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Jüdische Rundschau · 1930-01-07 · Heft 2 (7.1.1930) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 2 (7.1.1930)
Date
1930-01-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2, 7.1. 1930 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 13 handlungen gar nicht legitimiert sind? Wie kann man dauernd vom Parlament reden, nachdem selbst Chancellor in seiner Proklamation diese arabische Forderung ad acta gelegt hat? Wir lehnen diese neue Zielsetzung mit aller Entschiedenheit ab und halten derartige Erörterungen in der ״J. R.“ für außerordentlich schädlich. Wir bekämpfen den Defaitismus in der Leitung der Z. V. f. D. Man glaubt uns darstellen zu müssen, welche Meinung die Araber haben. Aber sind wir dazu berufen, Sachverwalter der Araber zu sein? Wir sollen sagen, wie wir die Sache sehen. Was die Resolution BlumenfeId anbelangt, so kann, sagt der Redner, seine Gruppe ihr nicht zustimmen. Denn Resolutionen sollen auf dem Prinzip der Wahrheit und Wahrhaftigkeit beruhen. Diese Ueberzeugung habe er jedoch von der vorgeschlagenen Resolution nicht. Er erinnert an die Auslegung, die die Ausführungen Prof. Brodetskys in Berlin seitens der Z. V. f. D. gefunden haben. Er könne darum kein Vertrauen haben, daß die vorgeschlagene Resolution von Blumenfcld auch tatsächlich befolgt werden wird. Darum schlägt er eine Resolution vor, die verlangt, daß der Rechts״ Standpunkt gewahrt, unsere Rechte nicht preisgegeben wer* den, und daß auch die ״Jüd. Rundchau“ sich hiernach richtet Lichflbeim (Revisionist): Es ist von denjenigen Rednern, die auf diesem Delegiertentag den Standpunkt der Opposition gegen die bisherige Richtung in der Z. V. f. D. vertreten, angenehm empfunden worden, daß der Präsident der Organisation hierher geeilt ist, um sein Wort in die Wagschale zu werfen bei der Entscheidung über die Frage, die dieser Delegiertentag vor allem beschäftigt; die Frage nämlich, welches in Zukunft die politische Haltung der Z. V. f. D. und der ״Jüdischen Rundschau“ sein soll. Auch ich kann von meinem Standpunkt aus sagen, daß es mich freut, einige, wenn auch recht vorsichtige kritische Aeußerungen von Dr. Weizmann gehört zu haben, die allerdings mehr nach Jerusalem als nach Berlin gerichtet waren. Ich glaube, daß die Schärfe der Kritik sich nicht nur in der Richtung zum Skopus, sondern auch in der Richtung zur Meinekestraße bewegen sollte. Aber heutzutage muß man mit wenigem zufrieden sein, und so begrüße ich manche Aeußerungen Dr. Weizmanns als Auftakt zur Diskussion. Andererseits muß ich, um Herrn Dr. Weltsch und der von ihm vertretenen Richtung Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, hier erklären, daß ich es verstehen würde, wenn er und seine Freunde dieses Auftreten Dr. Weizmanns mit einer gewissen Bitterkeit quittieren. Sie haben nämlich, ob mit Recht oder Unrecht, aber subjektiv jedenfalls mit Recht, viele Jahre hindurch die Empfindung gehabt, daß sie die richtigen Interpreten der Weizmannschen Politik seien. Darum wäre von dieser Seite ein Gefühl der Bitterkeit verständlich, wenn Dr. Weizmann heute einen sichtbaren Trennungsstrich zwischen sich und der Gruppe Weltsch gezogen hat. Ich will noch weiter gehen und sagen, daß es unser aller Pflicht ist, in einer so ernsten politischen Auseinandersetzung zu versuchen, dem politischen Gegner gerecht zu werden. Ich habe mich seit Jahren bemüht, in die Gedankengänge meiner politischen Gegner einzudringen und glaube, daß ich diese Gedank<1״gänge richtig etwa folgendermaßen rekonstruiere: Die Gruppe Weltsch glaubt, daß die Baifour-Deklaration und das Mandat das politische Geschenk einer ungewöhnlichen Konstellation waren, daß sie den Tat- Sachen weit vorauseilten, und daß wir uns daher auf einen anderen Boden stellen müßten, als er uns staatsrechtlich durch Balfour-Deklaration und Mandat gegeben war. Hieraus folgte jene Verzichtstimmung bezüglich der politischen Forderungen, die an England zu richten waren, deren Erfüllung aber nach revisionistischer Auffassung die unentbehrliche Voraussetzung allef ,Arbeit in Palästina ist. Nach Ansicht der Gruppe Weltsch ׳Söllten erst' efnjftill3 neie-ökorid1hÄr״Tafeaeheü"'geschaffen^ werden, aus denen das jüdische Palästina dann sozusagen von alleine herauswachsen würde. Um dahin zu gelangen, hielt diese Gruppe es nicht in erster Linie für notwendig, die Forderungen an England zu richten, die wir in den Vordergrund stellen, sondern sie wünschte zunächst und vor allem die Verständigung mit den Arabern. Dies scheint mir eine richtige und loyale Deutung der Gedankengänge dieser Gruppe. Erlauben Sie mir zu sagen, daß nach vielen Aeußerungen, die wir von Dr. Weizmann gehört haben, der Eindruck entstehen mußte, als ob dies auch seine politische Konzeption sei. Und darum hatte die Gruppe Weltsch das Recht, sich als Interpreten Dr Weizmanns zu fühlen. Ich möchte Ihnen zum Beweis hierfür einige Sätze aus Artikeln, die Dr. Weltsch in früherer Zeit geschrieben hat, vorlesen. (Redner liest Stellen aus Artikeln des Jahres 1925.) Ich könnte derartige Zitate anhäufen und Ihnen daran zeigen, daß die politische Konzeption, um die heute bei uns gestritten wird, kein neues Produkt ist, sondern daß Weltsch ganz konsequent an dieser Politik festgehalten hat und daß sie offenbar auch der Haltung der Exekutive entsprach. Ist diese Auffassung als richtig erwiesen oder nicht? Wer hat Recht gehabt, wir, die Warner, oder die Anhänger der Leitung? Allerdings hat Dr. Weizmann eins nicht getan, was im Zusammenhang dieser politischen Auffassung dauernd von der Gruppe Weltsch gefordert wurde: die Verständigung mit den Arabern. Ich mache aus diesem Versäumnis Dr. Weizmann keinen Vorwurf, wie es die Gruppe Weltsch tun muß, denn die Verständigung war in diesem Stadium nicht möglich. Was heißt Verständigung mit den Arabern? Wenn dies die tägliche Verständigung Im praktischen Leben in Palästina bedeutet, dann wird jeder von uns sie für erwünscht und auch möglich halten. Was nicht möglich ist, das ist in diesem Stadium die große politische Verständigung über die Zukunft Palästinas. Sie scheitert an dem einfachen Faktum, daß die Araber, soweit sie politisch denken, Gegner des Zionismus in jeder Form sind. Sie wollen ganz einfach nicht, daß Juden in unbeschränkter Zahl nach Palästina kommen. Sie wählen hierfür die Formel ״im Rahmen der ökonomischen Möglichkeit“, weil sie nicht mehr auf die offizielle Zurückziehung der Balfour- Deklaration rechnen und fordern ein Parlament. Es wäre ein Fehler, wenn wir auf eine solche Parlamentsmöglichkeit eingehen, die den Arabern nur eine Tribüne für ihre Agitation schaffen soll. Wir sind auch darum nicht zufrieden mit der Instruktion an Sacher, die nichtssagend ist und den Begriff der ökonomischen Möglichkeit aufnimmt, der sehr zweideutig ist. — Herr Dr. Landauer beanstandet es, daß wir vom ״Juden- Staat“ sprechen. Es wäre viel besser, wenn wir nicht durch eine Agitation, die die selbstverständlichen Ziele des Zionismus anzweifelt, gezwungen wären, von den Endzielen zu sprechen. Auch hierüber könnte ich Ihnen viele Zitate aus der ״Jüdischen Rundschau“ anführen. Wir mußten verhüten, daß der Zionisittus bis zur Sinnlosigkeit bagatellisiert wird. Darum mußten wir wieder vom Judenstaat sprechen. Politisch fehlt uns die Basis, auf der die ökonomische Entwicklung gelingen kann. Die Herren um Weltsch glaubten, daß der erste Punkt die Verständigung mit den Arabern sei, sie sagen nur nicht, wann und wie diese gelingen kann. Wir haben diese Auffassung für eine gefährliehe Illusion gehalten. Es wurde der Eindruck erweckt, als ob die Jüdisch-Nationale Heimstätte unter den bestehenden politischen Verhältnissen aufgebaut werden könnte und als ob es nur an uns läge, uns mit den Arabern zu verständigen. Wir haben dagegen opponiert, weil wir wußten, daß dies zunächst nicht möglich ist und weil unter dem ,Mandats- System, nach der Balfour-Deklaration, jeder Schritt vom Wege dieser deklarierten Politik sich gegen uns wenden muß. Die ש‘irische Rolle Englands wurde bagatellisiert. Dr. Weizmann hier eine Erklärung für seine Politik gegeben. Auch er wußte, daß wir politisch nicht alles erreicht haben, was man hätte erreichen müssen. Aber seiner Meinung nach sollte man erst durch praktische Arbeit eine Basis für weitere Verhand- Jungen mit England schaffen. Er glaubt, daß jetzt wieder ein solcher Moment sei, weil wir inzwischen etwas geleistet haben. Daß diese Leistung uns zu Forderungen berechtigt, ist gewiß. Ich kann aber seine Auffassung nicht teilen, sondern halte sie für unbegründeten Optimismus. Durch die Ereignisse in Palästina ist die politische Lage viel ernster und schwieriger, als sie vor wenigen Jahren war. Es ist klar, daß nach diesen Nutigen Vorgängen unsere politische Situation schwer erschüttert und viel schwerer reparabel ist, als vor drei oder vier Jahren. Damals hat die Leitung nichts gefordert und die Lage für ״sehr befriedigend“ erklärt. Was nun die Haltung der ״Jüdischen Rundschau“ und den deutschen Zionismus betrifft, so habe ich schon angedeutet, wo der grundsätzliche Unterschied der Auffassungen liegt. Dr. Weltsch und sein Kreis haben zu der von uns als schlecht bekämpften politischen Praxis der Leitung die Theorie geliefert. Diese Theorie hemmte nicht nur unsere Politik, sondern sie zerstörte unsere moralische Stellung in der Welt. Die Brith Schaiom-Oruppe vertritt mehr und mehr die Auffassung, daß der Zionismus vor dem Richterstuhl der Geschichte nicht verteidigt werden kann mit unserem historischen Anspruch auf Palästina. Das ist zum Beispiel schon im Juni 1929 von Hugo Bergmann im Rahmen einer Enquete der Exekutive gesagt worden. Dieser historische Anspruch aber war für die Stimmung in der Welt eine der Voraussetzungen des Zionismus, und es ist ein ungeheurer Fehler, diesen Anspruch preiszugeben. In diesem geschichtlichen Anspruch liegt der Vorrang begründet, den die jüdische Forderung gegenüber allen anderen Forderangen in Palästina hat, und ohne diesen Vorrang ist unsere Position verloren. Es ist falsch zu sagen, die Araber haben genau das gleiche Recht in Palästina. Wir bestreiten ihnen nicht ihre Rechte als Einwohner dieses Landes, aber es ist unmöglich, das geschichtliche Recht des jüdischen Volkes mit dem Anspruch, den der Fellache auf seinen Grand und Boden hat, zu vergleichen. Wie will man dann den Anspruch des jüdischen Volkes auf Kolonisation in Palästina begründen? Dann gilt doch wirklich nur das Prinzip der Zahl, dann kann jeder sagen, was wollen eigentlich die Juden angesichts der Majorität der Araber, die keine jüdische Einwanderung will? Dies muß man einsehen: Die Welt akzeptiert den Zionismus als eine große geschichtliche Sache, die dann mit realen Mitteln durchgeführt werden muß, oder gar nicht. Der Umweg über den falschen Achad Haamismus, der es jedem Stubengelehrten erleichtern soll, Zionistenfreundlich zu sein, wird uns auf dem Wege des politischen Zionismus nicht vorwärtsbringen. Beim ersten Sturm zerschellt dieser Kulturzionismus. Man muß doch verstehen, daß die Araber gegen den Zionismus sind. Denn wo in aller Welt ist es vorgekommen, daß eine Bevölkerung, die in einem halbleeren Lande sitzt, es gern sieht, daß ein Volk von ganz anderer geschichtlicher Entwicklung — denn wir gehen als Europäer nach Palästina — in großen Mengen einströmt, Land kauft, soviel es kann, wirtschaftliche Positionen besetzt, soviel es kann, Menschen hereinbringt, soviel es kann. Die Verständigung mit den Arabern wird kommen, wenn wir unter dem Schutz der Mandatarmacht im Lande so stark geworden sind, daß die Araber mit dem Nationalen Heim als fait accompli rechnen müssen. Eher nicht. Und darum ist es vollständig wahr, aber unvermeidlieh, daß wir in Palästina auf Grund der Macht kolonisieren. Wer dies nicht wollte, durfte die Balfour-Deklaration nicht wollen. Wir können jetzt von dieser Linie der Politik nicht zurück, sonst ruinieren wir alles. Nur auf Grund dieser Macht wird das Jüdische Nationalheim entwickelt werden. Wenn die Jüdische Heimstätte ein fait accompli ist, wenn wir einmal die Majorität sind, dann werde auch icn jeden jüdischen Chauvinlsititis Bekämpfe«. ־׳ יי־׳•׳: ־ ־• ־ ׳־׳׳׳•״ —•••■ Der deutsche Zionismus muß zwischen den hier entwickelten Standpunkten wählen. Dr. Goldmann (Radikaler): Ich will damit beginnen, einige Mißverständnisse der Debatte aufzuklären. 1. Es soll gegen Bileski und seine Freunde nicht der Vorwurf erhoben werden, daß sie das Mandat preisgeben. Ihre Forderung einer ״veränderten Ziel- Setzung“ bezieht sich auf die Preisgabe der Judenstaatsidee. 2. Dr. Barth hat hier nicht die Araber als Fremdlinge bezeichnen wollen, sondern das Herzl-Zitat nur gebraucht, um zu sagen, daß sogar Herzl, als ihm das Araberprobietn nicht bekannt war, die sittliche Gesetzgebung der Bibel zugrunde gelegt wissen wollte. 3. Die Ausführungen Lichtheims bedürfen meinerseits einer gewissen Korrektur: der Kampf der Opposition geht hier auf diesem Delegiertentag nicht gegen Weizmann und die Exekutive, sondern gegen Weltsch und die ,jJ. R.“ Man kann nicht die Auffassungen von Weltsch als die Konsequenzen der Weizmannschen Politik bezeichnen. Ich habe Jahre hindurch auch die äußere Politik von Dr. Weizmann bekämpft, aber nicht wegen seiner letzten politischen Konzeptionen, sondern wegen seiner Taktik, insbesondere in seiner Haltung gegenüber der Mandatarmacht. Das, was Dr. Weizmann heute gesagt hat, findet meine volle Zu- Stimmung, bis aut einen Punkt, von dem ich jedoch glaube, daß er der Korrektur, die ich vornehmen möchte, zustimmen wird. In der Instruktion, die er an Sacher geschickt hat, fehlt mir ein Wort, in dem klipp und klar gesagt wird, daß wir an der Schaffung einer jüdischen Majorität festhalten. Nun wissen Sie wohl, daß Sacher diese Instruktion nicht wörtlich befolgt hat, vielmehr sagte er vor der Kommission aus, daß das Endziel eine Majorität sei. Ich darf wohl annehmen, daß Dr. Weizmann mit dieser Ergänzung seiner Instruktion einverstanden sein und nicht Sacher wird desavouieren wollen. Warum haben wir heute diesen Delegiertentag? Ich bin an sich ganz der Meinung von Dr. Weizmann, daß die jetzige außenpolitische Debatte im Zionismus von Schaden ist. Aber nicht wir sind schuld daran, auch nicht die Revisionisten, sondern die Brith Schalom-Gruppe und Dr. Weltsch. Sie haben mit der Erörterung der letzten außenpolitischen Ziele in diesen Monaten begonnen, und weil man nicht zulassen konnte, daß sie als die einzigen Wortführer des Zionismus auftreten, mußte man erwidern, und so entstand die ganze Debatte. Ich werde darum auch hier über die eigentlichen letzten politischen Konzeptionen nicht sprechen. Ich halte diese Debatte für nichtssagend; man kann kein Volk in seinen letzten Endzielen und seinen späteren Generationen festlegen; wenn wir sprechen, können wir es namens unserer Generation, nicht späterer. Nur Literaten glauben, daß sie durch Formeln vom grünen Schreibtisch aus das Werden von Gemeinschaften und Staaten bestimmen können. Gemeinwesen wachsen, werden. Die Schweiz ist nicht gemacht worden, sie ist geworden aus dem organischen Wachstum aller ihrer Bevölkerungsgruppen. So wird Palästina werden, und die Festlegung auf eine Formel als Allheilmittel für die Schwierigkeiten ist ein typischer Literatenglaube. Dies gilt auch für die Debatte über den Judenstaat. Ich bin nicht dafür, daß jetzt partout der Judenstaatsgedanke herausgeschrien wird, aber die Welle der Resolutionen für den Juden- Staat, die wir erleben, ist die natürliche und notwendige Konsequenz der Politik der ״J. R.“ und ihrer Freunde. Es ist sinnlos zu behaupten, die arabischen Schwierigkeiten seien die Folge des Judenstaatsgedankens. Judenstaat ist ein großer agitatorischer Begriff, der auch propagandistisch von Bedeutung war und Ist. Kein Jude, der an diesem Gedanken sich entzündet hat, hat je damit gemeint, daß die Araber in Palästina entnationalisiert werden sollen. Was sollen sie denn werden? Juden mohammedanischer Konfession? Alle solche Vorstellungen widersprechen vollkommen allen Begriffen von Judentum und jüdischer Nation. Und daher soll man nicht den Judenstaatsgedanken als den gefährlichen Popanz hinsteilen. Wir von der Opposition haben diesen Delegiertentag gefordert, weil wir spüren, daß der deutsche Zionismus durch die Haltung der ״J. R.“ in eine Immer stärkere Isolierung gerät, Isolierung gegenüber der Exekutive, gegenüber der Organisation und gegenüber dem Jischuw. Gegenüber der Exekutive: sie haben die weitgehenden Differenzen zwischen Dr. Weizmann und der ״J. R.“ heute gehört. Ich nenne nur die wichtigsten. Dr. Weizmann erklärte: Verhandlungen mit den Arabern zur rechten Zeit. Die ״J. R.“ verlangte dauernd sofortige Verhandlung. Dr. Weizmann erklärte: Verhandlungen im rechten Geist; solange Araber die Massaker von Hebron nicht verurteilen, kann man mit ihnen nicht verhandeln. Die ״J. R.“ forderte die Anerkennung des Mufti und seiner Freunde als der legitimen Führer der arabischen nationalen Bewegung. Dr. Weizmann grenzte scharf ab den Begriff des Nationalheims gegenüber dem des Kulturheims. Wo hat die ״J. R.“ sich jemals gegen Dr. Magnes, Dr. Bergmann und anderen abgegrenzt? Charakteristisch für eine Zeitung ist doch nicht nur das, was darin steht, sondern oft noch mehr, was nicht in ihr steht. Gegen alles hat die ״J. R.“ sich immer scharf und klar abgegrenzt, warum niemals auch nur mit einem Wort gegen Brith Schalom, gegen die netten Theorien eines absurden Achad Haamismus? Die Isolierung gegenüber der Organisation: Durch weiche Länder Sie auch heute fahren, welche zionistische Gruppen außerhalb Deutschlands Sie sprechen, Sie werden überall die einmütige Verurteilung der Politik der ״J. R.“ vernehmen. Dies gilt sogar von dem Hapoel-Hazai'r in anderen Ländern. Hat doch der österreichische Hapoel-Hazai'r eine Resolution für den Juden- Staat mit unterschrieben. Am gefährlichsten aber ist die Isolierung gegenüber dem Jischuw. Deutscher Zionismus wird allmählich zu einer Art Schimpfwort in Palästina. Von der äußersten Rechten bis zur Linken sind alle Gruppen in Palästina einmütig in der Verdammung der ״J. R.“ Hier hat Landauer gegen den Revisionismus polemisiert. Ich bin nicht dazu da, den Revisionismus zu beschützen, der mancherlei bedenkliche Auswüchse gezeitigt hat. Aber warum hat Landauer nicht gegen Berl Kaznelson polemisiert? Warum nicht gegen den ״Dawar“, der die ״J. R.“ seit Monaten heftig angreift? Welche sind die Motive der Politik der ״J. R.“? Es ist notwendig, sie zu analysieren, um diese Politik zu verstehen. Das erste Motiv ist der Glaube an eine bestimmte Mission der Intellektuellen eines Volkes. Die Intellektuellen müssen kühlen Verstand bewahren, hat mir jüngst jemand gesagt; sie dürfen nicht begeistert sein. Die Formel stimmt als Ganzes nicht, aber wenn sie sogar stimmen sollte, so ist eines klar: kühl allein genügt nicht. Und die Haltung der ״J. R." ist alles andere als verständig, denn ihre Folge ist die Entfesselung einer schädlichen außenpolitischen Debatte und die Durchbrechung der zionistischen Front. Was ihr fehlt, Ist der Instinkt. Ich zweifle nicht an den guten Intentionen des Herrn Weltsch. Aber in der Politik ist derjenige, der das Gute will und das Böse schafft, ärger als der entgegengesetzte Typus. Die ״J. R.“ hat nie begriffen, daß man in bestimmten Momenten bestimmte Dinge nicht sagen kann, die vielleicht später in ruhigeren Zeiten gesagt werden dürfen. Man redet hier von der Notwendigkeit, Realitäten zu sehen, aber sieht denn der ganze Jischuw, der die Araberpolitik der ■ »J- R•‘* ablehnt, nicht die ־ReaBtlteB?»*^^pd«i1 Sit. #•:11611־:*- wie geschmacklos es Ist, 'wenn MtiÄleif■ Mir «ltiesf'il1iT von den Realitäten Palästinas schreien, die scheinbar #5-' jenigen, die im Lande sich stündlich an ihnen stoßen, nicht sehen? Gerade von diesem Standpunkt ist die Ablehnung durch den Jischuw so charakteristisch. Es ist eine psychologische interessante Erscheinung, wie Weltsch aus lauter Angst vor Illusionen dauernd sich Illusionen macht. Weltsch und seine Freunde sprechen im Namen von sittliehen Motiven. Und wenn irgend etwas mich empört, so ist es, wenn ich diese Litanei höre. Denn alle diese Berufung auf die sittlichen Qualitäten ist doch im Grunde eine Diskreditierung der großen Majorität der Bewegung. Wenn der Brith Schalom schreit, daß er friedlich sei, so sagt er damit, daß Weizmann und wir alle anderen es nicht sind. Wenn Bileski von seinem sittlich höheren Nationalismus spricht, so ist doch der Sinn nur die Diskreditierung des Nationalismus von uns anderen. Dies ist falsch und gefährlich zugleich; falsch, weil unser Nationalismus nur ein sittlicher sein kann. Wir sind heute noch so schwach, daß ein Chauvinistnus der Gewalt für uns überhaupt nicht in Frag« kommt, sogar wenn manche ihn wollten. Und er ist Verderblieh, weil er den Eindruck erweckt, als ob der Zionismus aus einer Horde von Gewaltpolitiken! bestünde, was doch absurd ist und von Dr. Weizmann mit Recht scharf zurückgewiesen wurde. Man soll endlich mit der Benutzung des aeutschpolitischen Jargons bei uns aufhören. Bileski spricht von Sieg- und Verständigungsfrieden. Ich bin Hugenberg und er ist Stresemann. Merken Sie denn nicht, wie tief Sie in der Assimilation drin stehen mit all diesem Gerede, daß doch für uns sinnlos ist? Wir wurden überfallen, uns hat man gemordet, und Herr Bileski spricht von Verständigungsfrieden. Wer von uns hat denn je Krieg erklärt? Das ist alles typisch deutsche Psychologie und Sie sollen damit nicht den Zionismus demoralisieren. Der politischen Haltung der ״J. R.“ liegt seit Jahren eine Art von Panikstimmung zugrunde. Sie verliert sofort die Nerven, wenn es irgendwie schlecht geht. Als vor drei Jahren die ökonomische Krise in Palästina war, erzeugte die ״J. R.“ eine Panik durch eine Da! Stellung, als ob ganz Palästina bankerott sei. Sie tut das gleiche heute. Sie hat keine Ausdauer und zittert dauernd, sich und ihren Lesern etwas vorzumachen. Und dadurch erzeugt sie erst wirkliche Panik und Hysterie. Es gibt in all den Motivationen von Weltsch und seinen Freunden nur ein beachtenswertes Motiv: Die Notwendigkeit, die öffentliche Meinung der Welt, die zum Teil aus mißverstandener Demokratie sich gegen uns wendet, aufzuklären. Aber das kann man nicht tun durch eine falsche und hysterische Politik, sondern nur indem man, wie es Weltsch selbst oft getan hat, die Welt darüber aufklärt, daß mit dem Schema der Allerwe'.tdemokratie die Judenfragc und das Palästinaproblem nicht zu lösen ist. Das Sondcnin recht, das man uns sHt Jahrhunderten antut, muß wieder gutganailif werden, ehe man die üblichen Formeln der Demokratie aut Palästina anwenden kann. Dies ist das einzige Argument, mit dem wir die fortschrittliche Meinung der Welt für uns gewinnen können. Die Politik der ״J. R.“ muß grundlegend geändert werden. Der Brith Schalom ist heute der gefährlichste Punkt in der zionistischen politischen Front. Der Brith Schalom in Palästina würde nicht so auftreten, wenn er nicht durch Teile des deutschen Zionismus und die ״J. R.“ moralisch und geistig gedeckt würde. Und deswegen ist es eine Notwendigkeit, 1m Interesse des Gesamtzionismus diesen Zustand zu ändern. Wir sind für eine Koalition in der Leitung der Z. V. f. D. Aber sie muß eine wahre Koalition sein, die die Gesamtresultafe der zionistischen Auffassungen zum Ausdruck bringt und

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