Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1930)
- Date
- 1930-01-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JUEDISCH1 RUNDSCHAU Nr. 1, 3.1. 1930 Aus der Kolonisotionsarbeit Von unserem palästinensische« Korrespondenten. AG., Tel*AwIw, den 17. Dezember 1929. Der große Kampf in der Unterauchungskommlition, der Palästina seit Wochen in Atem hält, hat alles andere so überschattet, daß es bei einem flüchtigen Ueberblick scheinen könnte, als waren all die kleinen und großen Sorgen, die früher das öffentliche Leben des Landes charakterisierten, verschwunden. Ueber Fragen und Ereignisse, die In ״normalen“ Zeiten Anlaß zu einer Reihe von Leitartikeln gegeben hätten, erscheinen heute in der Presse mir kurze Notizen. Diese Dinge haben jedoch nichts von ihrer Wichtigkeit eingebüßt, und von einer gesunden unverminderten Tätigheit hängt zurzeit vielleicht mehr ab als je. Mit Recht hat man, nachdem einigermaßen die Ruhe hergestellt war, alles daran gesetzt, die Arbeit wieder in ihr ruhiges Geleise zu bringen. Und man kann heute bereits sagen, daß das bts zti einem gewissen Grade gelungen ist. Der Aufstieg, der sieh vor den Unruhen ankiindlgte, ist zwar gedämpft worden und hat hier und da auch einen Rückstoß erlitten, ist jedoch in der Privatwirtschaft überall zu Spüren. Und auch in den nationalen Institutionen geht heute die Arbeit wie früher ihren Gang. Die Exekutive, in der selbstverständlich heute die politische Arbeit die meisten Kräfte absorbiert, hat mit ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit dieses Jahr verspätet beginnen müssen und ungeheure Mühe gehabt, die ordnungsgemäße Durchffihrtihg der Geschäfte zu garantieren und zugleich den außergewöhnlichen Umständen Rechnung zu tragen. In einer Be- Ziehung freilich begann auch dieses Jahr wie alle früheren: iuerst mußte die Budgetfrage gelöst werden, und das war in diesem Jahre nicht leichter als sonst Einer der schwierigsten Budgetposten war der der Kolonisation. Der vom Kongreß beschlossene Betrag von nahezu £ 200000 genügte zwar zur Durchführung eines bestimmten Arbeit»- progamiües, es war jedoch durchaus nicht sicher, daß er de facto zur Verfügung stehen würde» Es mußte also außer dem regulären ein Notbudget ausgearbeitet werden, das um mehr als ein Drittel kleiner war all das erste. Und auf dieser Grundlage wurde ein Plan ausgearbeitet Heute nimmt man — entsprechend den Eingängen und den Schätzungen für dfe Einginge des Keren Hajessod — an, daß es gelingen wird, ohne starke Kürtungen durchzukommen und man also bei dem normalen Budget Weihen kann. Sicher ist Jedoch, daß beträchtliche Verkleinerungen der Aktivität nur dann vermieden werden können, wenn die zionistische Arbeit im Aus-!and mit der entsprechenden Verve und Nachdrücklichkeit geführt wird. innerhalb des regulärem Plane« der Kolonisation, wie er in großen Umrissen noch von der früheren Exekutive festgelegt wurde, sind durch die gegenwärtigen Verhältnisse wichtig« Aenderungfen nötig geworden. Einzelne Arbeiten, die zwar geplant, abef erst für einen späteren Termin angesetzt wäre«, mußten unverzüglich in Angriff genommen, ander«, die nicht in Aussicht standen, jetzt begonnen werden. An manchen Stellen sind in den Betrieben des Keren Hajessod Unternehmungen auszuführen, die nicht, unter das reguläre taflet, »srferir unter den Em«rge»cy Fund falle*, ihrem Charakter nach sind sie jedoch aufs engste mit dem Kolonisationsdepartement verbunden. Abgesehen von dem großen Budgetposten, der die Basierimg der verschiedenen Wirtschaften deckt und vorläufig (nach dem kleineren Budget) fast £ 120000 beträgt, beginnt das Kolonisationsdepartement mit umfangreichen Häuser- und Wegebauten. Der diesjährige Plan sah zwar für viele Orte Bauten vor. Es erscheint aber heute unmöglich, diesen Plan so wie er Ist, auszuführen, da an vielen Stellen die Frage der Sicherheit in den Kolonien beachtet werden muß. Zurzeit sind speziell für diesen Zweck £ 18000 ausgeworfen worden. Außerdem werden die Kolonien der Ebene Jesreel durch Chausseen verbunden. An den Ausgaben beteiligen sich gemeinsam die Regierung, die Zionistische Exekutive und die Betriebe, die einen Teil der Arbeitskräfte steifen. Der Rest der Arbeiter kommt aus den judälschen Kolonien, die in der Saison die Arbeiter wieder aufnehmen. Die Verbindung zwischen den Kolonien im Emek, die bisher besonders in der Regenzeit sehr mangelhaft war, wird durch das neue Wegenetz außerordentlich erleichtert werden. Neben Fertigstellung dieser Kolonisationspläne hat die Exekutive die große Frage der Wiederaufbauarbe 11 zu lösen. Obwohl die einzelnen Projekte in ihrer Bearbeil1:ng fortschreiten, läßt sich heute noch nichts Tatsächliches darüber berichten. Sowohl über den Umfang wie über die Art dieser Aktionen herrscht heute weder im Jishuv noch in den zuständigen Institutionen eine einheitliche Meinung. Eine gründliche Diskussion wird erst nach Veröffentlichung der ausführlichen Projekte ein setzen können. Emil Ludwig über die Palästina-Probleme Cairo, 23. Dezember. (J. T. A.) 111 einem interview mit dem Vertreter der Zeitung ״Aurorc“ äußerte sich E m i 1 Ludwig zu den aktuellen Fragen in Palästina, mit denen er sich während seines kürzlichen Aufenthaltes im Lande beschäftigt hat. Er hatte ausnahmsweise Zutritt zu den Verhandlungcn der Untersuchungskommission und hatte ausführliche Unterhaltungen mit ihren Mitgliedern, den Anwälten beider Parteien und auch mit dem Mufti. Nach all meinen Gesprächen und Beobachtungen, sagte Emil Ludwig, bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß die August-Unruhen dazu geführt haben, die Palästinafrage einer endgültigen Lösung näherzubringen. Bis zu den Unruhen war Palästina in zwei Lager geteilt, von denen jedes seine eigene Politik betrieben hat. Ich sehe die Ereignisse als eine Revolution von beiden Seiten an mit dem Ziel, das autokratische System zu brechen und es durch ein demokratisches zu ersetzen. Es ist wichtig, daß Juden und Araber für das Land Zusammenarbeiten. Die Zukunft Palästinas ist in allen Dingen davon abhängig, wie sich die Beziehungen der beiden Bevölkerungsgruppen zueinander gestalten. Die Häuser der Araber K a w a r und T a w i I In Tiberias, deren Zeugenaussagen vor der Untersuchungskommission zugunsten der Juden ausfielen, müssen von britischer Polizei besöhützt werden, nachdem heute am frühen Morgen verdächtige Personen in der Umgebung des Hauses von Kawar gesehen worden sind. Der Delegiertcntag der tschechoslowakischen Zionisten Brünn 25. und 26. Dezember (Von unserem Berichterstatter.) hl, Prag, 29. Dezember 1929. Auch in der Tschechoslowakei fand Ende Dezember ein Zionistentag statt, der sich vornehmlich mit der durch die Ereignisse in Palästina entstandenen Situation Im Zionismus sowie mit den Fragen der jüdischnationalen Landespolitik in der Tschechoslowakei zu beschäftigen hatte. 215 Delegierte und zahlreiche Gäste nahmen an den Beratungen teil. Auf die einzelnen Fraktionen verteilten sich die Delegierten folgendermaßen: Allgemeine Zionisten 98, Sozial. Zionisten 59, Gruppe der ehemaligen Radikalen 29, Revisionisten 39. Anlaß zur Ein- Berufung des Zionistentages, der ordnungsgemäß erst im komnienden Jahre hätte zusammentreten sollen, gaben die auf einer Ende September stattgefundenen Landeskomiteesitzung seitens einiger Prager Mitglieder erhobenen Angriffe gegen den Geschäftsführenden Ausschuß, in der Zeit nach den blutigen Ereignissen in Palästina nicht die nötige Aktivität entfaltet zu haben. Die Entscheidung, ob der Geschäftsführende Ausschuß noch das Vertrauen der tschechoslowakischen Zionisten genieße, wurde damals bis zum Zionisten tag verschoben. In diesem Punkte allerdings mußte die Brünner Tagung enttauschen, da keiner der Prager Opponenten sich» hier zum Worte meldete. Der alte Kampf Prag — Mähr.-Ostrau wurde wieder einmal auf lange Zeit verta«, d. h. der Zionistentag hat mit der überwiegenden Majorität der allgemeinen Zionisten und des Linken Blockes a er Ostrauer Leitung das volfe V ertrauen ausgesprochen. In den Fragen der Landespolitik ging der Kampf um die organisatorische Trennung zwischen der Zionistischen Organisation und der Jüdischen Partei, die bisher nur dem Namen nach existierte, während die Führung der jüdischnationalen Landespolltik einer eigenen Kommission der Zionistischen Organisation oblag. Zu einer vollständigen Trennung, die seit!angerer Zeit von der Gruppe Dr. Walter Könners gefordert wurdet kam es nicht. Dagegen wurde der Beschluß gefaßt, noch im Laufe des kommenden Jahres eine allgemeine ״Jüdlsche Partei“ für das gesamte Staatsgebiet zu gründen, die von nun an Trägerin der jüdischnationalen Landespolitik sein wird. Die politische Reichskommission der Zionistischen Organisation soll auch weiterhin bestehen bleiben, um die nötige zionistische fngerenz innerhalb der neuen Partei ausüben zu können. Was die Stellungnahme des einzelnen Zionisten zur Landespolitik anbelangt, hat jene Richtung einen durchschlagenden Erfolg am Zionistentag errungen, die in der landespolitischen Betätigung einen wesentlichen Bestandteil des zionistischen Aufgabenkreises erblickt und jene darum auch als eine zionistische Pflicht ansieht. Nach einem Be- Schlüsse des Zionistentages darf sich kein dem Landesverbände angehörender Zionist Poale-Zion und Misrachi sind nicht im Landesverbände organisiert — politisch in einer anderen als der jüdischen Partei betätigen. Ueber die Lage fm Zionismus hielt Dr. Rufeisen ein ausgezeichnetes Referat, in dem zu allen aktuellen Fragen Stellung genommen wurde. Die Diskussion hielt sich in dem gewohnten Rahmen. Von revisionistischer Seite regnete es Angriffe auf die Londoner Exekutive, die ehemaligen Radikalen halten an ihrem bedingten Vertrauen zur Exekutive fest, wollen jedoch auch weiterhin abwarten, die Linken nahmen in deutlicher Weise gege'n den Revisionismus, andererseits aber auch gegen die in letzter Zelt seitens des Rrit Schalottt eingenommene Haltung Stellung. Im freien und ganzen: auch'hier steht die überwältigende Majorität der tschechoslowakischen Zionisten hinter der Londoner Exekutive. Eine Resolution der Revisionisten, worin die Einberufung eines außerordentlichen Kongresses gefordert sowie der Londoner Exekutive das Mißtrauen ausgesprochen wurde, wurde vom Zionistentag abgelehnt. — Auffallend groß war die Zahl der jugendlichen Teilnehmer. Die Vertreter sämtlicher zionistischen Jugendgruppen faßten den Beschluß, im Jahre 1930 einen großen, gemeinsamen zionistischen Jugendtag zu veranstalten. Vor dem Zionistentag fand die Tagung des tschechoslowakischen Hechaluz in Sillein statt, die von ca. 150 Delegierten beschickt war. Der Hechaluz, der im letzten Jahre über 100 Olim zur Alijah brachte, ist in einem beachtlichen Aufschwünge begriffen, insbesondere wird der Zustrom von Mitgliedern aus dem Osten der Republik (Slowakei und Karpathortfßland) immer stärker. Das Lehrhaas In Mannheim Aus Mannheim wird uns berichtet: Das jüdische Lehrhaus in Mannheim hat in diesem Winter seine Tätigkeit begonnen. Sie erstreckt sich auf Kurse, Arbcitsgemeinschaften und Vorträge. Die Kurse werden gegenwärtig von 90 Hörern besucht. Besonders stark ist die Beteiligung an den neuhebräischen Kursen, die von Herrn stud. iur. Abraham Köhn aus Heidelberg geleitet werden. Auch Herr Lehrer Käibermann gibt einen neuhebräischen Kursus für Erwachsene. Herr Lehrer Liebermensch übersetzt mit einer Gruppe von Jugendlichen die Thora. Hauptlehrer Rosenthal wira die Geschichte der Juden in Deutschland behandeln. Rabbiner Dr. Lauer gibt eine Einführung in das «Gebetbuch und Rabbiner Dr. Grünewaid behandelt die Bibelwissenschaft an Hand des Textes. An Arbeitsgemeinschaften sind bis jetzt zwei vorgesehen. Frau Dr. Rebekka Z a d d i k hält mit der berufstätigen Jugend eine Arbeitsgemeinschaft über Berufswahl und Berufsberatung ab. Herr Dr. U c k o wird in einem Zyklus einen Ueberblick über die Entwicklung der jüdischen Religionsphilosophie vermitteln. Aus den Vorträgen: Professor Selma Meyer, Düsseldorf, sprach über die bevölkerungspolitischen Aufgaben der jüdisehen Familie, Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher gab einen ״Schiur“, in dem er Grundbegriffe des jüdischen Rechts erklärte, Dr. Georg Landauer hielt einen Vortrag über ״Die Rechtsgeschichte der Juden in Deutschland“. Herr Rabbiner Dr. Dienemann wird über die Struktur des jüdischen Gebetbuchs referieren. Den Abschluß wird ein Vortrag bilden, in dem der Bildungsbegriff des Judentums dem der heidnischen und christlichen Antike gegenübergestellt wird. Es wird Wert darauf gelegt, daß sich an die Vorträge Arbeitsgemeinschaften anschließen. So wird der Vortrag über die Rechtsgeschichte der deutschen Juden wahrscheinlich In einer von Herrn Dr. Landauer geleiteten Arbeitsgemeinschaft seine Fortsetzung finden. Ferner sollen am Ende des Berichts- Jahres die Referate, soweit es möglich ist, in einem Sammelheft als Beilage des Gemeindeblatts den Gemeindemitgliedern zur Verfügung gestellt werden. In die Leitung des Lehrhauses teilen sich Rabbiner Dr. Grünevvald, Rabbiner Dr. Lauer, Professor Billigheimer und Frau Dr. Bodenheimer-Biram. Das Lehrhaus wird von einem Kuratorium verwaltet, in dem auch der Synsgogenrat vertreten ist. G. < ., .——-—— Simon Bernfeld Zu seinem siebzigsten Geburtstag«, Von Baruch Krupnik. Am 6. Januar wird der Senior der hebräischen Schriftsteiler Berlins, Dr. Simon Bernfeld, 70 Jahre alt. Gleichzeitig sind es rund 50 Jahre her, seitdem er seine fruchtbare literarische, wissenschaftliche und populär wissenschaftliche Tätigkeit begann. Diese 50 Jahre fallen mit der Epoche der nachhaskalischen neuhebräischen Literatur zusammen. Ein Abgrund trennt die Haskalaliteratur von ihren Nachfolgern, nicht allein der Gesinnung nach, sondern — in viel weiterem Maße — dem Niveau nach. Die Haskala strebte nach Europäismus, war jedoch in jeder Hinsicht das Gegenteil davon. Die auf die Haskala folgende Schriftstellcrgeneration gab den Europaismus, trotzdem — oder gerade weil — sie ihn nicht betonte. Einer der ersten, der Zeit und dem Range nach, die in diesem neuen Sinne gearbeitet haben, und einer der wenigen, die noch immer unermüdlich auf vorgeschobenen Posten wirken, ist Bernfeld. Zögling der Aufklärungsepoche, ganz ohne Vorbilder anderer Art, hat er von selbst das in seiner Kindheit aufgenommene altjüdische Gut einerseits und die in Westeuropa erlernten Methoden andererseits zu einer Synthese verschmolzen. Bereits in seiner ersten literarischen Umgebung, in den philiströsen Lycker ״ha-Maggid“ und Königsberger ״ha-Kol“, ragte er Ende der siebziger Jahre durch seine Frische hervor. Der paiästinophilen Bewegung nahestehend, betätigte er sich weniger auf publizistischem als auf wissenschaftlichem Gebiete. Er setzte es sich zur Aufgäbe, Mittler zu sein zwischen der westeuropäischen Wissenschaff des Judentums, wie sie nicht nur von Juden, sondern auch von Nichtjuden betrieben wurde, und den hebräischen Lesern im Osten, die nicht in Laien und Fachleute zerfallen, sondern allesamt mit lebhaftem Interesse der Erörterung der Forschungsprobleme und Ergehnisse folgen. Bernfeld war es, der den hebräischen Leser mit den Namen und Leistungen von Zunz, Geiger, Graetz, Renan, Wellhausen und anderer Forscher des Judentums vertraut machte. In dieser Hinsicht stand er Achad Haam hilfreich zur Seite, In dessen ״Ha-Schiloach“ er ständiger Mitarbeiter und eine Zeitlang stellvertretender Redakteur war. Aber nicht mir Persönlichkeiten und Theorien, sondern ganze historische Bewegungen machten Bernfeld in der hebräischen Welt populär. Die Haskala, die es doch nahe angehen sollte, hatte keinen gefunden, def über die ihr verwandten Mendelssohn-Epoche und Reformationsbewegung berichten konnte; erst Bernfeld wurde Chronist und Schiiderer dieser Strömungen, selbstverständlich von ganz anderem Aspekt Auch sonstige Lücken im Wissen de« neuhebräischen Publikums suchte »Bernfeld auszufütten. Er war der erste — vor Neumark — der eine Geschichte der jüdischen Philosophie (־=־ Rellgionsphilo- Sophie) schrieb (Daat Elohim). 111 seiner Vielseitigkeit aber stürzte er sich auch auf Grenzgebiete, wie ״Mahomed“ oder gar die Kreuzzüge, und verstand es, sie dem hebräischen Leser näher zu bringen. Historiker seiner Einstellung nach, hat er noch in den letzten Jahren ein erschütterndes Martyriologium zusammengestellt, das unter dem Titel ״Sefer Hademaoth“ (Buch der Tränen) große Popularität erlangte. Sein größtes bis jetzt erschienenes Werk ist die«roßangelegte Einleätung «in die Heilige Schrift (,,Mabo Le-Kitbj|ha־Kodesch“),; In der er unerschrocken In den Fußtapferi 1er modernen Bibelkritik wandelt. Seine zahlreichen journalistischen Aufsätze, die in sämtlichen hebräischen Zeitschriften und Zeitungen zerstreut sind, sind nicht gesammelt. Eine Zeitlang schrieb Bernfeld täglich in der Warschauer Tageszeitung ״Hazofeh“, und zwar nicht nur über jüdische Dinge, sondern auch über Fragen allgemeiner europäischer Politik und Kultur. Simon Bernfeld war und ist zugleich auch Mittler zwischen Ost und West. In einer Reihe von Schriften und Ueber- Setzungen bringt er dem deutsch-jüdischen Leser das jüdische Wissen bei. Jahrelang redigierte er das Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde Berlins sowie das ״Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur“. Er ist ständiger Mitarbeiter der ״Eocyclopaedia Judaica“ und — selbstverständlich der paralleien hebräischen Enzyklopädie ״Eschkol“. Bernfeld, der einer der besten modernen hebräischen Stilisten ist, gehört in erster Linie der hebräischen Literatur. Der hebräische Leser empfindet Berufeld, der seit Jahrzehnten dauernd in Berlin wohnt, als den in Europa akkreditierten Botschafter des hebräischen Schrifttums. Eingesandt Frau Bronia Eisland (Beuthen) sendet uns eine nicht gehaltene Diskussionsrede, die sie bei einer revisionistischen Versammlung halten wollte. Wir entnehmen den Ausführungen folgenden Schlussteil; Es ist sehr leicht und denkbar, Revisionist zu sein. Auf die Fehler der anderen hinweisen, kritisieren, Forderungen stellen, schimpfen, einen Weg zeigen, ohne Garantie geben zu müssen, daß dieser Weg der richtige ist, das ist viel einfacher, als sich im anderen Lager zu befinden. Ich persönlich hätte jetzt alse Ursache, Revisionistin zu werden. Ich habe den Schaden am eigenen Körper verspürt. Die letzten Ereignisse in Erez haben mir meinen einzigen Bruder geraubt Nach jahrelanger, mühevoller Arbeit im Lande, als er mir mit Stolz und Freude von seiner palästinensischen Einbürgerung mitteilt, und Aussichten auf Besserung seiner und der allgemeinen Lage äußert, wird er acht Tage später als Mitglied der Hahagana verwundet und nach einigen Tagen dem Leben entrissen, in meinem ersten Schmerz sagte ich mir, nein, so kann das nicht weitergehen, hier muß eine radikale Aenderung kommen, sonst ist der ganze Zionismus zum Teufel, sonst lohnt es sich nicht, die Kräfte einzusetzen. Das dachte und fühlte ich im ersten Schmerz. Ich habe aber bald eingesehen, daß der Zionismus, daß Palästina etwas ist, was sich nicht mit einer Handbewegung abtun läßt. Zu tief stecken die Wurzeln in uns. Ich habe eingesehen, daß wir, die es mit dem Zionismus wirklich ernst meinen, trotz der Mißerfolge, trotz der Ungerechtigkeit, die wir erdulden müssen, trotz der weiter bestehenden Gefahr, von unserem Posten nicht weichen können und dürfen. Wir sind eben mit Palästina in Freude und Schmerz innig verbunden; es ist unsere Lebensnotwendigkeit, wir können darauf nicht verzichten und die Hände in den Schoß legen und schimpfen, auch wenn uns die Arbeit oft sehr erschwert wird. Aushalten, weiter arbeiten, aus den begangenen Fehlern lernen und vernünftige, jede Gewalt entbehrende Mittel suchen. Das ist unser Derech Hamelech. Bronia Eislaad, Beuthen (OS.).