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Jüdische Rundschau · 1930-03-04 · Heft 18 (4.3.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 18 (4.3.1930)
Date
1930-03-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 18,4. m 1030 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 121 Deutschfüdische Jugend und Zionismus Von Walter Mecklenburg. (Anläßlich der Zionistischen Jugendführertagung am 0. März.) I. Es soll hier von der Situation der westjüdischen Jugend in Deutschland gesprochen werden, von den Auswegen, die sich diese Jugend aus ihrer Lage sucht und von dem Weg zum Zionismus, den sie finden muß, wenn sie eine echte und zugleich jugendliche Lösung finden will. Wir orientieren uns dabei an dem Stand der Gruppen, an deren Arbeit assimilierte westjüdische Jugend beteiligt ist — wobei von orthodoxen Verbänden abgesehen werden soll, da dort eine grundsätzlich andere, tiefere Beziehung zu jüdischen Inhalten vorhanden ist. Wir unterscheiden dabei reine Chaluzbünde (in Deutschland nur der J.J.W.B.), zio* nistische Bünde (K.J.V., Bar Kochba, Zofim), ״nati0naljüdische“ Bünde (Kadimah), nichtzionistische Bünde — hier werden besonders die ״Kameraden“ wegen ihres eigenartigen Verhältnisses zum Zionismus wichtig werden und weltanschauliche und politische Oruppen wie der sozialistische Schülerbund, die kommunistische Jugend, in deren Reihen eine große Zahl von jungen Westjuden zu finden sind. Die große Fraglichkeit im Verhältnis unserer westjüatschcn Jugend zum Zionismus wird deutlich, wenn wir erfahren, daß der J. J. W. B., einziger Chaluzbund, nur wenig westjüdische Chawerim zu sich zählt, und daß auch die zionlstisehen Bünde Zofim und das K. J. V. — schon wegen seiner Spezialaufgabe ~ nur relativ wenige Menschen erfassen. Es ist auch gewiß, daß die zionistischen Qualitäten des Durchschnitt-Bar Kochbaners nicht überschätzt werden dürfen. Der Kadimah, das Bindeglied wischen den zionistischen und nichtzionistischen Gruppen, ist ein großer ״nationaljüdischer“ Bund mit sehr viel Westjuden, zerrissen von großen inneren Gegen* sätzen: starke zionistische Tendenzen ringen mit nichtzionistischen; man schwankt zwischen den Möglichkeiten eines zionistischen Tendenzbundes, eines ״reinen" — also unpoiitischen —* Tendenzbundes, und dem Gedanken einer ״Jewish Agency der jüdischen Jugend", die eine Zusammenarbeit zionistischer, ja ehaluzischer Gruppen mit nichtzionistischen im Rahmen eines Bundes ״Kadimah" ermöglichen soll. Gerade vom Kadimah und seiner ungeklärten Situation aus wird die Problematik der westjüdischen Jugend am deutlichsten. Denn wenn auch von hier der Weg zum Zionismus sehr leicht erscheint, so ist hier doch auch zugleich die natürliche Einbruchstelle anderer Ideologien, der nichtzionistischen und der sozialistlschen. Die Anziehungskraft dieser Gruppen auf diese Jugend ist sehr groß. Auf der einen Seite äußert sie sich darin, daß alle jüdischen Bünde — auch die nichtzionistischen und der J.J.W.B. — ständig Menschen an die roten Gruppen veriieren. Der Kampf um die Verwirklichung des Sozialismus scheint würdigeren Inhalt des Lebens zu geben als ein jüdlsches Ziel. Auf der anderen Sette brechen Lebensweise und Anschauungen der nichtzionistischen Bünde in die nationaljüdischen und zionistischen Gruppen hinein, besonders da, wo die Arbeit van Westjuden getragen wird. Für He scheint die zionistische Lösung der Judenfrage neben der neuen ״Agency"* Lösung nicht bestehen zu können. Man soll sich nicht darüber tauschen: Das, was heute die nichtzionistische Jugend zum Judenproblem zu sagen hat — ich denke besonders an die ״Kameraden“ — das ist keineswegs bloß negativ, ״unjüdisch“, unlebendig. Gerade wegen dieser Positivität, die sich nicht nur auf Reden beschränkt, wegen dieser Lebendigkeit, hinter der oft ein sehr hohes intellektuelles und menschliches Niveau steht, gerade deswegen ist dieser Nichtzionismus um so gefährlicher für den Zionismus westjüdischer Jugend. Da die Lösung durchaus das jüdische Gewissen zu beruhigen vermag, so ist sie gefährlicher als alle rote Assimilation. Kampf gegen diese Form des Nichtzionismus ist nicht nur nötig, um die Gruppen ganz zu gewinnen, die heute diese Ideologie vertreten, er ist auch nötig, um die Position ,Kadimah zu halten und zu stärken und um der anderen zionistischen Gruppen willen. Es wird notwendig sein, eine Argumentation des Zionismps gegen einen gefährlichen Feind zu schaffen. II. Diese Argumentation darf nicht von der objektiven Lage der Judenheit ausgehen, wie das Kanowitz (in Nr. 0 der ״J. R.“) getan hat. Liegt doch die Differenz nicht so sehr in einer Erkenntnis als in der Entscheidung über den eigenen Weg, afso in einem Subjektiven. Man wird überhaupt nur von hier aus den Kern des Unterschiedes zwischen zionistischer und nichtzionistischer Jugend erfassen, der sonst noch un* schärfer erscheint, als der zwischen der älteren Generation von Zionisten und Agencypartnern. Wir müssen die Haltung der nichtzionistischen Jugend als eine spezifisch westjüdische verstehen. Wenn sich der westjüdische — assimilierte — Mensch zutiefst befragt, dann merkt er deutlich, daß er zu sehr wesenhaft deutsche Züge trägt, zu sehr mit deutschem Boden und deutscher Kultur verbunden ist, um noch ganzer Jude sein zu können. Er merkt es deutlieh, wenn er mit Ostjuden zusammen leben soll, deren Lebensrhythmus und Welt ihm fremd ist. Wie viele sind nicht schon beim ersten Anlauf, hebräisch zu fernen, gescheitert, weil Ihnen die Sprache verschlossen blieb, von der sie gehofft hatten, daß sie in ihr die eigene finden würden, verschlossener als das Französisch und Englisch der Schule. Der Zusammenbruch des großen Zionismus einer westjüdischen Jugend Im Blauweiß wurde — und zum Teil wohl mit Recht — darauf zurückgeführt, daß westjüdische Jugend nicht ohne Bruch den Anschluß an das lebendige jüdische Volk finden kann. Man verzweifelte an der Macht des jüdischen Blutes, da man sah, daß Chaluziuth einem stärkste Entsagung bedeutet, Verzieht nicht nur auf äußere Lebensbedingungen, sondern Ver* zieht auf Eigenstes, auf volle Erfüllung der Person, ein Sichzwingenmüssen zu einem Tun, das dem Eigenen nicht entsprach, zum Zusammenleben mit Menschen, mit denen man wesensmäßig wenig gemein hat. Aus dieser Situation heraus verzweifelte die westjüdische Jugend an ihrem Beruf zur Chaluziuth, ja zur Aiijah überhaupt. Da sie zudem die zwar radikale, aber gänzlich falsche These akzeptierte, daß Zionlsmus eines Menschen nur ein ״Auf-dem-Wege-Seln" nach Pallstina bedeuten könne, so verzichtete sie auf den zionistischen Namen und legte damit um so tiefere Kluft zwischen sich und die Bewegung. Der Skeptizismus in beeng auf die eigene Möglichkeit zum Zionismus führte auf dec einen Seite zur Konzeption des reinen, unpolitischen Erziehungsbundes mit freier Entscheidung des Aeltercn für oder gegen den Zionlsmus (Kadimah), auf der anderen Seite zu einem originellen Versuch einer neuen Fundierung des Nichtzionisinus, wie wir ihn etwa bei den ״Kameraden“ sehen und mit dem wir uns auscinandersetzen müssen. Gemeinsam ist beiden Gruppen zunächst der Ausgangspunkt von der individuellen Situation. Man fühlt sich als isolierte Gruppe von Menschen mit besonderer Struktur — da man ja Deutscher und Jude ist — und man leitet aus dieser besonderen Struktur das Recht auf eine besondere Lösung ab. Man macht nicht mehr den Versuch, ״gegen sich zu sein“, sich zu ändern, man bejaht sich, so wie man ist, will sich zu möglichst großer Entfaltung bringen. Man sieht durchaus eine national jüdische Substanz in sich neben der deutschen, und man pflegt sie in ernster Kulturarbeit. Man setzt •ich für die jüdische Gemeinschaft un auch für Palästina —, aber immer nur soweit, wie es von der Basis der Person aus möglich ist. So wird der Mensch Mittelpunkt des Lebens, nicht der empirische, sondern ein neues Menschenbiid, die echte Gemeinschaft ״adliger" Menschen. Reinigung, Erneuerung, Liebe, Erlösung des Menschen als zentrale Werte weisen schon darauf hin, daß das Letzte das ״Heil" der Person ist. Diese religiöse Wendung, die stark von Bubcr beeinflußt wurde, führt dann sehr leicht zur Sektenbildung — eine Gefahr, die bei den ״Kameraden" nur durchaus akut scheint. Alan bejaht die Autorität — gewiß nicht blinden Autoritätsglauben ~ aber man sieht doch Beziehungen von Person zu Person, die sehr an Meister- und Zaddiktum erinnert!, an Hoffnung auf Erlösung durch die Mittlerschaft Wissender und Begnadeter. Die theoretische Rechtfertigung der jüdischen Haltung gibt die Galuthbejahung. Es gibt deutsches, französisches, orientalisches Judentum in besonderen Formen, es wird und soll sie weitergeben. In Palästina wird nur ein neues Judentum erstehen, aber eins, dessen Kraft durch die Berührung mit dem historischen Boden stark sein wird. In der Oaluth wird matt von Palästina lernen können, wie man als Jude leben soll, die Golah wird für Palästina tun, was sie kann. Die entscheidende Aufgabe westjüdischer Jugend aber liegt in der Gaiuth. III. Es ist nicht leicht, diese Haltung m erschüttern, die der Situation des westjüdischen Menschen so angemessen zu sein scheint. Aber es ist zunächst schon einzuwenden, daß hier ein Weg nur für die Wenigen gewiesen wird. Selbst wenn es immer den charismatischen Führer gibt, der ״helfen“ kann, so gibt es doch keinen Rat für die vielen, deren ökonomische Lage nicht die Zelt!ißt, an sich zu arbeiten und an sein Seelenheil zu denken. Wer nicht Student oder Schüler ist, ja wer überhaupt ein gewisses intellektuelles Niveau nicht erreicht, für den ist die Botschaft verloren. Aber das ist natürlich noch kein entscheidender Einwand. Es könnte ja sein, daß von kleinen Zellen ausgegangen werden müßte. Es fragt sich aber, ob der Weg, der hier vorgeschlagen wird, geeignet ist, die Bereiter des Neuen zu schaffen. Gewiß geht alle Verwirklichung durch den Menschen, und alles kommt auf seine Gestaltung an — auch wir wollen nicht bloß Soldaten der Idee. Matt muß den jungen Mensehen ganz erfassen, aufwühlen. Dann aber darf man nicht wieder Beruhigung, Harmonisierung folgen lassen. Es genügt nicht, zum Heil gekommen zu sein — auch nicht, wenn man den Menschen als letzten Sinn nimmt. Aus Sattheit erwächst nicht Tun. Echtes Schaffen gibt es nur aus Not. Das ganze Leben darf Sehnsucht nach Ruhe und Erlösung seit!, aber es darf hier nicht schon Ruhe und EriösuAg geben. Man kann Gott nur dienen mit dem guten und mit dem bösen Trieb, min hammezar. Und darauf kommt es doch zuletzt auch für den Menschen an, daß Cr dient und schafft, nicht darauf, wie es in dem aussieht, der da schafft. Auch aus dem Chaos in der Person kann ein ganzes Werk erstehen. Von seinem Werke her verwirklicht sich dann das Neue, der Sinn in dem Menschen, nie darf Erlösung gewollt werden. Darum auch kann das Ziel unendlich sein, über unsere Kraft, so daß cs stets fruchtbare Spannung in unserem Leben gibt. Man soll nicht sagen,־ daß es besser sei, das kleine erreichbare Ziel zu stellen als das große, da man erfahren habe, daß sonst nichts realisiert werde. Wir haben immer gesehen, daß alles Große gegen die Wirklichkeit verwirklicht wurde, über* 'menschlich war trotz seines Ursprungs, abgetrotzt. Das gibt auch westjüdischer Jugend das Recht und die Pflicht zum Zionismus und zur Aiijah. Es darf nie von der Person ausgegangen werden, sondern nur von der Aufgäbe. Nicht sollen wir Zionisten sein, weil wir in Deutsch* land nicht wahre Heimat haben. Nicht aus individueller Judennot, sondern wegen der allgemeinen. Wir wollen alle, daß das Judentum lebt und daß die Judenheit lebt und wir sehen, daß die Gaiuth den Tod bedeutet, ganz gewiß dann, wenn diese Gaiuth ja zu sich sagt, vergeisend, daß sie denn doch Oaluth sei. Deutsches, Iranzösisches, orientalisches Judentum — und die Assimilation schreitet fort, der jüdische Bestandteil der Mischung wird immer schwächer. Da hilft nicht die ״Beziehung" zu Palästina. Jüdische Substanz schwindet, das Judentum wird zum Museum. Es kann nur Hilfe durch das radikale Mittel geben, und das radikale Mittel hilft nur in unserer Hand. Neues Leben und neuer jüdischer Geist jüdischer Jugend kann nur durch Verbindung mit dem Volke und dem alten Boden erstehen. Die westjüdische Jugend muß fühlen, daß hier ihre historische Aufgabe liegt, obwohl es vielleicht andere Aufgaben für sie gibt, die ihr näher liegen; daß aber ohne sfe Palästina nicht gebaut werden kann. Dabei muß sie stets wissen, daß sie nicht das Haus sehen wird, das gebaut werden soll. Das Fremde, das in ihr lebt, kann nicht vergeisen werden. Sie muß auch wissen, daß ihr Zionismus ein Saltomortale ist und daß sie dabei gebrochen werden kann. Aber auch die Gebrochenen werden noch gebraucht. So kommt die westjüdische Jugend zum Zionismus nicht, indem sie dem eigenen Gesetz folgt oder intellektueller Einsicht, sondern aus dem Wollen einer harten Entscheidung. IV. Es kann nur noch angedeutet werden, was von außen für den Zionismus gerade westjüdischer Jugend getan werden muß. Zunächst muß die verhängnisvolle Entfremdung der offiziellen Instanzen des deutschen Zionismus und der zionistischen und halbzionistischen Bünde aufhören. Es genügt nicht, daß die Z.V.f.0. bereit ist, auf Wunsch Redner zu •teilen, sondern man muß sich aktiv um die Entwicklung ia der Jugend kümmern, immer für den zionistischen Gedanken werbend und praktische Möglichkeiten sichernd. Man muß versuchen, geeignete Menschen für Jugendarbeit zu werben und sie in die Gruppen schicken, man muß Zersplitterung zu hindern suchen. Die zionistische Jugend muß wissen, daß sie in der Organisation einen Rückhalt hat. Das wird besonders wichtig in der Frage westjüdischer Hachscharait. Der junge J. J. W. B.er findet in seinem Kibbuz Chawerim seines Bundes vor, mit denen er später nach Palästina geht — er wird sich rasch eingewöhnen, da die menschliche Umgebung ihm vertraut ist. Das wird auch seinen Entschluß zur Aiijah erleichtert haben. Die gar nicht so wenigen Chaluzim des Kadimah etwa hingegen sind zerstreut. Ja es ist sogar bisher notwendig oder doch selbstverständlich gewesen, daß sie in den J. J. W. B. eintraten. Das ist nicht wünschenswert, denn es ist klar, daß die Existenz von eigenen Chaluzgruppen etwas für jeden Bund bedeutet. Eine solche Gruppe wird gesehen, wird Vorbild, man fühlt sich verantwortlich für sie; durch geschlossenes Auftreten auf Bundestagen können sie es verhindern, daß periphere Fragen zu Sprengstoff werden. Jeder Chawer in Palästina vollends wird wichtiges Bindeglied zwischen dem Lande und der Gruppe. Diese Möglichkeit hatte bisher nur der J.J.W.B, Der J.J.W.B. darf nicht fürder die Hachscharah monopolisieren — cs wird notwendig sein, auch für die anderen zio• nistischen und noch-nicht-zionistischen Gruppen Chaluzzentren zu schaffen. Heber deren Form wird noch viel zu reden sein. .Sicher aber ist, daß sic ohne die Hilfe der Organisation nicht geschaffen werden können und daß ohne solche Zentren westjüdische Hachscharah und damit der Zionismus westjüdischer Jugend sehr problematischs sein muß. Gewiß soll hier nicht eine grundsätzliche Trennung ost- und westjüdischer Aiijah verlangt werden, aber es muß doch deutlich sein, daß der Weg nach Palästina für beide Gruppen verschieden sein muß. ״Eines tut not .. Zu dem Artikel von Kana wite in Nr. 9 d. I. •rhklten wir noch folgende Aeaßerangt Wenn Siegfried Kanowitz (in Nr. 9 vom 31. Januar) glaubt, der Zionismus müsse die nichtzionistische Jugend erobern, die neu für Palästina zu wirken begonnen hat, so scheint er nur eine uralte Wahrheit zu verkennen: daß die nn weht, wo sic will, aber nicht wo wir wollen. Es Ist an der Zeit, sich einmal darüber klar zu werden, daß geworben werden kann um Geld, aber nicht um Meinungen, Und daß es auch auf Meinungen gar nicht ankommt, wohl aber auf Oesinnungen, und die kann kein Mensch machen. Sie sind entweder da, oder sic sind nicht da. Und wenn sie da sind, können sie sich wandeln, aber über solcher Wandlung waltet das Geheimnis, nicht der Wille eines Menschen. So wurden vor 40 Jahren aus wurzellosen Literaten Zionisten, so wurden in unseren Tagen aus verschwommenen Kosmopoliten selbstbewußte Juden, und so wächst morgen oder vielleicht schon heute, ein neues ud eit tum herauf, in dem die alten Trennungskategorten einen Platz mehr haben. Das Wort ״Eines tut not“, das K. für den Zionismus In Anspruch nimmt, entstammt der religiösen Sphäre. Und es tot etwas Seltsames mit •diesem Wort: wer cs in seiner• Ganzheit erfaßt hat, der weiß seinen Weg. ohne daß ihm einer ihn zu weisen brauchte, oder befugt wäre, um ihn zu .,kämpfen“. Aber ob der Zionismus cs erfaßt hat, ist eine andere Frage. Was ist das Eine, was not tut? Ist es der Aufbau Palästinas, so frage Ich: und dann? Ist es die Erweckung der nationalen Idee des Judentums, so frage ich: und dann? Ist es die Heimkehr aus dem Exil und der Erlösung des Heimatbodens, so frage ich wieder: und dann? Ist es aber die lange vergessenc und wieder neu erlernte Antwort des jüdischen Men• sehen auf die Frage dessen, der über Ihm ist: wozu bist du da?, so ist es eine Antwort, die ein ״Zionist“ geben oder nicht geben kann, und genau 60 ein Nichtzionist. Die Begriffe unserer Zeit sind so schnellebig wie sie selbst Vielleicht ist das Schema ״Zionist — Nichtzionist" heute schon überlebt. Ich sehe die Trennungslinie nicht zwischen diesen zwei Gruppen, sondern mieten durch sie hindurch gehen. Auf ihrer einen Seite stellen die politischen, auf der anderen die religiösen Menschen. Auf der einen Seite herrscht das Denken vor, oder genauer genommen der Glaube an das Denken, auf der anderen — der Glaube an den Glauben. Auf der einen Seite will man Proieiyten machen, auf der anderen ״weht der Geist wo er will". Es wäre schlimm utn die Zukunft des Judentums bestellt, würde allgemein der Aufbau des Landes als die jüdische Aufgäbe betrachtet. Der, der sie sich persönlich gestellt hat — der Chaluz — mag sie mit Recht als seine Aufgabe betrachten. Tun aber wir anderen-eln Gleiches, 10 wandeln wir durchaus auf den Fußtapfen des überlebten Liberalismus, nur mit umgekehrten Vorzeichen: hatte für ihn nur die in ihrer Tiefe gar Picht erfaßte Religion Geltung, so hat für uns nur das Volkstum Geltung, während doch in Wahrheit eben das die Eigenart des Judentums ist, daß keines von beiden ohne das andere Sinn und Daseinsberechtigung hat. Mir scheint, der Zionismus hat heute wichtigeres zu ״erobern“, als die Herzen der zur Agency gekommenen ״Nichtzionisten": nämlich den Glauben der Menschheit an die Reinheit seiner nationalen Bestrebungen; das Vertrauen und den guten Willen der arabischen Welt; und endlich die sichere Herrschaft über die widerstrebenden Tendenzen in seinen eigenen Reihen, die ein Volk ״wie alle Völker“ aus uns machen und damit unsere Geschichte auf den Punkt zurückschrauben wollen, den sic vor 3000 Jahren am Ende der Richterzeit bereits erreicht hatte. Lassen wir wachsen, was wächst, und zerfallen, was zerfallen muß, und seien wir nicht unnötig besorgt um die Zukunft des deutschen Judentums! Mögen immer manche abfallen — ein Rest wird bleiben! Der aber, solange er nur jüdisch, und das ist eben auch gläubig, wird Zions nie vergessen. Und mit den Zionisten — alter Prägung — wird es nicht anders sein. . Auch von ihnen werden manche abfallen: die, deren Ueberzeugung eine nur politische ist, werden der Belastungsprobe schwerer Rückschläge, die ja nicht ausbieiben werden, kaum gewachsen sein. Zwischen den anderen aber und den heutigen ״Nichtzionisten“ wird in wenigen Jahrzehnten kaum mehr die Erinnerung an die heutigen Unterschiede lebendig sein. Wenn nämlich schon die Juden eingesehen haben werden, daß sie ihrer religiös-nationalen Doppelaufgabe nur in ihrem Doppeldasein — in Erez-Jisrael gesammelt und unter die Völker zerstreut — gerecht werden können. LeopoIdMarx (Cannstadt). V Wir haben obenstehenden apolitischen Ausführungen Raum gegeben, weil sie Zeugnis von einer Auffassung ablegen, die an die letzten Dinge vom Sinn des Judentums rührt. Die ״vorletzten" Dinge aber, denen Kanowitz’ Artikel galt, verlangen eine politische Behandlung. — Red.

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