Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 2 (7.1.1930)
- Date
- 1930-01-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 JUEDISCBE RUNDSCHAU Nr. 2, 7.11930 nicht die Politik einer kleinen Gruppe macht Wen» die Redakfionsführung der ״J. R.“ in diesem Sinne geändert werden wird, werden wir bereit sein, an einer Koalition mitznwirken. Hierauf wird die Sitzung unterbrochen. * Die Abeadsitzang beginnt um 10y! Uhr. Wellsch: Herr Lichthehn hat hier in fairer Weise — jedenfalls viel sachlicher als Goldmann — versucht unsere bzw. meine zionistische Anschauung, gegen die er seit Jahren konsequent kämpft, zu umreißen und nat dazu viele Zitate aus alten Auf* Sätzen von mir vorgelesen, die jedenfalls beweisen, daß diese Anschauungen, die bereits 1925 von mir ausgesprochen wurden, nicht als Erzeugnis der ״Panik“ wegen der Unruhen des letzten August bezeichnet werden können, wie es Oold« mann getan hat. Lichtheim hat aber ein wichtiges Moment vergessen: Daß der Zionismus ein dynamischer Prozeß ist una daß man daher bei Beurteilung einer Politik die jeweilige Situation im Auge behalten muß. Er hat der ״J. R.“ vor* geworfen, daß sie die Leitung in ihrer Politik, keine Forderun* gen an England zu stellen, unterstützt hat. In Wahrheit aber Hegt der Schlüssel der Situation doch in den Jahren 1920 bis 1922, in welchen Lichtheim und Jabotinski in der Exekutive saßen und sicherlich genug Forderungen gestellt wurden, z. B. nach dem 12. Kongreß 1921 offiziell die jüdische Legion gefordert wurde, aber das Resultat war keine Stärkung der zionistischen Position, sondern eine dauernde Zurückweisung all dieser Forderungen und schließlich das Weißbuch von 1922, das gegenüber diesen auf falschen Voraussetzungen beruhenden Forderungen <fie Situation klarmachen sollte. Es ist ganz unverständlich, daß man damals nicht die Realitäten gesehen hat ln dem von Lichtheim zitierten Artikel von 1925 habe ich gesagt, daß man in die Balfour-Deklaration zu viel hineingelesen und damit das jüdische Volk benebelt hat, so daß die künftige Entwicklung nur Ernüchterung bringen konnte; in diesem Sinne hatte ich von der notwendigen Zer* Störung von Illusionen gesprochen. Die Balfour-Deklaration brachte nämlich nicht den Judenstaat, sie übergab auch nicht das Land Palästina den Juden, sie versprach nur ein Natio* nales Heim in Palästina, ein Unterschied, auf den Achad Haam schon 1920 aufmerksam gemacht hat. Damit war klar gesagt, daß man in Palästina noch mit einem anderen Faktor rechnen muß, nämlich mit den Arabern. Als Folge des Weltkrleges hat sich der Orient grundlegend gewandelt, in dem Chaos während der Friedensverhandlungen wuchs das arabische Selbstbewußtsein und wir stehen vor der Tatsache des erwachenden arabischen Nationalismus. Man sollte nicht über die Vergangenheit reden, ohne sich die ganze damalige Situation gegenwärtig zu machen, z. B. die Wiedererhebung der Türkei, die Vertreibung der Griechen aus Kleinasien, die auch zum Sturz der Regierung Lloyd George führte, usw. Auch die Griechen hatten Versprechungen von den Engländern, und auch Hussein, der trotzdem 1921 fallen gelassen wurde. 1922 war die Kriegsmüdigkeit in England so stark, daß keine Regierung daran denken konnte, um der Erfüllung solcher Versprechungen willen weitere Kriege zu führen und daß daher auch jeder Versuch, in Palästina durch kostspielige Intervention einzngreifen, auf starken Widerstand in England selbst hätte stoßen müssen. Wir rechneten es darum Dr. Weizmann als Verdienst an, daß er trotz der berechtigten Beschwerden, die er auch damals stets vortrug, es nicht zum Bruche mit England kommen Heß, sondern inzwischen die jüdische Posi* tlon im Lande zu stärken suchte und darum alle Kräfte auf den ökonomischen Aufbau konzentrierte. Die zionistische Welt hat Ihre» geistigen Ursprung nicht in den Realitäten Palästinas, sondern in der Problematik der Judenfrage, ■und sie hat jahrzehntelang ihre Ideologie ent* wickelt, ohne. sich um das konkrete Land Palästina zu kümmern. Es ist daher nicht verwunderlich — und ich bin der letzte, der einen Vorwurf daraus machen würde, — daß man in der Stunde der Verwirklichung ganz naiv das vorher entstandene ahstrakte Programm des ,Judenstaates'‘ aut das konkrete Palästina anwenden wollte. Sicher ist, daß niemand von uns in den Anfangstagen der Judenstaats-Idee an eine Entrechtung oder Unterdrückung der Araber dachte, denn man dachte überhaupt nicht an die Araber, sondern nur an das eigene legitime Ideal der möglichst freien nationalen Entfaltung. Aber der entscheidende Gesichtspunkt ist eben der, daß wir aus dem Stadium der reinen Ideologie in das Stadium der Verwirklichung eingetreten sind, ein Unterschied, der Ms heute den meisten Zionisten nicht klar Ist Denn während wir in der Welt der Ideologie mit uns allein waren, stehen wir plötzlich in der Welt der Wirklichkeit wo unsere Worte auch von anderen gehört und gedeutet werden und ein ganz anderes Gewicht bekommen. Wenn wir hier von ״Juaenstaat“ sprechen, so meinen wir vielleicht, wie Ooldmann gesagt hat, jenen sentimentalen Begriff, der uns allen aus den Anfängen des Zionismus teuer ist Aber die Welt versteht es anders und wir dürfen uns nicht wundem, wenn sie sich darüber Gedanken macht. Da nützt es nichts, daß Goidmann weiß, wir wollen keine ״Juden mohammedanischer Konfession“ schaffen, sondern auch für uns ist wichtig, wie die anderen es verstehen. Und es Ist eine Entstellung der Tatsachen, wenn Goldmann sagt die ״J. R.“ hätte die Judenstaatsdebatte begonnen; diese Debatte entstand, als infolge der gedankenlosen Judenstaats-Propaganda die Engländer gezwungen waren, in aller Form zu er- Bären, daß Nationalheim nicht Judenstaat bedeutet Im Bericht der Haycraft-Commission von 1921 wird aus zionistischen Zeitungen und Schriften zitiert, Palästina sei ״ein leeres, verlassenes Land“, und der Bericht sagt dazu, wenn man derartige Vorstellungen lese, dann könne man die Ur- Sachen der Konflikte in Palästina verstehen. Palästina ist nämlieh, so imangenehm dies uns allen sein mag, kein leeres Land, und wenn wir diese Tatsache nicht zur Kenntnis nehmen und positiv in unser Programm einbauen, dann können wir den Zionismus nicht verwirklichen. Will man einen Juden- Staat in einem menschenleeren Land, dann kann man vielleicht nach Biro-Bidschan gehen. Da wir aber als Zionisten von Palästina nicht lassen werden, so müssen wir uns die Frage vorlegen, wie der Zionismus im Rahmen des so beschaffenen Palästina verwirklicht werden kann. Kann man sieb zionistisch nur dadurch behaupten, daß man die Realitäten leugnet, dann hat man den Glauben an die Idee verloren. Dieser Illusionismus ist die schlimmste Art von ״Defaitismus“. Wir sind Optimisten, weil wir glauben, daß der Zionismus verwirklicht werden kann, und zwar in dem Palästina unserer historischen Verbundenheit, freilich nicht in der Form, daß Palästina ein Judenstaat wird, sondern in der Form, daß das Jüdische Nationalhelm in Palästina errichtet wird an der Seite des dort bestehenden und sich gleichfalls •tändig entwickelnden arabischen Gemeinwesens. Das ist es, was wir den ״binationalen Staat“ nennen. Das künftige Palästina wird politisch die Heimat der dort wohnenden arabischen Gemeinschaft und die Heimat der dortigen jüdischen Gemeinschaft sein, und darüber hinaus ist es ideell 'der Ort des Nationalen Heimes für das jüdische Volk als Ganzes. Insofern ist die jüdische Beziehung zu Palästina einzigartig und nicht zu vergleichen mit der arabischen, denn für das arabische Volk in seiner Gesamtheit (zum Unterschied von den palästinensischen Arabern) ist Palästina kein ״Heim“. Im Rahmen dieser politischen Konzeption kann das entstehen, was Achad Haam ״das jüdische Volk im Kleinen“ nannte. Um dieses große Ziel zu erreichen, bedarf es des Aufgebots aller schaffenden jüdischen Kräfte, und das Ziel ist auch aller Kräfte wert Man soll nicht geringschätzig davon reden und man soll sich die Polemik nicht zu leicht machen, indem man etwas ablehnt, was nie von ernsthaften Menschen vertreten wurde: ein ״kulturelles Heim“, das aus einem Museum besteht o. ä. Wenn wir uns «uf Mandat und Balfour-Deklaration stützen, dann dürfen wir nicht Aspirationen daraus herleiten, die in diesen Dokumenten nach der wiederholten Interpretation aller zuständigen Stellen nicht enthalten sind. Es ist gewiß für Dr. Weizmann, aber auch für uns außerordentlich schwierig, in diesem Moment in der Oeffentlichkeit über Einzelheiten der künftigen Politik zti sprechen. Ich will mich auch nicht darauf einlassen, darüber zu streiten, ob es unter uns Chauvinisten gibt oder nicht Aber ich erinnere Sie daran, daß Dr. Eder wohl die Meinung sehr vieler Zionisten aussprach, wenn er sagte, wir erstreben die ״Vorherrschaft“ im Lande; und tatsächlich haben wir uns zuweilen so verhalten, als ob wir als Herren im Lande aufträten. Dies aber schafft immer neue Hindernisse auf dem Wege det Verwirklichung des Zionismus. Wenn Goidmann das alles bagatellisiert und entrüstet sagt, alle Zionisten wollen nur Frieden, betrügt er nur sich selbst, alle andern werden dadurch nicht blind. Die Bereitschaft, Frieden zu machen, wenn der andere sich unterwirft, ist doch kein wirklicher Friedenswille. Und die ganze Welt beobachtet uns und stellt uns täglich die Fragen, auf die zu antworten Goldmann für überflüssig hält, nlnnich wie wir uns die politische Zukunft Palästinas bzw. seiner beiden Völker denken. Darum kann man gar nicht genügend oft und eindringlich betonen, daß unsere gesamte Politik im Einklang mit den Realitäten Palästinas geführt werden muß, daß wir die Existenz der Araber bejahen und daraus Konsequenzen für unsere Zielsetzung ziehen müssen. Darum sprachen wir von ״neuer Zielsetzung“. Und wir glaubten, daß wir auch in dieser Beziehung ein gutes Stück Weges mit Dr. Weizmann Zusammengehen können. Dr. Weizmann sagte auf dem XIV. Kongreß (19»): ״Der Schlüssel liegt darin: InwirklicherFreundschaft und Zusammenarbeit mit den Arabern den Nahen Osten der jüdischen Initiative zu eröffnen. Palästina muß aufgebaut werden, ohne daß den legitimen Interessen der Araber ein Haar gekrümmt wird. Der zionistische Kongreß darf sich nicht auf platonische Formeln beschränken. Er muß die Wahrheit erkennen, daß Palästina nicht Rhodesia ist, sondern daß dort 600000 Araber sind, die vor dem Rechtsgefühl der Welt genau so viel Recht auf ihr Leben in Palästina haben wie wir aut unser Nationales Heim. Solange uns dieser Gedanke nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist, werden Sie künstliche Narkosen suchen und sich für Momente der Zukunft begeistern — und unsere Juden, Leute, den«! es schlecht geht, tun das gern —, aber sie werden die Zukunft in falschem Lichte sehen.“ (Zwischenruf Uchthehn: ״Was hat diese Politik genützt?״) Sie hat nichts genützt, weil sie nämlich gar nicht gemacht wurde, weil es bei der Deklaration geblieben ist ohne irgendwelche praktischen Schritte. Vielleicht konnte Dr. Weizmann selbst nichts tun, weil er von Jener Zelt bis jetzt ausschließlieh mit der Gründung der Agency beschäftigt war, die Lichtheim und Goldmann ihm reichlich erschwert haben. Hier steht noch die große politische Aufgabe vor uns, die Dr. Weizmann vielleicht lösen könnte: den Frieden mit der arabisehen Welt herzustellen, jene Lücke ln der Kette der Erfolge zu schließen, von der Landauer gesprochen hat Die Instruktion, die Weizmann an sacher gegeben hat, könnte ich akzeptieren* wenn man bedenkt, unter welchen erschwerenden Umständen Sacher auszusagen hatte, Aba־ eine bloße Formel genügt nicht, man muß sie politisch unterbauen. Wenn wir sagen: ״Wir wollen nicht beherrscht werden und nicht herrschen“, so müssen wir zustimmen, daß dies international garantiert wird, daß also auch die Rechte der Araber ebenso international gesichert werden wie unser Nationalheim. In dieser Richtung sehen wir Möglichkeiten einer Verständigung, wenn ich auch aus begreiflichen Gründen hier nicht in die Diskussion von Einzelvorschlägen eintreten werde. Ich halte diese öffentliche Diskussion für inopportun und die ״Jüdische Rundschau“ hat sich nicht beteiligt an der fast hysterischen Kampagne, die um diese Fragen geführt wurde. Unsere ״Isoliertheit“ in der zionistisehen Welt schreckt mich nicht; wir waren ebenso ״isoliert", als wir am XU. Kongreß die Verständigungsresolution durchsetzten, auf die Sie sich jetzt berufen als Beweis Ihres Friedenswillens. Wenn Dr. Barth hier sagte, es stünden sich zwei Meinungen gegenüber, von denen die eine die aktive Hüte Englands, die andere die Verständigung mit den Arabern in den Vordergrund schiebt, so möchte ich für meine Person erklären, daß so einfach die Dinge nicht liegen. Ich glaube vielmehr, daß wir zu einer Verständigung mit den Arabern die aktive Hilfe Englands brauchen, daß wir aber die aktive Hilfe Englands nur bekommen können, wenn wir beweisen, daß wir zu einer Verständigung mit den Arabern bereit sind, Verständigung kann natürlich nur durch gegenseitiges Entfegenkommen erreicht werden, und wir haben das Gefühl, aß die zionistische Oeffentlichkeit hierfür heute nicht reif ist. Wir hoffen, daß die Exekutive in der nächsten Zeit eine aktive Politik machen wird und wir wollen sie unterstützen, indem «dr dazu beitragen, daß ln weiten zionistischen Kreisen die wahre Situation erkannt wird, statt daß man wieder auf Wunder wartet, die nicht eintreten werden. Wir wollen den Glauben an die zionistische Größe und Stärke, die keiner künstlichen Selbstbetäubung bedarf, nicht verlieren. Indem wir mithelfen, den Zionismus in die Welt der Wirklichkeit herüberzuholen, glauben wir die schwersten Hindernisse hinwegzuräumen, die sich sonst immer wieder vor uns auftürmen werden. Kurl Blmnenfeld: Die Rede von Dr. Weltsch hat es mir erheblich erleich» fert, zu den politischen Fragen des Delegiertentages Stellung zu nehmen. Das, was Dr. Weltsch hier gesagt hat, hätte auf mich auch dann einen großen Eindruck gemacht, wenn ich ein Gegner seiner Anschauungen wäre, weltsch vertrat eine aufrichtige Meinung mit gehöriger Begründung und jeder spürte in jedem Salz die Anständigkeit aer Gesinnung. Unsere Bewegung braucht für ihr Leben den Respekt vor so vorgetragenen Anschauungen auch dann, wenn diese An- Behauungen falsch sein sollten. Peinlich empfand ich Goldmanns Worte, er wäre nicht traurig, wenn Weltsch morgen zum Märtyrer werden würde. Zwanzig Jahre habe ich jetzt die Möglichkeit, einen ent* scheidenden Einfluß auf den deutschen Zionismus auszuüben, und in diesen Jahren habe ich gelernt, daß wesentlicher als alle Wunschbilder die Menschen waren, die jeden Tag an der Verwirklichung des Zionismus arbeiteten. Wir haben uns bemüht, die arbeitenden Kräfte zu sammeln. Aber es gab in allen diesen Jahren immer Gruppen, deren Eingliederung In unsere Tagesarbeit mißlang, wenn man heute darüber klagt, daß Gruppen, die auf diesem Delegiertentag vertreten sind, sich jahrdang von der Arbeit ferngehalten haben, so kann man feststellen, daß die Schuld in erster Linie an diesen Gruppen liegt In einer kämpfenden Bewegung hat jeder sich seinen Platz m «sehen, jeder kann alles tun, was entscheidend der zionistischen Entwicklung dient und niemand hat ein Recht, sich schmollend zurückzuziehen, auch dann nicht, wenn er sich ״schlecht behandelt“ fühlt. Es ist interessant, daß gerade diese Gruppen heute als Gralswächter auftreten und sich uns gegenüber als die Hüter des echten Zionismus aufspielen. Man sollte in dieser Debatte prüfen, wie wdt diese Opposition imstande ist, die Arbeiten des Tages zu übernehmen. Einige Richtigstellungen, die mir deshalb erforderlich zu sein scheinen, weil wir in unserer auf Freiwilligkeit beruhenden Bewegung Loyalität nicht entbehren können. Ich vermißte sie am meisten in der Rede von Pr. Aron Barth. Ihr fehlte bei sachlichem Vortrag an vielen Stellen der sachlich zu rechtfertigende Inhalt. Dr. Barth hat behauptet, daß ich das Streben nach Majorität in Erez-israel für unwesentlich halte, und daß ich aas kulturelle Zentrum höher bewerte als das nationale. Beides ist unrichtig. Ich habe mich zu dieser Frage in zwei Artikeln und sonst in öffentlichen Ver- Sammlungen geäußert. Zur Frage der Majorität führte ich aus, daß es eine Reihe europäischer Völker gibt, die eine Form staatlichen Lebens erreicht haben, wie sie bei uns als ,.Judenstaat“ erstrebt wird. In diesen Staaten erleben wir, daß der politische Staat durchaus nicht die letzte Möglichkeit für die Entwicklung des nationalen Lebens zu geben braucht. Alle diese Staaten können so wenig leben wie die deutschen Kleinstaaten leben konnten. Man erstrebt heute die verschiedensten Formen, die ganz großen Staatsgebiete oder die überstaatlichen Wirtschaftseinheiten, und man glaubt, daß man innerhalb dieser großen Gebilde die vollste Freiheit natio nalen Lebens erhalten könne. Gleichzeitig erkennt man deutlieh, daß alles auf ein geschlossenes nationales Siedlungsdie 60 0/0ige Majorität, untermischt von einer 40 ״/eigen Mino rität, wird in den dauernden nationalen Spannungen ihre besten nationalen Glückschancen verlieren, ich spreche absichtlich nicht von einem Kantonalsystem, sondern von der geschlossenen. sich uneingeschränkt erweiternden Siedlung, die wir als Ziel für die Freiheit unseres nationalen Lebens zu erstreben Haben. Ich wies darauf hin, daß nur in der geschlossenen Siedlung die sozialen Probleme ihre Lösung finden können. Die Juden müssen in Erez-israel zusammensiedeln, Zusammenarbeiten, im geographischen Zusammenhang die natürliche Lösung ihrer Lebensfragen finden. Wir verzichten dabei auf nichts, was wir in Wahrheit erstreben; wir wollen ein möglichst großer Teil einer möglichst großen und umfassenden politischen Einheit werden. In unmißverständlicher Weise habe ich mich über die kulturelle Bedeutung unserer politischen Ziele geäußert. Meine Vorstellungen über die Oröße der erforderlichen ABjah sind der Oeffentlichkeit seit Jahren bekannt, und auih der politische Gegner sollte es für seine Pflicht halten, loyal den wirklichen Meinungsäußerungen gerecht zu werden. Die Diskussion über die Echtheit unseres Zionismus lehne ich ab. Wenn unsere Bewegung wirklich glaubt, daß Menschen unserer Art schlechte Zionisten sind, dann ist es um die ganze Bewegung schlecht bestellt. Die Güte des Zionismus besteht nicht im Wünschenkönnen. Sie besteht auch nicht in dem Glauben an die Wahrheit irgendwelcher Formeln. Der Zionismus unterscheidet sich nach unserer Meinung von den anderen jüdischen Strömungen dadurch, daß er im Leben verwirklichen will, was er erstrebt. Nicht auf die Konkurrenz der Ideale kam es an, sondern auf die Wahrhaftigkeit im Tun. Der Zionismus riskiert es, das jüdische Volk nach der Zeit einer langen Galuth aufs Neue auf die Probe zu stellen. Er braucht daher ein Geschlecht, das so lebt, als ob es das Letzte ist und als ob von seinem Wirken die erlösende Erneuerung des ganzen Volkes abhängt. Wenn man heute die Zuverlässigkeit meiner zionistischen Meinung kritisiert und z, B. behauptet, daß ich 1mich itt Oteefcsatrnfae«’Fw0erf1»g'ö»"aÄ:Ä.־C. gÄelftfiabe, soweit es sich um die Politik mit England handelt, so sollte man sich wenigstens die Mühe nehmen, erst einmal richtig in der ״Rundschau“ nachzusehen. In meinem Artikel ״Forderungen der Stunde“ vom 1. Oktober sind meine politischen Ansichten mit hinreichender Deutlichkeit enthalten. Man hat aber nur, obwohl man ziemlich viel gegen diesen Artikel polemisiert hat, den ersten Absatz gelesen, wie ja Immer bei uns die parteipolemischen Teile für wichtiger gehalten werden als unpoleraisch vertretene Meinungen. Mir will es scheinen, als ob die Kritiker der ״Jüd. Rundschau“ sich überhaupt nur selten die Mühe nehmen, mit der unter Gesinnungsgenossen erforderlichen Sorgfalt nachzuprüfen, ob ihre Behauptungen über die politische Haltung der ״Jüd. Rundschau“ durch Belegstellen zu erhärten sind. Zur Frage der Einberufung des Delegiertentages haben alle Redner rühmend von sich selbst bemerkt, daß sie diesen Delegiertentag herbeigeführt hätten. Die Einberufung dieser Tagung scheint also als großes Verdienst betrachtet zu werden. Da wäre es denn doch richtiger gewesen, sich daran zu erinnern, daß dieser Delegierteniag ohne meine Mitwirkung niemals zustande gekommen wäre. Ich habe ihn nicht nur verlangt, sondern auch mit aller Energie auf der Landesvorstands- Sitzung durchgesetzt. Ich wollte eine klare Entscheidung über die Leitung der zionistischen Arbeit in Deutschland herbeiführen. Daher bin ich der Opposition für die eingebrachte Oe- ' ' ־ . . , . ״ . lamentärisctie Bedeutung nicht entscheidend zu sein pflegt. Jetzt besteht volle Klarheit. Jeder weiß, daß die Abstimmung eine eindeutige Situation schafft, und ich bitte Sie, unbesorgt und mutig zu stimmen. Haben Sie keine Angst davor, mich in die Minorität zu bringen. Es muß ganz schön sein, einmal gegen die jetzige Opposition Opposition machen zu können. Allerdings bitte ich Sie zu bedenken, daß unsere Kämpfe nur dann eine gute Sache sind, wenn sie zionistisch lohnen und wenn man sich ganz klar darüber ist, was man dadurch für di« zionistische Bewegung zu erreichen hofft. Seit Jahren haben wir mit Weizmann als Kampfgenossen zusammen gestanden, haben ihn als unseren Führ« empfunden. Aber Sie wissen ganz genau, daß wir uns niemals die Selbständigkeit unserer Entscheidungen haben nehmen lassen. Das In Deutschland bisher charakteristisch war. Dieser Gruppe macht man übrigens den Vorwurf der Exklusivität zu Unrecht, Wir haben beim Breslauer Delegiertentag alle Parteien zum Eintritt in den O. A. aufgefordert. Der Misrachi lehnte damals ab und Kollenscher una Lichtheim sind vor einigen Monaten ausgetreten. Es wirkt komisch, wenn diejenigen, die sich selbst ausgeschlossen haben, heute uns Exklusivität vorwerfen. Auch der Begriff der ״hoffnungslosen“ Minderheit ist in einem Geschiftsführenden Ausschuß, der sich aus allen Parteien zusammensetzte, unverständlich. Jede Gruppe kann doch nur verlangen, nach ihrer Stärke berücksichtigt zu werden, und jeder hat die Pflicht, auch als Minderheit freudig mitzuarbeiten. Uebrigens ist doch jede Minderheit, die geschlossen gegenüber einer Mehrheit auftritt, zur Hoffnungslosigkeit in ihrem Sinne verurteilt; und interessanterweise erwarten Sie, die Sie die Mehrheit erstreben, von uns, daß wir in einer Koalition dann selbst als ״hoffnungslose Minderheit“ mit Ihnen zusammen arbeiten. Zur Frage der ״Rundschau“: Ich habe es auf der Landesvorstands-Sitzung für richtig gehalten, meine Meinung über Weltsch zu sagen. Was seine politischen Meinungen betrifft, 80 bin ich mit Dr. weltsch nicht hundertp/ozeatig einer Meinung. Jeder hat seinen Stil, Mine