Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 5 (17.1.1930)
- Date
- 1930-01-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5,17.1 t930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 37 Franz Rosenzweig (Ein Versuch.) Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem. Friedrich Meinecke, Hermann Cohen und Nehemias Nobel, Rosenzweigs Lehrer in der geschichtlichen Wissenschaft, in der philosophischen Methode und im jüdischen Wissen, sind die letzten großen Vertreter einer vergehenden Zeit, jeder allerdings mit einem Stück seines Lebens auch schon in die neue hineinragend. Franz Rosenzweig ist der Vorbote und Künder einer neuen Zeit, unserer Zukunft, wenn er auch noch Wurzeln im alten Erdboden hat. I. Als der junge Student, einziger Sohn des reichen, kulturerfüllten, mit dem Judentum lose verknüpften Kasseler Elternhauscs, herrlich schöner, großer, strahlender, freier Mensch, die Universität bezieht, da will er zunächst Arzt werden; das Rätsel des menschlichen Körpers lockt ihn. Und neben dieser leib hafteten aller Wissenschaften gibt er sich der seelenhaftesten aller Künste mit der ganzen Leidenschaft seines vor allem leidenschaftlichen Wesens hin: der Musik. Die Geige beherrscht ihn so, daß er ihr, wie einer gefährlichen Freundin, die ihn vom Arbeiten abzuhalten droht, Lebewohl sagen muß; etwa um die Zeit des Physikums herum hat er sie für immer in den Schrank gesperrt und nie wieder hervorgeholt. So gewaltsam konstruktiv und zugleich so instinktsicher vollzogen sich schon früh seine Lebensentscheidungen; diese ungeheure Vitalität wußte immer, was ihr nottat und was ihr schädlich werden konnte; sie scheute niemals vor Operationen und sogar nicht vor Amputationen zurück; sie suchte die Fülle des Lebens, die sie so herrlich und beispielhaft gefunden hat, nicht in der ungeschiedenen, sich ausströmenden Breite aller Funktionen, sondern in der zuchtvollen Versammlung auf ein großes Ziel, das freilich in allen Farben der Erde und des Himmels mikrokosmisch leuchtete. Nach dem Physikum sattelt er um und beginnt, bei Friedrich Meinecke, Geschichte zu studieren. Der schon damals berühmte Freiburger Professor machte offenbar dem jungen Rosenzweig eine dritte Möglichkeit der Welterfassung lebendig: nach dem biologischen Organismus des medizinischen Erfassens, nach dem geformten Rausch der Musik, nun die dünne, aber nicht unkräftige Geistigkeit der Ideengeschichte, eine damals beinahe wieder einmal neue Wissenschaft, die, gerade im Gegensatz zu Karl Marx, zu zeigen suchte, wie geistige Ideen Geschichte machen und zu Geschichte werden. Die philosophische Grundlegung dieser historiographfschen Bemühungen war der deutsche Idealismus, also die Ueberzeugung von dem logischen und werthaften Vorgewicht der Ideen über die Welt der Erscheinungen. Freilich gab schon die Tatsache der Anwendung dieser Ideenweit auf das historische Geschehen, und zwar nicht konstruktiverfindend wie bei Hegel, sondern empirisch-findend wie eben bei Meinecke, die Möglichkeit einer Vermittlung zur Phänomenologie etwa Hussens, der die Erscheinungswelt, wenn auch noch als solche, zum ersten Male wieder seit langem vollkommen ernst zu nehmen begann. Die Anwendung dieser Methode ge- .rade auf Hegel mußte die Grenze zwischen dialektischem Ideaiismus und Geistesgeschichte ganz scharf hervortreten lassen; aus solcher Fragestellung, die wohl zunächst eine des inneren Klärungsbedurfnisses Rosenzweigs war, ist seine Dissertation ״Hegel und der Staat“ hervorgewachsen, die später, als zwei* bändige» Werk, mit Unterstützung der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gedruckt und Friedrich Meinecke, dem Lebrer, zugeeignet wurde. Das Buch ist eine Glanzleistung der geistesgescmchtlichen Schule; doch wächst es insofern schon ahnungsreich über sie hinaus, als hier, in der Art wie der Philosoph und die Philosophie historisiert wird, doch auch die Gcschichte selbst als philosophisch deutbar erscheint. Die beiden Hölderlin-Motti, die durch aktuelle Andeutungen auch noch die Gegenwart des Buchabschlusses — nun w ar Krieg und Nachkrieg — mit in das Geflecht banden, zeigen es. Die ihn charakterisierende Mischung zwischen weitgespannter historischer Phantasie und peinlichster philologischer Genauigkeit zeigt eine zweite Schrift Rosenzweigs, die letzte auf diesem Gebiet: seine Heidelberger Akademieabhandlung ״Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“, die sich wie ein philologischer Detektivroman liest, um mit immer enger kreisenden Argumenten darzutun, wer von den beiden, Schelling oder Holderlin, der ״Täter“, also der Verfasser jenes anonymen Stückes sei. Als dieses Heft aber erschien, da war schon längst jene alte Welt der exakten Wissenschaft im Universitätssinne hinter Rosenzweig wesenlos versunken, da hatte er schon längst ein Angebot Meineckes, sich zu habilitieren, zurückgewiesen, und zwar mit dem Hinweis — auf sein Judentum. 1(. Im Weltkrieg, an dem er als kämpfender Soldat und später als Unteroffizier im Westen und in Mazedonien teilnahm, schrieb er in Notizbücher, auf lose Blätter, auf die Rückseite von Briefen — den ״Stern der Erlösung“. Das Buch bezeichnet seinen persönlichen Durchbruch zum Judentum, und, da sein Verfasser ein epochales Genie allerersten Ranges war, den Beginn eines neuen Denkens. Dieses Buch ist keine jüdische Religionsphilosophie, sondern — das erste! — Gesamtsystem der Philosophie, das aus dem Geiste des Judentums heraus geboren ist. Die schwierigen Darlegungen des ersten Teils zeichnen den Geistesweg nach, den der Denker in vielen Windungen aus dem Labs - rinth des deutschen Idealismus suchte und fand, einen Weg, den, nach seiner philosophiegeschichtliehen Meinung, der alte Schelling ihm eine gute Strecke bereits vorangegangen war. Er gelangte zu einer vollkommenen Umkehrung der Wertskala und der methodischen Reihenfolge des bisherigen akademischen Denkens: Gott blieb ihm nicht, wie den idealistischen Philosophen, allein im Bilde des Horizontes am Meer des Denkens vorstellbar, der sich also immer wieder entfernt, wenn wir auf dem Schiffe der Vernunft uns i!1m genähert zu haben glauben; Gott ist ihm nicht das Ende oder die Krönung oder ein Postulat des Denkprozesses, sondern Grundlage und Voraussetzung allen Denkens, das ja immer Denken geschaffener Menschen, also gleichsam geschaffenes Denken ist. In einer Position unterscheidet sich Rosenzweig nun aber auch wiederum von der fundamentalistischen Scholastik des Mittelalters und der neueren katholischen Philosophie, der er sonst in manchem nahesteht: nämlich ira Fehlen der Ontologie, des Gottesbeweises. Gott kann man nicht beweisen, aber er bewährt sich, bewährt sich in der realen, irdischen Wirklichkeit, gerade gegenüber dem welterschlossenen gesunden Menschenverstand, dem es, gegenüber dem Hochmut der Schulphilösophen, wieder auf seinen Thron zu setzen gilt So kommt ein extremer Empjrismus und Realismus auf theologischer Grundlage, oder, Rosenzweigisch gesprochen, auf der Grundlage des Glaubens zustände, der die Wirklichkeit des Menschen, insbesondere die des einzelnen, benannten Menschen und seiner Augenblicke vollkommen ernst nimmt, gerade weil über dein allen Gott gewußt und geglaubt wird. Diese Grundanschauung entwickelt der ״Stern der Erlösung“ und, nach ihm, sein Selbstkommentar ״Das Neue Denken“ am Material der positiven Religionen, mit höchst liebevoller Eindringlichkeit auch am Christentum und am Islam, doch mit der Entdecker- und Bekennerfreude des Heimgekehrten vor allem am Judentum, dessen Gesetze und Bräuche, Gebete und Sagen sich, zunächst ohne wertende Unterscheidung zwischen ihren verschiedenes zeitlichen und artiiehea Schichten in den stolzen Zusammenhang des uralten, des wiedergefundenen, des neuen kreatuerlichen Denkens fügen. Als Rosenzweig dieses Buch beendet hatte, — Im letzten Jahre der Niederschrift war er Hermann Cohen innig nahegetreten —- hielt er sein Werk auf dieser Erde für im wesentliehen vollendet. Er sagte mir einmal, als noch ganz gesunder Mensch, daß er nach diesem Buche hätte sterben können und jedenfalls min kein Buch mehr schreiben werde. Jetzt gelte es, zu tun. Ilf. Seine erste l at war die Gründung des ״Freien jüdischen Lchrhauscs“ in Frankfurt a. M. Es sollte den Prozeß der Heimkehr, der bei Rosenzweig selber sich in immer stärkerer Uebernähme jüdisch-traditioneller Formen in sein persönliches Leben dauernd fortsetzte, wenn auch unter grundsätzlicher Bejbehalhing des eklektischen, also liberalen Standpunktes, es sollte diesen Heimkehrprozeß systematisieren; es sollte den ״Westjuden“ in doppeltem Sinne, den kulturgesättigten jüdischen Bewohncr der westviertel unserer Großstädte — alle Ghetti sind ja im Osten! — wieder ins Judentum hineinziehen, es sollte ein Lehrhaus für den Am Haaretz sein, zunächst als Schüler, doch bald auch als Lehrer. Die frische Entdeckerfreude, die den Anstoß zu der ganzen Gründung gab, sollte auch zwischen ihren Lehrern und Schülern herrschen und so sollte das alte Judentum nicht nur neu entdeckt, sondern gleichsam nachgeschaffen werden. Die große Gunst dieses geschichtlichen Augenblickes wollte es, daß sich diesem Neuwerke ein Mann durch Rosenzweigs Feuer gewinnen ließ, der, groß und zerrissen, auf der Grenzlinie zweier Zeiten stand, aber noch das gesamte Wissen der alten jüdischen Welt mit vielen, wenn auch nicht allen Denkanstößen Europas zu schmerzlich ersehnter Synthese zu bringen suchte: Rabbiner Nehemias Nobel. Seine Weitherzigkeif, seine Gelehrsamkeit, seine Problematik wurden zu treuesten Helfern: das erste Mal in der Geschichte des Judentums saß der Raw auf der gleichen Bank mit dem Am Haaretz, nicht nur als Hörer, um zu lernen, nein, aucli als Lehrer. Oder doch nicht zum erstenmal? War diese Emanzipation des Am Haaretz, die hier freilich nur Mittel zum Zweck war, ihn wieder zum wissenden Juden zu machen, nicht religiös im Chassidismus, politisch im Zionismus vorweggenommen worden? So betrachtet, schuf Rosenzweigs Wirken zwei großen historischen Bewegungen ihre Parallele in einem bestimmten, bisher unerfaßten Kreis des westlichen Judentums. So war er nicht nur, durch den ״Stern der Erlösung‘׳, in die jüdische Ewigkeit eingetreten, sondern nun auch, durch das ״Freie jüdische Lehrhaus“, in die jüdische Zeit Seinem Denken, das systematisch zum erstenmal auch den Zeitbegriff ganz ernst und empirisch nahm und mit ihm rechnete, waren beide Begriffe und Wirklichkeiten sowieso nicht voneinander trennbar. Und so begann das Lehrhaus, also wieder Rosenzweigs Person, immer eindringlicher und breiter auf die jüdische Jugend aller Lager zu wirken: auf Orthodoxe, Liberale, Zionisten. ln dem offenen Briefe an Hermann Cohen, der ,;Zeit ist’s“ überschrieben ist, versucht Rosenzweig auf Grund seiner neuen Erkenntnisse eine Umgestaltung des jüdischen Bildungswesens in Deutschland herbeizuführen. Der Grundgedanke ist, daß das deutsche Judentum sowohl eine theoretische Vertiefung seiner Forschungsaufgaben wie eine praktische Belegung seines jüdisehen Unterrichtes brauche, und zwar müssen beide Aufgaben gleichzeitig und gemeinsam in Angriff genommen und von denselben Menschen, in Personalunion, durchgeführt werden. Die ״Akademie für die Wissenschaft des Judentums“, die als Folge der Rosenzweigschen Schrift entstand, hat seine Absicht nur zur einen, der theoretischen Hälfte verwirklicht, aber gerade die ihm vorschwebende Synthese zwischen Forscher und Lehrer nur an einem einzigen Orte, durch eine Stiftung Rosenzweigs aus dem Vermögen seines Vaters, nämlich in seiner Heimatstadt Kassel, durchzuführen begonnen. Diese Synthese drückt den neuen Wissenschaftsbegrifr Rosenzweigs gleichsam praktisch aus: sie zielt auf den Gelehrten, der in lebendiger Fühlung mit seiner Gegenwart und seinen Hörern steht und dem deshalb die wissenschaftlichen Fragen nicht aus Büchern, sondern aus dem Leben Zuwachsen. Die Antworten sollen nach wie vor vom höchsten Streben nach wissenschaftlicher Objektivität beherrscht sein; aber die Fragestellung darf nicht akademischalexandrinischen, sondern sie muß gegenwärtigen (nicht: ״modernen“) Ursprungs sein. Ihm schwebte wohl ein neuer Typ jener altjüdischen ״Meister der mündlichen Lehre“ vor, denen das lebendige, wirklich gesprochene Wort wichtiger und früher war als seine schriftliche Fixierung, denen das Gespräch wichtiger ist als das System und deren Dialektik wirklich noch vom Dialog kommt. In dieser Weise lehrte er selbst in seinem ״Lehrhaus“, immer die Fragen und Antworten den Reden, die Arbeitsgemeinschaften den Vorträgen vorziehend; so liebte er Nobels Talmud-Scheur, dem er allmorgendlich belebend beiwohnte. IV. Am Nobels Todestage fiel er zum erstenmal hin. Von da an, vielleicht schon früher, wußte er und sagte cs den Nächsten, daß er eine todbringende Krankheit habe. Längst vor der Diagnose der Aerzte, die wohl einige Zeit schwankte, wußte er zwar auch nicht etwa, eien Namen seines Leidens — es scheint auf eine Felderkrankung kopfgrippenähnlicher Art zurückzuführen zu sein — kannte aber seinen tödlichen Charakter. Er sagte mir einmal: ,,Die Aerzte müssen doch nicht sterben, sondern ich. Also muß ich es auch wissen.“ Mit dem ungeheuren Lebensinstinkt des genialen Menschen fühlte er sein eigenes Sein in der Spannung, wie es zwischen den großen Schönfungsakten von Geburt und Tod aufgehängt war, und fühlte ebenso, wenn auch natürlich ohne alle Jahres* arithmetik, was ihm noch zu leben bliebe. Er war entschlossen, diesen Rest mit aller Kraft auszimutzen, er fand dazu die Hilfe einer herrlichen Frau, die, ohne ihre eigene Persönlichkeit aufzugeben, in ungeheurer Hingabe ihrem Mann und seinem Werk zugleich diente. Er fuhr fort, zu seinen Vorlesungen zu gehen, bis ihm die Beine versagten, sie in seinem Zimmer zu halten, bis die Stimme versagte. Er fuhr fort zu schreiben, solange die Hände gehorchten, und gedacht und gebetet hat er sicherlich bis zum letzten Atemzug. Bei alledem war er heiter, frei, weit, großmütig, ohne eine Spur von Erbitterung, aber ohne auch jede Heiligenpose, also auch wohl zornig, ungeduldig, herrschsüchtig, wenn es sein mußte. Die Krankheit veränderte ihn gar nicht, vollendete ihn nur. Seine Lebendigkeit verringerte sich nicht, sie nahm nur andere Formen an. Man konnte von ihm sagen, was einmal jemand in den Worten aussprach: ״Nie habe Ich einen gesünderen Menschen gesehen.“ V. ln diesen letzten Jahren, da er, auf sein Zimmer gebannt, Fremde und Freunde empfing, eine sehr ausgedehnte Korrespondenz betrieb, viel, wenn auch mit Auswahl las, hat er drei große Leistungen vollbracht, ohne übrigens seiner Vornähme, nach dem ״Stern der Erlösung“ kein eigentliches neues Buch zu schreiben, ufitreu zu werden: er hat seine, schon vorher begonnene Jehuda Halevy-Uebersctzung vollendet und prinzipiell begründet, er hat Hermann Cohens Nachlaßwerk ״Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums“ revolutionär neu gedeutet, und er hat Martin Buber bei dessen Uebersetzung der Bibel entscheidend geholten. Die geistigen Prinzipien dieser drei Leistungen sind die folgenden: Jenuda Haievy ist so zu übersetzen, daß er als ein bebrUaciter Dichter in «ein« vollen geschiedenen Eigenart in den deutschen Sprachraum eindringt, Gerade weil Rosenzweigs ״Nachwort“ den Glauben an eine gemeinsame Ursprache ausspricht, kann in jeder Exilssprache, gleichsam, Jede andere lebendig gemacht werden und nun gar erst die Sprache der Schöpfung: Hebräisch. Das gleiche Grund* Prinzip ward bei der Neuübersetzung der Bibel angewandt, bei der die unerhörte Sinn-, Laut-, Rhythmus- und Worttreue nicht nur, wie bei Jehuda Haievy, eine philologisch-künstlerische, sondern eine religiöse Bedeutung tat Sie bringt freilich nicht den Glauben an die Verbalinspiration zum Aus• druck, der Rosenzweig fehlte, sondern jenen tieferen Glauben an die wirklich unendliche Offenbarung des Gotteswortes, die immer wieder, eben durch echte Mündlichkeit, neu zu beleben ist und daher den Atemrhythmus des Originals wieder herzustelien suchen muß, um auch in übersetzter Sprache Offenbarung zu bleiben. Hermann Cohen aber deutete Rosenzweig nun so, daß er, sich selbst unbewußt, im Nachlaßbuehe das eigene idealistische System gesprengt und aus dem alten einzentrischen Monismus in die echte Spannung des Gott-Mensch-Verhältnisses, jene, die Buber ״Ich und Du“ nennt, eingetreten sei. Zwar verhülle Cohen das noch schamhaft mit dem Schulwort ״Correlatlon“, aber er meine in Wahrheit jenen ״Bund", den Bund zwischen Israel und seinem Gotte, der zu seiner Verwirklichung auch das isolierende Religionsgesctz und die isolierende ,;Nat10nalität“, beide freilich nur als hohe Mittel zum höchsten Zweck, rechtfertige — zwei Bedingungen jüdischer Wirklichkeit, zu denen bei Rosenzweig, so wenig er politischer Zionist war, immer mehr auch der Aufbau Palästinas als dritte Grundbedingung hinzutrat. VI. So schwer der Verlust ist, man kann nicht anders als getrost an dieses große Leben, Philosophieren und Tun zurückdenken. Es steht am Tor einer neuen Zeit, die Rosenzweig für sich selbst schon vorwegnehmend verwirklicht hatte. Sein ״Stern der Erlösung“, der alles Erkennen des All vom ,,Tode, von der Furcht des Todes“ anheben macht, entläßt den Leser ״ins Leben“. Diese letzten Worte des ״einzigen“ Buches, das Rosenzweig schreiben wollte und, im Grunde, geschrieben hat, haben sein Schicksal vorweggenommen und lassen uns nun versöhnt mit unserer Trauer zurück. Jfldische Jagendtagnng der Schweiz nw. Zürich, Anfang Januar. Der Jüdische Jugendverband der Schweiz, vor zwei Jahren auf zionistische Initiative gegründet, machte kürzlich auf einer Delegiertentagung in Basel, die von lugend vereinen aus Zürich, Bern, Basel. Genf und St. Gallen beschickt war, einen neuen Versuch, sich zu reaktivieren. Herr Dr. Neiditsch (Basel) leitete die Verhandlungen, unter den Gästen befand sich auch Herr Dreyfus-Broasky, der Vertreter der Schweizer Juden in der Agency. Der Verband, dem zionistische und nichtzionistische Vereine angehören, betont in seinen revi• dierten Statuten seine politische Neutralität. Dr. Augusta Weldler-Steinberg führte in einem Referat den uedanken aus, daß der junge jüdische Mensch, der sein Ideal suche, heute kein größeres und hinreißenderes findet als die Idee des Zionismus. In der Diskussion wurde der Einwand erhoben, daß eine betonte Hervorkehrung des zionistischen Standpunktes die Zusammenarbeit mit den nichtzionistischen Jugendlichen erschwere. Die Relerentin aber vertrat die Ansicht, daß eine Vereinigung verschiedener Richtungen im Jugendverhand wohl zu begrüßen sei, keineswegs aber zur Ab- Schwächung zionistischer Ueberzeugung und Betätigung führen dürfe. Auseinandersetzung und geistiger Kampf mit anderen Meinungen beeinträchtigt nicht Neutralität, sondern stellt ihre einzig wahre Form dar. Der Jugendverband faßte Beschlüsse für künftige Kulturarbeit, in der die Errichtung von Führerkursen ein Novum für die Schweiz bildet. Sehr wünschenswert wäre ein engerer Kontakt mit der Jugend anderer Länder, wo der Zionismus intensives und vertieftes Erleben bedeutet. — Sitz des schweizerischen Jugendverbandes ist Basel, die Leitung ruht in den Händen eines fünfgliedrigen Aus- Schusses, der aus den Herren Adrien Blum , H inof ker und Frommer in Basel, Haymann in Genf und Snßmann in Zürich besteht. Von der Gesellschaft ORT ln den letzten Tagen fanden in Berlin Sitzungen der Zentralverwaltung des ״Ort“-Verbandes statt. Ueber das Gesamtgebiet der ״Ort“-T:itigkeit in der zweiten Hälfte des vergängenen Jahres berichtete der Generalsekretär der Zentral- Verwaltung, Herr Gregor Aronson. Ueber den Austritt des Herrn Kurt Bfumenfefd aus der Zentralverwaltung wurde folgende Resolution gefaßt: ״Die ,Ort׳-Tatigke1t dient jüdischer rekonstruktiver Arbeit ohne Rücksicht au» die innerjudische Einstellung der Mitglieder, In diesem Sinne können und müssen Vertreter aller politischen Richtungen sich in dem ,Ort‘ vereinigen. Bei unserer Arbeit, die der Stärkling des jüdischen Volkskörpers in all den Ländern, in denen der ,Ort‘ seine produktive Tätigkeit entfaltet, dient, hat dieses Zusammenwirken verschiedener Parteien und Richtungen sich stets reibungslos gestaltet. Die Zentralverwaltung spricht daher die Hoffnung aus, daß Herr Blumenfeld ihr seine geschätzte Mitarbeit wieder zur Verfügung stellen wird.“ Seltsamerweise ist in dem Bericht, den der ״Ort“ der .T. A. zur Veröffentlichung übergeben hat, der letzte atz dieser Resolution weggelassen. Dr. Josef Chasanowicz. Am 29. Kislew dieses Jahres sind zehn Jahre verflossen, seit Dr. Josef Chasanowicz, der Gründer der Jüdischen Nationalbibliothek, gestorben ist. Zur Erinnerung an diesen Tag veröffentlichte die Leitung der Bihliothek eine Broschüre, betitelt ״Geschichte der JüdischcnNationa!״ und Universitätsbibliothek bis zum Jahre 1920“ in hebräischer Sprache. Das Büchlein schildert die ersten Versuche zur Gründung einer Bibliothek in Jerusalem und die großen Schwierigkeiten, welchen dieses Unternehmen in der damaligen Atmosphäre von Jerusalem begegnete. Die weiteren Kapitel stellen die unermüdliche Wirksamkeit von Dr. Chasanowicz für den Gedanken der Errichtung einer Bibliothek dar. ln dieser Publikation werden zum erste« Male verschiedene Dokumente zur Geschichte der Bibliothek veröffentlicht, die auch für die Geschichte des Jischuw in den letzten fünfzig Jahren von kulturhistorischem Interesse sind. Unter anderem enthält das Heft auch den Wortlaut der verschiedenen Bannflüche, welche zur Zeit der Gründung der Bibliothek gegen djese erlassen worden sind. Ein bisher noch nicht veröffentlichtes Bild von Dr. Chasanowicz ist dem schön ausgestatteten Hefte beigegeben. Ausgestaltung der ״Jüdischen Welt“. Die bisher als Mo natsschrift herausgegebene ״Jüdische Welt“, Zentralorgan des Verbandes ostjüdischer Organisationen in Deutschland, erscheint ab 1. lanuar 1930 zweimal monatlich in vergrößertem Format. Die Zeitung enthält auch eine Beilage in jiddischer und hebräischer Sprache. Die erste Nummer des neuen Jahrganges bringt u. a. Beiträge von Georg Kareski, Heinrich 1.0 e w 0 , Ben z 1 o!1 Fett, Israel Taubes, Josef Lin, 1. K i! n o f f und I. F in k. Verlag und Redaktioa: Berlin H 04, Weinmeisterstr. 1! Tel.: Norden 1546.