Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 21 (14.3.1930)
- Date
- 1930-03-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 143 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 21, 14. IE 1030 künftig als Z i p p o r a umherflattert. Neben diesen Umformungen und Uebersetzungen von Vornamen gibt es noch eine beträchtliche Anzahl von Neuschöpfungen nationaler Prägung wie J i g a e I (d. h. Gott wird berühren), Le’umi (wörtlich — na• iional), Zion und Herz! (als Vorname!), denen die weib* liehen G e 1 u 1 a h (Erlösung), T e c h i j a h (Auferstehung) und Ziona entsprechen, ßalfouria ist das Pendant der deutsehen Hindenburgia aus der Kriegszeit, während für Granate Viktoria (auch das gabs einmal) Gott sei Dank noch keine entsprechende hebräische Form exi :tiert. Hübscher ist da Aviva, sehr verbreitet die geographischen Carmel und Carmela, während die reizenden Hermona und Jarden a noch Seltenheitswert besitzen. Die Hauptrolle spielt natürlich die Hebraisierung der Familiennamen. Im allgemeinen versucht man, die europäischen Namen so wörtlich wie möglich zu übersetzen. So wird Lerner zu Lamdani, Wassermann zu Maimon oder Maimoni, Apotheker zu Rokeach. Von den Bäumen verwandelt sich Schönbatim zu Etzhadar, Kirschbäum zu Duwdewani, Rosenbaum zu Schoschani oder Vardi, Feinbanm zu 11 na e. Unter den Männern ragen Gutmann gleich Tobi oder Ischtov, Salzmann gleich Malchi, Engelmann gleich M a l׳a c h i und Hausmann gleich I sch ba i t hervor. Die Farbenindustrie ist durch Grünfeld, jetzt Yarkoni, Schwarz oder russisch Tschornv, jetzt Sch’cho ri, Weißberg, jetzt Lcvani, vertreten. Goldberg und SiIberstein lieb ich sehr auch als Sahawi und Kaspi, Diamant glänzt als Jahalom am palästinensischen Himmel, Finkeistein funkelt als Sch oha ml, während Scharfstein nicht anders wie Ewen-Shamir heißen kann. Andererseits ist nicht einzusehen, warum sich Perlstein gerade Koscher benamst, was natürlich Auster, in der richtigen Annahme, daß es sich nicht um Ostern, die jüdischen Fische, handelt, nicht davon abhält, künftig Pe Bach zu heißen. Der Gott der Eisen, jetzt Barsilai, wachsen ließ,erbarmte sich auch Un gIicks, der nun als Masal hoffentlich besseren Zeiten ent gegensteht, woran ihn der zum Schalomtow verwandelte Gutfried sicher nicht hindern wird. Schuldenfrei ist eine so seltene Erscheinung in Palästina, daß es dafür keine passende hebräische Uebersetzung zu geben scheint, aber Simantov (gutes Vorzeichen) läßt ja auf eine Besserung der Lage hoffen. Löbef hat es sich mit Lew-El ein bißchen leicht gemacht, ebenso Wolfsohn mit Ben־Seev, während Freifogei mit der Uebersetzung Dror wirklich den Vogel abgeschossen hat, da Dror sowohl Freiheit wie Schwalbe bedeutet. Daß Deutschmann zu Aschkenasi und Franzos zu Zorfati wird, braucht ebensowenig zu überraschen wie Weinstock — Gafni und Adler — Nischri. Erbarmendicker ist auch als Rach ma ni unserer Anteilnahme sicher. Nur für Eingeweihte wird es aber verständlich sein, daß W e I w c 1 Knoblaucher seinen Namen in Alter Grünstengel, Toibe Springinbett dagegen den ihren in Zippe Schweißheimer verwandelt hat. Erstens sind die neuen Namen auch nicht sehr schön, und zweitens: wo bleibt da das Hebräische? Hier handelt es sich um den ziemlich häufigen Fall von palästinensischen Juden, die sich in der Kriegszeit, um den türkischen Plackereien, vor allem dem Militärdienst, zu entgehen, einen anderen Namen und die dazu gehörigen Pässe zugelegt haben, und die nun heute ihre alten Vorkriegsnamen wieder annehmen. Besonders beliebt war damals merkwürdigerweise die spanische Nationalität, die billig zu bekommen war, und mancher, der früher einfach Schmerl Berl hieß, war als Don Salvador de la Cruz nur schwer von einem Granden allerchristlichster Observanz zu unterscheiden. Rettung <for Jaden in Palästina durch Spanien ~ mit diesem Satyrspiel, dem mehr als eine Tragödie vorangegangen ist, sei auch unsere Betrachtung geschlossen. Reisins Literatur ״ Lexikon Von Sch. Gorelik. Der dritte und letzte Band des Reisin’schen Lexikons für jiddische Literatur ist nun erschienen, und eine Riesenarbeit, von einem Menschen vollbracht, ist zum Abschluß gekommen. Es ist an der Zeit, diesen verdienstvollen Mann zu würdigen wegen der Einzigartigkeit, mit der er sich seiner Aufgabe entledigte. Von vornherein sei gesagt, daß man in diesem Falle anders wie sonst bei Beurteilung eines Lexikons verfahren muß, denn wir haben es hier mit einem Sonderfall zu tun. Dies dreibändige Standardwerk ist das temperamentvollste, leidenschaftlichste Werben für die jiddische Literatur. Der Schöpfer dieses Werkes ist ein verzückter Monomane, verliebt in alles, was mit dem jiddischen Wort zu tun hat. Auch Reisins Mitarbeiter sind von ganz anderer Art als man sie gewöhnlich bei der Herausgabe eines Lexikons findet. Es sind nämlich die Schriftsteller, Dichter, Publizisten, Journalisten selbst, die über sich schrieben, die das gewaltige biographische Material zusammengetragen haben. Reisin hatte keinen Vorgänger auf seinem Gebiete. Einzig über unsere Klassiker konnte er aus Büchern das nötige Material entnehmen und bearbeiten. Reisin wollte aber das ganze Heer der jiddisch Schreibenden und Dichtenden aufstellen, und deshalb erließ er zahlreiche Aufrufe an die Schriftsteller mit der Bitte, möglichst viel Einzelheiten über ihren Lebenswandel und ihre literarische Tätigkeit zu berichten. Die Antworten waren sehr ausgiebig und fast alle antworteten. Die Säumigen wurden von Reisin mit Mahnungen bestürmt, es fehlte nicht an Drohungen, und schließlich ließ Reisin, der nicht nur ein fanatischer Forscher, sondern auch ein wahrer Sherlock Holmes der jiddisehen Literatur ist, wissen, daß er Mitte! und Wege finden würde, um Daten und Episoden nicht nur des Betreffenden selbst, sondern auch seiner Vorfahren, seiner Eltern und Lehrer usw. in Erfahrung zu bringen. Die ungemein große Zahl von Selbstbiographien, größtenteils gefühlvoll gehalten, ist es, was Reisins Lexikon von vornherein einen besonderen Charakter gibt. Diese Besonderheiten und die Tatsache der Besessenheit Reisins, wenn es sich um einen schreibenden jüdischen Menschen, um ein jiddisches Buch, ein jiddisches Wort handelt, bedingen cs, daß sein Lexikon nicht nur ein Werk ist, das Auskunft über jiddische Literatur gibt, sondern ein Buch, das man wie einen Roman liest. Ihr kommt, um euch nur eine kleine Auskunft zu holen und werdet überschüttet von Gefühlsausbrüchen, die außerhalb aller Grenzen des Sachlich-Literarischen liegen. Ein Bild jüdischen Milieus, jüdischer Eigenartigkeit, tut sieh plötzlich vor dem Leser auf» Dieses Reisin-Lexikon bietet stärksten Anreiz für alle Art Betrachtungen über jüdische Soziologie, es liefert Material für Feststellungen über jüdisches Leben, über das eigentümliche Pathos des jüdischen Menschen, über seinen Hang zu Uebertreibungen, besonders, wenn es sich um die Beurteilung geistiger Dinge in den eigenen Reihen handelt, über die Beziehung der Juden zu ihren Schriftstellern und geistigen Führern, besonders nach deren Tode. Aber darüber hinaus — was schon ein negatives Moment ist — mutet Reisins Lexikon wie ein Kaffeekränzchen an, wo Mitglieder einer Riesenmischpoche sich zum gemütlichen Plausch zusammengesetzt haben. Man unterhält sich in unbekümmerter Geschwätzigkeit nicht nur über den Schriftsteller, sondern auch ' über seine Eltern, über Famllien-Jiches, über die Lehrer und geht dann im Flüsterton zu herzlichen, intimen Einzelheiten über. Dabei muß man gerechterweise sagen, daß der sachliche Teil keineswegs benachteiligt wird. Alle Personalien stimmen, über alle nennenswerten Repräsentanten des jiddischen Schriftiums wird eine eingehende Betrachtung über ihre Bedeutung und über den Platz, den sie einnehmen, gegeben und eine ausführliche Biographie beigefügt. Aber all dies wird von überflüssigen Einzelheiten überwuchert. Wenn man der allgemeinen gültigen Meinung beipflichtet, daß ein Lexikon nichts anders zu sein braucht als ein Adreßbuch und daß man beim Aufschlagen eines solchen Buches das Recht zu beanspruchen hat, auf eine Frage eine sachliche Antwort zu bekommen, so ist von Reisins Lexikon zu sagen, daß man bei ihm meist unnützerweise auf gehalten wird. Reisin wird z. B. niemals auf eine Frage, wo der Schriftsteller Reuben wohnt, eine einfache Antwort geben, er gerät bei derlei Gelegenheit schon in Ekstase und überhäuft uns mit einem Wortschwall, der ermüdend wirkt Man kommt schließlich auf seine Kosten, man erfährt die nötige geistige Adresse, aber wie gesagt, man wird aufgehalten. ״Sein Vater, ein Jid, a ben-Thora, und ein Talner Chassid, war der Gwir des Städtchens und der ganzen Umgebung. Und sein Haus war eine Art Zentrum für die umliegenden Städtchen, für die Waldhändler, Makler und Getreidehändler. Auch für die Pächter, Gutsbesitzer u. dgl. Seine Mutter, Dreise, eine stille, kranke, gottesfürchtige Frau, stammte aus einer alten, angesehenen Familie aus dem Auslande. Als B. noch klein war, ist ihm der Vater gestorben. Alle älteren Geschwister waren verheiratet, und das vorher lärmende Haus wurde einsam.“ Der Leser glaubt sicher, es hier mit den Anfangszeilen eines Romankapitels zu tun zu haben, es ist aber eine Stelle über den Schriftsteller David Bergelson in Reisins Lexikon. (Der Brockhaus wäre bei dieser Methode niemals fertig geworden.) Aber hier ist Reisin noch verhältnismäßig wortkarg und bescheiden. Wie oft geschieht es z. B., daß er uns bei viel weniger verdienstvollen Namen zu langem überflüssigem Verweilen zwingt Nichts wäre vielleicht einzuwenden, daß Reisin in seiner beispiellosen Großherzigkeit auch einen sonst gewiß ehrenhaften Chajim Bunin, der einige Aufsätze über Chassidismus und Zionismus veröffentlicht bat, in sein Pantheon aufgenommen hat. Aber warum muß ich erfahren, daß besagter Bunin, der in verschiedenen Jeschiwoth lernte, sich in Ch’siduth sehr gut auskennt und nach seiner Heirat jedes Jahr zum Rebben, zu dem berühmten Zaddik aus der Schneursohn’schen Dynastie Reb Schleime Salman Kapuster gefahren ist? Warum genießt hier Chaim Bunin den Vorteil vor tausend anderen Juden, daß alle Welt erfährt, er habe sich zuerst mit Getreide und Holz beschäftigt und, nachdem er sein bischen Geld verloren,' sich wieder dem Talmudstudium gewidmet? (״Gepattert dos bissei Geld und wieder sich areingeton in Schas und Poskim.“) Durch derartige Ausführlichkeiten lenkt mich Reisin auf ganz andere Gebiete. Meine Gedanken beschäftigen sich mit der Unbeständigkeit der jüdischen Parnosse, ich denke an all jene Tausende und Abertausende von Juden, die, nachdem sie ihr bißchen Geld verloren haben, sich auf den Talmud stürzten und Melamdim oder wie Bunin Schriftsteller wurden. Wie oft stößt man in Reisins, Lexikon auf völlig unbekannte Schriftsteller, die dieseis unsicheren Beruf erwählten, nur weil sie ihr bißchen Geld verloren haben, oder weil ihnen zufällig das Reisegeld ausging. Da ist ein Altschul, Simon Naftaii Herz, der Gemarah-Lerner war, dann Tischlergeselle wurde, und später Agent für Singer’s Nähmaschinen. Am Anfang dieses Jahrhunderts ging er ins Ausland, und als ihm das Reisegeld ausging, blieb er in Kopenhagen stecken und fing sofort zu schreiben an. Sofort. Niemals wäre er auf den Gedanken gekommen, Schriftsteller zu werden, aber da er in Kopenhagen stecken blieb, schrieb er in dortigen jüdischen Zeitungen, die natürlich gar keine Zeitungen, sondern kleine Blättchen waren, verfaßte eine Arbeit ״Frederida und die jüdische Gemeinde“. Mit einem Wort, Simon Naftaii Altschul ist zum Geschichts- Schreiber der dänischen Juden geworden, nur aus dem einzigen Grunde, weil er seine Reise nicht fortsetzen konnte und in Kopenhagen bleiben mußte. * Reisins Lexikon umfaßt drei stattliche Bände. Wenn man in Betracht zieht, daß es sich hier nur um jiddische Literatur handelt, so ergibt sich bei aller Ausführlichkeit, die man den Klassikern zugestehen mußte, eine solch gewaltige Zahl von Schriftstellern und Dichtern, daß man in Versuchung kommen könnte zu behaupten: die jiddische Literatur ist eine der größten der Welt ln Wirklichkeit liegt aber kein Grund vor zu irgendwelcher Ueberheblichkeit. Diese drei stattlichen Bände sprechen nur von der Großherzigkeit, von dem naiven, ja schädlichen Enthusiasmus Reisins, der alle, alle, die sich auf seinen Ruf hin meldeten, aufnahm, auch die Unzähligen, die Unbedeutendes, Winziges geschrieben haben. Der talentlose Skribent, der elendste Zeitungsschmierer ist von Reisin nicht abgewiesen worden. Seine Verliebtheit in das jiddische Wort schützte die Unbegabtesten, die Graphomanen vor Vergessenheit Es kommt auch vor, daß Reisin einem kraftlosen Dichter mit Namen Isgur Elijohu nicht mehr als 17 Zeilen widmen kann, weil selbst in seinen Augen das Büchlein ״Schlaflose Nächte“ nicht mehr beanspruchen kann. Er hält es aber doch für nötig, diese Härte zu kompensieren, indem er über Isgur verkündet: ״Am Anfang des Weltkrieges ein Poem veröffentlicht“. Die Nachwelt ist in Ungewißheit, um was für ein Poem es sich handelt, wie dieses Poem heißt und mit welchen Motiven es durchsetzt ist. Die Nachwelt erfährt darüber nichts, eines aber weiß sie: es ist ein Weltkrieg ausgebrochen, Armeen marschieren, Völker» sind in Trauer, Jaurös ist ermordet und Isgur Elijohu druckte sein Poem. ״Angefangen zu schreiben im!9. Lebensalter, seit 1911 veröffentlicht winzige Lieder in ״Freier Arbeiterstimmen“, ״Das neue Leben", ״Zukunft", hinterließ nach seinem Tode: Gedichte, eine Erzählung und ein Notizbüchlein.“ So heißt es in Reisins Lexikon über einen jung verstorbenen A g n i, der vielleicht ein Dichter hätte werden können, der gewiß aber eine leidende Seele war und an Tuberkulose litt. Der Bruder des verblichenen Viellelcht-Dichfers hat ein kleines, kleines Werkchen von 41 Seiten herausgegeben, und es ist gut möglich, daß etwas in diesen paar Gedichten steckt, und es ist äußerst rührend, daß Reisin so warm sich seiner annimmt und sogar das Notizbüchlein zu erwähnen nicht vergißt, obwohl es ein wenig an ein Polizei-Protokoll .erinnert. Aber wenn wir aus Sentimentalität nidts gegen die Viertelseite, die Agni gewidmet ist, einzuwenden haben — er ist so jung gestorben und wäre vielleicht ein Dichter geworden —־ so bäumt sich alles in uns auf gegen die Zugehörigkeit eines Schmuei Adler zum Pantheon, der selbst nach Reisins Meinung nur 200״ künstlerisch unbedeutende Skizzen“ veröffentlicht hat. Und was hat z, B. in der jiddischen Literatur ein Borodulin zu suchen, der in der New Yorker Zeitung ״Tog“ technische Artikel schreibt? Aber auch Borodulin fehlt bei Reisin nicht und seine Groß. Herzigkeit reicht so weit, daß auch über noch unveröffentlichte Arbeiten von Borodulin das Geheimnis gelüftet wird. Der Welt soll es nicht unbekannt bleiben, daß größere Arbeiten des Erscheinens noch harren, Arbeiten nämlich über:.... Elektrizitat und ihre Anwendung und über Licht und Strahlen. Unzählig sind derartige Beispiele, die man anführen könnte, und die den Wert von Reisins Lexikon trotz der liebevollen auf. | opfernden Arbeit, die er darauf verwandte, stark vermindern. Reisin leidet an einer Art Quantitäts-Psychose, von der eine Reihe Jiddischsten befallen ist, die alles aufnehmen, alles aufraffen möchten, was in Jiddisch geschrieben und gedruckt ist. Ich muß mich immer an jenen Jiddischlsten erinnern, der mir, so oft ich ihm begegne, mit den Worten kommt: ״Besuchen Sie mich einmal, Sie werden ein frisches Büchel sehen, das angekommen Ist“ Er sagt niemals ein gutes Büchel, sondern ein frisches Büchel, d. h. noch ein Büchel, also ein Quantitäts Büchel. Reisin beruft sich in der Vorrede zum ersten Band auf die Worte des Ber Borochow, nach denen das Lexikon die Auf. gäbe hat, nicht der Unsterblichkeit des jiddischen Schriftstellers, sondern der Unsterblichkeit der jiddischen Literatur zu dienen. Dadurch aber, daß Reisin in übermäßiger Liebe zur jiddischen Literatur die Arme zu weit ausbreitete, sind viele durchgeschlüpft, die mit der Literatur nichts zu tun haben und höchstens Journalisten von recht niedrigem Niveau sind. Statt eines literarischen Denkmals ist es ein Tummelplatz für klein« Eitelkeiten geworden. Nein, so groß ist die jiddische Lite* ratur nicht, wie es nachdem dreibändigen Reisin-Lexikon aussieht Diese drei Bände sind nur dadurch möglich geworden, weil man außer Biographien and ausführlichen Abhandlungen über wirkliche Schriftsteller auch eine sehr große Zahl von Biographien über einfache Juden auf genommen hat An und für sich sind auch diese Biographien von einfachen Juden, die aus Mißverständnis sich zu den Schriftstellern rechnen, nicht uninteressant Aber mit der Literatur haben sie nichts, nichts zu tun. Trotz aller Einwendungen ist doch die Riesenarbeit, die Salman Reisin mit solcher Hingabe und Liebe geleistet hat, bewundernswert und für die kommenden Forscher von großer Bedeutung. Allerdings etwas weniger Liebe wäre dem Werke mehr zu statten gekommen. llllliroilllimilllHHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHIIIimHIIIIIIIIimimitHlllllllimilWMIIIIIIIIIIIIII Kleine Nachrichten Die Arbeiten am Toten Meere zur Vorbereitung der Ausbeutung der Tote Meer-Konzession sind in letzter Zeit wiederum erweitert worden. Zur Zeit werden bereits 70 jüdisehe Arbeiter dort beschäftigt und ihre Zahl soll in nächst« Zukunft weiter erhöht werden. Der Rat der Volkskommissare der Sowjet-Union hat in seiner soeben abgehaltenen Sitzung der Regierung der Sowjet-Krim die Weisung erteilt, weitere 109000 Hektar Boden zur Ansiedlung von Juden sofort tut Verfügung zu stellen. Der J. T. A.-Vertreter hatte Gelegenheit festzustellen, daß die in der ausländischen Presse verbreitet gewesenen Nachrichten, wonach in Charkow und in Bachmut von Atheisten auf öffentlichen Plätzen Sifre-Thoras (Gesetzesrollen) verbrannt worden sind, der Wahrheit nie nt entsprechen. Nirgends in Sowjetrußland wurden Gesetzesrollen verbrannt. Die neue Hebräische Tageszeitung ״Hazman“ in Tel- Awiw hat nach dem Erscheinen von 38 Nummern ihr weiteres Erscheinen eingestellt Der vom Jüdischen Parlamentsklub als Protest gegen den aut der jüdischen Kaufmannschaft und Handwerkerschaft lastenden übermäßigen Steuerdruck für Dienstag, den 11. März, proklamierte Streik wurde in allen Städten Polen« in imposanter Weise durchgeführt. Salman Relsin in Berlin. Der bekannte jiddische Literat- Historiker Herr Salman R e i s i n aus Wilna, Verfasser des fünfbändigen Lexikons der jiddischen Literatur, Schöpfer der jiddischen Grammatik und Redakteur der Tageszeitung ״Der Tog“ hat sich auf der Durchreise nach New York, wo er als Bevollmächtigter der jiddischen Schriftsteller und Pädasogen in Europa an dem dortigen jiddischen Ku’.turkongrcß teilnehmen wird, einige Tage in Berlin aufgehalten. Das Jiddische Wissenschaftliche Institut veranstaltete ihm zu Ehren einen Empfang, der von Dr. E. Tscherikower geleitet wurde und bei welchem Dr. Lestschinsky, Daniel Czarni, David Bergelson, Dr. Olswanger, Dr. N. Gergel, Dr. J. Rubin, Ben- Adir (A, Rosin) dm Gast begrüßten und die Probleme der jiddischen Sprache und Kultur Umrissen. Salman Reisin dankte für den Empfang und legte die Ansichten dar, die er in New York vertreten wird. Eine soziologisch-historische Bibliothek in hebrSi cher Sprache. Die palästinensische Arbeiterbewegung hat trotz ihrer großen Bedeutung innerhalb der Zionistischen Organisation und des palästinensischen Lebens noch keine entsprechend große Bücherproduktion hervorgebracht. Wohl sind mit großer Liebe aus der Bewegung selbst Bücher geschaffen worden, in welchen die Probleme der Arbeiterbewegung und ihre Geschichte in Palästina behandelt worden sind, aber es ist bisher unterlassen worden, die grundlegenden Fragen des Sozialismus und der Arbeiterbewegung zu klären und die klassischen Bücher der Weltliteratur aus diesem Gebiete zu übersetzen. Diesem Mangel versucht ein neuer Verlag abzuhelfen, der aus den Kreisen der Arbeiterschaft hervorgegangen ist und sich ״Chewrah" nennt. An seiner Spitze steht D. Kalai, der schon seit langem in dieser Richtung bemüht ist Der Verlag kündigt für 1930 12 Bücher an, unter ihnen zwei hebräisch geschriebene (eine Geschichte der italienischen Freiheitsbewegung von Beilinson und eine Gescheihfe der Kolonisation ln der Welt von Arlosoroff), die übrigen Bücher sind Uebersetzungen. Das erste: Politik der Arbeiterpartei von MacDonald St bereits erschienen. An- . Geschichte der französischen Revolution von Kropotkin, das neue Buch B. Shaws über den Sozialismus und das Britische Imperium von B. Willians. Dieses Programm macht noch einen etwas zufälligen Eindruck, vor allem fehlt ein Buch über die Fragen des Orients, deren Kenntnis für den palästinensischen Leser so wich'ig ist. Die jährliche Subskription beträgt 1200 Mi!., so daß das einzelne Buch zu dem sehr billigen Preis von 100 Mil. verkauft werden wird. Adresse des Verlags: Tel-Awiw, P. O. B. 420.