRdepropaganda Die jüdischen Einwohner in einer Reihe nördlicher Vororte Berlins gehörten bisher organisatorisch nicht zur Berliner Jüdischen Gemeinde, sondern zur Synagogengemeinde Oranienburg. Das hat naturgemäß bei dem fortschreitend en Wachstum Berlins zu einem inneren Mißverhältnis geführt. Wirtschaftlich und sozial tendierte die Judenschaft in diesen Vororten selbstverständlich nach Berlin und die kleine Gemeinde Oranienbürg war andererseits nicht in der Lage, die jüdisch-religiösen und jüdisch-kulturellen Bedürfnisse der an der nördlichen Pcripherie Berlins verstreut wohnenden Judenschaft zu befriedigen. Die jahrelangen Bemühungen der in den nördlichen Voreiten wohnenden Juden, als deren Instrument der ״Jüdische Religionsverein für die nördlichen Vororte“ zu betrachten war, hatten endlich Erfolg. Die Berliner Jüdische Gemeinde hatte sieh entschlossen, die Juden dieser Bezirke der Berliner Jüdischen Gemeinde anzugliedern und trat dabei soviel Verständnis und Entgegenkommen gezeigt, daß sie auch die alte Gemeinde Oranienburg, die auf sich gestellt nicht mehr existenzfähig gewesen wäre, in ihren Verwaltungsbereich einbezog. Die Juden dieser Bezirke haben es auf das dankbarste begrößt, daß der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Direktor Kareski, sich persönlich zur Teilnahme an einem Gemcindcabend in Hermsdorf zur Verfügung gestellt hatte. Dieser kürzlich in der Aula des Hermsdorfer. Kealgymnasiums abgehaitene von musikalischen Darbietungen würdig umrahmte Gemeindeabend galt der feierlichen Besiegelung der neu geschaffenen organisatorischen Verhältnisse. Direktor Kareski gab in knappen Umrissen ein Bild von der Gesamtlage des Berliner Judentums und wies in eindringliehen Worten auf die Verpflichtung zum Zusammenhalt und /um Kampfe gegen den Indifferentismus hin. In Ansprachen, die von den Vertretern der neu zur Großgemeinde Hinztigckommenen gehalten wurden, kam einmütig die Freude über das Erreichte und der Wille zur Mitarbeit an den von Herrn Direktor Kareski gezeichneten Aufgaben zum Durchbrurh. Dr. S c I! w a t z, Kustos der Kunstsammlung f ־r Berliner Jüdischen Gemeinde, suchte dann in einem LiehtbiSdervortrag über die Kunstsammhing von der kunstwissenschaftlichen Seite her Verbindungen zur jüdischen Vergangenheit aufzuzeigeu und so Gemeinschafts־ gcfiihlc ausnilösen. Hierauf erfolgte durch Bibliothekar Dr. Pcssen die Einweihung einer neuen Zweigbibliothek. Nach der offiziellen Feier fand noch ein Beisammensein der Vereins* und Gemeindevorsteher sowie der Religionslehrer mit den Vortragenden statt. Die Berliner Jüdische Gemeinde und ihre tatkräftigen Führer können den schlichten Gemeindeabend in Heraisdorf als ein Aktivum weit ausschauender, aufbauender Gemeindearbeit buchen. Mit dieser Betreuung und Gewinnung der Außen- Posten ist ein notwendiges und verheißungsvolles Werk eingeleitet. Dr. J. Der ewige Unlversltlts- Antisemitismus Im Zusammenhang mit den schweren antisemitisches Ausschreitungen im Anatomischen Institut der War* schauerUniversität, wo über 60 jüdische Studenten und Studentinnen von eingedrungenen auch nicht medizinischen polnischen Studenten sehr schwer mißhandelt und aus dem Institut hinausgeworfen wurden, ist das Institut auf unbestimmte Zeit geschlossen worden. ln den letzten Tagen gelangten in den Hörsälen der Prager deutschen Hochschulen abermals Flugzettel zur Verteilung, die ״gegen die jüdische Ueberflutung der deutsehen Lehrstätten“ gerichtet sind und in denen der Kampf ״der sudetendeutschen Freiheitsbewegung gegen jüdische Ueberflulang“ proklamiert wird. Aus der Büdierweli Jüdische Märchen und Sagen Wer jemals jüdische Kinder nicht immer nur mit Rotkäpneben und Aschenbrödel bekannt machen, sondern sie zu jüaisehen Märchen führen wollte, der weiß von langem vergehlichent Suchen und nicht recht befriedigendem Fund zu erzählen. Gewiß, es sind gerade in den letzten Jahren manche Versuche auf diesem Felde gemacht worden. Doch ist, wie mir scheint, noch nichts völlig geglückt. Und mit Erwartung und Spannung grüßt der Freund alten jüdischen Volksgutes jede neue Sammlung, die diese empfindliche Lücke auszufüllen verspricht. Es ist wahr — der Schatz an altjüdischem Sagengut, den wir unter dem Namen Midrasch vieldeutig zusammenfassen, ist im Anbeginn nicht für Kinder bestimmt gewesen, nicht für Kinder zuerst gesagt oder gesungen worden. Das wird einem ganz besonders klar, wenn man eine dieser echten alten Satnm- Hingen, wie sie uns die iahrhunderte unseres Ohettolebens erhalten haben, zur Hand nimmt. Kürzlich erst ist uns eines dieser Jahrhunderte alten Kleinodien wieder hervorgeholt und und zugänglicher gemacht worden. Bertha Pappenheim, deren ganzes Leben sich der ״Sisyphus-Arbeit“ (wie sie selbst es einmal nannte) des Kampfes für das Schicksal der jüdischen Frau weihte, hat es unternommen, eins der Maasse-Bücher, die Ausgabe von Amsterdam 1723, aus den ursprünglichen hebräisehen Schriftzeichen in die deutsche Sprache umzusetzen. Mit wohlerwogener Absicht verzichtete sie darauf, das Maasse- Buch zu ״bearbeiten“; treulich wahrte sie Stil und Wortformen des Originals, und wer Ohren hat zu hören, der vernimmt in diesen Seiten das vieltönige Leben der alt-jüdischen Frau, die neben ihrer Zenne Kenne und Simchas Nefesch eben dies Maasse-Buch hervorholte am Schabbos Nachmittag im Soramer, wo die immer fleißigen Hände einmal ruhen mußten. Das Buch ist weit wie die weit, und es hat alles drin Platz, Gut und Böse, Ehre und Schande — ja, die Uebeltäter werden durchaus nicht nur in den Kreisen der Oojim gesucht, sondern gerade in den Reihen der Frommen unef Gerechten mit einer fast kindlichen Schadenfreude — sicher dem Entgelt für üemütigungen des Lebens — gefunden. Nichts wird verhüllt: auch braucht es der Schleier nicht, da der Heilige (getobt sei Er) ja doch von seinem Throne aus alles Krumme wieder gerade richtet. — Aber freilich taugt gerade wegen dieser uns besonders anziehenden Offenheit und Ungeschminktheit nicht alles in diesem Buche für Kinderohren; wenn wir selbst die buchstabengetreue Wiedergabe der jüdischen Sprachform, wie Bertha Pappenheim meint, den Kindern wie einen andern deutschen Dialekt — etwa wie Fritz Reuters Plattdeutsch — nicht vorenthalten wollten. Stoffe für unendlich viele jüdische Kinderbücher liegen hier zu Häuf — jetzt kommt es nur darauf an, daß eine glückliche Hand sie aufhebt . . . Ein Buch für jüdischc Kinder aber ist das Maasse-Buch in seiner jetzigen Gestalt noch nicht; und sollte es nach den Absichten der Uebersetzerin auch nicht sein. Dennoch werden Eltern und Kinder für die Hebung dieses alten Volksschatzes Bertha Pappenhelm Dank wissen. In bescheidenerem Rahmen versucht eine andere jüdische Frau, die sieh seit Jahrzehnten um das Leben der jüdischen Gemeinschaft verdient gemacht hat, Lina Wagner-Tauber, die noch bleibende Lücke zu füllen und uns das langvermißte jüdische Kinderbuch zu geben. ״Jüdische Märchen und Sagen dem Midrasch nacherzählt“ nennt sie ein anzlehendes Büchlein, das der Verlag M. W. Kaufmann in geschmackvollem Gewände den Lesern darreicht. Experimentelle Studien an jener Art des Lesepublikums, für welches das Buch bestimmt ist, zeigten mir, daß das sciiöhe Buch — zum Teil jedenfalls — seinen Zweck glänzend erfüllt. Denn der achtjährige Fachmann, dem ich das Buch vorlegte, zögerte nicht mit begeistertem Beifall. ״Die neugierige Dina“ vor allem hatte den Vogel abgeschossen. Die ״erwachsenen“ Geschichten, besonders die erste ״Das erste jüdische Lied“ schätzte er weniger; aber das mag an ihm gelegen haben! — Freilich fand auch Ich Wer manchen Satz und manchen Gedanken, der über die Kinderköpfe hinweg gesprochen erschien — etwa S. 16, u. a. — Als Schönheitsfehler, die bei einer hoffentlich bald notwendig werdenden Neuauflage zu tilgen wären, erschienen mir die wechselnden Umschriften hebräischer Worte: entweder immer sefardisch oder immer aschkenasisch — was vielleicht für die Volksspräche deutscher Juden bezeichnender ist. Aber niemals ״Brache“ — S, 75 — ״Chalemaudtage“ und ״Psonin“? — S. 88. Bertha Badt-Strau ß. Aas der russischen Revolution f. Steinberg, Als ich Volkskommissar war. Episoden aus der russischen Oktober-Revolution (mit 20 Abbildungen). R. Piper, Verlag München. Der gegenwärtig in Berlin lebende und auch in zionistisehen Kreisen bekannte ehemalige russische Sozialrevolutionär Izcliak Steinberg gibt hier einen Ausschnitt aus seinen Erinnerungen der Revolutionszeit, Steinberg war nach dem bolschewistischen Umsturz, als die Bolschewiki eine Koalition mit den linken Sozialrevolutionären schlossen, Volkskommissar der Justiz, bis im März 1018 dann die Koauton zerfiel, vorwiegend aus drei Gründen: Die S. R. waren für Zusammenarbeit mit dem Bauerntum, sie waren Gegner der Tscheka und schließlieh Gegner des Friedens von Brest-Lltowsk. Aber dies sind nur Symptome. In Wirklichkeit standen hier Menschen von grundverschiedenem Wesen zusammen. Um das zu verstehen, muß man nur Steinbergs Buch neben das eines anderen Juden und damaligen Kollegen, die grandiose Selbstbiographie Trotzkis (im Verlag S. Fischer, Berlin) stellen. Hier ist der kalt berechnende Intellekt und eiserne zielbewußte Wille, bei Steinberg mehr ein ethisch-romantischer Idealismus. Seine Seele ist tief verletzt von dem Erlebnis der Enttäuschung über die Auswirkungen der Revolution, die nicht nur mit den Mitteln des Terrors und der Gewalt um ihr Leben kämpft, sondern auch Gemeinheit und Bestialität das besudeln läßt, was im Namen höchster Ideale der Gerechtigkeit und Menschlichkeit unternommen worden war. Steinberg zeichnet Lenin als eine Mischung von Demagog und Opportunist; doch scheint uns, daß in der Frage des Friedens von Brcst-Litowsk, den Lenin fast als Einziger sofort abschließen wollte, Lenin die Dinge klarer sah; er erkannte, daß der Kampf, um den es geht, auf eine ganz andere Ebene gestellt werden müsse, una daß die falschen Prestige-Gefühle, die dem Frieden entgegenstanden, noch aus dem Arsenal der Welt stammten, die man gestürzt wähnte. Demgegenüber vertrat z. B. Steinberg leidenschaftlich die Forderung nach Fortsetzung des Krieges, a. h. in der Form des sozialen Aufstandes. Das Ringen zweier Weltanschauungen tritt uns hier noch deutlicher entgegen als im Buche TrotzMs, der nur Verstandes-Erwägungen geltend macht. Eine für uns besonders interessante Episode ist die Begegnung Steinbergs mit Frau Tscheglowitow, der Frau des ehemaligen Justizministers, des Arrangeurs des Beilis-Prozesses (n. b. ״des rituellen Beilis-Prozesscs“, S. 164, kann man nicht sagen!!). Steinberg empfängt die Frau in dem Ministerkabiiiett, wo seit den Ignatiew- •dien Gesetzen aUe Ausnahmegesetze gegen die Juden geschaffen worden sind, letzt sitzt ein I ude auf dem Stuhl des Ministers... ״Es gab aber“, fährt Steinberg fort, ״keine Rachegefühle bei uns.“ Er versucht, Frau Tscheglowitow zu helfen — ״gerade weil ich Jude bin, weil ich in ihren müden Augen die verborgene Angst vor der jüdischen Rache sah ..Aber auch dieser Versuch, der Menschlichkeit Eingang zu verschaffen, mißlingt. Der bißchen sentimentale Steinberg konnte in dieser harten Weit, wo geschichtliche Umwälzungen riesiger Art in erbarmungsloser Konsequenz ihren Weg gehen, nicht bleiben. Sein Buch, das keine Gesamtdarstellung, aber doch eine Reihe von wichtigen Episoden enthält, gewährt in die Vorgänge des entscheidenden Halbjahres 1917/18 einen erregenden und ergreifenden Einblick. Zwei Volksausgaben. Dem Verlag Gustav Kiepenheuer (Potsdam) gebührt Dank dafür, daß er soeben zwei alte gute Bekannte, Bücher jüdischer Dichter, in guten Volksausgaben für den billigen Preis von 2,85 M. bei vorbildlicher Ausstattung herausbringt. Das eine ist Arnoid Zweigs Erstlingsbuch, ״Die Novellen um Claudia", vielen eine Erinncrung an die Zeit, als der inzwischen berühmt gewordene Dichter seine ersten erfolgreichen Schritte in die große Welt der Literatur unternahm. Das Buch hat an Frische und Lebendigkeit seitdem nichts eingebüßt und wird in der neuen Form sicherlich viele neue Freunde gewinnen. — Das andere Buch, von Lion Feucht wanger, dem Dichter des ״lud Süß“, ist der Roman ״Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch“ —- gleichfalls ein Werk von anerkanntem Ruhm, zu dessen Empfehlung man nichts mehr zu sagen braucht. Erinnert sei nur an die Episode des Juden Mendel Hirsch, der von der Herzogin das Aufenthaltsrecht in Tirol erwirbt und so den Weg für eine jüdische Gemeinde ebnet, von der Außenwelt verachtet, in seinem Hause, am Sabbat, eia König. Ein Kapitel jüdischen Schicksals ragt hier hinein in die Geschichte der österreichischen Geschlechter und ihrer Lande. Psalmen. Dr. M. Spanier konnte seinen hier vor Jahren angezeigten ״Psalmen, ausgewählt und erläutcrt“, eine zweite Auflage bereiten (1929 bei C. A. Schwctschke, Berlin). Erquickende Oabe eines feinen Geistes; fern von öder Worterklärung inniges Erfassen der Frömmigkeit, des Volksgeffihls und hierin auf den Spuren Luthers, Mendelssohns, Herders, Gunkels — der Aesthetik der Psalmen. Eine kluge Einleitung; die Uebertragirag (keine unbescheidene ״Nachdichtung“) rein und klar. Die feinfühligen Erläuterungen, kleine Essays voller Andacht, werden jeden Bibelleser, Lehrer, Kursleiter usw. bereichern und auch manchem christlichen Alttestamentler die Augen öffnen. — Ein ergänzender Band (Spanier behandelt nur 23 Psalmen) wäre erwünscht; die Uebersetzungen sollten neben dem hebräischen Text stehen, die Transkription hebräischer Wörter verbessert werden. B. K. Selma Stern, Jud Süß, Akademie-Verlag. Berlin. Was ist es, das unsere Zeit wieder so stark zur Figur des lud Süß Oppenheimer aus Heidelberg zieht und vor wenigen Jahren den welterfolg des Roman es von Feuchtwanger veranlaßt hat? Ist es das alte Problem des Versuchs der Synthese von deutschem und jüdischem Kulturkreis, oder das Los des jüdischen Staatsmannes In Deutschland? Jud Süß war nämlich ein Staatsmann von recht großem Formate, der bewußt n?ch seinen Plänen und Ideen ■die '•ganze Struktur •des Staates voninnen heraus grundfegend ändern wollte. Er kann sehr gut mit Bismarck verglichen werden, und wenn man einen Juden nehmen will, so muß man schon nach dem Ausland, nach England, gehen und kann ihn ruhig mit Disraeli in Parallele stellen. Was uns als Zionisten an dem außerordentlich interessanten und lesenswerten Buche von Selma Stern ganz besonders fesselt, das ist die Schi!- derting des Konfliktes zwischen der Seele des soeben erst dem Ghetto entkommenen Juden, mit dem Kinde des deutschen Barock, das hemmungslos in die Genüsse der Welt gleitet. Dr. O. Simon. Upton Sinclair: Boston. Zeitgescfiichtlicher amerikanischer Roman. Malik Verlag, Berlin. 800 Selten, kart. 4,80 M., Leinen 7,— M. Sinclair« Roman ist die historisch getreue Geschichte des Falles Sacco-Vanzetti und zugleich Querschnitt durch die Stadt Boston. Sinclair schildert das heutige Gesicht dieses Mustere der amerikanischen Puritanerstädte folgendermaßen: wenig wirklich Gläubige, desto mehr heuchlerische Frömmler, zynische Politiker, geschmuggelten Alkohol verkaufende Poli* zlsten, rechtlose ausländische und indifferente amerikanische Arbeiter, skrupellose Geschäftsleute, eine durch und durch korrupte Justiz mit einer ebensolchen Regierung. Der Kern der Handlung, der Fall Sacco-Vanzetti, Ist eine dokumentarisch-ge* treue Darstellung der Wirklichkeit, sogar die Namen der haudelnden Personen blieben unverändert. Um die Klassenjustiz der amerikanischen Gerichte ins richtige Licht zu setzen, stellt Sinclair dem Saceo-Vanzetti-Prozeß einen großen Bankprozeß gegenüber, bei dem die hohen Richter Rechtsgrundsätze aufstellen, die sie selbst einige Tage später, als es sich um zwei des Mordes Angeklagte und als Anarchisten bekannte Arbeiter handelt, ohne Bedenken verleugnen. Ein packender Roman, der auf rütteln soll. Ob er das Gewissen der Zeit wecken wird? Langenscheidts Neues Wörterbuch der französischen und deutschen Sprache. Teil I: Französisch-Deutsch mit Angabe der Aussprache nach dem System der Methode Toussaint- Langenscheidt. Auf Grund der Hand- und Schulausgabe des Wörterbuches von Sachs-Villatte, bearbeitet von Dr. B. Oaster, Direktor des Staatlichen Französischen Gymnasiums zu Berlin. XVL, 541 Seiten. In Ganzleinen gebunden 6,50 M. Langenscheidtsche Verlagsbuchhandlung (Prof. G. Langenscheidt) O. m. b. H., Berlin-Schöneberg. — Das Erscheinen dieses vorzüglichen Wörterbuches wird von jedem, der mit fremden Sprachen zu tun hat, freudig begrüßt werden, denn es ist ein praktisches und zuverlässiges Hilfsbuch und weist alle Vor- Züge der Langenscheidtschen Wörterbücher auf. ״Purim in Kassrilowke“. Dieser Titel berechtigt zu allerlei Erwartungen, wenn man Schalem Aleichems sprudelnde Kassrilowke-Geschichten kennt, die reichlich Stoff für Purimscherz und Satire bieten. Leider hat das jüdische Kabarett ״K a f i a n“ (Lutherstr. 31), das diese ״jüdische Revue“ ankündigt, sich diese Sache etwas zu leicht gemacht und die Chance keineswegs ergriffen. Von Scholem Aleichems Geist ist an diesem Abend nicht viel zu spüren. Nur eine Nummer, ״Roth- Schild“ im Hause des Chasens von Kassrilowke, zeigt wenigsteus Ansätze einer gewissen Situationskomik. Im übrigen wird viel gesungen, meist sentimentaler Kitsch, auch getanzt und gesprochen, und die Mitwirkendeu — zum Teil wohl Dilettanten — geben sich anerkennenswerte Mühe. Zu loben ist, daß man auf alle Zoten und Gemeinheiten verzichtet. Herr Sak aschansky findet mit ein paar jiddischen Complets viel Beifall. Ein Stück von Perez ״Wenn nicht noch höher“ wird — von Herrn Pröck! — in hochdeutscher Uebersctzung vorgetragen. Den Abschluß des Abends bildet ein Purim-Kasperlstuck. Die rechte Purim-Stimmung aber stellt sieb nicht ein, m.

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