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Jüdische Rundschau · 1930-03-14 · Heft 21 (14.3.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 21 (14.3.1930)
Date
1930-03-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 21, 14 TH. 1930 JUFD?«5־׳HF RUNDST H AU Seite 141 Purim-Beilage Purim Im Städtchen Eine Kinderidylle in Wort und BUd Von Rahel Szalit ״Und mit der größten Gedille, gehen sie zu der Megiile, tralalate, tralalaia.“ Die alte Chane singt, sie steht in der Mitte der Küche, klatscht in die Hände und den Takt mit dem Kopf. Heute ist Purim und Chane ist lustig. An den Feiertagen muß man fröhlich sein, am Puriin aber besonders, belehrt sie uns Kinder. Durch das offene Fenster scheint die Märzsonne, es duftet nach Frühling und nach frischgebackenen Haman-Taschcn. Wir Kinder sind in großer Aufregung, man muß ja an alle Freunde ״Schalachmones“ schicken. Wir zählen, wieviele wir beschenken müssen und überzeugen uns, daß unser Geld nicht für alle reicht. Was tun? Es darf ja keiner benachteiligt werden. Wir überlegen lange, und als wir nicht weiterkommen, fragen wir Chane um Rat. Chane ist klug und weiß immer einen Ausweg. Sie ist der beste Freund von uns Kindern. Chane ist arm und hat niemanden auf der Welt. An allen Feiertagen kommt sie zu uns und das ist eine große Freude für uns Kinder. Dean niemand kennt so viele Märchen und niemand ist so hilfsbereit wie sie. Auch jetzt weiß sie guten Rat. ״Wartet doch ab bis die anderen Kinder Euch Schalachmones schicken, dann kauft Ihr was dazu, vertauscht die Geschenke und schickt es ihnen hin.“ Wie einfach, auf eine so glänzende Idee wären wir von selbst nicht gekommen! Wir sit$ nun beruhigt und laufen, unsere Schalachmones-Schätze einkaufen. Der Laden vom alten Leiser ist ganz verwandelt, überall stehen Hühnchen, Brezelchen und allerhand phantastische Tiere aus Zucker herum, das sind die ersehnten Dinge, die wollen wir für unsere Freunde kaufen. Wir suchen lange, zählen immer wieder unsere Pfennige. Endlieh haben wir alles. Der alte Leiser schenkt uns zum Abschied einen Haman-Dreher, ein Ding aus Holz, das, in Bewegung gesetzt, einen furchtbaren Radau macht; unter dieser Musik rennen wir nach Haus. Unterdessen istein Schalachmones angekommen. Die kleine 6jährige Rose bat sie gebracht »Meine Schwester schickt dir Schalachmones״. sagt sie mit piepsender Stimme.t Sie steht verschäm da, das Köpfchen zur Seite geneigt, das Geschenk mit beiden Händen fest um - klammert. Es ist ein Tellerchen mit einer Serviette, überdeckt. Wir öffne« behütsam den Schatz und finden eine Apfelsine drei Zuckerhühnchen und ein Brezelchen Genau dieselben, die wir vor einer Minute gekauft haben. Was tun? Dasselbe können wir ihr doch nicht als Schalachmones zurückschikken. Wir müssen auf weitere Eingänge warten. Vielleicht gibt es was anderes. Richtig, bald öffnet sich die Tür und der kleine Nachbarssohn kommt mit einer ganzen Ladung von Püppchen, Zuckerfrüchten und Schokolade an. Jetzt ist die Sache einfach. Wir vermischen unsere Geschenke mit dem gekauften Zuckerzeug und verteilen es auf bunte Tellerchen. In die Mitte kommt ein Apfel oder eine Orange, rings hemm Püppchen, Hühnchen, Schokolade. Meine kleine Schwester ist der Bote. Sie nimmt das Tellerchen mit der weißen Serviette in die Hände und trägt es behutsam fort. ״Meine Schwester schickt dir Schalachmones“, wird sie sagen und rot werden. So geht es den ganzen Tag. Der Schalachmones kommt und geht wieder. Manchesmal fällt es schwer, sich von dem schönen Zuckerzeug zu trennen. Oefters füllen sich die Augen meines Schwesterchens mit Tränen, wenn wir die Geschenke weiterschicken müssen. Aber der Tag ist schön, und Bote zu spielen ist lustig. Was inan da alles erlebt! Mit roten Wangen und glänzenden Augen kommt sie zurück und erzählt. Schlojme, der Schalachmones-Träger, hat der reichen Frau Pesche eine Schokoladentorte von irgendjemand gebracht. Schlojme hat es ihr selber erzählt, Schlojme verdient heute viel Geld. Von früh bis spät trägt er für die Erwachsenen Schalachmones und kriegt dafür gut bezahlt. Das ganze Jahr geht es ihm schlecht, oft hungert er, nur am Purim wird er reich und stolz. Er rennt geschäftig hin und zurück, mit geistesabwesendem Gesicht. In einer Hand den Schalachmonesteller, mit der anderen rafft er seinen überlangen Kaftan zusammen. ״Schlojme, kommen Sie auch bald zu uns“, ruft man ihm von allen Seiten zu. Er antwortet kaum, denn er muß eilen. Außerdem ist er heute stolz. So gern gesehen und begehrt fühlt er sich nur am Purim. Er hat aber auch wirklich nicht viel Zeit, denn er hat heute noch etwas Großes vor. Die Purimspieler haben beschlossen, daß Schlojme den Haman spielen soll. Er freut sich sehr darüber, wenn auch ein Haman zu sein keine Ehre ist. Aber Schlojme weiß sich zu helfen, er wird ihn so darstelien, daß die Leute sehen werden, daß er ihn selber verlacht. Endlich um 4 Uhr nachmittags ist er mit seinem Schalachmones-T ragen fertig und nun rennt er in die Scheune am Ende des Städtchens, wo die Verkleidung vor sich geht.׳’ Dort ist schon alles in vollem Gange. Eifrig wird an den Kostümen gearbeitet. Abraham, der Schlächtergeselle, ist Achaschverosch, und Chaim, der Schusterjunge, ist die Königin Esther, beide sind sie wunderlich angezogen. Einen langen Ziegenbart und eine Krone aus Pappe »יוייי ״׳>׳«*׳>״ ו#., t »Meine Schwester schickt dir Sdbalechmone»* hat der Achaschverosch und eine gelbe Steppdecke ist sein Königsmantel. Auch Königin Esther ist schön. Chaim hat lange Zöpfe aus Flachs an seiner Krone angesteckt, sein Oberkörper ist in ein Leinentuch gewickelt, unten gucken seine Schaft- Stiefel heraus. Schlojme, der Haman, kriegt eine Maske vor das Gesicht, Glotzaugen, riesige Nase, herausgestreckte Zunge, und als Kleidung wird sein umgedrehter Kaftan gebraucht. Dazu hat er von Zeit zu Zeit mit furchtbarer Stimme schreckliche Flüche auszustoßen. Mordechai, der milde, ist unseres Nachbars Sohn, einen schönen weißen Bart hat er und einen grün-rot gestreiften Umhang. Bei Sonnenuntergang setzt sich die Gesellschaft in Bewegung. Von Haus zu Haus geht es mit Gesang, Spiel und Tanz. Voran Königin Es her, stolz auf einem Ziegenbock reitend, hinter ihr die ganze Ge- Seilschaft. Vor jedem Haus wird Halt gemacht. »Vasti,Vasti.wird kommen bald *, singen die Purim- Spieler. Mit grotesken Tänzen werden ihrewund erlichen Couplets begleitet, durch das Knattem der Hamandreher drücken sie ihren Zorn über Haman aus. Der arme Haman dreht und verrenkt seine Glieder und stößt furchtbare Flüche aus. Das Publikum ist begeistert, lacht, freut sich und rät, wer sich wohl unter den Masken versteckt. Denn nur wir Kinder sind in das Geheimnis eingeweiht, nur wir allein wissen, wer die Schau- Spieler sind. Wir laufen ihnen überall nach und fühlen uns zu ihnen gehörig. Wir knattern mit unseren Hamandrehern mit ihnen zusammen und machen überhaupt die ganze Komödie mit Dafür aber müssen wir die Gaben einsammeln, Wir kriegen Beutel Umgehängt, die die Zuschauer mit Aepfeln, Hamantaschen und sonstigem Naschzeug füllen, das teilen die armen Purimspider dann unter sich. Lustig geht es bis in die späte Nacht, bis der Ziegenbock seine Mitarbrit verweigert und in einem unbewachten Augenblick einfach ausreißt, um in seinem Stall über das wunderliche Geschehen des heutigen Tages nachzudenken. Er ist wohl zu keiner guten Erkenntnis gekommen, denn der sonst so zahme Spielkamerad mied uns Kinder von nun an lange Zeit. Die Nacht ist angebrochen, von allen Seiten hört man das Rufen der Mütter nach ihren Kindern. Ungern kehrt man nach Hause zurück, denn die Purimspieler sind noch nicht fertig und noch lange hört man von ferne ihre Gesänge. ״Noch ein bischen, nur noch einmal, Mutter, bloß noch einmal mit ansehen dürfen“, betteln wir, ״es ist ja nur einmal im Jahre Purim“. Und die gute Mutter kann nicht Nein sagen. Jubelnd rennen wir davon, ״Vasti, Vasti wird kommen“, singen wir, Schlojme der Scfoe1adhmonea»Trager Voran Königin Esther stolx *uf •mem Ziegenbock rettend atemlos laufend. Unser Versprechen, bald nach Haus zu kommen, haben wir vergessen. Ganz berauscht ziehen wir mit den Purimspielern umher, bis die besorgte Mutter nach langem Suchen uns auffindet und nach Haus befördert. Bis spät in die Nacht hinein können wir trotz größter Müdigkeit nicht einschlafen. Immer klingt es in unseren Ohren und wir sehen die Purimspieler vor uns. Bis die gute Chane hineinkommt und uns durch ein beruhigendes Liedchen in den Schlaf summt Nomen esi Omen Von Dr. Fritz Simon, Jerusalem. ״Wer zählt die Völker, nennt die Namen?“ — Wenn wir Schiller Glauben schenken sollen, hat es im alten Griechen- Jand zur Zeit als Ibyku®, der Götterfreund, Korinthus’ Landesenge durchmaß, noch keine Volkszählungen und Namenregister gegeben. In Palästina, das ja von jeher eine ״Ordnungszelle“ am Mittdmeer darstellte, war man jedenfalls um diese Zeit und auch früher schon weiter. Der unter Kaiser Augustus veransialtete Zensus durch die römische Mandatarmacht ist ja weitberühmt geworden. 500 Jahre früher bringt das Buch E s r a schon eine genaue Einwand epungsstatistik: 42 360 Juden (ungcrechnet die Sklaven und Sänger), 435 Kamele und gar 6720 Esel haben sich damals in Palästina angesiedelt! Wie glücklich wären wir, könnte die zionistische Statistik jedes Jahr ein solches Ein- Wanderungsergebnis aufweisen. Gehen wir weiter zurück: im ersten Kapitel des vierten Buches Mosis befindet sich ein Auf- Stellung der streitbaren Macht des jüdischen Vo'kes vor seinem Einmarsch in Palästina: 603:50 waffenfähige Männer zählte Israel zu jener Zeit! Ein gewaltiges Heer, dreimal so stark wie die Allenby’sche Okkupationsarmee. Wer weiß, was uns die Genfer Abrüstungskonferenz davon übrig gelassen hätte. So ließen sich noch viele Beispiele aus der Bibel anführen, die beweisen, daß im alten Palästina ״die Völker gezählt wurden“. Aber auch Namen wurden genannt. Trägt doch das zweite Buch Mosis die Bezeichnung Schmoth, d. h. Namen. Geschlechtsregister werden bis zu den Uranfängen der Menschheit mit genauer Angabe der Lebensdauer jedes Einzelnen zurückverfolgt. Aber auch Namensänderungen gab es schon im alten Israel: so wurde aus Abram — Abraham, aus Sarai — Sarah und aus Jakob — Israel. Inzwischen ist schon viel Wasser den Jordan hinabgelaufen, viel hat sich am Gestade des Mittelmeeres verändert, viel ist aber auch, zwar in moderner Form, erhalten geblieben. Aus dem einst prächtigen Korinth ist ein elendes Fischerdörfchen geworden, und Freund Ibykus würde heute die Landenge, d. h. den Kanal, zu Schiff durchfahren oder in der Eisenbahn überqueren müssen. In Palästina ist man konservativer. Volkszählungen werden noch wie einst veranstaltet, diesmal von der englisenen Mandatarmacht, es gibt wieder jüdische Einwandcnings- Statistiken — erst neulich hat in diesen Blattern unser Freund Menasche Ben Ephraim darüber geschrieben — und Namensänderungen sind ebenfalls wieder recht im Schwange bei den Juden. Hierüber sei einiges erzählt Zu den unvorteilhaften Eigenschaften, die das jüdische Volk ln der Diaspora zwangsläufig angenommen hat, gehören unzweifelhaft unsere Familiennamen, die, soweit sie sich nicht hebräisch erhalten haben, nur in den seltensten Fällen dem sprachkräftigen Mittelalter entstammen, zum größten Teil aber vor 150 Jahren entstanden sind. Wir wollen mit dem Geschmack unserer Vorväter nicht rechten, die Blüten, die das ausgehende Rokoko in der jüdischen Gasse erzeugt hat, entsprechen jedenfalls nicht mehr unserer heutigen ästhetischen Einstellung. Duftige Gebilde wie die Veilchenfelds, die zahlreichen Rosen- und Bfumentäler, klingende Münze wie die Goldbergs und Silber* steins und Diamants sind harmlos gegenüber jenen phantastf* sehen Schöpfungen ,antisemitischer Beamter, wie Treppengelän* der, Kanalgeruch, Schwindler und ähnliche mehr, tjie Juden haben auch dieses Leid, wie so viele andere und größere, mit guten Witzen erträglicher zu machen versucht und so gibt es auf dem Gebiet der Familiennamen und ihrer Entstehung eine Reihe ergötzlicher Geschichten, die teils zu bekannt, teils nicht dezent genug sind, um hier wiedergegeben zu werden. Es ist verständlich, daß man in Palästina bestrebt ist, auch diese Erscheinungsform der tjiaspora verschwinden zu lassen. Dem großen Verschmelzungsprozeß der verschiedenen jüdischen Volksteile, am stärksten dokumentiert durch die Schaffung der einheitlichen hebräischen Sprache, fallen auch die europäischen Familien- und Vornamen zum Opfer, die zugunsten hebräischer Namen aufgegeben werden. Die Regierung trägt diesem Bestreben im weitesten Maße Rechnung, in dem sie jedem Palästinenser gegen die Zahlung der sehr mäßigen Gebühr von 300 mils (6 Reichsmark) ohne weitere Schwierigkeiten seinen neuen, von ihm selbst gewählten Namen amtlich bescheinigt Im all- §’ . * _ gleich mit neuem Namen erscheint, während der frühere Name, um Verschleierungen vorzubeugen, ebenfalls noch mit aufge* führt wird. Heute, wo die Aenderung von Namen keine religiöse Angelegenheit mehr ist, sondern aus nationalen oder Ge* schmacksgründen erfolgt, werden diese auch nicht mehr in heiligen Schriften, sondern ganz prosaisch im palästinensischen Staafsanzeiger, der ״Offidai Gazette ot Palestine“, die zweimal monatlich in den drei Landessprachen erscheint, veröffentlicht Ungefähr in jedem Vierteljahr einmal publiziert die Regierung auf diese Weise eine .,Bekanntmachung betreffend Personen, die ihren Namen geänaert haben und denen darüber von dem Einwanderungsdepartement eine Bescheinigung ausgestellt wurde“. Diese Listen umfassen gewöhnlich runa 200 Namen, im Lauf der Jahre sind also schon mehrere Tausende solcher Namensänderungen vorgenommen worden. 99 «/* der Namensänderungen werden durch Juden vorgenommen, nur in den seltensten Fällen befindet sich auch einmal ein Araber darunter. Wenn aber etwa aus einem Abd Allah ein O b a d j a h (arab. und hebr. — Knecht Gottes), aus Moharamed ein Mosche wird, so sieht man daraus, daß es sich hierbei um einen ״Ger“, einen zum Judentum übergetretenen Araber handelt. Doch gibt es andererseits auch wieder Sauli, die zu Pauli werden, so wenn sich Mosche Misrachi in Musa AI-Muslimi verwandelt. Solche Fälle sind natur* gemäß auf beiden Seiten recht selten. Unter den ״inneriudischen“ Namensänderungen nehmen die von ״Westeuropäern“ bezeichnenderweise nur einen sehr geringen Raum ein. Teilweise liegt das daran, daß unsere englischen, amerikanischen und deutschen Gesinnungsgenossen sich nur schwer dazu entschließen können, ihre ״guten“ Pässe gegen den vorläufig noch etwas unbequemen palästinensischen Paß zu vertauschen, teils, auch wenn sie sich zum Erwerb der palästinensischen Staatsangehörigkeit entschlossen haben, an der immerhin verständlichen Scheu, ein so persönliches Attribut, wie es der Name schließlich ist, plötzlich zu wechseln. Die Ernst, Hans, Hugo und wie sie alle heißen haben darüber in der hebräischen Presse schon manches zu hören bekommen. Unsere Freunde Willy Rosenthal, jetzt Uri Nadaw, und Walter Gruenberger, jetzt Jehuda Carmi, haben wenigstens die ״Ehre“ des deutschen Zionismus gerettet. Bei dem Gros der palästinensischen Juden, die ja überwiegend aus dem Osten stammen, sind hebräische Vornamen im allgemeinen vorhanden und brauchen nicht geändert zu werden, oder nuf'insofern, als daß sich Jankel zu Ja’akob, Eisig zu Jitzchak zuruckverwandelt. Häufiger sind nichthebräische Vornamen bei den Frauen. Aus Taube wird so wieder J o n a h oder auch T o b a h, um den Gleichklang zu wahren. Der letzte Name gibt dann auch die Uebersetzung für Gitta (Gute) ab, währead Feige (auch in der Doppelform Zippe - Feige)

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