Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-02-14 · Heft 13 (14.2.1930) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 13 (14.2.1930)
Date
1930-02-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653169--21376-2679465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 13, 14 H1030 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nene zionistische Streitschritten 1. Zmn }tidisch-arablschen Problem. Eine Aufsatzreihe von Moses Beilinson. Verlag ״Dawar“, Tel-Awiw, 1930. Kommissionsverlag Buchhandlung Kedent, Berün-Charlbg. (Deutsch, 63 S., 1 M.) 2. Revision der zionistischen Politik. Von Richard Lichtbeim. Kommissionsverlag Ewer, Berlin, 1930. (MS., 1 AL) 3. British Policy and tbe Palestine Mandate. Our proud privilege. A Memorandum by Herbert Sidehotham. (Britische Politik und Palästinamandat. Unser stolzes Vorrecht) Ernest Benn, London E.C4. (Englisch, 36 S., 1 sh.) 4. Du Schicksal Palästinas and die Krise des Zionismus. Von Adolf Orabowsky. Zeitschrift für Politik XIX, 8, Car! Heymanns Verlag, Berlin W8. 5. Like aO tbe Nation»? (Wie alle Völker?) By J. L. Magne8. Jerusalem, 1930. (Englisch, 77 S.) II.•) Die Auseinandersetzung mit dem Revisionismus vollzieht sich innerhalb der zionistischen Bewegung notwendigerweise auf zwei Ebenen, einerseits im geistigen Bereiche des jüdischen Nationalismus und andererseits auf dem Gebiete der praktischen Politik. Leider ist in der Tagespolemik die Behandlung der Fragen sehr wenig grundsätzlicher Natur, sondern haftet meist an taktischen Momenten oder gleitet gar ins rein Persönliche ah. Noch mehr als die politische läßt die geistige Auseinander* Setzung zu wünschen übrig. Als einen der wenigen Beiträge dazu, neben Bubers zwei Kongreßreden, darf der Unterzeichnete vielleicht das Buch ״Zionistische Politik“ (von Hans Kohn and Robert Weltscb) bezeichnen, auf das ich hier verweisen möchte, weil im Rahmen der Besprechung, die Lichtheims Broschüre hier finden soll, nur einige Punkte angedeutet werden können. Die geistige Entwicklung des Revisionismus ist, wie es scheint, noch nicht abgeschlossen. Noch bekennt er sich nicht offen und klar genug zum Macht gedanken. Es ist eine Eigentümlichkeit des Revisionismus, daß manche seiner Wortführer, um ihre ״pazifistischen“ allgemein-europäischen Ueberzeugungen mit ihrem zionistischen Programm In Einklang zu bringen, sich mit Entrüstung dagegen wenden, als Nationalisten (Chauvinisten) zu gelten. Unbewußt anerkennen sie noch den humanistisch - pazifistischen Wertmaßstab. Der Revisionismus, wie er sich bei Lichtheim präsentiert, hat noch nicht den Mut zur vollen Bejahung eines machtpolitischen Nationalismus. Es ist leicht möglich, daß er noch verschieden« Wandlungen durchmachen wird. Demo gerade ln dieser Spannung kann ein rein formaler Nationalismus, der jeden Zusammenhang mit einer spezifischen jüdischen Geistigkeit ablehnt, nicht genügen. Heute ist der Revisionismus radikale Saecularisation. Er wäre jedoch auch ln anderen Kombinationen denkbar, z. B. in Verbindung mit dem Gedanken der Auserwählthdt, der dem jüdischen Volk sogar metaphysisch das Recht gibt, tun seiner Existenz willen irdische Gesetze gering zu achten. Der Grundsatz ״Right or wrong my country“ könnte geistig gestützt werden durch eine Ideologie des Jizchak-Segens; gerade der Glaube an eine Weltmission des Volkes könnte Madhtanwendung rechtfertigen, ähnlich wie dies bei manchen anderen nationalen Bewegungen der Fall war. Nicht umsonst finden wir gerade In orthodox-kleinbürgerlichen Krefsen eine starke Neigung zum Revisionismus. Auf der anderen Säte wird die Parole des heutigen Revisionismus ״Laßt uns sein wie alle Völker, Haus Israeli״, von weiten Kreisen außer* halb des Revisionismus, ja sogar in den Arbeiterparteien, geteilt (Gerade diese Woche bekennt rieh Beilinson im ״Davar“ zu diesera Prinzip.) Wir sehen also, daß die geistigen Grenzen keineswegs so verlaufen wie die Parteigrenzen, und bei starkem timeren Leben muß sich schließlich, trotz der Hemmungen soziologischer Trägheit und der hemmenden Wirkung der Parteiapparate, eine Konstellation durchsetzen, die stärker der wirkliehen Differenzierung der Anschauungen entspricht als die heutige. Dies müßte der Revisionismus nur begrüßen. Aber er hat es bisher, ähnlich wie die meisten zionistischen Gruppen, an einer geistigen, über die Aktualität hinausgreifenden Begründüng seiner Anschauungen fehlen lassen. Und, seltsam genug, auch Lictitheims Broschüre, die sich freilich nur das begrenzte Thema der aktuellen zionistischen Politik gesetzt hat, enthalt diese Begründung nicht, und hat es nur dem Zufall zu danken, daß ihr gleichzeitig ein Helfer außerhalb des zionistisehen Lagers erstanden ist, der sie In nützlicher Weise ergänzt: der Aufsatz von Grabowsky (in der ״Zeitschrift für Politik“). Ebenso wie der Revisionismus in geistiger Beziehung heute noch keine konstante Größe ist and gewisse Perspektive« für die Zukunft offen läßt, ebenso sind auch auf der Ebene der konkreten aktuellen Politik viele Kombinationen politischer Forderangen denkbar. Manche Forderungen, die im Programm des Revisionismus erscheinen oder besonders herausgestrichen werden, sind ihm nicht nur mit anderen seiner Ideologie nahestehenden Gruppen gemeinsam, sondern es könnte sogar sein, daß in aktuellen Situationen extreme Gegner seiner Ideologie etwas ganz ähnliches vertreten, so daß vielleicht ein weiteres Zusammengehen denkbar ist als scheinen mag. Lichtheims Broschüre zeigt übrigens in bezug auf die zionistische Zielsetzung eine etwas apologetische Note und nähert sich stark der Konzeption seiner Gegner. In dem ersten Kapitel, betitelt ״Was will der Zionismus?“, gibt der Autor foigende Definition des Zieles: ״Das jüdische Gemeinwesen in Palästina muß durch seine räumliche Ausdehnung, durch die Zahl seiner Bewohner, durch seine wirtschaftliche und geistige Leistung einen wirklichen Beitrag zur Lösung der Judenfrage bringen und die Idee der jüdischen Nation als lebendigen Volkstums zur Realität werden lassen.“ — Wenn man in diesem Zusammenhang von ״Judenstaat“ spreche, so sei dies nur ein ״Grenzbegriff׳. Ein solches — oben geschildertes — Gemeinwesen sei ״von innen gesehe.n der J u den Staat“. Damit ist vielleicht etwas Aehnliches ausgedrückt, wie mit der von uns vor Jahren gebrauchten Formel, in der künftigen jüdisehen Siedlung Palästinas müsse das Wesentliche dessen verwirklicht werden, was Herzi, ohne Kenntnis des konkreten Palästina, in dem abstrakten Begriff ״Judenstaat“ zusammengefaßt hat Aber L. vergaßt, daß bei Gebrauch des Wortes ״Judenstaat“ heute eben gerade nicht daran gedacht wird, was ein Gebilde ״von innen gesehen“ wäre, sondern man denkt vielmehr an etwas, was ״von außen gesehen“ ein Judenstaat wäre, und nur dagegen richtet sich die Opposition, dagegen auch das Weißbuch, denn das im Weißbuch vorgesehene Nationalheim wäre gleichfalls ״von innen gesehen“ ein solcher ״Judenstaat“. Die Definition wird erst deut- •» Sehe Nr. 7. Ocher, wenn L- Zahlen gibt L» rechnet daß Palästina zu beiden Seiden des Jordan mindestens drei Millionen Menschen ernähren kann, so daß trotz starker jüdischer Einwanderung keine Vertreibung der jetzigen arabischen Bevölkerung nötig wäre. Wenn man nun, trotzdem cs den gegenwärtigen politischen Tat- Sachen nicht entspricht, zum Zwecke der Argumentation die Einbeziehung Transjordaniens in das Kalkül akzeptiert, so ergibt sich, daß in diesem Gebiet heute bereits rund eine Million Araber leben; auf welche Ziffer diese sich vermehrt haben müssen, bevor z. B. eine Million Juden eingewandert sind, mögen Bevölkerungsstatistiker berechnen. Man muß hier übrigens andere revisionistische Quellen herantichen. Lichtheims Parteigenosse Welsl ist nicht so bescheiden. Für ihn fängt (siehe ״Hed Bethar“ v. 14. Dezember 1929) die Lösung der Judenfrage in Palästina erst an, wenn t 200 009 Juden im Lande 1 100000 Arabern gegenübersteh cm In diesem Moment, wo also die Juden die Mehrheit und die politische Macht haben, werden sie noch ״Millionen Juden“ ins Land bringen, dessen Grenzen dann den jüdischen Bedürfnissen entsprechend zu erweitern sind. Diese Vorstellungen sind war kindlich, aber sic sind ein gefähriiehes Spielzeug, man soll ein Kind nicht mit dem Feuer spielen lassen. Die Irrealität und Abwegigkeit des Revisionismus zeigt sich in solchen Aufrichtigkeiten deutlicher als in Lichtheims vorsichtiger Fassung. Aber auch L. führt seine Ziffern an, um zu zeigen, daß eine jüdische Majorität in Palästina — offenbar in absehbarer Zeit, sonst ist die Diskussion ja vollständig sinnlos — erreichbar ist; und da er von den Arabern auch nicht die Aufgabe ihrer nationalen Besonderheit verlangt, so hat er nichts dagegen, daß man dieses künftige Palästina ״hinational“ nennt, ״weil ja zwei nationaleGruppen in ihm leben werden“. L. hat also offenbar nicht begriffen, daß für uns ״binational“ keineswegs nur einen tatsächlichen Zustand bezeichnen soll, sondern einen Rechtszustand. Ein Land, in weichem zwei Völker leben, ist dadurch noch nicht prinzipiell binatlonal, vielmehr ist gewöhnlich e i n Volk als Staatsvolk im Besitz der politischen Macht und das andere mehr oder weniger ״geduldet“. Wenn wir binätional sagen, so ist damit gemeint, daß beide Völker ״as of right and not on sufferance“, kraft eigenen Rechtes und nicht als von dem anderen Volk Geduldete, im Lande leben, daß also dieses Land, ein Fall sui generis, gewissermaßen zwei Staatsvölker hat, deren Verhältnis zueinander durch die Verfassung (unter internationaler Garantie) geregelt wird. Wie diese Regelung im einzelnen beschaffen sein könnte, insbesondere in bezug auf möglichst geschlossene Siedlungsgebiete (Kantone), nationale Autonomie usw., kann hier nicht erörtert werden. Es ist aber ein großer Irrtum, zu glauben, daß hierin ein ״Veracht“ auf die den Juden im Mandat eingeräumte Steilung enthalten ist Denn da der jüdische Anspruch auf eine AenderUng des gegenwärtigen Zustandes gerichtet ist, bedarf seine Durchsetzung anders gearteter politischer Mittel als der Anspruch der Araber, der jedoch seinerseits durch die Tatsache, daß seine faktischen Grundlagen bereits vorhanden sind, nichts von seinem Gewicht vertiert Wenn also L ״gewissen zionistischen Gruppen“ vorwirft, daß sie das Mandat dahin interpretieren, als ob ״die Araber in jeder Hinsicht genau die gleichen Ansprüche hätten wie wir“, so weiß ich nicht, welche zionistischen Gruppen er meint Wir haben, das ist klar, einen anders gearteten Anspruch als die Araber, aber, um in der Ausdrucksweise der Mandatskommission des Völkerbundes zu sprechea, ־ggftideÄ Tatsaeftei daß neben dem die Ansprüche der taääe»• bevSikerung umschreibenden Artikel 22 des Völkerbundpaktes die spezifischen Bestimmungen des Mandates über das Jüdische Nationalheim stehen, macht den ״Dualismus“ des Mandates aus; d. h. aus dieser Situation ergibt rieh die Notwendigkeit, die beiden verschiedenartigen Ansprüche miteinander in Einklang zu bringen. Aus dieser objektiven Situation, die der Zionismus vor 30 Jahren nicht kannte, ergibt sich nach unserer Meinung die Notwendigkeit einer neuen politischen Ziel- Setzung; wir müssen verstehen lernen, daß unser Judenstaat von innen gesehen" nicht auch ein ״Judenstaat von außen gesehen“ sein kann, und daß die Aspiration auf das letztere uns die Möglichkeit der Erreichung des ersteren kosten kann. Was das mit ״Mutlosigkeit“ und ähnlichen schönen Attributen, die auch L. in seiner Broschüre seinen innerzionistischen Gegnern zuteilt, zu tun hat, möge ein anderer verstehen. Es sind im Grunde Selbstverständlichkeiten, die erst dadurch absonderlichen Charakter bekommen, daß der größte Teil der Zionisten, hier steht ja der Revisionismus nicht allein, einen Don Quichote-haften Krieg dagegen führt. * Sehr anfechtbar ist der Teil der Lichtheimschen Broschüre, der einen geschichtlichen Rückblick über die letzten zehn Jahre und eine Kritik der zionistischen Politik enthält. L. stellt die Sache so dar, als ob nur durch die Untüchtigkeit und Unfähigkeit der zionistischen Leitung der Umschwung in der engtischen Haltung und politischen Praxis eingetreten wäre. Diese Einseitigkeit ist vielleicht das Vorrecht einer politischen Streitschrift, mit historischer Objektivität aber hat sie nichts zu tun. Der Zionismus hat seine potitischen Erfolge in einem chaotischen Zustand der Welt und des Denkens erreicht; in diesem Chaos aber entstanden noch andere Kräfte, und es ist eine etwas zu bequeme Anschauung, wenn man als selbstverständlich annimmt, daß nach Beendigung des Chaos, nach Stabilisierung der Weltlage, gerade diese eine, den Zionismus begünstigende Tendenz hundertprozentig im Sinne einerstarren zionistischen Dogmatik weiter wirken sollte, während andere, auf ähniiehe Weise entstandenen Kräfte, mit einem Male verschwinden sollten. Die wichtigste Gegenkraft, mit der wir zu tun hatten, ist das die Zeit des Kriegsendes überschattende Prinzip des Selbstbestimmungsrechtes der Völker, verbunden mit dem durch Europa und besonders durch England geweckten arabischen Nationalismus. Es war also naheliegend, daß es in der entscheidenden Zeit nicht nur Persönlichkeiten mit zionistischen Sympathien gab, sondern auch solche mit arabisehen Sympathien und demgemäß anti zionistisch er Einstellung. Und unglückseligerweise, aber vielleicht nicht ganz zufälligerweise, war gerade von den ausschlaggebenden Personen an Ort und Steile ein großer Teil von der zweiten Kategorie, Der Zionismus hatte nun die Aufgabe, die sich hier darbietende Realität durch eine rasche Umstellung zu bewältigen. Statt immerfort mit Klagen und Anklagen zu englischen Ministern zu laufen, hatte er zu versuchen, im Lande selbst die Möglichkeiten einer Sicherung seiner künftigen Arbeit zu suchen. Da aber die auch von L. eingenommene Haltung alles Heil nur von einer englischen Machtcntfaltung zugunsten einer jüdischen Vorherrschaft erwartete, waren die psychologischen Voraussetzungen für eine Ausein- •Odersetzung mit den Realitäten gar nicht vorhanden. Ich Seite מ habe schon auf dem Delegiertentag in Jena darauf hingewiesen, wie falsch es ist, den Zionismus in der Entwicklung dieser zehn Jahre Isoliert zu betrachten, als ob nicht unvorhergesehene Ereignisse den ganzen Orient, ja ganz Asien aufs tiefste erschüttert hätten. Man denke nur an China, Indien, Aegypten, die Türkei (gerade 19221), an Husseins Sturz, an Abd-el-Kriro und ibn-Saud. Außer uns Zionisten hat ja niemand diese Ereignisse ignoriert; und wenn wir selbst uns einmauern, können wir uns nicht beschweren, daß wir nicht bemerken, wenn Veränderungen in der Welt vor sich gehen. Die englische Politik־ hat noch mit anderen Faktoren zu rechnen als mit dem Zionismus. Und je starrer utid verstandnisloser der Zionismus der tatsächlichen Lage gegenübersteht, um so leichter macht er es der englischen Politik, an ihm vorbeizusehen. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß nicht Fehler auch im Sinne Uchthdms gemacht wurden, sowohl von Herbert Samuel als auch von der zionistischen Leitung; aber im großen ganzen ist das Resultat doch ein Ergebnis geschichtlicher Kräfte, die man nicht bcgatdlisicrcn sollte, und die Leistung Dr. Wcizmanns, das Schiff des Zionismus in dieser bedrohlichen Zeit durch alle Kluppen hindurchgcstcucrt za haben, bleibt ein großes Verdienst. Das revisionistische Programm kulminiert in zwei Forderungen, von denen die eine einen unglücklichen Namen für eine im Kern richtige Sache, und die andere einen harmlosen Namen für eine unglückselige Sache enthält: ״Kolonisatiousregime“ und ״Schutz“. Unter dem Titel ״Kolonisation«־ regintc“ werden eine ganze Reihe von Forderungen io bezug auf die Aenderung der Verwaltung zusammengefaßt, die zum größten Teil bereits von der zionistischen Leitung vertreten wurden, lange bevor der Revisionismus dafür das Wort erfand. Es soll aber auch anerkannt werden, daß gewisse Postulate von den Revisionisten zum ersten Male mit besonderer Klarheit betont wurden, so z. B. auf dem Gebiete der Wirtschaftspolitik (Industrieschutz, Tarifpolitik u. ä ). Das gänzlich unnötige Wort ״Kolonisationsregime“, das die Revisionisten bei ihrer Vorliebe für klingende Parolen dieser Sache gegeben haben, ist aber außerordentlich schädlich. Darunter stellt man sich etwas vor, was die These der Araber in ihrer großen antizionistischen Kampagne außerordentlich unterstützen würde. Außerdem enthält das Programm bei Jabotinsky, wenn auch nicht bei Lichtheim, sehr bedenkliche Einzelheiten, z. B. die berühmte ״Agrarreform“, die mit Gedanken einer Enteignung spielt. Die wichtigste Aufgabe der Landesverwaltung ist jedenfalls Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung im Lande. Pafür hat der Revisionismus eine separate Parole, gegen die, warn man sie ,,Schutz“ nennt, natürlich niemand etwas haben kann, obwohl jeder wünschen muß, daß alles getan wird, einen besonderen Schutz unnötig zu machen. Der Schutz, d. h. die Polizeigewalt, obliegt der Mandatarmacht; die Betefli* gung von Juden an Polizei und Gendarmerie ist sicher wünsehenswert Was dagegen die Revisionisten meinen, wenn sie ״Schutz“ sagen, ist allgemein bekannt; ist doch für sie das A und O die jüdische Legion, die jetzt unter diesem verschämten Titel auftritt, obwohl sie mehr Zündstoff als Schutz bedeutet Was gegen diese — an sich ja völlig theoretische — Forderung zu sagen ist, ist zur Genüge bekannt. * Nach der praktischen Seite findet Uchtheims Broschüre eine ׳ Ergänzung in 4mmMemorandum von S»deboth a m. Sidehotham ist ein christlicher Engländer, seit Jahren da Freund and Helfer des Zionismus, der jedoch offenkundig von revisionistischen Gedanke» inspiriert ist Er geht von der These aus, daß Palästina vor dem Krieg keine geographische oder politische Einheit im nationalen Sinne war, sondern Teil einer türkischen Provinz. Es sei also unrichtig, daß durch die Baifour-Dekiaration irgend jemandem etwas weggenommen wurde, was ihm vorher gehörte. Die Araber haben also keine anderen Ansprüche als das Wohnrecht, das ihnen niemand streitig macht Zwar gibt es unglückseligerweise keine Dcfinition des Begriffes Nationalheim, aber es könne nur ein Heim gemeint sein, das eine Nation, d. h. (nach englischer Terminologie) ein Staat ist. Der Jude müsse, damit stimmt S. mit Grabowsky überein, das Bewußtsein haben, dem Lande den Stempel seiner geschichtlichen Persönlichkeit aufzuprägen. Das Weißbuch von 1922 sei daher eine Verkleinerung des eigentlichen Sinnes der Balfour-Deklaration gewesen. Sidebotham kritisiert scharf die bisherige englische Verwaltung, die weniger politische als vielmehr ״psychologische“ Fehlar gemacht habe; durch ihre Haltung gewännen die Araber die Ueberzeugung, daß die Verwaltung schwach und nicht ernsthaft zur Durchführung des Mandates entschlossen war. Der Verfasser gibt selbst eine Erklärung dieser eigentümlichen Situation, indem er auf die Kriegsmüdigkeit der Engländer 1921/22, das Debade von Lloyd Georges Türkenpolitik usw. hinweist. Trotzdem glaubt er offenbar, daß eine ״starke“ Politik in Palästina empfehlenswert gewesen wäre, und ist der — ihm mit den Autoren der beiden andern hier genannten Schriften gemeinsamen — Ansicht, daß die Araber, wenn sie nur den ernsten Willen auf der Gegenseite wirklich gespürt hätten, ohne größere Schwierigkeiten nacligcgeben hätten. Die Versöhnungspolitik Sir Herbert Samuels sei, wie ihr Resultat beweist, schlecht gewesen. Sidehotham und Grabowsky bctqnen außerdem beide in sehr eindrucksvoller Weise die Bedeutung Palästinas für das englische Weltreich. ♦ Die einem konsequenten Revisionismus zugrunde Hegende Idee wird aber erst von Grabowsky mit aller Klarheit ausgesprochen. Er meint, daß der Zionismus den Sinn habe, die Juden wieder in die Reifte der Geschichte machen - den Völker einzureihen, während bisher das Judentum keine Staatsgesinnung und keine gcschichtsschöpferische Kraft kannte, sondern notgedrungen seine Zuflucht nahm zu einer Lebensauffassung der Humanität, die nur eine ״List“ des um sein Dasein kämpfenden Schwachen ist Grabowsky widerlegt sehr richtig die Anschauung derer, die sich einbilden, das Arabertum müsse dem Zionismus dankbar sein für die Wohltaten, die er dem Lande erweist; hierin sieht er einen Ueberrest komraerrialistischer, ungeschicktlieber Betrachtungsweise. Der Zionismus hätte von Anfang an die Führung in Palastim an sich reißen müssen, dann wäre er gegenüber der unwichtigen numerischen Majorität der Araber in die Lage der ״energetischen Majorität“ gekommen — eine sehr gute neue Formel, die sich die Revisionisten für ihr Vokabularium merken sollten. Im Kampf um die Judaisierung Palästinas liege die Realität des jüdischarabischen Problems. Nur die Revisionisten haben nach Melnung von Grabowsky den geschiehtsbildeoden Sinn des Zionismus erfaßt, während die herrschende Mehrheit, als deren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.