Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 19 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 19, 7. ÜI. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 127 Innerzionistisdic Aussprache Der Sinn der Jenaer Beschlüsse Von Dr. Martin Pleßncr, Bonn. Herr Dr. Wolfsberg wird mit seiner Polemik gegen Schereschewsky (״J.R.“Nr. 15) die Zustimmung auch solcherGesinnungsgenossen gefunden haben, die dem Brith Schalom näher stehen als er. Wenn auch der überwiegende Eindruck bei Befragung der überlieferten Lehren des Judentums der ist, daß die Grundtendenz mehr in Richtung Schereschewsky geht als in entgegengesetzter, so ist es doch immer mißlich, eine nichthalachiscne Tradition, für die cs eine authentische Auslegung nicht gibt, in einem bestimmten Sinne auszulegen, der aktuelle pohtischc Bedeutung hat, besonders wenn dieser Sinn sich mit der eigenen Auffassung deckt. Ich glaube, daß die Bestrebungen des Brith Schalom, die ja nicht so aussehen, wie eine systematische Hetze in- und außerhalb Palästinas es darzustellen sucht, cs nicht nötig haben, mit Argumenten verteidigt zu werden, deren Stichhaltigkeit zum mindesten zweifelhaft ist; es gibt’ genügend einwandfreie Argumente. Wenn der Artikel Wolfsbergs mich trotzdem veranlaßt, in die ״Innerzionistische Aussprache“ einzugreifen, so geschieht es deshalb, weil dieser Artikel einige Offenherzigkeiten über die Eindrücke der von ihm im Geschäftsführenden Ausschuß vertretenen Partei von den Jenaer Beschlüssen enthält, die näher zu betrachten für die anderen Koalitionsgruppen von nicht minderetn Interesse sein dürfte als beispielsweise für den Zionismus überhaupt die Haltung der deutschen nichtzionistischen Agency-Mitgheder, vertreten durch Oscar Wassermann. Es geht um die Reinlichkeit der Voraussetzungen, unter denen die gemeinsame Arbeit und die gemeinsame politische Führung der Z. V. f. D. geschehen soll; und da wir gewußt haben, daß die Auseinandersetzung darüber mit Jena nicht beendet sein wird, so wird hier ein offenes Wort gesprochen werden müssen. Gerade die Acußerungen Dr. Wolfsbergs lassen nämlich Zweifel an der Richtigkeit seiner Ansicht aufsteigen, es sei ״müßig, die Vorgänge, die zur Bildung dieses G: A. führten, genau unter die Lupe zu nehmen und aus ihnen weitgehende Konsequenzen zu ziehen“. Ob die Resolution Blumenfeld ״keine exakte Fassung der politischen Haltung seiner Gruppe“ war oder doch, kann dahingestellt bleiben. Fest stehen jedenfalls drei Dinge. Erstens hat der größere Teil der Jasager, nämlich sicherlich die gesamte sozialistische Linke und zweifellos auch ein großer Teil des Linken Zentrums, für die Resolution nicht deshalb gestimmt, weil es die Resolution Blumenfeld war, oder zum mindesten nicht nur deswegen, sondern vor allem weil sie deren Inhalt wörtlich und ernst nahmen. Das ergibt sich ohne weiteres aus den Reden der offiziellen ,Vertreter dieser beiden Fraktionen in der außenpolitischen Debatte. Zweitens ist es nicht richtig, daß die Resolution ,,im wesentlichen als der Vergangenheit zugewandt“ zu werten ist; denn sie beginnt mit einer Präambel, in der die Leitung der Z.V.f.D. er-!nächtigt, d. h. beauftragt wird, im Sinne dieser Reso- Iution Stellung zu nehmen. Drittens ist der Misrachi i n voller Kenntnis dieses Umstandes in den G. A. gegangen, und dies, obwohl alle oder fast alle seine Mitglieder in der namentlichen Abstimmung gegen die Resolution gestimmt oder sich der St im mabgabe enthalten haben. Es geht also nicht an, besonders nicht für ein Mitglied des G. A., den Jenaer Vorgängen nachträglich die Deutung zu geben, als sei mit dem Eintritt des Misrachi in die Koalition der ausdrückliche Beschluß des Dclegiertentags praktisch so weit bedcutungslos, wie es derjenigen Kaalitionspartei. genehm ist, die ein Verständnis mit der Resolution jedenfalls nicht bekundet hat. Hätte man ״eine teilweise Entpolitisierung“ gewünscht, so hätte man offen dämm kämpfen müssen und sich entweder durchsetzen oder aus der Niederlage die Konsequenzen ziehen müssen. Gegen einen Versuch aber, dieses Ziel nachträglich auf trockenem Wege zu verwirklichen und somit den Delegiertentag zu einem Forum zu erniedrigen, vor dem Reden zum Fenster hinaus gehalten werden, und wo ״selbst das Abstimmungsergebnis nicht entscheidend“ ist, werden alle diejenigen mit Entseniedenheit auftreten müssen, denen es um die Jenaer Entscheidüng ernst war. Man wird sich vielleicht über die Schärfe wundern, mit der diese Anschauungen hier vorgetragen werden. Aber wenn eine Koalitionspartei durch einen von ihr in den G. A. entsandten Vertreter in der ״Rundschau“ der Anschauung Ausdruck verleiht, daß das Ergebnis von Jena ״den zum Eintritt entschlösse- ״en Misrachi nicht im geringsten an die Politik, die vor dem Delegiertentag von den maßgebenden Mitgliedern des damaligen G. A. propagiert (!) wurde“, bindet, so muß jeder Unbefangene sich fragen, aus welchem Grunde der Misrachi, obwohl ihnf das Ergebnis bekannt war, in den G. A. gegangen ist, ohne dieser Auffassung sofort, d. 11. auf dem Delegiertentag Ausdruck zu geben. Den Grund hat Schereschewsky in seinem Aufsatz anzugeben gesucht; und Dr. Wolfsberg hat die Unrichtigkeit von Seheresehewskys Angabe weder behauptet noch bewiesen. Das ist natürlich eigene Angelegenheit des Misrachi, die hier nicht cur Diskussion steht. Uns andere aber interessiert das Resultat und vor allem die Konsequenzen dieses Resultats. Diese mögen vom innermisrachistischen Standpunkt aus betrachtet so oder so ähnlich aussehen, wie Herr Dr. Wolfsberg sie schildert. Niemand wird vom Misrachi verlangen, daß er um der Koalition willen eine Plattform sich zu eigen macht, die — man mag das bedauern — nicht die seine ist. Es ist aber eiii Unterschied, ob man Vorbehalte fürsichselbst macht oder ob man — als Mitglied des G. A.! — das Ergebnis des Delegiertentages in einer Weise interpretiert, die, gewollt oder ungewollt, jedenfalls im Effekt einen Affront gegen die ursprünglichen Koahtionsparteien darstellt. Es ist nötig, das sofort festzulegen, damit etwaigen späteren Versuchen, der Jenaer Majorität ihre Stellungnähme zur Außenpolitik zu verübeln, während der Misrachi als Koalitionspartei seinerseits Bewegungsfreiheit verlangt, von vornherein die Spitze abgebrochen wird. Niemand will den Misraehi zwingen, seine Anschauungen aut diesem Gebiet zu verleugnen. Wolfsbergs Artikel aber kündigt mehr oder weniger verschleiert den Versuch an, umgekehrt die Jenaer Mehrheit auf die Seite des Misrachi herüberzuziehen, oder mindestens die Außenpolitik der Z. V. f. D. in mehr ״inisrachistischem“ Sinne zu beeinflussen, und zwar lediglich deshalb, weil der Misrachi jetzt Koalitionsparte( ist. Ich glaube nicht, daß ich den Teufel an die Wand male. In weiten Kreisen besteht der Eindruck, daß die Haltung der ״Rundschau“ vor und nach dem Delegiertentag charakteristische Unterschiede aufweist, obwohl das Mißtrauensvotum gegen die Redaktion mit einer Zweidrittelmajorität abgelehnt wurde und die Resolution Blumenfeld wegen ihres Inhalts eine Bedeutung hat, die weit über das Zableiiverhältnis bei der Abstimmung hinausgeht. Es darf kein Zweifel darüber bestehen, daß eine Leitung, die diese ausdrücklichen Beschlüsse im Verwaltungswege bagatellisieren lassen würde, auf dem nächsten Ekelegierten tag gerade von den jenigen verlassen werden müßte, die sie in Jena gewählt haben. Glaubt man die Beschlüsse des Dclegiertentags nicht i.1 vollem Um lange durchführen zu können und insbesondere in der neugeschaifeuen Pressckommissiou gerade in dem Punkte, um den es in Jena i;1 der Hauptsache ging, von den Beschlüssen langsam, aber sicher abwcichen zu müssen, dann gebe man das offen zu und gestalte die Z. V. t. D. zu einem Territorialverhand um, gegen den bei weitem nicht so erhebliche prinzipielle Bedenken bestehen, als von der Leitung betont wurde. Dann haben die einzelnen Gruppen Handlung»- freiheit. Will man aber eine Z.V.f.0. wie bisher, dann muß man sich an die Beschlüsse ihres Parlaments halten. Der Misrachi behält sein Recht zu eigener Meinungsäußerung wie jede andere Gruppe. Aber solange er Koalitionspartei ist, muß er diejenigen Rücksichten auf seine Koalitionsgenossen nehmen, die im politischen Leben unerläßlieh sind. Presseschau Ein Parlament für Palästina? im amcrikanisdj-zkmistisdiet! Organ ״The New Palest! ne“ vom 14. Februar untersucht ein unter dem Pseudonvm Xenophon schreibender ״offiziellen Kreisen angehörender“ Palästinenser die Frage eines Parlaments für Palästina und kommt nach einem historischen Rückblick zu dem Ergebnis, daß gegen ein Parlament, das die Regierung in Fragen, die die arabische Bevölkerung betreffen, wie arabische Erziehung, Hilfe für die Landwirtschaft des Fellachen usw., nichts einzuwenden wäre. Politisch denkende Zionisten sollten vielmehr einen solchen Plan begünstigen, weil dadurch ungerechtfertigte arabische Befürchtungen beseitigt werden könnten und sogar eine Plattform für die Zusammenarbeit von Juden und Arabern geschaffen wäre. Freilich müßten die Fragen der F.inwanderung, der jüdischen Erziehung, hebräischen Sprache, jüdischen Gemeindeverfassung, der Jurisdiktion des High Comrnissioners Vorbehalten bleiben. Ebenso wie wahrscheinlich zahlreiche christliche Interessen. Die zionistische Leitung sollte bestrebt sein, Juden und Araber in Fragen des gemeinsamen Interesses ihrer gegenwärtigen Gemeinschaften in Palästina zusammenzubringen, unter Vorbehalt der künftigen Schicksale des Jüdischen Nationathcimes. Sehr ausführlich beschäftigt sich mit derselben Frage der bekannte Poale Zionist R e vv u t z k i in einem bemerkenswerte« Aufsatz im Januar-Heft der amerikanisch-jüdischen Monatsschritt ״Th e Menorah Journa I“. Rewutzki betont, daß die Lehren der Palästina-Ereignisse nicht ignoriert werden können und daß es Selbstmord wäre, sich durch Ermahnungen, zum Normalzustand zurückzukehren, darüber hinwegzutäuschen. Er gibt dann eine eingehende Studie der bisherigen zionistischen Arbeit und betont die Notwendigkeit einer arabisch-jüdischen Verständigung. Aber durch bloße schöne Gesten und Wünsche kann die Verständigung nicht erzielt werden. Wir müssen vielmehr Anstrengungen machen, die Araber von der Aufrichtigkeit unserer Bestrebungen zu überzeugen. Wenn man schon vergangene Fehler nicht wieder gutmachen kann, so soll man sie wenigstens nicht wiederholen. Was die Parlamentsfragc betrifft, 90 meint der Verfasser, die Juden hätten keine Veranlassung, gegen ein Parlament Stellung zu nehmen, unter der Voraussetzung, daß die jüdischen Rechte, vor allem das Recht der freien Einwanderung und der freien Entwicklung in Stadt und Land gesichert sind. Ein demokratisches Pariament, meint der Verfasser, sei für die Juden viel weniger gefähriieh als der gegenwärtige Einfluß der korrupten Effendis. Dagegen solle ein Kuriensystem unbedingt vermieden werden. Wenn Juden den Arabern auf dem Gebiet konstitutioneller Reformen entgegenkommen, sind sie berechtigt zu verlangen, daß eine gewisse Uebergangszeit eingeschaltet wird, während der zunächst die Verwaltung der Städte auf demokratischer Weise reorganisiert und selbstverwaltende Kantone gebildet den. Das Grunderfordernis weiterer zionistischer Erfolge sei jedoch eine Reorganisation der zionistischen Arbeit durph Kon: zentration aller Kräfte auf die Kolonisa\ i 0 n sart)ftf unter Zurückstellung aller zweitrangigen Angelegenheiten. Kleine Nachrichten ״Official Gazette“, das Mitteilungsorgan der Palästina-Regierung, veröffentlicht das bereits ratifizierte endgültige Gesetz über die Organisation der jüdischen Gemein- Schaft in Palästina (Knesseth Israel). Mit dieser Veröffentiiehung ist das Gesetz in Kraft getreten. Franz W e r f e I ist zu einem Besuche in Jerusalem eingetroffen. Der Dichter, der das Land bereits im Jahre 1924 besucht hat, hat sich mit zionistischen? Kreisen in Verbindung gesetzt und er wird eine Reise durch die jüdischen Siedlungen unternehmen. Er wird auch in Jerusalem eine Vorlesung aus seinen Werken halten. Arbeiterinnen sprechen*). Nein, sie sprechen nicht. Sie stammeln scheu und verschämt, als ob sie fürchteten, ihre aßtäglichen Kleinigkeiten viel zu wichtig zu nehmen. Demi Kleines nur scheint ihre Welt zu umfassen: Der erste Tag bei der Küchenarbeit, das erste Brotbacken im primitiven, arabischen Ofen, die erste Feldarbeit im blühenden, sumpfigen Jordantal, der erste Anfall von Malaria. Da ist der Teig nicht aufgegangen und es fehlt ״Brot für 50 Seelen“, da sind wegen eines kleinen administrativen Fehlers viele Menschen gezwungen, einen ganzen Winter obdachlos zu bleiben. Und dennoch arbeitet man. Still, krampfhaft und ergeben. Da ist Arbeitslosigkeit, Hunger, Krankheit und über all diesem: Der Wille zur Geltung, zur Berechtigung, auch größtes Opfer zu bringen. Deshalb schweigen diese Frauen meistens über das Wichtigste: über persönlichste Not, über Demütigung, Enttäuschung/über Zerfall junger Körper und Seelen, über mühevolles, nüchternes, beschämendes Ringen um kleine Alltäglichkeiten im Schatten einer Idee, die sie aufzuzehren scheint. Denn nicht nur gegen Fremdes, Feindliches haben sie zu ringen. Ihr Kampf richtet sich vor allem gegen Unverstand, Mißverstehen, Schikane, Demütigung, die aus den eigenen Reihen, durch die nächsten Brüder, die Mitkämpfer im’Namen der gleichen Idee, entstehen, und weil all das, was in diesem Sammelbuche scheu hingestammelt wird, so schlicht und unliterarisch ist — ist cs wahrhaft erschütternd. So sieht der Schatten einer großen Idee aus. Kleinarbeit, Mühsal und Ausdauer. Deshalb sind die Laute, die aus diesem Buche auftönen, alles Heldenhaften bar. Und nur Menschliches ist zu hören. So können nur Menschen sprechen, die in einer Idee, in einem Wollen aufgehen. ״Brot für fünfzig Seelen“ klagt schuldbewußt ein Mädchen. Und es geilt doch nicht um Brot für fünfzig Seelen, das zu verschaffen so mühselig ist, vielmehr ist es der Hunger, der geistige und materielle, von Millionen von Menschen nach Eigenleben, nach Form und Inhalt. Daher bekommen all diese Kleinigkeiten solch ungeheure Bedeutung. Denn sowohl Brot, als Hütte, Sirocco, Malaria und Tod sind Symbole. Symbole des Ringens um die Verwirklichung einer großen Idee. Doch sie, diese Frauen, standen im Schatten, waren zweitrangige Bürgerinnen in der Welt dieser Idee. ״Jüdin sein heißt: Treu unter Fremden und fremd unter Brüdern.“ So spricht eine dieser Frauen. Soll sie in aller Ewigkeit Recht behalten? E fe a s a r. *) ״Arbeiterinnen sprechen“. Sammeibuch von Erinnerungen jüdischer Arbeiterinnen in Palästina, herausgegeben von der Arbeiterorganisation in Palästina. Einen Vortrag darüber und über die Probleme, die dieses Buch streift, hält Fri. Gusta Strumpf im Rahmen der Bezirksgruppe West der Frauen-Arbeitsgeraeinschaft, für Palästina am Dienstag, dem 11. März, nachm. 4(4 Uhr, im K. J. V., Bleibtreustr. 50. David Golder!11 Paris ist jetzt ein Roman erschienen, der iu wenig 11 Wochen eine Auflage von 40000 Exemplaren erlebt hat Nun stellt die Literatur in Frankreich; im Gegensatz zum Land der Dichter und Denker, in dem es jedem unbenommen bleibt unbeachtet von allen andern, vor sich hin zu dichten und ztt denken, ein Stück gelebter Wirklichkeit dar. Wenn a'so auch hohe Auflagen nicht so selten sind wie bei uns, so bleibt es doch ein bedeutender Erfolg, der um so erstaunlicher ist als es sich um einen dichterisch und gedanklich wirklich wertvollen Roman handelt. Er heißt ״David Golder“ und stammt von Irene Ndmirowsky. Er behandelt, wie jetzt merkwürdigerweise so viele Bücher in Frankreich, einen jüdischen Stoff. Dabei geht das Buch — und das ist wohl mit ein Grund seines Erfolges — jeden Einzelnen an, ganz gleich welcher Herkunft; uns allerdings betrifft es am direktesten. Die Geschichte von David Golder beginnt mit seinem Lebensende. Denn Geschichten pflegen Sinn in ein Dasein zu legen oder zumindest nach diesem Sinn zu fragen. Etavid Golder aber, solange noch die Säfte ungehemmt in ihm zirkulierten, war nichts als ein brutales Stück höchst unsympathisehen Lebens. Was für eines Lebens? Nun, mein Gott, er kam aus irgendeinem finsteren Winkel Rußlands, arm, verlaust und jüdisch: ein doppelter Paria, aber dabei ein vitales Stück von einem Kerl, wie cs die Ostjuden erstaunlicherweise so zah'־ reich liefern, bis sie dann nach längstens zwei Generationen im milderen Westen auch duselig oder neurasthenisch geworden sind. Was tut so einer? Er verdient Geld; mit Geld löst er seine individuelle Frage und seine Judenfrage gleichzeitig. Aus der amen Kreatur Golder, die in Kischinew vor Pogromen zitterte, wird der Monsieur Goldir, der in Paris die Börse zittern läßt. Heute übrigens auch schon ein schönes Märchen, aber vor ein paar Jahrzehnten doch kein ganz ungewohnlicher Fall. Natürlich geht es dabei so kinderrein wie un Lesebuch nicht zu; cs geht ,über Leichen, mit der ganzen Rücksichtslosigkeit, der er selbst erläge, wenn er nicht vorzöge, sie anzuwenden. So verdient er sich’ durchs Leben, und seines Lebens Nerv sind die Geschäfte, die zum Selbstzweck gewordenen Geschäfte. Ja, und als er dann alles hat, was der Mensch so braucht, nämlich ein Haus in Paris, eine Villa in Biarritz, eine dicke, schön gemalte, diamantenbehängte Frau und eine kleine Hure von Tochter, die sich mit dem Abhub der großen Aristokratie herumtreibt, da — nein, da noch nicht einmal, sondern erst, als der Körper nicht mehr so richtig funktioniert, als das Laster des Geschäftemachens wie Morphium auf einen schon verbrauchten Körper trifft — da kommt cs ihm endlich hoch: wozu eigentlich? Für die Frau, hat er für die Frau gearbeitet, für noch ein Kollier um ihren fetten Hals? Aber da ist doch die Tochter, so ein lebenshungriges, Vergnügung־- süchtiges Stückchen Mensch, das diesem alten harten Juden zärtlich Daddy sagt, wenn er zahlen soll, und das infolgedessen sehr häufig Daddy sagt. Fleisch von seinem Fleische — das ist es, darüber kommt er nicht hinweg. Ara Ende eines leeren betäubten Daseins findet er den Sinn dieser ganzen Sinnlosigkeit in einem kleinen geputzten Nichtsnutz, in einer Fort- Setzung also, die womöglich noch sinnloser ist Und hier, wenn ich recht verstehe, liegt der tiefe Kern dieses Buches, der noch auf besondere Art dargetan und unterstrichen wird. Einen Augenblick nämlich wird es zweifelhaft, ob diese Tochter wirklich seine Tochter ist. Und dieser eine Augenblick, der zusammentrifft mit seiner Krankheit und der Erbitterung über seine Existenz, die Existenz eines Menschen, der nur um zu zahlen auf der Welt zu sein scheint, genügt ihm, alles stehen und liegen zu lassen Und durch diese Passi* viiät mit einer gewissen Wollust den finanziellen Ruin herbei: zuführen, um sich dann m erinnern, wie wenig der Mensch in Wahrheit zum Leben braucht. Jetzt wendet er sich zurück. In dem schmutzigen Judenviertel hinterm Hotel de Ville steigt es wieder herauf in ihm, woher er kam lind was für einen langen, harten und nutzlosen Weg er gegangen ist. Und da ist es auch, w־o einer zu ihm das treffende Wort sagt: ״Das Elend konserviert den Juden wie die Salzlake den Hering“. Und wenn die Verfasserin nun eine bloße Literatin wäre, so würde bestimmt jetzt die große Wandlung einsetze«: Golder würde sich irgendeinem fein formulierten Lebenssinn erschließen, und es wäre überhaupt eine Freude. Golder aber, dieser alte hartgesottene Schieber, dem Reflexionen, sofern sie sich nicht in Zahlen ausdrücken lassen, ganz fern liegen, stößt nur in tastender Ahnung an ein Reich, das jenseits seines Vermögens liegt. Und als dann die Tochter wieder zu ihm kommt, elend geworden, und ihn für ihr Leben bittet — da rafft er sich wieder auf aus seiner Lethargie und, halb sterbend schon, vou Atemnot geplagt und Krämpfen geschüttelt, geht er hin, mit den Resten seines Vermögens das letzte große Geschäft zustandezubringen, das seine Tochter für immer sicherstellt. Er selbst stirbt irgendwo auf der Reise wie ein Hund. ln diesem Roman — und das ist sein wesentlicher Vorzug — wird an keiner Stelle reflektiert. Dinge geschehen, und zwischen ihnen geht der alte Golder, eine für uns nicht sehr schmeichelhafte, aber nichtsdestoweniger wahre und ausgezeichnet gelungene Gestalt, mit seinem dumpfen Gefühlen, un* artikulierten Gedanke« und der vitalen Triebhaftigkeit seiner Flandluiigen. Was soll das alles, was gibt diesem an sich belanglosen Einze'schicksa! die Gültigkeit? Dem Juden der Gemeinschaft, der noch in ihr wurzelte, war eben diese Gemeinschaft Jenseits und Zukunft gleicher* maßen. Das alte Erbe, das er durch sie überkommen hatte, gab er ihr weiter; es kam auf ihn nicht an, und die Frage nach dem Sinn seines Lebens brauchte er nicht zu stellen. Er war geborgen, er ruhte in den Geschlechtern. Dieser aber, der Jude der schauerlichsten Vereinzelung — geboren in Rußland, reich geworden in Amerika, der in Paris lebte und irgendwo auf einem Dampfer starb — der nichts hat als sein Geld, mit dem er sich losgekauft hat von seinem doppelten Pariatum, um zum Schluß ganz allein zu stehen in einem freudlosen, unverständlich gewordenen Dasein — ihm bleibt nur dieser einzige Sinn seiner sinnlosen Handlungen: das Fleisch von seinem Fleische, das ihm Jenseits und Zukunft und Trost bedeutet. Und gerade, daß dieser Trost hier auf ein kleines Stück Nichtsnutz geht, das mit irgendeinem Gigolo das Resultat der väterlichen Arbeit bald durchgebracht haben wird, ist das Grandiose an diesem Buch. Denn das soll kein Einzelfall sein. Es soll im Gegenteil gesagt sein, daß Golders Zukunftshoffnung — und das ist durchaus synonym mit dem Sinn des Lebens — vielleicht dem Grade, aber bestimmt nicht dfer Art nach von dem verschieden ist, was das Leben aller guten jüdischen Bürger bestimmt. Und es wird an einem Einzelfall voll schauerlicher Tragik gezeigt, woher der gepriesenc jüdische Familiensinn stammt, wie. er letzter Ersatz einer verlorengegangenen Gemeinschaft geworden ist und sich dabei zu jener unsinnigen Affenliebe gewandelt hat, die, jeder Art von Geineinschaftsinteresse fern, nur das Nächste blindlings umklammert, das Fleisch vom eigenen Fleische, dies traurige bißchen Zukunft, und wie in diesem scheinbaren Altruismus der wildeste Egoismus steckt, dieser letzte Egoismus, der nach allen Pfuschereien eines mit Geschäften und Vergnügungen verplemperten Daseins das Objekt sucht, um der zermürbendsten Leerheit Inhalt und Rechtfertigung zu geben. Die an aller menschlichen Gemeinschaft ein Leben lang vorübergegangen sind, klammern sich zum Schluß an den Strohhalm der persönlichen Nachfo’ge. der in den meisten Fällen nicht sehr viel anders aussieht als David Golders kleine vergnügungssüchtige Tochter.!Gustav Krojanker.