Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 11 (7.2.1930)
- Date
- 1930-02-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 72 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 11, 7. II. 1930 Ich will damit nicht sagen, daß ein solcher Fehler gemacht worden ist. Die Aufgabe der Mandatarmacht ist jedoch eine schwierige. Die durch die jüdische Immigration entstehenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme sind sogar in der so vielgestaltigen Geschichte der Kolonisation ein Novum. Die Einführung einer Immigrantenbevölkerung von hohem zivilisatorisehen Niveau mitten in eine äußerst rückständige Gerneinschaft ist ein heikler Vorgang. Festigkeit ebenso wie Takt ist erforderlich zu ihrer Durchführung, besonders nach einer Krisis, wie sie Palästina eben erst durchgemacht hat. Wir brauchen nicht auf den Bericht der Kommission zu warten, um zu wissen, daß eine Besserung in den Beziehungen zwischen den Völkern in Palästina von einer allgemeinen Ueberzeugung abhängt, daß eine Unterbrechung des Aufbaus des Nationalheims durch Agitatoren nicht zugelassen werden wird. Deshalb ist es möglich, daß die Zeit reif ist für eine neuerliche Bestätigung der im Mandat festgesetzten Politik. In diesem Falle könnte wohl zugleich Hoffnung und Vertrauen in die Zukunft gefaßt werden. Mögen auch Vision und Initiative, von denen die britische Regierung als erste beseelt war, in der allgemeinen Anerkennung des Anspruchs der Juden, ihre unendlich alte Aspiration zu erfüllen, aufgegangen sein, so kann doch das britische Volk immer noch mit besonderem Stolz auf das Unternehmen blicken, für das es als erstes eine helfende Hand ausgestreckt hat Denn eine Teilhaberschaft an der Wiederherstellung der jüdischen Nation auf dem Boden des Gelobten Landes ist würdig der Traditionen eines großen kolonisierenden Reiches. Zionistisches aus Polen Ideologie und Praxis des ״Sztam“־Zionismus. — Politische Debatten. — Konferenzen des Mlsrachi und Zelre Mlsrachl. (Von unserem Korrespondenten.) — g. Warschau, Ende Januar. Die Landeskonferenz der Allgemeinen Zionisten Westgaliziens und Schlesiens zeigte ein ganz anderes Bild als die Kongreßpolens, mit der sie zugleich tagte. In Krakau gab es zwar keine leidenschafüiche Diskussionen, keine starken Gefühlsauf- Wallungen wie in Warschau, trotzdem aber zeichneten sich die Beratungen durch Ernst, Verantwortlichkeitsbewußtsein und genauer Kenntnis der Lage im Zionismus aus. Die Richtung, die hier repräsentiert wird, ist gekennzeichnet durch die Anschauungen des Präsidenten der Landesorganisation Abg. Dr. Thon und des Vorsitzenden der Exekutive Dr. Schwarzbart. Wie erinnerlich, gab Westgalizien vor dem letzten Kongreß die Initiative zur Schaffung eines engen Zusammen- Schlusses sämtlicher allgemeinzionistischer Verbinde und zwar auf Grundlage eines gemeinsamen Minimalprogramms. Während des Kongresses wurde darüber verhimaelt und einc Koimpissiw bestfp^ndjuis Dr» B11 e s k i Und Dir. Schwarz hart übernahm es, die weiteren Vorbereltüngen zur Schaffung eines solchen Verbandes zu treffen. Dieser Gedanke wurde vor und während der letzten Tagung in Krakau lebhaft erörtert. Seitens der Exekutive in Warschau wird unermüdlich die Anschauung vertreten, daß der sogen. ״Sztam“-Zionismus gestärkt werden und aus der bisherigen Defensive gegenüber anderen Föderationen zur Offensive übergehen müsse. Dieser ״Sztam“־Zionismus sei nicht mehr negativ zu umschreiben, er enthalte in sieh eine positive, schöpferische Ideologie, deren Losungen sind: Soziales Gleichgewicht in Palästina^ Bekämpfung des Klassenkampfgedankehs, Hegemonie der rationellen Idee. In diesen Geiste müsse auch eine sztamzionistische Jugendbewegung geschaffen werden, die zwar chaluzisch gesinnt, und vorbereitet sein soll, jedoch nicht vollständig palästinozentrisch gerichtet sein muß. Es sei notwendig, den Allgemeinen Zionismus auf dieser geistigen Grundlage in allen Ländern zusammenzuschließen und eine autoritative Instanz für diese Bewegung zu schaffen, damit sie geschlossen und wirkungsvoll in der Weltorganisation auftritt. In der abgelaufenen Berichtsperiode hat auch die Leitung der westgalizischen Zionisten gemäß diesem Programm gehandelt und konnte zur Konferenz mit greifbaren Resultaten ihrer Tätigkeit kommen. Die Bewegung wurde noch mehr diszipliniert (damit zeichneten sich immer die Zionisten Westgaliziens aus), in ihrem Auftreten vereinheitlicht, konnte während der Kongreßwählen dank dieser Organisation eine starke Vertretung erreichen und schuf eine selbständige, weitverzweigte allgemeinzionistische Jugendbewegung mit einem immer stärkerem chaluzischen Einschlag. Es muß aber erwähnt werden, daß diese Politik nicht ohne Einfluß auf die hier bisher ausgezeichnete gegenseitige Beziehungen zwischen den Föderationen blieb. Dem Haschomer Hazair wurde offiziell der Kampf erklärt und die Echtheit seiner zionistischen Gesinnung in Zweifel gezogen. Während der Tagung sprachen sich viele Delegierten gegen diesen Kampf aus. Es wurde auch an der Grundidee des ״Sztam“־Zionismus, wie ihn Dr. Schwarzbart vertritt, Kritik geübt Man warnte vor einer Umwandlung des Allgemeinen Zionismus in eine Föderation mit einem genau umgrenzten, kleinbürgerlich gefärbten Programm. Im ״Sztam“ - Zionismus, meinten manche Delegierte, gäbe es Platz für verschiedene Nuancen und Anschauungen, ja es solle hier Platz sein für Zionisten sämtlicher Schattierungen. Befürworter dieser Meinung konnten sich auf Dr. Thon berufen, welcher doch die Bezeichnung״Sztam-Zionismus“ zuerst prägte, die Auswüchse unseres Fraktionskampfes bekämpfe, doch aber die Differenzierung im Zionismus positiv einschätze und sich sehr oft mit der zionistischen Linken solidarisiere. Trotz all dieser Bedenken, wurde der bisherigen Leitung für ihre Energie und planmäßige Tätigkeit Anerkennung und Vertrauen ausgesprochen und sie wurde auch wiedergewahlt * Die politische Situation des Zionismus wurde hier vor und während dieser Tagung fast einmütig beurteilt. Wenn auch revisionistische Gedankengänge hier und da zum Vorschein kommen, wird aber der Weltexekutive Vertrauen entgegengebracht. Allerdings wird stärkere Akzentuierung unserer Postulate gegenüber der Mandatarregierung sowie ausgeprägtere Formulierung der Ziele des Zionismus verlangt. Abg. Thon wandte sich in seinem Referate sowohl gegen den ,,Brith Schalom“ als auch gegen die Revisionisten. Kein Säbelrasseln, aber auch keine Resignationspolitik■. Mit den Arabern haben wir zu verhandeln, aber auf Grund der Prämisse, daß der eine Partner nur der Teil der Araber, der in Palästina wohnt, und der andere Partner das Weltjudentum sei. Werden wir im Laufe der nächsten 10—15 Jahre unsere Positionen in PaUiti&a bedeutend stärken, dun werde auch die arabische Oefahr viel geringer sein und dann werden wir nicht so sehr auf Englands Schutz angewiesen sein. * Eine große politische Debatte entwickelte sich auf der Konferenz des westgalizischen Misrachi, die eine Woche später in Krakau unter Beteiligung von Lazarus Barth und Abg. Farbstein stattfand. Barth gab ira Namen der Exekutive einen Bericht über die Lage und beleuchtete all die Umstände, welche die Exekutive zwingen, eine besonnene Politik gegenüber der Mandatarmacht und allen anderen Faktoren zu führen. Abg. Farbstein griff sehr scharf die Londoner Exekutive an, warf ihr schädliche Mäßigung vor und verlangte energischere Verteidigung unserer Forderungen. Diese, meint Abg. Farbstein, sollen aber den Judenstaat als Endziel des Zionismus beibehalten und alles, was damit nicht vereinbar sein, habe mit Zionismus nichts gemeinsam. Von diesem Standpunkte aus sprach auch Farbstein gegen den Brith Schalom und gegen die Konzeption eines binationalen Staates. Der bei der Konferenz anwesende Vertreter des ״Hapoel Hamisrachi“ aus Palästina Bernstein polemisierte mit Färbstein, erklärte, daß für Palästina jetzt weniger theoretische Diskussionen, dagegen aber erhöhte praktische Arbeit von Nutzen seien. Abg. Farbstein hat auch in der Presse einen heftigen Artikei gegen die von Kaplansky befürwortete Schaffung einer Parlamentsvertretung in Palästina veröffentlicht. Farbstein akzeptiert die Jenaer Ausführungen Prof. Wefzmanns. und gegenüber den verschiedenen projektierten Lösungen der Arabertrage in Palästina weist Farbstein auf Beispiele aus der polnischen Gesdiichte sowie aus den Erfahrungen der Minderheiten in Europa nach, wie trügerisch all diese Projekte sein müssen. * Die Konferenz des Misrachi in Krakau und die letzte Tagung der Z e i r e M i s r a c h i in Warschau behandelten sonst mannigfaltige Probleme dieser Föderation. Bemerkenswert waren die Referate und Diskussionen über das Schul- und Kulturproblem. Präsident S 0 k o 1 o w, welcher die Konferenz In Warschau im Namen der Exekutive begrüßte, sprach auch von der großen Bedeutung des ״Misrachi“, welcher die Aufgabe habe, die Mehrheit des religiösen Judentums für den Zionismus zu gewinnen. Der ״Misrachi“ habe sich schon große Verdienste damit erworben, daß er die Thora und die religiöse Tradition unter der Jugend festige. Die misrachistische Jugend habe aber auch die Pflicht, aas Ideal der Arbeit zu verwirklichen und sich physisch zu stärken. Presseschau Um die politischen Probleme Palästinas Die englische Wochenschrift ״The Near East and India“ bespricht in ihrer Nummer vom 30. Januar die neuen Sicherheitsmaßnahmen der palästinensischen Verwaltung, betont jedoch, daß diese Maßnahmen nur dann wirklich wirksam sein können, wenn sie unterstützt werden von einer psychologischen Wandlung in Palästina selbst. Nicht gezwungenermaßen, sondern fräwiUig sollten die beiden Völker sich verständigen. Das wichtigste sei die Verhinderung der Wieder• holung von Unruhen, dazu aber ist es notwendig, daß die Re• gierung eine e n d g ü 11 i g e Politik für Palästina formuliert EXeHRegJemig müsse sichttnit Entschlossenheit einem Problem zuwenden, von dem sie bisher offenbar gehofft hat, die Zeit würde es lösen. Dies sei aber in Palästina angesichts der Leidenschaften beider Völker nicht zu erwarten. Die Regierung müsse die Führung ergreifen. Die Zeitung geht dann über zur Besprechung der innetzionistischen Diskussionen, wie sie sich vor allem in dem amerikanischen zionistischen Organ ״The New Palestine“ entsponnen haben, und charakterisiert den Gegensatz zwischen den ״offiziellen Zionisten“ in Amerika und der von diesen als ״Defaitisten“ bezeichneten Gruppe. Das Blatt meint, daß je nach dem Ergebnis des Berichtes der Untersuchungskommission eines der beiden Programme modifiziert werden wird. In der Zwischenzeit, solange die politische Zusammenarbeit der Araber und Juden nicht möglich sei, müsse mehr Gewicht auf die ökonomische Zusammenarbeit gelegt werden. Eine Beschwerde auf wirtschaftlichem Gebiet macht auf die britische Oeffentlichkeit einen viel stärkeren Eindruck als eine auf politischem Gebiet. Was die Juden in Palästina zugunsten der Araber getan haben, geschah nur als Nebenprodukt ihrer eigenen Aufbauarbeit. Es gibt noch einen weiten Raum für ökonomische Hilfe für die Araber. Die Zionisten haben das Problem zu eng gesehen; sie haben sich damit begnügt, wenn sie darauf hinw׳eisen konnten, daß die Araber keine rechtliche Grundlage für Beschwerden haben. Statt in Zukunft der Welt des langen und breiten zu erzählen, welche Vorteile die Ankunft der jüdischen Immigranten dem ganzen Lande Palästina gebracht hat, sollten die Zionisten nicht nur nebenbei, sondern als Bestandteil ihres Arbeitssystems, auch den Arabern helfen. ״Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied, und Palästina wird beurteilt werden nach den am meisten bedrückten Fellachen.“ (Daß das Los der Fellachen gerade unter den arabischen Effenais nicht beneidenswert ist, scheint ״The Near East and India“ nicht zu wissen. Die Zionisten könnten wohl nur dort verantwortlich gemacht werden, wo sich durch ihre Ankunft die Position der Fellachen verschlechtert hat.) * Das Organ der amerikanischen Zionisten ״The New Pa- 1 e s t i n e“ veröffentlichte in der letzten Zeit mehrere bemerkenswertc Beiträge zu den aktuellen politischen Problemen Palästinas. James Marsh all (der Sohn des verstorbenen Louis Marshall) bespricht unter dem Titel ״Home Rule for Palestine" zunächst die Tatsache, daß sich in letzter Zeit in Amerika gerade in der liberalen Presse und auch bei Persönlichkeiten, die uns und unserer Idee bisher freundlich gegenüberstanden, eine Gegnerschaft gegen den Zionismus und ein Eintreten zwar nicht für die arabischen Grausamkeiten und Hetzpropaganda — wohl aber für die arabische Bestrebungen nach nationaler Selbstverwaltung bemerkbar machen. Wollten wir also die Unterstützung der öffentlichen Meinung Amerikas fewinnen, so müßten wir zweier!« beweisen: erstens, daß wir en Nichtjuden in Palästina gegenüber gerecht zu sein beabsichtigen, zweitens, daß unser Streben nicht ein Judenstaat sei, durch den nur eine balkanische Entwicklung auf asiatischem Gebiete bewirkt würde. Eine Selbstregierung in Palästina müsse im Laufe der Zeit kommen, ob wir dies wollen oder nicht. Es sei daher wichtig, daß wir diejenigen seien, die mit einem Plan für Selbstverwaltung hervortreten — wir, und nicht die britische Regierung oder der Völkerbund. Das bedeute noch nicht, daß schon im Augenblick eine parlamentarisehe Regierung eingefünrt werden müsse; sie müsse jedoch zu einem Bestandteil unseres, des jüdischen Programmes gemacht werden. Ehe Einwendung, daß die Majorität der Araber über die Juden so groß sei, daß die letzteren in einer demokratischen Selbstverwa tune überstimmt würden, sei kein stichhaltiges Argument; die Erreichung auch nur einer Zahlen gl eich heit zwischen Juden und Arabern sei noch eine Frage von Generationen und wenn wir aus Furcht vor der arabischen Majorität gegen ein Parlament eintreten, so bedeute das, daß wir uns auf Generationen der Selbstverwaltung widersetzen. Wir müßten nicht auf zahlenmäßige Macht bauen, sondern uns auf eine Verfassung stützen, die unsere national-kulturellen Rechte, unsere hebräische Sprache, die Selbstverwaltung unserer Siedlungen, eine Einwanderung entsprechend der ökonomischen Fassungskraft des Landes und gerechte Steuerpolitik garantiert EHese Verfassung müßte durch den Völkerbund garantiert werden; aber eine stärkere Sicherung als alle formellen Garantien wäre durch eine freundschaftliche Beziehung zu den Arabern und ökonomische Zusammenarbeit gegeben. Auf den voraufgehenden Artikel erwidert Maurice Samuel in der gleichen Nummer unter dem Titel ״Die verlorenen Liberalen“: auch er macht zunächst die Feststellung der Abwendung der ,,Liberais“ vom Zionismus, fügt aber hinzu, daß dieser Erscheinung eine intellektuelle Panik unter den Juden gefolgt sei, von denen viele, wie auch J. Marshall, glaubten, daß der Verlust der liberalen Sympathien für den Palästinaaufbau auf fehlerhaftes jüdisches Verhalten zurückzuführen sei und daller eine Acnderung dieses Verhaltens forderten. Wir hätten unser Recht auf die Nationale Heimstätte nicht auf Grund von politischen Versprechungen, sondern auf Orund historischen Rechtes und tiefster Not gefordert. Der Zionismus sei frei vom Verdacht des Imperialismus. Unter allen führenden Zionisten werde man vergeblich nach Reaktionären oder Imperialisten suchen. Jeder wisse, daß man die Auslegung den Juden gesicherter Rechte in einer Verfassung nicht der arabischen Mehrheit eines solchen Parlamentes überlassen könne. Wenn Mr. Marshills Worte, das Parlament müsse nicht heute oder morgen kommen, jedoch ein Teil des jüdischen Programmes bilden, so zu verstehen seien, daß er ein Parlament erst fordere, wenn man sicher sei, daß eine arabische Mehrheit sich unserem fundamentalen Anspruch auf eine Heimstätte in Palästina nicht mehr widersetze, so sei dies die Ansicht von sicherlich neunundneunzig Prozent aller Zionisten. Ein jüdischer Staat als Proramm sei politisch bedeutungslos. Eine Verdrängung oder nterwerfung der Araber müsse aus moralischen Gründen verworfen werden, nicht um damit die Gunst der liberalen Presse zu erwerben. Ebenso unzulässig sei aber ein Programm einer jüdischen Gruppe mit Minderheitsrechten. Ueber die konkrete Frage eines Parlaments in Palästina äußert sich in dem gleichen Blatte das der Labour-Party angehörige britische Parlamentsmitglied Major Daniel Hopkin. Hopkin, der im Herbst Palästina besuchte und jetzt in Amerika weilt, ist ein Freund des Zionismus, der während des Krieges in der jüdischen Legion Dienst tat. Der Verfasser sagt, er spreche zwar nur im eigenen Namen, vertrete jedoch zweifeilos die Meinung der Majorität seiner Partei. Er führt aus, es gäbe zwei verschiedene Pläne für ein Parlament in Palästina: 1. den eines freien Parlamentes, dessen Kompetenz aber durch drei Reservate eingeschränkt sei; 2. den eines völlig unbeschränkten freien Parlamentes. Der erste Plan, der dem Eiaborat von Dr. Magnes entspreche, müsse als unpraktisch und völlig unausführbar bezeichnet werden. Denn er werde wederdie Zustimmungder Juden erhalten, noch die der Araber, deren Führer dem Verfasser gegenüber jeden Vorschlag zurückgewiesen hätten, der nicht die Zurückziehung der Balfour-Deklaration und ein völlig freies Parlament enthalte. Per Verfasser führt aus, wie» es mit der Wahrung der jüdischen Rechte unter den vorgeschlagenen ״Garantien“ aussehen würde; nach drei Monaten würde kein Jude mehr in öffentlichen Behörden beschäftigt sein. Ein anderes Beispiel böte z. B. die in keinem Verhältnis zu ihrem Anteil an der Bevölkerung stehende geringe! Vertretung.der Juden, in den Städten Jerusalem, Haifa usw. Weder Araber noch Juden noch auch die Regierr 1g selber würde diesen mit den Bestimmungen des Mandates unvereinbaren Plan gutheißen. Das zweite Projekt würde zwar zweifellos die Zustimmung der Araber finden, in Wirklichkeit würde es aber nur einer dünnen Schicht städtischer Effendis ״Selbstbestimmung“ gewähren, die von ihnen zur Unterdrückung ihrer Landsleute und zu Sabotage des jüdischen Aufbauwerkes benutzt werden würde. Wenn die Juden in Palästina sich mit Minderheitsrechten begnügen wollten, ließe sich leicht eine passende Konstitution finden; diese würde aber keine Nationale Heimstätte, sondern ein neues Ghetto, ein riesiges Armenhaus, ein Museum oder dergl. schaffen. Praktisch sei folgendes zu tun: Nach Wieder- Herstellung der Ordnung müsse die Regierung die Richtlinien ihrer Politik noch einmal präzise verkünden: alsdann könne mit lokaler Selbstverwaltung, die das Uebungsfeld für Selbstregierung bilden müsse, begonnen werden. Gemeinsame Kommissionen von Juden, Arabern und Engländern für spezielle Aufgaben mit Befugnis zur Berichterstattung würden weiter den Boden bereiten, bis schließlich gegenseitiger Respekt und gegenseitiges Vertrauen die Einsetzung einer wirklichen nationalen Regierung in Palästina ermöglichen würden. In welchem Tempo sich diese Entwicklung vollziehen würde, werde von der Ent- Wicklung der Bevölkerung selbst abhängen. Johann Kremenezky $0 Jahre alt Einer der treuesten Mitarbeiter Theodor Herzls seit den Anfängen des politischen Zionismus Ing. Johann Kremenezky in Wien wird am 10. Februar 80 Jahre alt. Unter den ersten Männern, die sich Theodor Herzl anschlossen, spielte Kremenezky eine besondere Rolle. Er war kein ״Intellektueller“, kein Büchermensch, sondern ein praktisch rechnender Industrieller, der als einer der ersten in Oesterreich die elekfrische Industrie organisierte, und darum bedeutete sein An- Schluß an die Zionistische Organisation und zionistische Bewegung eine Bestätigung durch einen Mann des praktischen Lebens. Während die meisten Anhänger des politischen Zjonismus in Wien im jugendlichen Alter standen, war Kremenezky, der seit jeher für jüdische Dinge Interesse hatte, nahezu ein Fünfziger, als er sich Theodor Herzl zur Verfügung stellte. Sein Hauptinteresse galt dem Jüdischen Nationalfonds, dessen Leitung er solange innehatte, als das Direktorium sich in Wien befand. Auf dem 5. Kongreß erstattete Kremenezky anläßlich der Gründung des N.-F. aas Referat und auch auf dem 6. Kongreß referierte er über die neue Institution. Als das EHrektorium des Nationalfonds im Jahre 1907 nach Köln übersiedelte, blieb Kremenezky noch weiter Direktor. Auf dem Hamburger Kongreß, im Jahre 1909, stellte Kremenezky als einer der ersten Mittel für den Oppenheimerschen Siedlungsversuch zur Verfügung. KretnenezKv gehörte bis zun Jahre 1921 dem Direktorium des Nationalfonds an. Noch zu Herzls Lebzeiten erkannte Kremenezky die Bedeutung der O r a n g e n z u c h t für Palästina und schon damals beteiligte er sich mit anderen Freunden selbst an Orangenpflanzungen. Gemeinsam mit Boris Goldberg gründete er später die Silikatfabrik in Tel-Awiw. Johann Kremenezky gehörte dem ersten Engeren Aktions- Komitee an. Er blieb Mitglied dieser Körperschaft bis zum Jahre 1907. Die Wünsche aller Zionisten in der ganzen Welt auf viele weitere glückliche Lebensjahre wenden sich dem Jubilar zu. Auch wir schließen uns diesen Wünschen an. Johann Kremenezky steht auch durch verwandtschaftliche Be- Ziehungen deutschen Zionisten nahe. Der unvergeßliche Hans Gideon Heymann war sein Schwiegersohn. a.t.