Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1930-01-14 · Heft 4 (14.1.1930) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 4 (14.1.1930)
Date
1930-01-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2653156-2653160--21310-2679390
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Sei« 30 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 4, 14.1. 1930 A. D. Gordon (Anläßlich des Im Jüdischen Verlag, Berlin, erschienenen Oordon-Bucnes ״Erlösung durch Arbeit“.) Von Sch. Oorellk. I. Es spricht für uns, für das ethische und soziale Pathos des jüdischen Volkes, daß, obwohl der Zionismus zum größten Teil eine Reaktion auf die Judennot Ist und demzufolge die Befreiung aus dieser Not sein ausschließliches Ziel sein sollte, er doch gleichzeitig auch Bestrebungen hegt, die auf der Linie von aller Art Vollkommenheiten liegen. Das nationale Erwachen und Empfinden erfährt auf diese Weise eine bedeutende Komplikation. Der Zionismus, der die Enttluschung von der Umwelt und das Nichtmehrduldenwoüen, Nkhtmehrleidenwollen zum Ausgangspunkt hatte, wurde dank dieser Komplizierung zum Anlaß für eine Umwertung des eigenen Wertes, für ״Cheschbon Hanefesch“ und statt, wie es in der Natur der Dinge lag, über den Oolus hauptsichlieh vom Standpunkt des erlittenen Unrechtes zu sprechen, sann man über die durch den Oolus erworbenen geistigen wie seelischen Mängel nach. Und so zogen denn nach Pa- Ilstina nicht nur Gruppen von Juden, deren Ziel es war, ein normales, gesundes Leben zu führen, und nicht mehr Drangsalierungen ausgesetzt zu sein, sondern es zogen auch besessene Träumer, Idealisten, die außer Befreiung noch anderes, Großes wollten. Eigentlich wollten sie Gottes Reich aut dieser historischen Erde gründen. Für sie, für diese komplizierten Zionisten, wurde Palästina zu einer Art Besserungsanstalt, zu einer Versuchsstation für Mustermenschen, für vollkommene Seelen. Die Scheidung der Geister, der Kampf in den zionistischen Reihen, der von jeher tobt, war und ist im eigentlichen Sinne ein Kampf zwischen Einfach-Zionisten, die vor allem Befreiung von Judennot, Judenpein wollen, und komplizierten Zionisten, Supplement-Zionisten sozusagen, die noch etwas dazu haben wollen, und zwar Entscheidendes, Bedeutendes. Es gibt aber auch viele, die nach ihrer ganzen seelischen und geistigen Haltung abwechselnd zu der einen oder anderen Seite sich hingezogen fühlen. Auch das jüdische Leben in Palästina wird sich im Laufe der Zeit in der Richtung der Sachlichkeit bewegen. Die Kühe in den Bauernhöfen der einstigen Chaluzim werden nicht wie in den Kwuzoth von heute schöne Namen tragen, wie Awiwa, Zriza, Chemda, Menucho, aber es werden hofrentlieh mehr Kühe sein und die Bäuerin, die diese Kühe zu melken sich anschickt, wird diese Arbeit sehr prosaisch und mechanisch Verrichten und ganz jene Zeit vergessen, als es hieß, den Rat eines Arbeiterführers zu befolgen, der — wie wir es in dem schönen Palästina-Buch von Hirschbein lesen — lautete: ״Lernen eine Kuh zu melken, ist noch wenig, man muß, wenn man eine Kuh melkt, auch dabei denken, daß man ein jüdisches Heim und eine jüdische Zukunft baut.“ Laßt nur 20 Jahre vergehen und wie bange wird es gar manchem ob so viel Sachlichkeit werden. Und an die verschwundenen Zeiten des hohen Idealismus denkend, wird er sich der wehmutsvollen Worte des Dichters erinnern: Es hilft nicht, daß einmal schöne Menschen waren und einsam, einsam in die Harfe schlagen. Es hilft in der Tat nicht viel, aber es bleibt das tröstende Bewußtsein, daß ohne das Wirken jener Träumer das Heim niemals gebaut werden konnte und es bleibt eine Erinnerung an diese schönen Menschen, deren Vorhandengewesensein immer die wichtigste, die wertvollste Legitimation eines Volkes vor der Welt Ist und bleiben wird. Einer von solchen schönen Menschen, der, auf ganz besondere, in der Reihe unserer Idealisten selten zu findende ״Art leuchtete •und wirkte, war A. D. Oordon. II. Jetzt bat der Jüdische Verlag aus den fünf Bände umfassenden Hebräischen Schriften Gordons eine Auswahl getroffen und unter dem, dem Wirken und den Ideen Gordons entsprechenden Titel ״Erlösung durch Arbeit“ in einem Bande herausgegeben (erschienen als. erster Band des ״Zionistischen Bücherbundes“). Dieser eine Band, dem ein ausgezeichneter biographischer Essay von Aronowitz beigefügt ist, genügt vollkommen, um dem Leser von der Persönlichkeit Gordons, von seinem Wesen und der Wahrheit, die er suchte, eine Vorstellung zu geben. Daß das Fesselnde, Einzigartige in dem Menschen Gordon, in seinem Werdegang, in seinem leuchtenden Beispiel Hegt und nicht in dem, was und wie er geschrieben hat, wird dem Leser auch bald klar. Ein Schriftsteller war Gordon nicht. Da ihm auf andere Weise zu wirken gegeben war, ist es keine Herabsetzung, wenn man sagt, daß er die hinreißende Kraft und das Feuer des Wortes nicht besaß. Seine Aufsätze sind etwas monotone Predigten, und wie in seinem Aeußeren, so auch in seinen Schriften erinnerte er an jene Wahrheitsliebenden, nach dem Sinn des Lebens forschenden russischen Bauern-Sektierer, die immer, wenn sie sprachen, etwas weit ausholten, die den geduldigen Zuhörer durch eine monotone Dialektik auf ihren Wahrheitspfad zu bringen sich bemühten. Wenn man aber dennoch aufmerksam gespannt zuhörte, so war es nicht dem Reize der Beredsamkeit ztizuschreiben, sondern der Persönlichkeit des Sprechenden, dem stillen Feuer eines reinen Glaubens. Es ist wahr, Gordon konnte nicht schreiben. Dieser wunderbare Mensch, der die Arbeit und die Natur anbetete, hat nie ein Lied der Arbeit, nie ein Lied der Natur singen können. Aber sein Leben war das schönste Lied und seiten tritt der Fall ein, daß einem Menschen das Recht, andere zu belehren, anderen zu predigen, in dem Maße zugestanden werden kann wie Gordon. Auf ihn ist besonders jene Stelle aus dem indischen Wcisen-Buch anzuwenden, wo es heißt: Sich selbst zuerst befestige Der Weise auf den rechten Pfad, Dann erst belehre andere er, Kein Fehl, kein Tadel ziemet ihm. Auch Oordon fing andere zu lehren an erst als er sich .,selbst befestigte“ und wenn über ihn gesagt wird, daß er ein Mensch ohne ״Fehl und Tadel" war, so ist es in ganz hohem und ausschließlichem Sinne gemeint. Das Bedeutende und Seltene in ihm war, daß seine Seele ideale Höhen erklomm, in einem Alter, in welchem auch ungewöhnliche Menschen oft schon auf dem Rückweg sich befinden und eine sehr niedrige Temperatur aufweisen. Im Alter von 48 Jahren beschließt aer stille, vornehme Gordon, dessen Leben immer dem Guten, Edlen gewidmet war, nach Palästina zu gehen und Erdarbeiter zu werden. Stählerner Wille zwingt seinen schwachen, zarten Körper die Schwierigkeiten physischer Arbeit zu überwinden. An eigenem Beispiel will er Propatanda für seine Idee ״Erlösung durch Arbeit“ treiben. Dieses eispiel währt ganze 16 Jahre fort bis zu seinem Tode, und er wirkte aufmunternd, tröstend und anfeuernd auf jene Scharen ehemaliger Intelligenzler, Intellektueller, die als Chaluzim nach Palästina gingen, um als Steineklopfer, Sümpfetrockner, Wegebauer, Erdarbeiter der Idee der jüdischen Auflebung zu dienen. Wer weiß, ob ihre Energie nicht erlahmt wäre, wenn nicht die Gegenwart Gordons, dieses Apostels der Arbeit, wenn nicht sein Beispiel, dagewesen wäre. Gordon gehörte zu den ganz seltenen Menschen, die nicht nur die Gerechtigkeit, sondern vielmehr die Wahrheit im Leben suchen, und zwar zuerst im eigenen Leben. Im Besitze eines solchen Lebensideals, am Ziel angelangt, fühlte er sich glücklich und wollte auch andere zu diesem Glücke bekehren. das nach seiner Auffassung die Lösung aller Fragen und die Erlösung des Volkes in sich birgt Dieses Beglücktsein, dieses seelische Geborgensein ist es, was Gordon von einem Helden unterscheidet, ist es, was seiner Persönlichkeit die Tragik eines Heiden nimmt. Die Bewunderung, die wir einer solchen Oestalt zollen, geschieht freiwillig. Anders aber ist es in unserer Beziehung zu einem Heiden, dem wir Dank schuldig sind, dem wir zu danken verpflichtet sind, weil der Held sich aufopferte für andere, für uns. Wenn wir vor dem Denkmal eines Helden stehen, so kommt es uns manchmal vor, daß der Heid vorwurfsvoll auf uns herabblickt, als hätte er sagen wollen: ״Ja, auch ich hätte gern noch länger das Glück dieser Weit genossen, ich wäre gern auf dieser Erde noch ein wenig spazieren gegangen, aber da keiner unter euch war, um für eine heilige Sache das Leben herzugeben, so mußte ich es für euch tun.“ Der Held ist ewiger Zeuge unserer Unvollkommenheit, unserer Feigheit Dagegen ist es mit einem solchen Menschen wie uordon leicht Eine Wonne, ein Trost ist es, diese harmonische Gestalt zu betrachten, die durch eine Wahrheit selig wurde und durch das Beispiel, auch andere beseligte. In Rußland hatte man, — um sie von düsteren Helden, schweren Märtyrern zu unterscheiden — für solche Sorte Menschen eine besondere Be- Zeichnung: ״Swjetiaja Litschnost“, eine leuchtende Persönlichkeit, nannte man sie. In der Nähe solcher ״leuchtenden Persönlichkeiten“ ruhte sich der russische Mensch von all den vielen Helden, an die er zu denken gezwungen war, aus. Solch ein ״Swjetlaja Litschnost“ war Gordon. III. Seine Wahrheit bestand in der Heiligung der Arbeit, und zwar Arbeit im Felde, im Garten, inmitten der Natur. Mit jedem Sensenschwung, mit jedem Spatenstich erneuert sich — nach seiner Meinung — der Mensch. Um diesen Punkt dreht sich all sein romantisches und bisweilen höchst naives Philosophieren. Die Hymnen, die Gordon der Arbeit widmet, sein leidenschaftliches Bekennen, daß nur in der Arbeit das Glück zu finden ist, fordert manchmal sogar ein wenig zum Widerspruch heraus. Besonders bei solchen Stellen wie zum Beispiel die folgende: ״Wenn ich bis zu meinem letzten Tage arbeiten könnte, würde ich dem Tode mit Freude entgegensehen.“ Wie! bis zum letzten Tage? Und wo findet sich Zeit zum Thilimsagen? Hat der Mensch gar keine Pflichten der Meditation, besonders vor dem Tode? Lebte nicht einmal ein Sonnenvolk, lebten nicht einmal Griechen, die die Arbeit verachteten, und kann man von Feldarbeit ln einem tropischen Lande anders reden als nur vom Standpunkte der Notwendigkeit, aber nicht vom Standpunkte des beseligenden Glücks? Die Wahrheit ist, daß schwere physische Arbeit, auch wenn sie inmitten der Natur getan wird(, sehr oft den Menschen erniedrigt Mit einem wort, wenn vor uns einfach ein Buch mit dem Titel ״Erlösung durch Arbeit“ gelegen und nicht ein seltener, kristallreiner Mensch hinter dem Buche gestanden hätte, man wäre geneigt gewesen, mit dem Autor zu polemisieren und ihn unter anderem auch aut eine Schrift des Sozialisten Pol Lafarge, die den Titel ״Das Recht aut Faulenzen“ trägt, zu verweisen. Dieser französische Sozialist und Schwiegersohn von Karl Marx hat, als er ein Bild der menschlichen Zukunft entwerfen wollte, mehr von dem Recht auf Faulenzen als von dem Kult der Arbeit gesprochen. Ich gestehe, daß in den seltenen Augenblicken, wenn ich den wunderbaren Menschen Oordon vergaß und nur sein Buch vor Augen hatte, ich aus Trotz fast bereit war, einen Hymnus auf die Lazzaroni zu verfassen . . . Auch muß in der HarraoMe, in dem Gl&ckbesetigenden und Leuchtenden der Gordonschen Persönlichkeit eine kleine Einschränkung vorgenommen werden. Ganz ohne Düsterheit geht es auch btt ihm nicht zu. In dent leidenschaftlichen Mtsair AÄeü*taL etwas, «e»4tf׳Mftiilititp1^))i1dici1n1 Narodnüd* rtus dein Ade!, die sich rechtfertigen wollten, die Buße tun wollten für das Unrecht Ihrer Vorfahren. Oordon vergaß aber zu oft als er predigte, daß das jüdische Volk im Goius eigentlich gar keinen Anlaß hat, Buße zu tun, daß es hauptsächlich aus Proletariern besteht. Nicht umsonst sind die Klassiker in unserer Literatur hauptsächlich Schiiderer von großer Armut der jüdischen Massen. Gordon schrieb von den Juden des Goius: ״Ein Volk von Händlern, Krämern, Agenten, Spekulanten“ und «wollte sie durch Arbeit reinigen, riet ium Bußetun und vergaß, daß es nur Massen von Arbeitslosen waren . . . Mit einem Wort, gälte es sein Buch zu besprechen, so wäre es ein Leichtes, auf viele Mängel, Unzulängüchkeiten hinzuweisen und in seiner ganzen Konzeption den Nachklang philosophierender Romantiker-Soziologen und Moralisten zu vernehmen. Aber wer denkt an so etwas? Wie belanglos, kleinlich wäre ein solches Bemängeln, Kritlgieren in Anbetracht der Tatsache, daß hinter dem Buche ein ungewöhnlicher Mensch steht, A. D. Gordon, gewesener Buchhalter aus Mohilno, der mit seinem schwachen, zarten Körper im Alter von 48 Jahren sich nach Palästina auf machte, dort einfacher Arbeiter war bis zu seinem Tode. Arbeiter und Lebensphilosoph, Arbeiter und Lehrer. Hauptsache aber: Seine Heiligung der Arbeit, sein Kult der Arbeit als Selbstziel, als höchstes ideal und ln Zusammenhang mit dem nationalen Aufbau hat Tausenden von Chaluzim den Mut, die Kraft gegeben, alle Nöte zu überwinden. Deshalb die beispiellose Verehrung Gordons durch die Arbeiterschaft Palästinas. Für uns alle aber bleibt Oordon ein Mensch von selten vorkommender Reinheit und seelischem Adel. Ein Sucher der Lebenswahrheit. Ein stiller Denker: ״Swjetiaja Litschnost“ — eine leuchtende Persönlichkeit. ״Die Religion in Geschichte und Gegenwart“» dieses große enzyklopädische Werk, dessen 2 Auflage in Lieferungen erscheint (Verlag J. C. B. Mohr Tübingen),nat soeben den dritten Band abgeschlossen, der bis zum Buchstaben M. reicht Wir haben über einen Teil dieses Bandes, der auch ״Judentum“ enthält, bereits berichtet Aus den vorliegenden letzten Lieferungen seien nur hervorgehoben die Stichwörter ״Kunst“ (mit Unterabteilungen Kunst der Primitiven, der Griechen und Römer, des Islam und schließlich Christliche Kunst) sowie ״Malerei und Plastik“, beide mit einer Anzahl von Lichtdrucktafeln. Uns interessieren die Artikel ״Makkabäerbüehet" (von Banngartner), Maimonldee (von Julius Outtmann, derselbe schrieb auch den kurzen Artikel über Saiomon Malmen), Levl und Leviten (Mowinckel), ferner ״Knecht Jahves“ von Gunkel, der die Theorie vertritt, daß der Prophet sich selbst meint, wenn er von ״Ewed Jahwe“ spricht Charakteristischerweise Ist im Literaturnachweis kein einziger jüdischer Autor angeführt. Auch die Artikel ,,Märtyrer“ ״Märchen“, ״Liebe“ u. a. enthalten Hinweise auf Jüdisches. Mehrere Beiträge, besonders Biographien, stammen von jüdischen Mitarbeitern (Baeck, Eibogen, Outtmann). Im Verlag der Jewish Agency in London erschien eine Broschüre ״Palestine and the British Taxpayer“ (Palästina und der englische Steuerzahler) von Mr. Israel Cohen, dem Generalsekretär der Zionistischen Exekutive. Der Aufsatz weist nach, daß Palästina nicht nur seine eigene Verwaltung selbst bezahlt, sondern darüber hinaus noch einen Ueberschuß zu den Kosten der britischen Streitkräfte im Orient beisteuert (Ziko.) ZtillnngsUUteB Vor einigen Tagen wußte eine große Berliner Zeitung unter dem Titel ״Zur Rassenkunde“ nachstehendes zu melden: Im neuen Ministerium der Tschechoslowakei ist Dr. Meißner tschechischer Minister und Czech deutscher Minister. Die Zeitung wollte damit sagen, daß der Tscheche einen deutschen und der Deutsche einen tschechischen Namen führe. Sie vergaß oder wußte nicht anzugeben, daß sowohl der Tscheche Meißner wie such der Deutsche Czech — Juden sind.... Vor einigen Tagen hielt Maitre HenriTorräsaus Paris, ein Jude aus Toulouse, dessen Eltern aus Tunis gekommen sind, in der Deutsch-französischen Gesellschaft in Berlin einen viel beachteten Vortrag unter dem Titel ״Vor den Geschworenen“. Die Berliner Presse widmete diesem oratorischen Ereignis sehr viel Aufmerksamkeit Rudolf Olden vom B.T. fühlte sich sogar angeregt, ein besonderes Feuilleton im Anschluß an diesen Vortrag zu schreiben. Dieses Feuilleton hieß ״Lob der Beredsamkeit“ und befaßte sich mit dem Einfluß der Beredsamkeit auf die einzelnen Völker und mit der Wertschätzung, die diese Gabe in den einzelnen Ländern genießt. Dem großen Franzosen Henri Tonis, der, wie Olden hervorhebt, seine Rede mit Worten des Friedens begann und mit Worten des Friedens beschloß (״Schalom“ ist bekanntlich jüdische Begrüßungs- und Abschiedsformel), stellt er einerseits den Schwaben Paul Levi, andererseits den Rheinländer Alsberg gegenüber, die die besten Redner des deutschen Anwaltstandes sind. Rudolf Olden phantasiert, wie wundervoll man die nationalen Unterschiede zwischen Franzosen und Deutschen studieren könnte, Wenn Henri Tonis in einem großen Prozesse dem Rechtsanwalt Alsberg gegenüberstehen würde... Der gute Olden unterließ bloß anzugeben, daß der Südfranzose Torri», der Schwabe Levi und der Rheinländer Alsberg allesamt — Juden sind. in. w. In der Volksbühne wird jetzt eia Stück von Stefan Qroßpiann und Franz Hessel ״Apollo, Brunnenstraße“ aufgeführt. Ueber die Aufführung schrieb Alfred Kerr im ״B. T.“ eine im allgemeinen freundliche Kritik, in der er aber darauf hinweist, daß die jüdischen Autoren (von Stefan Großmann ist bekannt, daß er protestantisch ist, nachdem er wahrscheinlich vorher katholisch war) als ausbeuterisehen Vampyr und Hauswirt-Tyrannen einen Juden auf die Bühne stellen. Kerf schreibt dazu, daß es gerade im Deutsch-!and von 1930 verfänglich sei, durch eine derartige Konzeption dem Antisemitismus neue Nahrung zu geben. Man muß den Angaben und dem Urteil Alfred Kerrs Gewicht beimessen. Und wenn er die böse Wirkung voraussieht, die dieser von ״objektiven“ Juden gezeugte Blutsauger von einem Hauswlrt Hervorrufen muß, so nat «r wahrscheinlich Recht Um so auffallender ist das Gehaben der Verfasser, daß sie sozusagen als Hauptlumpen ihres Werkes einen Juden auftreten lassen. Anders läge die Sache, wenn io einem ausgesprochenen Judenstück neben verschiedenen jüdischen Typen auch der Typus des hartherzigen gierigen Juden auf die Bühne gestellt würde. Man kann sich Bes Eindrucks nicht erwehren, daß die jüdischen Stückeschreiber sich durch ihre ״Unvoreingenommenheit“ ein Alibi verschaffen wollten. Sie tun so, als wehrten sie sich gegen den Vorwurf, Nachkommen der Christusmörder zu sein, wie es in einer jüdischen Anekdote beißt Sie reden sich heraus, daß die Enkel der Christusmörder die Juden aus dem Nachbarort sind. ״ in *»•liegendem Falle Ist es der ver»chÄi(gswi«hgJi־,ft*«1f1ert־';l&t־ 108 kann man sich natürlich nicht auf den» Standpunkt stellen, daß ein jüdischer Schriftsteller die Verpflichtung habe, auf der Bühne nur Edeljuden paradieren zu lassen. Das Problem scheint uns vielmehr darin zu liegen, daß im heutigen Deutsch-!and die Situation leider so traurig gediehen Ist, daß man nicht mir als Jude, sondern als freiheitlicher, fortschrittlieber Mensch in seinem Tun den Faktor des böswilligen Judenhasses ins Kalkül ziehen muß. Das Stück als solches soll das Berlin von heute darstellen. Und da ist auch aus künstlerischen Gründen die Frage berechtigt, ob ln das Bild des heutigen Berlin mit seiner Diktatur der Wohnungsämter, die dem Hausherrn alle Rechte nehmen, überhaupt der Typus eines Hauswirt-Tyrannen hineinpaßt, 'ייי• Frank Thiess zur Jodenfrage In dem Buch von Frank Thieß ״Erziehung zur Freiheit“ (Verlag Engeihom, Stuttgart, 10 M.l, einer Aufsatzsammlung Über die Fragen der heutigen Ku'turkrise, die sieh am deutlichsten in der veränderten soziologischen Stellung der Frau und ihren Konsequenzen zeigt, sind auch ein paar Seiten der Judenfrage gewidmet. Sie verdienen sicherlich Beachtung, weil in ihnen der Wille zu einer freiheltlichen und geistig verwurzelten Betrachtung deutlich zutage tritt Frank Thieß wendet sich entschieden gegen den landläufigen Antisemitismus, dessen Denkfehler er nachweist und gegen deren niedrige Kampfmethoden er starke Worte der Verurteilung findet. Das Rassegefühl als politisches Kampfmittel lehnt er ab, betont aber die Bedeutung der Kulturfrage, die sich darin zuspitzt, daß ״die autachtiione Rasse vor der eingewanderten das Vorrecht der geistigen Fundamentierung“ haben müsse. Daher könne der weg des deutschen Juden nur ״willentliche Eindeutschung* sein. Der jüdische Durchschnittstyp sei infolge der viertausendjährigen geistigen Konzentration dem Deutschen überlegen; die geschichtliche Herkunft schaffe Im Judentum ebenso einen hoheitsvolien und geistigen wie einen niedrigen und parvenühaften Typus. Den ersten scheint Thieß vorwiegend bei den ״Eingedeutschten“, den zweiten bei den ״Einwanderern ‘ zu finden, in dem Verhältnis des Juden zur Christusgestalt erblickt Frank Thieß den mystischen Grund der ״Unglückliehen jüdischen Liebe zum Christusbekenner nordischen Blutes“: ״Alle Juden wissen, daß ihr edelster Teil in Jesus nicht nur Gestalt angenommen hat, sondern tatsächlich * ch vergöttlichte“, und daher sieht der Verfasser als Lösung der Frage ihr endliches Finden zum Christentum. Diese Anschauung ist nicht neu, sie ist besonders in katholischen Kreisen verbreitet. Daß die Judenfrage sich auf eine so einfache Formel, mag man sie auch als ״mystische“ Wahrheit empfinden, nicht bringen läßt, kann Frank Thieß offenbar nicht übersehen, da er vom jüdischen Volkstum, seinen Kräften und Überlieferungen, nichts zu wissen scheint und auch nicht andeutet, daß ihm die moderne jüdische Be» wegung bekannt ist, obwohl er in anderem Zusammenhänge von den» ״Dlmonium des Volkes“ spricht Seine An*chauungen sind weder soziologisch noch Ideologisch haltbar; auch wer seine mannhafte Verwerfung des Antisemitismus anerkennt, wird sieh mit der Dürftigkeit seiner Prognose nicht abfinden können. Aber schließlich ist es ja auch offenbar nicht seine Absicht, die Judenfrage gründlich zu erörtern, es handelt sieh ja nur um ein paar Seiten eines dicken Buches, das ganz anderen Gegenständen gewidmet ist und da* manche einsichtige Bemerkung über den Sinn unserer Zeit als eines Ueberganges von dem absterbendp Bürgertum zu neuen geistigen Verknüpfungen enthWL m£

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.