Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 17 (28.2.1930)
- Date
- 1930-02-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 ,7־«. H 1930 JUEDISCRE RUNDSCHAU Seite 113 Das Aschenbrödel - die P. L. D. C. Von Adolf Böhm, Wien. Bodenkauf und Einwanderung sind die Grundvoraus- Setzungen unserer Arbeit. Man sollte meinen, daß dies jedem Zionisten klar sei. Dennoch hat es Jahrzehnte gebraucht, bis der Keren Kajemeth aufgehärt hat» das Stiefkind der Organisation zu sein. Aber aa gibt es noch ein von ihr völlig übersehenes Aschenbrödel, das die mühsamste Arbeit tun muß und dafür nur Schläge bekommt: die P. L. D. C. Es zeugt für den Weitblick Ruppins, daß er schon bei seinem Amtsantritt, 1938, diese Gesellschaft schuf. Was seither an jüdischem Boden durch sie erworben wurde, weiß jeder Zionist. Aber *von allem Anfang an litt die P.LD.C. an mangelndem Interesse der Zionistischen Organisation und ihrer höchsten Spitzen. Sie konnte es nie zu einem nenn answerten Aktienkapital bringen. Dafür wurden ihr alle Risiken des ßodenkaufs aufgelastet, ln dieser Hinsi ht war sie eine zionistische ״Institution“: wenn sie aber unter dieser Last in schlechten Zeiten fast zusammcnbrach, dam! war sic, in deren Leitung K. K. L, K. H. und Exekutive vertreten sind, eine private Aktiengesellschaft, die schlechte Geschäfte gemacht hatte und deren Führung die bittersten Vorwürfe zu hören bekam. Gewiß wird die Leitung der P. L. D. G, die eine so schwierige Aufgabe zu bewältigen hat, auch Fehler gemacht haben, wie jede andere. Aber diese sind nie rein geschäftlichcr Natur gewesen, sondern sic stammten vorwiegend daher, daß die P. L. D. C. sich zuerst als Institution des Zionismus fühlte und zuletzt als Erwerbsgesellschaft Wenn sie 1926 immobilisiert war — wer wollte ihr daraus einen Vorwurf machen? Bei der großen EinvanderungsweHe 1924 und 1025 kamen zahlreiche Leute ins Land, die Geld hatten und stürmisch Boden kaufen wollten; die P. L. D. C. mußte sehen, der Nachfrage zu genügen. Sie mußte die Böden auf Ab- Zahlung verkaufen — da kam die Krise, die Käufer zahlten nicht weiter, die P. L. D. C. hatte die Böden und die darauf haftenden Kaufsraten auf dem Halse. Sie mußte froh sein, wenn der K. K. L die Böden übernahm und dabei keine Provision zahlte. So ist der P. L. D. C, sofern sie nicht in direktem Auftrag des K. K. L oder kapitalkräftiger Käufer arbeitet, wobei sie nur eine Provision verdient, die ihre Spesen nicht decken kann, das ganze Risiko aufgelastet. Daß die Provision allein die Spesen nicht deckt, geht aus den Bilanzen klar hervor. Bei 3 0/0 Provision und einem Spesensatz von £ 9930 müßte sie jährlicn für £ 300 000 Boden in Kommission kaufen, um die Spesen zu decken. (Der K. K. L zahlte lange nur lV2°ö.) Aus geschäftlichen wie aus zionistischen Gründen muß deshalb die P. L. D. C. auf eigene Rechnung arbeiten, d. h. Böden, die ihr angeboten werden, für die sie aber noch keinen fixen Käufer hat, erwerben (״Bodenreserve“) und sie mit eintretender Nachfrage mit bürgerlichem Nutzen wieder a'geben. Dies ist eine widrige Aufgabe der P.LD.C und im eminenten zionistischen Interesse gelegen. Doch wie hat man die P. L. D. C. dazu ausgerüstet? Ihr Ka־>‘ta! beträgt einschließlich von Teileinzahlungen auf Aktion Leute £ 81 030. Zwei Kongresse haben bereits beschlossen, daß das Kapital verdoppelt werden muß. Aber es ist dafür nicht das min- (teste geschehen. Man wird sagen, die P. L D. G zahlt seit fahren keine Dividende, wie soll man da Aktien verkaufen? Hier klafft der Zwiespalt: man weist der P. L. D. G eine Funktion allererster Wichtigkeit zu, wodurch sie einen pubüc Service leistet, die Mittel dazu soll sie sich aber auf geschäft- Iichem Wege verschaffen. So geht das nicht. Die Form einer A.-G. ist aus verschiedenen Gründen gewählt worden, sicherlich auch deshalb, damit die P. L. D. G eine richtige geschäftliche Gebarung führt. Sie hat sich auch, wie die kürzlich hier abgedruckten Zahlen ihrer Bilanz und ihrer Liquidität beweisen, konsolidiert (den Aktiven von £ 340090 stehen Passiven [ohne Aktienkapital! von £ ISS 000 gegenüber), aber man kann von ihr so kurz nach der Krise und dem Stand des Bodenkaufsgeschäftes in den letzten fahren nicht verlangen, daß sie für diese Jahre hätte Dividenden erwirtschaften sollen. Deshalb muß die nötige Auffül'ung des Kapitals ohne Rücksicht auf Dividenden erfolgen. Es wird bei einer entsprechenden Aktion möglich sein, Shares, dieses wichtige Institut, abzusetzen, auch Wenn die Aussichten auf Dividenden noch nicht groß sind. (Auf den ״Bodenkauffonds“ der Agency zu rechnen, ist wohl noch zu früh.) Jedenfalls aber tut es not, dieses Aschenbrödel der Organisation aus seinem Winkel hervorzuholen und es offiziell und von öben her zu unterstützen. Für den Absatz von Obligationen ist der Status der Bilanz günstig. Sollte der Investmenttrust Zustandekommen, wie es den Anschein hat, so wird darauf zu dringen sein, daß er Obligationen der P. L. D. C. übernimmt. Die Stärkung ihres Aktienkapitals bleibt aber die erste Notwendigkeit. Zur Berliner Rcmbrandi-Ausstellung ״Jakobs Segen*4 Von Prof. L Pasternak- Prof. Pasternak »teilt ans nachstehende Zeilen rar Verfügung, in denen er schildert, wie er dam gekommen ist, eine Studie über Rcmbrandi und das Judentum zu schreiben. Die Studie ist 1023 erschienen und stellt eine der köstlichsten Gaben der modernen hebritischen Verlegertätigkeit dar. Red. Das Meisterwerk Rembrandts aus der Kasseler Galerie, das jetzt in der Akademie der Künste zu sehen ist*), gab mir seinerzeit den Anstoß, einen Essay über Rembrandt im Zusammenhang mit dem Judentum, das er sich vielfach zum Gegenstand seiner Werke nahm, zu schreiben. Es war in Moskau im Jahre 1916 vor der Revolution. Da saßen an einem Abend die drei Vorkämpfer und Wegbereiter der Renaissance der hebräischen Literatur, die Dichter David Frischmann, Bialik und der bdcannte Verleger A, Stybel und ich als einziger Maler beisammen. Wir plauderten über allerlei Kulturprobleme, über die Kunst im Judentum u. dgl. Ich erzählte manches von meinen Kunstreisen und gab meiner Meinung Ausdruck, daß, obwohl es viele und auch große jüdische Maler (Israels) gab und gibt, die jüdische Themen sowie die Bibel behandelten, es nur einem einzigen, und zwar einem Nichtjuden, dem genialen Rembrandt, gehingen ist, das wahre jüdische Wesen erschöpfend mit einer sonst nirgends erreichten Tiefe, Wärme und Liebe für ewige Zeiten zu schildern. Als ich insbesondere meine große Begeisterung über den außerordentlichen Eindruck, den das Kasseler Bild ״Segen Jakobs" bei mir hinterlassen hatte, äußerte, da bestürmten mich meine Zuhörer, für die jüdische Volksmasse etwas über Rembrandt zu schreiben und ihr damit das Gebiet der Kunst endlich einmal näher zu bringen, da die jüdische Volksmassc über Kunst, Maler u. dgl. bis dahin kaum etwas vernommen hatte. Ich versprach dies zu tun. — Erst in den hungrigen kalten Wintertagen des Jahres 1918/19, wo *) In den Räumen der Akademie am Pariser Platz wurde dieser Tage von Max Liebermann eine Rembrandt- Ausstellung eröffnet, über die wir noch berichten werden. — Red. .... Acgyptische Schntzzölle gegen palästinensische Produkte Am 16. Februar trat In Aegypten ein neuer Zolltarif in Kraft, der auch für den Import palästinensischer Produkte von großer Bedeutung sein wird. Aegypten pflegt von Palästina einen großen Teil der für den Fernexport nicht geeigneten Orangen zu kaufen. DerZoliaufOrangen wurde jetzt durch den neuen Tarif von 8«/0 des Wertes auf 40 ägypt Piaster pro Tonne erhoben, was eine Steigerung von mehr als 100״/« bedeutet Ferner werden Grape- Früchte künftig als Luxusfrucht behandelt und viel hoher versteuert werden müssen. Weitere Erhöhungen betreffen den Zoll auf Mandeln, Bananen und Honig. Besonders schwerwiegend wird sich die Zollerhöhung auf Seife bemerkbar machen. Aegypten ist der größte Ab i ' ncr der nalästinensischen Scifcnindustrie, die jährteh für etwa £ 200000 Seife nach Aegypten exportiert. Von der Erl.ö u 1g wird in erster Linie die arabische Seifeninductrie in Nablus betroffen. Palästinensische Handelskammern haben ein Memorandum an die Regierung gerichtet und darin Maßnahmen verlangt, um die von dem ägvptischen Zolltarif drohenden Gefahren für palästinensische Produkte zu verhüten. Sie schlagen den Abschluß eines besonderen Handelsvertrages Palästinas und Aegyptens vor. (Ziko.) Vom Ha!enban In Raita Das letzte Communiquö über den Stand der Hafenbau- Arbeiten in Haifa berichtet über weitere erhebliche Fortschritte beim Hafenbau. Der Hauptwcllenbrccher erstreckt sich nun bereits über mehr als 200 m ins Meer; bisher wurden bereits 20000 cbm Steine für den Wellenbrccher verbraucht. Es werden Maßnahmen getroffen, um die Steingewinmmg in den Steinbrüchen von Atlith zu erhöhen. Zwölf mit Dampf betriebene Kräne arbeiten, um den Bedarf der Arbeitsstellen im Haifaer Hafen zu decken. Die tägliche Produktion beträft gegenwärtig 1020Tonnen; sie konnte in letzter Zeit durch Einführung rationrifer A beitsmethoden sehr gesteigert werden. Mit dem Eintritt der besseren Witterung wird das Arbeitsprogramm in Haifa bedeutend erweitert werden. Die Leitung der Hafenbau-Arbeiten hat daher im Interesse der ungestörten Durchführung der Arbeiten beschlossen, künftig allen Besuchern, soweit sie nicht eine besondere Bewilligung der Hafenleitung vorweisen können, den Zutritt zu den Hafenbau arbeiten zu untersagen. (Ziko.) Die elektrische Konzession für Jerusalem Die Konzession für die Erzeugung und Verteilung von Elektrizität ist jetzt defini.iv der ״Jerusalem Electric & Public Service Corporation“ bestätigt worden. Der ursprüngliche Konzessionsinhaber, Mr. Mawrommatis, verkaufte die Konzession seinerzeit an die ״Power Securi’ies Corporation“. Diese hat dann die Konzession an die ״Jerusalem Electric & Public Service Corporation“ weiter veräußert. Die jerusalern er Gesellschaft hat, wie bekannt, im Jahre 1929 ein Elektrizitätswerk in Jerusalem errichtet und die Stromerzcugung aufgenommen. Die Bestimmungen über die Uebcrteagung und Einzelheiten der Konzession wurden in einer Sonderausgabe der ״Official Gazette“ veröffentlicht. (Ziko.) Aussteifung ״Kult und Form“. Das Ausstellungsamt der Stadt Magdeburg, der Kunstvcrcin zu Magdeburg und der Magdeburger Verein für Deutsche Werkkunst haben steh in femeinschaftlicher Arbeit mit dem Kunstdienst, Dresden, dem olkwang-Museua( Essen, und der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde in Berlin zu:ammengctan, um in den Winterausstellungsräumen der Magdeburger Ausstellung am Adolf- Mittagsce die Au״stellung ״Kult und Form“ zu organisieren, lieber die jüdische Abteilung der Ausstellung, deren Mittelpunkt die mittelalterlichen Teppiche und Webereien des Klosters St Marienberg zu Helmstedt in Braunschweig bilden, wird uns mitgeteilt: Es ist das erstemal, daß bei einer derartigen Aus- Stellung das Kultgerät des jüdischen Glaubens in seinen charakteristischen Formen gezeigt wird. Um die Entwicklung des Formgedankens dieses Kultgeräts überzeugend zu zeigen, sind hier auch besonders schöne alte Stücke zur Schau gestellt. Wir finden bei den anderen Konfesrionen hier auch ein sehr starkes Wollen, eine zeitgemäße Lösung für die kultischen Geräte und den Kultbau. Die Synagogenbauten, die Pläne der neuen Berliner Synagoge in der Klopstock4־raße der bekannten Berliner Architekten Nachtlicht und Harry Rosenthal zeigen ganz neue Wege der baulichen Gestaltung, ebenso die neuen Friedhofsanlagen von Erich Mendelsohn. Die Aus- Stellung ist vom 15. Februar bis 12. März geöffnet. Kleine Nachrichten Unter ungeheurer Beteiligung der Judenschaft von Tel« Awiw wurde die vor einigen Tagen verstorbene Frau Dizengoff, die Gattin des Bürgermeisters von Te!-Awiw, zu Grabe getragen. Aus verschiedenen Städten und Kolonien hatten sich Abordnungen zum Begräbnis eingefunden. Zahlreiche britische Beamte, auswärtige Konsuln und sehr viele Araber schritten ira Trauerzuge. Der Stadtrat ließ eine Sitzung zum Zeichen der Trauer ausfallen. Der Distriktsbeamte Miller verurteilte einen arabisehen Hausbesitzer in Hebron, in dessen Hause während der Massakers im August sechs Juden getötet wurden, zu sechs Monaten Gefängnis, indem er gleichzeitig das Bedauern aussprach, daß das Gesetz keine härtere Strafe zuläßt. Zwei arabische Räuber, Khaled Ranous und Said Ghazli, die an dem Safed -Massaker im August teilgenommen haben und dann geflüchtet sind, wurden von der Polizei festgenommen und beim Polizeiposten in Merom eingeliefert. Die Auszahlung der Entschädigungen an die von den August-Unruhen Geschädigten wurde neuerlich vertagt. Die ersten Beträge sollten ursprünglich Anfang Februar zur Auszahlung kommen. Die Auszahlung wurde dann auf den 15. Februar und neuerdings auf den 1. März verschoben. Eine arabische Bande überfiel am 24. Februar ein Christliebes Kloster in der Nähe von Kir jath-Anawim, Die Bande beschoß das Kloster und raubte das Vieh aus den Ställen. Die alarmierte Polizei erschien zu spät, und die Räuber konnten unerkannt entkommen. Im ״Doar Hajom“ ist eine Erklärung von Burzew abgedruckt, in der behauptet wird, daß die kommunistische Internationale Geldmittel für Agitationszwecke in Pa'ästina zur Verfügung stelle. Burzew behauptet ferner, daß kommunislische Agenten in arabischen Ländern außerhalb Palästinas eine Agitation gegen das Jüdische Nationalheim in Palästina entfalten. Die Palästina-Regierung hat die ihr vorgekgten Bestimnaungen über die Wahlen zur Assefath HaniwcJjarim (Jüdische Nationalversammlung) gutgeheißen. Das Piumer-Stipendium der hebräischen Universität wurde in diesem Jahre an Dr. Erich Brauer verliehen, der mit ethnologischen Studien über die jemenitischen Juden beschädigt ist. Dr. Brauer bearbeitet am orientalischen Institut der hebräischen Universität speziell die Probleme der Ethnologie der jemenitischen Juden. (Ziko.) Die Arabische E x e k u t i ve hat beschlossen, innerhalb der Arabischen Exekutive eine besondere hebräische Abteilung im Monat März zu eröffnen. (Ziko.) Königin-Witwe Maria von Rumänien ist mit ihrer Tochter Heleha in Jerusalem eingetroffen, wo sie im Palasthotel wohnt. Senator Bor ah hat wegen der Meldungen, daß eine Anzahl Rabbiner in der Sowjetunion unter der Beschuldigung gegenrevolutionärer Umtriebe verhaftet worden sei, an die Sowjetregierung ein Protesttelegramm gerichtet. Er erhielt von Litwinow eine Antwort, derzufolge aale verhafteten Rabbiner mit Ausnahme von dreien auf freten^Fuß gesetzt worden sind und daß kein Grund bestehe, die Befurchtung zu hegen, daß gegen die noch in Haft befindlichen Rabbiner ein Todesurteil ausgesprochen werde. In der Ukraine durchsuchen Trupps jüdischer _Bezboschniki (Gottlose) jüdische Häuser, wo sie Gebeten äntel, Tefilipi una hebräische Werke requirieren und dann zu 4ictÜ* zwecken verwenden. Die kommunistisch-jüdische Zeitung ״Stern" in Charkow gibt die Parole aus: ״Verwandelt Talessim und Tefilim in Traktoren." In der Etatssitzung der Münchner Kultusgeraeinde am 19. Februar wurde der Gesamtetat mit einer Endsumme von 646 320 RM. angenommen. David S c h o c h a t, ein jüdischer Soldat der Roten Armee, beging Selbstmord, weil er Verfolgungen seitens seiner Genossen ausgesetzt war. Infolge der Zunahme antisemitischer Verhetzung in den Kasernen der Roten Armee wurde in Moskau ein ״Seminar der Roten Armee zur Bekämpfung des Antisemitismus" begründet. Anläßlich der Eröffnung einer Filiale der Anglo-Palestinc Company in Petach-Tikwah sandte die Oemeindeverwaltung ein Begrüßungstelegramm an Dr. Weizmann, worin der unerschüttliche Wille zum Aufbau des Jüdischen Nationalheims trotz aller Hindernisse ausgesprochen wird. Anläßlich des literarischen Jubiläums Saul Tscherniehowskys veranstaltete die Jüdische National- und Universitätsbibüothek in Jerusalem eine Tschernichowsky-Ausstellung. von Malen keine Rede sein konnte, nahm ich anstatt des Pinsels die Feder zur Hand, und an einem einzigen warmen Ofen der sonst ungeheizten Wohnung sitzend, schrieb ich meine Empfindungen nieder. Je tiefer ich mich in das Studium von Rembrandts Werken und seines Lebens versenkte, um so stärker gewann ich die Ueberzeugtmg, daß, obwohl Ranbrandt der ganzen Menschheit gehört, er — nach seinem eigenen Volk, den Holländern — für die Juden am meisten bedeuten muß, denn in der ganzen Kunstgeschichte gibt es keinen zweiten, der die Bibel so erfreifend und erhaben malerisch nachzudichten und das jüische Wesen, die Tiefe der Seele, so zu schildern verstanden hätte. Aus der Kunstgeschichte wissen wir, daß die Bibel ihn von Kindheit an bis zu seinem Tode geleitet hat und daß er sie nie aus den Händen gab (übrigens hielten sich die Holländer, die frommen Calvinisten, für Nachkömmlinge des Gottes- Volkes); wir wissen, daß die Juden Ephraim Bonus, sein Familienarzt, der berühmte Gelehrte Rabbi Menasse-ben-fsrael, dessen Bildnis, wie die vieler Rabbinen, uns von Rembrandts Hand geblieben ist, seine besten Freunde waren. Auch scheute sich Rembrandt nicht, sein Haus gerade inmitten des Judenviertels in Amsterdam zu errichten; er brauchte nur die wenigen Stufen aus seiner Wohnung hinunterzusteigen und schon befand er sich unter seinen Königen Saul und David, die eigentlich nichts anderes als der Schaines der nahen Synagoge oder sich herumtreibende Trödler, Bettler waren. Es läßt sich sogar eine Parallele seines eigenen so tragischen Lebens mit dem Schicksal seiner Nachbarn da unten ziehen! Es ist bekannt, daß wir Maler bei Beurteilung eines Kunstwerkes uns mehr von äußeren Dingen (Form, Farbe, Technik usw.) leiten lassen; bei Betrachtung von Rembrandts Werken tritt all dies völlig in den Hintergrund — so sehr wird man von dem inneren Gehalt, von dem rein Menschlichen, der Seele und Tide seiner Darstellung ergriffen. So entstand in mir, hervorgerufen durch die unmittelbaren Impressionen, die Erkenntnis des Zusammenhanges der beiden Elemente; Rembrandt und Judentum (was für manchen befremdend klingen kann), und ich verfaßte ein populäres kleines Buch, das unter dem Titel ״Rembrandt und das Judentum in seinen Werken" (mit reichen Illustrationen, zur Unterstützung meiner Ausführungen) in Berlin im Jahre 1923 im Verlag ״ibneh“ in hebräischer Sprache (übersetzt aus dem Russischen) erschienen ist ,»Ein Mensch wie ich flieht nicht!** Zu einem Holzschnitt von Joseph Budko. Mir liegt die neueste Arbeit von Joseph Budko vor. Ein Holzschnitt von einer Kraft und Eindringlichkeit daß wir, ein selten gewordenes Erlebnis, gebannt werden, gezwungen, dem Tiefen dieses Kunstwerkes nachzugellen. Was zwingt uns? Zunächst ist hier eine künstlerische Reife, die Material und Idee souverän vereint. Aus dem schwarzen Nichts erstrahlt weiß und streng der Kopf eines jungen Arbeiterjuden, er überragt um Haupteslänge den ehrwürdigen Kopi des langbärtigen Alten. Beide stützen sich auf einen StaD, der Alte gebückt und schwer sjch auflehnend, der Junge umfaßt ihn leicht und frei — Kraft in sich selbst genug. ."לא יברח היש כמוני* — Ein Maisch wie ich flicht nicht!" Dies steht, sich in Rhythmus einfügend, über dem Haupt de» jungen Juden. Wer Budko als Mensch und Künstler kennt, weiß, wie die Zeit beschaffen gewesen sein muß, die diesen Holzschnitt als Abschluß brachte; Der unbefangenste Beschauer ahnt es. Ahnt tiefstes Erschrecken, bitterste Trauer, ruhelose Erwartung, heiligen Zorn — dies altes, als aus Erez- Israel die Nachrichten von den ersten Kämpfen kamen. Man ahnt: Wochen tiefer Niedergeschlagenheit — ״man mordet Euch, meine Brüder" — die hoffnungsvolle Arbeit bester Jugend- und Mannesjahre schien dem Untergang prci$״c״eben. Man ahnt langsame Erhebung und Zuversicht, weil ja unsere Jugend unser Werk trotz altem nicht im Stich lassen kann und wird. Weil Lebensarbeit Tausender kraft der Auslese vieler Generationen dort schaffte, litt, siegte, — ״Ein Mensch wie ich flieht nicht." Dies altes ist in dem neuesten Werk Joseph Budkas zu lesen; Geschichte des Judentums gibt in einfachster Sprache dieser _ Holzschnitt Das Alter, sich stützend auf Lehre und Tradition, nie die Hoffnung auf gebend, nach langer Wanderung das Ziel zu erreichen. Die Jugend, schaffend aus eigener Kraft, genährt von dunklen Strömungen des Blutes der Vorfahren, das weiter wirkt. Wohl faßt auch der junge Arbeiterjude den Stab, aber er kann auch ohne ihn gehen. Für ihn ist er nicht mehr Wanderstab, ihm dient er zur Wehr. Man spürt die Kraft, den Mut, die Zuversicht Dieses Werk Joseph Rudkos ist der Ausdruck unseres Wollens, _ unserer Hoffnung. Es zeigt den Weg, der uns helfen wird: ״Ein Mensch wie ich flieht nicht!“ Dr. Karl Schwarz.