Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 18 (4.3.1930)
- Date
- 1930-03-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 120 ] U EDI SCH E RUNDSCHAU Nr. 18, 4. m,!930 später erst wurde eine Zusammenarbeit unmöglich. Meute iann ein Mensch unserer Weltanschauung nicht mit dem C.-V. zusammen arbeiten. Wir 'rönnen nicht in eine Organisation hincingchcn, die eine Resolution Mecklenburg annimmt. Zeitweise war 11er vom O.-V. geführte innerjüdischc Kampf mindestens so dark wie der nach außen. Bei den Landesverbandswahlen starid der C.-V. überall gegen uns. Obwohl die Führung des Abwehrkampfes durch die Gemeinde nicht unbedenklich ist, treten wir dafür ein, weil uns der C.-V. nicht mitvertreten kann. Als deutscher Bürger habe ich Anspruch auf Abwehr; schützen kann mich aber nicht derjenige, der meine Grund a 11 schauung b c - kämpft. 'Wir wünschen daher, daß der Gemeindevorstand in sein Programm die Abwehrarbeit aufnimmt. Unsere Weltanschauung ist in jüdischer Geschichte und Religiosität verankert. Was von liberaler Seite gegen Palästina gesagt wird, kann nicht aus religiösem Empfinden stammen. Palästina ist auch für den j ü d i s c h ־ r e I i g i ö s c n Geist das letzte Hochziel. Palästina ־ Liebe und Palästina-Hoffnung sind im jüdischen Volke durch die Jahrtausende tief verankert. Wer gegen sic redet, spricht gegen Religiöses und Geschichtliches. Baeck hat gesagt, daß für uns der Primat des Judentums eine Selbstverständlichkeit ist. Unser Deutschtum ist hundert Jahre alt. Ich weiß nicht, ob man aus irgendeinem Grunde eine lausend jährige Treue brechen soll, die auch die Garantie dafür gibt, daß man die hundertjährige Treue hält. Die weitere Aussprache wurde auf die nächste Sitzung vertagt. Hierauf fand eine geheime Sitzung statt. L. 15 Jahre fflr den Beofwlch »Attentäter Jerusalem, 27. Februar. (J.T.A.) Der junge Polizeibote Abdul Ghanl, der vor einigen Monaten das Attentat auf den Chef des Justizdepartements der paläs incnsischen Regierung Norman Bentwich verübt hat, wobei Bentwich nicht unerheblich verletzt wurde, wurde wegen versuchten Mordes zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Gegensatz zu den ausschließlich aus Engländern zusammengesetzten Gerichten, die Uber Aufruhrfälle in Palästina urteilen, war dieses Gericht aus dem Engländer Tute, dem Juden Valero und dem Araber Budelrl zusammengesetzt. Maßregelung palästinensischer Zeitungen Geldstrafen für die Redakteure des ״Dawar“ und des ״Palestlne Bulletin“. Jerusalem, 28. Februar. (J.T.A.) Am 27. Februar fand die Gerichtsverhandlung gegen den verantwortlichen Redakteur der hebräischen Arbeitertageszcifung ״Dawar“ Bcrl Katzenelson, und den verantwortlichen Redakteur des ״Pa- I estlne Bull etin“, S. Schwartz, wegen Ucbertretung der Pressevorschriften und Herabsetzung des Gerichts statt. Inkriminlert war ein im ״Dawar“ erschienener und vom ״Palestine-Bulictin“ in seiner ״Presse Schau“ auszugsweise wiedergegebener Artikel, in welchem an dem freisprechenden Urteil gegen die Araber, die der Ermordung der jüdischen Familie Makleff in Moza angeklagt waren, scharfe Kritik geübt wurde. Das Gericht verurteilte den Redakteur von ״Dawar“ zur Leistung einer Geldbuße von 30 Pfund und den Redakteur des ״Palestine Bulletin“ zur Leistung einet Geldbuße Von 10 Pfund. (Die höchste Strafe für die Delikte, deren die Redaktcurc angeklagt waren, ist 100 Pfund oder ein Jahr Gefängnis.) Das Urteil ist endgültig, eine Appellation dagegen ist unzulässig. Es ist dies der erste Fall in Palästina, daß wegen Herabsetzung des Gerichts ein Urteil gefällt wird. Die Todesurteile in Palästina Bisher 17 Araber und 2 Juden. London, 27. Februar. (J.T.A.) Der Antizionist Colonel Howard Bury richtete im Unterhaus an den Staatssekretär für die Kolonien die Frage, wieviele Juden und wieviele Araber im Zusammenhang mit den Palästina-Unruhen vom August 1029 zum Tode verurteilt worden seien und welche dieser Urteile in Gefängnis umgewandelt wurden. Unterstaatssekretär Dr. Shiels erwiderte, es wurden zwei Juden von den Kriminalgerichten zum Tode verurteilt; laut der mir zugekommenen letzten Information sind die Berufungen gegen diese Urteile bis heute noch nicht entschieden. (Dies ist ein Irrtum; das eine Todesurteil gegen den Juden Urphali ist bereits in der Appellationsverhandlung auf gehoben worden. — Red. ״J. R.“i 17 Araber sind von den Kriminalgerichten zum Tode ver׳- urteilt worden; alle diese Urteile wurden vom Berufungsgerlcht bereits bestätigt Vom High Commissioner ist bis heute kein einziges dieser Todesurteile bestätigt oder in Gefängnis umgewandelt worden. Wie ich erfuhr, haben mehrere der Verurteilten um Aufschub des Urteils ersucht, um an den Privy Council (Geheimer Staatsrat in London) z« appellieren. Inzwischen bleibt die Frage der Bestätigung oder Umwandlung solcher Urteile unerledigt. Die Üblichen Hakenkreazlerexesse in München Wie die Tageszeitungen meldeten, ist cs in der Münchener Universität während der Jahresversammlung der akademischen Ortsgruppe des Vereins für das Deutschtum im Auslände zu schweren antijüdischen Exzessen gekommen. Die Exzedenten waren nationalsozialistische Hochschüler und das von ihnen angegriffene Objekt der Vorsitzende der Ortsgruppe, der jüdische Professor N c w i a s k y, der auch Mitglied der Christlich-katholischen Bayerischen Volkspartei ist. Es ist zwar für Nationalsozialisten einerlei, was ein Jude sagt oder tut; in jedem Falle fühlen sie sich veranlaßt, den Juden zu beschimpfen und zu schmähen. Insofern ist die Anpöbelung Newiaskys durch die studentischen Hakenkrcuzlcr eine Angelegenheit, die jenseits aller Veranlassungen liegt. Die antisemitischen Pöbclcicn der Nationalsozialisten würden sich auch gegen einen jüdischen Professor richten, der nicht gerade Vorsitzender einer Ortsgruppe des Vereins der Ausländsdeutschen und Parteimitglied einer ausgesprochen katholisch ־ politischen Gruppe ist. Die Nationalsozialisten haben ja auch gegen den jüdischen Nobel- Preisträger Richard Willstätter randaliert und ihm die weitere Betätigung als Hochschullehrer verleidet. Die wüsten Ausschreitungen der Nationalsozialisten gegen Newiasky können uns aber nicht verhindern, auf diesen merkwürdigen Juden hinweisen, der einen jüdisch-polnischen Namen tragt und keine anderen Sorgen hat, als Vorsitzender einer Ortsgruppe des Vereins für das Deutschtum im Auslande zu sein. Dieser Verein verfolgt, vom deutschen Standpunkte aus gesehen, durchaus nützliche und wichtige Ziele. Aber ob ein jüdischer Professor und Mitglied einer katholischen Partei der geeignetste Mann ist, Vorsitzender einer Gruppe des Vereins für das Deutschtum im Auslande zu sein, ist Frage eines Taktes, der den Assimilatiousjuden leider fehlt. s.n. Thomas Garik Masaryk Zu seinem 80. Geburtstage. * Am 7. März feiert die tschechoslowakische Republik und mit ihr die gesamte Kulturwelt den 80. Geburtstag des ersten Präsidenten jenes Staates, des großen Philosophen und Polltikers Thomas Garik Masaryk. Auch wir Juden nehmen teil an diesem Ehrentag eines Mannes, der seit Jahrzehnten im Kampfe um Recht und Freiheit eine offene und ehrliche Haitung zum jüdischen Volk einnimmt. Masaryk wuchs in seiner frühesten Jugend in einem durchaus judenfeindlichen Milieu auf. Er selbst erzählte einmal in New York, daß er lange Zeit an das Ritualmordmärchen, das man in jener Zeit in besonderem Maße den Juden andichtete, geglaubt hatte und darum seinen jüdischen Mitschülern das größte Mißtrauen entgegenbrachte. Eine Wendung in seiner Haltung zu den Juden trat erst durch ein Erlebnis auf einem Schulatisfluge ein, das auf ihn die stärkste Wirkung ausübte und ihm zeitlebens in Erinnerung blieb. Auf diesem Ausfluge sah er, wie seine Mitschü-!er den einzigen Juden der Klasse verspotteten, als er zur Gebetsstunde die Reihen verließ und abseits still betete. Anfangs beteiligte sich Masaryk selbst an dem Gespött der übrigen. Der jüdische Junge kümmerte sich jedoch nicht im geringsten um seine lachenden und lärmendenKameraden und betete ruhig zu Ende. Das machte auf Masaryk den § roßten Eindruck. ״Von iesem Tage an begann ich über ale Juden und das Judentum naehzudenken und von diesem Tage an änderte ich meine bisherige Meinung über das Judentum.“ Er Begann gegen den Antisemitismus zu kämpfen, ״der Sößer ist, als die Christen zugeben und die Juden sehen wollen“. e erst große Chance in seinem Kampfe gegen den Antisemitismus bot ihm der HHsnerprozeß. Masaryk schilderte jene Zeit in einem im Jahre 1907 in New York gehaltenen Vortrage: ״Als Leopold Hilsner unter Anschuldigung des Mordes verhaftet und angeklagt worden war, kümmerte Ich mich um diese Angelegenheit noch sehr wenig. In den Zeitungen habe ich darüber auch nur sehr wenig gelesen. Einige Monate später — ich befand midi gerade auf einer Ferienreise — erhielt ich von einem meiner gewesenen Schüler, einem Journalisten, die Mitteilung, daß Hilsner wegen des ihm unterschobenen Ritualmordes verurteilt worden sei. Er bat mich gleichzeitig um meine Stellungnahme. Ich erwiderte ihm kurz und klar, daß das, was er mir mitgeteilt hatte, einfach nicht möglich sei und das Gericht in diesem Falle ein Fehlurteil getan habe. Der Journalist veröffentlichte den Brief mit meiner Erlaubnis in der ״Neuen Freien Presse“. Sofort wurde ich von antisemitischer Seite mit Vorwürfen überschüttet, wie ich mich überhaupt unterfangen könne, in diese Affäre einzugreifen. Ich entschloß mich nun, den Kampf gegen das verbrecherische und Iügenhafte Märchen vom Ritualmord in aller Oef fentllchkelt zu führen. Ich besorgte mir das Stenographische Protokoll des Hilsnerprozesses und fand darin die stärksten Anhaltspunkte für meinen Kampf. Nach einem gründliehen Studium der Akte muSte ich zu dem, Schlüsse kommen, daß noch niemals und nirgendwo die Lüge des Ritualmordmärchens so offensichtlich und klar erwiesen worden war, wie In diesem Prozesse. Das zweite Verfahren hob auch zur Gänze die Ergebnisse des ersten auf. Für mein Auftreten in dieser Angelegenheit wurde ich heftig angegriffen.“ Masaryk erwähnt hier allerdings nicht die Leiden, die er für seine mannhafte Gesinnung ausstehen mußte. Von allen Seiten regnete es Angriffe auf ihn. Studenten störten seine Vorlesungen, die ihm feindlich gesinnte Presse erhob gegen ihn die unerhörte Anschuldigung, daß er von den Juden bestochen worden wäre. Das ganze Volk stand gegen ihn. Die Situation gestaltete sich so ungünstig für Masaryk, daß er sich bereits mit den Gedanken ■trug, sein Vaterland zu verlassen. Heute wird es wohl keinen Tschechen geben, der nicht Masaryk dafür dankbar wäre, daß er in jenen schon weit zurückliegenden Tagen die Ehre der tschechischen Nation gerettet habe. Es ist selbstverständlich, daß ein Mann wie Masaryk. der sich für die verschiedenen Strömungen Im Judentum lebhaft interessierte, auch nicht achtlos am Zionismus Vorbeigehen konnte. Schon im Jahre 1900 nahm er In dem Buche E. Krönbergers ״Zionisten und Christen“ zum Zionismus eine positive Haftung ein: ״... Mir ist der Zionismus durchaus sympatisch. Besonders tief berührt mich der Umstand, daß der überall unterdrückte Jude sich nicht für seine Nationalität schämt. Ich begreife den Zionismus hauptsächlich von der sittlichen Seite aus: der denkende, fortschrittliche Jude wird sich durch ihn der Mängel seines Charakters und seiner Weltanschauung bewußt. Ich sehe im Zionismus einen Tropfen vom Oele der Propheten.“ Von den jüdischen Schriftstellern ist es besonders Achad Haam, der sich der Gunst Masaryks erfreut. Er sieht in ihm den Denker, aus dem man viel positive Belehrung schöpfen kann. Es kam der Krieg, Masaryk mußte seine Heimat verlassen, um für ihre Befreiung zu kämpfen. In allen Ländern, wohin ihn diese seine Aufgabe führte, hatte er Gelegenheit, mit der jüdischen Bevölkerung in Berührung zu kommen. Lieberall waren diese Beziehungen die allerhcrzlichsten. Sein Standpunkt zum Zionismus blieb unverändert. Im September 1918 antwortete er den amerikanischen Zionisten auf ihr Glückvunschtelcgramm anläßlich der Kundgebung Wilsons: ״Ich spreche dem Zionismus und der natlonaljildlschen Bewegung meine Sympathie aus für die großen moralischen Werte, die sie bergen. Meine Kenntnis der jildischnationalen Bewegung In Europa und Amerika, hat mich davon überzeugt, daß es sich hier um keine chauvinistische, sondern um eine geistige Bewegung handelt, die die Wiedergeburt des jü dischen Volkes anstrebt.“ Masaryk hat als erster der europäischen Staatenlenker nach dem Kriege Palästina besucht und das zionistische Aufbauwerk an Ort und Stelle kennen gelernt. Wie überall, sö hat er auch hier mit offenen Augen Leistungen und Mängel gesehen und beurteilt. Und darum war uns das Lob, das er unserem Werke zollte, doppelt wertvoll. An seinem 8u. Geburtstage grüßen die Juden der ganzen Welt Thomas Garik Masaryk. Sie ehren den großen Kulturträger durch eine große Kulturtat, durch Pflanzung eines Waldesaufdem Bodendes Jüdischen Nationalfonds in Palästina, der für immer den Namen Masaryks tragen und künftige Generation an jenen großen Menschen gemahnen soll, dessen Wahrheitsliebe und Menschlichkeit ihn hoch über seine Mitmenschen und Zeit erhob. Han• Lichtwitz. * In der soeben erschienenen neuen Nummer von ״T11 e New Judaea“ (London) gibt Dr, Chahn Weltmann eine Würdiemmr der Leistung Maaarvka für sein Volk. Der tschechische Freiheitskampf, so führt Dr. Welzmann aus, sollte von jedem Zionisten mit Aufmerksamkeit studiert werden, besonders die Memoiren von Masaryk und Benesch. Das Wort, das Anatole France auf Zola an wandte: ״il est un manument de la conscience humaine“, passe heute auf niemand so wie auf Masaryk. Die BodcnkMuie des Jüdischen Nationalfonds Schwierigkeiten der Besitzergreifung. Jerusalem, 27. Februar. (J.T.A.) Hier herrscht die Meinung vor, daß irgendwelche Kräfte mit im Spiele sind, die die Juden daran hindern, von bereits erworbenem Boden Besitz zu nehmen. So kann der Jüdische Nationaifonds noch immer nicht über den mit Geldern kanadischer Juden im Tale Sharon erworbenen sogenannten Wadi Havarit- Boden verfügen, da er von den früheren arabischen Pächtern reokkupiert wurde, obwohl der Nationalfonds ihnen eine angemessene Entschädigung gezahlt hat und obwohl die Gerichte den Anspruch des J. N.-F. auf diesen Boden bestätigt haben. Der J. N.-F. hat den Pächtern ein weiteres, von der Regierung als außerordentlich edelmütig bezeichnetcs Angebot gemacht, ist aber noch immer nicht in der Lage, von dem Boden Besitz zu ergreifen. Arabische Zeitungen berichten, daß von einer Seite den Pächtern 40000 Pfund zum Ankauf des Bodens in Aussicht gestellt wurden, obwohl der Boden ja bereits vom J.N.-F, angekauft worden ist. Man nimmt an, daß die Arabische Exekutive oder der Moslemische Oberste Rat die Okkupanten durch Oeldversprechen ermuntert, Widerstand zu leisten. Dessen ungeachtet setzt der Jüdische Natlonalfonds seine Arbeit fort und erwirbt weitere Bodenflächen südlich der Wadi Havarit-Böden; so ist er im Begriffe, mit den von den Juden Südafrikas zwecks Erwerbung von 15 000 Dunam Boden in der Orangenzone zur Verfügung gestellten 75000 Pfund weitere große Bodenflächen in Besitz zu nehmen; 2000 Dunam sind bereits angekauft worden. 500 Dunam Boden sind für eine Ansiedlung von Arbeitern auf Lord Melchetts Besitz, Tel Mond, vom Jüdischen Nationalfonds bewilligt worden. Vortrag Sellin über das ״Gottesknechtsproblem“. In der Religlonswissenschaftlicben Gesellschaft sprach der auch durch seine wichtigen Ausgrabungen in Palästina bekannte Gelehrte Geheimrat Sellin über aas Problem des Gottesknechts bei Deuterojesaja (Jes. 40—55). Bekanntlich ist seit vielen Jahren in der Bibelwissenschaft das Problem umstritten, wer unter dem leidenden Gottesknecht zu verstehen ist Die jüdische Auffassung, es handle sich um das Volk Israel, wird von protestautischer Seite 90 gut wie übereinstimmend abgelehnt Eine ver* mittelnde Auffassung, zu der sich in der Diskussion auch Prot. Bertholet bekannte, will weder das Volk, noch ein bestimmtes Individuum, sondern einen ״Personen k r e i s“ also etwa eitlen bestimmten Stand Innerhalb des Volkes, die Thoralehrer o. I. als den ״Gottesknecht“ anerkennen. Was schließlich die ״i n - dividualistische“ Erklärung betrifft, so ging der Streit um die Frage, ob der Prophet eine vergangene oder eine zukünftige Person gemeint habe, und es wurden Gestalten von Moses bis Ezechiel in Vorschlag gebracht Schließlich Ist die Deutung von Mowinckel (1921) zu erwähnen, die von Gunkel übernommen wurde: der Prophet selbst sei der Gottesknecht. Diesen von ihm früher abgelehnten Gedanken nimmt Prof. Sellin jetzt auf und führt ihn weiter, indem er an der Hand des Textes |n überaus fesselnder Welse darzustellen weiß, daß sich durch Annahme dieser Hypothese eine fast zwanglose Erklärung der Fragen ermöglicht Die Schwierigkeit der fewinckelschen Hy• pothese lag bisher darin, daß im Kapitel 53 der Tod des Gottes- Knechtes beschrieben wird, was unmöglich wäre, wenn der Prophet selbst mit dem Gottesknecht identisch wäre. Diese Scliwicrigkelt löst sich jetzt in überraschender Welse durch eine neue Schrift von Ellinger, Privatdozenten In Münster, worin behauptet wird, der Tritojesaja (Jes. Kap. 56ff.),von dem man bisher angenommen hatte, er bestehe aus einer Sammlung verschicdener Schriften, habe einen einheitlichen Verfasser, einen Schüler Deuterojesajas. Nach der Annahme Elligers ergibt sich, daß auch das Deuterojesajanisdie Buch durch den Tritojesaja auf uns gekommen ist und daß dieser Tritojesaja auch am Deuterojesaja mitgearbeitet hat. Sellin stellt nun die Erwägung an, ob es nicht möglich ist, daß Tritojesaja auch schon der Verfasser des Gottesknechts-Stückes Kap. 52/53 ist, so daß dieses Kapitel so zu verstehen wäre, daß der Schüler die Totenklage über den Meister anschlägt. Dieser Gedanke findet eine Bestätigung durch eine philologische Analyse des Textes, die ergibt, daß stilistisch das Kap. 52/53 viel mehr Aehnlichkeit mit Tritojesaja als mit Deuterojes|Ja hat. Wenn diese Erklärung richtig ist, dann überblicken wir, so meint Prof. Sellin, das Leben des großen anonymen Propheten, den wir Deuterojesaja nennen, in all seinen Stadien, von seinem ersten Auftreten über die ihm zugefügten Verfolgungen und Kränkungen, bis schließlich zu seinem von dem Schüler beweinten Märtyrertod. Wir haben hier — um eine Formel Sprangers zu gebrauchen — die klassische Dichtung der ״Opferethik“ im Gegensatz zur ״Wohlfahrtsethik“. — In der Diskussion vertrat Dr. Baeck eine von dem Referenten abweichende Meinung, indem er darauf hinwies, daß die Versuche der individualistischen Deutung des Gotteskneclites infolge des Mangels an individuellen Merkmalen unzulänglich Selben müssen. Das Problem wird erst deutlich, wenn man es im Zusammenhang mit anderen ähnlichen religionswissenschaftlichen Problemen betrachtet, etwa mit dem ״Ich“ der Psalmen, bei dem auch die Frage erörtert wurde, ob es sich um ein Individuum oder ein Kollektiv handle. Das Eigentümliche hier wie dort ist, daß wohl ein Einzelner gcmeint sei, aber auch zugleich das ganze Volk.■Der Prophet identifiziert sich mit dem Volk, freilich nicht mit dem ״sichtbaren“, sondern mit dem ״unsichtbaren“ Volk, mit dem idealen Volk, das wohl schon in der Gegenwart da ist, aber seine Erfüllung in der Zukunft findet, so daß auch die Frage, ob Gegenwart oder Zukunft gegenstandslos wird: Der Messianismus ist nur die selbstverständliche Folgerung aus der Gegenwart. Darum paßt alles, was der Prophet sagt, sowohl auf das Individuum als auch auf das Volk, wobei der Akzent manchmal mehr auf das Individuum und manchmal mehr auf das Volk gelegt wird. Wenn man diese These zur Grundlage nimmt, kommt man, was gleichfalls ein Vorteil ist, fast ohne Konjekturen aus. Dr. Baeck äußert sich schließlich noch zum Problem der Kom- Position von Deuterojesaja und Tritojesaja und spricht die Vermutung aus, es könne-sich um das Werk einer Menschengruppe handeln, die durch eine Idee, eine Sehnsucht zusammengehalten ist, und deren Reden und Schriften dann im Buche Jesaja Kapitel 40 ff. gesammelt wurden. Mit einem kurzen Schlußwort von Prof. Serin, der nochmals auf die Schwierigkeit und Problematik dieser Fragen hinwies, fand die intcressante Veranstaltung ihren Abschluß. — Es darf bei dieser Gelegenheit vielleicht daran erinnert werden, daß den Gottesknechtsliedern des Buches Jesaja die Festvorlesung ״Das jesajanische Mysterium“ gewidmet war, die Martin B u b e r 1m April 1925 in Berlin anläßlich der Feier der Eröffnung der Universität Jerusalem gehalten hat. (In Nr. 13 der ״J.R.“ haben wir den Text vom leidenden Knecht Gottes aus Jes. 52,13—53,12 in der neuen Uebersetzung von Buber und Rosenzweig aus dem demnächst bei Lambert Schneider erscheinenden Jesaja-Band wiedefgegeben.) —1.