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Jüdische Rundschau · 1930-01-07 · Heft 2 (7.1.1930) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 2 (7.1.1930)
Date
1930-01-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 2, 7.1. 1930 * Zionisten sich über das Parlament geäußert haben. Lesen Sie die Aeußcrung von Kalvariskv, über seine Verhandlungen mit deru Chef der Arabischen Exekutive. Denken Sie auch an die Situation im Sommer 1028, als der Mufti dreiviertel erledigt war und um seinen Posten kämpfen mußte. Damals haben die Araber zum erstenmal auf den Protest gegen das Mandat verrichtet und nur die Forderung auf Erweiterung ihrer Selbstverwaltung gestellt. Heute ist die Situation natürlich nicht so, aber wir müssen uns mit allen Kräften bemühen, eine solche Situation wieder herzustellen. Für den Inhalt von Verhandlungen ist es klar, daß die der Einwanderung für uns die Qrundfrage ist. Niemand könnte sich hier mit Beschränkungen einverstanden erklären. Nun haben wir eine Reihe von Einwanderungsjahren hinter uns. In einem Jahr gab es 36 000 Einwanderer. Damals ist keine arabische Gegenaktion geschehen. Man kann also nicht sagen, daß die Zahl der Einwanderer den Kern des Widerstandes bei den Arabern bildet. Es sind andere Kompensationen denkbar, um einen Ausgleich zu schaffen. Natürlich ist hier nur von Grundlinien die Rede. Ueber die realen Methoden im einzelnen kann man weitgehend verschiedener Meinung sein. Eine sehr wesentliche Kompensation ist unser ehrliches und offenes uneingeschränktes Bekenntnis zu dieser Instruktion, die die Exekutive an Sacher gegeben hat. Ein weiterer Einwand: jetzt sei keine Zeit zur Verständigung. Ich verstehe sehr gut, wenn Angehörige des Jischuw diesen Standpunkt vertreten. Aber gerade in dieser Situation muß sich zeigen, daß der Zionismus eine unteilbare Einheit ist, aus dem sich ein Gesamtbild ergibt. Für längere Zeit darf diese Stimmung unsere politische Haltung nicht bestimmen, denn dann werden wir niemals zu dem kommen, was wir wollen: zu einem Verständigungsfrieden, sondern wir werden einen Siegfrieden erstreben müssen. Ich will keinen Siegfrieden, ich will, daß wir die Austragung eines Kampfes zwischen Juden und Arabern mit letzter Kraft vermeiden, und deswegen halte ich dieses Argument, daß man jetzt nicht verhandeln könne, für kein zulässiges Argument. Man sagt ferner, wenn wir jetzt verhandeln, könne es als ein Zeichen der Schwäche ausgelegt werden. Darauf gibt es eine Antwort: wir wollen alles tun, um möglichst viel neue Einwanderer ins Land zu bringen. Verständigungsbereitschaft wird man uns nicht als Schwäche auslegen, wenn wir soviel Chaluzim wie möglich nach Palästina bringen werden. Noch eine Bitte: die Frage soll von uns mit allem Ernst und aller Würde behandelt werden. Es handelt sich um die Auseinandersetzung unseres Volkes mit einem anderen Volk. Sie ist nicht mit kleinen Mitteln zu lösen, nicht mit Bestechung und Kauf von Arabern, auch nicht mit Reden gegen die Araber, wie wir sie manchmal in andcren Kreisen gegen Juden hören. Schließlich ein letzter Grund für die Verständigungspolitik, bei dem es sich schon nicht mehr um die Fragen der aktuellen Politik, sondern um eine grundsätzliche Auseinandersetzung handelt. In diesem Streit gibt es einen Kampf um die Qualität unseres Nationatismus. Zwei verschiedene Arten stehen sich gegenüber. Es ist oft gesagt worden, der Zionismus sei ein zu spät gekommener Nationalismus. Die nationalen Bewegungen anderer Völker haben ihr Ziel längst erreicht, und wir müssen erst von vorn anfangen. Das ist wohl richtig, aber daraus resultiert eine wichtige Folgerung: wir müssen wissen, daß, weil wir etwas spät auf diese Bühne getreten sind, unsere Sache nicht mehr mit den Methoden zu machen ist, wie bei den nationalen Bewegungen anderer Völker. Wir müssen wissen, daß inzwischen die Zeit fortgeschritten ist und neue Methoden der Politik hervorgebracht hat. Heute sind zwei Methoden der Politik, deutlich zu unterscheiden, eine für die, «yw vffe־-WfiLfel1er ־aarjKjiunpf um die Macht.nur mit Gewalt und Unterdrückung des Schwächeren geführt wird, und eine andere, welche durch den Gedanken des Rechts und des friedlichen Ausgleichs den Gedanken der allgemeinen Freiheit zur Geltung bringen will. Der Zionismus ist eine Bewegung, die sich einreiht in die aufbauenden Kräfte der Weit, die der Menschheit größere Freiheit bringen. Viele von uns sind deswegen zum Zionismus und nur zum Zionismus gekommen, weil sie in ihm die Bewegung sehen, in der die Juden an ihrem Platze die Verwirklichung eines größeren Maßes von Freiheit in der Welt durchführen können. Der Zionismus soll seinen Platz im Kreise dieser freiheitlichen Bewegungen behalten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, es gibt genug nationale Regierungen und Bewegungen, deren Inhalt nicht Freiheit, sondern Unterdrückung ist. Wenn Dr. Weizmann mit vollem Recht die ewige Grundlage des Zionismus herausgearbeitet hat, die Gerechtigkeit, die die Völker verpflichtet, as uns angetane Unrecht gut zu machen, so ist es unsere Pflicht, diesen Gedanken weiter zu denken, wenn wir wissen, daß das unsere Basis ist, der der letzte Pfeiler auch unserer realen politischen Macht ist. Man muß uns ansehen, daß wir mit fanatischer Erbitterung für diesen Charakter unserer Bewegung kämpfen, auch dadurch, daß wir ihn, soweit wie nur irgend möglich, bewähren im Verhältnis zu den anderen, mit denen wir zu tun haben. Wenn wir Politik machen, soll es gewiß praktische Politik sein, aber eine Politik, die die Besten unserer Zeit anzieht, und die sich bewußt ist ihrer ganze|1 Verantwortung gegenüber dem Geist des Zionismus. * Nach Bileskis Rede folgt die M it t a g s p a us e. ln der Nachmittagssitzung wird die Debatte fortgesetzt. Als erster Redner spricht Dr. Barth. Dr. Ahron Barth (Misrachi): Als besonders erfreulich möchte ich für meine Freunde und mich voranschicken, daß wir mit der Rede des Präsidenten Weizmann nicht nur sachlich vollständig übereinstimmen, sondern es auch sehr warm empfunden haben, daß seine Qedatikjngätige so stark auch auf das Religiöse abgestimmt waren. Nftnt als ob wir uns der Täuschung hingäben, daß auf diesem Gebiete eine Uebcreinstimmung zwischen Weizmann und uns bestünde, aber schon allein die gefühlsmäßige Betonung dieser Gedankengänge bringt eine Note, die zweifellos die Verständigung erleichtert. Was uns von der bisherigen Leitung der Z.V.I.D. trennt, ist, außer ihrer innerdeutschen Arbeit, auf die morgen einzugehen sein wird, die politische Haltung, die sie den Vorgängen in Erez-Israel gegenüber eingenommen hat. Es durfte nicht sein, daß auf die gegen uns angewandte Kampfesmethode mit einer Bagatellisicrung der Klagemauerfrage geantwortet wurde. Es schlug jedem natürlichen Gefühl ins Gesicht, daß die allererste Forderung, die auf Grund der Vorgänge erhoben wurde, die nach Verständigung mit den Arabera war. Wir haben das Gefühl, daß der Leitung der Z V. f, D. mit Recht ein Pessimusmus vorgeworfen werden kann, der die Dinge verkleinert, die die Basis unserer Arbeit darstelle». Man dreht die Konzeption vollkommen um und stellt die Rechtsgrundlage so dar, als ob man beiden Völkern etwas zugesagt hätte. Die Antwort auf die Frage der Majorität in Weizmanns Instruktion an Sacher ist der einzige Satz in Welzmanns Rede, in der wir uns von ihm unterscheiden, weil wir glauben, daß darin etwas verschleiert wird, und das kann nur unseren zionistischen Willen schwächen. Wenn man fragt, ob wir eine Majorität erstreben, und wir die Antwort geben, daß wir eine Immigration im Rahmen der ökonomischen Fassungskraft des Landes wünschen, so ist diese Antwort doch der Ausdruck dafür, daß wir eine Majorität wünschen, und das soll man offen sagen. Es ist schon mit Recht gesagt worden, niemand ist gegen Verständigung; die Frage besteht nur darin, wann und wo- {durch sie zu erziele:: i *. Für das ״wodurch“ habe ich M anderer Stelle vor kurzem die Formel geprägt: nicht Verhandlung, sondern Behandlung. Unsere Arbeit im Lande soll darauf eingestellt sein, unseren Nachbarn zu zeigen, daß die Entwicklung des Landes durch uns ihr Vorteil und nicht ihr Nachteil ist. Wenn man mit uns der Meinung ist, daß dies auch bisher schon offensichtlich ist — man denke allein an die Verminderung der Kindersterblichkeit, statt anderer Beispiele — so muß man sich sagen, daß der gegenwärtige Zustand nicht auf sachlicher Ueberlegung, sondern nur auf Verhetzung beruhen kann. Dann ist aber schon das ein Grund, aus dem sich ergibt, daß er durch Verhandlungen nicht zu beseitigen ist. Wenn die Araber unsere Misrachbilder als Verhetzungsmittel erwähnen und wenn ihre Angriffe nicht in erster Reihe den Stätten des nationalen Wiederaufbaus, sondern denen des alten Jischuw alten, so zeigt dies, daß Konzessionen irgendwelcher Art, die och nur auf nationalpolitischem Gebiet liegen könnten, unmöglich eine Befriedung bringen könnten. Dies als einige sachliehe Argumente gegen diejenigen, die nach Verhandlungen rufen, wobei von dem Gefühlsmoment, daß man schon keinesfalls verhandeln könnte, ehe man nicht entschieden von den Mördern abgerückt ist, zu schweigen ist. Auch daß wir nicht verhandeln könnten, weil wir keine wirklichen Konzessionen zu bieten haben, die nicht unseren nationalen Aufbau gefährden würden, braucht hier nur in Parenthese gestreift zu werden, denn es ist interessant, daß Bileski über die positiven Angebote, die er machen könnte, nicht nur hier in der Oeffentlichkeit schweigt, sondern auch in seinem Memorandum an die Exekutive schwieg. Unsere Gegner könnten diese Argumentation zurückweisen, wenn sie hier zu Ende wäre und nichts Positives neben sie träte. Deshalb s*'i gesagt: das Positive ist in den Resolutionen des A.-C. klar und deutlich und richtig zum Ausdruck ekommen. Positiv ist heute wichtiger denn je die aktive örder ung unseres Werkes durch die englische Regierung aus zwei Gründen: einmal, weil je schneller unser Werk mit englischer Hilfe wächst (es ist klar, daß es stärker mit als ohne solche Hilfe wachsen kann), um so weniger sind unsere Positionen Angriffen durch die Araber ausgesetzt, wie sich schon diesmal gezeigt hat, daß die starken nationalen Positionen wesentlich geringeren Angriffen ausgesetzt waren; dagegen liegt aber hierin ein starkes politisches Erziehungsmittel. Der High Commissioner hat dies in seiner Proklamation, als er von der Unterbrechung der Verhandlungen über das Parlament sprach, sehr richtig zum Ausdruck gebracht. Die Araber müssen wissen, daß jeder Versuch, durch Aufstände, Gemetzel oder Raub ihren Zielen näher zu kommen, das entgegengesetzte Ergebnis für sie hat. Gerade da England gleich uns nicht den Wunsch hat, den Aufbau des Landes auf Bajonette zu stützen, muß es die Drahtzieher der Aufstände von der Fruchtlosigkeit ihres Beginnens dadurch überzeugen, daß es auf jeden derartigen Versuch mit einer Stärkung unserer Positionen antwortet. Gefahr hätte nur bestanden, wenn England als Antwort die Balfour-Deklaration hätte aufgeben wollen. Hält es sie aufrecht und will es sie nicht mit Waffengewalt erzwingen, dann gibt es kein anderes politisches Mittel als dieses. Auf diesem Wege wird gerade auch eine Stärkung unserer Positionen zu einer Befriedung mit den Arabern führen, wenn auch sie einsehen werden, daß cs für sie erforderlich ist, mit uns zu einem modus vivendi zu kommen. Wenn Bileski so tat, als ob der Satz ״wir wollen weder herrschen noch beherrscht werden“ dem Glaubensbekenntnis der Opposition nicht entspräche, so muß dies mit aller Entschiedenheit und aller Energie zurückgewiesen werden. Wer wie der Misrachi versucht, sein ganzes Handeln am altjüdischen Gesetz und der Ueberlieferung zu orientieren, für den ist es keine Frage, daß er eben so wenig herrschen wie beherrscht wardep; wijl, AbfJTselbst Menschen, die hiervon weit entfernt sind, haben ejnpfunden, daß dies unjüdisch wäre und in diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen empfehlen nachzulesen, was hierüber selbst HerzF sagte, als er in Alt-Neuland doch noch eine wesentlich weitergehende politische Zielsetzung gewählt hatte, als dies jemals von der Zionistischen Organisation akzeptiert wurde. Mit wachsender eigener Aktivität, aber auch unter stärkster Erinnerung Englands an seine Pflichten als Mandatarmacht zu einem Aufbau zu kommen, der wirklich unser nationales Heim uns bringt, das muß die Politik der Zukunft sein. Georg Lsndaoer (Hitachdalh and Sozialistische Zionisten): Die Oppositionsgrupnen haben sich gescheut, die Fragen, um derentwillen sie einen Deiegiertentag verlangt haben, im Wahlkampf zur Diskussion zu steilen, sie haben eben Außenpolitik und zionistische Arbeit in Deutschland nur künstlich, aus Machtslreben, miteinander verknüpft. Für uns besteht ein innerer Zusammenhang: denn die Verwirklichung des Zionismus hängt ab von der Leistungsfähigkeit der zionistisehen Bewegung, die Erfüllung unserer Aufgaben hier und der Fortschritt unseres Werkes in Palästina sind auch außenpolitische Faktoren ersten Ranges. Es handelt sich ja auf diesem Delegiertentag um die Bestimmung des Kurses der zionistischen Arbeit überhaupt, hierbei ist das Problem der ״Jüdischen Rundschau“ nur eine Einzelfrage. Wir fühlen uns bei der Bestimmung des Gesamtkurses der zionistischen Arbeit und auch der Politik vollkommen solidarisch mit der Jüdischen Arbeiterschaft in Palästina, deren Werk die Grundläge und die Hoffnung unserer Aufbauarbeit ist. — Wen®! wir die arabische Frage heute mehr in den Vordergrund rücken, als es der bisherigen zionistischen Betrachtungsweise entspricht, so geschieht das nicht ״aus Panik“, unter dem Druck der Ereignisse, denn gerade wir haben schon früher auf die Bedeutung dieser Frage hingewiesen; so geschieht dies auch keineswegs aus einem Defaitismus oder gar aus Resignation, vielmehr aus dem Gefühl, daß die Verwirklichung des Zionismus forischreitet und aus unserer Zuversicht, die hier entstehenden Probleme lösen zu können, sondern es geschieht, weil die zionistische Bewegung erst allmählich lernt, die Realitäten Palästinas in ihr Programm einzustellen und in der positiven Berücksichtigung der arabischen Bevölkerung Palästinas durchaus keine Verkleinerung des zionistischen Ziels zu erblicken. Es geschieht auch, weil die jüdisch-arabische Frage eine Schlüsselfrage ist, aucti an den anderen Fronten unserer politischen Arbeit, von denen Dr. Weizmann gesprochen hat. Nach Erringung der Balfour- Deklaration, nach ihrer internationalen Anerkennung und Sicherung durch das Mandat, bleibt In der Kette der politischen Erfolge eine Lücke, die nur durch die Lösung des jüdisch-arabischen Problems geschlossen werden kann. Dieser Mangel hemmt unseren Fortschritt überall. Man kann fast alle unsere Beschwerden gegen die britische Verwaltung und die Schwierigkeiten in der englischen Politik zusammenfassend als ein Zurück weichen Englands vor arabischen Forderungen, d. h. vor dem ungelösten jüdisch-arabischen Problem charakterisieren. Dieses jedoch ist ohne Aktivität von unserer Seite nicht zu lösen. Soll die Zukunft die beiden Völker zusammenführen, so muß ein entsprechender Kurs in der gegenwärtigen Politik eingeschlagen werden. Wir wenden uns gegen alle jene Anschauungen, die für eine Politik der Verständigung׳ dann sind, wenn wir erst einmal das fait accompli der jüdischen Mehrheit in Palästina geschaffen haben. Eine Absage an solche Entfremdungsnolitik sehen wir auch in Weizmanns Instruktion an Sacher. Wenn der Revisionismus heute wieder die von jeher von den zionistischen Führern abgelehnte Judenstaatsformel entdeckt, so wiegt er die zionistische Bewegung in eine leere, aber schädliche Illusion, «Cdefai die lugen} io «inet Methode, die den Zionismus t seines ewigen Sinnes entkleidet, zu ״Schutz- und Wehrsport“, anstatt zu Chaluziuth und Aufbau. Sein Programm des Kolonisationsregimes entspringt einem Bewußtsein der Schwäche; anstatt die eigene Leistung zu verstärken, wird alle Hilfe von fremden Mächten erwartet. Unsere Anschauung, daß in unserer Leistung unsere Stärke liegt, ermutigt uns auch zu einer Politik der Verständigung mit der arabischen Bevölkerung. Der Pfeiler, auf dem neben unserem Leistungswillen unsere Arbeit ruht, ist das Bewußtsein unseres Rechts, der Gerechtigkeit unserer Sache. Aber wir wollen, daß Recht und Gerechtigkeit uns auch fernerhin zur Seite stehen. Wir wollen in Palästina in voller nationaler Freiheit leben und wollen auch die nationale Freiheit der arabischen Bevölkerung nicht antasten. Wir erstreben keine Souveränität über eine nichtjüdische Bevölkerung, wir wünschen nicht, der jüdischen Freiheitsbewegung eine Spitze gegen andere zu geben. — Die Lösung des arabischen Problems vollzieht sich in zwei Etappen: in der Beschleunigung einer wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen Entwicklung, die die jüdische und die arabische Bevölkerung einander naher bringt, deren Grundlage in erster Linie durch das Werk der jüdischen Arbeiterschaft geschaffen wird. Aber es gibt auch gerade im Hinblick auf die Gestaltung unseres zukünftigen Verhältnisses aktuelle Aufgaben. Ist es eine ״Glorifizierung arabischer Untaten“, wenn wir die Entwicklung einer noch jungen arabischen nationalen Bewegung als einen realen Faktor unserer Politik in Rechnung stellen? Wir halten es für notwendig, daß aus allen unseren guten Grundsätzen praktische Maßnahmen hervorgehen. Und wenn auch mit Recht gewünscht wurde, daß die Gegenstände jüdischarabischer Verhandlungen hier nicht zur Behandlung kommen sollen, so soll doch mit Deutlichkeit gesagt werden, daß eine aktive Politik auf diesem Gebiet Aufgabe der Exekutive ist. Wir wollen alle Kräfte elnsetzen, die zur Verwirklichung des Zionismus beitragen. Die Einwanderung soll wachsen, Chaluziuth soll entwickelt und unsere Kolonisation verstärkt werden. Wir wollen auch die Widerstände, die sich unserer Arbeit entgegenstellen, überwinden. Wir kämpfen für die Verstärkung der jüdischen Leistung und für die Gerechtigkeit unserer Sache, wir kämpfen damit für den Sieg des Zionismus. Dr. KoDenscher (unau!. zion.): Es erfüllt mich mit Genugtuung, daß jetzt, wie Bileski riehtig bemerkt hat, auf dem Delegiertentage so lange vermißte Gesichter erschienen sind. Es ist ein Beweis, daß die Geister des alten politischen Zionismus wieder erwachen. Die Rede Weizmanps war eine Tat. Nach einer Periode der Verkleinerung des Zionismus war es befreiend und erlösend, aus berufenem Munde zu hören, daß man sich uneingeschränkt zur Balfour-Deklaration und zum Mandat bekennt und sich auf deren Rechtsstandpunkt stellt. In der zionistischen Bewegung kommt es darauf an, die Geister aufzurütteln und die wahren zionistisehen Ziele klar zu umreißen. Darum haben wir den Wahlkampf aufgenommen und ihn mit offenem Visier geführt. Es ist bezeichnend, daß wir in Berlin ein so gutes Ergebnis erzielen konnten. Noch ein wenig Anstrengung und Mühe und man hätte auch in der Provinz ähnliche Erfolge erzielen können. Wir stehen in Opposition gegen die Leitung der Z. V.f. D., aber wir sind keine Opposition gegen die Exekutive und das Aktions- Comitd. Die Beschlüsse, die das Aktions-Comite am 13. September 1029 in London gefaßt hat, halten wir für eine geeignete Grundlage zionistischer Politik.'Die Reden von Weizmann in der Londoner Albert Hall und Sachers Artikel im ״Manchester Guardian“ haben ansere. Billigung: gefunden. Die Z»V. f. D. jedoch hat dauernd Kritik an der Leitung in London geübt. Die ״Realpolitiker“, die die stärkste Stütze der bisherigen Leitung der Z. V. f. D. darstellten, haben Memoranden gegen die Exekutive verfaßt. Ich erinnere nur an das Flugblatt von Erich Cohn, in welchem die Exekutive in London verhöhnt wird, weil sie kein Zentralorgan hat. Man sagt uns, wir seien keine richtige Opposition, denn sonst müßten wir uns bereit erklären, die Leitung der Z. V. f. D. zu übernehmen. Wir sind dazu entschlossen, die Verantwortung für die Geschäfte auch allein zu tragen, wir wollen aber nicht, daß eine oder mehrere Gruppen die Leitung führt, sondern wünschen eine Koalition auf allerbreitester Basis. So haben wir den Wahlkampf geführt. Es geht nicht, wie man auf der Gegenseite behauptet, nur um Methoden, sondern es handelt sich um die Grundprinzipien des Zionismus, d. h. um unsere politischen Forderungen und um die Entschiedenheit, mit der diese Forderungen vertreten werden. Es hat mich sehr gefreut, daß auch Weizmann zum Ausgangspunkt seiner Rede das Mandat genommen hat, und als Grundziel die Forderung des Baseler Programms bezeichnet«:. Wir sind mit der Order, die Weizmann den Mitgliedern der Palästina- Exekutive für die Untersuchungskommission gegeben hat, ganz einverstanden, wir halten diese Order im konkreten Falle für taktisch und politisch durchaus richtig. Anders steht die Frage, ob diese Order für ewige Zeiten eine Plattform für uns sein kann. Unser Ziel und unsere Wünsche sind durchaus eindeutig: wir müssen alles tun, was uns dem Judenstaat näher zu bringen vermag. Gerade aus diesem Grunde sind wir gegen jede Art der Unterdrückung der Araber. Wir sind seit jeher die besten Experten für das Recht der nationalen Minderheiten und werden 8130 stets Verständnis dafür haben, wie man sich zu anderen Völkern zu stellen hat, um so mehr, wenn diese nicht einmal nur Minoritäten sind. Nach den ersten Nachrichten über die furchtbaren Ereignisse in Palästina haben wir seitens der Z. V. f. D. nur sehr wenig Worte der Ermunterung und des Trostes zu hören bekommen. Blumenfeld hat gesagt, man müsse hinsichtlich der jüdischen Beteiligung an der Schuld das Ergebnis der Untersuchungen abwarten. Andere Herren des Linken Zentrums haben gemeint, man könne kein abschließendes Urteil fällen, so lange die Schuld nicht feststeht. Unsere nichtzionistischen Gegner haben sich auf die ״Rundschau“ berufen, um zu zeigen, daß die Zionisten mitschuldig sind. Demgegenüber ist bezeichnend, daß in der C.-V.- Zeitung sofort erklärt wurde, die Juden und Zionisten trügen keine Schuld an den furchtbaren Ereignissen. In den Versammlungen wurde uns vorgehalten, daß wir eine Kampf- und Haßpsychose erzeugen. Mit Instinktlosigkeit ist man seitens der Z.V.f. D. der tiefen Erregung der zionistischen Massen entgegengetreten. Am verderblichsten aber ist das ewige Gerede von neuen Zielsetzungen. Davon ist insbesondere in dem Memorandum der Realpolitiker die Rede gewesen. Dort heißt es immer, daß man sich neu orientieren müsse, daß man die zionistische Ideologie umformen solle, ln der Vormittagsrede Dr. BUeskis waren diese Forderungen, besonders die Hauptforderung von sofortigen Verhandlungen mit den Arabern, nicht mehr so entschieden vorgebracht. Alles klang heute im Munde Dr. Bi- Ieskis gedämpfter, offenbar ist es die Wirkung von Weizmanns Rede gewesen. Vor Tische las man es anders oder hieß es anders in den offiziellen Verlautbarungen der ״Jüdischen Rundschau“. Wenn von Zionisten erklärt wird, der Anspruch des jüdischen Volkes auf Palästina sei ebenso begründet wie der des arabischen und wenn sogar Felix Rosenblüth davon sprach, daß man Konzessionen machen müsse, so liegt der Gedanke nahe, daß etwas vom Mandat preisgegeben werden soll. Demgegenüber stehen wir auf dem Standpunkt von Prof. Weizmann: Verhandlungen zur rechten Zeit und im rientigen Geist. Vorläufig stellen sich ja die Araber zu keinen Ver- Handlungen. Mit wem eigentlich will Dr. Landauer verhandein? Mit Menschen, die sich zu Verhandlungen niqht stellen wollen and die, wie Berl Kaznelson dargetan hat, zu Ver-

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