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Jüdische Rundschau · 1930-02-04 · Heft 10 (4.2.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 10 (4.2.1930)
Date
1930-02-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 10, 4 IL 1030 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 60 Minister Becker Mit Minister Becker scheidet eine Persönlichkeit aus dem Amt, die auch für die jüdische Sache wirkliches Verständnis besitzt. Ein Mann von weitem Horizont und tiefer Bildung1, dem das Ideal der Humanität im klassischen Sinne als Ziel der Kultur vorschwebte, vermochte Becker auch die Einzigartigkeit der geschichtlichen Situation des Judentums zu würdigen und ohne engstirnige Voreingenommenheit, ohne schablonenhafte Anwendung hergebrachter Begriffe die daraus folgende Sonder- Stellung der Juden zu begreifen. Ein so gearteter Mann mußte, als er den Zionismus und die moderne jüdische Wiedergeburtsbewegung kennenlernte, sofort die tiefe menschheitliehe Bedeututtg und den sittlichen Wert dieser Sache erkennen. Becker hat mit unabhängigem, freiem Urteil, trotz der verschiedensten Beeinflussungsversuche ihm sonst nahestehender Kreise, die moderne jüdische Bewegung bejaht. Er ließ sich nicht durch ängstliche Gemüter abschrecken, die einen Gegensatz konstruieren wollten zwischen den Pflichten des deutschen Juden gegenüber dem Judentum und Palästina, und seinen Pflichten gegenüber dem deutschen Vaterland. Becker verstand, daß auch vom Standpunkt des Staats ein charaktervolles Bekenntnis zur eigenen Art vorzuziehen ist. Als das Deutsche Komitee Pro Palästina gebildet wurde, gehörte Becker zu seinen prominen* testen Mitgliedern und hat in der Gründungsversammiung und auch bei späteren Gelegenheiten in besonders schönen und warmen Worten den Sinn dieser Bestrebungen vom Standpunkt des nichtjüdischen geistigen Menschen darzustellen gewußt. Versuche, die leider von jüdischer Seite gemacht wurden, den Minister zu ״belehren“, mußten sich selbstverständlich als vergeblich erweisen, da ein Mann wie Becker seine Anschauungen aus echter Ueberzeugung zu bilden pflegt. Es ist kaum verständlich, daß ein bedeutendes demokratisches Blatt, das einst für Unabhängigkeit des Geistes kämpfte, Prof. Beeker aus Anlaß seines Abganges gerade seine Stellung im Pro Palästina- Komitee ankreiden zu müssen glaubt. Wir Zionisten bedauern Beckers .Rücktritt von dem repräsentativen Posten der deutsehen Kulturpolitik; wir sind überzeugt, daß er auch in Zukunft Gelegenheit haben wird, sich als Freund unserer Sache zu bewähren. 1 Wichtige Ansgrabungen Eine Wand aus der Bronzezeit bei Jericho Von der Expedition Sir Charles Marston wurde in der Mordwestecke von Teil Abu Alaik, wo dfe alte Stadt Jericho lag, eine Mauer aus der frühen Bronzezeit entdeckt. Es wurden dort 50 Meter einer 6 Meter hohen Wand freigelegt, wahrscheinlich die schönste, die bisher in Palästina entdeckt wurde. Die Mauer bildet einen Teil einer noch viel früheren Stadt als die Josuas und ist nahe dem Platz gelegen, wo die Deutsche Orientalische Gesellschaft mit ihren Ausgrabungen im Jahre 1909 begann, nämlich zwischen den Ruinen bei Ain es-Sultan, das als EUscha-Quelie bekannt ist. (Das Jericho des Alten Testaments liegt bei Ain es-Su!tan, während jenes des Neuen Testaments rings um einen Teich gelegen ist, der von Her ödes angelegt wurde und den alten Namen Birket Musa [Mosesteich} trägt. Bei Jericho liegt die Quelle, deren ursprünglich bitteres Wasser der Prophet Elisa durch ein Wunder in Trinkwasser verwandelte.) Archäologische Entdeckungen an Skopusberg Jeru.s,äi׳e-p, Ä-Januar,-'(J.T-A.).:־Bel:Bauarb«itet1iaufp dem SkopüsbÖg'ih der Nähe des Uni^Äitttagebludes stießen arabische Arbeiter auf mehrere Steinsärgeausderherod i a n i s c h e n Periode mit hebräischen und griechischen Inschriften. Ferner wurden zahlreiche Keramiken aus der Zeit vor der zweiten Tempelzerstörung gefunden. Eine der Inschriften erwähnt Chananjah Ben Teradjon, stammt also aus wesentlieh späterer Zeit. Das Antiquitätendepartement der Regierung überließ die weiteren Ausgrabungsarbeiten der Hebräischen Universität. Die Entdeckungen wurden in der Nähe einer Höhle gemacht, in der erst vor kurzem Gräber freigelegt worden sind. Leonard Stein aus den Diensten der Zionistischen Organisation geschieden. Leonard Stein, der seit 1920 politischer Sekretär der Zionistischen Exekutive war und einen besonders großen Anteil an den Vorbereitungsarbeiten für die Jewish Agency hatte, hat jetzt, nachdem er aus Palästina zurückgekommen ist, wo er an der juristischen Vertretung der jüdisehen Sache vor der Untersuchungskommission mitwirkte, endgültig seine amtliche Tätigkeit für die Zionistische Organisation verlassen. Stein ist in die Leitung der großen Iondoner Verlagsfirma Victor Gollaucz eingetreten. Stein ist nach seiner Rückkehr aus Palästina als Nachfolger des verstorbenen Joseph Prag zum Vorsitzenden der Exekutive der Anglo-Jewish Association gewählt worden. Die Autographensammlung der Bibliothek der Israelitischen KultusgemeindeWienhat durch eine Spende des bekannten Schriftstellers Herrn Benjamin Segel eine Bereicherung erfahren. Herr Segel hat sämtliche Zuschriften, die er über sein im Jahre 1924 erschienenes Buch ״Die Protokolle der Weisen von Zion, kritisch beleuchtet. Eine Erledigütig“ erhalten hat, der Bibliothek geschenkt. Es sind dies Briefe von berühmten Persönlichkeiten, so von Professor A. Brückner, Berlin, Professor Hans Delbrück, Berlin, Professor Hans Driesch, Leipzig, den Nobelpreisträgern Professor Rudolf Eucken, Jena, und Thomas Mann, Prof. Ulrich, Kahrstedt, Göttingen, Prof. Max Löhr, Königsberg i. Pr., Prof. August Messer, Gießen, Professor Johannes Reinke, Preetz (Holstein), Prof. Karl Stählin, Berlin, Prof. Ferdinand Tönnies, Kiel. Sie stellen in der Gesamtheit eine scharfe Verurteilung des Antisemitismus dar. Hundert Jahre Württembergische Religionsgemeinschaft. Hie Anfang Dezember 1929 neugewähife Israelitische Landes- Versammlung Württembergs hielt am 26. d. M. in Stuttgart ihre erste Sitzung ab. Der Präsident des Israelitischen Oberrates, Regierungsrat Dr. Nördlinger, hielt eine Ansprache, in der er darauf hinwies, daß die Organisation der württembergischen israelitischen Religionsgemeinschaft demnächst das Jubiläum ihres hundertjährigen Bestandes begehen werde. Dr. Nördlinger, der auch aas Amt als rechtskundiges Mitglied des Oberrates versah, legte sowohl die Präsidentschaft des Oberrates wie auch seine Funktion als Rechtskundiger nieder. Zum Präsidenten der Landesversammlung wurde Dr. Hayum, Tübingen, gewählt, zu Stellvertretern die Herren Dr. Lepmann und Siegfried Kahn, Cannstadt. Nach Erledigung der umfangreichen Tagesordnung wurde am Nachmittag der Oberrat gewählt. Nachfolger Dr. Nördlingers als Präsident des Oberrates ist Ministerialrat Dr. Hirsen. Ehrenamtliche Mitglieder des Oberrates sind die Herren Flegenheimer, Levy, Herz und Dr. Gunzenhausen. Wizo-Gruppen im Orient. Neue Ortsgruppen der Wizo wurden in den letzten Wochen in Französiscn-Afrika (Tunis, Algerien)[ gegründet, wodurch zum erstenmal in diesen Gebieten die jüdische Frau zur Mitarbeit am Palästinawerk herangezogen wurde. Auch im Fernen Osten (China und Indien) regt sich das Interesse der Verbundenheit der jüdischen Frau in aller Weit für das Wizo-Werk in Palästina. Der Bericht der Shaw-Kommission London, 29. Januar. (J. T. A.) Auf eine Anfrage Lord Templetowns im House of Lords erklärte der Kolonialminister Lord Passf leid, der Bericht der Palästina-Untersuchung*- kommission werde vor seiner Veröffentlichung von der Regierung geprüft werden müssen. Von anderen Umständen abgesehen, könne schon mit Rücksicht auf den großen Umfang der zu bearbeitenden Zeugenaussagen auch ein unge- {Ihres Datum für die Fertigstellung und Veröffentlichung des Berichtes noch nicht bekanntgegeben werden. Dies, obgleich die Mitglieder der Kommission ihre Arbeit mit größter Beschleunigung tun. Im Unterhaus beantwortete der Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. Shieis eine Anfrage Major Nathans dahin, daß er nicht Imstande sei, zu sagen, wann der Berieht der Kommission erscheinen werde, und ob auch die umfangreichen Zeugenaussagen publiziert werden würden. Das letztere solle erst erwogen werden, wenn der Bericht selbst erschienen sein wird. Eine Anfrage Lord Wintertons beantwortete Dr. Shieis dahin, daß er nicht sagen könne, ob die Regierung zugleich mit der Veröffentlichung des Berichtes ihre Anschauungen über den Ausbruch der Unruhen lind die zur Verhinderung einer Wiederholung derselben anzuwendenden Methoden öffentlich darlegen werde. Der Mordprozeß gegen Hlnkis Jerusalem, 1. Februar. (J.T. A.) Unter ungeheurer Spannung der Bevölkerung von Jaffa und Tel-Awiw begann am 30. Januar vor dem Gericht in Jaffa der Prozeß gegen den 23 Jahre alten jüdischen Polizisten H i n k 1 $, der beschuldigt wird, am 25. August an einem Punkte zwischen Jaffa und Tel- Awiw eine aus fünf Personen bestehende arabische Familie ermordet zu haben. In der Anklaffe heißt es, daß Hinkis aus Rache für die Tötung von vier und die Verwundung von fünf Juden durch Araber sejnerse’ts die arabische Familie überfallen und getötet hat. Hlnkis soll gemäß der Anklage, als er von der Ermordung des jungen Benjamin Goldberg und einiger anderer junger Juden aus seiner Gruppe, die zur Rettung einer zwischen Tel-Awiw und Mitweb ,srael In eine gefährliche Lage geratene Gruppe jüdischer Arbeiter geeilt waren, erfahr, seine Polizeiuniform abgelegt, ein Gewehr ergriffen und an der Spitze einer erregten jüdischen Menge In ein arabisches Haus eingedrungen sein und fünf der Insassen getötet und zwei verwundet haben. Der Gerichtshof setzt sich aus den Richtern Corrie und Copeland zusammen, die Anklage vertritt Sherwell, die Verteidigung führt der Advokat Eliash. Die Todesurteile vor den Privy Council Die gegen Araber in Palästina gefällten Todesurteile sollen nun, wie verlautet, noch vor dem Privy Council, dem höchsten Appellationsgericht des British Empire, zur Verhandlung kommen. Die Berufung soll sich, wie verlautet, auf folgende Punkte stützen. 1. Das palästinensische Appellationsgericht, das die erstinstanzlichen Todesurteile bestätigt hat, sei unangemessen zusammengesetzt, indem die in ihm fungierenden Richter auch als Richter in den Gerichten erster Instanz fungieren und daher mit deren Verfahren vertraut seien. 2. Alle Anklagen wegen vorsätzlichen Mordes müßtet» vertagt werden bis zur Verkündung der Untersucbungsergebnisse der Shaw-Kommission und der Entscheidung der Frage, ob die Unruhen organisiert waren. 3. Es beständen Unterschiede zwischen dem britischen und dem früher in Palästina gültigen Ottomanischen Recht im Pankte der Vors«cWarfrfefne gegen 30 oder 40 Mensehen zugleich erhobene Anklage wegen Mordes sei ein Problem von ungewöhnlicher Bedeutung. Die Tote Meer •Konzession unterschrieben Im englischen Unterhaus antwortete am 29. Januar der Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. S h i e 1 s auf eine Anfrage des konservativen Abgeordneten Col. Howard-Bury, daß die Verleihung der Toten-Meer-Konzession an die von Nowomejski und Major Tulloch gebildete Gesellschaft Palestlne Potash Ltd. am 1. Januar unterzeichnet worden Ist. Howard-Bury sagte darauf: Ist dem Unterstaatssekretär bekannt, daß der Untersuchungskommission in Palästina dargelegt worden ist, daß diese Sache eine der Ursachen der palästinensischen Unruhen war? Dr. Shieis antwortete: Die Vereinbarung ist noch von der vorigen (konservativen) Reglerung getroffen worden; dfe jetzige Regierung hatte die Ehrenpflicht, sich daran zu halten. Die Araber und der ״Jndenslaal“ Ein Artikel des arabischen ״Falastin“. Die englische Ausgabe des ״Faiastin“ vom 11. Januar veröffentlicht einen Artikel, der zweifellos auch für zionistische Leser interessant ist. Der Artikel behauptet, daß, während die extremen Zionisten vom Typ Jabotinsky ehrlich zugäben, daß ihr Ziel der Judenstaat sei, den gemäßigten Zionisten und insbesondere den Führern der zionistischen Bewegung der Vorwurf der Zweideutigkeit nicht erspart werden könne, da diese Führer das Mandat und das Churchillsche Weißbuch akzeptiert hätten, trotzdem aber am Judenstaat festhielten. Sacher habe ausdrücklich vor der Untersuchungskommission erklärt, das Ziel sei eine jüdische Mehrheit und er habe ferner gesagt, daß das Mandat noch eine geraume Zeit — etwa 50 Jahre meint ״Falastin“ — in Kraft bleiben müsse, bis das Jüdische Nationalheim erreicht sei. Dies widerspräche dem Begriff der A-Mandate, ״Falastin“ zitiert weiter einen Artikel aus .,,New Palestine“ vom 22. Juli 1927, wo an Hand von Zitaten aus Hcrzls ^ude^tas?‘ bewiesen wurde, daß politischer Zionismus in erzls Sinne sich vom philanthropischen Zionismus dadurch unterscheidet, daß der politische Zionismus durch Errichtung einer jüdischen Mehrheit in Palästina den politischen status der Juden grundlegend ändern soll. ״Faiastin“ greift die in englischer Sprache erscheinenden zionistischen Organe ״Palestine Weekly“ und ״Palestine Bulletin“ wegen Abdrucks zweier Artikel von Conwav und Sidebotham aif, in denen behauptet worden sei, die Balfour-Erklärung bedeute einen Judenstaat in Palästina. Auch Dr. Weizmanns Erklärung in der Rede vom 30. Dezember in Jena, daß wir jetzt auf Grund unserer Leistungen in Palästina entschiedene Forderungen an die Regierung steilen würden, wird vom ״Falsstin“ als eine Hindeutung auf den Judenstaat ausgelegt. Der Artikel schließt mit folgendem Satz: ״Und da gibt es noch Leute, die behaupten, die arabischen Befürchtungen seien grundlos und die Zionistische Exekutive sei nur für ein Nationalheim in Palästina und nicht für einen jüdischen Staat.“ Druckfehlerberichtigung. In dem Artikel von Dr. Kanowitz in der vorigen Nummer der ״J. R.“ ist ein sinnstörender Druckfehler zu berichtigen. Auf Seite 58, Sp. 1, Zeile 37 soll es statt ״vor feindlicher Jugend der Agency“ richtig heißes ״freundlicher“. Hamburger Jugendwoche ״Das arbeitende Palästina*‘ Aus Hamburg wird uns berichtet: Kürzlich fand in Hamburg eine Werbewoche ״Das arbeitende Palästina“ statt, die sich zur Aufgabe gestellt hatte, der Jugend ein möglichst klares Bild von der palästinensischen Arbeiterschaft zu geben. Die Woche wurde ausgefüllt mit Referaten, Arbeitsgemeinschaften, Diskussionen und Besprechungen. Durch dieses w׳eite Arbeitsgebiet war es möglich, an Jugendorganisationen heranzukomtnen, die bis* her unserer Ideologie vollkommen fremd gegenüberstanden. Was aber noch wichtiger ist, man beschränkte sich nicht nur auf informatorische Referate und Arbeitsgemeinschaften über das spezielle Thema ״palästinensische Arbeiterschaft“, sondern sehr großer Wert wurde auf die Erfassung von Menschen für den Zionismus, für eine intensive zionistische Arbeit gelegt. Es wurde versucht, dieser Jugend einen Weg zu weisen, der die Menschen und den Zionismus zum Ziel führt. Der Weg heißt: Chalu/iuth. Interessant und wichtig war der Abend, der einer Auseinandersetzung mit dem Zcire Misrachi gewidmet war. Auch hier ging man von dem Bestehenden in Palästina aus, d. h. man behandelte im Anfang die Frage der Arbeit einer gesetzestreucn Arbeiterschaft im Rahmen der Histadruth, und kam von dort aus zu der Frage einer Zusammenarbeit des Zeire Misrachi und dem J.J.W. B., dieser beiden stärksten zionistischen Jugendorganisationen in Deutschland. inwieweit eine Zusammenarbeit möglich ist, steht heute noch offen; aber cs hat sich deutlich gezeigt, daß eine gemeinsame intensive zionistische Arbeit gegenüber anderen bisher nicht erfaßten Jugendorganisationen möglich und notwendig ist. Man nannte diese Arbeit einen Kampf gegen eine rote und weiße Assimilation, d. h. man muß versuchen, die Menschen, die entweder in der Mitarbeit in einer sozialistischen Bewegung für sich ein genügendes^ Betätigungsfeld sehen, oder die anderen, die sich allmählich vollkommen assimilieren, zu gewinnen. — Beide Bünde stellen sich auch die Aufgabe der Umstellung zur Chaluziuth, wenn auch vielleicht heute der Zcire Misrachi noch nicht in dem Maße wie der J. J. W. B., so ist dies« gemeinsame Arbeit doch eine genügende Basis, um auf ihr zu einer noch engeren Zusammenarbeit zu kommen. — Weiter war ein Abena der Erörterung von Fragen und Problemen in der jüdischen Jugend gewidmet. U. a. kam die Frage zur Sprache, wie man jungen Menschen einen Zugang zur jüdischen Kultur verschaffen kann. Erst durch die Erlernung der hebräischen Sprache wird dies möglich sein. Auch auf diesem Gebiet ist die Zusammenarbeit der zionistischen Bünde möglich und notwendig. All diese Ssichoth und Diskussionen gipfelten aber immer von neuem in der Frage, wie die Jugend in der Goia das begonnene Werk der palästinensischen Arbeiterschft und des Palästinaaufbaues unterstützen und später selbst fortsetzen kann. Immer von neuem wurde die Notwendigkeit der Uebertragung der palästinensischen Atmosphäre auf die Jugend in der Gola betont. Durch Mitarbeit von Palästinensern, hebräische Ssichoth, Seminare usw. Der Aufbau Palästinas und das Werk der Arbeiterschaft gehen zusammen und beide bedürfen der Mitarbeit der Jugend. Es wird die Aufgabe der älteren Generation sein, diesen Nachwuchs in seiner Arbeit zu bestärken und ihm zu helfen. Ben Ascher und M. Brachmann haben die ihnen gestellte Aufgabe restlos erfüllt. Es ist ihnen gelungen, den zahlreichen Zuhörern in eindringlicher und wirkender Weise die Referate vorzutragen und Arbeitsgemeinschaften zu leiten. Die Woche schloß mit einem gut gelungenen Neschef. _Arjeh Sternheim. Synagogenkonzert Jadiowker Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin veranstaltete in der Neuen Synagoge ein Konzert, dessen Programmbiidung sich von bisherigen ähnlichen Veranstaltungen erfreulicherweise prinzipiell unterschied. Der Allesbeherrscher Louis Lewandowski war bis auf den Parademarsch des ״Halleluja“ für diesmal aus seinem Reich verbannt. Dagegen hörte inan viele unbekannte synagogale Kompositionen von Weintraub, Naumbourg, Goldstein, jadiowker und Rosowsky. Werke außerordentlich interessanter Struktur oder solche von überwäitigend ursprünglicher ״Jüdischkeit“ waren wohl kaum dabei, jedoch gab es allerhand schöne Einzelheiten. Das Pro* gramm war übrigens viel zu lang, so daß manches Wesentliche nicht recht zur Geltung kam. Zudem leiden fast die meisten jüngeren synagogalen Gesänge daran, daß ihre Ornamentik, die in der älteren jüdischen Musik funktionellen Sinn hatte, vielfach willkürlich und äußerlich aufgeklebt wirkt und so die melodische Ueberzeugungskraft vermissen läßt. Den größten Eindruck hinterließ das ״Ono towau“ von Samuel Naumbourg, dessen Kompositionen leider viel zu wenig bekannt sind. Naumbourg hat von der Oper seiner Zeit her die große Linie und die bewegte, aber durchaus innerliche Melodik. Interessant in der Form ist auch das ״B’Rausch Haschonoh“ von Sulzer. Was Hermann Jadiowker anbetrifft: Die Durchführung dieses dreistündigen, keineswegs immer dankbaren, daher um so schwierigeren Programms war fraglos eine künstlerische und kantorale Leistung großen Formats. Gewiß merkt man seine! Gestaltungsart die Herkunft vom Opern- und Konzertgesang deutlich an. Doch stellt man bei dem in den Konzertteil ein- . gleiche Befriedigung erweckte dielormalc Gestaltungskraft des Künstlers: so hätte man sich mehr Kontraste, Knappheit, clv- Hämischer» Aufbau gewünscht. Auch die Stimme konnte in diesem Raum ihre Ausdruckskraft nicht recht entfalten. Als Einleitung in den eigentlichen Konzertteil spielten P10fessor Albert Einstein und Professor Alfred Lew andowski eine Geigensonate von Händel und ein Adagio von Bach. Eine besondere Würdigung verdient die Selbstverständlichkeit, mit der sich Professor Einstein (in diesem Falle zusamtnen mit Professor Lewandowski) in den Dienst einer phi- Ianthropischen Aktion stellt. Es wirkten ferner mit: der verstärkte Chor der Neuen Svnagoge unter Janot S. Roskin und Arthur Zcpke (Orgel). Alice Jacob-Loewenson. Aus den Gemeinden Seitens des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden ist in Westfalen ein konservatives Bezirksrabbinat mit dem Sitz in Borken eingerichtet worden. Dem Rabbinat sind außer Borken selbst die folgenden Gemeinden angegliedert: Ahaus, Epe, Gemen, Qescher, Groß-Reken, Raesfeld, Stadtiohn und Vreden. Zum Bezirksrabbiner ist Dr. Kohle r, der bisher in Frankfurt a. M. als Religionslehrer tätig war, gewählt worden. Chemnitz. Am 30. Januar fand im Museumssaal in Chemnitz eine Kundgebung gegen das Wahlunrecht in der Chemnitzer Jüdischen Gemeinde, bei der die Herren Dr. Fleiß, Weißköpf, Dr. Sichel und Dr. Adler gesprochen haben, statt. F01gende Resolution wurde gefaßt: ״Die am 30. Januar 1930 im Museums-Saal versammelten Mitglieder der Chemnitzer Jüdischen Gemeinde drücken ihre Empörung über die reaktionären Zustände in der Gemeinde aus. Sie verurteilen aufs schärfste das weiteste Kreise der Gemeindemitglieder vergewaltigende mittelalterliche Wahlrecht und fordern die sofortige Einführung eines zeitgemäßen, demokratischen, gleichen, proportionalen Wahlrechts für Minner und Frauen.“

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