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Jüdische Rundschau · 1930-01-28 · Heft 8 (28.1.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 8 (28.1.1930)
Date
1930-01-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 8, 28 1.1930 J (JE EM SC HE RUNDSCHAU Seite 55 # Dr. Simon Bcrafeld Dr. S. Bemfeid hat auf den Glückwunsch der Z. V. f. D. fu seinem 70 Geburtstag mtl dem nachfolgenden Brief geantwortet, den die Z. V. f D. uns wegen seines allgemeinen Interesses ןur Verfügung stellte. Berlin-Charlottenburg, den 21. Januar 1930. An die Zionistische Vereinigung für Deutschland Berlin W 15 Aus Anlaß meines 70. Geburtstages hat die Zionistische Vereinigung für Deutschland meiner in freundlicher Gesinnung gedacht und meiner Tätigkeit zur geistigen und nationalen Hebung des jüdischen Volkes anerkennende Worte gewidmet. Nach fünfzigjähriger Arbeit, in unserem Volke das Bewußt* sein seiner geschichtlichen Bedeutung und seiner geschiehtliehen Zukunft wachzurufen, blicke ich mit Genugtuung und hoher Befriedigung auf die W a n d 1 u n g, die in der Judenheit während dieses Zeitraumes vor sich gegangen ist. Vor 50 Jahren sah es namentlich in der westeuropäischen Judenheit in dieser Beziehung überaus trübe' aus. Man suchte die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk als ein Schandmal sorgfaltig zu verbergen, und die Kenntnis der hebräischen Sprache wurde' einem kaum verziehen. Und jetzt dieses offene und freudige Bekennen zu unserem Volke, diese Liebe und Ver* ehrung für unsere nationale Sprache, die Erörterung jüdischer Angelegenheiten in der breitesten Oeffentlichkeit — dieses alles noch erlebt zu haben, gereicht mir an meinem Lebensabend zur größten Freude. Im Mai des Jahres 1881, nach den ersten Pogromen in Südrußland, habe ich im ״Hamaggid“ wieder den Gedanken aufgenoramen, der während des Assimilationstauroels in Vergessenheit geraten war, im Lande unserer geschichtlichen Heimat eine Heimstätte für unser Volk zu gründen. Was aus dieser Anregung geworden ist, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Selbst die traurigen Ereignisse des letzten Sommers, die mich noch fortwährend beschäftigen und beunruhigen, können meine felsenfeste Ueberzeugung von der glücklichen Zukunft, die unserem Volke auf seinem geschichtlichen Boden beschleden ist, nicht erschüttern. Und so sehe ich Ihrem Wirken trotz mancher Metnungsverschiedenheiten mit der größten Zuversicht entgegen und freue mich über alle Erfolge, die unsere nationale Sache in reichlichem Maße aufzuweisen hat. Mit herzlichem Dank für Ihre freundlichen Glückwünsche Ihr hochachtungsvoll ergebener B c r n f e Id. Kurzer Prozeß Ozet fordert die Ausweisung des J. T. A.-Korrespondenten aus Rußland. Moskau, 19. Januar. (J. T. A.) Die Zentralverwaltung von Ozet (private Gesellschaft für jüdische Kolonisation) schüeßt sich der von ״Eraeß“ und anderen jiddischen kommunistischen Zeitungen gegen den Korrespondenten der Jüdischen Telegraphen-Agentur, Herrn Stpolar, eingeleiteten Hetze an und fordert aie Ausweisung des Herrn Smolar aus Sowjetrußland. Das Organ von Ozet beschwert sich, daß Smolar an das Ausland gemeldet hat, daß Ozet für das Siedlungswerk in Blro Biaschau zwei und eine halbe Million Rubel ausgegeben, aber kaum 200 jüdische Familien in diesem Rayon anzusiedeln vermocht hat. Diese Tatsachen wurden zwar von der kommunistischen Presse verschwiegen, aber sie sind in einer Sitzung der Zentralverwaltung von Özef, der der JTA.-Kbrrelpdndent persönlich beigewohnt hat, offiziell mitgeteilt worden. Im Zusammenhang mit diesem Mißerfolg von Ozet hat auch das Regierungskomitee Komzet beschlossen, die Führung des Siediungswerkes in Biro-Bidschan der Gesellschaft Ozet abzunehmen und einer speziellen Regierungskommission zu ütjptragen. In der ,,Vierteljahresschrift für Politik und Geschichte“, Jahrgang 1929, Heft 2, veröffentlicht unser Mitarbeiter Dr. liidolf Levy eine umfangreiche Abhandlung ״Der Stand der europäischen Minderheiten-Poiitik“, worin die Minderheiten-Politik in 11 Staaten dargestellt und daraus die Konsequenzen gewogen werden. Theater. Zwei Juden sind die Helden des Abends, der seit Wochen die stärkste Attraktion der Berliner Theatersaison ist: Max Pallenberg und Franz Molnar. Der Schauspieler ist hier vor dem Dichter zu nennen, denn das Verhältnis hat sich umgekehrt: Der Dichter tritt in die Dienste des Schauspielers. Nur um Pallenbergs willen wurde dieser komödienhafte Unsinn gedichtet, nur dank Pallenberg vergißt man alle Einwände und, für eine gute Stunde, auch alle Sorgen, man lacht, jubelt, freut sich dieses aus grenzenlosem Reichtum einer durch und durch (und zwar in der besonderen Zubereitung des alten Oesterreicn) jüdischen Menschlichkeit strömenden Spieles. Diese Selbstironie, diese humorvolle Weltbezwingung, manche unbewachte Geste zeigen: Pallenberg ist vielleicht der jüdischste Schauspieler der Gegenwart. Man erinnert sich unwillkürlich, wie er bei der Habimah-Premiere begeistert klatschend im Parkett stand, und überschaut dann vielleicht det) weitesten Bogen, den jüdische Schauspielkunst heute überspannt. — Vor ״Eins zwei drei“ — dies der Name des Stückes — gibt das Deutsche Künstiertheater noch einen Einakter ״Souper“, in welchem Max Ehrlich den jüdischen Vetter aus der Provinz gibt, der sich zum 1. April als Detektiv verkleidet und dadurch die ganze Gesellschaft zum Oeständnis ihrer Unregelmäßigkeiten bringt. Kindertheater. ״Kakadu — Kak a da“ von Zuckm a y r, glänzend gespielt an Nachmittagen im Deutschen Künstiertheater, ist ein reizendes, anmutiges Kinderstück, das auch Erwachsenen Freude macht. Lustig ist das Grundmotiv vom Papagei, der der böhmischen Köchin allzeit auf der Schulter sitzt, bis der Mutwille der Kinder ihn auf- und in die Berge davonf.'iegen läßt. Aber zum guten Ende kommt er — naturlieh auf romantische Weise — zu aller Freude zurück. Sogar ein Junges erscheint, ausgebrütet aus dem einst verlorenen E; des grünen Vogels. Zu alledem eine gute und lustige Musik. Die Kinder sind begeistert, und am na'luten Tage meldet sich Rüben während der Vortragsstunde in seiner!Gasse in der jüdischen Schule Fasanenstraße und erzählt unter großer Auf 1erksamkeit das große Erlebnis des vorigen Tages und all die vielen Witze. Das Resultat: Alle Mitschaler wollen auch hingehen. Sollen sie! nia. Antiquariats-Kataloge. Von Felix Stössinger, Verlag und Antiquariat, Berlin W9, liegt Katalog 21 unter dem I i 1c 1 ״Bücher und Kunst. Ein kleines Waren- II aus“ vor. Der Katalog enthält in 1500 Nummern etwa 4003 Bücher und 400 Werke moderner Kunst und Meister des 19. Jahrhunderts (Oelgemälde, Zeichnungen usw.). Fast alle Gebiete sind zum Teil mit großen, seltenen, aber auch mit vielen billigen Gelegenheitsexemplaren vertreten. Unter den vielen Unterabteilungen finden sich auch Judaica verschiedener Art, u. a. die schnell berühmt gewordene Folge von 21 Pastellen von Arno Nadel ״Jüdisches Theater, Habimah und Granowsky“ io ein» luxuriösen Ganzpergamentmappc. naiiiDiirger tmet Zionistische Veranstaltungen — Kampf um das Frauenwahlrecht Tn der Gemeinde (Vo» unserem Berichterstatter.) Das neue Arbeitsjahr der Hamburger Zionistischen Vereinigung leitete Mitte November die übliche Generalver- Sammlung ein, in der zum Vorsitzenden der Ortsgruppe Dr. E. Heppner gewählt wurde, nachdem Dr. E. Buchholz, der die Vorstandsarbeiten mehrere Jahre lang besonders erfolgreich geleitet hatte, erklärt hatte, aus Gründen beruflicher Ueberlastung sein Amt nicht weiterführen zu können. — Auf der Generalversammlung wurde im übrigen dem alten Vorstand mit voller Anerkennung seiner wertvollen Arbeit Entlastung erteilt; einige seiner Mitglieder haben ihre Mitarbeit auch dem neuen Vorstand zur Verfügung gestellt, der sich — vom Vorsitzenden abgesehen — aus Frau Dr. Buchholz und den Herren Dipl.-Ing. E. Heinemann, J. Herz, Dr. Kalmus, Dr. Kupferberg, B. Meisel, Dr. E. Mark, Dr. H. Strauß, Dr. W. Weigert zusammensetzt. Ueber den Delegiertentag fand am 18. Dezember ein Ausspracheabend der Ortsgruppe, mit einleitendem Referat von K. Blumenfeld, statt. In der Diskussion, an der sich besonders Dr. E. Buchholz, Dr. Halpern und, als Vertreter der Kollenscher-Gruppe, Dr. Kalmus beteiligten, wurden, auch von den Sprechern der Allgemeinen Zionisten, die bekannten oppositionellen Bedenken, insbesondere die gegen die ״Jüd. Rundschau“ gerichteten, in freilich fast durchgehend gemäßigter Form, ausgesprochen; Dr. E. Buchholz präzisierte seine Auffassung von den Aufgaben des Delegiertentages. Der nächste Ortsgruppenabend war dem Bericht über den Delegiertentag gewidmet, zu dem die Hamburger Zionistische Vereinigung — von den Vertretern des Misrachi und des Schleswig-Holsteinischen Landesverbandes abgesehen — Frau Dr. Buchholz und die Herren Dr. S. Halpern, Dr. E. Marx und Dr. H. Strauß nominiert hatten. Nach Berichten der Delegierten — auch der vom Misrachi und dem Landesverband entsandten — wurde von zahlreichen Rednern eine stellenweise recht weitgehende Kritik an den Ergebnissen der Jenaer Tagung geübt; einigen der Hamburger Delegierten wurde von mancher Seite vorgehaltcn, daß ihre Haltung in Jena nicht in allen Punkten mit dem Programm, das sie vor der Tagung entwickelt hatten, in Übereinstimmung zu bringen sei. Eine Aussprache der Ortsgruppe über die bevorstehenden Wahlen zur Vertretervcrsammiung der Hamburger Gemeinde fand am 14. Januar statt. Dr. W. Pinner referierte über das Programm der Volkspartei, die einige Tage vorher, nach monatelangen Vorbereitungen, plötzlieh dadurch vor eine neue Situation gestellt worden war, das ihre misrachistischen Vertreter entgegen getroffenen Vereinbarungen im Repräsentantenkollegium den Antrag auf Einführang eines teilweisen passiven Frauenwahirechts zu Fall gebracht hatten. Die Folge war u. a. die Abspaltung des linken Flügels der Volkspartei-Koaütfon, der sich unter Führung von M. Lew zu einer ״sozialpolitischen Gruppe“ zusammenschloß, über die auf dem Ortsgruppenabend gesprochen wurde. Die Diskussion nahm, nach Ausführungen von Dr. Kalmus, schließlich einen recht stürmischen Verlauf; dennoch wurde Herrn Dr. Kalmus, ebenso wie den misrachistischen Gemeinde- Vertretern, zum Schluß das Vertrauen der Ortsgruppe ausgesprachen. — Man erwartet für die allernächsten Tage zwar die Wiederaufnahme des das passive Frauenwahlrechf betreffenden Antrags und seine Annahme, dennoch aber für die kommenden Wochen einen Wahlkampf, der scharfe Formen auch zwischen der sozialpolitischen Gruppe“ und der Volks- Partei ahhehmen wird, fümäL nät®de«1 bekennt geworden Ist, daß sich an der von der Volkspartei aufgestellten WahUiste eine ganze Reihe von zum Teil besonders stark nach rechts tendierenden Verbänden beteiligen wird. Die ״sozialpolitische Liste“ hofft dagegen, nachdem Verhandlungen mit einigen der kommunistischen Partei nahestehenden Persönlichkeiten gescheitert sind, große Teile zumindest der jüngeren zionistisehen Sozialisten in Hamburg zu ihren Wählern machen zu können. Am 18, Januar veranstaltete die Ortsgruppe gemeinsam mit dem Misrachi und der Altonaer Hochdeutschen Israelitengemeinde eine Gedenkfeier zu Ehren von Franz Rosenzweig, auf der nach Begrüßungsworten des Altonaer Gemeindevorsitzenden und nach Rezitationen aus der Buber- ‘Rosenzweig’schen Bibelübersetzung Oberrabbiner Dr. Car- 1 e b a c 11 eine tiefschürfende Gedenkrede hielt. Ueber ״Zionistische Politik und palästinensische Wirklichkeit“ sprach am 20. Januar Dr. Dan ziger, der bekannte in Palästina lebende, aus Hamburg stammende deutsche Zioinist. Dr. Danziger wiederholte 1m wesentlichen seine vom Jenaer Delegiertentag her bekannten Ausführungen und erweiterte sie, nachdem er seiner Kritik einige positive, von der Hörerschaft ׳ zum Teil nicht ohne Bedenken aufgenommene Vorschläge hatte folgen lassen, zur Forderung der D e m i s - s i o n der Zionistischen Exekutive. An der Aussprache beteiiigten sich insbesondere die Herren Dr. E. Buchholz, Dr. H. Strauß und M. Brachmann. Die Diskussionsredner wandten sich in mehr oder minder eindeutiger Weise sämtlich gegen die Gedankengänge des Referenten, dem neben sachlichen Einwänden insbesondere auch vorgeworfen wurde, daß die Formulierung seiner Forderungen gerade zu diesem Zeitpunkte und außerhalb enger Gremien höchst unzweckmäßig sei. Die Veranstaltungen der Hamburger Zionistischen Verein!- gung stellen nicht die einzigen zionistischen Ereignisse von Belang in Hamburg dar. Erwähnt sei, daß unter der Beteiligung der Ju״cndverbände eine Werbevvoche für den Palästina-Arbeiter-Fond und den Chaluz-Gedanken unter Leitung von M. Brachmann stattfand; eine große Zahl von jugendliehen Hörern aller Bünde beteiligte sich regelmäßig an den Zusammenkünften dieser Woche. In Hamburger zionistischen Kreisen hofft man, daß die praktische Arbeit sich, sobald die unvermeidlichen mit den Gemeindewahlen zusammenhängenden Veranstaltungen und Besprechungen fortfallen, immer stärker auf Werbung für den Keren Hajessod einerseits und zugleich auf die Förderung der fachlichen und jüdischen Ausbildung der in Hamburg und bei Hamburg arbeitenden Chaluzim, und auf die Förderung des Gedankens, den Hachscharah und Alijah in den Hamburger jugendbünden konzentrieren wird. Friede in österreichischen Zionismus Wien, 24. Januar. (J.T. A.) In die Zionistische Organisation Oesterreichs ist nach mehrjährigen inneren Kämpfen insbesondere zwischen len Radikalen und dem offiziellen zionistisehen Landeskomitee der Friede wieder eingekehrt. Die Radikalen haben ihren Wiedereintritt In den Landesverband angemeldet, nachdem der erweiterte zionistische Parteirat die Anerkennung der Radikalen als Sonderverband ausgesprochen hatte. (In Wien gibt es bisher zwei einander befehdende zionistische Zeitungen, die offizielle ״Stimme“ und die radikale, von Stricker herausgegebene ״Neue Welt“) Die Eingänge beim Hauptbüro des Jüdischen Nationalfonds in Jerusalem im ersten Vierteljahr 5690 erreichten die Summe von 43191 Pfund gegenüber 31237 Pfund in der entsprechenden Periode des vergangenen Jahres, was eine Steigerung um 54 °jo bedeutet. Am den Gemeinden Breslau. Am 21. Januar fand in Breslau die Gründungs- Versammlung der ״Jüdischen Mittclpartei“ statt. Den Vorsitz führte Rechtsanwalt Foerder, das Programmreferat hielt Dr, Alfred W o 1 f f. Die Partei nennt sich nicht ״religiöse“, sondern einfach ״Jüdische Mittelpartei“, um anzudeuten, daß sie auch die weltlichen Bindungen des Judentums betont. Nach einer längeren Diskussion wurde ein Programm angenommen, das zwar das nationale Judentum ablennt, aber sich gegen die Kampfesformen wendet, die ״die auch im Zionismus lebendigen, der Erhaltung des Judentums dienenden Kräfte unberücksichtigt lassen“. Des weiteren werden die Aufgaben der Gemeinde auf allen Gebieten charakterlsiert. Den Vorstand der neuen Partei bilden; Rechtsanwalt L. Foerder (Vorsitzender), Rechtsanwalt Dr. Alfred Woiff (stellvertretender Vorsitzender), Eugen Perle (Schatzmeister), Regierungsrat Dr. H a I p e r t, Emil Weil, Generaldirektor Leo Lewin, Rechtsanwalt Dr. Josef Dienstfertig, Arthur Wiener, Salo G r i 't n f e 1 d und Rechtsanwalt Dr. Martin G u 11 m a n n. Die Zuwahl weiterer Persönlichkeiten, auch von Damen, blieb Vorbehalten. Chemnitz. Am Donnerstag, dem 30. Januar 1930, abends pünktlich 8,30 Uhr, findet im kleinen Museumssaal eine von der Jüdischen Volkspartei cinberufene Kundgebung gegen das Wahl unrecht in der Chemnitzer Jüdischen Gemeinde statt. Es sprechen: Herr Dr. Fleiß: gegen das Zensus-Wahlrecht (vom sozialen Standpunkt), Frau Geis: gegen die Entrechtung der Frau (vom Standpunkt der Frauenrcchtsbewcgung), Herr Rudi Weiß köpf: gegen das Klassen- Wahlrecht und gegen die Ausländerhetze (vom religiösen Standpunkt), Herr Dr. Sichel: gegen die Vergewaltigung der Opposition (auf Grund der Erfahrungen im Gemeinde-,,Parlament“), Herr Dr. Adler: gegen das Mehrheits-Wahlrecht (vom politischen Standpunkt). Wir erwarten, daß jeder Chemnitzer Jude durch Teilnahme an dieser Kundgebung seine Solidarität mit unseren Bemühungen um ein gerechteres Wahlrecht bekunden wird! Der Vorstand der Jüdischen Volkspartei. Magdeburg. Am 20. Januar fand hier eine vom jüdischen Gemeindeverein cinberufene Versammlung statt, in welcher ein Antrag der jüdischen Volkspartei zur Beratung stand, die Oemeindckörperschaftcn aufzufordern, unverzüglich das Oemeinde-Statut so abzuändern, daß dasselbe mit den demokratischen Prinzipien der Reichs-, Staate- und Kommunal-Wahlordnungcn in Einklang zu bringen ist. Referent war das Mitglied des Gemeindevorstandes, Herr Walter Heinenann, welcher unter anderem folgendes ausführte: Das alte Judengesetz vom Jahre 1847 sei überholt und die Oemeinden müßten, unabhängig von etwaigen Beschlüssen des Landesverbandes, dazu schreiten, sich selbst seine neue Verfassung zu geben. Auf etwaige Einwendungen, daß dieses neue Statut im Widerspruch zu § 41 des Preußischen Judengesetzes von 1847 steht, erklärte der Referent, daß dieser Paragraph keinerlei Schwierigkeiten bietet, um ein demokratisches, allgemeines Wahlrecht für Frauen und Männer einzuführen. Vor allen Dingen stand der Redner auf dem Standpunkt, daß auch Gemeindemitglieder, die niciit zur Steuer veranlagt werden, ihr Wahlrecht ausüben könnten und auch dieses mit dem Judengesetz von 1847 zu vereinbaren sei. Als Beweis seiner Ausführangen las der Redner die verschiedenen Ausführungen des Preußischen Ministers des Innern vor und ein SachverstSndigenurteil des Landgerichtsrat Rau-Berlin. In der Diskussion sprach zuerst Lehrer Steinhardt. Er zeigte, daß eine Neugestaltung der Gemeindesatzungen nicht bis zu einem neuen preußischen Judengesetz auf sich warten lassen dürfe, da ein solches pesetz in weiter Ferne steh«. Das jetzige Wahlsystem der Magdeburger Gemeinde enthafte ein Schreiendes Unrecht und gestalte sich der Gemeinde zum Verhängnis, da sichtlich das jüdische Leben in ihr stagniere. Im Gegensatz dazu weist er auf diejenigen Gemeinden hin, welche ein modernes Wahlrecht eingeführt haben, und in denen das jüdische Leben einen starken Aufschwung genommen habe. Herr Apotheker Dr. Nathan als Vorsitzender der liberalen Fraktion erklärt sich mit dem heutigen Antrag an sich für einverstanden, er könne allerdings noch nicht wissen, wie sich seine Partei dazu stellen werde. Religiöser Liberalismus sei mit Politischem nicht gleichbedeutend, man könne sehr wohl religiös liberal, politisch aber reaktionär sein. Diesen Ausführungen traten Rechtsanwalt J arosch und Lehrer Steinhardt scharf entgegen. Jarosch wies darauf hin, welche schreiende Ungerechtigkeit es sei, bejahrte Leute, die seit Jahrzehnten in der Gemeinde leben und mit ihr verwachsen seien, nachdem sie durch die Inflation ihr Vermögen verloren und zurzeit keine Steuern mehr zahlen können, darum des Wahlrechtes zu berauben. Steinhardt führte aus, Dr. Nathan habe Bedenken eäußert, es könne eine andere Mehrheit leichtsinnig mit den inanzen wirtschaften und auch den liberalen Charakter des Gottesdienstes antasten. Dieselben Gesichtspunkte hatte man auch bei den Berliner Gemeindewahlen geltend gemacht, und in Wirklichkeit habe die neue Mehrheit in Berlin den Steuersatz um ein Prozent gesenkt und sei der religiöse Friede in der Berliner Gemeinde besser gewahrt denn je. Nach einem kurzen Schlußwort des Referenten wurde sodann der Antrag der Jüdischen Volkspartei einstimmig angenommen. Adolf Fisch. Im Tode von Annl Schwarz In der so plötzlich dahingerafften jungen Frau Annl Schwarz beklagt die Frauen-Arbeitsgemeinschaft für Palästina ein liebenswertes Mitglied und eine treue Mitarbeiterin. Frau Anni Schwarz war mit rührender Geduld daran am Werke, in ihrem Wohnbezirk Tempelhof eine Frauengruppe ins Leben zu rufen. Viele kleine Zusammenkünfte fanden in ihrem Hause statt und niemand freute sich nach den anfänglichen Schwierigkeiten inniger über das endliche Gelingen, als im Januar 1929 die richtige Form für die Frauengruppe gefunden wurde. — Aus Kreisen hervorgegangen, die dem zionistischen Gedanken sehr entfernt waren, hat sie sich unter dem Einfluß ihres Gatten zu warmem Verständnis für das Palästinawerk durchgerungen und fand in der Mitarbeit dafür viel Befriedigung. Insbesondere die Bezirksgruppe Tempelhof der F. A. P. trauert um ihr liebes Mitglied und wird sein Andenken Hochhalten, Eine deutsche Wochenausgabe von ״Dawar״. Die hebrä-!sehe Tageszeitung der palästinensischen Arbeiterschaft ״Dawar", die im Laufe ihres nunmehr fünfjährigen Bestehens sich im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Leben von Erez- Israel eine beachtete Stellung erworben hat, hat sich entschlossen, neben ihrer englischen und beabsichtigten arabischen Wochenausgabe auch eine Wochenausgabe in deutscher Sprache zu schaffen. Die deutsche Wochenausgabe wird imstande sein, dem Leser in deutschsprechenden Ländern eine unmittelbare Information über das Leben und Schaffen im Lande zu geben. Wer daran interessiert ist, den seelischen Kontakt der deutschsprechenden Judenheit mit dem Aufbauwerk hcrzustellen und zu vertiefen, wird gebeten, auf die Wochenausgabe zu abonnieren, die voraussichtlich im Februar 1930 zu erscheinen beginnen und 1 M, monatlich kosten wird. Bestellungen sind zu richten an das Sekretariat von ״Dawar“, Deutsche Wochenausgabe, Berlin N 24, AagutUtr. 17. 4'

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