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Jüdische Rundschau · 1930-01-10 · Heft 3 (10.1.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 3 (10.1.1930)
Date
1930-01-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ז JÜEDtSCHI RUNDSCHAU Seite 19 ] Nr. 3, 10.11930 Der 2. Tag des Delegiertentages Referat Kurt Blumenfeld Zlonlsffsdie Arbcn ln Dculsddaml t^Lv 1• |p• jfisem Stadium der Verhandlungen des Delegiertentagflftodem das Hauptinteresse sich anderen Fragen zuwendet, und bei der Kürze der uns noch zur Verfügung stehenden Zeit muß ich mich damit begnügen, aus meinem Referat einige Fragen herauszulösen und knapp zu skizzieren. Bei anderer Oelegenheit soll das ganze Referat der Oeffentlichkeit zugänglich gemacht werden. 1. Hat die Lage der jüdischen Welt sich Im Laufe der letzten Jahre grundlegend geindert? Diese Frage ist mit einem klaren Ja zu beantworten. Wir haben einen Wandet im jüdischen Leben festzusteüen. Ist diese Behauptung riehtig, dann darf in unserem Verhalten nicht alles beim alten bleiben. Den entscheidenden Unterschied zwischen der Verfassung des jüdischen Lebens bis 1914 und dem Zustand dieser Jahre erblicke ich darin, daß für die Juden der westlichen Länder vor dem Kriege die ״subjektive Judenfrage“ wesentlich war; es kam darauf an, wie der einzelne ude sich zum Judentum stellte und seine Entscheidung wurde von ihm als ein konstitutiver Wert empfunden. Neben dieser subjektiven Judenfrage tritt heute auch in .den westlichen Landern in nicht mehr zu übersehenden Erscheinungsformen die ״objektive Judenfrage“ in den Vordergrund des Interesses. Unter ״objektiver Judenfrage“ verstehe ich die erforschbaren Erscheinungen des allgemeinen jüdischen Lebens auf politischem, wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Gebiet Die Entwicklung hat dahin geführt, daß die Juden in höherem Maße als es bei früheren Generationen der Fall war zu einer durch gemeinsames Schicksal zusammengeschlossenen Einheit verbunden worden sind. Die Juden, gesellschaftlich isoliert, wirtschaftlich zurückgedrängt, haben bei der Anomalie ihrer Sonderexistenz nicht einmal mehr die individuellen Möglichkeiten, die ihnen in der liberalen Aera gegeben waren. Klarer denn je zeigt sich, daß eine Erneuerung des Judentums in der Galuth unmöglich ist. Wohl kann auch der Einzelne sich vielfach noch der jüdischen Gemeinschaft entziehen, aber seine Entscheidung ist relativ unerheblich für die Erlebnisse der Gesamtheit. Judenheit ist heute zumindest als soziologische und wirtschaftliche Wesenheit erkannt, und die von uns schon vor Jahrzehnten beobachteten, von den Nichtzionisten damals geleugneten Entwicklungstendenzen werden heute von niemandem mehr in Abrede gestellt. An Stelle der Vereinzelung ist Organisation getreten. Das mit extrem individualistischer Haltung verbundene jüdische Lebensgefühl ist dem Bedürfnis der Eingliederung in jüdische Zusammenhänge gewichen. Auch jene wirtschaftliche und gesellschaftliche Oberschicht, die sich am längsten gegen die eindeutige Eingliederung in die jüdische Gesamtheit gewehrt hat, mußte sich wenigstens vereinsmäßig erfassen und heranziehen lassen. In dem so entstandenen Zusammenhang der Judenheit bejaht ein Teil der Juden freudig sein Judentum, vor allem unsere zionistische Bewegung, ein anderer sehr großer Teil be* findet sich sozusagen in einer jwanpjem,ejl|schtw. Juden; deren״ SÄleteil frfflier 4n£elfcg)ö6' diep AÄff ׳.wem Judentum gewesen ■ wäre, müssen heute vielfach ihr Geltungsbedürfnis im jüdischen Leben befriedigen. So erkläre ich auch die Tatsache eines wachsenden Antizionismus von ganz besonderer Prägung: Viele Juden, die ihre eigene Art hassen und verachten, sich aber der organisierten Gesamtheit nicht zu entziehen vermögen und sich mit dem jüdischen Volk, das sie ablehnen, widerwillig verbunden sehen, wollen begreiflicherweise gegen den Zwang des Judeseins rebellieren. Die beste Form dieses Ablehnens der eigenen Art ist heute der besonders scharfe und bedenkenfrei geführte Kampf gegen den Zionismus und gegen Erez-Israel; so glaube ich auch eine Deutung für Erscheinungen wie die ״Erklärung der deutschen Juden“ zu finden. Das, was für den Zionismus die neue Welt der Wiedergeburt jüdischen Wesens bedeutet, muß jenen anderen Juden, die Feinde der eigenen Art sind, als ein ״neues Ghetto“ erscheinen. Sie versuchen, durch den Kampf gegen die Erneuerung des Judentums sich vom Judentum selbst zu distanzieren und merken nicht» daß auch die von ihnen eingenommene weiteste Entfernung sie heute immer noch in den Bannkreis der jüdischen Welt einschließt. Diese Entwicklung verlangt eine neue Art zionistischer Haltung, um die zionistische Idee zur vollen Wirkung zu bringen. Neben die Deutung des Schicksals des einzelnen Juden, an dessen Persönlichkeitsgefühl wir appellieren, müssen wir heute die Darstellung der letzten Phase jüdischer Entwicklung setzen, um auch durch diese Darstellung die zwingende Ent- Scheidung zum Zionismus nachzuweisen. Die Schwierigkeiten der erforderlichen Wirkung sehe ich in erster Linie darin, daß im Zusammenhang mit der Verdichtung jüdischen Lebens das aktive Interesse an der ״Judenfrage“ als solcher gesunken ist. Je stärker die Berührung der Juden mit der nichtjüdischen Umgebung war, um so erregender wirkte das Problem der Judenfrage an sich. Das Wort ״Judenfrage“ war umstritten. Es war schon aufreizend und erregend, daß überhaupt der Gedanke einer oonderbehandlung jüdischer Entwicklung und jüdischen Lehens geäußert wurde. Heute ist der terminologische Streit großenteils dadurch erledigt, daß man sich an Begriffe gewöhnt hat und daß die interessanten Schlagworte früherer Zeit übernommen wurden und des Sensationellen entkleidet worden sind. Auch der Antizionist findet sich mit der Existenz der Judenfrage ab. Das Bedürfnis also, leidenschaftlich Stellung zu nehmen und eine letzte persönliche Entscheidung zu fällen, ist in dem Maße geringer geworden als man sich mit irgendeiner Art von jüdischer Existenz abgefunden hat. Wie schwierig auch die allgemeinen Entscheidungen sein mögen, die mit der objektiven Judenfrage verbunden sind, jeder kann sich organisatorisch in bestimmte Formen einbetten und findet Beruhigung in einer jüdisch unerregteren, ihm selbstverständlicher verbundenen Gesamtheit. — Auch innerhalb der Zionistischen Organisation selbst sind Erscheinungen dieser Art festzustellen. Innerhalb . unserer revolutionären Bewegung finden wir ein weite Schichten umfassendes, selbstbewußtes, auf Erfolg und unentwegte Ge- 5mnung stolzes juste milieu, den furchtbarsten Feind für eine kämpfende Bewegung. ־ Während die jüdische Welt trotz größter Bedrohung ihrer Existenz inner jüdisch dem mit der Durchorganisierung verbundenen Beilagen sich hinzugeben geneigt ist, sind gleichzeitig aktive Bewegungen entstanden, deren Problematik frisch und aufreizend ist, die infolgedessen imstande sind, attraktiv auf Heranwachsende Geschlechter zu wirken. Die zionistische Bewegung, die am stärksten wirkende Kraft innerhalb der Judenheit, wird ihrer werbenden Aufgabe nur dann gerecht werden, wenn sie sich auch '1:1 ihrer Argumentation als ursprünglicher und überzeugender erweist als die allgemeinen Weltbewegungen, auf die sie stößt. 2. An einem Beispiel sei gezeigt, wie entscheidend es für uns ist, bei voller Beherrschung der gegenwärtigen Situation in beweiskräftiger Form aufzutreten. Wir treffen auf eine zionistische Jagend, die, wenn sie auch sonst nationale Zusammenhänge anerkennen mag, im allgemeinen das Streben der jüdischen Nationalbewegung ablehnt Mit der bei uns so häufig gebrauchten Methode, durch Darstellung unserer sozialistischen Errungenschaften anziehend zu wirken, erleiden wir regelmäßig Schiffbruch. Die Feststellung, daß wir eine sozialistische Arbeiterschaft haben, daß wir kommunistische Siedlungen eigenartigster Form entwickelt haben, ist interessant, aber überzeugt nicht von der Notwendigkeit des Anschlusses an unsere Sache, zumal wir in der Diskussion zwangsläufig mit Parteischattierungen verschiedenster Art zu rechnen haben und man sich schließlich nur noch darüber unterhält, ob gewsise Institutionen links genug sind oder ob sie nicht doch noch mit gewissen peinlichen Schlacken einer zu überwindenden alten Gesellschaft behaftet sind. Was wir bestimmt erreichen, ist eine unnatürliche Verschleierung der Verbindung unserer sozialistischen Gruppen mit den anderen Teilen des Zionismus, durch die übrigens kein Außenstehender getäuscht wird, die uns auch die erhofften Erfolge in der sozialistischen Welt nicht gebracht hat. (Die Wirkungsmöglichkeiten der Poale Zion in Deutschland zum Beispiel beruhen ganz gewiß nicht darin, daß sie zu ihren Tagungen zwar Antizionisten jeder Schattierung, aber keine sogenannten ״bürgerlichen“ Zionisten einlädt.) Auch der sozialistische Zionismus muß in erster Linie den Nachweis zu erbringen versuchen, daß der jüdische Sozialist mit seinem jüdischen Volke auch heute noch unlöslieh verbunden ist und daß er seinen Kampf im allgemeinen sozialistischen Leben nur dann mit Klarheit durchfechten kann, wenn er der Besonderheit seiner jüdischen Position gerecht geworden ist. Die Schwierigkeit besteht darin, die Einmaligkeit und Einzigartigkeit unseres Falles darzustellen, der aus dem Rahmen der vertrauten aktuellen Entwicklungsvorgange herausfällt, anachronistisch wirkt, aber dennoch von aktuellster Realität ist. Nur der Sozialist, der fühlt, daß er ohne Rücksicht auf die gegenwärtige Entwicklungsphase in Palästina seinen Kampf um das sozialistische Ideal entscheidend innerhalb der jüdisehen Nation führen muß, daß er in ihr und in Erez-Israel den Ort der Verwirklichung findet, kann Zionist werden und dem Zionismus die Treue halten. Auch gegenüber der nichtzionistischen Orthodoxie müssen wir in der Lage sein, durch Erkenntnis der jüdischen Lebensvorgängre den Beweis zu erbringen, daß man aus allgemeinen nationalpolitischen Einsichten im gegenwärtigen Augenblick und gemeinsam mit der nichtorthodoxen zionlstisehen und jüdischen Gesamtheit die im Baseler Programm geforderte politische Aktion durchführen muß. Alle Nachweise der historischen Bedeutung von Erez-Israel für das Judentum reichen nicht aus, wenn nicht die gegenwärtige zio• 3. Mit großem Mißtraue« wird die Forderung «ach der ständigen Verbesserung unserer Argumentation in unserem eigenen zionistischen Lager auf genommen. Man möchte sich so gern mit Wiederholungen begnügen und freut sich an dem schönen Satz, daß es ja nichts Besseres gäbe als die gute alte zionistische Propagandarede. Ein wenig wird dabei auf das schlechte Gedächtnis der Zionisten spekuliert. Gern würde ich Dr, Kollenscher und einige seiner Freunde fragen, wie die anziehende, gute, alte zionistische Rede aussieht? Ist es jener Zionismus, der uns einmal nach Uganda geführt hat, ist es der ״politische Zionismus“, der alle Unternehmungen ablehnte, die später zur Grundlage unserer politischen Erfolge geführt haben, sind es jene Reden von Nordau und Wolffsonn aus dem Jahre 1909 gegen den Judenstaat, an die Ernst Simon in seinem Artikel erinnert, ist es der Zionismus der Binjan Haaretz-Gruppe, die jede nationale Galutharbeit, auch die Gemeindepolitik, als eine zentrale zionistische Aufgabe ablehnte, die den Keren Hajessod bekämpfte und den jüdisch-nationalen Gedanken als Grundlage des Zionismus zu bagatellisieren versuchte? Ganz gewiß sind alle diese verschiedenen Erscheinungsformen innerhalb des Zionismus, die für bestimmte Situationen charakteristisch waren, nicht geeignet, sich kämpfend gegenüber der heutigen jüdisehen weit zu bewähren und ganz gewiß genügt es nicht, gegenüber großen und bedeutenden geistigen Welten, die aut uns anstürmen, nur ein in Worten ausgeführtes Baseler Programm zu zitieren, wenn wir nicht zugleich imstande sind, den Juden zwingend die Erkenntnis zu vermitteln, daß die gegenwärtige Galuthsituation der Judenheit nur einen Weg zur Erneuerung jüdischen Lebens und zur vollen Freiheit des jüdischen Menschen für sein und seines Volkes Geschick offen läßt, nämlich die zionistische Lösung. Unser Problem liegt heute wie immer in der Erweckung der Herzen durch die Quellen und Voraussetzungen des Zionismus. Erst für den gewonnenen Zionisten erhält die Frage unseres Ziels ihre volle Bedeutung. 4. Daraus erhellt, daß ein in unserer führenden Schicht niveauloser Zionismus keine Chancen hat. Auch höchst geschickte Repräsentanten der Bewegung haben es sich angewöhnt, ihre Gründe durch die Behauptung zu ertanzen, daß sie dem Empfinden des ״einfachen Mannes“ usdruck geben. Und völlig sicher fühlt man sich bei der Berufung auf ein großes Ostjudentum, das ein selbstvcrsfandliches zionistisches Leben führt, instinktsicher und konfliktlos und ohne das Bedürfnis nach angeblich verstiegenen gedankliehen Anstrengungen. Man verwechselt die Tatsache der Volksverbundenheit mit der zionistischen Entscheidung. Innerhalb des russischen Judentums hat sich in Jahrzehnten ein leidenschaftlicher Kampf um den Zionismus, um?eine Begründung und um seine Wertbestimmung abgespielt Er war auch dort innerhalb des Judentums eine kämpfende Partei. Das Wirken Achad Haams ist nur aus diesem Kampfe zu verstehen. Der Zionismus offenbarte seine wirkende Kraft durch den Kreis gelernter Zionisten, die zum Führertum befähigt waren. Unsere Aufgabe bleibt die Schulung und Erweiterung dieses Kreises. Massenwirkung erfolgt dadurch, daß die Masse sich hinter den anerkannten Führer stellt und nicht dadurch, daß Führer aus eigener Wahl behaupten,' ihrer Unzulänglichkeit* entspreche der Wille der Masse, vor die sie sich gestellt haben. 5. Die Bewährung der zionistischen Idee hat vor allem in der heranwachsenden Generation zu erfolgen. Aus diesem Gebiet behandele ich hier nur einige Momente: Eine zionistische Jugend kann ohne das Ideal der eigenen A I i j a h nicht sinnvoll leben. Alle Versuche, junge Zionisten zu erziehen bei Ausschaltung der Forderung der Chaluziuth müssen zu unbefriedigenden Ergebnissen führen. Gewiß ist der kein schlechter Zionist, der den Weg nach Erez-Israel nicht zu finden vermag, aber die jugendliche Gemeinschaft, in der er lebt, braucht den Pionier als Vorbikf. Der Begriff Pioniertum kann sehr weit gefaßt sein, aber er muß mit der eigenen Uebersiedlung und der Verlegung des Schwerpunkts aller Lebensinteressen nach Erez-Israel verbunden sein. Nichts ist bedenklicher, als jungen Zionisten eine Scheinerfüllung jüdischen Lebens Vortäuschen zu wollen und ihnen eine Befriedigung ״bei dem Sicheinrichten unterwegs“ einzureden. Unser Ziel ist Zionismus und nicht Berumgung in einem angeblich verbesserten jüdischen Galuthleben. Von besonderer Wichtigkeit wird für uns unsere Tum- und Sportbewegung. Auf keinem Gebiet ist es schwieriger, aut keinem kann es aber auch lohnender sein, zionistisch zu wirken. Schwierig, weil der Sport sich eine eigene Welt neben der politischen Welt geschaffen hat, weil er überall, vor allem auch den beharrenden reaktionären Mächten willkommen ist, als Ablenkungsmittcl weiter Kreise von der Betätigung im öffentliehen Leben, weil er das Geltungsbedürfnis der Masse in unpolitischer Form zu befriedigen vermag, seine eigenen Ehren und Würden hat und Menschen so ausfüllt, daß sie volle Befriedigung in ihrer Sonderwelt finden. Wir müssen die jüdische Sportbewegung mit aller Kraft dem zionistischen Interesse verbinden, müssen Wertbe- Stimmungen in sie einführen, die sich neben den durch den Sport gegebenen zu behaupten vermögen und die auf die Dauer den wichtigeren Maßstab für die Erziehung bilden. Gelingt es uns, diese tausende junger Menschen von verschieaenster Herkunft und geistiger Bildung bewußt dem Schicksal unseres Volkes einzufügen und mit Pioniergefühl und dem Ideal der Eroberung unseres Landes durch eigene Kraft und Arbeit zu erfüllen, so werden wir einer der wichtigsten Gegenwartsaufgaben gerecht geworden sein. 6. Von besonderem Interesse Ist die Auseinandersetzung mit den nichtzionistischen Freunden des Pallstinaaufbaus• Mir kam es immer als eine Anomalie vor, daß es eine nichtzionistische palästinafreundliche Jugend gibt. — Zunächst sei dem noch immer verbreiteten Irrtum entgegengetreten, als ob die Bündnispolitik die innerjüdische Auseinandersetzung gefährde oder unmöglich mache. Wir haben in der Jewisn Agency Zionisten und Nichtzionisten als organisiertes Gebilde anerkannt. Aber wir kämpften und kämpfen jeden Tag um jeden jüdischen Menschen, in welchem Lager auch immer er stehen mag. Der geistige Kampf kann durch keinerlei organisatorische Formeln aufgehoben oder verändert werden. Nichts wäre übrigens auch unseren nichtzionisttsehen Freunden unwillkommener als der Verzicht auf die Auseinandersetzung über die Grundfragen jüdischen Lebens. Eine wesentliche Aenderung ist allerdings eingetreten: Hatten wir es früher mit Antizionisten zu tun, so naben wir heute die :s*wi«tg«e3uHi*’.1läh« «MdI tigea Freunden der Palästinasache die Entscheidung zu» Zionismus durch unser Tun zu ermöglichen. Wir müssen uns und jenen klarmachen, worin Gemeinsames liegt und worin Unterschiede bestehen; und keine Auseinandersetzung ist für uns Zionisten fruchtbarer als diese. Diese Auseinandersetzung kann nämlich nur dann in Worten geführt werden, wenn diese Worte zugleich auch Realitäten sind. Sie ist schwer, wenn es keinen Qualitätsunterschied des betätigten Interesses zwischen den nichtzionistischen Palästinafreunden und den Zionisten gibt, der so groß ist, daß er in Qualität umschlägt. Sie ist ferner schwer zur letzten Entscheidung zu führen, wenn nicht klar wird, daß der Nichtzionist, der für die Errichtung der Jüdischen Nationalen Heimstätte arbeitet, einem Zionisten gegenübersteht, für den diese Heimstätte zugleich die Erfüliung des Sinns seines Lebens bedeutet, und dem der Verzieht auf eigene Alijah zugleich die verlorene Glückschance ist. Gerade die richtig verstandene Bündnispolitik zwingt zur Aufrechterhaltung und zum Wachsen des Maßstabes für den eigenen Zionismus. Sie zwingt zu einer besonders umfassenden und gründlichen Kenntnis der Judenfrage auf allen Gebieten. Der Zionismus muß deutlich machen können, daß der Palästinaaiifbau nicht nur ein wichtiges und bedeutendes Experim ent ist, — so erscheint er oft unseren nichtzionistisehen Freunden —, sondern daß die Verwirklichung des Zionismus in Palästina die einzige schöpferische Ausdrucksform für das Judentum unserer Zeit ist, daß es sich nicht um einen willkürlichen Versuch, sondern um eine unausweichliche Not- Wendigkeit handelt 7. Von erhöhter Bedeutung werden die indirekten Methoden unserer Arbeit sein. Wir müssen objektive Voraussetzungen für eine verbesserte jüdische Erziehung schaffen. Wir braudien in erster Linie die jüdische Schule, wir brauchen die Hebraisierung immer weiterer Kreise durch von uns geschaffene Einrichtungen. Bei dieser Gelegenheit sei mit voller Deutlichkeit hervorgehoben, daß es sich bei diesen Arbeiten niemals um eine gesinnungsmäßige Vergewaltigung eines Teils von Zionisten handeln darf. Der Misrachi hat einen An- Spruch auf die volle Freiheit seiner Entwicklung, und Konflikte brauchen solange nicht aufzutreien, als keine Gruppe mit dem Anspruch der Unterdrückung einer anderen auftritt. Ferner muß klar sein, daß auch die beste jüdische Schule uns nicht der Aufgabe enthebt, den 18- und 20jährigen zur direkten zionistischen Entscheidung zu führen. Die durch Zionisten auszuübende indirekte Wirkung durch Schaffung von jüdischen Einrichtungen erfolgt in erster Linie in den Gemeinden. Dort erwachsen uns Schwierigkeiten mancher Art für unser zionistisches Auftreten und unsere zionistische Bewährung. Immer stehen wir vor der Situation, reale Dinge durch Aufgeben zionistischer Prinzipien erreichen zu können, und es kann vielleicht auch einmal eine Gelegenheit geben, bei der die Entscheidung ernsthaft schwer fällt. Im allgemeinen jedoch müssen wir verstehen, daß die von uns geschaffenen Institutionen für uns nur solange sinnvoll sind, als sie von unserem Geiste geleitet werden und als eine starke Zionistische Organisation unsere Vertreter zwingt, dem Kompromiß zu widerstehen und ehrlich und aufrichtig die in unserem Gemeindeprogramm niedergelegten Grundsätze in die Praxis zu überführen. Wir sind als organisierte Gruppe fast überall eine Minorität, wie ja die Menschen der nationalen Bewegungen in allen Völkern und vor allem auch in unserem Volke immer die Minderheit gewesen sind. Unsere Bedeutung besteht darin, daß wir die Minderheit sind, dis’ durch ihre Zukunft weisen de Kraft das gesamte Volk auf ihren Weg führt. Der aktiven Minderheit steht eine abwehrende und beharrende Mehrheit gegenüber, Was uns an Zahl fehlt,

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