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Jüdische Rundschau · 1930-03-11 · Heft 20 (11.3.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 20 (11.3.1930)
Date
1930-03-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 20,!!. m 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sehe 135 Bhimenfdd in Riga Von unserem Berichterstatter. Vom 24. bis zum 27. Februar waren Herr Kurt Blumenfeld und Frau Jenny Blumenfeld in Riga. Aut dem Bahnhof hatte sich neben den Führern der zionistischen Vereine eine roße Menschenmenge zum Empfang cingefunden. Am Abend er Ankunft fand in den Räumen der V. J. St. ״Hcchawer“ im K.J.V. ein Empfangsabend statt, an dem die gesamte zionistische und prozionistische Gesellschaft Rigas teilnahm. Auch der sich gleichzeitig in Riga aufhaltende Rabbi Meier Berlin, Mitglied der Exekutive, war erschienen. Am nächsten Morgen fand im Hotel de Rome ein Presseempfang statt, bei dem Biumenfeld eine Fülle von tatsächlichem Material über die palästinensische Entwicklung mitteilte und die aktuellen politischen Probleme behandelte, in der gesamten Presse erschienen außer Bildern ausführliche Artikel über den Aufenthalt Blumenfelds. Mittags waren Herr und Frau Biumenfeld mit den Verfretern aller zionistischen Gruppen im Hause von Herrn Ettin gen, dem Vorsitzenden der Allgemeinen Zionisten, zusammen. Am Nachmittag gab es eine Veranstaltung der nichtzionistischen Palästina-Liga, in der Fragen der Agency, der Zusammenarbeit von Zionisten und Niditzionisten für Palästina, und Probleme der Landespolitik erörtert wurden. Am Abend fand eine von 1300 Personen besuchte Massenversamm- Iung statt, in der Blumenfeld über das Thema ״Schicksal und Entscheidung" sprach. Der Vortrag gab ein anschaulieh es und eindrucksvolles Bild von der aktuellen Sitflation der Judenheit, stellte die zerstörenden und erhaltenden Kräfte dar und entwickelte auf der Grundlage einer Fülle von interessantem tatsächlichem Material den Gedanken der Notwendigkeit einer zionistischen Entscheidung. Der Vortrag wurde von dem großenteils aus Kreisen der uns bisher fernstehenden jüdischen Intelligenz bestehenden Publikum mit begeistertem Beifall aufgenommen. Er hinterließ eine nachhaltige Wirkung und bedeutete für Riga, das zionistische Diskussionen fast nur in der Form von Partei-Auseinandersetzungen kennt, ein völliges Novum. Herr Biumenfeld sprach am nächsten Tage in einer Reihe von kleineren Veranstaltungen, z. B in einer Jugendkundgebung, in einer jüdischen nichtzionistischen Studenten Verbindung und errang sich überall die Svmpathien der Hörer, so daß verschiedentlich der Wunsch geäußert wurde, er möge Riga recht bald zu längerem Aufenthalt besuchen, da sich ihm dort ein reiches und dankbares Arbeitsfeld bietet Diese Stimmung kam besonders deutlich auf dem zu Ehren von Herrn Biumenfeld veranstalteten Abschiedsbankett zum Ausdruck. Auf diesem Bankett sorgte Herr Biumenfeld dafür, daß die für die Reise von 20 Chaluzim erforderliche Summe sofort aufgebracht wurde. Frau Jenny Biumenfeld, die im Aufträge der Wizo nach Riga kam, hat hier und in Reval mit bestem Erfolg fearbeitet In Riga gelang die Schaffung einer Wizo-Gruppe, er sich auch zwei bereits bestehende zionistische Mädchcngruppen angeschlossen haben. Die neue Frauenorganisation hat ihre Arbeit bereits energisch aufgenommen. Frau Biumenfeld stellte in einer Reihe von Veranstaltungen die Notwendigkeit der Frauenarbeit dar und schilderte das Frauenwerk in Palästina. s. h. Zionfstiscbe Exekutive und Revisionisten London, 6. März. 0. T. A.) Das Sekretariat des Weltverbandes der Zioaisten-Revisionisten hat soeben den Briefwechsel zwischen den Führen» der Zionisten-Revlsionisten und der Exekutive der Zionistischen Weltorganisation betreffend die Forderung der Revisionisten nach Schaffung eines politischen Notkomitees und schneller Einberufung des Kongresses veröffentlicht Die revisionistische Forderung geht dahin, daß zum Zwecke der Schaffung einer vereinigten zionistischen Front ein paritätisch aus Vertretern der gegenwärtigen Zionistischen Exekutive und aus Vertretern der Opposition zusammengesetztes Komitee zur Führung der politischen Arbeit gebildet werden soll, wobei beide Hälften noch ein weiteres Mitglied des Komitees einstimmig ernennen sollen. Ferner fordern die Revisionisten, den XVII. Zionistenkongreß innerhalb der nächsten Monate auf der Basis einer beschleunigten Schekel- und Wahlaktion einzubenifen. In dem Antwortschreiben der Zion. Exekutive heißt cs: Die Führung der politischen Arbeit ist von der Exekutive der Zionistischen Organisation auf die Exekutive der Jewish Agency übergegangen. Zu dem Vorschlag, die Führung der politischen Angelegenheiten der Exekutive der Agency wegzunehmen und einem Sonderkomitee zu übertragen, konnten sich nur die zuständigen Organe der Agency äußern. Sollte ein solcher Vorschlag der Jewish Agency unterbreitet werden, so werde die Exekutive sich ihm w i d e r s e t z e n. Die Exekutive, heißt es in dem Schreiben weiter, ist jederzeit bestrebt, die Meinungen aller wichtigen Teile der Bewegung einzuholen und angemessene Vorschläge hinsichtlieh der Führung der Arbeit zu empfangen und zu geben. Um diesen Austausch auf dem politischen Felde zu erleichtern, wurde das Politische Komitee gebildet. Die Exekutive pflegt auch von Zeit zu Zeit verantwortliche Mitglieder der Bewegung zu empfangen und sie zu informieren. Bei solchen Anlässen wird Gelegenheit genommen, irgendwelche erhobenen Vor- Stellungen anzuhören und sie einer Erwägung zu unterziehen. Die Exekutive ist der Meinung, daß diese Prozedur die vorteilhafteste und in konstitutionellem Sinne freieste ist. Sie würde deshalb gern die Union der Zionisten-Revisionisten einlatlen, aus ihren Reihen ein Mitglied für das Politische Komitee zu nominieren und ferner von Zeit zu Zeit mit der Exekutive zu obenerwähnten Zwecken Zusammentreffen. Die Einberufung eines Außerordentlichen Kongresses im Jahre 1930, heißt es zum Schluß des Briefes, würde so offensichtliche und schwerwiegende Nachteile mit sich bringen, daß sie nur auf Grund emer überwältigenden Forderung seitens der Zionisten in Angriff genommen werden könne. Gegenwärtig liegt der Exekutive kein Beweis für das Bestehen einer solchen überwältigenden Forderung vor. Eine Bibliographie der Peßach-Hagadoth. Die Sammlung von Hagadoth, welche sich in der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem befindet, ist ei n e der größtenderWelt und enthält gegen 900 Ausgaben der Hagadah, angefangen von den ältesten Ausgaben der Druckerpresse bis auf den heutigen Tag. Im Jahre 1901 veröffentlichte der bekannte Bibliograph Samuel wiener eine Bibliographie der Hagadoth, für deren Zusammenstellung er sich der Jerusalemer Sammlung bediente. Seitdem ist aber die Sammlung bedeutend gewachsen und enthält eine große Anzahl von Stücken, weiche in der genannten Bibliographie nicht enthalten sind und deren Existenz bisher überhaupt nicht bekannt war. Herr Abraham Jaari. ein Beamter der Bibliothek, hat nunmehr in der bibliographischen Vierteljahrsschrift der Bibliothek, ״Kirjath Sepher“, eine ergänzende Liste der Bibliographie der Hagadoth veroffentlicht, die auch in einer Sonderausgabe erschienen ist und 300 Buchtitel von Hagadoth aufzählt, von denen 200 in der Jüdischen Nationaland Universitätsbibliothek enthalten sind. Vom lettländiidicn Judentum Von Dr. L. Halpern, Königsberg. I. Der Rigaer ״Hechawer“ im K. J. V. hat es sich in anerkennenswerter Weise nicht nehmen lassen, zu seinem jährlich wiederkehrenden Stiftungsfest auch Gäste aus Deutschland überaus herzlich einzuladen. Die«•, speziell zwischen dem ״Hechawer" (Riga) und der ״Maccabia“ (Königsberg) beinahe zur Tradition werdende Form von Studentenaustausch ist gerade für den jüdischen Studenten aus Deutschland insofern von Wert, als sie unmittelbar einen Einblick in die Verhältnisse des jüdischen Lebens zu gewähren vermag. Denn viel zu langsam dringt Immer noch die Kunde vom jüdischen Leben ln den einzelnen Ländern trotz den sich seit dem Kriegsende enger gestaltenden Beziehungen, in die übrige jüdische Welt. Es bedarf einer besonders hoffnungsvollen Erscheinung, wie es die nationale Autonomie der Juden in Litauen seinerzeit war, um die Aufmerksamkeit der gesamten jüdischen Welt auf sich zu vereinigen. Sind die gehegten Hoffnungen auf diesen vorgerückten Posten der jüdischen Autonomie-Bewegung enttäuscht worden, dann hat die jiijüdische Welt diesem Flecken jüdischen Lebens mit Unrecht die frühere Aufmerksamkeit nicht mehr entgegengebracht. Der junge lettische Staat weist heutzutage noch deutlich zwei Kulturprägungen auf: eine deutsche und eine russische. Zwischen beiden bewegt sich der lettländische Jude, der keinen einheitlichen Typus darstellt und in einem gewissen Sinne spiegelt er die Verhältnisse des Landes wider. So zeigt die jüdische Bewohnerschaft des östlichen Teiles von Lettland die Züge des russischen Judentums, während die Juden im Westen des Landes sich meist an die deutsche Kultur anlehnen. Die Vielfarbigkeit in der Schichtung und die verschiedene Kultursfufung gibt auch die Ursache ab für eine Reihe von Erscheinungen widersprechender Natur, die besonders dem außenstehenden Beobachter auffalfen: Eine Feste des Revisionismus im zionistischen Lager und der einzige in aller Herren Ländern von Juden gewählte parlamentarische Vertreter des ״Bundes" im proletarischen Lager; eine pariamentarische Mehrheit der Zionisten und der Einfluß der ״Agudah“ in der Person eines Einzelnen; die Spitzen der im Kampfe um das jüdische Recht in Rußland erprobten gesellschaftliehen Kreise neben Teilen der jüdischen Bevölkerung, deren kultur-gesellschaftliche Reaktion noch ziemlich primitiv ist. Die Mitarbeit der Minderheiten, darunter auch der Juden, am Aufbau des jungen Staatswesens ist von der lettischen Nation stets gerne, gesehen worden. Ihre gerechte Beziehung zu den Minderheiten fand in der Proklamierung einer kulturellen Autonomie, deren Ausbau immer weiter fortschreitet, realen Ausdruck. Die Toleranz der herrschenden Nation gegenüber der Kultur der Minderheiten, zu einer Zeit, da eine chauvinistische Welle auf kulturellem Gebiete über alle anderen neuen Staaten sich ergoß, hat außer allem auch einen psychologischen Grund. Dieser ist zu suchen in der Tatsache, daß ln Lettland, als in der einzigen Provinz des ehemaligen Rußlands, schon 1864 die lokale Ritterschaft obligatorfschen Unterricht, und zwar für die Landbevölkerung in lettischer Sprache, einführen ließ. II. ' ‘ In diesen Tagen sind gerade zehn Jahre seit dem Bestehen der jüdischen Autonomie in Lettland verflössen, und unwillkürlich bietet sich ein Vergleich mit der Entwicklung der jüdischen Autonomie in Litauen an. Während die Autonomie in Litauen ursprünglich einen national-politischen Charakter trug und erst später zu einer kulturellen und dann zu noch weniger abgebaut wurde, zeigt die von vornherein kulturelle Autonomie in Lettland Ansätze zu einem das gesamte jüdische Leben umfassenden Ausbau. Eine genaue Orientierung über die Tätigkeit, die die jüdische Oeffentlichkeit in Lettland im Laufe dieser zehn Jahre entwickelt hat, ist aus dem Berichte der jüdischen Abteilung am lettischen Bildungsministerium zu gewinnen. Doch soll hier Einiges gestreift werden, was allgemeines Interesse verdient. So geht aus dem erwähnten Bericht hervor, daß diese zentrale Bildungsinstitution der lettländischen Juden, was das Schulwesen betrifft, keine bestimmte, aktive, vom jüdischen Leben diktierte Kulturpolitik repräsentiert. Sie spielt vielmehr die Vermittlerrolle zwischen den eigentlichen Erbauern des Schulwesens und der Behörde. Diese Schwäche kommt besonders deutlich zum Ausdruck in dem faktisch den Interessen des jüdischen Schulwesens in Lettland zuwiderlaufenden Beschluß, die Frage der Unterrichtssprache in der jüdischen Schule der Entscheidung der in ihrer Kulturfärbung divergierenden Eltern zu überlassen. Tatsächlich hat diese Art der Anwendung eines demokratischen Prinzips an falscher Stelle seitens der Bildungsabteilung dazu geführt, daß statt der Proklamiereng eines einzig möglichen jüdischen Schulwesens in hebräischer und jiddischer Sprache Tür und Tor geöffnet sind für die rechtliche Anerkennung auch von Schulen mit deutscher und russischer Unterrichtssprache, als Schulen, die der jiidisehen Bildungsabteilung unterstehen. Dieser Gefahr haben die jüdischen Kreise in Estland einen Riegel vorgeschoben, indem sie den Besuch von russischen und deutschen Schulen der Wahl der Eltern zwar anheimgestellt haben, aber mit der entscheidenden Einschränkung, daß als jüdische Schulen mit dem dazugehörigen Regierungsrecht nur die Schulen mit hebräischer und jiddischer Unterrichtssprache anerkannt wurden. Die Schülerbewegung in den hebräischen, jiddischen, russisehen und deutschen Schulen, die der Bildungsabteilung unterstehen, gibt manchen interessanten Fingerzeig. So zeigen die Grundschulen mit russischer und deutscher Unterrichtssprache prozentual insgesamt keine Tendenz zur Abnahme, während eine Abwanderung aus der russischen in die deutsche Schule festzustellen ist. Hingegen weisen die Mittelschulen mit gleicher Sprache eine prozentuelle Abnahme auf. Auch die Grundschulen mit hebräischer und jiddischer Sprache zeigen im Laufe dieser Jahre prozentual insgesamt denselben Stand. Eine Umgruppierung hat insofern stattgefunden, als die hebra- »sehen Grundschulen auf Rechnung der jiddischen an Schülerzahl um rund 10 0/0 zugenommen haben. Die prozentuale Verdoppelung der Schülerzahl in den hebräischen Mittelschulen hat sich auf Kosten der Abnahme in den russischen Schulen vollzogen. Der faktische Träger der hebräischen Kulhtrarbeit in Lettland ist eine Schar von begeisterten Lehrern, die in der Organisation ״Haraoreh“ zusammengefaßt, bei den» Opportaiismua der ofözieQea zionistische»! Kreise im Jahre 1922 Tirtnithfunktionen übernahmen. Sie können mit Stolz auf die von ihnen in den acht Jahren geleistete Arbeit zurückblicken. Auf der inzwischen wohl schon abgehaltenen Jubiläumskonfcrenz sollte beschlossen werden, die Tarbuthfunktion, die sie seinerzeit freiwillig auf sich genommen haben, in die Hände einer besonderen Organisation zu übergeben, da der Boden für erfolgreiche hebräische Kulturarbeit in der zionistischen Oeffentlichkeit nunmehr reif Ist. III. Ein zionistischer Faktor ersten Ranges, speziell in Riga, ist die zionistisch organisierte Studentenschaft. Unter den verschiedenen Studentengruppen nimmt der ״Hechawer" insofern eine zentrale Stellung ein, als er zum Unterschiede von der ״Hasmonea", die revisionistisch gefärbt ist und dem ״Haschachar", der zionistisch-sozialistisch ist, allen zionlstisehen Gesinnungen offen steht. Dadurch ist schon zwischen den Vertretern der verschiedenen zionistischen Richtungen eine fruchtbare Auseinandersetzung gewährleistet. Hoch anzuschätzen ist die erzieherische Leistung, die dort an den geistig und individuell voneinander abweichenden jungen Menschen vollbracht wird, da die jüdische Schule in Lettland heute noch getreu die Kuiturverhältnisse der älteren Generation widerspiegelt und faktisch fünf Gattungen von Abiturienten abgibt: die der hebräischen, jiddischen, lettischen, russischen und deutsehen. Einer der Wege, aus diesen heterogenen Elementen einen einheitlichen zionistischen Menschenschlag zu formen, ist die Hebräisierung, die von Jahr zu Jahr fortschreitet. Neben der Hebräisierung könnte noch in diesem Sinne eine stärkere Ve r voik stü mlichung wirken, die in der Her- Stellung eines engeren Kontaktes mit dem jüdischen Massenleben bestehen soll. Diese Wege würden auch zum Herzen der ostjüdischen Studentenschaft, besonders in Litauen führen, in deren Organisierung zu einem straffen zionistischen Vortrupp gerade dem ״Hechawer“ Pionierarbeit zu leisten vorbehalten ist. Eine einfache Uebertragung von Organlsationsform und Gehalt aus dem Westen dürfte jedoch nicht gut gelingen, da es sich hier um grundsätzliche Unterschiede kultureüer, gesellschaftlicher und psychologischer Art handelt. Daß dieser ganze noch nicht genügend geklärte Fragenkomplex für die zionistische Studentenbewegung von eminenter Wichtigkeit ist, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Zu seiner Klärung müßte eine Diskussion cinsctzen, die von der zionistischen Studentenschaft im Osten ausgehend, alle interessierten Kreise erfassen würde. Bflehersdian Moses Mendelssohn, der Mensch und das Werk. Zeugnisse, Briefe, Gespräche. Herausgegeben und eingeleitet von Bertha Badt-Strauß (Weltverlag Berlin). Die Aufgabe, den Menschen Moses Mendelssohn in seiner Zeit und aus seiner Zeit zu erkennen, die sich die vorliegende Auswahl stellt, wird vorbildlich erfüllt. Die geistige Gestalt Mendelssohns tritt uns lebendig entgegen und gewinnt stellenweise durch Wiedergabe feinster wesenszüge eine besondere Plastizität. Drei große Lebens Einschnitte werden im Ablauf dieses Menschenschicfcsals erkennbar. Des jungen Moses Einzug In Berlin, ■ wohin ־der kaum vierzehniährig_e kränkliche_und verwachsene .־Knabe dem verehrten ielfe'TC/Dtflld'ireöiM ing^öei*11r nachfolgt. Hier öffnet sich ihm, der bisher nur die Weit des jüdischen Schrifttums kannte, die Weite außerjüdischen Wissens. Es ist die erste Berührung mit der deutschen Geisteswelt. Leidenschaftlicher Wissensdrang erfaßt den Knaben und läßt Ihn Not und Drangsal seiner äußeren Existenz vergessen. Den zweiten großen Wendepunkt bringt dem Jüngling die Freundschaft mit L es sing, diese seltene Arbeitsgemeinschalt und menschliche Uebereinstimmung zweier groß angelegter Naturen, beide geeint in ihrem Streben nach Ausbreitung der Aufklärungsphilosophie und der Vernunftreligion, beide sich wechselseitig befruchtend und anregend in ihrem Denken und literarischen Schaffen. Der jüdische weise, das Urbild von Lessings ״Nathan", läßt der christlichen Welt das Judentum in einem neuen Licht erscheinen. Bedeutet Lessing für Moses Mendelssohn den großen Schritt vom Judentum zur allgemeinen Menschheitskultur, so führt Lavater die dritte — entscheidende — Wendung herbei: Mendelssohn wird der Apostel des Judentums vor der Menschheit. Lavaters öffentliche Aufforderung zum Uebertritt ins Christentum beantwortet Mendenlssohn, der bereits tief im deutschen Geistesteben verwurzelt ist, mit einem rückhaltlosen Bekenntnis zur Religion der Väter, die ihm ihrem Wesen nach durchaus vereinbar ist mit den Vernunftwahrheiten. In diesem Streit um die Ehre des Judentums enthüllt sich die ganze Größe, Festigkeit und Tapferkeit seines Geistes und seiner Seele. Die große geschichtliche Tat seines Lebens krönt er mit seinem werk ״Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum“, worin er die Forderung nach Denkfreiheit, Gewissensfreiheit und Glaubensfreiheit erhebt, Grundsätze die nicht nur für das Judentum, sondern für die ganze Kulturwelt Geltung erhielten. Somit gehört Mendelssohn neben Kant und Lessing zu den bedeutsamen Erscheinungen der deutschen Geistesgeschichte im IS. Jahrhundert, die der Freiheit des Geistes den Weg bereiteten. Das Buch von Bertha Badt-Strauß wird vor allem der jüdischen Jugend viel geben können. Ina B ritsch gi- Schimmer. Aus dea Gemeinden Duisburg. Die neuen Gemeindesatzungen, um die seit fünf Jahren gekämpft wurde, sind in kurzer Zeit ohne jede Abänderung am 11. Februar vom Oberpräsidenten der Rheinprovinz genehmigt worden. Wie immer kam auch hier der Widerstand gegen die Erfordernisse der neuen Zeit aus den eigenen Reihen der Juden, nicht von der Behörde her. Die Gemeinde legt jetzt die verengende Bezeichnung ״Sy nagogengemeinde‘‘ ab und heißt von nun ab ״Jüdische Gemeinde“. Die Zahl der Gemeindevertreter ist nicht mehr feststehend. Wächst die Zahl; der Wahlberechtigten, so wächst die Zahl der Gemeindevertreter. Es gilt geheimes und unmittelbares Verhältniswahlrecht für Männer und Frauen, für Inländer und Ausländer, ohne Karenzzeit und Zensus. Die Wahl findet nach gebundenen Listen statt, damit nicht Leute, die es allen recht machen wollen, um ein Mandat zu erlangen, ihren Namen aut sämtliche Listen setzen können. Die Amtszeit beträgt vier Jahre (nicht mehr sechs). Mit einer Mehrheit von % der Wahlberechtigten kann die Gemeindevertretung vor Ablauf ihrer Amtszeit aufgelöst werden, Der Vorstand wird auf zwei Jahre gewählt. Für die Verwaltung bestimmter Kultuseinrichtungen können Ausschüsse gebildet und von der Gemeinde finanziert werden. Besonders wichtig ist die Beseitigung des Zweikammers y s t e m s, ein Erfolg, der zum erstenmal im Gebiet des preußischen Judengesetzes errungen worden ist. Die Beschlüsse der Gemeindevertretung sind für den Vorstand bindend und von ihm zur Ausführung zu bringen. Da Vorstand bat kein Vetorecht, « ist nut noch Exekutive, Dadurch nnd Mißheliigkeitea xwf-

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