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Jüdische Rundschau · 1930-03-18 · Heft 22 (18.3.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 22 (18.3.1930)
Date
1930-03-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite!50 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 22, 18. UI!930 Freunde der Jerusalem - Bibliothek Am t. April 1930 sind fünf Jahre verflossen, seitdem die Universität zu Jerusalem feierlich eröffnet wurde. Obwohl die Frist eine so kurze Ist, lassen uns die Ereignisse, die uns überstürzt haben, diese Zeit lang erscheinen. Diese Universität, die nach außen hin so bescheiden sein, und die nach innen hin große Anforderungen an ihre Angehörigen stellen will, hat darauf verzichtet, eine Lehranstalt in dem Sinne zu sein, daß sie gewissermaßen eine Fortsetzung von Gymnasialkursen bildet, oder einen hofieren Aufbau auf die Realschule darstellt. Vielmehr will sie durchaus Forschungsinstitut bleiben, will nur der Fortbildung und Vertiefung der wissenschaftlichen Erkenntnis dienen, und wenn Studenten an ihr ausgebildet werden, so ist das eben nur ein Nebenprodukt, das einstweilen nicht in der Absicht der Gründer und Schöpfer der Universitäts-Idee gelegen war. Infolgedessen bestellt die Universität weit weniger aus Hörsälen, in denen junge Leute Zusammenkommen, um zu den Füßen der Gelehrten Vorträge und Vorlesungen zu hören, als vielmehr aus einzelnen Forschungsinstituten, tn denen Gelehrte ihre fleißige und von äußeren Dingen ganz unabhängige Arbeit treiben wollen, deren Ergebnisse dann einen Fortschritt men schlieber Erkenntnis bilden soll. Zu diesen wissenschaftlichen Instituten der Universität muß daher in erster Linie die Bibliothek gehören, in der das wissenschaftliche Rüstzeug der Forscher zusammen ist. Die Bibliothek darf daher auch keine willkürliche Sammlung von Büchern sein, sondern soll sich bemühen, immer ein organisches Ganze in sich zu sein, und zugleich mit der Universität und den einzelnen Forschungsinstituten zusammen einen wissenschaftlichen Organismus zu bilden. Daß es nicht immer möglieh Ist, besonders bei beschränkten Mitteln, dieses Ideal voll zu erreichen, ist nicht bloß bei unserem neuen Institute der Fall. Davon können alle Universitäten und Bibliotheken der Welt, mit Ausnahme der wenigen ganz alten und ganz großen Bibliotheken, ein Lied singen. Die National• und Universitätsbibliothek zu Jerusalem hatte freilich noch mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen, als das bei anderen Büchereien der Fall ist. Keine noch so gut geleitete Bibliothek vermag ihren Beruf voll zu erfüllen, wenn sie mit ungeeigneten und ungenügenden Räumen zu kämpfen hat. Deshalb war der Bau des woiffsohn -Hauses für die Bibliothek von grundlegender Bedeutung. Die Errichtung dieses Bauwerks gab der Verwaltung die Möglichkeit, ihre Schätze selbst zu übersehen und sichtbar zu machen. In den Zwischenfesttagen des Peßachfestes ist das Wolffsohnhaus ohne großen Aufhebens eingeweiht worden. Es war so still, daß die von Berlin anwesenden Vertreter der Wolffsohn-Stlftung und der Jüdischen Gemeinde kaum bemerkt haben, daß Überhaupt ein Festakt stattgefunden hat. Wenn das auch sicher kein Zufall war, so soll doch die Eröffnung der Bibliothek in ihrem neuen Wolffsohnhause in keiner Weise unterschätzt werden. Das alte Haus ist, wie es von Anfang an geplant ge• wesen ist, der Bnei-Brith-Loge Jerusalem zum Ausbau einer Stadtbibiiothek überlassen worden, die in erster Linie mit den Dubletten der Hauptbibliothek bereichert werden soll. Das Wolffsohn-Haus ist das erste monumentale Bauwerk, das von Juden sichtbar in Jerusalem errichtet worden ist. Hier, wo jede Nation und jede Religionsgemeinschaft sich immer bemüht hat, in die Augen fallende Zeugen ihrer Eigenart als Architekturwerke großen Ausmaßes aufzustellen, wo selbst die Armenier und Abessinier durch Kirchen und Klöster gezeigt haben, daß sie Monumentalbauten zu errichten vermögen, hatten die Juden katun eine oder die andere Synagoge, die man überhaupt ijemerken konnte. Jetzt ist nun an der sichtbarsten Steile des ״Skoptts, def weit hinunter auf die Stadt steht, von der schon '•die׳■ Alft«'wegen'®Nr wunderttateit Mfe: ahrder.-JWAnrf schwärmten, das David •Wolffsohn-Haus der Bibliothek errichtet, so daß man es überall in der Stadt, wo nicht gerade ein Haus vor den Beschauern steht, gesehen werden muß. Es hat damit eine weitgehende allgemeine Bedeutung für die Beurteilung des jüdischen Siedlungswerkes durch die Besucher des Landes und der heiligen Stadt. Es Ist gewissermaßen ein Symbol, daß diese Rückkehr der Juden in Ihr Land mit Universität und Bibliothek, mit den friedlichen Werken der Kultur und mit dem Willen verbunden ist, nicht bloß für sich selbst etwas auf• zubauen, sondern zugleich für die Kulturmenschheit eine Stätte stiller und von äußeren Dingen!»beeinflußter Wissenschaft zu errichten. Der Bau und die Vollendung des Wotffsohn-Hauses haben dazu beigetragen, in allen Ländern die Tätigkeit der Freunde der Bibliothek wieder neu zu beleben und zu erweitern. In Deutschland war es an erster Stelle die Gesellschaft der Freunde der Jerusalem-Bibliothek, die sich der Sammlung von Büchern für die Jerusalem-Bibliothek angenommen hat. Sie hat dabei den doppelten Zweck der Bibliothek nie aus den Augen verloren, zugleich Na tlon a I-Bibi iothek und Universitäts-Institut zu werden. Dabei hat sie in weiten Kreisen auch in Deutschland Verständnis und Unterstützung gefunden. In erster Reihe steht da, ihr stellvertretender Vorsitzender, Professor Dr. Albert Einstein, der auch in diesem Jahre wieder eine sehr große Zahl wichtiger wissenschaftlicher Werke, vor allem Akademieschriften aus affen Herren Ländern durch die Gesellschaft der Jerusalem-Bibliothek gespendet hat. Es ist daher Im Sinne der Bibliothek, die durch Einstein in einzigartiger Weise gefördert wird, daß sie alles sammelt, was auf Einstein irgendwelchen Bezug hat. Das Einstein-Archfvder National-Bibliothek sammelt alle Aufsätze und Bücher, Bilder und Notizen, die sich mit der Person und der Theorie des großen Juden abgeben. Das Originalmanuskript der allgemeinen Relativitätstheorie befindet sich ebenfalls in der Handschriftensammlung der Bibliothek. Vor kurzem übersandte die Gesellschaft der Freunde der Jerusalem-Bibliothek wiederum etwa 20 Kisten mit Büchern. Darunter war unter anderen die Bibliothek von Dr. P. S c h 1 i - ferowitsch in Mannheim, bestehend aus 1262 Bänden, alle Wissensgebiete umfassend, vor allem naturwissenschaftliche, medizinische und belletristische Werke in schöner Ausstattung. Die Dubletten, die sich durch Liebersendung dieser Bibliothek ergaben, kamen wie andere der Arbeiterbibliothek mit ihren sehr zahlreichen Zweigstellen, der Achad-Haam-Bibliothek in Tel-Awiw sowie der medizinischen Zweigstelle der National- Bibliothek in Td-Awiw zugute. Besonders wertvoll war die Bibliothek unseres leider viel zu früh und unerwartet heimgegangenen ersten Vorsitzenden, Sanitätsrat Dr. Gustav B r a d t. Dieser hatte bereits einen kleinen Teil seiner Bibliothek nach Jerusalem gegeben. Unmittelbar vor seinem Tode hat er noch letztwillig bestimmt, daß seine ganze Bibliothek in die Jerusalem- Bibliothek überführt werden sollte. Damit ist die iaryngol» gische Bibliotliek-Ableilmig zu einem besonders wertvollen Besitz der Bibliothek geworden, auch wenn der Stifter seine Absicht, dauernd diesen Zweig auf dem laufenden zu erhalten und zu ergänzen, nicht verwirklichen konnte, so wenig er es vermochte, mit uns zusammen seine Absicht auszuführen, der Auf- Stellung in Jerusalem bei der Einweihung des Wolffsohn-Hauses selbst beizuwohnen. Von anderen zahlreichen Spendern sollen besonders genannt werden: Gustav Bamberger, Leipzig, Prof. Dr. Ismar Elbogen, Herbert Friedland er, Kottbus, S. Gattroana. Chemnitz, Dr. Halberstädter. Köln, Prof. Dr. Slegmuna Keller, Hans Kroch. Leipzig, Prof. Dr. Heinrich Loewe, Dr. Richard Loewe, Dr. Münzner, Mannheim-Neckarsau, Rabbiner Dr, Aräuw Posner, Kiel, Dr. Stdovikv, Up! Sch ar f in Chemnitz, Direktor Dr. M. Spanier, lila Topfschiaschwiü in Chemnitz, Prof. Dr. Ludwig Stein, S» Weis, Hamburg. Rudolf Weißkopf, Chemnitz, Max Wo!!- steiner, Dr. Ernst Franken stein Geh.Rat Prof. Jo11 es, Stadt. Obertierarzt Dr. Kallmann, Hilfsverein der Deutschen Juden und viele andere. Besonders wichtig ist es, daß unser VorstandnritgUed Herr Simon Strauß in Kassel uns durch eine großzügige Spende in die Lage versetzt hat, seine schon früher große Stiftung einer pazifistischen Literatur im weitesten Sinne des Wortes in seinem Sinne zu erweitern, und daß er uns in Aussicht gestellt hat, nach Verausgabung dieser Mittel eine gleiche weitere Stiftung zu machen. Wir dürfen nur wünschen, daß er viele Nacheiferer findet. Die jüdische Gemeinde Halle hat die Bibliothek des Studenten Rappoport aus Rußland übersandt Besonders wertvolle Bücher erhielten und erhalten wir durch Chanan (Hans) Oppenheimer aus der Bibliothek des Herrn Prof. Dr. Karl Oppenheimer. Außerdem wurde eine sehr große Zahl wertvoller Separata übergeben. Frau Erna Joel in Kiel hat nach dem Willen ihres sei. Mannes und aus eigener Initiative eine kulturhistorisch sehr interessante Sammlung von Büchern übersandt. Es sind die von Eduard Joel gesammelten Werke über jüdische und nichtjüdische Räuberbanden des XVIII. Jahrlumderts; außerdem mehrere besonders seltene hebräische und arabische Werke. Rabbiner Dr. Bleichrodeln Berlin hat uns mitgeteilt, daß er seine ganze Bibliothek, darunter die_Originalhandschriften der Werke von Rabbi Akibar Eger für die Bibliothek letztwillig bestimmt. Ebenso hat Prof. Dr. Eugen Wölbe eine letztwillige Verfügung bei uns niedergelegt, wonach seine Sammlung irr den Besitz der Jerusalem-Bibliothek ungeteilt übergehen soll. Diese Bibliothek ist wegen der interessanten Autographensammhxng besonders wertvoll. Die ״Gesellschaft der Freunde der Jerusalem-Bibliothek“ hatte durch den unerwarteten Tod ihres ersten Vorsitzenden, Sanitätsrat Dr. Gustav Bradt einen unersetzlichen Verlust erlitten. Längere Zeit war dadurch jede Arbeit gelähmt gewesen. Jetzt ist an seine Stelle als erster Vorsitzender Herr Dr. Willy Rosenthai, Berlin, Maaßenstr.35, getreten. Stellvertretender Vorsitzender ist weiter Prof. Dr. Einstein geblieben, Schriftführcr Prof. Dr. Loewe. Aber ohne die großen Bemühungen und Opfer unseres Schatzmeisters, Herrn Bankier Emü Dammann, wäre unsere Arbeit doch lahmgelegt gewesen. Daß sie jetzt wieder in vollem Umfange aufgenommen werden konnte, verdankt die Gesellschaft ihm in erster Linie. Er hat wie bisher immer das Defizit aus eigenen Mitteln gedeckt Aber es ist notwendig, daß die Gesellschaft weiter durch zahlreiche Mitglieder das moralische Gewicht erhalten bleibt, das ihr die Möglichkeit verschafft für diese große Kulturaufgabe wirksam einzutreten. Der Jahresbeitrag beträgt nur 10 M- Alle Anmeldüngen von Mitgliedern sind an Herrn Bankier Emil Dammann, in Firma Emil Dam mann ft Co., Berlin NW7, Universitätsstr. 3b, zu richten. Die Büchersamm- 1 ungen leitet Prof. Dr. Heinrich Loewe, Berlin NW40, Flemingstr. 12. Die Universitäts- und National-Bibliothek zu Jerusalem, eine Schöpfung des unvergeßlichen Dr. Josef Chazanowicz, schaut vom Skopusberg auf Jerusalem hinab. Sie ist das sichtbare Symbol, daß das jüdische Volk ein Heim aufbauen will, mit den Mitteln der Kultur und durch Bereicherung maischiicher Gesittung Heinrich Loewe. Unsere Verantworllidikeit für den Jiadiuw ־' Von Heien־e׳'H*a־na 'Thon. .־- Es ist unser Verhängnis, daß wir für alte Erfahrungen, die wir an uns selbst machen, für alle Einsichten in unser« Situation und Eigenart mit ihren Fehlern und Vorzügen stets einen unge-!teuren Preis zu bezahlen haben. Erst wenn wir mit Eigentum und Leben für gewisse Fehler unserer Lebensgestaltung gebüßt haben, kommen wir zum Verständnis dieser Fehler. Das erweist sich wieder einmal Jetzt, da als Folge der August-Ereignisse unser politischer Horizont noch drohend bewölkt ist. Bei der Beschäftigung mit den Ursachen dieser Ereignisse, besonders bei den Aussagen vor der Untersuchungskommission, ergibt sich manches, was unsere Selbstkritik weckt und uns tief bedauern läßt, daß wir nicht früher auf gewisse Fehler und Unterlassungen von unserer Seite aufmerksam wurden. Unter diesen so schwer erworbenen Erkenntnissen ist sicherlieh die wichtigste die, daß wir unsere Einsteiiungzuder arabischen Landesbevölkerung einer gründlichen Revision unterziehen müssen, damit unsere so oft gegebene Versicherung, daß wir den Arabern Friede und Fortschritt bringen wollen, nicht ein Wechsel auf irgendeine vage Zukunft bleibt, sondern hier und heute sich mit Leben und Wahrheit erfüllt. Neben der Notwendigkeit einer Revision unserer Haitung gegenüber der arabischen Umwelt erkennen wir aber in diesen Tagen auch die Notwendigkeit einer Revision unserer Haltung gegenüber dem jüdischen Jischuw im Lande. Wieder einmal im Laufe unserer seit Jahrtausenden sich stets aufs neue wiederholenden Schicksale haben wir erkannt, daß das Judentum als Ganzes, daß sjjezieil der palästinensische Jischub eine Einheit bildet und — ob wir wollen oder nicht — von der Welt als eine Einheit betrachtet wird, In der jeder Einzelne für jeden anderen einzustehen hat. Die Katastrophe, die letzthin über uns herein gebrochen ist, hat den zionistischen Kolonisten in Hulda genau so getroffen wie den aschkenasisehen Oiassid in Hebron und Safed und den grusinischen Einwanderer in der Jerusalemer Altstadt, und wenn auch jetzt von arabischer Seite vor der Untersuchungskommission alle Anstrengungen gemacht werden, um die Ueberfllle mit Ihrer Gegnerschaft gegen die Zionisten zu erklären, so wissen wir doch alle, daß, wenn cs — was das Schicksal verhüten möge — noch einmal zu Angriffen käme, es wiederum Angriffe auf den gesamten Jischub — ob zionistisch, unzionistisch oder antizionistisch — sein würden. Dabei ist bei der eigentümlich komplizierten Beschaffenheit unseres Volkstums die Lage so, daß die stark divergierenden Teile des Volkes — so stark divergierend, daß sie sich zeitweise wie Gegner behandelten — von ganz verschiedenen Punkten ausgegangen und sich dennoch an einem gemeinsamen Punkte begegnet sind, an dem sie alle zusammen den Haß und die Erbitterung der Araber — ebenfalls verschiedener arabischer Kreise —־ auf sich zogen. Zu der Gereiztheit der Araber gegen die Zionisten infolge der Erweiterung der Jewish Agency kam die Gereiztheit gegen das Festhalten der Nachkommen des orthodoxen ,,alten Jischuw“ am Gottesdienst vor der Klagemaucr, kam ihre Gereiztheit gegen die — zum größten Telle aus orientalischen Einwandererkreisen stammenden — jungen Leute, die in den Straßen Jerusalems Demonstrationszüge veranstalteten. So schließt sich der Kreis der Gehaßten, so schließt sich auch der Kreis der für eine besondere Erregung der Araber Verantwortlichen. ln der Geschlossenheit dieses Kreises mußten die Hebrouer eschiwah-Bachurim für die Proklamierung der jewish Agency üßen; in ihr werden die kultivierten, jeder Roheit abholden Vertreter d« Zionismus noch bitter fite jeden Akt der Wildheit und Grausamkeit Irgendeines imwissenden orientalischen Juden büßen müssen. Aus dieser Feststellung einer neuen Manifestation der jfl. dischen Einheitlichkeit — derjenigen, die wir erstreben und derer, die man uns malgrä nous aufzwingt — scheint sich die Notwendigkeit zu ergeben, daß wir nicht länger, wie es bisher geschehen, an dieser Einheitlichkeit vorbeisemeien, sondern sie fest ins Auge fassen, sie in unsere Pläne einbeziehen und wirksam machen. Mit anderen Worten: wir sollten aus den Ereignissen lernen, daß wir unsere zionistischen Siedlungen und Institionen nicht länger wie Inseln neben die Siedlungen und Institutionen der nichtzionistisch«! oder antizionistischen Juden im Lande stellen können, ohne uns um diese zu kümmern, sondern daß wir stark danach streben müssen, die Unterschiede der einzelnen Kulturkreise auszugieichen und möglichst schnell zu einem Jischub zu kommen, der nicht durch unüberbrückbare Gegensätze der Lebensführung, Sprache und Kultur zer» klüftet ist, sondern in demselben Maße wie andere Völker eine kulturelle Einheit bildet Das hat selbstverständlich seine großen Schwierigkeiten: Der Zionismus ist ja nicht nur eine Bewegung zur Benedhmg Palästinas, bet der es etwa gleichgültig ist, ob der Siedler ein Trödler, Bettler oder unschöpferischer Stubengelehrter ist; der Zionismus ist vielmehr die Bewegung zur Erschließung des palästinensischen Bodens, seine Vorbereitung zur Ansiedlung einer neuen jüdischen Gemeinschaft mit neuen Gemeinschaft»- formen, die auf der Grundlage der dem Judentum Immanenten, aber vom jüdischen Volke immer wieder vergessenen sozialen Gerechtigkeit erblühen müssen. Int Lichte des Alltags bedeutet das: Feldarbeit in Winterregengüssen und Sommergluten, Entsteinung, Entsumpfung des Landes, bedeutet es Fieber, Hunger und Entbehrung, bedeutet es auch für die, weiche!eichten: Arbeit unter leichteren Bedingungen leisten, Unterdrückung der persönlichen Neigungen und Wünsche zugunsten einer kleineren oder größeren Gemeinschaft. Es bedeutet eine Durchdringung des jüdischen Lebens mit Verantwortllchkeitsgefühi, mit Geist und Seele. Diese großen Forderungen werden selbstverstindlieh nicht von allen Menschen, welche die zionistische Gesellschaft in Palästina bilden, ständig erfüllt, aber die Gesamttendenz dieser Gesellschaft ist doch ein Streben nach möglichst starker Erfüllung dieser Forderungen. Diesen großen Forderungen ist natürlich weder die chassidische noch die orientalische Bevölkerung des Landes in Ihrer Gesamtheit gewachsen. Wenn die chassidische Bevölkerung bereit ist, einem Ideal Opfer zu bringen, so ist cs ein ganz anderes als das der produktiven, mühevollen Arbeit und der nationalen Neuschaffung der Kultur. Die Mehrzahl der ortentalischen Einwanderer aber ist überhaupt nicht aus idealen Gründen ins Land gekommen, sondern in der Hoffnung auf leichtere und bessere Lebensbedingungen als in ihren Heimatlindern, und bei ihrer geringen Kultur fehlt ihnen das volle Verständnis für den Gedanken des Zionismus und seine mora* Uschen Forderungen. Es war sicherlich notwendig für die Ausbreitung des rionistischen Gedankens, daß die Zionisten erst eine Zeitung unbeirrt, ohne sich uro der anderen Eigenart zu kümmern, ihren eigenen Weg verfolgten und im Lande Fuß faßten. Nachdem dies aber geschehen war, nachdem in immer höherem Maße die Regierung und die Welt überhaupt die Zionistische Organisation als Vertreterin des Jischub ansah, wäre es schon längst Zeit für die Zionisten gewesen, sich zu fragen, ob sie wirklich die Verantwortung für alle Teile des Jischub übernehmen konnten, ohne doch die anderen zu kennen, und irgendeine engere Berührung mit ihnen zu haben. Da man das verabsäumt hat, konnte es geschehen, daß zu einer Zelt als die zionistische Ein- Wanderung streng gesiebt odee fast unterbunden war, Monat für Monat unter der auf dem, Landwege «nach Palästina gelangenden orientalischen Einwanderung eine große Anzahl korperlieh und geistig minderwertiger, pauperisierter, arbeitsscheuer Elemente, unversorgter, das Betrtertum vermehrender Greise, Frauen und Waisen war. Es konnte geschehen, daß diese Einwanderer — statt daß man ihnen so schnell wie möglich zu produktiver Arbeit verhalfen hätte — von den zionistischen Arbeitern häufig beiseite gedrängt wurden und daß die Zionistische Organisation selber sich überhaupt kaum um Arbeitsmögllchkeiten für sie kümmerte. Es konnte geschehen, daß zahlreiche orientalische Kinder ohne jegliche Schulbildung blieben, ohne jegliche Berufsausbüdüng heran wuchsen und nicht einmal die hebräische Sprache erlernten (womit nicht gesagt wird, daß unsere Schulbehörden orientalische Kinder zurückwiesen). Es konnte geschehen, daß die soziale Arbeit unter chassidischen und orientalischen Juden, die ein wichtiges Mittel zur Annäherung der Volkskreise und zur Volkserziehung werden konnte, in den Händen privater Kreise — wie Frauenvereine — blieb, ohne daß die Zionistische Organisation oder der Waad Leumi irgendeinen Anteil daran nahmen. Aus diesen und anderen Unterlassungssünden kam es dann, daß eine unwissende, auf sich selbst angewiesene orientalische Jugend besonders leicht zu gewinnen war, als eine gewissenlose Propaganda die Instinkte der Straße wachrief. Die Strafe für die Aide der Unbesonnenheit und Wildheit dieser unerzogenen ־־' ־־'־־־'■־•י' * ׳ •׳ j -י- — die zionistische Organisation zu bezahlen haben. Aus diesen Erfahrungen müssen wir durchaus für die Zukunft lernen. Es geht nicht an, daß wir zionistische Enklaven in einer nichtzionistischen Umgebung bilden, die wir ignorieren. Wir müssen der orthodoxen und der orientalischen Bevölkerung in weit höherem Maße bei ihrer Ansiedlung im Lande, ihrer Hinführung zu produktiven Berufen (durch Ueberlassung von Land und Gewährung von Krediten) helfen. Vor altem aber müssen wir uns um die Erziehung und berufliche Ausbildung ihrer Jugend kümmern und soziale Institute, die dazu bestimmt sind, den körperlichen und geistigen Status der weiteren Bevölkerungskreise zu heben, unter die Aufsicht der Jewish Agency oder des Waad Leumi stellen. Hierzu gehören wohl beträchtliche Mittel —- vielleicht wäre es möglich, ebenso wie man einen Teil der im Hilfsfonds eingeflossenen Gelder für die Sicherung des Jischub durch Verbindung seiner Wohnviertel verwenden will, so einen anderen Teil für den Ausbau des Erziehungswesens und der sozialen Fürsorge zu verwenden, welche die kulturelle Verbindung des gesamten Jischub schaffen sollen. Die Einheit der jüdischen Bevölkerungskreise in Palästina kann sich unmöglich darauf beschränken, daß sie eine Gesellschaft von Mitschuldigen bilden — sie müssen ehestens zu einer wirtschaftlichen und kulturellen Einheit zusammenwachsen, die den Gedanken der Erschließung Palästinas und d# Bildung einer neuen, höheren Gemeinschaft versteht — auf einem Boden, der nicht den arabischen Bewohnern des Landes, sondern in harter Arbeit dem Karst, dem Sumpf, der Wüste entrissen wird. Ein Schwarzbart-Drama• Henry Torr es, der Verteidiger Schwarzbarts, hat den Dramatiker Hans J, Rehfiseh, Mitver* fasser des erfolgreichen Dramas ״Die Affäre Dreyfus“, aufgcfordert, gemeinschaftlich mit ihm den Fall Schwarzbart zu dramatisieren. Rehfisch hat die Einladung angesonne«. I

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