Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 9 (31.1.1930)
- Date
- 1930-01-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 58 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6, 31.1.1930 faltung des Judentums ist. Der Zionist sieht in Palästina den Mittelpunkt des Judentums in kultureller oder in religiöser und jedenfalls in politischer Hinsicht Wir deutschen Juden sehen den Mittelpunkt unseres politischen und kulturellen Lebens in Deutschland; Deutschland ist uns nicht Galutli, sondern Heimat, und wir wollen, daß auch unsere Kinder und Kindeskinder in Deutschland ihre Heimat behalten.“ Die Aeußerungen von Gerson und Hirsch verdienen, sehr ernst genommen zu werden. Es sind nicht zufällige oder isolierte Meinungen, sondern so denkt heute der überwiegende Teil der in der Agency organisierten nichtzionistischen Jugend. Diese Jugend Ist anders als die antizionistische oder azionistische Jugend des Vorkriegsjudentums. Sie gefällt sich nicht mehr in selbstgefälliger, gedankenloser Deutschtümelei, sie steht nicht mehr uninteressiert bei- Seite, ja sie erklärt, daß sie aus Veratttwortungsgef ü hl gegenüber der jüdischen Gesamtheit dem ״lockenden Wunschbild“ des Zionismus nicht nachzugeben vermag. (Hermann Gerson.) Bei allem Bemühen, sich von uns zu distanzieren, arbeiten die Führer dieser Jugend am Palästinaaufbau nach besten Kräften mit, erklären sich solidarisch im Kampfe gegen unsere Gegner innerhalb und außerhalb des Judentums (wie einmütig lehnte diese deutsch-jüdische, nichtzionistische Jugend die ״Erklärung deutscher Juden ab“.) Diese Jugend müssen wir für den Zionismus erobern; der Eintritt in die Agency darf nicht die letzte Etappe der jüdischen Entwicklung werden. Trotz aller Palästinanähe, trotz Anteilnahme an Jewish Agency, trotz Absage von der Ideologie des liberalen Assimilationsjudentums scheint uns der Kampf um diese Generation schwerer denn je. Es liegt nahe, daß einer so denkenden und handelnden Jugend schwerer klarzumachen ist, warum sie den letzten Schritt tun muß, warum sie die Sicherung nach allen Seiten aufgeben und sich dem ״Eins tut not“ des Zionismus hingeben soll. Und doch muß der Kampf mit dieser Jugend geführt werden. Die zionistische Offen- 8ive darf vor feindlicher Jugend der Agency nicht halt machen. Um des Zieles der Agency, d. h. um der Errichtung unseres Nationalen Heimes in Palästina willen muß der zionistische Kampf fortgeführt werden, müssen dauernd neue Menschen dem organisierten Zionismus zugeführt werden. Wir können die Konzeption dieser nichtzionistischen Jugend, ihren Versuch, den Palästina-Aufbau mit anderen jüdischen Erneuerungs• Bestrebungen zu koordinieren, nicht anerkennen, weil diese Vorstellung unserer Meinung nach von nicht zutreffenden Voraussetzungen ausgeht (s. Teil II). Aber abgesehen von der Anfechtbarkeit dieses Systems, glauben wir, daß aus einer solchen Vorstellungsweit, wie wir sie bei Gerson und Hirsch finden, im besten Falle immer nur ״Mitarbeiter“ kommen werden, immer nur ״Freunde“, immer nur ״Nichtzionisten“. Nichtzionisten kann es aber nur solange geben, solange es Zionisten, Mitarbeiter, solange es Vorarbeiter gibt, Sympathisierende, solange es eine Urkraft gibt, die Ziomsinus erzeugt, die Palästina aufbaut Die Kräfte des Judentuftis in Richtung auf Palästina müssen gerade angesichts der jetzigen Konstellation vervielfacht, verzehnfacht werden. Dieses ״Alles auf eine Karte setzen“ des Zionismus scheint uns fast der einzige Ausweg, um all den ungeheuren Schwierigkeiten ■ früherer OÄrätiönin. Die kömftende Generation darf nicht' nur ״palästina-freundlich“ sein, sie muß ״,palästina-fanatisch“ werden. Nicht Mitarbeiter müssen wir gewinnen, sondern Pio• niere, wenn wir unsere Ansprüche auf Palästina dauernd vor der Welt und uns selbst rechtfertigen wollen, wenn wir Palästina wirklich aufbauen wollen. II. ״Palästina wird gebaut werden* — war das Motto der Agency in Zürich. Wir können noch hinzufügen, ״weil es gebaut werden muß“ um der Erhaltung und Erneuerung des Judentums willen. Bei diesem ״Muß“ scheiden Sich vielleicht heute die Geister. Nur aus der Einstellung des ״Muß“ heraus kann aber Palästina gebaut werden. Unsere nichtzionistischen Freunde stellen unserer ״Galuthverneinung“ ihre ״Galuthbejafaung“ entgegen. Mit welchem Recht? Richtig ist, daß in der *Ideologie des Zionismus die Kritik an den Erscheinungsformen des Galuthjudentums eine zentrale Rolle einnimmt, daß den jüdischen Verfallserscheinungen der Galuth die Entwicklungsmögüchkeiten in Palästina entgegengestellt werden. Richtig ist aber auch, daß das Vorkriegsjudentum des Ostens gerade aus der Fülle seines jüdischen Seins zum Zionismus kam und nicht aus der Leere, daß dieses Vorkriegs Judentum des Ostens jüdisch so erfüllt war, wie es das westliche Judentum unter den besten Voraussetzungen nicht mehr werden wird und daß dieses Ostjudentum trotzdem Zionismus brauchte und Träger der Bewegung wurde. Richtig ist ferner, daß dieser selbe Zionismus, den man wegen seiner negativen Haltung zum Galuth Judentum glaubt ablehnen zu müssen, bisher überall der entscheidende Faktor in der Entwicklung des Galuthjudentums geworden und bis heute geblieben ist, daß seine Arbeit keine Verarmung dieses Galuthjudentums bedeutete, sondern sein stärkster Antrieb wurde. Niemals hat ein wohlverstandener Zionismus jemanden dazu verführt, sich an der Arbeit im Galuth desinteressiert zu zeigen. Wenn darauf hingewiesen wird, daß die These von der grundsätzlichen Unfruchtbarkeit der jüdischen Galuth schon darum unmöglich sein müsse, weil die Entwicklung des Judentums Immer von ״Galuthzentren ihren stärksten Antrieb erfahren“ habe, so liegt dem doch ein kaum faßbarer Irrtum zugrunde. Der Zionismus in seiner heutigen Gestalt ist doch entstanden als Reaktion auf die Lebens- und Erscheinungsformen des emanzipierten und assimilierten Judentums, ist entstanden aus der Einsicht, daß in diesen Formen eine Fort* Setzung und Erneuerung des jüdischen Lebens undenkbar sei. Das Judentum der Voremanzipationszeit war im ganzen Verlauf seiner Geschichte kulturell und sozial gebunden und von seiner Umwelt differenziert. Es war in seinem Sein und Denken entscheidend durch sein Judentum bestimmt. Religiöse Entscheidungen und Lebensformen waren in dieser Zeit entscheidende Kriterien für Gruppen und Nationen, und der Jude hatte im ganzen Verlaufe seiner Geschichte bis zur Emanzipation niemalp die Möglichkeit der Wahl zwischen seinem Judentum und seiner Umweit. Er war eine deutlich abgegrenzte und in seiner Sonderexistenz eindeutig bestimmte Schicht. Der moderne Jude ist dadurch entscheidend charakterisiert, daß er zwar noch sein Anderssein spürt, aber es nicht mehr genügend definieren und begründen kann und daß er seiner Sonderexistenz keinen rechten Sinn mehr zu geben vermag. Der tragische Konflikt des modernen Juden existiert also für den jaden des Ghetto nicht Wie man glauben kann, daß das atomisierte und individualistische Juden• tum von heute, das sich überall in Auflösung befindet, auch an den Stätten seiner größten Lebensfülle, daß dieses Judentum mit der Schöpferkraft und Lebensfülle des Voremanzlpations- Judentum sich messen könne, ist uns unerfindlich; man muß dann schon geneigt sein, mit den bescheidensten Maß- Stäben jüdisches Leben zu messen und zu glauben, daß ein wenig Hebräisch schon genüge, um den Abfalistendenzen die Waage zu bieten. Man muß schon das formale Wissen und Bewußtseinsinhalte außerordentlich überschätzen und glauben, daß lediglich formale Bekenntnisse wesensändemde Kraft haben. Angesichts der Entwicklungen, die sich im deutschen Judentum in den letzten 15 bis 20 Jahren vollzogen haben, könnte man geneigt sein, gerade dieses deutsche Judentum als stärksten Beweis gegen die aufgesteilte These von der Unfruchtbarkeit der Galuth zu empfinden. Wer sich lediglieh an die formellen Bekenntnisse und programmatischen Aeußerungen der führenden Gruppen des deutschen Judentums hält, der braucht um die Zukunft des deutschen Judentums nicht besorgt zu sein. Noch in keiner seiner Entwicklungphasen hat das deutsche Judentum so viel von jüdischer Renaissance, jüdischer Zukunft, jüdischer Wirklichkeit gesprachen, wie heute. Noch zu keiner Zeit spielte das jüdische Leben und seine Probleme eine so große Rolle im Bewußtsein und im Denken und Leben der deutschen Juden, wie heute. Das erstaunlichste Phänomen des deutschen Judentums ist die Steigerung seines jüdischen ״Betriebs“, das bewußte Bejahen der gesellschaftlichen Sonderexistenz des deutschen Judentums, der bewußte Verzicht darauf, Judentum nur in der Synagoge als selbständige Lebensform gelten zu lassen. Die jüdische Gesellschaft hat sich als ein autonomes Gebilde konstituiert, hat bewußt staatsähnliche Funktionen übernommen, dringt zu immer größeren Zusammenfassungen, reiht sich immer deutlicher in die Einheitsfront des Weltjudentums ein. Wese Aenderungen im jüdischen Denken, dieser Funktionswandel der jüdischen Gesellschaft hat bewirkt, daß im Subj e k t i v e n die Judenfrage viel an Schärfe verloren hat. Die gewollte Assimilation wird abgelehnt. (Die Erklärung der deutschen Juden verhallte ohne Wirkung, ist ein letzter Rest des schwindenden ״Mauscheltums“.) Die Tatsache, daß der Jude innerhalb der jüdischen Gesellschaft lebt, läßt ihn die Segnungen des jüdischen Zusammenschlusses spüren, läßt ihn die Mißerfolge in seinen gesellschaftlichen Bemühungen in nichtjüdischen Kreisen nicht mehr erleben, läßt ihn glauben, seine ״Eindeutschung“ sei eine vollzogene Tatsache. In Wirklichkeit sind die gesellschaftlichen Bindungen des deutschen Juden an seine Umwelt heute geringer denn je. Der deutsche Jude sträubt sich nur noch gegen die Erkenntnis, daß sein heutiges Leben und alles, was er im jüdischen Bezirk versucht, eine deutliche Abkehr von der Ideologie des Assimilations- Judentums der Vorkriegszeit bedeutet Es ist schwerer, *in innerlich so beruhigtes und scheinbar konfliktloses Judentum zur Entscheidung zu bringen, als jenes Vorkriegsjudentum, das wir immer wieder vor die Frage ״Sein“ oder ״Nichtsein“, Selbstbehauptung oder Selbstaufgabe, stellen konnten. Und do'.h müssen wir auch dieses ״halbnationalisierte“ Judentum demaskieren: Der deutsche Jude muß erkennen, daß Sich hinter dem mit schönen Farben bemalten Vorhang jüdisch! Abfalls• uj|d yerfallfprpzesse vollziehen, dehett man riüft noch so gut;gtmetetfli ARpetien kium Einhalt gebieten kann. Er muß einsehen, daß das jüdische Leben hier nicht nur eine Funktion des guten Willens ist, daß kein Jude der Galuth, sei er Zionist, Orthodoxer oder Liberaler, mit Sicherheit etwas über den jüdischen Lebensweg seiner Kinder aussagen kann, da alle Entscheidungen hier der Willkür anheimgegeben sind, da jede Generation in ihrem Sein assimilierter wird — in ihrem Wollen vielleicht jüdischer — jede neue jüdische Generation ihr Judentum erneut aufs Spiel setzen muß und wir hier nichts schaffen können, was mit Sicherheit die Fortexistenz von Juden verbürgt. Der Versuch, die Fortexistenz des Judentums lediglich auf eine ״Idee des Judentums“ zu gründen, muß scheitern. Welche Idee soll es sein? Bisher sind ja fast alle Ideen und Ideoiogien der Moderne für das Judentum reklamiert worden. Uns scheint cs fast, daß diese ״Ideen des Judentum“ nur Ersatzbildungen für die mangelnde reale Existenz der Juden sind und daß sic niemals Verfall und Abfall aufhalten können. Heute nach 150 Jahren der Emanzipation ist es klar, daß Auflösungs- und *Verfallstendenzen dominieren: das ungeheure Anwachsen der jüdischen Mischehen in Deutschland, der Geburtenrückgang, die Konzentration der Juden in der Großstadt und damit die Beschleunigung ihres Abfalls. Wir werden niemals dieses deutsche Judentum sich selbst ,überlassen und glauben, genug zu tun, wenn wir auf Palästina hinweisen. Aber wir müssen immer wieder auf die Diskrepanz zwischen jüdischem Wollen und jüdischem Sein, zwischen jüdischem Programm und zwischen Entwicklungsprozessen, die außerhab unlerer Einflußsphäre liegen, hinweisen. Wir müssen den Mut haben, die objektiven Lebensbedingungen und Chancen der Juden zu erkennen, auch wenn dadurch Programme ins Wanken geraten sollten. Eine Absage vom Zionismus wäre nur zu verstehen, wenn andere jüdische Erneuerungsmöglichkeiten durch die Mitarbeit am Palätinaaufbau verbaut würden. Diese Situation ist nirgends gegeben. Im Gegenteil, das Bekenntnis zum Zionismus ist heute der stärkste Antrieb im jüdischen Leben der Gegenwart, ist aktives Auflehnen gegen den scheinbar beschlossenen Untergang des Judentums, gegen Verfall und Entartung. Der Zionismus gibt dem jüdischen Leben ein objektives Ziel, an dem man sich zu messen und zu bewähren hat und bringt so in die schwankende und unbestimmte Skala jüdischer Werte einen eindeutigen Maßstab. Die Lethargie und Apathie im modernen Judentum war eine Folge seiner Funktionslosigkeit. Leid als solches kann von keinem Volk auf die Dauer als konstituierendes Moment empfunden werden. Dem Leiden muß eine aktive Anspannung entgegengesetzt werden. Wer die Agency-Tagung in Zürich miteriebte, spürte, daß heute schon Palästina mehr als irgendein Faktor sonst für das Judentum, auch für das deutsche, geleistet hat und mehr für die Juden geleistet hat, als die Juden für Palästina: Palästina hat den Juden die so lange entbehrte Einheit, ein gemeinsames Ziel, eine gemeinsame Hoffnung, einen neuen Enthusiasmus geschenkt, in Palästina entsteht dem Judentum ein neues ״Sein“, das es überall in der Welt sonst entbehrt oder zu verlieren im Begriff ist Erneuerung des Judentums in Palästina und durch Palästina, das scheint uns die Losung zu sein, mit der eine junge Generation in die Agency hineingehen sollte, weil nur aus diesem Geiste heraus Palästina gebaut werden kann. : Politische Paine Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG, Tei-Awiw, den 21. Januar 1930. Man beginnt es bereits stark zu spüren, daß sich der Schwerpunkt der zionistischen Politik ins Ausland versdioben hat Das Land wird — politisch gesehen — stiller und brechung abrollte, ist merklich schwächer geworden. Es ist, als hätte der strömende Winterregen, der seit Tagen im Lande niedergeht, auch einen großen Teil der Aufregung hinweggeschwemmt Oeffentliehe Auseinandersetzungen werden selten, die Presse wird ruhiger. Sie konzentriert ihre Aufmerksamkeit mehr auf das Ausland, auf London, auf Genf, auf die verschiedenen Länder des Galuth, besonders auf diejenigen, in denen auf zionistischen Landeskonferenzen die Probleme der Stunde diskutiert werden. So z. B» besprechen die Zeitungen den Deutschen Delegiertentag in Jena. Körperschaften wie der Waad Leumi und die Parteien halten an ihrer während der kritischen Zeit angenommenen Gewohnheit fest geschlossen Sitzungen abzuhaften — eine Neuheit für Palästina — und diese Gewohnheit verringert noch die öffentlichen Melnungskämpfe. Man merkt eine gewisse Diskussionsmüdigkeit. Auch im arabischen Lager spürt man, wie die Wellen der Erregung sich nach und nach glitten. Die Leitung der Araber bereitet sich darauf vor, ihren Kampf auf englischen Boden zu übertragen und hat sich in den letzten Wochen angatian (Über den wir in der ״J. R.“ berichtet haben —■ Red.) war der erste deutliche Streit im arabischen Lager seit den Augusttagen, die eine Einigung herbeigeführt hatten. Man wird wonl nicht fehlgehen, wenn man politischen Meinungsverschledenen nur einen Teil der Differenzen zuschreibt Es wird gelegentlich eine Version erkennbar, die in dem Kampf um die Delegation eine Richtung unterscheiden will, die auf volle Unabhängigkeit, das heißt Abschaffung des Mandates und Kampf gegen England, hinzielt, während die zweite sich nur gegen die Balfour-Deklaration und die Zionisten richtet. Diese scharf politische Teilung unter den arabischen Führern, die ungefähr der indischen Fraktionierung — Dominion gegenüber voller Unabhängigkeit — entsprechen würde, ist heute höchstens im Keim vorhanden. Der Streit um die Delegation hat nicht nur mit Politik, sondern auch mit religiösen Gegensätzen — Moslems und Christen — and außerdem mit dem alten Familienstreit der Hussein! und Naschaschibi zu schaffen. Und schließlich spielen Gegensätze zwischen den Anhängern des Mufti und seinen Gegnern eine Rolle. Unterdessen ist bekanntlich ein Kompromiß zustände gekommen. Mit der Zusammensetzung der Delegationen schließt die Arabische Exekutive ihre auf das palästinensische Forum gerichtete Arbeit ab und wendet sich dem Londoner Schauplatz zu. Mit einem Abflauen der Propaganda im Lande werden viele Reibungsflächen vermindert werden. Neuer Terrilorlallsmus? Der gegenwärtig in Berlin weilende Dr. Schitlowski, der bekannte Jiddischist aus Amerika, der kürzlich eine Vortragsreise durch Polen unternommen hat, entwickelte in Warschau vor einer großen Versammlung eine neue territoriaUstische Ideologie. Das Aungamierungsbedürflästina befriedigt werden. Daher müsse ein jüdischer Weltkongreß einberufen werden, um darüber zu beraten, wie man für das jüdische Volk ein Land bekommen kann, um dort einen Staat zu bilden. Die jüdischen Massen können sich mit dem Zionismus nicht befreunden, weil dieser nur einer kleinen Zahl von Juden helfen könne. Die Liebe zu Palästina genüge nicht als treibende Kraft zur Auswanderung, entscheidend sind vielmehr die ökonomischen Not- Wendigkeiten. Die Vorschläge von Schitlowski sind in der jüdischen Oeffentlichkeit Polens stark diskutiert worden. Man wies darauf hin, daß zwei Millionen Juden in Polen zur Einwanderung bereit stehen. Ein objektiver Zuhörer müßte freilich Befremden darüber aussprechen, daß ein so vager Plan heute in der Oeffentlichkeit lanciert wird, nachdem jahrzehntelange Bemühungen die Vergeblichkeit des Territorialismus erwiesen haben. Man kann nicht theoretisch von einem Lande sprechen, ohne die . tat, sondern höchslens ein negatives. Es kann Kräfte von der Palästinabewegung abbringen, die, wenn sie sich voll für Palästina auswirkten, dazu helfen könnten, in dem einen Land, weiches für die jüdische Politik eine Realität ist, für mehr Juden Raum zu schaffen. Außer den Propagandaversammhingen, die Schitlowski abhielt, wurde in Warschau eine öffentliche Disputation veranstaltet, in welchem Jizchak Grünbaum den zionistisehen und Schitlowski den territoriallstischen Standpunkt vertrat. Unter Beteiligung der führenden jüdischen Schichten .aller Parteien Warschaus, entwickelten beide Redner ihren Standpunkt. Grünbaurn wies auf die historische Kraft des Zionismus hin, der im Namen Palästinas vermocht hat, die jüdische Gesamtheit zu ungeheuren in der jüdischen Geschichte einzig dastehenden Opfern an Menschen und Mitteln zu bewegen. Schitlowski bemängelt am Zionismus, daß er im besten Falle nur imstande sein werde, einer geringen Anzahl von Juden Befreiung zu bringen. Außer den Darlegungen der beiden Disputanten gab es noch Repliken und Dupliken. Der Disput übte auf die Anwesenden tiefen Eindruck. Wer von ihnen ״gesiegt“ hat, bemerken die Warschauer Zeitungen, kann man nicht sagen. Bezeichnend ist jedoch, daß am Schlüsse der Versammlung spontan von dem größten Teile der Zuhörer die ״Hatikwah“ angestimmt wurde. Die Keren Halessod-Einnahmen Im ersten Qoartal 1929 SO Die Einnahmen beim Hauptbüro des Keren Hajessod in Jerusalem betrugen vom 1. Oktober bis zum 31. Dezember 1929: 59116 Pftjnd. An erster Stelle steht Deutschland mit 8269 Pfund, danach folgen Südafrika mit 8005 Pfund, Argentjnien mit 6342 Pfund, die Vereinigten Staaten mit 5056 Pfund, Pplen mit 5023 Pfund, Tschechoslowakei mit 2991 Pfund, Rumänien mit 2361 Pfund, Beßarabien mit 2294 Pfund, Italien mit 2100 Pfund, England mit 1675 Pfund, Jugoslawien mit 1180 Pfund, Bukowina mit 1173 Pfund und Erez-Israel mit 1170 Pfund. Die übrigen Beträge halten sich unter 1000 Pfund. (Ziko.) Haifa, 26. Januar. (J. T. A.) Das Distriktsgericht in Haifa verurteilte zwei Araber wegen M e i n e i d s zu sechs Monaten, einen weiteren zu vier Monaten und einen zu sieben Tagen Gefängnis. Ein Araber wurde freigesprochen und die Verhandlung der Anklage gegen einen anderen vertagt. Alle diese Gerichtsfälle stehen in Zusammenhang mit den Ausschrei' hingen von SafedL