Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 13 (14.2.1930)
- Date
- 1930-02-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653169--21377-2679466- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 88 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. 13, 14. E 1830 repräsentative .Gestalt er Bubcr ansieht, die Humanitäts- Philosophie auch in den Zionismus hereingebracht hat. Grabowsky irr( zunächst einmal im Tatsächlichen, wenn er Ruber als Repräsentanten der herrschenden zionistischen Anschauung hinstellt. Weder Buber noch seine Freunde haben jemals prätendiert, daß es ihnen gelungen sei, den Zionismus mit ihrem Geist zu erfüllen, vielmehr steht die große Mehrheit der Bewegung, keineswegs nur der Revisionismus, durchaus auf dem Standpunkt des Maehtgedankens, was sich sehr deutlich in der heftigen Kampagne Zeigt, die gerade jetzt gegen alle (einschließlich Buber) geführt wird, die an diesem Fundament zu zweifeln wagen. Wenn trotzdem die von Grabowsky gewünschten Konsequenzen nicht eingetreten sind, so liegt dies keineswegs an der jüdischen Nati onalmentalität, sondern an objektiven Umständen, die eben die Durchsetzung dieses zionistischen (nicht parteimäßig, sondern geistig) revisionistischen Programms unmöglich machten und den offiziellen Zionismus daher auch zu einer gemäßigten, dem politischen Kräfteverhältnis mehr entsprechenden Haltung zwangen. Dies hat also nur mit der realen Wirklichkeit und keineswegs mit irgendeinem Humanitätsideal zu tun. Im übrigen aber berührt Orabowsky den entscheidtnden Punkt. Er hätte recht, wenn es sich im Fall der Juden wirklich nur um das Erwachen eines bis dahin geschichtslosen ״feBadienhaften“ Volkes zu aktivem geschichtlichen Dasein handelte. Das Judentum hat jedoch seine eigene Geschiehtsauffassung und seine eigene Oeschichtsphitosophie, und ohne Größenwahn kann man wohl sagen, daß die Geschichtsbetrachtung aller Völker, ja sogar die Idee der Geschichte als solche, wesentliche Elemente dem Judentum entlehnt hat. Das Judentum ist kein geschichtsloses Volk wie die Albanier oder Bulgaren cs waren, bevor sie ihren Staat hatten, denn es hat nie* titals seine geschichtliche Teleologie verloren, niemals das Bewußtsein einer Menschheitsaufgabe. Auch in der messianischen Idee steckt mehr wirkliches Geschichtsbewußtsein als in dem von Grabowsky als Um und Auf der Geschichte gepriesenen heidnischen Machtgedanken. Der Zionismus beruht nach unserer Meinung, die freilich nicht die Meinung der offiziellen Mehrheit des Zionismus sein dürfte, gerade auf der Erkenntnis, daß das Judentum ein singuläres, mit keinem anderen vergleichbares Phänomen der Geschichte ist. Woraus sich diese Feststellung nicht nur innerlich, sondern auch rein dem äußeren Schicksal nach ergibt; dies zu erörtern würde hier zu weit führen. Es sei nur noch darauf hingewiesen, daß aus dieser Einzigartigkeit des historischen Prozesses und des inneren Wesens des jüdischen Volkstums, das nach menschlicher Voraussicht niemals im gewöhnlichen Sinne ״normalisiert“ werden kann, sich auch eine nicht mit gewöhnlichen Maßen zu messende Art des politischen Existenzkampfes und der politischen Mittel ergibt Die ״Machtmittel" des jüdischen Volkes sind in viel höherem Maße als bei irgendeinem anderen Volk geistiger und moralischer Natur, und ein Kämpfende^, der seine eigenen Waffen schartig macht, wäre in keiner guten Position. Die Lösung des Pallstinaproblems ist nach unserer Ueberzeugung nur möglich, wenn das Bewußtsein der Singularität bei Juden und Nichtjuden durchdringt und den Mut erzeugt auch zu einer Lösung sin generis, die keinen Präzedenzfall in der Geschichte haben muß, die aber vielleicht bahnbrechend sein kam für manches, das nachfolgt Die Auseinandersetzung mit Grabowsky führt uns also bereits immittelbar zu dem Kern*, punkt des ganzen Problems, nämlich, ob es der Sinn des Zionismus ist, daß das Judentum werde ״wie andere Völker“. Von dieser Problemstellung geht auch die letzte der hier erwähnten aktuellen zionistischen Streitschriften aus, mit der wir uns mm noch zu beschäftigen haben werden. Robert Wcltsch. Fragen der lokalen Selbstverwaltung Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG., Tel-Awiw, den 6. Februar 1930. Die Regierung hat — ohne vorherige Warnung und fast ohne Begründung — eine Verordnung erlassen, nach der die Wahlen für die Stadträte, die in nächster Zeit fällig waren, für drei Jahre verschoben werden. Die Verordnung verdient Beachtung und mit ihr die Frage der städtischen Verwaltung. ln den Stadtverwaltungen ist in Palästina der erste Versuch demokratischer oder, wenn man will, halbdemokratischer Ver* waltungsmethoden nach der Zeit der englischen Okkupation gemacht worden. Die Einführung lokaler Autonomie und damit die Uebcrgabe bestimmter beschränkter Verwaltungsregionen in die Hände der Bevölkerung wurde als der erste Schritt Berliner Zionistische Vereinigung Mittwoch, den 19. Februar, abends 81/3 Uhr. im Logenhaas, Joadtimstitaler Straße 13 Dr, Wolfgang von Weisl Mitglied des Weed Leumi ״Palästina seil August“ auf dem Wege zur Selbstverwaltung angesehen. Hier sollten Zellen geschaffen werden für demokratische Entwicklung, und es wurde an vielen Stellen, sowohl bei der Regierung wie auch bei der Bevölkerung die Hoffnung gehegt, daß diese Körperschaften eine Art Schule bilden könnten zum Erlernen der Administration und der selbständigen Führung der Staatsgeschäfte. Man hatte nach mannigfachen Erfahrangen in den verschiedensten Teilen der Welt Grund für diese Hoffnungen. Der High Commissioner hat, wie man sich erinnern wird, in seinen Berichten In Genf wiederholt auf die Schaffung gewählter Munizipalitäten in Palästina hingewiesen und sie als ein Kredit für die Administration in Anspruch genommen. Und Juden sowohl wie Araber haben es anerkannt, daß. Mer das bisher herrschende starr-autokratische System an einer Stelle gelockert war. Die ersten Wahlen zu den Stadtriten vor drei Jahren waren ein politisches Ereignis im Lande. Die Verschiebung der Neuwahlen auf dem Wege einer Administratiwerordmmg ist zu einem guten Teil durch die politische Situation verursacht Man will heute, wo die Krisis erst im Abschwellen begriffen ist wo die Polizei noch immer um die Befriedung des Landes einen schweren Kampf kämpft —־ und nicht immer mit Erfolg — wo die nationalen Gegensätze schärfer zutage treten als je, eine Wahlkampagne nicht zulassen. Was jedoch diese Verordnung besonders auffallend macht sind zwei andere Punkte; erstens die Hinausschiebung des nächsten Wahltermins auf weitere drei Jahre und zweitens ,die Tatsache^, dstß #e Regieruftg vor einigen Zeit mitgeteilt ' hat, daß ile*lm ־' fiegrfffl* se1*rdnvleiÜ* AunizIpali^^Ät ■ vorzubereiten, das bedeutende Aenderungen des Wahlrechts und der Punktionen der Stadtrlte umfaßt. Man muß sich fragen, warum diese ungewöhnlich lange Frist. Ungewöhnliche Bedingungen, das wird zugegeben, verlangen ungewöhnliche Maßnahmen. Aber das besagt nicht, daß die Reperung gleich über das Ziel hinausschießen und eine ganze Wahlperiode überschlagen muß. Und die Mitteilung über die Vorbereitung eines neuen Gesetzentwurfes Gedenkfeier für Franz Rosenzweig Der Vorstand der Israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. veranstaltete in der ״Frankfurt-Loge“ eine Gedenkfeier für Franz Rosenzweig. Der Saal war stark überfüllt Nach einem musikalischen Atmakt hielt der Vorsitzende des Gemeindcvor- Standes Justizrat Dr. Blau eine Ansprache, in der er Franz Rosenzweigs geistige Führerschaft, sein heroisches Leben und Sterben zeichnete. Die Gedenkrede hielt Rabbiner Dr. Leo Baeck, Berlin. Er gab einen historischen Abriß der curopäisehen Bildungsgeschichte während der letzten zwei Jahrhunderte und die Stellung des gebildeten Juden in dieser Epoche. Nach einer Würdigung des Liberalismus als geistigen und politischen Faktors analysierte der Redner die Bildungskrise und die Unerfüütiieit des Menschen in dieser Zeit; die besondere, historisch bedingte Stellung des Juden. Es ergibt sich die Frage nach der jüdischen Kultur, die eine Frage der Bildung ist — nicht philosophisch verspielt noch ästhetisch unverpflichtend — die za etwas hinführt: zum Mysterium von der Ebenbildlichkeit Gottes. Rosenzweigs Erkenntnis: das Entscheidende der Tag der Geburt, der des Menschen einziges Schicksal ist und seinen Weg bestimmt. Alle religiöse Erschauung ist ein Ringen um Gestaltung, um Ausdruck; und von diesem Muß her, von sich aus zu sagen, was randvoll überfließend den Erkennenden bcdrängt, sind Rosenzweigs Uebersetzungen zu würdigen. Lebend zwischen den Polen von Leiden und Schaffen drang er, um den Zeitlosigkeit webte, vor zur Erkenntnis der Welt. Als ein Bote vom Ewigen zum Unendlichen in seiner Hoffnung, so lebt Franz Rosenzweig fort im Gedächtnis. Nadh einer kurzen Einführung las Martin Buber drei Abschnitte ״Der leidende Knecht Gottes“ aus dem noch ungedruckten Jesaja-Band seiner Schrift-Uebersetzung, der gemeinsamen (und letzten) Arbeit mit Rosenzweig. Mit Beethovens Largo con espressionc aus dem Trio G dur op. 1 Nr. 2 (ausgeführt von den Herren Kahn, Rebner, Schuyer) schloß die Feier. Der leidende Knedif (Jesaja 53,13—53,12) Deutsch von Martin Buber und Franz Rosenzweig Wohlan, ergreifen wirds mein Knecht. wird sich erheben, emporjjetragen werden, mächtig ragen. Eben wie vor ihm die Vielen erstarrten — so unmenschlich verderbt war sein Aussehn, ungleich Adams Söhnen seine Gestalt —, so wird er die vielen Weltstämme überraschen, Könige werden ihren Mund vor ihm schließen, dran was Ihnen nie erzählt wurde, das sehen sie, wovon de nie hörten, des werden de inne: — Wer konnte vertrauen dem für uns Erhorchten? SEIN Arm, an wem hat er sich da offenbart?! Wie ein Schößling stieg er auf vor sich hin, wie eine Wurzel aus dürrer Erde. Nicht Gestalt hatte er, nicht Glanz, daß wir ihn angesehn hätten, nicht Aussehn, 1 daß wir sein begehrt hätten. Verschmäht, gemieden von Menschen, ein Mensch der Schmerzen, bekannt der Krankheit wie wo das Antlitz rieh vor uns verbergen muß: so verschmäht — wir achteten sein nicht. Dennoch: unsere Krankheiten hat der getragen, unsere Schmerzen, sie hat er aufgeladen - und wir, wir achteten ihn für einen Scbadengeplagtra, einen Geschlagnen Gottes und Niedergebeugtra! Er aber, durchbohrt war er für unsre Abtrünnigkeiten. zermalmt für unsre Fehlbarkeitra, Züchtigung uns zum Fried war auf ihm, durch seine Strieme wurde uns Heilung: wir alle, wie Schmalvieh hatten wir uns verlaufen, jeder seines Wegs hatten wir uns gewandt, E R aber ließ auf ihn die Fehlbasee treffen für uns alle. legt die Frage nahe, ob zu seiner Bearbeitung and Inkraft- Setzung wirklich drei Jahre erforderfleh sind. Die langt Frist wäre vielleicht noch verständlich, wenn die Situation in den Munizipalitäten befriedigend und das bestehende Gesetz nur kleiner Aenderungen bedürftig wärt. In der Tat liegt die Sache genau umgekehrt Das Gesetz, dessen viele Mängel bereits bei seiner Publikation in Palästina betont wurden, hat sich in der Arbeit als unzureichend und in mancher Beziehung schädlich erwiesen und es ist ein öffentliches Geheimnis in Palästina, daß in den Munizipalitäten, zum mindesten in manchen von ihnen, durchaus nicht alles so ist, wie es sein sollte. Eine Fortsetzung des gegenwärtigen Status, sowohl was das Gesetz wie auch was die Praxis anbetriff^ und zwar für drei Jahre, erscheint keineswegs befriedigend. Die Regierung hat den Beweis dafür erlwacht, daß auch sie die herrschenden Zustände in der lokalen Selbstverwaltung durchaus nicht rosig sieht. Sie hat bereits vor längerer Zeit eine Verordnung erlassen, die die Rechte der gewählten Munizipalitäten empfindlich beschneidet und den Behörden dafür außerordentliche Rechte cinräumt, die sich nicht nur auf eine Ueberwachung der Stadträte beschränken, sondern überall, wo es nötig ist, das Eingreifen des zuständigen Regierungsvertreters — meist des Distriktgouveraeurs, vorsieht Mit dieser Verordnung ist der gesamte Charakter der Munizipalitäten geändert worden. Die Wahlen wurden zwar nicht annulliert, aber ihre Bedeutung sank gewaltig, weil die Regierung das Recht bekam, jeden beliebigen Repräsentanten abzuberufen, an seiner Stelle eine ihr genehme Persönlichkeit zu ernennen und anderes mehr. Macht man sich noch klar, daß unter dem rein administrativen System, das in Palästina herrscht, die Regierung nicht gezwungen ist, Gründe für ihre Aktionen anzugeben, so wird es vollkommen deutlich, daß mit dieser Verordnung die gewählten Muniapalitäten zu einem beträchtlichen Grade ״abgebaut“ wurden. Welches die Gründe waren, die zu diesem Schritt der Regierung führten, kann man nur erraten, denn sie werden offiziell nicht angegeben. Die Lage in den Munizipalitäten war und ist, wie gesagt, nicht überall befriedigend. Kurz bevor 'die Ver- Ordnung erschien, gab z. B. Tel-Awiw, das größere Erfahrang als die anderen Städte in der Kamst der Selbst- Verwaltung besaß, zu mannigfachen Sorgen Anlaß. Der Stadtrat hat vor den letzten Neuwahlen und bevor seine Mitgliederzahl stark beschnitten wurde, eine Reihe von Krisen erlebt, verursacht durch innere Kämpfe, die ihn mehr als einmal zu sprengen drohten. Es hat erhebliche Zelt und Anstrengungen gekostet, bis die Dinge wieder ins Lot gebracht und eine glattere Geschäftsführung erreicht werden konnte. Im letzten Jahre haben sich hier die Verhältnisse erheblich gebessert. In die Zeit der Reorganisierung fiel die genannte Verordnung. Die Sachverständigen lassen jedoch keinen Zweifel darüber, daß die Beschneidung der Rechte des Stadtrates mit dieser Verbesserung durchaus nichts zu tun hat. Eine Klärung der Verhältnisse hängt nicht mit einer strengeren Ueberwachung der Regierung zusammen, sondern mit einer Anpassung an die Arbeitsbedingungen. Man soll sich also bei der Koinzidenz der Verordnung mit der Regelung in Tel-Awiw nicht zu einem post hoc ergo propter hoc verleiten lassen. Ein Bild der verschiedenen kleinen und großen Munizi- -patttäten., m ״geben,■, -gtürdc. zu weit fibuk Es. .-ist .jedoch wert zu bemerken, daß die drei Hauptstädte des Land«, Jerusalem, Tel-Awiw und Haifa ganz verschiedene Verhältnisse in den Stadträten zeigen. Ueber Tel-Awiw, die einzige rein jüdische Stadt, haben wir bereits eine kurze Andeutung gegeben. Haifa, die Stadt mit der gemischten Bevölkerung, hat von Beginn an einigermaßen befriedigende Resultate ge* zeigt. Wenn auch hier noch rächt ein Grad der Vollkommenheit erreicht war, so sind größere Komplikationen doch, immer vermieden worden und die Beziehungen zwischen den Re- Getrieben wurde er, und er beugte sich noch hin. öffnete ment den Mund, wie ein Lamm das zur Schlachtbank gebracht wird, wie ein Mutterschaf das vor seinen Scherern verstummt, öffnete nicht den Mund. Aus der Abgehegtheit, aus dem Gerichtsbann ist er nun genommen worden — aber in seinem Geschlecht, wer mochte klagen, daß er abgeschnitten war aus dem Land der Lebendigen, sein geworden war der Schade aus aer Abtrünnigkeit meines Volks! Schon gab man sein Grab neben Frevlern an, neben Uebeltätem, wann er erst stürbe, obgleich er nie Gewalt getan hatte, Betrug nie in seinem Mund war . . - So wollte es ER: sein Zermalmter den er verkränkt hatte, macht seine Seele zum Schuldopfer sich, soll noch Samen sehen, Tage langem, und durch seine Hand gerät SEIN Wille. Der Pein seiner Seele los wird ers einsebn, wird rieh sättigen an dieser seiner Erkenntnis: Bewähren sollte die Vielen der Bewährte, mein Knecht, indem ihren Fehl er sich auflu drum teil ich die Vielen ihm zu, die Starken teilt er als Beute, dafür daß er hinleerte seine Seele zum Sterben, unter die Abtrünnigen gerechnet ward. Und trug doch, er, die Sünde der Vieira, für die Abtrünnigen ließ er sich treffen.