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Jüdische Rundschau · 1930-01-14 · Heft 4 (14.1.1930) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 4 (14.1.1930)
Date
1930-01-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 4, 14. I. 1930 J U EDI SCH E RUNDSCHAU Seite 31 Aus der Berliner Gemeinde Sitzung der Repräsentanten-Versammlung Am 9. Januar fand die erste Sitzung der Berliner Repräsentanten-Versammlung im Jahre 1930 statt. Nach Erledigung einiger geschäftlicher Angelegenheiten wurde die Wahl der Vorsitzenden und Schriftführer vorgenommen, worüber wir schon in unserer vorigen Nummer berichtet haben. Der Vorsitzende der Versammlung verpflichtete hierauf die bis zu Ende 1930 in der vorigen Sitzung wiedergewählten Mitglieder des Oemeindevorstandes Dr. Köllens eher, Prof. Seligmann, Kommerzienrat Simon, James Goldschmidt für ihr Amt. Die weitere Tagesordnung brachte eine sehr roße Anzahl sachlicher Angelegenheiten; u. a. wird für den au der Synagoge Klopstockstraße ein Preisausschreiben veranstaltct werden, für jüdische Mütter sollen Kurse über die Grundlagen des Judentums eingeführt werden. Zur Vorbereitung des Etats für 1930 wurde ein Ausschuß eingesetzt. In der anschließenden geheimen Sitzung wurde u. a. für Zwecke der Unterstützung verfolgter Juden ein Betrag bewilligt. Zu einer längeren Aussprache gab ein Antrag des Repräsentanten Dr. Fleischer Anlaß, der verlangte, daß zur Aufklärung der christlichen Umwelt Vorträge in den Gemeinde- Synagogen, Einladungen zum Gottesdienst, Führungen durch die sozialen Einrichtungen der Gemeinde insbesondere für die ältere Schul- und akademische Jugend veranstaltet werden sollen, ßer Antragsteller verlangte die Schaffung einer ״religiösen Abwehr“ des Judenhasses. In der Aussprache führte Moses Waldmann (Volkspartei) aus, daß er den Antrag begrüße, da man auch bei den Liberalen allmählich erkannt habe, daß es Aufgabe der Gemeinde sei, für alle jüdischen Fragen verantwortlich cinzutreten. Die Problematik des modernen jüdisehen Lebens sei auch der Gegenseite allmählich aufgegangen. Der schlimmste Feind des Judentums sei der Indifferentismus, Der Antrag sei aber nicht umfassend genug; es müsse vielmehr eine Propagandastelle der Gemeinde geschaffen werden, die das Selbstbewußtsein der Juden stärke und dhdurch auch nach außen wirke. Nur die gute jüdische Leistung mache Eindruck auf die Umwelt. Es werde aber schwierig sein, Christen in die Synagoge zu bringai, wo nicht einmal alle Juden hinkommen. Die zu schaffende Propagandastelle solle auch auf diesem Gebiete arbeiten, aber es sei zu bedenken, daß unsere ärgsten Hasser unreligiöse Christen sind. Ministerialrat Goslar (Volkspartei) wies auf die Außenarbeit der katholischen Kirche in diesem Zusammenhänge hin. Wir sollten alle Tagesfragen in breitester Oeffentlichkeit vom jüdischen Standpunkt aus betrachten. Die Schaffung eines Magazins für diesen Zweck sei notwendig. Besonders groß sei die Gefahr, die von kommunistischer Seite drohe, da man hier die Jugend dem Judentum entführe. R.-A. Dr. Klee (Volkspartei) unterschied die Apologetik, die eine Notwendigkeit sei, davon, daß wir als Volljuden durch unsere Weltanschauung und ein entsprechendes Leben den Menschheitsfortschritt fördern. Die moderne Bodenreform z. B. entstamme dem Judentum; auch wenn das Jobeljahr nicht mehr eingeführt werden kann, so könnten wir doch durch unser eigenes Leben in seinem Geiste wirken. Die Aufgabe der Rabbiner und der modernen Predigt sei es, die Antworten des Judentums zu den modernen Lebensfragen zu geben. Im Spektrum der modernen Menschheit solle so die Linie der jüdischen Auffassung aufleuchten. R.-A. Heinrich Stern (liberal) betonte ebenfalls die Notwendigkeit, (laß die innere Selbstbehauptung Voraussetzung einer jüdischen Äaßenwirkang set Wald mann (Volkspartei) wandte sich gegen ein Sehreiben des Antragstellers Dr. Fleischer, in welchem dieser die Bedeutung der Ha bim ah für die jüdische Geltung zumindest nicht anerkannt habe. Er erinnerte im Hinblick auf die Frage der Bodenreform an die Leistungen des Keren Kajemeth in Palästina und führte aus, daß der Wille zur Tat einer der stärksten Antriebe zum Zionismus sei. Hier sind wir behindert, während das Werk unserer Arbeiter im Emck Jesreel die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich gelenkt hat. Dort hat das Judentum wieder eine Tat vollbracht, und das sei der Sinn des Zionismus; wir brauchen die Achtung der Welt, denn ein Volk kann nicht Jahrtausende ohne diese leben. Wir Zionisten haben uns auf die Judenfrage spezialisiert; wir glauben, daß unsere Generation die Hauptaufgabe habe, das jüdische Volk in das Leben der Welt einzugliedern und ihm die Achtung der Völker zu erringen. Dann wird es sich der Lösung der großen Menschheitaufgaben mit voller Kraft zuwenden können. Der Antrag Fleischer wurde am Schluß der Debatte einstimmig angenommen. Die Aussprache über diesen Punkt stand gewiß auf hohem Niveau. Von dem an sich geringfügigen Anlaß her kam es zu einer grundsätzlichen Behandlung eines Ausschnittes^aus dem großen Komplex der Judenfrage. Mit Recht wurde von zionistischer Seite in der Debatte betont, welch entscheidende Bedeutung auf diesem Gebiete die jüdische Leistung in Erez- Israel in den Augen der Welt besitzt. L. * 20 Jahre Gemeindeblatt in Berlin. 20 Jahre sind verflossen, seitdem zum erstenmal das Gemeindeblatt der Jüdischen Getneinde zu Berlin, amtliches Organ des Gemeindevorstandes, erschienen ist. Das Blatt will eine amtliche Verbindung schaffen zwischen der Gemeinde und ihren Mitgliedern und darüber hinaus ein Band darstellen, das die Mitglieder enger an die Gemeinde knüpft. Es will die Kenntnis von den Aufgaben und den Leistungen der Gemeinde in weite Kreise tragen, will dort das Bewußtsein wecken, daß die Interessenspüre der Gemeinde sich in den Fragen der Steuer, des Synagogcnplatzes und des Friedhofes nicht erschöpft, daß eine Fülle von Kulturarbeit und sozialer Wirksamkeit in ihr Erledigung fordert und findet. In der aus Anlaß des 20 jährigen Bestehens veröffentlichten Jubiläumsnummer wendet sich die Redaktion des Gemeindeblattes an die Leser mit der Bitte, sich darüber zu äußern, inwieweit das Gemeindeblatt die Autgaben, die es sich gesetzt, erfüllt. Insbesondere, ob gewisse Veröffentlichungen sie besonders interessiert haben, ob sie aut andere lieber verzichtet hätten, was sie im Gemeindeblatt vermißten und welche Wünsche sie für seine künftige Ausgestaltung haben. _ Märztagung des PreoJMsehen Landesverbandes Die Tagesordnung des Verbandstages des Preußisehen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, der für sonntag, den 23. März 1930, vormittags 11 Uhr, und die folgenden Tage nach dem Plenarsaal des ehemaligen Preußischen Herrenhauses zu Berlin einberufen wurde, ist folgende: 1. Eröffnung, 2. Tätigkeitsbericht des Rates, 3. Rechnungsabschluß für das Rechnungsjahr 1928/29, 4. Voranschlag für das Rechnungsjahr 1930/31, 5. Wahlordnungen für den Verbandstag und Rat, 6. Revision der Verfassung des Landesverbandes, 7. Judengesetz. An Stelle des verstorbenen Oberrabbiners Koppel Reich wurde der Präsident der Orthodoxen Landeskauzlei, Adolf Frankel, ins ungarische Oberhaus entsandt. Dieser Tage verstarb in London Rabbi Dr. Viktor Schönfeld, der 1920/21 Inspektor der Misrachi-Schulen in Palästina war. Brief aus Stuttgart (Wegen Raummangels verspätet.) Ernst Simon sagte einmal, wie immer einer zu Palästina stehe, das eine müsse jeder zugeben: Zum erstenmal seit Jahrhunderten sei mit dem zionistischen Gedanken etwas in die jüdischen Massen hineingetragen, das sie in Bewegung gebracht habe. Diese Bewegung hat auch das jüdische Leben Stuttgarts erfaßt. Daß sie, solange die Anschauungen der älteren Generation das öffentliche Leben bestimmen, noch mehr nach dem negativen Pol hin ausschlägt, ist nur natürlich. Dies zeigte sich, in einem etwas beschämenden Sinn, beim Gastspiel der Habiinah, die als hebräisches Nationaltheatcr angekündigt, anfangs, trotz hinreißender Leistungen, vor halbleerem Haus spielen mußte. Erst als die Tagespresse vom Lob dieser einzigartigen Kunst widerhallte, füllten sich die ־— freilich auch zu teuren --- Reihen des Parketts. Aber ein schön verlaufener Tee, zu dem Herr und Frau Alfred Wolf die Künstler und einen kleinen Kreis von Freunden ihrer Kunst eingeladen hatte, befestigte das Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen diesen und den gefeierten Gästen. Es zeigte sich weiterhin in den Nachwirkungen der aufklärenden Vorträge, die Ministerialrat Dr. Hirsch seit seinem Anschluß an die Agency in Stuttgart und den größeren Gemeinden des Landes hielt. Der Inhalt seiner, auf eine Synthese zwischen DeutsAer-Sein und Jude-Sein hinzielenden Gedankengänge ist den Lesern der Rundschau aus früheren Berichten bekannt. Er sprach in Heilbronn und Ulm über die Agency und die Probleme des Palistina-Aufbaus, ferner im Stuttgarter Jugend - Verein (Berthold - Auerbach - Verein) über ״Aufgaben jüdischer Politik“ in seiner bekannt gründlichen, klärenden Gegensätze überbrückenden Weise. Daß er Widerspruch fand, ist klar. Trat doch an viele, die ihn hörten, der Ruf des Landes fast zum erstenmal heran und dazu gerade in einem Augenblick, der Gleichgültigen und Gegnern billige Argumente liefert. Die erste öffentliche Entgegnung auf die Vorträge Dr. Hirschs war eine Rede des Schriftstellers Dr. Karl Lieblieh, die, vor vorwiegend jugendlichen Zuhörern gehalten, literarisch eine sehr beachtenswerte Leistung, aus verschiedenen Gründen einer eingehenderen Betrachtung bedarf. L. stellt die These, die jüdische Aufgabe sei es, Bewegung, Antrieb, Geist unter die Völker zu bringen. Wo Staat ist, ist Gewalt Die Juden sind in der einzigartigen Lage, als Volk ihren Staat überdauert zu haben. Dadurch zu Trägern der Idee der Gewaltlosigkeit geworden, haben sie die Aufgabe, unter den Völkern zu wirken: Raum zu schaffen der Weisheit des Ostens vor der Klugheit des Westens. Aus dieser Auffassung vom Sinn jüdischer Sendung wird nun mit gleicher Entschiedenheit die Assimilation (״der Weisheit an die Klugheit“! wie die Errichtung der jüdischen Volksgemeinschaft in Palästina abgclehnt. Denn auch in diesem Bestreben siebt L eine Auflehnung der Klugheit gegen die höhere Weisheit der Erfüllung der näturgesetzten Aufgabe unter den Völkern. Eine aus solcher Auffassung sich ergebene Absage an den politisehen Zionismus, der Staatlichkeit in irgendeiner Form anstrebt, wäre noch zu verstehen; aber L. wendet sich auch gegen die unpolitischen Bestrebungen, die er als ״Kultur- Zionismus“ bezeichnet, wieder mit einem Gleichnis aus der Natur: kein Gärtner denke daran, Abkömmlinge der Abkötnm- Iinge eines uralten, längst zerstörten Baumes in dessen Heimaterde zurückzuverpflanzen. Besonders bedenklich werden lieblichs Gedankengänge aber da, wo er sich mit den! Verwirk- Uchuagsstreben, dem. mes&ianisehen Gehalt ..des ZJonsgedankens äuseinandersetzf. Ihm ist — eine dem Judentum durchaus fremde Auffassung — das Messianische ״der ewig unerfüllbare Traum“. Nur der Traum, das ewig über dem Leben schwebende Ideal, besitzt Macht, jeder Versuch einer Verwirklichung zerstört durch die menschliche Unvollkommenheit die Reinheit des Bildes. So wird auch dem Zionsideal als Traum alle Ehre angetan, nur — der Versuch, den Traum zu verwirklichen, mit ״Mitteln der Klugheit“ wie Geld, Werbung, Wanderung, überhaupt tätig zu verwirklichen — ist Frevel. Es muß der ״Weisheit“ aller Warner vor dem gefähriiehen Palästina-Abenteuer tiefe Befriedigung gewähren, sich über die ״Klugheit“ all derer zu erheben, die da drüben um die Verwirklichung ihres Traumes willen alles aufgegeben haben und ihr Leben aufs Spiel setzen! L. ist kein Romantiker. Er ist weit entfernt davon, etwa im Traum das wirklichere Leben zu sehen. Aber ebensowenig ist ihm der Traum, also die Idee, Maßstab für das wirkliche Leben. Er schwebt ihm nur darüber als schöner und beglückender Schein. Man muß sich vergegenwärtigen, wie sehr dieser in das Gewand klingender Dichtersprache eingehüllte Verzicht auf die Verwirklichungsforderung der Tendenz des Sichgehcnlassens entgegenkommt, die gerade für die jüdische Welt unserer Tage so charakteristisch ist, um ihren Wirkungsgrad abschätzen zu können. Eine solche Auffassung darf nicht unwidersprochen bleiben. Es ist zu hoffen, daß dies bald und in einer Weise geschehen möge, die der Jugend zeigpt, daß ein Leben ohne Idee zwai nicht lebenswert, Idee ohne Verwirklichungstendenz aber ein unzulänglicher Lebensinhalt ist. M. Ein Pro Palästina •Komitee in Bnlgarien 111 Bulgarien hat sich unter dem Namen ״Comite Bulgarie-Palestine“ ein Pro Palästina-Komitee gebildet, dem u. a. die folgenden Herren als Mitglieder angehören: Alexandre Malinov, Präsident des Staatsrats a. D., General Thodorov, ehemaliger Vize-Generalissimus, Yanko Sakazov, Dizo Kazansov und ßoyan, ehemaliger Minister, ferner die Deputierten Gregor Vassilev und Prof. Janculov, Dr. K. B. Stam'chov, Präsident des mazedonischen Nationalkomitees, M. Pantoho Dorov, früherer Geschäftsträger in Wien, Prof. Gavrail Katsarov, früherer Rektor der Universität, Prof. Guenov, Dekan der Fakultät der Rechte. Von jüdischer Seite haben folgende Herren ihren Beitritt zum Komitee vollzogen: Col. Tadjer, Präsident des Zentralkonsistoriums, Albert Romano, Präsident der Zionistischen Organisation, Dr. S. Mezan, Stadtrat und Präsident der jüdischen Vereinigung für den Völkerbund. Briete an die Redaktion Charbin, den 18. Dezember 1929. t edaktion der ״Jüdischen Rundschau“ Berlin W 15. Wir lesen in Ihrer Zeitung vom 18. Oktober 1929, daß in Charbin (China) sich ein Makkabi konstituiert hat. — Da dies nicht der Wirklichkeit entspricht, bitten wir Sie die Freundlichkeit zu haben, i!1 Ihrer Zeitung mitzuteilen, daß in Charbin nur eine jüdische jugendliche Organisation besteht, und zwar eine Abteilung des weltverbandes ״Brüh Trumpeldor“. — Die hierige Organisation zählt zirka 200 Mitglieder. Hochachtungsvoll Tel Chaj, Sekretär A. Ifland Das Kinderdort Bai Schemen Dieser Tage hielt im Logenhaus Dr. Siegfried Lehmann, der Gründer und Leiter der jüdischen Waisenkolonie Ben Schemen einen anregenden Vortrag, der einen interessanten Einblick in die Organisation und den Geist dieses überaus bemerkenswerten Institutes gewährte und durch einen guten Film (dessen Bildschärfe leider etwas zu wünschen übrig läßt) recht anschaulich illustriert wurde. In seiner sachlichen und ruhigen Art, ohne die Erfolge zu übertreiben und die Fehler zu vertuschen, entwickelte Dr. Lehmann ein Bild der Arbeit in der Wirtschaft und in der Schule in Ben Schemen. Beginnend mit dem Kleinkinderheim, in dem die Kinder von 3 bis 8 Jahren erzogen werden, über das Schulkinderheim (von 8 bis 13 Jahren) bis zur autonomen Jugendgemeinschaft (14 bis 18 Jahren), geht alles von der Idee aus, daß die wahre Erziehung nicht in dem autoritären Zwang, sondern in der freien Entwicklung der eigenen Kräfte der Jugend besteht. Wenn z. B. die autonome Jugendgruppe ein Vergehen einiger ihrer Mitglieder im eigenen Jugendgericht dadurch ahndet, daß die ganze Gemeinschaft aus ihrem kargen Taschengeld den Schaden ersetzt, den einige Jungens nngerichtet haben, so bedeutet das ein solches Maß von Selbstwürde und Sclbstverantwortung, das manchem Gemeinwesen von Erwachsenen abgeht. Diese jungen Bürger der kleinen Republik glauben nämlich, daß die Schuldigen durch das Bewußtsein, daß die anderen Kameraden für sie zahlen müssen, weit stärker betroffen werden, als durch die allgemein üblichen Strafen, und daß andererseits die ganze Jugendgcmeinschaft für die mangelnde Erziehung ihrer Mitglieder verantwortlich ist. Es resultiert daraus eine Einstellung der Jugend zu ihrem Dorfe als zu ihrer eigenen Sache, für die sie verantwortlich sind. Sehr bezeichnend ist die Beziehung derjenigen Schüler, die Ben Schemen schon absolviert haben und die sich auf Arbeitsstellen außerhalb des Jugenddorfes befinden, zu ihrem Heim. Diese 30 Jugendlichen haben den Entschluß gefaßt, nach einiger Zeit nach Ben Schemen zurückzukehren, um dort ein Jahr lang unentgeltlich zu arbeiten und so den jüngeren Kameraden zu weifen die Wirtschaft aufzubauen. Dr. Lehmann illustrierte seine Ausführungen durch ungemein interessante Beispiele aus den Einzelschicksalen der Kinder von Ben Schemen und durch Auszüge aus Protokollen der Jugendversammhmgen. Die sehr zahlreichen Zuhörer waren voll Bewunderung für die Leistung, in dem kurzen Zeitraum von drei Jahren aus dem Nichts und ohne genügende Mittel nicht nur qualitativ eine Musteranstalt für Erziehung, sondern auch rein quantitativ das größte jüdische Erziehungsheim mit 17Q Kindern geschäften zu haben. Zorn Jenaer Detefltertentag Herr Dr. Da n ziger, dessen Rede auf dem Delegiertentag, wie alle anderen Reden, natürlich nur stark gekürzt wiedergegeben war, ersucht uns, noch folgenden Teil seiner Rede nachzutragen: ״Bei der Charakterisierung der Unaufrichtigkeit der arabisehen Politik wies ich auf die Verderblichkeit des Geredes über ein Parlament in Palästina hin und die völlige Verkennung der Situation, wenn irgend jemand sich von einer parlamentarisehen Vertretung eine Besserung verspräche. Denn es sei doch eine in der berühmten Proklamation des H. C. amtlich zum erstenmal der Oeffentlichkeit bekam! tgegebene Tatsache, daß er nach London gefahren sei mit einem an die Arabische Exekutive gegebenen Versprechen hinsichtlich einer Art Parlament. Und obwohl die Araber dieses Versprechen des Regierungs- Oberhauptes in der Tasche hatten, haben sie die Revolte gemacht. Hier ist ein klarer Beweis dafür, daß nicht etwa ein Parlament die Sehnsucht oder der auslösende Grund für irgendeinen Ausbruch der Araber bildete. Noch weniger aber sollte sich irgend jemand in unseren Reihen der Illusion hingeben, daß, wenn heute England an derlei Maßnahmen denken sollte; auch nur ein einziger Araber auf die Idee kommen könne, dieses Geschenk käme von uns und sei nicht das Ergebnis ihrer ״Revolution“. Reichsausschnß jüdischer JagendverbSade Vom 25. bis 31. Dezember 1929 fand in dem vom Reichs• ausschuß der jüdischen Jugendverbände unterhaltenen Jacobson-Heim in Seesen a. Harz eine von den im Reichsausschuß vereinigten Jugendbünden beschickte Führertagung statt. Referate hielten Dr. Moritz Schweizer (Essen) und Edith Cohn (Berlin) über die Frage, wieweit heute bereits jüdische Jugend organisatorisch erfaßt ist und welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten für eine zukünftige Arbeit in dieser Richtung bestehen. Als zweites Thema der Tagung stand die Frage der Verwirklichung der Jugendforderungen In der sozialen Arbeit zur Debatte, das von Dr. Hanna Eisf elder und Sieg Hirsch behandelt wurde. Sodann sprachen Dr. Friedrich Brodnitz und Dr. Ernst Bloch über das ״soziale Element im Aufbauwerk für Palästina und Rußland“. Der Zusammenhang zwischen diesen Themen und den übrigen Problemkreisen ist darin zu sehen, daß die Fragen einer Reform der sozialen Arbeit im deutschen Judentum unlösbar mit der Gesamtlage des jüdischen Volke» in der ganzen Welt verknüpft ist. Dr. Brodnitz gab in ausführlicher Darstellung unter Heranziehung tmd übersichtlicher Gliederung der gesamten Literatur einen ueberblick über das Aufbauwerk in Polen und Rußland. Dr. Bloch unterschied zwischen sozialer Arbeit im engeren Sinne und sozialpolitischen Aufgaben des Palästinaaufbaus, zu denen beispielsweise die sich aus der Tatsache des Zusammenlebens zweier Bevölkerungselemente (Araber, Juden) ergebenden Schwierigkeiten der Realisierung von in Europa längst verwirklichten Mindestforderungen wie Abschaffung der Frauen- und Kinderarbeit, von Frühehen usw. gehören. Durch den Zusammenstoß des Orients mit einem europäischen, modern organisierten Arbeiterdement ergibt sich eine gewisse Beunruhigung des Landes, die sich heute auch politisch auswirkt. Eine wichtige soziale Aufgabe ist die Einbeziehung und Produktivierung der orientalischen Juden, die heute noch sich int Anfangsstadium befindet. — Ueber den Bildungsstand der jüdischen Jugend referierten Dr. Eli Mun k und Hermann Gerson. Dr. Munk bemühte sich, den Standpunkt de« geaetzestreuen Judentums in seiner Geschlossenheit darzusteflen und betonte besonders die Wichtigkeit der jüdischen Schule. Hermann Gereon, der im Gegensatz zu seinem Vorredner von einem subjektiven religiösen Erlebnis ausging, bejaht« vom überaten Standpunkt aus ebenfalls den Wert der jüdischen Schule und ging auf die Notwendigkeit einer Reform des Religtons- Unterrichts ein. In der Diskussion wurde auf die Frage der Erfassung weiterer Kreise von jungen jüdischen Menschen auch von dieser kulturellen Seite her eingegangen. Im Verlauf der Tagung wurden in einer Sonderarbeitsgemeinschaft die Aufgaben der jüdischen Jugendbünde, soweit sie geeignet sind, projetarische Menschen jüdisch bewußt zu machen, diskutiert. ßrielkasten der Redaktion A. Schwarzmann, Basel. Die Broschüre von Bernstein erschien im Verlag der ״Neuen Weh“, Wien IX, Umvereitätsatr. 8.

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