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Jüdische Rundschau · 1930-03-04 · Heft 18 (4.3.1930) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 18 (4.3.1930)
Date
1930-03-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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JEintelnrnnmcr 0£S Gotdmark JÜDISCHE RUNDSCHAU Erscheint jeden Dienstag u, Freitag. Bezugspreis bei der Expedition monatlich 2,— Goldtnark, vierteljährlich 5.75 Goldmark. Auslsndsaboanemcnts werden 1» dm Wahrung der einreinen Linder berechnet. Anzeirenpreir: 8 ge«p. Nonpstreillereile 0,50 G.-M Stellengesuche 0,25 G.-M. Kammer 18 | Berlin, 4■ 111. 930 Redaktion Verlag und Anzeigen •Verwaltung! Jüdische Rundschau G.m-b.FL, BerlinU15 ׳, Meinekeetr.10 lelephon: J 1 Bismarck 7165 -70. Aiuciguuchluft: Dienstag und Freitag nachmittag■ 4 Uhr Redaktionsschluß Sonntag und Mittwoch nachmittag. Postscheck Konten; Berlin 173 92» Basel V 9355, Belgrad 680 32 Bcüsfl«! 394 33, Budap•« 596 93, DacxiS 1973, Haag 140 4 70, Prag 59410* Streaaburg 164 30, Warschaa 190 708, Wien 156 030. Baak •Kobuo: Parmatädtea־ und Nationalhenk» Dapoaiteo Kam« Berlin* Kurfürstendarnm 52; Baues de Eat, Ceraauti (Rumänien); Anglo Fajimme Co* io Haifa, ierasalem, le! Aviv ר, אדר* תר״צ | xxxv. jahrg. Per Zionismus erstrebt fflr das Jüdische Volk die Schaffung einer Öffentlich ־ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. ״Baseler Programm." Berliner Jüdische Gemeinde Generaldebatte zum Etat 1930 ln aller Kürze Die Appellationsverhandlung H i n k i s, die am 27. Febmar stattfinden sollte, ist um 3 Tage verschoben worden. Wie die J. T. A. erfährt, hat sich der Magistrat von Jaffa entschlossen, die Straßen und Aemter auch weiter mit Ruthenberg- Elektrizität beleuchten zu lassen, da die Kosten der Einführung der Luxlampen zu hoch sind und überdies sich die Einnahmen infolge des Wegzuges vieler Juden aus Jaffa nach Tel-Awiw vermindert haben. Die J. T. A. meldet aus Kairo, daß die a r a b i s c 11 e D e 1 e - gation sich am 11. März auf die Reise nach London begeben und sich zwei oder drei Tage in Aegypten auf halten wird, um mit den Führern des syrisch-palästinensischen Komitees Besprechungen abzuhalten. Der Untersuchungsrichter hat die Anklage gegen den Kolonisten Brose in Moza wegen angeblicher Tötung von Arabern in der Zeit der Unruhen mit der Begründung fallen gelassen, daß die Aussagen der arabischen Zeugen nachweisbar falsch seien. Vor dem Distriktsgericht in Haifa begann am 25. Februar rin Prozeß gegen 20 Araber aus Safed, die beschuldigt werden, während des Massakers in Safed in das Haus von Selim Cohen eingedrungen zu sein und es ausgeraubt zu haben. In Jaffa, Jerusalem, Nablus, Haifa und Gaza zirkuliert eine Aufforderung zur Bildung einer Gesellschaft mit einem Kapital von 500 000 Pfund zwecks Stärkung der antijüdischen Boykottbewegung. Der Appell enthält die Namen von 300 arabischen Kaufleuten, die sich bereit erklärt haben, zu dem Boykott-Fonds beizutragen. Hassan, einer der Rädelsführer der antijüdischen Boykottpropaganda in Jaffa, wurde vom stellvertretenden Distriktskommissar Crosbie zu drei Monaten Gefängnis und außerdem zur Leistung einer Geldbuße von 10 Pfund verurteilt. Das Jerusalemer Distriktsgericht hat die beiden Araber Raschid Fauhar und Darwisch Hamudi unter der Beschuldigung, einen arabischen Polizisten in Petach-Tikwah ermordet zu haben, zum Tode verurteilt. Von den 12 Arabern, gegen die die Untersuchung wegen Ermordung der jüdischen Familie Abushdid in Hebron und der Ausplünderung ihres Hauses schwebt, wurden vier mangels an Beweisen vom Gericht frefgesprocheu. Die "Vöttandtaag gegen die übrigen acht Beschuldigten würde auf dm 4. Mtrz vertagt. Das Oberrabbinat. von Palästina hat für den 4. März Verfreter der J?wish Agency, des Waad Leumi und andere Repräsentanten des JiScnuw zu einer Beratung darüber eingeladen, welche Aktionen Zugunsten der Judenheit in Rußland in Anbetracht der fortdauernden Religionsverfolgung zu ergreifen wären. Eine vom Amerikanisch-Jüdischen Kongreß einberufene Konferenz, der 146 Delegierte als Vertreter von 39 jüdischen Organisationen Amerikas beiwohnten, nahm eine Entschließung an, worin der 16. März als Tag des nationalen Protestes der amerikanischen Judenheit gegen die Religionsverfolgung in Rußland festgesetzt wurde. Das Odessaer Gericht verhandelte vier Tage lang gegen 23 Agronomen, die beschuldigt waren, eine antisemitische Hetze betrieben und die junge jüdische Agronomin Helene Goldmann unablässig antisemitisch verfolgt zu haben, so daß sie in ihrer Verzweiflung Selbstmord beging.. Das Gericht verurteilte drei der Hauptangeklagten zum Tode, die übrigen 20 Angeklagten zu kleineren Gefängnisstrafen. Jabotinsky hat sich vor einigen Tagen auf die Reise nach Südafrika begeben und wird dort am 10. März eintreffen. Jabotinsky erklärte vor der Abreise, er werde, wenn er hierzu eingeladen werden sollte, an der Keren Hajessod- Kampagne in Südafrika teilnehmen. Rabbi Meir Berlin, der Präsident des Weltmisrachi und Mitglied der Zionistischen Exekutive, wurde vom lettländisehen Staatspräsidenten Zerogal und dem Minister- Präsidenten Zelminsch empfangen. General Kress von Kressenstein, der im Kriege die deutschen Heeresteile in Palästina kommandiert hat, ist zu Besuch in Palästina eingetroffen. In London fand dieser Tage eine Konferenz der Bn ex Briss-Logen Englands anläßlich des 20. Jahrestages ihrer Gründung in England statt. U. a. hielt Prof. Brodetsky eine Rede über Ziele und Tätigkeit des Zionismus. Namens der deutsehen Bnei Briss-Loge begrüßte Dr. R. Lestschinsky. Im tschechoslowakischen Parlament hielt ln der Debatte über das Schulwesen der neu gewählte jüdischnationale Abgeordnete Dr. Ludwig Singer unter gespannter Aufmerksamkeit des Hauses seine erste große Parlamentsrede, in welcher er die Eigentümlichkeit der Position des jüdischen Volkes darlegte und die jüdsichen kulturellen Forderungen eingehend begründete. Die Klagemaaer- Kommission Unterstaatssekretär Dr. Shiels erwiderte im englischen Unterhaus auf eine Anfrage von Major Nathan, daß gemäß der vom Völkerbundsrat in seiner Januarsitzung angenommetien Resolution die Mitglieder der Klagemauer-Kommission von der britischen Regierung mit Zustimmung des Völkerbundsrates zu ernennen seien; die Regierung befasse sich eben jetzt 1tut der Zusammensetzung der Kommission. Major Nathan ג Wird die Kommission Zeugen vernehmen? Dr. Shiels: Ich nehme es an; aber es ist noch kein Be- Schluß über den Aufgabenkreis der Kommission gefaßt worden. Das Arbeitsprogramm der Kommission wird erst aufgestellt 'verden, wenn ein Beschluß über deren Zusammensetzung ge- [aßt sein wird. Die britische Regierung wird dem Volkerbundsrat die Namen der Kommissionsmitglieder und wahrscheinlich auch das Arbeitsprograram voregen, denn beides unterliegt der Zustimmung des Völkerbundes. In der Sitzung vom 27. v. Mts. kamen der Vertreter der Mittelpartei Rabb. Weiße und der einzige Konservative Moritz A. Loeb in der Generaldebatte über den Etat 1930 zum Wort Damit hätte eigentlich die Hauptaussprache ein Ende finden sollen. Die liberale Fraktion aber war anderer Meinung, denn der Frakfionsführer Rechtsanwalt Stern hatte in der Sitzung am 30. Januar unter dem Eindruck des Berichtes, den Kareski im Namen des Vorstandes erstattet hatte, Dankes- und freundliche Worte für die Tätigkeit der gegenwärtigen Gemeindeverwaltung gefunden. Nun stehen aber im Herbst Neuwahlen bevor, und da muß man durch eine bei den Haaren herbeigCzogene Kritik die Daseinsberechtigung seiner Richtung erweisen. Darum sprachen Herr Rosenthal und Herr Marcus hintereinander und bemühten sich, Haare in der für Stern schmackhaften Suppe des Tätigkeitsberichtes und des Etats zu finden. Was die Liberalen vorbrachten, war nicht allzu wesentlich, abgesehen von den üblichen Verwahrungen gegen den Zionismus und gegen Palästina. Moritz Rosenthal polemisierte insbesondere gegen die Rede Alfred Klees in der vorangegangenen Repräsentantensitzung. Nach den Liberalen sprachen, um die Angriffe von Rosenthal und Marcus abzuwehren, die Volksparteiler Wald m an n und Dr. Klee. Die Aussprache dauerte bis kurz vor Mitternacht, worauf die Sitzung vertagt wurde. In der nächsten Sitzung wird Kareski seinen Kritikern antworten und außerdem werden wahrscheinlich wiederum Liberale und Volksparteiler zu Worte kommen. # Nachstehend der Verhandlungsbericht: Nach Erledigung einiger geschäftlicher Angelegenheiten, Bewilligung einer Reihe von Beiträgen und Subventionen usw. wurde die Generaldebatte zum Etat fortgesetzt, Als erster Reiner ergriff Rabb. Dr. W e L§;§ '{MitleteartijJ •das״ Wort•״ Er betonte in erster Linie die Einheit des Judentums und die Einheit der Gemeinde, die in der heutigen Zeit schwerer Gefahren von außen her gewahrt .werden müsse» Er bekämpfte alle separatistischen Bestrebungen und wandte sich insbesondere gegen einen radikalen Liberalismus bei der Gestaltung des Gottesdienstes. Die Leistungen der Gemeindeverwaltung wurden von ihm dankbar anerkannt. M. A. Loeb (konservativ) kritisierte die Höhe des Etats und forderte die Ein- Setzung eines Erneuerungsfonds. Er wünschte die Schaffung einer Stätte für das Thorastudium und forderte eine konservative Schule sowie rasche Erfüllung der konservativen Synagogenwünsche. Im übrigen beschäftigte er sich noch mit der Frage der stilistischen Reinheit des Etats, konnte jedoch damit bei der Versammlung nur einen Heiterkeitserfolg erzielen. Moritz Rosenthal (liberal) erklärte, daß die heutigen Liberalen einen anderen Standpunkt einnehmen als ihre Vorgänger vor achtzig Jahren- In der Frage des Palästina- Aufbaus wünschte auch er Erfolge im Interesse des religiösen Judentums und einen friedlichen Fortgang des Aufbaues. Eine Forderung des Keren Hajessod würde er jedoch ablehnen. Er wandte sich gegen die jüdische Schule, welche die Kinder dem Deutschtum entfremde. Die Einheitsgemeinde sei zu fordern, aber nur wenn sie so geführt wird, daß die liberalen Juden in ihr bleiben könnten. In der Gemeinde müsse das Parochialsysfem zur Belebung des jüdischen Interesses eingeführt werden. Marcus (liberal) forderte Mittelstandshilfe von der Gemeinde. Er verlangte den Ausbau der Darlehnskasse und Unterstützung von Kreditgenossenschaften. Der Mittelstand sei der Träger des Judentums. Wichtiger als die Schaffung des Ledigenheimes sei der Bau eines Hospitals. Er sei gegen den Keren Hajessod und die Jewish Agency, jedoch für die Unterstützung des . notleidenden Ostjudentums. Für die Jüdische Volkspartei führte sodann Moses Waldmann aus: Das wichtigste Geschehen in der jüdischen Welt gehe heute in Erez-Israel vor sich. Auch bei den Nichtzionisten ist der Einfluß der jüdischen Renaissancebewegung groß. Sie haben Arbeitsgebiete übernommen, die weit über das Konfessionelle hinausgehen. Man erkennt jetzt unsere Sonderinteressen, z. B. die spezifische jüdische Arbeitsnot; andererseits will man aber nichts von einer jüdischen Erziehung wissen. Die Einflüsse der Umwelt entfernen uns vom Judentum. Wir müssen der Zersetzung, entgegenarbeiten. Für das Deutschtum sorgt das Leben v0n selbst; wer sein Judentum erhalten will, muß es im Alltag betätigen. Es ist bei uns in der Gemeinde gewiß besser geworden, aber noch lange nicht gut. Die Renaissancebewegung hat nur einen kleinen Teil der Juden in Deutschland erfaßt und soll alle ergreifen. Eine gute Verwaltung ist nur die selbstverständliche Voraussetzung für die anderen Aufgaben der Gemeinde. In den religiösen Angelegenheiten sind wir Zionisten gegen getrennte Kultus- Kommissionen. Wohin sollen wir dann uns einordnen, die wir vielfach weder liberal noch konservativ sind? Diese Differenzierung besitzt keine zureichenden Entscheidungsmerkmale. Als Zionist muß ^in es ablehnen, ins Schlepptau irgendeiner religiösen Richtung genommen zu werden. Jedes Mitglied unserer Fraktion hat volle Entscheidungsfreiheit in religiösen Fragen. Dabei verkennen wir nicht den Wert vieler konservativer Einrichtungen für die Erhaltung des Judentums. Die Arbeit in der Gemeinde ist ein Teil der jüdischen Wiedergeburt, die wir anstreben. Wir wollen eine blühende Gemeinde haben, damit sie sich für die großen jüdischen zentralen Aufgaben einsetzen kann; wir hoffen daher, daß in' der nächsten Session unsere Keren Hajessod-Forderung ohne Kampf genehmigt werden wird. Wenn man unsere Zuverlässigkeit als Bürger anzweifelt, so muß gesagt werden, daß wir loyale Bürger dieses Landes sind und den gleichen Zukunftswillen haben, die jeder deutsche Arbeiter hat, der vielleicht auch einmal nach Uebersee auswandert. Wir sind mit den Leistungen der Gemeinde bei aller Anerkennung noch nicht voll zufrieden, und vermissen insbesondere im Vorstandsberidit einige wirkliche Fortschritte. Die Berliner Gemeinde ist durch den Vorstand in der Jewish Agency vertreten, und dieses Ruhmesblatt der Gemeinde ist trotz liberalen Protestes nicht wegzuwischen. Die Jewish Agency ist zum ersten Male der Ausdruck des gesamtjüdischen Willens, daß die Juden nicht mehr allein Objekt der Geschichte sein wollen, sondern auch Subjekt. Allerdings eht ein solch großes Unternehmen nicht ohne Opfer und chwierigkeiten ab. Die Gemeinde hat ferner die Schaffung eines Lehrstuhls an der Universität Jerusalem beschlossen. Wir wünschen ein Dezernat in der Gemeinde für alle derartigen Angelegenheiten. Es ist bedauerlich, daß die Gemeinde nicht alle ausländischen Hilfsgesuche erfüllen konnte, z. B. auch nicht die der Tarbuthorganisationen in Polen und Litauen. Im Etat sollte für derartige Zwecke eine Summe eingestellt werden. Ein besonderer Erfolg ist es, daß man den Os tj ud e n in der Gemeinde in den letzten drei Jahren das Heimatsgefühl gegeben hat, das sie vorher nicht besaßen. Das zeugt von einer Wandlung des Geistes im Berliner Judentum, ln der Frage der Abwehr des Judenhasses ist vielleicht die kleinliche Abwehr nicht Sache der Gemeinde; bestimmt aber muß die Gemeinde an den aufbauenden Maßnahmen teilnehmen und ihr Gewicht in die Wagschale werfen. Würden die bestehenden Abwehrorganisationen wirklieh neutral sein, so könnten sie die Arbeit für alle deutschen Juden tun. Da aber ein parteipolitisches Bekenntnis von ihnen verlangt wird, so kann ein großer und nicht unwichtiger Teil nicht daran teilnehmen. Wir proklamieren die Selbsthilfe der Juden und scheuen auch nicht vor der Weltselbsthilfe zurück, ln der Frage der Einheitsgemeinde hat Herr Rosenthal diesen Gedanken, .npt׳ der Klausel >4a«l Kündigung“ bejaht. Weil bä uns eine verbindliche öffentliche Meinung fehlt, Ist so etwas möglich. Wir werden auch nach den Wahlen für eine Mitarbeit alfer Teile der Gemeinde eintreten. Als letzter Redner ergriff R.-A. Dr. Alfred Klee das Wort: Wir sind für eine musterhafte Verwaltung der Gemeinde und wissen, daß noch eine Fülle von Verbesserungen möglich sind. Wir berücksichtigen auch, daß wir eine Einheitsgemeinde zu verwalten haben. Die Schulverwaltung, die seit zwei Jahren von Herrn Dr. Kollenscher geführt wird, gegen den sich die Liberalen seinerzeit so sehr gesträubt hatten, ist gewiß positiv-jüdisch eingestellt, dabei aber objektiv und loyal, insbesondere in der Personalpolitik. Wir sind in der Arbeit für die Schule gerade wegen unserer loyalen Haitung noch nicht so weit gekommen, wie wir es gern möchten. Nur jüdische Volksschulen zu genehmigen, ist doktrinär. Wenn unsere Mittelschule den heutigen Bedürfnissen der Elternschaft nicht mehr entspricht, dann muß sie durch die Höhere Schule ersetzt werden. Soll das, was in anderen Städten möglich war, nicht auch bei uns gehen? Die blühende Höhere Schule der Adaß-Gemeinde ist ein Beispiel dafür. Es ist lächerlich zu behaupten, daß die jüdische höhere Schule ins Ghetto führt. Das werden auch die Liberalen erkennen. Sie haben ja auch auf anderen Gebieten gelernt, z. B. in der Frage des Proportionalwahlrechts, das allerdings ohne den Staatsumsturz nicht gekommen wäre. Die höhere jüdische Schule ist die organische Fortsetzung der Volksschule. Zur Abwehr der Tendenzen der Umwelt ist fundiertes jüdisches Wissen, Eindringen in den Geist der hebräischen Sprache und ihre Kültur für unsere Jugend erforderlich. Auch das gibt noch keine Sicherheit, aber die Wahrscheinlichkeit für die Bewahrung des Judentums ist dann größer. Wir unterstützen den Wunsch auf Errichtung eines Beth Hamidrasch und hoffen, daß es bald entstehen wird. Gegenüber den Kritikern am Etatsbericht muß gesagt werden, daß Undankbarkeit kein ethisches Postulat ist Man soll den verantwortlichen Personen nicht die Frische der Entscheidung bei ihren Projekten unmöglich machen. Lieber den Grad der Wichtigkeit verschiedener sozialer Institutionen wird jeder Mensch anders denken. Wir sollen darüber froh sein, daß auf die Zeit der Stagnation in der Gemeinde jetzt eine Epoche lebendigen Schaffens gefolgt ist. Die Privatinitiative muß natürlich gcfördert werden, aber stets unter der öffentlichen Kontrolle, damit keine Doppelarbeit geleistet wird. Allerdings hat sich die Gemeinde veranlaßt gefühlt, eine Reihe von Institutionen zu übernehmen. Wir bedauern, daß die sachliche Arbeit durch die vom demokratischen Standpunkte aus nötigen Wahlen im Herbst d. J. unterbrochen wird. Was den Wahlerfolg betrifft, so sind wir überzeugt, da in jüdischen Kreisen wirkliehe Leistung noch immer Anerkennung gefunden hat. Ein großer Teil der Wähler, der voriges Mal zu Hause blieb oder noch liberal wählte, wird bei den kommenden Wahlen zu uns stoßen. Man hat jetzt eingesehen, daß es in der Gemeinde um wirklich wesentliche Dinge geht. Herr Marcus hat vom Kampf gegen den Zionismus bei den Gemeindewahlen geredet. Es ist bedauerlich, daß er als ״neutraler Handwerker- Vertreter“ zu den Liberalen übergegangen ist. Die Mittel- Ständler in der Gemeinde sollten sich darüber Gedanken machen, daß man sie als liberalen Besitzstand betrachtet. Das vom Gemeindevorsitzenden entwickelte Sozialprogramm ist ein Programm für Arbeiter und Mittelstand. In der Frage des Kampfes gegen den Antisemitismus liegen die Dinge so, daß wir einst gemeinsam die Organisationen gegründet haben als den ersten Versuch jüdischer Selbsthilfe,

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