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Jüdische Rundschau · 1930-01-24 · Heft 7 (24.1.1930) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 7 (24.1.1930)
Date
1930-01-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 48 JUEDISCRE RUNDSCHAU Nr, 7, 24.1. 1930 Nene zionistische Streitschriften 1. Zum jüdisch-arabischen Problem. Eine Aufsatzreihe von Moses Beilinson. Verlag ״Dawar“, Tel-Awiw, 1930. Kommissionsverlag Buchhandlung Kedem, Berlin-Charlbg. (Deutsch, 63 S., t M.) 2. Revision der zionistischen Politik. Von Ri chardLIchtheim. Kommissionsverlag Ewer, Berlin, 1930. (64 S., 1 M.) 3. British Policy and the Paiestlne Mandate. Our proud privilege. A Memorandum by Herbert Sidebotham. (Britische Politik und Paläsiinamandat. Unser stolzes Vorrecht.) Ernest Benn, London E. C. 4. (Englisch, 36 $., 1 sh.) 4. Das Schicksal Palästinas und die Krl e des Zionismus. Von Adolf Grabowsky. Zeitschrift für Politik XIX, 8, Carl Heymanns Verlag, Berlin W 8. 5. Llke all the Nations? (Wie alle Völker?) By J.,L. Magnes. Jerusalem, 1930. (Englisch, 77 S.) I. Die Broschüre ״Zum jüdisch-arabischen Problem“ von Beilinson ist eine Sammlung von Aufsätzen, die der Vcrfasser als leitender Redakteur der Tageszeitung ״Dawar“ (Tel-Awiw) vom 30. Juli bis zum 22. November 1929 veröffentlicht hat. Sie beginnt mit einem Aufsatz ״Die Gefahren der Klagemauer“ und endet mit einem Aufsatz ״Frieden, aber nicht Verzicht“. Der erste wendet sich gegen diejenigen jüdisehen Kreise, die den Klagemauer-Konflikt skrupellos weitertreiben, der letzte gegen die bekannte Universitätsrede von Dr. Magnes. Damit sind schon die beiden Pole bezeichnet, zwisehen denen sich das Gedankensystem des Verfassers bewegt. Die Broschüre ist das Dokument einer verantwortungsvollen publizistischen Stellungnahme in sehr schwieriger und erregter Zeit. In der ״J. R.“ wurde mehrmals auf die Artikel des ״Dawar“ hingewiesen und Zitate daraus wiedergegeben. Die Lektüre dieser Aufsatzsammhing bietet jedoch einen neuen, geschlossenen Eindruck. Besonders unmittelbar vor und unmittelbar nach den Unruhen hat Beilinson mit großer Besonnenheit zur Klärung der öffentlichen Meinung beigetragen, und es verdient hervorgehoben zu werden, daß dieser Publizist in der Stunde tiefgehender Erregung und Leidenschaft den Mut und Charakter besaß, auch gegen die zu Uebertreibungen und Chauvinismus neigende Volksstimmung anzukämpfen. Welliger Vorbehaltlos können wir den Aeußerungen des Verfassers aus einer späteren Zeit folgen, wo es sich nicht mehr um die unmittelbare Reaktion auf die Unruhen handelt, sondern um Auseinandersetzung mit dem unerwartet in Erscheinung getretenen Phänomen der nationalen arabischen Bewegung. Darüber wird noch ein Wort zu sagen sein. Die Artikel zur Klagemauerfrage (s. auch In ״J. R.“ vom 30. August), die das Heft einleiten, zeigen, was auch die Untersuehung bewies: Daß ein Teil des Jischuw die Gefahren dieses Konfliktes klar erkannte. Beilinson hat das Blutvergießen vorausgesagt, er hat es als unvermeidliche Folge eines aufs religiöse Gebiet übertragenen Kampfes bezeichnet und vor Un- Vorsichtigkeit — vergeblich — gewarnt Der erste Aufsatz nach den Unruhen, der in die vorliegende Sammlung aufgenommen ist ist vom 11. September datiert. Der Verfasser betont, daß die Juden nicht das ganze arabische Volk für Untaten einzelner verantwortlich machen dürfen. J5r,verwirft. falsche Verallgemeinerung^ Die Juden, die auch in Zukunft mit dem arabischen Vom in Palästina leben werden und eine jüdische Insel im Völkermeer des Orients errichten wollen, dürfen selbst durch die fürchterlichen Erfahrungen der Augustjage sich nicht zu einseitiger Betrachtung verführen lassen. Ein großer Teil der Araber hielt sich von Bluttaten fern, ein großer Teil half den Juden und schützte sie, und wenn manche Juden dazu neigen, das ganze arabische Volk nach einigen Missetätern zu beurteilen, so könnte man mit demselben Recht fordern, daß diese gut gesinnten Araber als charakteristischer Typus betrachtet werden. In Wahrheit hat nicht nur die Juden, sondern auch die Araber ein Unglück betroffen. Der von den Juden gegen die Araber eingeleitete Boykott sei daher eine bedauerliche Entgleisung, denn die beiden Bevölkerungsteile sind wirtschaftlich au! das engste miteinander verknüpft und aufeinander angewiesen. Zwar, schreibt Beiiinson, wollen wir unsere eigene jüdische Wirtschaft bauen und streben nach möglichster ökonomischer Selbständigkeit. Aber dieses Bestreben muß in positiven Taten, im Aufbau unserer Wirtschaften zum Ausdruck kommen, nicht aber in der Bekämpfung der arabischen Wirtschaft. ״Wir müssen uns vor sinnlosen Bestrebungen hüten in Momenten, in denen die Atmosphäre noch voll Zündstoff ist". ״So wie wir nicht auf die Stärkung unseres Werket in seinem vollen Umfange verrichten, so verzichten wir nicht auf unser Streben, in Palästina auf Grund friedlicher Beziehungen mit den arabischen Einwohnern dieses Landes zu leben und zu schaffen“. Die Behandlung der arabischen Frage selbst in ihren verschiedenen Aspekten ist von dem gleichen Verantwortungsgefühl getragen. Der Autor beklagt die völlige Vernach- Iässigung, die diesem ganzen Gebiet bisher seitens der zionisiischen Politik zuteil wurde. Besonders wichtig, ist der Artikel ״Das Gebot der Stunde“, der am 11. Oktober 1929 im ״Dawar“ erschien (S. 26 ff. d. Broschüre). Darin betont B. die Wichtigkeit von Sicherheitsmaßnahmen und der Selbst- Verteidigung, aber auch wenn in dieser Hinsicht alle Forderungen der Juden erfüllt werden, so ist dies noch nicht ausreichend. ״Eine friedliche Atmosphäre in der arabischen Bevölkerung sichert den Frieden besser als Polizei und Bewarfnung.“ B. ist sich bewußt, daß Militäraufgebot, Polizei usw. nur dazu beitragen, die nationale Kampfbegeisterung bei den Arabern zu erhöhen. Die von einem großen Teil des Jischuw anerkannte Theorie eines ״bewaffneten Friedens“, die ״Vulkanthcoric" (wir müßten uns damit abfinden, daß wir auf ‘ einem Vulkan sitzen und müßten uns nur vor den Folgen der Ausbrüche schützen), lehnt B. entschieden ab. Fragen des nationalen Prestiges sind zurückzustellen, der Verbreitung von Verleumdungen ist entgegenzuarbeiten durch den Versuch einer intimeren gegenseitigen Kenntnis der beiden Völker, denn F remdheit ist der beste Nährboden für Furcht, und die gegenseitige Furcht der beiden Völker voreinander war eines der entscheidenden Elemente der Aupstunruhen. Dadurch, daß wir die Araber nicht kennen, haben wir uns nicht nur die Möglichkeit menschlicher Annäherung abgeschnitten, sondern wir haben auch folgenschwere politische Fehler begangen. Während wir ferner für politische Propaganda in Europa und Amerika unablässig arbeiten, haben wir die Zentren des Orients vollständig vernachlässigt. Diese Kritik entspricht, wie wir mit Genugtuung feststellen, sehr weitgehend den Anschauungen, die wiederholt In der ״J. R.״ zum Ausdruck gekommen sind. Der Verfasser analysiert besonders eingehend die soziale und wirtschaftliche Struktur des palästinensischen Arabertums und bezeichnet mit Recht als eine der wichtigsten Aufgaben, die im Interesse beider Völker liegt, die Hebung des Lebens- Standards der arabischen Massen. Er versucht, dem Problem gewissermaßen von der unpolitisc hen Seite beizukommen, in der richtigen Erkenntnis, daß auch die Politik stets nur der Ausdruck eines bestimmten Lebenszustandes eines Volkes Ist. B.'s Anregungen ergeben viel Material für ein Programm praktischer Arbeit i la longue, das von verantwortllcher zionistischer Seite aufgegriffen werden sollte. Die Durchführung eines solchen Programms und vor allem die energische Bekämpfung chauvinistischer Regungen kann nur von wohltätiger Wirkung auf unser Verhältnis zu den Arabern sein und damit eine der wichtigsten Vorbedingungen für die Errichtung des Jüdischen Nationalheims schaffen. Freilich scheint es uns — und hier weichen wir vap B. ab —, daß wir heute mit einem solchen Programm allein nicht mehr auskommen können. Heute ist das arabische Problem in seiner aktuellen Zuspitzung ein eminent politisches geworden, und es kann uns nichts nützen, wenn wir diese Tatsache ignorieren; die einzige Folge solcher Vogel-Strauß-Politik wäre ungenügende Vorbereitung künftiger politischer Auseinander- Setzungen und Verschlechterung der psychologischen Chancen einer Lösung, bei Arabern, Juden und den anderen an der Palästinasache beteiligten Weltfaktoren. Wegen dieser Ansicht wurden wir von B. oft angegriffen, trotzdem wollen wir nochmals kurz auf diese Meinungsverschiedenheit zu sprechen kommen. Das politische Problem beurteilt B. etwa folgendermaßen: Die Augustunruhen waren zwar von gewissen arabisehen Elementen, die sich dabei auf die Duldung der Regierung stützen konnten, aus politischen Gründen angestiftet, trugen aber keinen nationalen Charakter, sondern waren primitive Ausbrüche der Judenfeindschaft, entfesselt durch religiöse Hetze und durch falsche Gerüchte über vermeintlich getötete Araber, für die man Blutrache nehmen muß, bestärkt durch die Ansicht, daß die Juden Freiwild und die Regierung mit den Arabern ist. Die Juden dürfen nicht gestatten, daß diese Lügen zu einer national-politischen Bewegung umgefälscht werden. Die Nutznießer einer solchen Betrachtungsweise wären die Effendis, die wahren Feinde und Bedrücker des arabischen Volkes, die nur zum Scheine ״nationale“ Zwecke verfolgen, in Wahrheit aus Selbstsucht ihre eigene Machtposition stärken wollen und fürchten, daß der Zionismus die arabischen Massen sozial aufklärt und dadurch die Herrschaft der Effendis erschüttert. Der Zionismus dürfe mit diesen Kreisen weder verhandeln, noch ihnen irgendeine Legitimation zugestehen, und zwar auch im Interesse der Araber selbst, die bei der unvermeidlich bevorstehenden Auseinandersetzung zwischen Fellachen und Effendis auch das jüdische Volk dafür bestrafen würden, daß es mitgewirkt hat, die Araber ihren eigenen Bedrückern, den Effendis, auszuliefern. Dem Zionismus eröffnet sich vieimehr die große Aufgabe, der jungen arabischen Generation zu helfen, sich von den jetzigen Machthabern zu befreien. Diese Hilfe werden wir diesen Arabern gewähren als Gegenleistung für deren Anerkennung des jüdischen Nationalheimes. Diese Anschauung ist bei B. zu einem konsequenten System ausgebaut. Er befürwortet mit allem Nachdruck eine jüdische Wirtschafts־ und Sozialpolitik zur Hebung der arabisehen Massen und widersetzt sich mit Entrüstung jedem Gedanken an eine Zusammenarbeit mit den gegenwärtigen Führern der Araber, die er als reaktionär, egoistisch, levantinisch und verächtlich charakterisiert. Niemand wird leugnen können, daß hier eine ernste Ansicht zum Ausdruck kommt, die gewiß allen Respekt verdient, den man Anschauungen von Gesinnungsgenossen zollen soll, auch wenn man sie nicht durchaus zu teilen vermag. Leider ist gerade B. äußerst emp- Endlich gegenüber abweichenden Meinungen, und auch in der vorliegenden Broschüre kommt die polemische Note oft etwas gereizt zum Vorschein. Wjr haben uns zu großen Teilen der Beilfhsonschen Darstellung bereits zustimmend geäußert und auch in der Begründung seines politischen Systems ist vieles zweifellos richtig und liefert wertvolles Material zur Erkenntnis der Lage. Wenn wir trotzdem nicht in allen Punkten mit ihm übereinstimmen können und dabei auch zu anderen Konklusionen kommen, so liegt darin weder Feigheit noch ״Verzicht“ (wie er ohne weiteres annimmt), sondern eine Verschiedenheit der Beurteilung von Tatsachen und Verhältnissen. Urteil ist eine individuelle Sache, und wenn nicht ein Vor-Urteil vorliegt, das aus vermeintlichen Interesse- Motiven bereits von vornherein feststeht, dann hängt das Ergebnis der Ueberlegung ab von der Einschätzung bestimmter zutage tretender Faktoren sowie der geschichtlichen Kräfte. Man sollte über solche Meinungsverschiedenheiten um so freier sprechen können, wenn man im übrigen ein gutes Wegstück zusammengeht. Diese Bemerkung mußte vorausgeschickt werden, wenn nun im folgenden kurz angedeutet werden soll, worin wir uns von B. unterscheiden. Sein Versuch, den politischen Charakter der Unruhen wegzudisputieren, kann schon darum nicht gelingen, weil er selbst zwei Dinge zugeben muß: Erstens,* daß die direkten oder indirekten Anstifter der Unruhen aus politischen Motiven gehandelt haben, zweitens, daß nach den Unruhen sich eine nationalpoiitische Reaktion von überraschender Stärke im arabischen Lager zeigte. Daß die Massen nur durch Betrug (falsche Gerüchte) zum Lossehlagen gebracht wurden, ist kein Beweis, das ist hei vielen weit höher stehenden Völkern ähnlich vorgekommen (unzählige Beispiele aus dem Weltkrieg; die Greuel-Propaganda beruhte auf denselben psychologischen Gesetzen). Auch die Grausamkeit der Mordtaten, so verdammenswert sie sind, beweisen noch nicht das Fehlen jeden politischen Charakters der Unruhen. Und ebenso arbeiten alle natlonalen Bewegungen, deren Aktionen stets nur von einer kleinen Minderheit geführt werden, mit den Mitteln des Terrors und der Einschüchterung gegenüber den ״lauen“ Voiksgenossen, denen der nationale Rummel die Bequemlichkeit stört. Auch die Selbstsucht der# führenden Klassen ist keine so seltene Begleiterscheinung nationaler Bewegungen, wobei B. uns freilich zu weit zu gehen scheint, wenn er den arabischen Führern zuschreibt, es komme ihnen gar nicht auf nationale Freiheit, sondern nur auf Knechtung der Massen an. Wie immer dem sei, heute hat das arabische Volk gewisse Führer, die es anerkennt: sie mögen uns passen oder nicht (und Schreiber dieser Zeilen hat gewiß für ihre sozialen Anschauungen ebenso wenig Sympathie wie B.), wir haben mit der Tatsache als solcher rechnen, und es ist uns zweifelhaft, ob es in zionistischem Interesse liegt, sie dauernd verächtlich zu machen. Sehr oft kann man in der Politik sich den Gegenspieler nicht selbst wählen, und man hat dann mit Würde und Klugheit auch in dieser Situation die Aufgabe, die eigene Sache zu verfechten. Die Aufgabe des Zionismus ist nach B. die Förderung des Kampfes gegen die oberen Schichten der arabischen Bevölkerung zugunsten ihrer unteren Schichten. Diese Politik wird jeder sozial und fortschrittlich gesinnte Mensch bejahen und insbesondere die Sozialisten unter uns werden hier ein großes Arbeitsfeld finden. Aber das ist ein langwieriger Prozeß. Mit dem aktuellen politischen Problem hat das nichts zu tun. Denn heute steht, ob ohne oder mit unserer Schuld, das ganze Arabertum Palästinas geeint politisch gegen den Zionismus, und zwar auch jene Elemente, die Pogrome verabscheuen, Juden beschützt haben und wirtschaftlich von den Juden profltieren. Gewiß beruht diese Gegnerschaft auf Unkenntnis und falschen Informationen, aber diese Gegnerschaft schweißt heute die Klassen zusammen, die nationale Solidarität ist — wie bei anderen Völkern — gerade im Moment einer politischen Spannung stärker als andere Differenzierungen. Würde heute der Zionismus oder England aus Palästina verschwinden, dann vielleicht würde mit der zunehmenden Bildung, die Intellektuelle als Führer der niederen Klassen erstehen läßt, auch de« soziale Kampf bald anheben. Solange aber der Kampf gegen den ״äußeren Feind“ geht, bleiben die sozialen Gegensätze sekundär. Daß die jüdische Kolonisation den Arabern Vorteile bringt, kann kein objektiver Mensch bestreiten. Aber dies ist kein beweiskräftiges Argument. Die Weile, die heute durch den Orient geht, zielt ab auf ״self-government“ (Selbstregierung), selbst auf Kosten des ״good government“ (guten Regierung). Viele sind überzeugt, daß z. B. die englische Herr- Schaft Indien und Aegypten großen Segen gebracht hat. Ein berühmtes Buch, das sehr viel Aufsehen erregt hat, ״Mother India“, von der Amerikanerin Katherine Mayo (deutsch erschienen im Verlag der Frankfurter Sozietäts-Druckerei Frankfurt a. M.), beweist die soziale Rückständigkeit der Inder, die sie zur Selbstverwaltung nicht reif macht; trotzdem verlangen die Inder, zum Schaden ihrer unteren Klassen, Unabhängigkeit Im englischen Oberhaus hielt am 11. Dezember 1929 Lord Lloyd eine interessante Rede, worin er nachweist, daß England Aegypten alle Segnungen der Zivilisation gebracht hat, daß trotzdem der große Teil des Volkes noch analphabetisch und rückständig sei und daß man nicht die britischen Interessen einem unreifen politischen System ausliefem dürfe usw. All das ist wohl richtig, aber es wird verdächtig im Munde eines der starrsten englischen Imperialisten: am wenigsten beweiskräftig Ist es für die Aegypter selbst, die in geschlossener Einheitlichkeit nationale Freiheit erstreben. B. verfällt noch einer anderen Illusion. Er meint, wenn die arabische Bewegung von den gebildeten Schichten und von den befreiten Fellachen getragen sein wird, werde sich eine leichtere Verständigungsmögiichkeit mit den Juden ergeben. Alle geschichtlichen Erfahrungen erweisen das Gegenteil. Je mehr eine nationale Bewegung sich demokratisiert, desto intransigenter pflegt sie zu sein. Es mag für uns moralisch angenehmer seht, mit diesen neuen Schichten des arabischen Volkes zu tun zu haben, — leichter wird ein nationaler Ausgleich mit ihnen wohl kaum sein. Denn so sehr auch B. die niederen Schichten der Araber als Objekt wohlwollender jüdischer Fürsorge behandeln will, die junge Generation der Araber, die jetzt heranwächst und an Univer- 8itäten studiert, wird sich mit einer solch«» einseitigen. Rolle kaum abfinden. Wir wollen hier den Punkt nicht weiter ausspinnen. Nur Eines sollte klar werden: Die Beurteilung der politisehen Seite des arabischen Problems ist keine Frage der Gesinnung, sondern des Urteils. Und da wir in dieser Beurteilung von B, abweichen, so finden wir auch bei ihm zwar viele gute Einzelvorschläge, aber keinen überzeugenden Versuch einer Lösung. Eine befriedigende Lösung zu finden ist freilich heute überaus schwer, weil beide Gruppen noch nicht eingesehen haben, daß dabei zwei nationale Aspirationen in einem Land miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Wir Juden müssen die Durchführung der uns im Mandat zugesicherten Politik der Nationalen Heimstätte sichern; wir können davon nichts ״nachgeben“, wie B. mit Recht sagt. Aber wir müssen die Tatsache einer zu nationalem Bewußtsein erwachenden arabischen Bevölkerung ins Kalkül einsetzen, eine Formel und eine Form für das Zusammenleben finden, und dann, wenn die nationalen Streitpunkte ihre Schärfe verloren haben, eine Atmosphäre der Kooperation und des gegenseitigen Vertrauens schaffen. Je mehr uns das gelingt, um so mehr wird die nationale Bewegung der Araber an Schärfe und Aggressivität verlieren. Gewiß werden wir unter keinen Umständen vom Zionismus und von Palästina ablassen; aber die Frage ist, ob wir uns in einem ewigen Kampf gegen die nationalen Bestrebungen der Araber aufreiben und durch schroffe Negation ihrer Forderungen die Feindschaft verschärfen und perpetuleren sollen, oder aber ob ein Friede erstrebt werden soll, der auf einer Harmonisierung der Interessen beruht und wenigstens einen Teil der Reibuugsflachen (die sozialen Gegensätze werden gewiß bestehen bleiben und in beiden Völkern ausgekämpft werden müssen) zu beseitigen sudit. Natürlich weiß niemand, ob dies gelingen wird; aber da •beide Völker gewisse Tatsachen anerkennen müssen (z. B. die Araber das %it accompli des Jüdischen Nationalheims), scheint nach menschlicher Berechnung ein Ausgleich nicht unmöglich. Der ernste Wille dazu muß bei uns vorhanden sein. Er muß sich zunächst darin zeigen, daß wir aus der Tatsache der Existenz zweier Völker im Lande Konsequenzen für unsere politische Konzeption ziehen: Palästina kann nur ein binationales Gemeinwesen sein. Es ist hier nicht der Ort, im Rahmen einer Buchbesprechung das ganze arabische Problem von neuem ira Einzelnen zu diskutieren. Wir vermuten, daß in nächster Zeit noch aktuellere Anlässe hierzu sein werden. Es sollte nur vor der Neigung gewarnt werden, den Gegner nicht ernst z 1 nehmen oder durch die Illusion der Vorbereitung sozialer Znkunftskämpfe die Schwierigkeiten des Augenblicks von sich abzuwälzen. Dies wäre eine schlechte Vorbereitung für die politischen Ereignisse, die kommen werden. Trotz dieser Einwände, die wir hier machen mußten, sei nochmals betont, daß die Broschüre von B. viele wertvolle Anregungen zu praktischer Tätigkeit enthält, die ohne Verzug in Angriff genommen werden sollten. Die Notwendigkeit eines Zusammenlebens der beiden Völker und seiner Konsequenzen für den Alltag prägt sich dem Leser der Broschüre eindrucksvoll ein. Robert WeltscH.

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