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Jüdische Rundschau · 1930-02-14 · Heft 13 (14.2.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 13 (14.2.1930)
Date
1930-02-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 13, 14. II. 1930 Seite 86 .. JÜEDISCHE RUNDSCHAU Juden in der deutschen Politik t. Ludwig Marcuse: Revolutionär und Patriot. Das Leben Ludwig Börnes (Pau! List, Leipzig). 2. Rudolf Schay: Von Marx bis Rathenau. Deutschlands Weg seit 1815 (Welt-Verlag, Berlin). I. Im Ghetto zu Frankfurt am Main ward wenige Jahre vor der französischen Revolution ein kleiner schwächlicher Judenjunge geboren, der Louis Baruch heißt und als Ludwig Börne in die europäische Geistesgeschichte eingeht. Dabei ist er kein besonders weiter und kein besonders tiefer Geist, aber er hat den Feueratem eines für das Recht entbrannten Menschen, er hat die Festigkeit eines großen Charakters, und er hat die Gnade des Wortes, sich vernehmbar zu machen. Der Name dieses Mannes ist allen Gebildeten so bekannt, wie sein Werk heute unbekannt ist. Und das ist schade, denn wenn, auch seine Inhalte größtenteils der Geschichte angehören, so werden sie doch durch die unvergängliche Lebendigkeit eines glühenden Menschen getragen, der ein hinreißender Stilist war. Und anders als Mendelssohn steht Börne am Beginn einer Epoche: Mendelssohn hat im wesentlichen den Juden Neuland erschlossen, er hat die deutsche Welt in die jüdische exportiert; Börne ist schon die zweite Stufe: er gibt die Inhalte verarbeitet zurück, und sie haben eine andere Form gewonnen; in die deutsche Welt dringt ein neuer Ton. Ludwig Marcuse hat es unternommen, Leben und Werk dieses ebenso bekannten wie verschollenen Mannes in einem (bei Paul List erschienenen) Buche umfassend darzustellen. Es ist ein Buch von hohem Niveau, das Börnes Werden und Leistung auf dem Hintergrund der bewegten Zeit erstehen läßt, aus. der er wuchs. Dabei wird die Vordergrundsfigur, so plastisch sie auch herauskommt, niemals kolossalisch vergrößert. Es geht ein Grundmotiv durch das Buch, das zum Schluß wiederholt in dem treffenden Wort ausklingt: ״er war ein guter Mann". Wir sehen einen stillen und zarten Rebellen, der in allen Phasen seines Lebens — als Ghettojude, Polizeibeamter der Stadt Frankfurt, Theaterkritiker, Redakteur und politischer Schriftsteller — die Sache der Unterdrückten kämpferisch verfocht, weil ihn immer wieder Not, die Not der andern, zum Kampfe trieb. Und wir sehen über das Plastische hinaus aut jeder Stufe dieses Daseins die tiefere Bedeutung seiner Sendüng; insbesondere die Kapitel über den Theaterkritiker und den Polemiker Börne enthüllen die letzten Antriebe einer Natur, der alles zum Anlaß wird, die Welt nach ihrem Bild, dem Bild einer gerechteren Welt, zu ändern. So wäre das Buch ausgezeichnet, wenn — ja, wenn es erlaubt wäre, Börne den Juden gänzlich auszuschalten; oder Vielmehr, das jüdische Phänomen Börne mir in dem Maße zuzulassen, in dem Börne es für sich selbst zugelassen hat. Was war ihm sein Judentum? Der Zufall einer Geburt; äußerer Anlaß von Widerständen. Was war sein Leben? Der Kampf für die Freiheit von diesen und ähnlichen Geburtszufällen. Börne durfte seine Herkunft noch so sehen, Marcuse nicht mehr. Börne durfte ja auch noch bürgerlicher Liberaler sein, um erst ganz zum Schluß seines Lebens zu erkennen, was der Sieg dieses Liberalismus in Wahrheit bedeutete. Hier sieht Marcuse scharf mit heutigem Blick, aber das jüdische Problem sieht er noch, wie es Börne vor 100 Jahren gesehen hat, nämlich gar nicht Dieser sonst so tief schürfende Mann bekommt es fertig, zu schreiben, daß Börne aus einigen Stammwurzeln deutscher Art lebte, ״aus deutscher Innerlichkeit und deutschem Anarchletrieb“ Ach du lieber Gott! Und die Juden, die ein paar Kilometer weiter westlich durch ״AÄsSnWb'elB**, Ggehnafetoup; in. {*in anderes Reich verpflanzt waren *- die Hourwitz und Berr und wie si? alle hießen, die sich damals hervortaten, aus was für Stammwurzeln mögen die wohl gelebt haben? Wahrscheinlich doch aus gallischer Klarheit und gallischer Freiheitslieb'e. Man braucht also nur festzustellen, ob der jeweilige Levy sich mit oder ohne accent aigu schreibt, um zu wissen, was man von seines Wesens Kern zu halten habe. Diese Methode ist noch heute — nach anderthalb Jahrhunderten des Zusammenlebens — nicht angängig; sie wirkt völlig verfälschend, wenn man mit ihr einen so jüdischen Juden erfassen will, wie diesen Louis Baruch, geboren 1786 in einer Judengasse und Jude geblieben auch als christlicher Freiheitskämpfer: Jude, dessen Mission es noch immer war, die Welt zu ändern. Ein einziges Mal wird auch Marcuse Von diesem Gefühl erfaßt; mitten in seinem Buch steht im Anschluß an ein Börne-Zitat ein vereinzelter Satz, dessen Motiv vorher nicht anklingt und das nachher nicht wieder aüfgenommen wird: ״So hatten einst die zürnenden hebräischen Propheten gewehklagt,“ Wäre cs nicht fruchtbarer, wäre es nicht unerläßlich gewesen, diesen isolierten Satz zum Leitsatz zu machen, statt dem zürnenden Propheten die Stammwurzeln .deutscher Art anzi&ängen? im Ghetto wurde Börne Katev genannt, und das soll Witzbold heißen. Aber es heißt eben nicht Witzbold, sondern Katev, wie" im Grunde alle Worte dieser Art unübersetzbar sind. Und das Unübersetzbare an Börne — das ah ihm, Was ihn nicht hat zum europäischen Witzbold, sondern zutn europäischen Katev werden lassen —, ist Marcuse uns schuldig geblieben; übersetzt hat er den ganzen Mann: und das gibt einen sehr guten und genauen Text, in dem nichts fehlt als die unwägbare Nuance der Ursprache. Es ist schwer, darüber zu rechten. Daß es ein Jude war, der als erster die Theaterkritik von einer ästhetisch-dogmatischen zu einer Kritik der Gesellschaft gemacht hat, der von der Bühne herabsah in das Parkett, auf das es zu wirken, galt, dürfte wohl doch nicht zufällig und nicht deutsch-innerlich, sondern ausgesprochen die Sache eines Juden gewesen sein, dem kein Begriff fremder sein mußte als der, den man später l’art pour l’art genannt hat; eines Juden, der deshalb noch oder gerade auch die Kunst ergriffen hat, um durch sie auf eine Besserung menschlicher Gemeinschaft zu zielen. Wie hervorragend schildert Marcuse Börnes Kampf gegen Goethe; wie glänzend ist hier zum Ausdruck gebracht, daß es sich bei den Angriffen . Börnes gegen Goethe nicht um irgendeines der ״Einzelgefechte“ handelt, wie sie andere Schriftsteiler der Zeit gegen. Goethe geliefert haben, sondern daß Börne der ״Anti-Göethe“ schlechthin ist, daß Börne, indem er die Talent-Kritik zur Existenz-Kritik macht, den ״tragischen Kampf gegen seinen Antipoden״ führt Alles wird hier von Marcuse gesagt: daß es sieh um den Kampf der Freiheifgegen die Form, des Zielmenschen gegen den Augenmenschen handelt ־7־ nur im letzten Augenblick, wo es darauf ankäme, dem bürgerliehen Heiden mit aller Deutlichkeit den revolutionären Juden zu kontrastieren — diesen tragischen Kampf also aus der Sphäre zweier Individuen in die allgemeinere zweier Menschengruppen zu verlegen, die Blut und Geist aus anderen Wurzeln nähren, biegt er. ab und glaubt plötzlich, Börnes ideal eines freien Menschentufns im Gegensatz zu Goethes Harmonie-ideal der indrvidueilen Persönlichkeit rein äußerlich aus dem Schicksal des unterdrückten Juden erklären zu sollen. An dieser entscheidenden Stelle verleugnet Marcuse sich selbst, nachdem er noch zu Anfang des Buches sehr richtig betont hat, daß für Börne die ״Ghetto-Herkunft nur der Anreiz zur Entfaltung“, und daß sie später nichts als ״irgendein Abschnitt im großen Kapitel Unterdrückung‘׳ war. Nun, wenn das so war — und es war gewiß so -j was hat dann Börne, da er sich als Anti-Goethe zur letzten Entfaltung erhob, was eigentlich hat er da entfaltet? Entfaltet nicht* als die Schößlinge aüs den Wurzeln jenes jüdfschca Stammes, dar noch Immer Zielmenschen und kaum je Augenmenschen gestellt hat und in dem immer wieder — noch unter der letzten Erstarrung des anormal lebenden Volkes ~ formbrechende Strömung dem ursprünglichen Leben ein Bett gerissen bat. Bei Marx, der mehr als drei Jahrzehnte später zur Weit kam, der keine Judengasse mehr kcnnengelcrnt hat und dessen Vater schon Akademiker war, dürfte es wohl ganz klar sein, daß in keiner Phase seines Lebens das äußere Schicksal herangeholt werden darf, um zu begründen, weshalb sein Ideal dem Harmonie-Ideal der individuellen Persönlichkeit so ganz und gar entgegengesetzt war. Es geht auch bei Börne nicht an, der gerade als Anti-Goethe das zeitloseste und deshalb auch heute noch lebendigste Stück seines ganzen Werkes gegeben hat; so zeitlos und so lebendig, weil dieser tragische Kampf zweier Antipoden über die persönliche Sphäre von lndividuen hinaus in die zweier Gruppen greift, die, sich aus verschiedenen Stammwurzeln nährend, auf gleichem Raum zusammcnleben. Und wenn es überhaupt die bleibende Leistung von Börnes Leben war, einem neuen Wortreich in Deutschland zum Durchfaruch zu verhelfen, wie Marcuse sagt; wenn hier also plötzlich ein neues Instrument im deutschen Konzert sich hören läßt, wenn schließlich mit ihm, dem königlichen Journalisten, eine ganze Gattung des Schrifttums neu erwächst, die zwar durchaus nicht königlich ist, aber in ihren besten Vertretern noch immer eben dies spezifisch Börnesche verrät; den brennenden Willen zur Gestaltung der Gesellschaft, verfochten mit denselben Wortmittein des scharfen Witzes und der aufrüttelnden Anklage dann sollte es doch wohl näher liegen, das Individuelle zuin Typischen zu erheben, nämlich Börne als den sichtbarsten Beginn des Einbruchs jüdischer Geistigkeit in das öffentliche Leben der Deutschen zu sehen und zu bewerten, als ihm kurzerhand Hutten, Luther und Lessing zu Ahnen zu geben, womit er nicht nur überschätzt sein dürfte, sondern überhaupt in falschen Zusammenhang gerückt ist. Ich muß an zwei von Marcuse nicht zitierte Börne-Worte denken. ״Dahin müßte es noch kommen“, schreibt Börne in seinen Briefen aus Paris vom 17. März 1831, ״diese erhabene Lächerlichkeit fehlte noch der deutschen Geschichte, daß einmal Juden sich an die Spitze des deutschen Volkes stellen, wenn es für seine Befreiung kämpft“. Nun, in Wahrheit hat schon der Rebell Börne sich an die Spitze gestellt, und inzwischen haben die Juden es vollends gelernt; aber indem sie es taten, waren sie von den andern nicht nur graduell, sondern dem Wesen nach verschieden. Und dieser Tatbestand wurde ihnen quittiert, indem man sie erschlug wie die Hunde. Das ist allerdings nur ein Teil jüdischer Menschheit, der Ueberdurchschnittliehe, der als solcher die Wurzeln seines Seins am deutlichsten zum Ausdruck bringt. Aber auch den andern, den bürgerlichen Durchschnitt, hat Börne schon erkannt, als er in den gleichen Briefen aus Paris ein paar Tage später schrieb: ״. . . . bei Völkern wie bei einzelnen Menschen entwickeln sich mit neuen Tugenden auch neue Fehler. So gab es noch vor 40 Jahren in Frankfurt gar keine blonden und langweiligen Juden, sie waren alle schwarz und witzig; seitdem sie aber in der Bildung fortgeschritten, findet man nicht weniger Philister unter ihnen als unter den ältesten Christen.“ Ja, das ist die andere Gruppe, die der jüdischen Kriegervereinler und Abwehrhonoratioren, jener überwiegende Durchschnitt, der sich so herrlich angefliehen hat und der um nichts so ängstlich besorgt ist wie um ie garantierte Echtheit seiner deutschen Stammwurzeln. Wenn noch ein Schriftsteller wie Marcuse den Juden Börne, der sich an die Spitze stellen und einem neuen Wortreich in Deutschland zum Durchbruch verhelfen konnte, weil er aus einem andern mächtigen Wortreich kam, mit unter die ältesten Christen gteckt.. dann ist das ein Zeichen für die fortwirkende Verfal- Schling eipes ■Jahrhunderts.;־Ein Börne wäre-ihr hieüt erleteti, -Mäh kannniitülicH hidir-vWÄireHvcicef 4'ejltt־-־Ä21«S־Är^|s י wenigstens ist sehr wahrscheinlich, daß er heute ungetauft und ein Louis Baruch bliebe sein Leben lang. Lind ein Geist wie dieser Baruch müßte dann auch die Frage seiner Herkunft uiid seiner Zukunft unter ganz anderem Aspekte sehen. Schade, daß im Gegensatz dazu Marcuse in diesem Punkte noch um 1830 hält; und das bedeutet, daß er — in einem sonst vortreffliehen Budie — auf die Herausarbeitung eines wesentlichen Grundzuges von Börne verzichtet hat. Es bedeutet weiter, daß er sich die einzigartige Gelegenheit, von diesem Mann als einem höchst charakteristischen Beginn aus die Art der Einflußnahme jüdischen Geistes auf deutsches Leben auch .nur schlagartig zu beleuchten, hat entgehen lassen, II. , Wenige Jahre nach Börne, der im wesentlichen noch ein Kämpfer gegen den Feudalismus gewesen war und der erst ganz zuletzt das antisoziale Wesen des Liberalismus erkannt hatte, beginnt mit einem andern Juden, mit Karl Marx, ein neues Kapitel der Gesellschaftskritik. Unsere Zeit beginnt; und wer es unternimmt, Deutschlands Wejz auf der Spur der jüdischen Männer zu gehen, die von Marx bis Rätheriau in die Geschichte der Deutschen aktiv eingegriffen haben, unterliegt mit diesem Vorstoß doppelter Gefahr. Da ist nicht die Schwierigkeit jeder Gegehvvartsdarstellung, da ist die besondere Schwierigkeit, jenes Unwägbare der jüdischen Komponente, der so stark fühlbaren und so schwer erfaßbaren, in Worte zu kleiden. Ueberhaupt, was für ein Thema! Da müßte, denkt man, das ganze Werden deutscher Geschichte und deutscher Politik durch ein Jahrhundert entrollt werden, damit auf diesem Grunde — einem Hintergründe zwar, aber doch einem lebendig bewegten, fortschreitend sidi entwickelnden — die Gestalten der Männer sich abheben, die die Zeit, aus der sie geformt wurden, nun ihrerseits formten und weitertrieben. Und damit man im innersten begriffe, weshalb eigentlich unter dem Blickpunkt des Judentums hier deutsche Historie abgehandelt wird, müßte das Ganze von der Fragestellung beherrscht sein: welcher Art war der Einfluß dieser Juden, der bisher ausgeschalteten, die hier plötzlich in das öffentliche Leben eines Volkes vorstießen; darf überhaupt von einer einheitlichen Einflußnahme, die auch nur in ihren letzten Tendenzen unter dem Oberbegriff ״jüdisch“ subsumiert werden kann, gesprochen werden; und falls eine Richtung dieser Art sichtbar wird, ist sie — letzte entscheidende Frage — nur Folge sozialer Bedingungen, mit deren Aufhebung sie schwinden würde, oder vielmehr Wirkung irrationaler Gemeinschaftskräfte, stets gültiger, die immer wieder den Juden seiner Umwelt unterschiedlich entgegenstellen. Ich weiß, das alles ist wissenschaftlich so wenig zu beant- Worten wie das Thema wissenschaftlich ist. Es kommt aber auch gar nicht auf die Antwort, sondern auf die Fragestellung an. Nur mit ihr als leitendem Gesichtspunkt läßt sich überhaupt darstrilen, weil darstellen auswählen heißt. Und in dieser Auswähl liegt bereits eine Ordnung, Sichtung und Bewertung, die gar nicht anders als subjektiv sein kann. Die Autoren, die am Schluß ihrer Untersuchung fein säuberlich Bilanz ziehen, als sei ihnen nah atn Ende ein Licht aufgegangeri über das Resultat ihrer mühseligen Einzeiforschung, machen sich und dem Publikunr etwas vor. In Wahrheit steht das Resultat am Anfang, mindestens ein Vorgefühl des Resultats; sie könnten sonst gar nicht beginnen. Und well das schon bei wirklich Wissenschaft- Sicher Geschichtsschreibung so ist, sollte man nicht ängstlich sein bei einem Thema, das noch (noch) unwissenschaftlich ist, bei dem aber viel fruchtbares Neuland gewonnen werden kann, indem man dieser scheußlichen Vermanschung ein Ende setzt, durch die für den deutschen Geist proklamiert wij־d, was aus irgendwelchen Gründen als abgestempelt und auf genommen gilt, während man uns den Abhub solange überläßt, bis auch dieser eines Tages in die deutsche Ruhmeshalle ein geht. Wenn ich mit diesem Umriß von Anforderungen, die man an ein Buch mit dem ungeheuren und lockenden Thema ״Von Marx bis R a t h e n a u“ zu stellen hätte, etwas schweres Geschütz auffahre, so geschieht es durch das erregende Moment, das im Thema selber liegt, das unser Thema ist und das leider immer noch der Bearbeitung harrt. Was Schay gibt, ist nicht das Thema selber; es sind Materialien dazu. Er gibt ein gutes Dutzend kurzgefaßter Biographien jüdischer Politiker und ordnet sie chronologisch an. Mir scheint das nicht sehr glücklich. Denn für Biographien kommt die allgemeine Geschichte nur soweit in Frage, wie sic zur Erläuterung des dargestellten Einzellebens unbedingt erforderlich ist. Hier aber, wo eine Vielheit von Männern unter bestimmtem Blickpunkt zusammengefaßt und in den Ablauf eines Jahrhunderts gestellt wird, müßte genau umgekehrt verfahren werden: hier wird der geschichtliche Ablauf zur Hauptsache, und das Biographische ist nur so weit von Bedeutung, wie es von Einfluß auf das Geschichtliche gewesen ist Auf diese Weise würde auch vermieden werden, daß Männer von höchst verschiedenem Rang, vor allem aber auch von höchst verschiedener Bedeutung wie gleichberechtigt nebeneinander gestellt werden. Ich greife nur drei heraus: Marx, Riesser, Bambefger. Riesser gehört überhaupt vielmehr in die jüdische Emanzipationsgeschichte als in die deutsche Geschichte, für die er sehr unerheblich ist; er ist also ein Kapitel für sich. Was einen Bamberger anbetrifft, so wird es immer vergebliches Bemühen sein, aus der Gestalt eines solchen beredten und gewandten Bürgers Erkenntnisse für unser Thema zu gewinnen. Er und seinesgleichen sind nichts als Vorder grund-Erscbeinungen eines jüdischen Bürgertums, dessen politische und wirtschaftliche Situation sie unbewußt zum Ausdruck bringen. Nicht ihre Biographie interessiert, sondern die der Massen, die sie darstellen: dieses Bürgertums, das links ist, weil es jüdisch ist, und rechts, weil es Bürgertum ist, so daß es je nach Bedarf durch den Handeisteil oder den Leitartikel seiner Zeitungen definiert werden kann. Aus dieser bürgerlichen Schicht, aus der auch sie erwachsen und gegen die sie wachsen, erheben sieb fün die wenigen großen Einzelnen, zu deren Erklärung nichts hinreicht, was man auch an soziologischen Bedingungen heranziehen könnte. Marx hat sich am schlagendsten durch seine eigene Existenz widerlegt. Hier greift man in irrationale Sphären; und gerade weil es die großen Einzelnen sind, die am sichtbarsten und reinsten ihres Wesens Wurzel zum Ausdruck bringen, wird es in solchen Fällen erlaubt sein, vorsichtige Schlüsse auf unsere Frage zu ziehen. Die große Masse, die die Bedingtheit der jüdischen Situation darstellt, und die großen Einzelnen, die die jüdische Unbedingtheit repräsentieren — das sind die wahren Gegenspieler des geschichtlichen Ablaufs, mit denen eine fruchtbare Darstellung operieren müßte. Dann könnte auch nicht ein so schiefes Bild entstehen wie das, welches Schay in einer ״Bilanz“ am Schluß seines Buches gibt, in der er so verschiedenartige Größen wie Marx und Lasker und Rosa Luxemburg und Theodor Wolff unbeirrt nebeneinander aufmarschieren läßt, um ״die tiefe Kluft zwischen jüdischer Geistigkeit urtd Realität“ darzutun, womit er im Grunde den ganzen Versuch einer Zusammenfassung ad absurdum führt. Alles in allem: Schays Buch wird mit Gewinn lesen, wer sich die dicken Bücher etwa von Spargo über Marx, von Oncken über Lassalle, von Zlocisti über Heß, von Keßler über .Rathenau und so fort ersparen will; wer die Biographien all der jüdischen Männer, die von Marx bis Rathenau hervorgetreten sind, gen! kurz und leicht faßlich ia einen mittleren Band zusammengefaßt haben will, und wer dies als Materialien betrachtet, die eigene Gedanken und eigene Phantasie zu einem Bild zusammenschließen müssen;y Gustav Krojanker. ■e •■1 ־׳*"S.! , ־* ״ ,**,iS *V.*.;»׳«־ ׳.; '• v ■ \ •W׳ Ein national-liberaler Jude In Achad Haains ״Am Scheidewege“ (Bd. II, S. 106 der Ausgabe des Jüdischen Verlages 1923) findet sich die folgende Stelle: ״Aber warum müssen wir da stehen bleiben, wo die Geburt uns hinstellt? Warum sind unsere Väter dreitausend Jahre lang Juden geblieben, wo es wahrlich niemals leicht war, Jude zu sein?... Und warum bleiben wir und müssen wir bleiben was wir sind? Weil das Judentum die beste aller Religionen ist? Das behaupten alle Gläubigen von ihren Religionen. Aber Gabriel Richter hat gemeint: aus Ehrgefühl. Andere haben gesagt: aus •Gewissenhaftigkeit. Wieder andere: aus Pietät ... - Wie viele Antworten und keine Antworten! Wie viele Gründe und kein Grund! Wo ist die Wahrheit? Warum wir Juden sind? Törichte Frage! Frage das Feuer, warum es brennt! Frage die Sonne, warum sie scheint! Frage den Baum, warum er wächst! So frage den Juden, warum .er Jüide ist. Wir können nicht anders. Es ist in uns ohne unser Zutun... Es ist ein Gesetz unserer Natur... Aber nicht die. jüdische Ueberzeugung, nicht die jüdische Lehre, nicht das jüdische Bekenntnis ist das Erste, das Primäre, das Erweckende, sondern das jüdische Empfinden, das Instinklive; nennts wie Ihr wollt, nennts Gemeinschaft des Bluts, nennts Stammesgefühl, nennts Volksseele..." Lebendige Worte — vor mehr als dreißig Jahren geschrieben, heute noch frisch wie einst. Aber diese Worte gehören nicht Achad Haam selbst. Wem sonst? Man vermutet: einem Mitarbeiter in jenen zionistischen Jugendschlachten; einem Freunde Achad Haarns. — Weit gefehlt. Der sie schrieb, heißt Caesar Seligm an n, damals in Hamburg, jetzt in Frankfurt a. M., aber damals wie jetzt einer der Vorkämpfer des religiösen Liberalismus. Vor kurzem erst hielt dieser selbe Mann den Festvortrag bei der Breslauer Hauptversammlung der ״Vereinigung für das liberale Judentum“, über ״Das Judentum als Weltreligion“; es ist in der ״Jüdischen Rundschau“ (Nr. 2 vom 7. 2. 1930) ausführlich darüber berichtet worden. Lesen wir diesen Vortrag — die ״Jüd. Liberale Zeitung“ druckt ihn vollständig ab —, so klingt er wie ein spätes und volleres Echo jener frühen Aeußerangeii, in denen einst Achad Haam ״flammende Ueberzeugung und ein Echo des wirklich im Volke lebenden Gefühls“ fand. Die Eigenart des. Judentums — so heißt es in den Berichten — sei nicht erschöpft durch Begrifte wie Volk oder Religion, Rasse oder Konfession. Am ehesten ließe sich sein Wesen noch mit dem Begriffe des ״Religionsvolkes“ wiedergeben. JReligionsvoJk — wer denkt da nicht an einen anderen der alten zionistischen Kämpfer, an Nathan Birnbaum und seine These von ״Gottes Volk?“ Kein Wunder, daß sich, wie die Berichte erkennen lassen, in der Diskussion lebhafter Widersprach von seiten der extremen Konfessionalisten gegen diesen nationalen Liberalismus erhob. Weder Rudi Meyer noch Bruno Woyda konnten damit einverstanden sein. Zumal wenn Seligmann gegen die Assimilation Einspuch erhob, die niemals den Juden zum reinen Menschentum führe, sondern immer nur ein Aüfgehen in einer der schon bestehenden Erscheinungsformen der Menschheit bedeute. Nur darin möchten wir dem Bericht• erstatt er keinen Glauben schenken, wenn er in Seligmanns Worten ״neue Strömungen im Liberalismus“ zu begrüßen meint Auch wir begrüßen diese Worte; aber wir begrüßen sie doppeli herzlich, weil sie aus dem Munde eines Mannes kommen, aem — wie die obige Erinnerung aus Achad Haam zeigte — das höchste Gut der Erdenkinder zuteil wurde — die Treue gegen sich Bertha Badt-Strauß.

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