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Jüdische Rundschau · 1930-02-28 · Heft 17 (28.2.1930) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 17 (28.2.1930)
Date
1930-02-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 112 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 17, 28. II. 1930 Proklamierung eines Verdienstes, das wir bisher noch nicht reklamiert haben, ist eine neue und tiefe Wendung der Sache. Aber der Aggressionstrieb selbst als Urgrund des Antisemitismus, der nur immer in den verschiedenen Zeiten verschiedene Formen annimmt, so daß die Frage, ob er letzten Endes religiösen oder sonstigen Ursprungs sei, überhaupt hinfällig wird, ist für uns, wenn auch unter anderen und wechselnden Namen, von jeher jene Erkenntnis gewesen, die uns an allen wohlwollenden Aufklärungsversuchen verzweifeln ließ. Wir können eben deshalb Vater und Sohn Coudenhove nicht so bereitwillig folgen, wie wir es aus Syrapathie für ihre tief humane Gesinnung gern möchten. Wir sehen im Antisemitismus nicht ein in der Kindheit erworbenes Vorurteil, das bei ein bißchen Vernunft in der Erziehung gut aus der Welt geschafft werden könnte, sondern wir sehen in ihm einen tief mit der menschlichen Natur verbundenen Instinkt, der wahrscheiiiich überhaupt nicht zu beseitigen ist, der aber praldisch durch Aenderung politischer Bedingungen außer Funktion gesetzt werden kann. Vor allem aber — und das haben weder Vater noch Sohn berücksichtigt — betrachten wir ans nicht als Obje&t der antisemitischen Bewegung, das mit deren Verschwinden auch selber zu verschwinden hat. Daß wir eine Gemeinschaft mit eigenem Lebenswillen darstellen, der m sein und frei sich zu entfalten begehrt, ist beiden Autoren gleichmäßig entgangen, obwohl sie in ihrer Stelluagnahme zum Zionismus voneinander abweichen. Währead der Vater ihn noch bejaht, hält der Sohn ihn für eine doppelte Gefahr: für die Assimilierung des Westjudestnma nämlich wie für die von ihm angestrebte internationale Verständigung. Wir begegnen hier also demsclben Gedarikengang wie bei unseren liberalen Apologeten: Coudenhote weist dem Judentum, dessen Träger er mögliehst assimiliert und in die Völker aufgegangen wünscht, gleichzeitig die erhabene Mission der Friedensmittlung zu. Er übersieht vollkommen, daß sein Idealjude, der hundertprozentig Assimilierte, wirklich hundertprozentig assimiiiert ist, d. h. jeweilig das Schlimmste und Dümmste an Naitonalismus seines Wirtsvolkes mit viel Geschrei und Begeisterung mitmacht. Ein Judentum aber, das in der Schaffung eines neuen Weltgewissens vorangehen soll, muß ein lebendiges Judentum sein, das von einer jüdisehen Idee getragen wird, bis zu einem gewissen Grade also immer ein Sonderkörper mit eigenen Zielen sein muß. Wie verfehlt die Ablehnung des Zionismus und die gleichzeitige Zuweisung einer Mission an das Judentum ist, ergibt sich halb komisch aus seiner Stellung zur Jewish Agency, die er als Versuch einer Organisierung des Welt- Judentums begrüßt und die er gleichzeitig warnt, der nationalistischen und territorialen Versuchung zu erliegen. Weiß Coadenhove nicht, daß dieser von ihm gepriesene Zusammenschluß überhaupt nur auf der Grundlage jener Idee möglich war, die er die nationalistische und territoriale Versuchung nennt? Wir unsererseits glauben, gerade als Zionisten Coudenhoves Weg zu gehen; wir glauben, daß wir uns als Nation an den übernationalen Verständigungsversuchen wirksamer beteiligen können als in der Vereinzelung, daß wir in diesem Zustande immer Erreger des Antisemitismus und Parteigänger aller Nationen aller Länder bleiben müssen. Gustav Krojankcr. Konferenz der arabischen Opposition Jerusalem, 23. Februar. (J.T.A.) Die soeben in Nazareth bei Anwesenheit von 70 Delegierten abgehaltene Konferenz der arabischen Opposition in Palästina sandte ein Telegratnm an das Londoner Kolonialamt, des Inhalts, daß die nach London sich begebende palästinensisch-arabische Delegation nicht berechtigt sei, für alle Araber Palästinas zu sprechen. Mehrere einflußreiche arabische Notabein aus A k k 0 haben an die arabische Exekutive appelliert, sofort eine außerordentliche Konferenz einzuberufen, die dar- Uber befinden soll, ob es notwendig sei, überhaupt eine Delegation nach London zu entsenden. Die Konferenz solle in Jaffa unter dem Vorsitz von Omar Effent’i Bitar stattfinden. Die arabische Exekutive hat in Akko 70 Notabein zu einer Konferenz eingeladen, In der über die Aufbringung des Reisef o n d s für die London-Delegation beraten werden sollte. Es erschienen bloß 30 Notabein, die die Zusammensetzung und Entsendung einer Delegation kritisierten und jede Beitragsleistung verweigerten. Der Nazareth-Korrespondent der arabischen Zeitung ״El Ikdam“ teilt mit, daß die in Nazareth tagende Konferenz der arabischen oppositionellen Gruppen sich wahrscheinlich entschließen wird, eine Gegen-Delegation nach London zu entsenden. Diese Gegen-Delegation soll die Forderung nach völliger Unabhängigkeit Palästinas innerhalb einer pan-arabischen Staatenföderation vertreten. Ais Antwort auf die Erklärung von Sir Martin C o n ־ way, der die Kompetenz der für London gewählten arabisehen Delegation, 1m Namen aller Araber Palästinas zu sprechen, angezw eifeit hat, erklärt das Mitglied der arabischen Delegation Dschemal Hussein! in einer Zuschrift an den ״Manchester Guardian", daß auf dem im Juni 1927 in Jerusalem abgehaltenen arabischen Kongreß alle arabischen Parteien vertreten waren, und daß demgemäß die von diesem Kongreß gewählte Exekutive das gesamte Arabertum Palästinas repräsentiert. Wirtschalfspolitischc Forderungen der Araber Die Arabische Exekutive hat dem High Commissioner ein Memorandum überreicht, in dem gefordert wird, die 1 a n d wirtschaftlichen Produkte Palästinas durch Schutzzölle vor ausländischen Erzeugnissen zu schützen. Das Memorandum behandelt nur die wichtigsten Erzeugnisse der arabischen Landwirtschaft, Oel und Getreide, und begründet die Forderung auf Schutzzölle mit der schlechten Lage des Fellachen, dessen Wirtschaft von der billigen ausländischen Konkurrenz immer mehr bedroht werde. Die Arabische Exekutive verlangt deshalb ein sofortiges Verbot der Einfuhr ausländischen Getreides, Mehl ■ ad OeL Zionlfflfdie Jaäend1ui1rerlatlan0 am 9. Hirz in Berlin in den Räumen des K. J.V., Charlottenburg, Bleibtreustr.50 Programm: Sonnabend, den 8, März, abends 9 Uhr, im K. J. V. Vorkonferenz Tagesordnung: Besprechung der organlaatoriscben Vorschläge Sonntag, den 9, März, Beginn der Tagung: 9H Uhr. Vormittags: 1. Referat: Das deutsche Judentum. Referenten: Dr. Georg Lubinski, Dr. J. Leibowitz-Köln. Aussprache. Nachmittags: 2. Referat! Chaluziuth alz Erziehungsaufgabe der zionistischen lugend in Deutschland. Referenten: Dr. Hans Kaufmann, Wolfgang Orbach, Helmuth Bers, Liebenstein. Aussprache. 3. Aussprache über organisatorische Fragen. Sonntagabend: Zusammensein im Hause des Herrn Blumenleid Anmeldungen für die Tagung und Quartierbestelia egen sind an die 4. V.f. D., Berlin W15, Meinekestr. 10, zu richten Die Reorganisation der Palästina-Polizei Der zur Reorganisation der palästinensischen Polizeikräfte in Palästina weilende Generalinspektor Dowbiggin hatte am 14. Februar in Nahaial eine Zusammenkunft mit Vertretern der jüdischen Siedlungen. An dem Treffen beteiligten sich auch der Chef der palästinensischen Polizei und andere hohe Polizeioffiziere sowie Colonel Kisch und Mitglieder des Waad Leumi. In der Aussprache wurden die Fragen des Sicherheitsdienstes in den jüdischen Siedlungen eingehend besprochen und verschiedene Vorschläge zur Besserung unterbreitet. (Ziko.) Jerusalem, 23. Februar. (J. T. A.) Wie die J. T. A. erfährt, haben die autoritativen jüdischen Stellen Palästinas beschlossen, dem Reorganisator der palästinensischen Polizei, Dowbiggin, die Forderung zu unterbreiten, daß Juden künftighin 30 0/0 der palästinensischen Polizeimacht bilden sollen und daß die jüdischen Polizisten zu einem besonderen Kader vereinigt werden sollen, der unter dem Befehl jüdischer Offiziere stehen und dessen Instruktions- und Befehlsspräche hebräisch sein soll. — Unter den Rekruten der demnächst wieder zu eröffnenden Polizeiausbildungsschule sind keine Juden, dafür aber einige hundert junge Araber. # Der ״Haarez"־Redakteur Gliekson schreibt in seiner Zeitung, man könne sich nicht damit begnügen, daß eine richtige Proportion zwischen jüdischen und nichtiüdischen Mitgliedern in der Polizeimacht hergesteilt wird, sondern man müsse verlangen, daß alle jene verbrecherischen Elemente, die der Ab- Schlachtung von 26 Juden in Jerusalem, 70 Juden in Hebron und 20 Juden in Sated passiv ztisaheti, unbarmherzig at» der Polizei entfernt werden. Die Käufe der katholischen Kirche Plan einer Ansiedlung von Armeniern. London, 25. Februar. (J. T. A.) Ormsby-Oore, der frühere Unterstaatssekretär für die Kolonien, richtete im Unterhaus an den gegenwärtigen Unterstaatssekretär Dr. Shiels die Frage, ob er Informationen habe bezüglich eines geplanten Ankaufs von 9000 Dunam Boden in Palästina zum Zwecke der Begründung einer Kolonie von Armeniern, die gegenwärtig in Französisch-Syrien leben; ob diese Transaktion unter der Kontrolle der Palästina-Regierung stehe; ob der Plan von der Flücht'ingskommission des Völkerbundes unterstützt werde und ob die Begründung einer solchen Kolonie in Paläs'ina mit den Artikeln des Palästina-Mandates vereinbar-!ich sei. Dr. Shiels erwiderte: Der Kolonieminister habe keinerlei Information über einen geplanten Bodenkauf für eine Armeniersied'ung; in Ermangelung von Eintelheilen ist es schwierig, eine Mitteilung zu geben, wie weit eine solche Transaktion unter der Kontrolle der Palästina-Regierung stehen würde; aus dem gleichen Grunde ist er nicht in der Lage, auf den letzten Teil der Frage eine Antwort zu erteilen. (Es handelt sich um die Käufe des lateinischen Patria r c 11 e n, was in der Anfrage — aus irgendwelchen Gründen — nicht klar zum Ausdruck kommt — A. d. Red.) Die Keren Hafessod-Eingänge Im Januar 1930 Die Eingänge beim Hauptbüro des Keren Hajessod betrugen während des Monates Januar 1930 Pfund 21 388. Im Einzelnen verteilen sich die Einnahmen auf folgende Länder: Tschechoslowakei Pfund 4,350.18.8; Rumänien 2,667.14.11; Deutschland 2,334.19.6; Polen 2,247.18.1; Südafrika 2,040.0.0; Italien 1,631.17.3; Jugoslawien 1,440.0.0; Holland 9S9.0.5; Portugal 688.2.6; Frankreich 621.2.0; Palästina 451.14.11; Ueberweisungen aus verschiedenen Ländern 1,924.10.5. Die Gesamteinnahmen des Hauntbüros des Keren Hajessod betragen bis zum 31. Januar 1930 PS 4,045,704.5.-2. 1.1. Goldberg 79 Jahre all I. L. Goldberg feierte in Tel-Awiw seinen 70. Geburtstag. Die hebräische Presse hat zu Ehren des Jubilars Sonderbeflagen herausgebracht, in denen dem Jubilar von führenden Persönlichkeiten des Jischuw Glückwünsche dargebracht werden. Goldberg gehört zu den ersten Pionieren des Zionismus. Er war unter schwierigsten Verhältnissen im zaristischen Rußland als zionistischer Führer tätig und hat in jahrelanger stiller Arbeit, insbesondere durch allerlei eigene Wirtschaftliehe Gründungen (z. B. der bekannte ״Pardeß Goldberg‘‘ bei Tel-Awiw, eine der ältesten, größten und schönsten jüdischen Orangenplantagen, ferner die Kolonie Artuf, Beteiligung an mehreren Industrieunternehmungen wie ״Silicat“ usw.) den Aufbau des Jüdischen Nationalheims gefördert. Auch an einer Reihe von zionistischen Institutionen wie PLDC. usw. nahm Goldberg hervorragenden Anteil. Heute lebt Goldberg in Palästina. Die ganze zionistische Welt, auch die deutscheil Zionisten, beglückwünschen diesen alten Weg- und Gesinnungsgenossen zu weiterer fruchtbaren Arbeit für Volk und Land. Schmarja Levins Memoiren Die Krise des modernen Judentums ist dadurch entstanden, daß die Sonderexistenz, die das jüdische Volk sich In der Diaspora aufgebaut hatte, im 19. Jahrhundert ins Wanken geriet. Die große Periode des jüdischen Mittelalters wurde abgeschlossen durch die Sprengung der das jüdische Leben inmitten einer fremden weit umgebenden unüberstelgllchcn Mauern, die plötzlich durch den Ansturm von außen und von innen erschüttert wurden, in Westeuropa bereits zu Anfang des 19. Jahrhunderts, ln Osteuropa, dem eigentlichen Zentrum jüdischen Massenlebens, zu Ende des 19. Jahrhunderts. Di westeuropäische Emanzipation brachte an negativen Ersehe:- nungen die Assimilation in all ihren Stufen und Abarten, an positiven Lebensregungen nur die schwächlichen Versuche eines Ausgleichs mit dem modernen Leben in der Neu-Orthodoxie und der religiösen Reform. Erst die Erschütterung des osteuropäischen Judentums leitete die Epoche des großen jüdischen Gestaltwandels ein, in der wir noch heute stehen. Ais ein Produkt, vielleicht das wichtigste, dieser neuen Epoche ist der Zionismus zu verstehen, dessen geschichtliche Funktion es ist, das Judentum aus einer Lebensform, die vor einem halben Jahrhundert endgültig zu zerbröckeln begonnen hat, in« eine neue Lebensform überzuführen. Wir stehen mitten drin in diesem Prozeß und es liegt nahe, daß er sich leibhaftig verkörpert in dem Leben bestimmter Menschen, die selbst alle Phasen dieser Entwicklung des letzte״ halben Jahrhunderts persönlich durchgemacht haben. Die jün• gere Generation, die diese Wurzeln nicht mehr aus eigener Anschauung kennt, und das westliche Judentum überhaupt, das niemals das Wesen dieser umwälzenden Vorgänge voll erfaßt hat, sind darauf angewiesen, am dem Leben solcher Vollblutjuden, die für ihr Volk repräsentativ sind,, zu lernen. Es gibt daher für uns kaum ein köstlicheres Gut als die Erinnerungen dieser Menschen, die ihr eigenes Leben bis in die Tieren erlebt und ausgekostet haben und in deren Bewußtsein sich die unterirdische Geschichte des jüdischen Volkes dieser kritisehen Periode abspiegelt Wir müssen einem Manne danken, wenn er, auf der Hohe seines Lebens und seiner unermüdliehen Arbeit für die Wiedergeburt des eigenen Volkes, den Reichtum solcher Erinnerungen vor uns ausbreitet Dieser Dank gebührt heute Sehmaria Levin, der damit bcgönnen hat, ein großes, auf mehrere Bände berechnetes autobiographschcs Werk zu veröffentlichen. Schmarja Levins Memoiren erscheinen bereits seit längerer Zeit in jiddischer Sprache in der großen amerikanischen Tageszeitung ״Forward" und werden wohl auch in jiddischer Buchausgabe herauskommen. Uns liegt heute vor der erste Band der englischen Ausgabe, übersetzt von Maurice Samuel ״Childhood in Exile“ (New York, Harcourt, Brace & Co. $ 3.50). Es liegt im Wesen der Sache, daß in englischer Sprache nicht alle Feinheiten des jiddischen Nuancenreichtums wiedergegeben werden können; davon abgesehen jedoch muß anerkannt werden, daß der Uebersetzer seine schwierige Aufgabe vortrefflich gelöst hat Es ist be- - Generation Amerikas und anderer englisch sprechender Länder zugänglich gemacht wurde und daß auch der nichtjüdischc Leser auf diese Weise Einblick bekommt in eine Welt, die für ihn viel Unverständliches und Rätselhaftes hatte. Mau würde nur wünschen, daß auch eine deutsche Ausgabe bald folgt. Diese Welt tritt uns in Schmarjas Darstellung in aller Unmittelbarkeit entgegen. Unberührt vom Strom der Zeit steht das Ghettojudentum wie ein Felsblock da, vö'lig abf" ־'" ־־*׳ ‘ ־•־־־'־־ "־־־ '־־”־־ יי י rührung mit der Außenwelt ist eine reift zufällige, ohne tiefere Wirkungen, ein Stück Naturgesetzlichkeit, das ebenso wenig in den Bereich des geistigen Oeschehens eindringt wie irgendwelche anderen rein physischen oder naturhaften Vorgänge. Die wirkliche Welt ist begrenzt von der Linie des Honzonts, der das Judentum abhebt von der Fremde. Hier entfaltet sich das Leben des Gemüts und des Geistes, hier ist Gemeinschaft, Liebe und Weisheit, Lernen und Streit, Eifersucht und Ehrgeiz beschlossen. Der ganze Doppelcharakter dieses Lebens tritt uns aus den Schilderungen dieser Jugend in der kleinen russischen Judenstadt entgegen: auf der einen Seite die Innigkeit und der sanfte Glanz des frommen Familienlebens, auf der andern Seite die Enge, Beschränktheit und Einseitigkeit des Ghetto. Der vorliegende erste Band enthält die ersten zehn Lebensjahre des Autors. Er schildert die typische Kindheit im Elternhause und im Cheder, das Schwanken der kindlichen Seele zwischen der natürlichen Sehnsucht nach Leben, Natur, kindlichen Freuden, und den ersten Regungen des geistigen Ehrgeizes, den Gehversuchen auf den Gefilden des Lernens. Der grausame Riß, der durch diese Gegensätze charakterisiert ist, oft eine richtige Tragödie für die Kinderseele, wird in der Erzählung des Verfassers versöhnend überbrückt durch den ihm eigenen überlegenen und liebevollen Humor, der das ganze Buch durchzieht. Wir lernen hier die typischen Gestalten des Ghetto kennen, wundervolle Frauenfiguren, die in stiller Bescheidenheit Gutes tun und den mütterlichen Beruf der Hilfe für den Nebenmenschen, ob Jud oder Christ, erfüllen, den beschränkten und grausamen Melamed, der mit der Peitsche in der Hand den jüdischen Kindern unverstandenes Wissen eintrichtert, den von der Aufklärung bereits angekränkelten Studenten, Batlonim und Arme, würdige Familienväter und fromme Schwärmer. Diese Figuren, die uns aus den Werken der großen jiddischen Dichter bekannt sind, treten hier in der realistischen Schilderung eines wirklichen Lebens vor uns hin. Die übermächtige Wirkung der biblischen Vorstellungswelt auf die Kinder, die Macht und der Reiz der Feste, die ihre geheimnisvollen Schatten lange vorauswerfen, die Verehrung für Bildung und das Streben nach eigenen schriftstellerischen Lorbeeren — dies alles füllt die Seele dieser Kinder aus. Besonders charakteristisch ist die Schilderung des Krieges von 1877/78 in dem kleinen jiddischen Städtchen Swislowitz, wo sich unter den Kindern Parteien bilden; während die meisten von russischem Patriotismus erfaßt wird, gibt es doch auch eine Minderheit, die für die Türken als — nach Meinung der Kinder — Nachkommen Ismaels Partei nimmt Alle Vorgänge vom Kriegsschauplatz werden mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und kommentiert. Levins Buch ist aber keineswegs nur eine Milieu-Schilderang; wir sehen die Anfänge eines Menschenschicksals, eines Charakters sich bilden und der Leser bleibt im Banne dieses Menschen, dessen Wesen aus volkstümlichen Elementen seine individuelle Note aufbaut Schon sind die ersten Einflüsse weltlicher Bildung, die ersten Eindrücke der Haskala bei ihm festzustellen. Mapu’s ״Ahavath Zion“ führt eine k’eine Umwälzung in seinem Leben und Denken herbei. Er beginnt sich bereits vor der Barmizwah innerlich von den Autoritäten seiner Jugend etwas zu emanzipieren. _ Schon sind fast unmerklich die Anfänge einer neuen Entwicklung vorhanden, die auf ein neues Judentum hinweisen. Ein Mann, der so mit allen Nährsäften des alten, Jahrhunderte bestehenden Judentums durchtränkt ist, konnte einer der Schöpfer und Führer des neuen Judentums werden. Wir warten auf die weiteren Bande dieser Selbstbiographie, die uns mit den weiteren Stadien auf dem Lebensweg Schmarja Levins bekannt machen und eine entscheidende Epoche der jüdischen Geschichte, unserer jüngsten Geschichte, näherbringen werden, R. W.

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