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Jüdische Rundschau · 1930-02-07 · Heft 11 (7.2.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 11 (7.2.1930)
Date
1930-02-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 74 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 11, 7. II. 1930 Jt Rabbi Meir Berlin Aber aktaelleFragen Rabbi Meir Berlin, Präsident des Weltmlsrachi, Mitß'ied der Zionistischen Exekutive und Vorsitzender des Hilfskomitees für die Opfer der Palästina-Unruhen, weilte in diesen Tagen, aus Palästina kommend, in Berlin und äußerte sich dem Vertreter der J. T. A. gegenüber über aktuelle Prägen Palästinas. Auf die Frage, wie augenblicklich die Lage in Palästina ist, erwiderte Rabbi Berlin: Die Lage im allgemeinen ist viel ruhiger und viel sicherer, als man cs sich hier im Auslande vorstellt. Unruhegefahr ist so gut wie nicht mehr vorhanden. Die Angst vor der Unsicherheit im Lande ist geschwunden; die Wege sind vollkommen frei und sicher. Die Regierung hat in der letzten Zeit viel energischere Maßregeln getroffen, als dies früher der Fall war. Das Leben ist wieder normal geworden, die Chanukkahtage sind sogar in sehr froher Stimmung zugebracht worden, und in diesem Sinne kann man die traurigen Aw-Tage als überwunden betrachten. Hinsichtlich der ökonomischen Lage bleibt natürlieh viel zu wünschen übrig; besonders was die jüdischen Händler in der Jerusalemer Altstadt und die Fa* brikanten in Tei-Awiw anbetrifft. Der Boykott hat in Jaffa und Haifa nachgelassen, aber ln Jerusalem ist er immer noch sehr fühlbar. Was die Fabrikanten in Tel-Awiw anbetrifft, so ist hier der Boykott dadurch besonders fühlbar, daß viele Geschäftsleute aus Syrien, Transjordanien und Irak unter dem Einfluß des Boykotts ihre Bestellungen zurückgezogen haben. In letzter Zeit ist jedoch auch nach dieser Richtung eine gewisse Besserung eingetreten. Abgesehen von den Geschäften, die durch den Boykott mehr oder weniger leiden, ist im allgemeinen die ökonomische Lage zufriedenstellend. Es gibt kaum Arbeitslose, es werden neue Orangengärten gepflanzt, viele Häuser gebaut Die Chaluzim, die in letzter Zeit ins Land kamen, sind im Verlauf von drei Tagen nach ihrer Ankunft der Arbeit zugeführt worden, und es besteht die Möglichkeit, für neue Cnaluzim Arbeit zu finden. Die Frage der Bodenkäufe Frage: Was halten Sie von den neuen Landankäufen des lateinischen Patriarchats? Antwort: Die Tatsache, daß eine nichtjüdische Macht große Landstrecken an sich bringt, ist für uns eine recht bedenkliche Angelegenheit, insbesondere wo es sich um Landflächen handelt, die zwischen jüdischen Siedlungen Hegen, wodurch ein Zusammenschluß der jüdischen Kolonien in nächster Zeit unmöglich gemacht wird. Während die allgemeine Lage in Erez-lsrael nicht schlecht ist, ist der Zustand der zionistischen Fonds, sowohl des Keren Kajemeth, wie auch des Keren Haiessod, ein sehr trauriger. Die einzige Hoffnung ist, daß das gesamte Judentum sich nicht nur über die Notwendigkeit größerer Bodenankäufe klar wird, sondern daß wir so schnell wie möglich handeln und daß keine Zeit ungenutzt verstreichen wird. Der Keren Kajemeth muß seine Einnahmen in den nächsten fünf Jahren verdoppeln und verdreifachen, damit es ihm ermöglicht wird, den jüdischen Landbesitz zu vervielfachen. Die politische Lage Frage; Wie denkt man in London über die politische Lage, Insbesondere im Zusammenhang mit der Unter* suchungskommission? Antwort: Lieber die Untersuchungskopimissipn. läßt sich nichts sagen, bevor nicht ihr Bericht veröffentlicht wird. Die Regierung hält daran fest, daß an der Mandatspolitik nicht gerüttelt werden darf; im Gegenteil, man erwartet gewisse Schritte, um die Mandatspolitik klarer und fester in die Erscheinung treten zu lassen. Die Zionistische Exekutive bedauert es, daß soviel Theorien über den Frieden mit den Arabern aufgestellt werden. Tatsache ist, daß niemand mehr als die zionistische Leitung nach Wogen sucht, um mit der gesamten Bevölkerung Erez-Israels ein gutes Einvernehmen zu schaffen und dadurch auch die Entwicklung des Landes zu fördern. Antwort an Dr. Pinchas Cohn Als Misrachist möchte ich hier bemerken, fuhr Rabbi Berlin fort, daß die Aeußerungen, die letztens seitens der politischen Führung der Agudas Jisroel gemacht wur* den, weder mit der Ideologie des religiösen Judentums, noch mit dem Gedankengang des alten Jischuw übereinstimmen, die agudistischen Führer in Erez-lsrael mit inbegriffen. Das religiöse Judentum hat immer nach einem vollkommen selbständigen jüdischen Leben in Erez-lsrael gestrebt, das von keinem Außenstehenden weder geistig noch ökonomisch beeinflußt werden soll. Sowohl in den Worten der Propheten, als auch in unseren Gebeten wird dieser Oedanke immer hervorgehoben und ein religiöser Jude sollte der letzte sein, der sich schwach zeigt in der Forderung, Palästina als jüdisches Land aufzubauen. Der alte Jischuw hat nicht nur jetzt, sondern von jeher seine Anwesenheit in Erez- Israel als eine Vorstufe für den Aufbau und weiteren Ausbau des jüdischen Landes betrachtet. Das heißt nicht, daß der alte oder der neue Jischuw jemanden aus Erez-lsrael verdrängen will, im Gegenteil, die jüdische Religion prägte den Begriff des ״Ger toschaw“, den keine andere Religion und Nationalität kennt. Das Recht jedes Einwohners Erez- Israels wird bei den Juden anerkannt; das heißt aber nicht, daß Erez*IsraeI nicht das Nationalheim der luden sein soll Es ist zu hoffen, daß auch die nichtjüdische Weit unsere friedlichen Absichten den Arabern gegenüber anerkennen wird. Durch manche Aussagen vor der Untersnchungskommission ist es ganz klar geworden, daß, wo jüdische Kolonisation Fuß gefaßt hat, auch das Leben der Araber in vieler Beziehung eine Verbesserung erfahren hat. Erez-lsrael Ist noch so wenig bebaut und seine Besiedlungsmöglichkeiten so wenig ausgenutzt, daß. wenn moderne Wirtschaftsformen angewandt würden, sicherlich für die Araber, die jetzt in Erez-lsrael leben, genug Platz ist und außerdem für Millionen Juden, die sich jetzt schon als zu Erez-Isrjel zugehörig fühlen und in den näch$*en Jahren hoffentlich auch nach Erez-lsrael kommen werden. Dr, Habln Rektor des Breslauer Seminars Das Jüdisch-Theologische Seminar verband die diesjährige Feier der Rektoratsübergabe mit einer Erinnerungafeier für den Stifter der Anstalt Jonas Fracnkcl. Den Bericht über das vergangene Jahr erstattete Dozent Dr. Heinemann, woraufhin Seminarrabbiner Prof. Guttmann den fünf Absolventen des letzten Jahres ihre Rabbinerdiplome überreichte. Den Festvortrag hielt der Rektor des neuen Jahres, Dozent Dr. Israel Raoin: ״Stoff und Idee in der jüdischen Geschichtsschreibung“. Das belgische Königspaar besucht Palästina. Der König und die Königin von Belgien, die im kommenden Frühjahr Aegypten besuchen, sollen auch nach Palästina kommen. Das Königspaar wird auf seiner Orientreise von Paul Hymans, dem belgischen Außenminister und früheren belgischen Gesandten in London, der Jude ist, begleitet sein, (J.T. A.) Einige polemische Bemerkungen Die politische Polemik innerhalb des Zionismus, die in Deutschland durch den Delegiertentag von Jena zu einem gewissen vorläufigen Abschluß gebracht wurde, wird anderwärts mit Heftigkeit fortgeführt, ohne daß wesentlich neue Gesichtspunkte zutage treten. Wir haben uns in der letzten Zeit von einer Teilnahme an dieser Auseinandersetzung zurückgehalten, weil wir der Meinung sind, daß die Anschauungen bereits mehr oder weniger geklärt sind und ohnedies ernste politische Ereignisse bevorstehen, bei denen sich konkretere Unterlagen für die Auseinandersetzung bieten werden. Leider ist aber diese Zurückhaltung, dies muß einmal ausgesprochen werden, einseitig, denn was von manchen Leuten innerhalb und außerhalb Palästinas in der letzter! Zeit an unfairer Polemik hervorgebracht wurde, übersteigt schon das Maß des Zulässigen. Es scheint, als ob große Teile der zionistischen Bewegung heute aus ihrer seelisehen Spannung keinen anderen Ausweg kennten, als innerzionistische Kctzerriecberei; die beliebteste Zielscheibe hierfür ist der ״Britli Schalom“, jene palästinensische Gruppe, die seit Jahren sich für eine jüdisch-arabische Verständigung einsetzt und innerhalb des Zionismus ernsthafte Behandlung aller konkreten Fragen verlangt, die in den Beziehungen zwischen Juden und Arabern in Palästina eine Rolle spielen, angefangen von den politischen bis zu den ökonomischen und sozialen Fragen. Man brauchte nicht mit allem, was einzelne Mitglieder des ״Brüh Schalom“ bei dieser oder jener Gelegenheit geäußert naben, einverstanden zu sein, und konnte natürlich dagegen polemisieren; aber was faktisch vielfach geschah, war nicht Diskussion, sondern Entstellung der Tatsachen, Verdächtigung und Verleumdung, —- eine nur aus einer Psychose erklärbare Kampagne. Der ״Brüh Schalom“ nun ist dagegen wehrlos, denn er ist keine Partei, die Massenpropaganda treibt, sondern eine Vereinigung von Individuen, die besonderen Nachdruck legen auf eine Idee, die vom, Zionismus eigentlich offiziell akzeptiert wurde (durch die Resolution des XII. Kongrosses und durch die Annahme des Weißbuches von 1922), nämlich daß Palästina nicht ein ״Judenstaat“, sondern nur ein ״binationales“ Gemeinwesen sein kann und daß in diesem von der Wirklichkeit Palästinas gebotenen Rahmen das zionistisehe Ziel verwirklicht werden muß, wobei klar Ist, daß auch dies bei der heutigen Lage nur möglich ist bei aktiver Unterstützung der jüdischen Aufbauarbeit durch die Mandatarmacht; freilich — so meint der ״Brith Schalom“ — auch nur bei einem Ausgleich mit den Arabern. Gegen den ״Brith Scha- Jom“ wurden, sofern man überhaupt mit Argumenten und nicht mit Beschimpfungen operierte, von zwei Seiten Einwendungen erhoben: Die einen sagen, daß ja die Mehrheit der Zionisten für ein binafionales Palästina sei und daß der ״Brlth Schalom“ den Eindruck hervorrufe, als sei dem nicht so; die anderen aber sagen, daß der ״Brith Schalom“ ״Defaitismus“ und ״Verzieht“ predige, indem er das zionistische Ziel, den .. fudenstaat“ (im Zentralorgan ״Haolam“ z. B. hieß es: ״die jüdische Souveränität über Palästina“) preisgebe. Eines ist klar: Die beiden Einwände heben einander auf. In Wahrheit ist das gesamte jüdisch-arabische Problem, was heute von vielen Seiten erkannt wird, von der Zionistischen Exekutive jahrelang theoretisch und praktisch vernachlässigt worden, entsprechend der Haltung der zionistischen Oeffentliehkeit, die in ihrer Mehrheit die Frage bagatellisierte — vielleicht mit Ausnahme der Revisionisten, die ihren Ernst sahen und daher auch gewisse Remedien vorschlugen, denen wir freilich nicht beistimmen. Auch heute noch finden wir in der zionistischen Welt ein heftiges Widerstreben, die arabische Frage in ihrer Wirklichkeit *u $ehen, und wir glauben, daß darum im letzten halben Janre zahlreiche schwere Fehler gemacht wurden, die wir im einzelnen gar nicht kritisiert haben, um in diesem schwierigen Moment die innerzionistische Polemik einzuschränken. Es hat aber den Anschein, als ob ein Teil der Zionisten dem bitteren Ernst der Situation gerade dadurch entgehen möchte, daß er die Frage zu einem Gegenstand innerzionistischer Polemik macht, als ob sic in diesem Rahmen entschieden werden könnte. Dies macht auch uns das Schweigen auf die Dauer unmöglich. Wir glauben, daß eine Politik, die auf Selbsttäuschung und Blindheit für die eigenen Fehler aufgebaut ist, keine gute Politik sein kann. In Palästina gibt es 600000 Araber, die sich als Nachkommen eines Volkes fühlen, das 1000 oder mehr Jahre auf diesem Boden sitzt. Ob sie ein Volk im Sinne der europäischen Demokratie sind, ist hierbei belanglos; sicher aber ist, daß die rapide Wandlung des Vorderen Orients und die zunehmende Bildung der Jugend, die den europäischen Nationalismus gelernt hat, auch die palästinensischen Araber immer stärker mit Volksbewußtsein erfüllt. Der Zionismus hat dieser Tatsache Rechnung getragen in der Resolution des 12. Kongresses, die im Grunde nur eine Ausführung des Gedankens ist, der schon in der Baifour-Deklaration enthalten war: daß das Jüdische Nationalheim i n Palästina errichtet werden soll, das zwar kein leeres Land ist, aber genügend Raum für eine jüdische Siedlung bietet; daß die Juden dort nicht aus Duldung, sondern kraft eigenen Rechtes als Volk leben sollen, daß aber auch die Landesbevölkerung selbstverständlich kraft eigenen Rechtes und nicht aus Duldung dort lebt. Diese Auffassung ist die einzige mögliche Grundläge für eine jüdisch-arabische Verständigung; über die einzelnen konkreten Punkte wird auch dann wahrscheinlich die Einigung genug schwer sein, aber sie muß nicht von vornherein unmöglich sein, sofern die psychologischen Voraussetzungen einer Aussprache überhaupt erst gegeben sind. Heute fehlt es noch vollständig an dieser psychologischen Voraussetzung. Gegen diese psychologische Voraussetzung wird aber daucrud von uns gesündigt, sei cs durch unüberlegte Schmähungen und generalisierende Beleidigungen, die, wie Einstein richtig sagt, leider eine Begleiterscheinung des Streites von Völkern geworden sind, sei es durch eine solche Darstellung zionistischer Ziele, die eine Ignorierung der arabischen Rechte einschließt. Die taktische Situation ist heute die, daß in ihrer Propaganda die Araber einen Abwehrkampf führen gegen angebliche jüdische Herrschaftsansprüche, die sich aus aera Wort ״Judenstaat“ und vielen anderen zionistischen Aeußerungen leicht ableiten lassen. Statt diese Kampagne zu parieren, indem wir zeigen, welches unsere wirklichen Absichten in Palästitta sind, gibt ein Teil der zionistischen Propaganda der arabischen Aktion Immer neue Nahrung. Es genügt nicht, daß wir sagen, wir wollen die Araber nicht ״verdrängen“; sondern daß wir anerkennen, daß auch sie kraft eigenen Rechts und nicht als Geduldete im Lande leben. Gerade aber diesen Gesichtspunkt lassen viele Zionisten bei der Deklaration ihrer Verständigungsbereitschaft oft aus dem Spiele, z. B. auch Rabbi Meir Berlin, wenn er (in der heute veröffentlichten Aeußerung) sagt, wir alle seien für eine Verständigung mit den Arabern, aber diese Erklärung durch den Beweis stützt, die jüdische Religion habe stets den Begriff des ״Ger toschaw“ respektiert, d. h. den im Lande wohnenden Fremdling, und wenn er gleichzeitig davon spricht, Palästina müsse jüdisches Land werden. Wenn diese Worte überhaupt einen Sinn haben, so bedeuten sie, daß im künftigen Palästina die Araber von dem jüdischen Wohlwollen (das ihnen, darin stimmen wir mit Rabbi Berlin überein, sicher in hohem Maße zuteil würde) abhängig wären. Vielleicht ist dies ein Mißverständnis der Worte von Rabbi Berlin, dann sollte es a uf geklärt werden; wir wissen auch, daß •s im Misrachi selbst ganz andere Anschauungen gibt. Aber Rabbi Berlins Worte sind nur ein Beispiel, cs gibt viele krassere Beispiele dieser Art. Und wenn man diese Aeußeruh gen berücksichtigt, dann muß doch jedem Menschen, der selbst in einer nationalen Bewegung steht, ohne weiteres klar sein, daß die Araber dies nicht nur ablehnen, sondern daß sie ihrerseits zu keiner Verständigung mit den Juden bereit sein können, solange sie diese Ideologie als die herrschende zionistische Auffassung betrachten müssen. Unser Glaube an den Zionismus beruht auf der Uebcr- Zeugung, daß alles Wesentliche des zionistischen Zieles auch In dem so beschaffenen Palästina verwirklicht werden kann. Oft wird eingewandt, die Araber könnten sich auch mit einem binationa len Palästina nicht abfinden, weil dies für sie eine Verschlechterung gegenüber dem heutigen Zustand darstelle. Die Wortführer dieses Argumentes meinen, daß aus diesem Grunde die Forderung eines Judenstaates leichter zu vertreten wäre. Nun wäre in der Tat der binationale Staat für die Araber in nationaler Beziehung eine Verschlechterung, aber auch die Araber werden der internationalen Rechtslage und dem unerschütterlichen jüdischen Aufbauwillen Rechnung tragen müssen. Und sie können das um so eher, als die gleichberechtigte Mitwirkung der Juden eine außerordentliche Stärkung der politischen und Wirtschaftliehen Kraft des Gesamtstaates wäre; eine Stärkung, die die Araber gewiß akzeptieren würden, wenn sie keine Befurchtungen haben müßten, zur Rolle der geduldeten Minderheitsnation herabzusinken, — dasselbe, \yas auch wir nicht wollen. Daher ist nach unserer Meinung die Formel des Binationalismus nicht das Ziel von Verhandlungen, sondern der psychologische Ausgangspunkt. Es handelt sich gar nicht um ״Verhandlungen“, sondern um die Grundstimmung beider Völker. Hierfür sind wir in erster Linie verantwortlieh. ״Verhandlungen“ sind Sache politischer Exekutiven. Wie das Prinzip in die Praxis umzusetzen ist, ist eine technische Frage, über die nicht öffentlich diskutiert zu werden braucht. Daß aber dieses Prinzip von einem großen Teil der zionistischen Welt auch heute wie seit vielen Jahren vertreten wird, obwohl diese Stimmen im Chor der öffentlichen Aeußerungen nur schwach zur Geltung kommen, dies auszusprechen ist heute wieder notwendig. Es ist notwendig aus einem bestimmten Grunde, der das Bild völlig zu verschieben droht. In der letzten Zeit sind nämlich außerhalb des zionistischen Lagers mehrfach jüdische Stimmen laut geworden, die das Programm des binationalen Staates vertreten, und es ist von zionistischer Seite gegen diese Auffassung polemisiert worden. Wir sind gewiß keine besonderen Freunde der Agudah; aber wenn ein Führer der Agudah unsere Formel und unser Pro- ' ~ ׳ * ' . hat kürzlich James Marshall, der Sohn des verstorbenen Louis Marshall, ein Palästinaprogramm vertreten, das in seinem prinzipiellen Teil im großen und ganzen unserer Auffassung ziemlich nahe kommt; natürlich soll nichts dagegen gesagt werden, wenn von anders denkender zionistischer Seite gegen Marshall polemisiert wird, aber es soll nicht der Anschein entstehen, als ob hier eine Meinungsverschiedenheit das zionistische vom nichtzionistischen Lager trennte; vielmehr handelt es sich um Differenzen, die sowohl im zionistischen als auch im nichtzionistischen Lager vorhanden sind. Besonders anläßlich der bevorstehenden Sitzung der Jewish Agency in London muß dieser Sachverhalt klargestellt werden, damit nicht •יdurch das Gesetz parlamentarischer Aktion und Reaktion — eine Situation entsteht, die der WirkUchkeit nicht entspricht. Der Unterschied zwischen Zionisten und Nichtzionisten mag in ־was immer bestehen! gewift Hegt er nieht in der• Frage, ob unsere politische Forderung für Palästina ein Judenstaat ist oder ein Jüdisches Nafionalheitn in einem binationalen Palästina. Die Einwände, die 40 Jahre lang in der innerjüdischen Diskussion gegen den Zionismus gemacht wurden, waren ganz anderer Art; sie bezogen sich auf die Frage der Assimi- I a t i o n usw., keineswegs auf die palästinensische Araberfrage, die kaum den Zionisten, geschweige denn den Antizionisten bekannt war. Da jetzt auch Nichtzionisten positiv am Aufbau des jüdischen Palästinawerkes mitarbeiten, ist die akut gewordene Araberfrage ein Problem, das beide zu bewältigen haben, und die Beurteilung der Möglichkeiten einer Lösung sind abhängig von individueller Auffassung, Realitätssinn, Einschätzung der Tatsachen und politischen Kräfte, nicht aber von Gesinnungen. Der Zionismus ist daran interessiert, den Anschein zu vermeiden, als ob Nichtzionisten jetzt das Programm des binationalen Palästina ״entdeckt“ hätten. Darum hielten wir es für nötig, d'es hier auszusprechen. Robert Weltsch. ״Palcstine, Nouvelle Revue Julve“, Verlag Rieder, Paris, 7, Place Saint-Sulpice. Diese schön ausgestaitete Zeitschrift behandelt in ihrer letzten Ausgabe, September-Dezember 1929, in vier Aufsätzen und vielen Notizen die Vorkommnisse in Palästina und die Probleme des Zionismus. Eingeleitet wird die mit besonderer Sorgfalt redigierte Nummer durch die Wiedergabe des Vortrages, den Senator Justin Godard, Präsident des Komitees France-Palestine, im Pariser Hotel Maiestic am 20. November 1929 unter dem Vorsitz von Paul Doumer, dem Präsidenten des Senats, gehalten hat. Diese Rede beweist, mit welcher Gründlichkeit und vorbildlichen Objektivität Godard sich bemüht hat, während seines Aufenthaltes in Palästina knapp nach den blutigen Ereignissen die Verhältnisse kennen zu fernen. An zweiter Stelle gelangt Einsteins bekannter Brief an den ״Manchester Guardian“ zur Veröffentlichung, und wird auf diese Weise dem interessierten französischen Publikum in seinem Wortlaute zur Kenntnis gebracht. Ueber den jüdisch-arabischen Konflikt informiert auf Grund eines umfassenden Dokumentenmaterial» der Aufsatz von A. Barisac!unter welchem Pseudonym sich wohl ein bekannter Zionist verbirgt). In Tagebuch-Aufzeichnungen, reichend vom 14. August bis zum 17. September, schildert M. Y. Ben-Oavriel den Verlauf der Vorkommnisse in Jerusalem. Den Abschluß des Heftes bilden Beiträge von Leon Schestov über ״Spckulation und Pronhetie“, von Henri S6rouja über ״Die Moral in der Philosophie von Leon Brunschwig“. Hierauf folgen Wiedergabe der Pressestimmen über die Ereignisse, ein Bericht über die Züricher Tagungen im Juli-August 1929 und Buch- Besprechungen, von denen erwähnt sei eine Besprechung eines Werkes von Henri Hertz durch Andr6 Spire. — Es ist erfreulich, daß durch diese vornehme Revue das geistige Frankreich über die Probleme des Zionismus und des Palästina- Aufbaus in so glänzender und vornehmer Welse informiert wird. Als Sonderband des Archivs für systematische Philosophie und Soziologie ist «ne Festgabe zum 70. Geburtstag Professor Ludwig Steins erschienen. Mit einer Skizze über Leben und Werk des Philosoohen und Sozio’ogen Stein eröffnet David Kol gen den Band. Eine große Anzahl hervorragender Mitarbeiter aus verschiedenen lindern sind vereinigt, so u. a. Wilhelm Ostwald, W. Nernst, A- Görland, Carlo Sganzini, Nicolai von Bubnoff, S. Marek, H. E, Barneß, Gottfried Saiotnon, E. von Aster, G. Burckhardt, H. Driesch, A. Dyroff, M. Horten, W. Kinkel, H. Leitegang, J. Reinke, %>

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