Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1930)
- Date
- 1930-01-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sei« 62 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr.«, 31.11030 Jüdisdie Kunst in Paris (Wegen Raummangels verspätet) Vorläufig gibt es zwei Zentren der jüdischen Kunst. Aus dem ungeheuren Reservoir des Ostens, noch heute da־ Immer neue Jungbrunnen des ungebrochenen Temperaments, wandern die jungen Maler entweder nach Berlin oder nach Paris. In nicht zu ferner Zukunft wird es vielleicht ein drittes Zentrum geben oder eine neue Quelle. Im Herbstsalon im Grand Palais der Champs Elysces begegnet man immer wieder jungen aufsteigenden Namen der jüdischen Kunst und der Ursprungsort ist Cincinnati oder ein anderes Land in U. S. A. Bei der vernissage am 2. November war es erstaunlich, wieviel Kunstinteressierte Paris beherbergt. Die Riesensäle und die Gänge waren drückend voll und vor den Bildern begegnete man ernsthaften Erwägungen der wirklichen Absicht, das eine oder andere Bild zu kaufen. Denn in Paris wird gekauft nicht nur von den Kunsthändlern. Der Gesamteindruck? Paris und darum auch der Herbstsalon ist die Sammelstätte der Maler aller Nationen und sicher kann man gute Studien machen hinsichtlich der Rassen untj Volksverschiedenheiten. Der Gesamteindruck hinsichtlich der Qualität wird am deutlichsten von den Japanein beeinflußt. Sie erscheinen in großer Anzahl und überlegen in der Qualität. Und neben ihnen begegnet man dem ertreulichen Elan der jungen polnischen Maler, die zumeist jüdische Maler sind. Akte von Kisling, Landschaften von Kramstyk haben in Paris schon ihre Geltung. Im Herbstsalon sieht man von Moise Kisling die Frau auf grünblauem Grund, seltsam bekannt von anderen Bildern oder anderen Ausstellungen? Seine Farben sind noch reiner geworden, seine Virtuosität als Maler der Frau ist unübertroffen. Farbe, Zeichnung, die Hauttönung seiner Akte — dies sah ich im Atelier — haben in der Qualität schon jetzt die Höchstgrenze erreicht. Eins seiner schönsten Bilder zur Zeit in der Sonderausstellung bei Colette Weil, sonst in der Galerie van Leer, beweist sogar, daß er diese Meisterschaft schon vor drei Jahren besaß. Der Maler Kramstyk, ein sehr begabter junger Künstler, für Berlin noch unbekannt, zeigt im Herbstsalon nur eine Landschaft und ist bedeutend besser vertreten in der gleichzeitigen polnischen Ausstellung in der Edltions Bonaparte. Er ist ein interessanter Porträtist und hat feines Gefühl für die Eigenart und Schönheit der Landschaft Und vor allem Phantasie und Gefühl für die Komposition. Seine südfranzösischen Bilder lohnen eine nähere Bekanntschaft. Der Herbstsalon gibt, wie unsere großen Berliper Ausstellungen, den bekannteren Künstlern gerade Raum für die Angabe der Visitenkarte. Es ist ja vor allem die Chance der jungen Unbekannten. Daneben ist er ein Spiegel der jüngsten Ereignisse. Auch die Schreckenstage der traurigen Vorkommnisse in Palästina fanden schon ihre Gestaltung im Gemälde. Auf der Galerie, im Gang der beiden großen Treppen, hängt das eindrucksvolle große Gemälde von Francois Charles Blanc aus Limoges. Ein Hausdach mit Toten und Verwundeten, ein verwundeter Greis, geführt von einem zweiten, ein toter Knabe, wie schlafend, neben ihm der Dolch des Mörders. An der Seite zwei Kinder schreckerstarrt. Monumental aufrecht sitzt eine ältere Frau. An sie gelehnt, den Kopf in ihrem Schoß, ein erschöpfter Mann. Riesig groß ein Erschlagener, ln der Ferne davonsprengende Araberreiter auf ihren weißen Pferden. Das ganze realistisch-heroisch in gedeckten Farben, nur das weiße Dach leuchtet. Das Bild hat den Titel: ״Juifs massaeräs par les Arabes en Palestine“. Die junge, kräftig gedeihende jüdische Kunst in Paris, und nicht nur im Herbstsalon, zeugt 1m übrigen und nicht zum wenigsten von der Kraft, die trotz aller Grausamkeiten des Schicksals im Juden und vor allem im jüdischen Osten wohnt. Um auf den Herbstsalon rurückzukommen: Nina Alexandrowicz, für Berlin unbekannt, zeigt in ihrer Bretonin bemerkenswerte Ausdruckskraft. Sehr frisch ist Lilian Freiman aus Kanada (vielleicht die Tochter des kanadischen Zionistenführers?) Auch sie zeigt eine Bretonin, Vor allem ist ihr Fischmarkt in Realismus und Ausdruckskraft ein Beweis von viei Können und Zukunft. Die Frauen leisten auch in der fraazösischen Kunst durchaus Gleichwertiges. Ein großer grüner Garten, eines der schönsten Bilder des Salons, zeigt auch das Signum einer Frau. Erfreulich ist die Bekanntschaft mit Josef Hecht aus Lodz, ln Paris schon längere Zelt bekannt, gelegcntlich auch in Berlin schon genannt, ist er für Berlin doch ein Fremder. Seine schönen Tierbilder mit Humor und Phantasie, ein wenig im See-Waidton, aber doch selbst gewachsen, sind schön in ihrem Naturgefühl, in der weichen Schmiegsamkeit der Bewegung und in der Waldlyrik. Auch er zeigt in der polnischen Ausstellung eine schöne Komposition weißer Hirsche in einem Märchcnwald. Falk, der eine der beiden Granowskimaler, zeigt in den Surindc'pendents einen überaus edlen Judenkopt und sehr schöne Landschaften, alte Seinebrücken. Leopold Gott lieb bringt im Herbstsalon ein realistisches Gemälde, den Arbeitsraum einer Sardinenfüllerei. Stark im Ausdruck, gekonnt in der Komposition, überlegen gestaltet in der Ha!- tung. Die Farben dienen der Charakterisierung und sind gedeckt. Einiges l euchten nur bei den kleinen Fischen, in dunkelblau neben weiß. Meisterhaft ist die minutiöse Malerei des Sortiertisches. Für die Kenntnis der jüdischen Malerei sind die Einzelausstellungen wichtiger. Eine Ausnahme bilden nur die Surindependents und die polnische Ausstellung, die anscheinend von den jüdischen Künstlern in größerer Zahl beschickt werden. Zwei interessante Holzskulpturen von L i p s c h i t z will Ich aber nicht unerwähnt lassen. Ein Relief, genannt ״Cinema ‘, stellt den Zuschauerraum eines Kinos dar. An den Rändern der Bankreihen stehend prüfen Zuspätgekommene die Aussichten, doch noch einen Platz zu finden. Sehr interessant sind die Typen aus dem Zuschauerraum, trotz des kleinen Formats deutlieh und scharf. Die andere Plastik ist ein grotesker Kinderköpf. Und noch einmal wieder ein Frauentalent: Sophie Piram owicz mit Originalbildern. Farbenschön und gut gesehen ein jüdischer Handwerker auf seinem Stand sitzend, so wie wir sie sahen in der Tripolisschau. Diesmal im wirklichen Orient. Ein anderes Bild zeigt ein arabisches Cafd, aufgebaut vor der Tür, dahinter eine kahle Wand. Willi Eisenschitz stellt ähnliche Landschaften aus, wie man sie schon in Zürich von ihm sah. ln der Rue Bofitie in der Galerie B i 1 - 1 i e t zeigt er in zwei Gemälden kleineren Formats größere Festigkeit und Glanz in der Farbe. Von den jungen jüdischen Malern der polnischen Ausstel-. ung Editions Bonaparte sind als neu zu notieren: Vienkes und Kramstyk, Ebiche, Weingart. Menkes interessant *ls Porträtist, Ebiche und Weißberg Landschafter, Weingart interessiert trotz der einfarbig weinroten Komposition — ein Jude mit Thora — durch Form und Linie seiner Gestaltung. Hier sieht man Bekannte der Züricher Ausstellung. Von der 5 Haliczka die farbenschöne Fischerinsel der Surindöpendents in größerem Format. Von Sorna Bornstein eine sehr gute Landschaft in warmen, schönen Farben und ein interessantes Mädchenporträt, in Zürich sah man nur die Begabung, Kraft im Dekorativen, hier die Künstlerin. Von Lipschicz eine Plastik, mehr Kraft als Schönheit. Von Kaneiba ein braunrotes Porträt, ähnlich dem im Herbstsalon. In den Surindöpentents ist er bedeutend besser vertreten. Dort sah man von ihm ein schönes Stilleben und eine Frau im Gartenstuhl in schönem rosa Licht. Auch Mane Katz sah man bei den Surindependents mit zwei sehr guten Gemälden. Sehr wertvoll die große Leinwand: ״J u d e n i m Winter“. Drei Männer beim Heimweg, einer mit grauem Bart, die Hand im Mantel, neben ihm ein rotbärtiger, dünn, leidend, mit Kappchen, die Hand in der Tasche, der dritte, ein Ekstatiker, die Augen tief in den Höhlen, schwarz, mager, vom Tode gekennzeichnet. Er geht am Stock, der Hemdkragen schneeweiß. Im Gegensatz zu den Männern drei Kinder: ein Mädchen grün, verpackt, ein Knabe energisch, rothaarig, den Pentateuch unterm Arm. Aber schon das Kind hat den Augenausdruck: mystisch, nach innen gerichtet. Der Schnee ist körnig and locker, weiß, bläulich. Elt! sehr gut gemaltes Bild. Von ralk ebendort zwei schöne Landschaften und ausdrucksstarke Köpfe. Von Theodore Karner ein interessantes Selbstbildnis mit Baskenmütze. Bei den Abstrakten bewies Dimitrl Wiener mit seinen Sternblumen und Kristallsternen zweierlei. Zuerst: Unbelebte Natur und Leben haben keine so scharfe Grenze und zu zweit, und ithmer noch richtig, dab ein starkes Temperament gerade durch die Begrenzung der abstrakten Kunst vielleicht auf kürzestem Wege zu guter und exakter Formgebung gefördert wird. Daß trotz der Abstraktion so lebendige Wirkung gelang, spricht für diesen Weg, der nur durch die lange weile Unzulänglicher in Verruf geriet. Ein besonderer Dank gebührt der Edltions Bonaparte für die Ausstellung des großen edlen Gemäldes von Eugen Zak. Ein junger Mann, den Arm erhoben in Tänzerstellung, mit weinroter Zipfelmütze, die Pfeife lässig im Mund, das Ganze in hellen Farben, doch zart und im Grunde voll Melancholie. Ruth Morold, z.Zt. Paris. Professor Bemhardi (Theater in der Koniggritzer Straße.) Das Hauptproblem dieser Komödie von 1912, die für die jüngere Generation wahrscheinlich heute schon wieder als Novität wirkt, ist gar nicht die Judenfrage, sondern die Politik, ihr Jnteressen- und Intrigenspiel, die Atmosphäre von Unaufrichtigkeit, Eitelkeit, Kriecherei und Verlogenheit, in der jedes rechtschaffene Wollen über Abgründen schwebt Auch dieses Thema ist nicht veraltet, es berührt uns um so unmittelbarer, als jeder aus seiner eigenen Erfahrung den schonungslosen Zugriff der Demagogie mit ihren den jeweiligen Zwecken angepaßten Entstellungen und Verzemmfen der Wahrheit kennt Aber der eigentliche Kern des tückes, die wesentliche Erkenntnis, die hier — nicht gepredigt, sondern von einem großen Künstler gestaltet wird, ist für uns heute doch diese Aufdeckung der Judenfrage, als eines ungelösten, mit den hergebrachten Mitteln unlösbaren Problems. Daß der Vorfall, an dem der Konflikt sich entzündet, mit Religion zu tim hat, ist bei Professor Bemhardi nur Zufall; beim Hauptmann Dreyfus, dessen Tragödie zufällig gleichzeitig in einem anderen Berliner Theater gespielt wird, war das ״Verbrechen“ ja ganz außerfär' halb jeder spezifisch jüdisch oder christlich gefärbten Sphäre Aber bei beiden rief man, als sie verurteilt wurden: Nieder mit den Juden! (bzw. ä bas les juits! — was dasselbe ist). Eines Funkens bedarf es, um den Brand zu entfachen; aber das Licht dieses Feuers erhellt, was war. Schnitzler führt uns eine Fülle von Gestalten, Typen, ein ganzes Milieu vor, ohne zu schabionisieren, ohne zu übertreiben. So waren diese Menschen, so war Oesterreich, mit seinen Fehlem und Vorzügen, und so ist es — die Lokalfarbe geändert — überall; einen Fall Prof. Bernhard! könnte es z E auch anno 1930 in Amerika geben. Denn die Judenfrage ist im Grunde überall die gleiche. Das ist es, was!ms noch beute an diesem Stück erschottert und uns diesen Theaterabend wertvoller macht als manche Possenreißerei oder mondäne Nichtigkeit, die sonst die Theater bieten. Hier ist eine Wahrheit, die uns an geht Die Judenfrage ist ein objektives Problem, keine Frage von Bosheit oda• Güte Einzelner, «andern der Fremdheit zweier Welten. Aber bei Schnitzler alles ln einem müderen Licht, ohne scharfe Kontraste, auch dies ist wienerisch. Nur eine Sorte Menschen kommt eindeutig schlecht weg: die getauften Juden, Assimilanten der alten Schule, ״die, die immerfort Angst haben, man könnte doch vielleicht gtauben —der Verteidiger Goldental, dessen Frau ein großes Kreuz trägt, der frisch getaufte Schreimann, dem der liberale Polterer Pflugfelder, alter Achtundvierziger, attestiert, daß seine ״so ganz frischen religiösen Gefühle“ besonders ach ס• nungsbedürftig sind, die kleinen Streber, die sich um ihr Judentum schamhaft herumdrücken oder sich ein Ein gestandnis jüdischer Abstammung schon als hohes Verdienst anrechnen. Und auf der anderen Seite alle Abstufungen, vom charakterlosen ״nationalen“ Studenten über den leichten Anti• semiten, der sogar einen jüdischen Assistenten beschäftigt, bis zu der jovialen Bonhommie des guten alten Oesterreichers, dem im Grunde all« egal ist, aber der sich nach dem Wina zu drehen weiß. Und Bernhardi selbst, ein typischer Intellektueller, von einwandfreiem Charakter, der stets nur das Richtige tun will, voll ethischen Eifers, doch zugleich ironischer Skeptiker, — auch ihn kann der Dichter nicht völlig be* jähen: zweimal muß er sich von Christen Dinge sagen lassen, die wirklich an das Tiefste rühren. Die Szene mit dem Pfarrer kam nicht ganz zur Oeitung, da Stahl-Nach* baur, einem guten Sprecher, doch etwas von der demüti* gen Hoheit des Priesters fehlt, die erst den Vorwurf der Vermessenheit verständlich und sinnvoll macht Dagegen war die Schlußszene, wo der Hofrat (Paul Hörbiger) Bern• hardi darüber belehrt, daß er nicht das Zeug zum Reformator und Revolutionär hat, ausgezeichnet; denn diese Figur des Hof* rats. die Hörbiger gibt, ist eine der gelungensten und köstlichsten des Abends, wirklich die Verkörperung eines leibhaftigen — und nicht des schlechtesten — Typus des k. k. Bürokraten. Bemhardi selbst ist Kortner. Er stellt einen jener guten alten Wiener jüdischen Aerzte hin, etwas nonchalant, tief anständig, ernst bei aller Ironie, mit dem müden Lächeln tausendjähriger Enttäuschungen, die dennoch nicht von dem stets zu erneuernden Versuch, das Rechte zu tun, entheben. In Geste und Wort einfach großartig. Genannt werden muß ferner Erwin Kaiser als Dr. Löwenstein, der bewußte Jude im Aerztekollegium, eine vom Dichter mit viel Liebe und Sympathie gezeichnete Gestalt: Kaiser ist glänzend, ohne Uebertreibung trifft er die ständige Erregung des_ Doktors, seine ehrliche, allen Schwindel und alles Assfmilantentum verachtende Geistigkeit Paul Otto als Minister, Heinz Salfner als Cyprian, Herbert Orflnbäum als sehr lebensechter Dr. Feuermann, sowie die meisten anderen Darsteller bilden ein Ensemble, das in der Hand Barnowskys zu einem feingestimmten Orchester wird. Dieser Abend wird viele zum Denken anregen: was dabei herauskommen müßte, das gehört schon in die politische Spalte. Michael Walter. Ein neues Röntgeninstitut der Jüdischen Gemeinde. Am 26. Januar fand im Krankenhause der Jüdischen Gemeinde Berlin anläßlich der Errichtung eines neuen Röntgen-Instituts eine Feier statt. An dieser Feier beteiligten sich die leitenden Aerzte des Krankenhauses sowie Vertreter der Gemeindeverwaltung. Professor S e! i g m an n begrüßte die Erschienenen und der Leiter des Röntgen-Instituts, Dr. Ziegler, schilderte die Einrichtung dieser ״modernsten Röntgen-Diagnostik- und Therapie-Anlage Berlins“, bei der alle Erfahrungen der Röntgenologie in der ganzen Welt nutzbar gemacht wurden. — Durch dieses neue Institut befestigt die Krankenhaus-Verwaltung der Jüdischen Gemeinde ihren Ruf, die besteingerichteten Krankenhäuser Berlins zu betreuen. Wieder einmal Bflcben ״Ufld abermals nach U/t Jahren bin ich desselben Weges gefanren".... und mußte in der Station Büchen auf den An- Schluß warten. Büchen ist jener Ort, in dem bei meiner erstmaligen Anwesenheit der Bahnhofrestaurateur ausgerechnet bei mir Reklame für die Palästina-Orangen machte. Ich habe davon in diesen Blättern erzählt. Darum war ich einigermaßen froh bewegt, als ich die Theke des Restaurants wiedersah und dort wiederum Orangen in Seidenpapier umwickelt fand, das den Aufdruck ״Pardess" trug. Auf dem großen Tisch vor der Theke lagen allerhand Druckschriften, darunter neben verschiedenen Reklamedrucksorten ein Stapel der ״Fachzeitschritt für Fährinhaber, Bootsverleiher, gewerbliche Persone•- Schiffer und verwandte Berufe“. Es führt den Namen ״Der Fährmeister" und feierte am 1. Januar den 4. Geburtstag. Herausgegeben ist dieses Organ — wie könnte es anders sein? — vom ״Reichsverband der Fährinhaber Deutschlands E. V., Sitz Berlin“. Es beginnt mit einem poetischen Erguß, in dem es u. a. heißt: ״Drum tretet ein im Reichsverband für Fähren und für Schiffer, bei denen auch berufsverwandt wir Bootsverleiher sitzen.“ Dann folgen lauter Fachartikel, Vereinsnachrichten, Versammlungsberichte und ähnliches mehr. Den Ab- Schluß aber büdet ein literarischer Beitrag unter dem Titel ״Weltgeschichte“. Und in diesem Beitrag wird von dem Judenfrfedhof In Prag erzählt Dieser Beitrag soll dem Roman ״Biarritz“ von Sir John Ratcliffe entnommen sein. In dem nachgedruckten Abschnitt, dem noch Fortsetzungen folf" * ' ' ' *׳-־ ־*־* J‘ ־-־'־”•* _ strüpp bedeckten Gräber auftun, diese von einem Jahrtausend zerbröckelten Steine zerspringen, um den ruhelosen Wanderer den Quersack auf dem Rücken, den Stab in der Hand, wieder hinauszusenden unter die lebenden Geschlechter, sie zu betrügen und zu knechten und das neue Kanaan zu suchen: — die Herrschaft“ Der Schlußabsatz lautet: ״Beth Chajim — das Haus des Lebens heißt der Friedhof! Ja, wohl ist diese Ruhestätte der Toten das Haus des Lebens! Denn von hier aus geht der geheimnisvolle gewaltige Impuls, der die Vertriebenen zu den Herren der Erde macht, die Verachteten zu den Tyrannen der Völker, der den Kindern des Goldenen Kalbes die Verheißungen erfüllen soll, die einst im flammenden Dornbusch dem Volke Gottes gegeben wurden.“ Wie man sieht, lauter erbauliche Dinge, die den ״Weisen von Zion“ entlehnt sind, also nichts Aufregendes. Aber wie kommt der ״Fährmann“ dazu, ausgerechnet der ,?Fihrmann der die Interessen eines Berufes vertritt, in dem die Juden niemals Konkurrenten waren, den geringen Raum, den er für Literatur übrig hat, der dümmsten Verhetzung gegen die Juden zu widmen? Sicherlich ist das keine weltbewegende Angelegenheit, aber man wird doch nachdenklich, wenn man sich sagt, daß die einzige Druckschrift, die von den ״Fihrinhabern, Bootsverleihern usw.“ überhaupt gelesen wird, Haß gegen die Juden sät .... Man kann, wenn man Glück hat, In Büchen als Jude mancherlei erleben. m. w. Elnsteta -Archiv In der Ueberzeugung, daß die Universitätsbibliothek in Jeru- Salem eine Zentralsammelstelie für alle Veröffentlichungen schaffen soll, die auf die E i n s t e i n s c h e T h e o r i e Bezug haben, hat sich ein Komitee gebildet, das die Bibliothek ba dieser speziellen Sammeiarbelt unterstützen will. Wir wenden uns daher an alle Verehrer Einsteins mit der Bitte, der Jerusalemer Universitätsbibliothek fortlaufend alles zuzusenden, was über seine Theorie und Persönlichkeit bisher erschienen ist und weiter erscheint: Bücher, wissenschaftliche und populäre Schriften und Artikel, die ganz oder teilweise von dieser Lehre handein, selbst kleine Notizen, Verse, Witze u. dgl. in Zeitschriften aller Art, in allen Sprachen und in jeder Form. Auch Porträts und Karikaturen, Briefe Einsteins, sowie die anderer hervorragender Persönlichkeiten über ihn sind sehr erwünscht Wo eine Uebersendung des Originals unmöglich ist, wird um einen entsprechenden Auszug oder genauen Hinweis gebeten. Für das Komitee zur Gründung eines Einstein-Archivs an der Jerusalemer Universitätsbibliothek. Dr. Abraham Schwadron. Jerusalem, Dezember 1929. Alle Sendungen und Zuschriften sind direkt an die Universitätsbibliothek mit dem Vermerk ״Einstein-Literatur“ erbeten. Auskünfte werden bereitwilligst erteilt. (Ziko.) Hlllswerk Nr indische Studenten Wir erhalten einen Bericht, dem wir folgende Daten entnehmen: Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der es sich u. a. zum Ziel gesetzt hat, an der kulturellen Hebung der Juden im Osten mitzuarbeiten, hat sein besonderes Interesse den Studierenden zugewandt, denen die Wege zu ihrer Fortbildung so gut wie verschlossen waren. Dr. Paul Nathan regte im Sommer 1924 beim Hilfsverein eine Hilfsaktion an und setzte sich mit größter Hingebung für die Durchführung derselben ein. Der Hilfsverein übernahm die Leitung der Aktion; er interessierte die tungsvolle Hilfswerk. Von diesen zwei Organisationen sind im Laufe der letzten Jahre dem Hilfsverein für das Studentenhiltswerk beträchtliche Summen zur Verfügung gestellt worden. Ferner sind von einzelnen jüdischen Gemeinden und Privat- Personen Beträge beigesteuert worden. Die dem Hilfsverein überwiesenen Gelder wurden dem Verband der Jüdischen Studentenvereine in Deutschland zugeführt, der den Hilfsverein von Semester zu Semester über die Höhe der jeweils erforderlichen Summen für Prüfungs- und Studiengebühren sowie für Stipendien informierte. Der Hilfsverein bewilligte dem Studentenverband aus eigenen Fonds nicht unbeträchtliche Mittel und unterstützte noch gesondert eine Anzahl von Hörern. Im ganzen sind für diese Aktion von Mitte 1924 Ws Ende 1929 rund 177000 Mark vom Hilfsverein aufgebracht und verausgabt worden. Im ganzen wurden vom Sommersemester 1924 bis zum Sommer- Semester 1929 1471 Studenten unterstützt Den Absolventen mußten Mittel zur Heimreise — etwa 57 % der Gesamtzahl der Absolventen kehrten nach ihren Heimatländern zurück — zur Verfügung gestellt werden. Der Hilfsverein trug zu den Kosten aus seinem Emigrationsbudget vielfach bei. Ein Teil verblieb In Deutschland, andere begaben sich nach Frankreich, Palästina und überseeischen Lindern. Vom Hilfsfonds. Bis Mitte Januar wurden aus dem jüdischen Hilfsfonds für die Geschädigten der Unruhen 25 618 Pfund Darlehen gegeben. Die Darlehen verteilen sich auf die einzelnen Städte folgendermaßen: Jerusalem, Hebron, Moza 12013 Pfund, Safed 0923 Pfund, Haifa 3069 Pfund, Tel-Awiw 1963 Pfund, Ramath Rachel 650 Pfund. Ein großer Teil der Darlehensgesuche ist noch nicht zur definitiven Entscheidung gekommen. (Ziko.)