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Jüdische Rundschau · 1930-02-21 · Heft 15 (21.2.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 15 (21.2.1930)
Date
1930-02-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 15» 21. H. 1930 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 101 Aus der Jüdischen Geschichte der letzten drei Jahrhunderte ״Historische Schriften“. Herausgegeben vom Jiddischen wissenschaftlichen Institut. Verlag Kultur-Liga (Warschau). Von Sch. Oorelik. I. Unter der Redaktion von Sch. Tscherikowcr ist die neueste und umfangreichste Publikation des Jiddischen wissen- ,diaftüchcn Instituts unter dem Titel ״Historische Schriften“ unlängst erschienen. Dieser fünfte Band (die ersten vier Bände waren der Erforschung jiddischer Philologie, jüdischer Oekonomik und Statistik gewidmet) besteht aus einer großen Anzahl von Beiträgen, längeren wissenschaftlichen Arbeiten, über ver-;chiedene Perioden jüdischer Geschichte aus den letzten drei Jahrhunderten. Neben der jüdischen Oeffentlichkcit längst bekannten und bewährten Namen meldet sich eine Reihe junger Gelehrter und historischer Publizisten zum Wort, die sich mit großem Eifer und staunenswerter Betriebsamkeit auf verschiedenen Forschungsgebieten jüdischer Kultur und jüdischen Lebens betätigen. Eine wahre Forschungswut erfaßte diese jungen Privat-Gelehrten, diese Amateure der Wissenschaft, die sich verblüffend rasch die ganze Technik und den Habitus der Gelehrsamkeit aneigneten. In den Bibliotheken der Weltzentren sitzen sie mit furchtbar ernsten Gesichtern über dicke Folianten gebeugt, stöbern alte Manuskripte auf und scheuen sich nicht, viele Jahrgänge alter Zeitschriften durchzustudieren, utn irgendeiner Autorität einige unwesentliche Irrtümer nachzuweisen. Diese jungen Gelehrten sind außerdem zum goßen Teil jiddischistische Fanatiker, die eine jiddische Wissenschaft schaffen und ihren Theorien einen wissenschaftlichen Unterbau geben wollen. Bei dem vorliegenden Band der Historischen Schriften handelt es sich aber, wie gesagt, darum, jüdische Geschichte aus einem Zeitabschnitt von drei Jahrhunderten, historische Figuren und schicksalsschwere Ereignisse zu betrachten und zu beleuchten. Alles einer Untersuchung zu unterziehen, was dieser Band historischer Schriften enthält, der 800 Seiten umfaßt, ist kaum möglich und auch wohl nicht nötig. Nur einige charakteristische Momente sollen Berücksichtigung finden und besprochen werden. * Als Erstes bringen die Historischen Schriften einen Essay jus dem Nachlaß des jüdischen Gelehrten Dr. Israelsohn über den Chronisten Nathan Hannover, der im 17. Jahrhundert lebte, und Zeuge der gewaltigen Chmelnitzki-Metzeieien war, die die ukrainische Judenheit im Jahre 1648 erlitt, und die später all jene mystischen und messianischen Bewegungen auslösten, in welchen die jüdischen Massen ihre gepeinigte und erschütterte Seele aufzurichten versuchten. ״Jewen Mezuiah“ — Der tiefe Sumpf — heißt jene Chronik, die von allen anderen Werken Nathan Hannovers am berühmtesten und vom bleibenden Wert ist, weil sic das große nationale Unglück, Gserath Tach genannt, zum Stoff hat. Viel Neues und Wesentliches aus dem Leben und Wirken Nathan Hannovers bringt der Essay Israelsohns zwar nicht zutage, aber er ruft die äußerst anmutige und rührende Gestalt des Chronisten wieder wach und zeichnet vor uns das Bild seines bewegten Lebens, das ein Leben auf der Flucht war. Die Judenverfolgungen waren schlecht organisiert; sie waren vor allem nicht einheitlich organisiert, und das kam dem jüdischen Volk sehr zugute. Vertrieb man die deutschen Juden aus Hannover, so geschah es glücklicherweise just zu der Zeit, wo die Juden der Ukraina sich besonders guter Lebensbedingungen erfreuten. Nathan Hannover gehörte zu solch einer Emigranten-Fiimife d|e aus, der. St*# jligifwef^flüebtete 0$, sich Itt Osirög (Wolhynien) niederließ. In äeinef gedrängten Klageschrift ״Tewen Mezulah“ die nicht nur von seiner Schriftstellerischen Begabung, sondern auch von seinem Weitblick, von seiner Fähigkeit, sich in den tiefen Ursachen tragischer Ereignisse zureentzufinden zeugt, erzählt Nathan Hannover, zu welchen Blütestätten nicht nur des Wohlstandes, sondern auch der Thorah jene jüdischen Gemeinden in der Ukraina wurden. Die knappen Bilder der guten Jahre sind nur dazu da, u1n desto eindrucksvoller das Jahr der grauenhaften Katastrophe m schildern. Daß sein eigener Vater unter den umgekommenen Juden in Ostrog war, erwähnt er nur nebenbei. Kein Wort aber über die eigenen bitteren Erlebnisse, auch nichts darüber, auf welche Weise er und seine Familie sich retteten. Die Chronisten von damals, die größtenteils anonym auftraten, sprachen immer nur über das Unglück des Volkes, über die Leiden der Gesamtheit, verschwiegen aber in frommer Bescheidenheit ihre eigenen Leiden. Nach jenem grauenvollen Jahr beginnt das Wanderleben Nathan Hannovers. Wir sehen ihn als Prediger, Gelehrten (er beherrschte Deutsch, Lateinisch, Italienisch und Polnisch und verfaßte ein viersprachiges Wörterbuch), Einsiedler, Kabbalisten und Rabbiner in aller Herren Länder auftauchen. Seine erste Station ist Deutschland, wo er sich mit Predigten durchschlägt. Bald treffen wir ihn in Holland, in Amsterdam. Wir wissen nur, daß er in Amsterdam eines seiner Bücher gedruckt hat. Aber bei all seiner Zurückgezogenheit und Bescheidenheit, ist er sicher, daß in der Judengasse in Amsterdam erschrockene Gesichter diesen Zeugen tragischster Begebenheiten umringten und andachtsvoll, gequälten Gemütes seinen Er- Zahlungen lauschten. Hat nicht vielleicht Rembrandt bei einem seiner vielen Spaziergänge durch die Judengasse die lejdensvollen Züge dieses Fremdlings in seinem Künstlerheft festgehalten? Jedenfalls befindet sich Nathan Hannover in Amsterdam zu der Zeit, als die dortige Judenheit im scharfen Kampf mit Baruch Spinoza stand, und das, was ihr der ukrainische Flüchtling erzählte, war gewiß nicht dazu angetan, sie gegen Spinoza duldsamer zu stimmen. In Amsterdam hielt es Nathan Hannover nicht lange aus; es zog ihn nach Italien. Das damalige Italien erfreute sich eines Zustromes großer Kabbalisten; überhaupt blüten dort zu jener Zeit jüdische Gemeinden. Es gaben sich dort Kabbalisten ein Stelldichein. Chajim Hakohen aus Aleppo, Nathan Schapiro aus Jerusalem, Moses Zakuto, Benjamin Halevi, das ist der Kreis, der Nathan Hannover in die Geheimnisse und Mysterien der Kabbala einweihte. In Venedig druckte er seine Chronik ״Jewen Mezulah“. Ein paar Jahre lebte er dort in friedlicher Zurückgezogenheit in der Synagoge, die ein venezianischer Arzt errichtet hatte. Später bekleidete er ein Rabbineramt in Livorno, und nach ein paar Jahren verschleppte ihn sein Schicksal nach der halbwilden Moldawai, wo er das Amt eines Rabbiners zuerst in Jassy und. dann in Fokschanv inne hatte. Man vergegenwärtige sich die Verkehrs- Verhältnisse jener Zeit, die Gefahren während einer solchen Reise, denen besonders Juden ausgesetzt waren, und man muß staunen über den Drang, den Lebenswillen und die Energie, die dieser Mensch au;weist. Aber war nicht diese Rastlosigkeif, dieser ständige Ortswechsel ein Eilen dem vorgezeichneten Schicksal entgegen? Nathan Hannover war ein Marthyrerende bestimmt. Der Chronist des Mordzuges der Chmelnitzki- Banden, dessen Vater den Märthyrertoa erduldete, fällt selbst als Opfer einer Judenmetzelei in Ungarisch-Brod. Aus seiner Dokumenten- und Materialien-Sammlung stellte Dubnow der Redaktion der Historischen Schriften die Volks- Chronik ״Masse-Gedolah min Uman umin Ukraina“, die über den zweiten Kosaken-Auf stand im Jahre 1738 berichtet, zur Verfügung und versah sie mit einer Einleitung. Diese in jiddischer Sprache verfaßte Chronik, von der es drei Varianten gibt, war längst verschollen und erblickt nun wieder das Liebt der Welt. Der zweite Kosaken-Aufstand, welchem an Zahl viel weniger Juden und jüdische Gemeinden zum Opfer fielen, als wwährena der Chmelnitzki-Metzeieien, aber deren Grausamketten nicht geringer waren, hat seltsamerweise nur den anonymen Chronisten, den Jiddischisten des 18. Jahrhunderts so- Zusagen, zum Gewährsmann. Während die Chmelnitzki-Greuel außer in ״Jewen Mezulah“ noch in einer Reihe anderer hebräisehen Chroniken wie auch in verschiedenen Gebeten, Pijutim, für spätere Generationen festgehalten worden sind, besitzen wir über den Gonto-Aufstand nur jene erschütternden acht Seiten, in welcher ein einfacher Volksmann, ein der Schrift nur wenig Kundiger, es versuchte, der jüdischen Welt darüber zu berichten, was er sah und was die Juden in der Ukraina erlebten. Und welch seltsamen Weg machten die acht Seiten blutiger Chronik bis sie an die Oeffentlichkeit gelangten. Sie erschienen nicht als selbständige Druckschrift, sondern als ein Anhängsel zu einem Büchlein ״Sefer Geroloth“ (gedruckt in der deutschen Stadt Fürth im Jahre 1783, 15 Jahre nach dem Kosaken-Aufstand). Der anonyme Chronist, wahrscheinlich als Flüchtling nach Fürth verschlagen, suchte seine Chronik in dieser bescheidenen Weise als jiddische Beilage zu einem hebräischen Werk, das ganz andere Gegenstände behandelte, zu verbreiten. Er hat gar klug und weise gehandelt. Seine tragische Botschaft ging nicht verloren und erreichte die iüdisehen Massen. Nicht ״Sefer Geroloth“ sondern die Beilage, die ״Masse Gedolah“, gewinnt die Macht über die jüdischen Herzen. Außer dieser ersten Fürther Variante sind noch zwei andere, die sogenannten ״Sudilkower“ (1831) und ״Wilnaer“ (1845) vorhanden, die in einem mehr verständlicherem Jiddisch gehalten sind. Alle drei Varianten sind aber nicht aufzutreibende bibliographische Seltenheiten und für den heutigen jiddischen Leser erscheinen sie zum erstenmal. Die erste, die Fürther Variante, das Originalwerk des anonymen Chronisten, ist die fesselndste. In einer unbeholfenen Sprache, mit einem winzigen Vorrat von Ausdrücken, bemüht sich der erschütterte Volksmann, alle Hauptmomente der Gonto-Metzeleien, die?Toße Zahl der Opfer, die Heldenhaftigkeit der überfallenen uden zu schildern. * Man muß beim Lesen der Historischen Schriften lange, lange durch das Tal des Jammers wandern, bis man an eine ruhigere Epoche, an eine Epoche, wie die Mendelssohnsche es war, anlangt. Von Dr. Chajim Borodjanski, einem jungen Mendelssohn-Forscher, finden wir eine Abhandlung über die yiddischen Briefe Mendelssohns, die er an seine raut, seine spätere Frau Frommet, an Verwandte, Freunde und Bekannte geschrieben hat. Die Zahl solcher jiddischer Briefe ist ziemlich groß, und es ist sehr erfreulich, daß in der Gesamtausgabe der Mendclssohnscben Werke, die die Berliner Akademie für die Wissenschaft des Judentums jetzt vorbereitet, der volle Text dieser Korrespondenz nunmehr erscheinen wird. Einen Begriff von der Bedeutung und der besonderen Eigenart dieser Korrespondenz vermittelt uns eine Reihe von Briefen an Napftali und Elkan Herz, die in den Historischen Schriften veröffentlicht sind. Sie zeigen uns den intimen Mendelssohn, sie zeigen ihn uns in den Momenten,, wo er sich als Jude voll auslebte. Daß Mendelssohn fromm war,, daß er starke Verbundenheit mit alter jüdischer Tradition und Lebensart fühlte, ist bekannt. Es genügt nur z. B. sich seiner Briefe an Thomas Abbt zu erinnern, die oft mit den Worten schließen: ״Jedoch der Sabbath geht an“ oder ״Leben Sie wohl, mein Freund, der Sabbat ist da“, um jene anmutige Stille, jene heitere etwas verklärte Geschäftigkeit zu fühlen, die in jedem frommen jüdischen Hause eine Stunde vor dem Sabbat benschte. Aber den Grad der Verbundenheit mit der alten jüdischen Welt zeigen uns erst seine'jiddischen Briefe. Mendels- .sollt» '«ttehetet-vor״unar-War' in» eta«tr ganz •*Bieren''öette.' Wenn er von rechts nach links schrieb und die wunderbaren Buchstaben auf die schönste kaligraphische Art ausführte, stand nicht Lessing an seiner Seite, sondern seine Ghetto- Brüder, seine Dessauer, Leipziger und Altonaer Juden, mit denen in Briefen sich zu unterhalten für ihn nicht eine Pflicht, sondern eine Wonne war. Der elegante Briefschreiber, der feine Stilist, als welchen wir Mendelssohn in seiner Korrespondenz mit Lessing, Sophie Becker, Thomas Abbt kennen, ist in den jiddischen Briefen nicht weniger ein Meister. Dieser Stil hatte weder die trockene, gleichgültige Kürze der heutigen Geschäftsbriefe noch die sorglose Geschwätzigkeit leerer Seelen. Es konnte sich um die Zurückerstattung geborgten Geldes, um eine auf der Leipziger Messe gekaufte Seidenpartie handeln, man vergaß nie dabei, etwas außerhalb des Geschäftlichen, etwas von der höheren anderen Welt zu erwähnen. So schrieben die Juden von ehedem ihre Briefe, so schrieb man sie noch in der Ukraina, in Litauen vor 30 Jahren und so schrieb auch Mendelssohn. Wo w*r der echte Mendelssohn? Hier bei den Dessauer und Hamburger Juden oder bei Lessing? Er war natürlich in beiden Momenten echt, aber bei Lessing sprach die Vernunft, in den hebräischen und jiddischen Briefen schwang jedoch die Seele, konnte man die Stimme von Generationen vernehmen. Auch aus dem Schnörkel, mit dem er seine Unterschrift zierte, entnehmen wir diese Stimme. Der Schnörkel! Hier läßt der Ghetto-Jude seine Phantasie spielen; hier fühlt er sich zur Expansion ermuntert, sprengt er die Grenze, befreit er sich von den Ketten. Trunkenheit, jauchzende Seele, tolle Verwegenheit, unbeschränkte Zuversicht, aber auch stolzes Sichzurückziehen, ein völliges Abschließen vor der Welt, alles lag in diesem Zickzack, in diesen schwungvollen Linien, in denen ein Jude von ehedem seinen Namen einhüllte. Betrachtet man das Faksimile solch eines jiddischen Briefes von Mendelssohn, so hat man gleich die Empfindung. Hier war der Dessauer mit seiner ganzen Seele, hier war er mit seinem Gemüt ganz zu Hause. Und noch etwas denkt man dabei: Einst waren alle Juden Ostjuden. In diesem Gedanken wird man besonders bestärkt, wenn man sich einer anderen Gruppe jiddischer Briefe, die in den Historischen Schriften veröffentlicht sind, zuwendet, nämlich den Briefen, die der Großvater Ferdinand Lass a i 1 e י s, Veitei Braun, an seinen Sohn Chajim (Lassalle’s Vater) schrieb, als dieser noch in Zülz (Schlesien) in einer Jeschiwah und später in Brieg lernte. Bekanntlich wurde zwischen dem Dokumentennachlaß Ferdinand Lassalles, den man erst 50 Jahre nach dessen Tod bei den Erben der Gräfin Hatzfeld entdeckt hat, auch ein Bündel vergilbter Briefe in jiddischer und hebräischer Sprache gefunden, die in einer besonderen Mappe sorgfältig aufbewahrt waren. Ferdinand Lassalle konnte den Inhalt dieser Briefe nicht verstehen, aber er hütete sie wie etwas sehr Kostbares, wie eine Reliquie. Sie sind auch kostbar, diese Briefe, sie bilden ein seelisches Dokument von seltener Innerlichkeit und gewähren einen Einblick in die jiddische Welt am Anfang des 19. Jahrhunderts. Briefe eines jüdischen Vaters vor 120 Jahren an seinen 10 jährigen Sohn, der in nicht weiter Ferne lebte, der in einer Jeschiwah lernte und gute Fähigkeiten aufwies. Von äußerster Zärtlichkeit sind diese Briefe, sorgen- und wehmutsvoll sind sie, wenn eine Nachricht längere Zeit ausbleibt, aber auch Vaterstolz atmen sie, Stolz wegen der Erbfolge im Gemorah-Lemen. In diesen Briefen werden Ratschläge erteilt aber auch empfangen, jawohl der Vater läßt sich von dem 10 jährigen Sohn auch beratschlagen, er weiht ihn in seine Sorgen, in seine Kümmernisse ein. Die berühmten ״Briefe an einen Sohn“ kommen mir fast wie kalte, langweilige Unterweisungen in der Kunst des Lebens vor, wenn ich fiese Briefe, die eia etwas geduckter, wenig erfolgreicher Jude aus dem Städtchen Loslau schrieb, lese. Der Großvater Ferdinand Lassalle’s war ein jüdischer Kaufmann, der in Wirklichkeit, wie alle Juden jener Zeit, nur das Geistige schätzte, ohne Rücksicht darauf, ob es für das reale Leben nützlich sei. ״Ich liebe zwar alle meine Kinder“ schreibt er. ״hauptsächlich aber bist Du meine einzige Hoffnung, daß ich von Dir Freudiges zu hören und sehen hoffe“. Und Freudiges bedeutet hier nur, daß er ihn auf dem Wege ein Raw zu werden, fortschreiten sieht Nur diese Hoffnung hält ihn aufrecht; er sagt es klar heraus. Wenn sie nicht wäre, das Leben wäre ihm verödet. Er schickt ihm die Gemoräh Keduschin. Ein Brief ist ganz hebräisch geschrieben. Das war §* . Raws zu bringen. Er teilt seine glückliche Rückkehr nach Hause mit und schreibt dann: ״Es fällt mir schwer, mich von Dir zu scheiden, Du weißt doch, daß meine ganze Hoffnung ist, jeden Tag zu hören und zu wissen, wie Du Dich befindest um so mehr als Gott Dir ein verständiges Herz gegeben hat, um Thora zu lernen. Darum Sohn meiner, gürte Deine Lenden wie ein Held. Erstens gottfürchtig sein, was wichtiger als Chochma ist, und hernach fleißig lernen. Das heißt nicht unbedingt, daß Du den ganzen Tag ohne Aufhören lernen sollst, sondern wenn Du lernst und übst, sollst Du Dich ganz der Sache hingeben und keine anderen Gedanken haben. Und sollst Dir nicht einreden lassen, daß Du schon alles weißt, und daß Du nicht mehr zu lernen brauchst. Der Rambam sagt schon: ״Du glaubst doch zu wissen und weißt garnichts.“ Er bittet ihn, hebräische Grammatik zu lernen, weil das heutzutage wichtig ist. Er bittet ihn abet auch in der Sprache des Volkes, also jiddisch, schreiben zu lernen, wie auch in fremden Sprachen. Nachdem die Dinge des Geistes und der Seele besprochen worden sind, wird an die Notwendigkeit erinnert, den Körper und die Kleider sauber zu halten. ״Sollst jeden Tag die Haare kämmen.“ Mahnungen über äußerste Sauberkeit und Reinlichkeit werden oft wieder* holt. Die Briefe enden immer: ״Diwre Owicho Hamispale! beadcho“ (Worte Deines Vaters, der für Dich betet). Dieser Veitel Braun war vom Schicksal nicht besonders verwöhnt. Er litt zwar keine Not, aber seine kaufmännischen Erfolge waren gering. Und außerdem war er in der Ehe wenig glücklich. Seine Frau verließ ihn oft. Nicht, daß sie zu einem anderen Mann ging, aber sie verließ ihn und fuhr nach Breslau zu ihren Eltern. In solchen bekümmerten Zeiten wurde der 10jährige Sohn Chaim (Heimann) zu einem Kameraden, vor dem man das Herz ausschütten kann, bei dem man Trost suchen kann und auch findet. Aus dem Jeschiwa-Bocher Chaim ist dennoch kein Raw geworden. Sein treubesorgter Vater ist zu früh gestorben, und er war gezwungen, andere Wege zu zwischen Liberalen und Orthodoxen tobte, sah man den gewesenen Talmud-Jünger Chaim, jetzt Heimann Lassalle und angesehener Seiijenhandler, auf der Seite der Liberalen. Sein Sohn war Ferdinand Lassalle. Lassalle wußte wahrscheinlich nicht viel vom alten Groß• vater Vettel Braun, die Briefe aber an den 10jährigen Chaim, seinen Vater, hütete er wie etwas Kostbares und Heiliges. Der Lassalle-Forscher und Herausgeber des Lassalleschen Nachlasses, Professor Gustav Meyer, hat zu dem Briefwechsel ein kleines Vorwort geschrieben. Eine Einleitung hat außerdem auch E. Tscherikower verfaßt. * Der Geschichte der Juden in Polen sind in den Historischen Schriften eine Reihe von Arbeiten gewidmet, wie z. B.: Dr. J. Br utzkus: ״Die ersten Nachrichten über Juden jin. Polen“; ,.Dr. J. Sehipper: ״Die Z«sammewetz11«g. dfe•■ Waad Arba Arozoth"; Dr. I. Ringelbaum: ״Zur Geseniebte der Juden in Warschau zu Ende des Mittelalters״; Dr. M. N. Gelber: ״Ausländische Reisende über polnische Juden im 18. Jahrhundert“ usw. Alle diese Arbeiten bieten beachtenswertes geschichtliches Material, die spätere Historiker beachten und verwenden werden. Im Rahmen dieser Betrachtung aber soll sie nur vollständigkeitshalber registriert werden. Eine Ausnahme müßte man eigentlich mit der sehr Interessanten Arbeit von Salman Rubaschow ״Jiddische Zeugenaussagen in der Responsen-Literatur von Anfang des 15. bis Ende des 17. Jahrhunderts“ machen. Hier wird überaus reichiicher Stoff für tiefe Einblicke in das Leben der Juden jener Zeit geliefert. Aber es hieße in das Tal des Jammers zurückzukehren. Da die Abhandlung Rubaschows nur einen Teil einer groß gedachten Arbeit aarstellt, so wird sich noch Gelegenheit bieten, aut das von ihm behandelte Thema zurückzukommen. Das 19. Jahrhundert, welches auch der jüdischen Geschichte ein anderes Aussehen gab, indem das ausschließliche Grau des Duldens und Leidens früherer Jahrhunderte mit Momenten des Kampfes für Recht und Freiheit abwechselten, ist in den ״Historischen Schriften“ nur durch zwei Arbeiten beachtet wor* den. Salomon Barkim ״Ucber die zweite Phase des Kampfes um die Emanzipation der Juden in England“ und E. Tscherik o w e r ״Ueber den Beginn der sozialistischen Bewegung in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts“, in welcher der originellen Figur Liebermanns, dem ersten hebräischen Sozialisten ein breiter Platz gewidmet ist. Daß in den ״Historischen Schriften“ von derart großem Umfang die jüdisch-nationale Bewegung mit keiner einzigen Arbeit vertreten ist, kann zwar mit acr Einstellung zum Zionismus des Kreises, der sich um das jiddisch-wissenschaftliche Institut gruppiert, erklärt werden, ist aber als Zeichen gewisser Enge und mangelnder Ob־ jektivität zu bewerten. ״Kaftan“ (Jüdisches Kabarett). Zum erstenmal ln ein jü* disches Kabarett geladen, erwartet man mit besonderer Spannung die Premiere des ״Kaftan“ in der Lutherstraße 31. Das Sympathische an diesen Darbietungen ist der Umstand, daß die Vortragsreihe ganz von der Schablone der üblichen lustigen Conference abweicht. Einmal etwas anderes! Alle Motive trotz dürftiger Verarbeitung reizvoll. Und dennoch bleibt der Eindruck, daß ohne modernen Text- und Musikaufputz Spannung und Humor zu dürftig wären. Ke vorgetragenen Volkslieder hatten Achtungserfolg, besonders starken Lacherfolg erzielte der Sketsch ״Die Ejze“ von Scho'.em Al ec hem. Groß war der Beifall für Anita Rossi (Violine) und Ellen Basal (Gesangsvorträge) in den Bettelmusikanten von Roskin. Einen gewieg* ten Rezitator lernt man in Ernst Pröckl kennen (Peretz und Heine). Witzig die Groteske 000 10״“ und ״Der Briss“. Rahel Kaufmann zeichnet sich in den hebräischen Liedern von E. Lasker-Schüler aus. Esther Robins und Hanne Lou- Schäfer fügen sich mit ihren Volksweisen nett ein, ihre tänzerische Leichtigkeit ist zu laben. Die übrigen Kräfte des Ensembles paßten sich dem gegebenen Rahmen an, so daß angesichts der Zahl von mehr als 15 Darstellern auf nähere Charakteristik verzichtet werden muß und von denen erwähnt werden mögen: Takka-Takka (tanzt Tempel tanze), M. Rasumny (als Scholem Alechem), Ruth Klinger (in jiddischen Duetten), Sidonie Lortn (als Untier im Briss), Fritta Brod (im Hohenlied), Iljim und H. Rosen (als Bochurim in der ״Talmudschule“). Jehuda Pomeranc hatte alles Minikalische sorgfältig vorbereitet, so daß der Abend ein Erfolg war. Salo Wieselberg.

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