Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 101-102 (24.12.1929)
- Date
- 1929-12-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 101/102, 24. Xn. 1029 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 061 Zur Geschichte des Zionismus Der Zionismus und die Jungtiirken Von Dr. Ernst Simon, Jerusalem. ״bis Baseler Programm muß und soll erhalten bleiben." Welche Vorgänge waren es, die den Präsidenten der Zionistischen Organisation, David Wolff* so h n, veranlaßten, in seiner feierlichen Eröffnungsrede zum 9. Zionistenkongreß in Hamburg (26. bis 30. Dezember 1909) diese Worte mit erhobener Stimme als wesentlichen Kern seiner Politik in den Saal zu rufen? Welche Vorgänge waren es, die den Kongreß selbst dazu bestimmten, gerade diesen Worten ״lebhaften, sich stets erneuernden Beifall“ zu zollen? Welche historischen Ereignisse hatten die Grundlagen der Zionistischen Organisation und Ideologie derartig erschüttert, daß eine solche Selbstverständlichkeit wie die Erhaltung des Baseler Programms feierlich bekräftigt und stürmisch bejubelt werden mußte? Es war die jung-türkische Revolution vom 24. Juli 1908, die den Zionismus vor jene vollkommen neuartige Situation gestellt hatte. Die plötzliche Umwandlung der Türkei in einen modernen Verfassungsstaat schien alle politischen Grundlagen zu verändern, von denen die bisherige zionistische Politik und Diplomatie ausgegangen war. Diese hatte stets mit ״dem kranken Mann am Bosporus“ gerechnet, der schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr Herr im eigenen Hause war, sondern die Rechtseinmischungen der europäischen Großmachte In der Form der sogenannten ״Kapitulationen“ (eigene Konsulargerichte usw.) dulden mußte. Die zionistische Konzeption, welche für ihre Siedlung in der türkischen Provinz Palästina (Syrien) nicht nur die Zustimmung der Türkei, sondern auch die der europäischen Mächte in Form des ״Charters“ erstrebte, wollte gleichsam den schon bestehenden Kapitulationen noch eine jüdische hinzufügen. Daher hatte denn auch der Schwerpunkt der diplomatischen Bemühungen Herzls und Wolffsonns nicht nur in Konstantinopel, sondern in mindestens gleichem Maße in London und Berlin gelegen, da England und Deutschland mit Recht als die in der Türkei einflußreichsten, wenn auch einander viel* fach entgegenarbeitenden Mächte eingeschätzt wurden. Nun aber hatte sich das Bild, scheinbar wenigstens, vollkommen verändert: eine neue Türkei stand vor der erstaunten Welt Freilich war der Umschwung nicht gänzlich unvorbereitet gekommen, doch wurden die Kräfte, die seit Jahrzehnten, langsam erstarkend, aut ihn hindrängten, von der offiziellen zionistischen Politik kaum beachtet, obgleich Bernhard Lazare schon in den Anfangsjahren der Bewegung Theod o r Herz! 'aut diese Chance hingewiesen und ihm geraten hatte, sich von vorneherein mit den kommenden Mächten einer fortschrittlichen Zukunft statt mit dem finsteren Despoten Abdul Hamid ins Benehmen zu setzen. Auch der rückblickende Historiker wird die Vorläufer des tükischen Um- Schwunges beinahe ein Jahrhundert zurück verfolgen können: schon 1826 gab Mahmud II, den Hans Kohns ״Geschichte der nationalen Bewegung im Orient" geistreich mit Peter dem Großen von Rußland vergleicht, den ersten Reformanstoß in europäisierendem Sinne. 1839 folgten neue Reformmcdikte, freilich in der Einkleidung religiöser Renaissance-Ideen einer Rückkehr zum wahren Geiste des Scheriat, der mohammedanischen Rechtslehre, dessen Geltung beim nächsten RefoTmschritt, 1856, durch die grundsätzliche Gleich- Stellring der Christen dann freilich stark eingeschränkt ward. Wenige Jahre später, 1862, begannen die Jungtürken sich zu organisieren, die aber, infolge der bald einsetzenden Reaktion, ihre Tätigkeit größtenteils ins Ausland verlegen müssen. De Revolution vom 22. Mai 1876 hilft ihnen für kurze Zeit an die Macht, aber als unvorhergesehenerweise zwei Sultane kurz nacheinander regierungsunfähig werden und Abd ul Hamid den Thron besteigt, gibt er dem Volke zwar noch, zu Ende des Jahres, eine regelrechte Verfassung, doch nur, um sie bereits im folgenden Jahre durch einen Staatsstreich außer Kraft zu setzen und nun über ein Menschenalter lang die Türkei wieder rein automatisch zu regieren. Das einisende Band zwischen ihren verschiedenen Völkern sollte nicht die freiheitliche Konstitution, sondern der Pan-Islamismus sein, demzuliebe der Sultan seine alte Kalifenwürdc mit neuem Glanz und Leben erfüllte. Ziemlich genau in die Mitte dieser letzten reaktionären Periode fallen die Anfänge der modernen zionistischen Bewegung, die in ihrem politischen Calcui selbstverständlich stärker mit den manifesten Mächten der Gegenwart als mit den unterirdisch wirkenden Kräften der Zukunft rechnete. Zwar verzichtete auch sie natürlich nicht darauf, sich ein Bild von der voraussetzli^hen Entwicklung des Orients zu machen, aber dieses Bild hielt sich im Rahmen der damals Iandläufigen — und letzten Endes ja auch vom Gange der Geschichte bestätigten — Erwartungen einer bevorstehenden Aufteilung der Türkei, bei der dann Palästina voraussichtlich an England fallen werde. Man suchte vorsichtig den beiden entgegengesetzten Möglichkeiten: Erhaltung der alten Türkei oder ihre. Auflösung, gerecht zu werden, ohne viel an jene dritte Möglichkeit zu denken: Verjüngung und Erstarkung der Türkei. So übersah man denn auch die 1891 gegründete Genfer Vereinigung der Jungtürken, übersah das armenische Komitee in _ Paris, nahm, keine Notiz von dem Pariser Kongreß der türkischen freiheitlichen Exulanten, von ihrer 1903 erfolgten Verständigung über die Hauptforderungen und nicht einmal von dem zweiten Kongreß der ziemlich unmittelbar vor der Revolution, nämlich 1907, stattfand, obwohl an ihm auch Vertreter der jüdischen Minorität in der Türkei offiziell teilnahmen und bei der Festsetzung der drei Hauptforderungen: Absetzung des Sultans, Unteilbarkeit des Reiches, Gleichberechtigung aller Rassen und Religionen, mitwirkten. Selbst als am 13. Juli 1908 das jungtürkische Komitee ״Einheit und Fortschritt" die Herrschaft in Saloniki an sich riß, blieb die offizielle zionistische Presse beinahe siumm und nahm erst wieder Stellung, als der 24. Juli den unblutigen Sieg der Revolution und, in seiner Verfolgung, — nach dem kurzen . gegenrevolutionären Versuch vom 13. April Ws 25. April 1909 — die Ersetzung Abd ul Hamids durch den konstitutionellen Sultan M ohamed V. brachte. In welcher Haltung hat nun der Zionismus, seine Oeffent- Kchkeit und seine Leitung, auf diese weltgeschichtlichen freignisse reagiert, die ihre letzte Auswirkung in der Revolution Kemal Paschas nach dem Weltkriege und in der heute vor sich gehenden radikalen Europäisierung, Säkularisierung und Nationalisierung der verkleinerten aber verein* heitlichten Türkei gefunden haben? Auf diese Frage soll uns eine kritische Betrachtung der zeitgenössischen Quellen Auskunft geben. Noch kurz vor der Revolution war die Juden- Staats-Ideologie in einer besonders scharfen, zweifellos nicht von der gesamten Bewegung gebilligten Form in einem Buche zum Ausdruck gekommen, das von einem Mitglied der obersten zionistischen Behörde, des Engeren Aktions-Comites, von Jakobus Kann verfaßt war und ״Erez-Israei“ auf Grund von Reiseeindrücken schilderte*). Der Verfasser benutzte die *) Berlin 1908. Gelegenheit, um sein zionistische« Programm zu entwickeln, in dem die Selbstverwaltung der Juden eine große Rolle spielte. Von ihr heißt es z. B.: ״Das Verhältnis zum türkischen Reiche wird ungefähr so sein, wie zwischen einer sich selbst verwaltenden Kolonie und dem Mutterlande.“ Trotzdem seien etwaige Befürchtungen aut Loslösung dieser Kolonie in den ersten hundert Jahren unaktuell, ״und wer kann sagen, was nach hundert Jahren geschehen kann?“ (S. 167 Q. Ferner schlug er vor, die türkische Regierung solle ihre Autorität der jüdischen Verwaltung übertragen, ״die während der Dauer des Uebereinkommens den schon im Lande ansässigen Einwohnern gegenüber alle Rechte und Verpflichtungen von der gegenwärtigen Verwaltung übernimmt, wobei also auch die jüdischen Steuern an Stelle der türkischen treten yerden". Doch werde diese Verwaltung, an deren Spitze natürlich ein Jude stehen müsse, den Sultan als ״Suzeraen“ — also nicht als Souverän — anerkennen (S. 175). Damit diese jüdische Regierung ihre schweren Auffaben lösen könne, werde sie vor allem zwei Hilfsmittel rauchen: ,,Geld und Soldaten“ . . .״Was die jüdischen Soldaten anbeiangt, so wird es uns daran gewiß nicht fehlen... natürlich werden sowohl die jetzige als die künftige jüdische Bevölkerung Palästinas ihr entsprechendes Kontingent liefern.“ Mit der selbstverständlich auch jüdischen Polizei werde man nämlich nicht auskommen, da ״zwar nach dem Gelingen der zionistischen Pläne die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung bald aus Juden bestehen wird, aber vorläufig bilden sie die Minorität. Und es ist erwünscht, daß alle Parteien wissen, daß die jüdische Verwaltung nicht nur den testen Willen hat, die Ordnung aufrechtzuerhalten, sondern auch vollkommen dazu imstande ist“ (S. 178). Diese programmatischen Worte enthielten noch einmal den Herzischen ״Judenstaat", wie er zwar schon lange nicht mehr von der gesamten zionistischen Bewegung, aber doch noch, in schwächerer oder stärkerer Form, von den sogenannten ״politischen Zionisten“ vertreten wurde, die, im Oegensatz zu den ״praktischen Zionisten“ in Palästina vor allem ״Bedingungen, nicht Dinge“ schaffen wollten und deshalb an der Forderung des ״Charters“ als der notwendigen politischen Vorbedingung großzügiger Kolonisationsarbeit festhielten. Es war aber sofort klar, (faß ein solcher international garantierter Charter von der neuen Türkei nicht zu erhalten war. Das offizielle Organ der Zionistischen Organisation, ״Die Welt“, konnte daher gar nichts anderes tun, als in ihrem, von N. S. (Nahum Sokolow) gezeichneten Leitartikel zu erklären: ״Eine repräsentative Regierung ist gewiß 'eines der rechtmäßigen Bedürfnisse unserer Zeit, und kein Volk ist von (jem Gefühl dieser Notwendigkeit mehr beseelt als das unsere — wir wollen das Recht und die Freiheit für uns und für die anderen.“ (״Die Welt" XII, 30, vom 31. Juli 1908.) Die für den 11. August 190S einberufene ״Jahreskonferenz“ — der sogenannte ״kleine Kongreß" — zog bereits gewisse taktische Folgerungen aus der veränderten Situation: sie stellt fest, daß die ״Umgestaltung der Verhältnisse in der Türkei“ die zionistischen Hoffnungen nicht schwächen, sondern bestärken, aber natürlich, wie jede neue Gestaltung, ״manche alte Beziehung wertlos und manche herkömmliche Methode abänderungsbedürftig“ mache. Doch sei es ״ein aufrichtendes Bewußtsein, daß unser Orient zu neuem Leben erwacht“. (״De Welt“ Xli, 32, vom 14. August IW.) Die Stimmung In der Bewegung, und ganz besondere die in Palästina, ging über diese vorsichtig abgemessenen Formulierungen weit hinaus. Der ruhig abwartenden zionistischen Leitung in Köln, die unter David Wolffsohns verantwortengsbewußtem Zögern stand, kamen die verschiedensten Ratschlage zu, die alle in der Forderung nach größerer Aktiv!'- tat gipfelten, die einen verlangten sofortige Einberufung des Kongresses, und wenn möglich nach Konstantinopel, andere Verlegung der Zentrale in die türkische Hauptstadt oder gar nach Jerusalem, noch andere wünschten energische Parteinähme der Organisation für die Jungtürken, um deren noch nicht ganz gefestigtes Regime entscheidend zu stützen und sich dadurch die neuen Machthaber dankbar zu verbinden. Palästina war in einem Freudenrausch. Die gesamte Bevölkerung, Juden, Moslem und Christen, beteiligten sich einheilig an lärmenden Volksfesten, bei denen z. B. hebräische Fahnen mit den Inschriften ״Es lebe der Sultan! Es lebe das Heer! Es lebe die Freiheit!“ gezeigt wurden. (״Die Welt“, XII, 34, vom 28, August 1908.) Die Zeitung Ben J e h u d a s, ״H a z w i“, die auf Grund der neuen Preßfreiheit statt einmal in der Woche, nun zweimal und bald als Tageblatt zu erscheinen begann, schilderte das Fest mit dem hübschen Detail, daß es ohne Polizeibewachutig vor sich gegangen sei, ״denn auch Soldaten und Polizisten waren diesmal Publikum“; die Juden feierten mit solcher Bereisterung mit, daß ihnen von den anderen Bevölkerungsschichten zugerufen wurde: ״Heil 8fr, Israel, du kannst ein Freiheitsfest feiern!“ (״Hazwj", 4. Aw 1908.) Noch enthusiastischer wird die gleiche Zeitung im Leitartikel, der vom Herausgeber selbst gezeichnet ist: ״Welcher Unterschied! Welcher Wandel! Wie anders fühle ich mich heute als vor drei Wochen!“ Der Publizist ist besonders erfreut darüber, daß er nun auch in der arabischen und türkischen Presse, die bisher nur knechtseclige Unterwerfung unter alle Regierungsmaßnahmen kannte, offene Kritik lesen darf. In späteren Nummern steigert sich der Jubel zu einem sonderbar berührenden politischen Mcssianismus, der sich nicht nur mit der Feststellung begnügt: ״Wir sfnd frei, frei wie Italiener, Franzosen, Engländer!“ und auch nicht nur mit dem Aufruf, ottomanische Staatsbürger zu werden, denn :•חופש התור־ י״ זוהי הדרך היית אובה להגשמת ״ תקדותיני•"die türkische Freiheit ist der sicherste Weg zur Erfüllung unserer Hoffnungen" (״Hazwl", 2./4, Ellul 1908), sondern der sogar in einem Leitartikel Benjehudas ״Heute — wenn ihr auf meine Stimme hört!“ festzustellen wagt: ״Die Fesseln des Messias sind zerbrochen! . . . Noch niemals war uns der Messias so nahe, so sehr in unsere Hand gegeben wie heute . . . Nichts mehr hindert das Kommen des nationalen Erlösers, wenn wir es nur wollen. Denn nun sind in der Türkei alle Völker gleich.“ (״Hazvvi", 4./6. Tischri 1908.) Als nun gar, Mitte Dezember des Jahres, das erste türkische Parlament Zusammentritt, in das übrigens in Palästina drei mohammedanische Abgeordnete gewählt wurden, nachdem der jüdische Kandiat Dr. Levy, wegen Aussichtslosigkeit eines Erfolges zurückgetreten war — da kannte der Jubel gar keine Grenzen mehr. Der Konstantinopeler Korrespondent des ״Hazwi" liefert einen begeisterten Berieht über die Eröffnung, aus Saloniki treffen Freudennachrichten über die dortigen Verbrüderungsfeste ei« (״Hazwi“, 2./4. Tewet 1908), und selbst der vorsichtige Wolffgoh n telegraphiert seinen Glückwunsch (״De Welt“, XII, 50, vom 18. Dezember 1908). Sokolow aber wird nicht müde, in jedem Leitartikel zu betonen, daß nunmehr die ״Gcnehmigting der Großmächte“ ni~ht mehr nötig sei: sie ״war nicht ein Prinzip an sieh“, k’:n Selbstzweck, sondern Mittel . . Prinzip ist nur die Heimstätte, die nationale Sicherheit — alles andere ist Beiwerk.“ (״Die Welt", XII, 35, vom 4. September 1908.) Ebenso tönt es aus der übrigen jüdisrVn Presse in West und Ost; die ״Jewish World“ sagt: ״Der Charter fst tot!" (18. September 1908); der Wilnaer ״Hed Hasman“: ״Kein Charter mehr!"; der ״Jewish Cronicle“ gegen einen Angriff des ״Daily Telegraph“: ,,Nicht ein Wort verlautet hier (im Baseler Programm) von einem autonomen jüdischen Staat.“ (16. Oktober 1908.) Und wenn der Charter tot ist, dann ist auch der Juden* Staat tot Selbst diese Konsequenz zieht Nahum Soko* low zu Beginn des Jahres 1909, das ein Kongreßjahr sein wird, in einem grundsätzlichen Aufsatz ״Staat, Politik, Sepa* ratismus“, in dem es heißt: ״Es ist ein Verstoß nicht nur gegen die Logik, sondern auch gegen die Chronologie, wenn man dem Zionismus das Bestreben zuschreibt, einen selb* ständigen Judenstaat gründen zu wollen.“ . . , ״Eine Heim* Stätte ist nicht mit einem Staat zu verwechseln. Diese Heimstätte verlangt keine Macht, sondern ein Gesichertsein.“ . . . ״So ist also das Zurückgreifen auf einen Juden* Staat ein polemischer Mißbrauch. Es ist das Vorzeigen eines Dokumentes, das wir pietätsvoll hochschätzen., dessen Wert aber nur ein historischer und kein realer ist. De Nachklänge der ersten Parole unter uns sind sentimentaler und rhetonscher Art; in dem Zusammenhänge hingegen, in dem die judenstaats-Reminiszenzen von der Gegnerschaft in vergröberter Form, womöglich in grotesker Verzerrung aufgefrischt werden, sind sie grundfalsch und Irreführend. Unser Profjramm kennt keinen Judenstaat. Dies muß besonders jetzt im Interesse unserer offenen und ehrlichen Beziehungen zur neuen vorwärts strebenden Türkei mit dem größten Nachdruck hervorgehoben werden.“ Kurzum: der Staatsbegriff ist ״eine fälschliche Einschaltung eines von uns nicht anerkannten Postulates in unser Programm". (״Die Welt", XIII, 4, vom 22. Januar 1909.) Warum aber diese andauernden Beteuerungen? Weil bereits deutliche Anzeichen sichtbar wurden, daß die jung* türkische Partei vor allem zentralistisch und pan türkisch sein werde, so daß alle separatistischen oder auch nur autonomlstischen Bewegungen sofort in schärfsten Gegensatz zu ihr geraten mußten: hatte doch ein in Jerusalem ge* bildetes gemischtes jungtürkisches Wahlkomitee sich offiziell geweigert, organisierte Zionisten — nicht etwa: Juden! —- aufzunehmen. (״Die Weit“, Xli, 37, vom 18. September 1908.) Seit diesem e.rsten Symptom stellte sich allmählich immer deutlicher heraus, daß nun zwar die formale Freiheit bestand, eine zionistische Agitation in der Türkei zu führen und sogar zionistische oder doch zicnisten-freundliche Organisationen zu schaffen — wie die Turnvereine ״Maccabi“ — daß aber sachlich die Regierung den national-jüdischen Be- Strebungen eher noch argwöhnischer gegenüberstand als die Alttürken. Daher setzte sich im ganzen Jahre 1909 die Debatte über eine evtl, notwendige Umstellung der zionistisehen Politik in der jüdischen Presse fort: sie gipfelte in einem Vorschlag Dr. Pasmaniks, das Baseler Programm zu ändern. Darauf nun reagierte der Präsident der Zionisti־ sehen Organisation, David Wolffsohn, in den von uns bereits zitierten Worten: ״Das Baseler Programm muß und soll erhalten bleiben“, mit denen er am 26. Dezember 1909 den neunten Zionistenkongreß zu Hamburg einleitete. Max Nordau schlug in seiner großen Rede den gleichen Ton an, betonte aber ausdrücklich: ״Der Gedanke des Charters hat sich überlebt“, das sei ohne weiteres zugegeben. Aber im Baseler Programm steht kein Wort vom Cnarter. Der Charter war ein persönlicher Gedanke unseres verewigten H er z I, ein Gedanke, der sieh verteidigen Heß, ab der Schöpfer unserer Bewegung ihn faßte. Er• nat ihn nicht verwirklichen können und er hat unter den heutigen Verhältnissen keine Berechtigung mehr. Wir können ihn ruhig fallen lassen, um so ruhiger, als er für unsere Bewegung nicht wesentlich ist, ihren Kern gar nicht berührt. ... In einem Verfassung!- Staat in dem alle Staatsbürger sich des Genusses gesetzlicher Freiheit erfreuen, bedürfen wir keiner Vorrechte und keiner Sonderbürgschaften. Das gemeine Recht genügt. Also legen wir Herzls Chartergedanken achtungsvoll in das Archiv des modernen politischen Zionismus und sprechen wir nicht mehr von ihm. Doch ich wiederhole: der Charter hat mit dem Baseler Programm nichts zu tun.“ Im weiteren Verlauf seiner Darlegungen suchte Nord au dann die Form des Baseler Programms von einer öffentlich-rechtlich-gesicherten Heimstätte“ dahin zu er־ klären, daß sie in der Programmkommission des ersten Kongresses a’s Kompromiß zwischen den Judenstaats-Aspira'tionen einiger ״grundstürzender Feuerbrände" und Nordaus Formulierung ״rechtlich-gesicherte Heimstätte“ durch Herzls Vermittlungsvorschlag entstanden sei. Nur eine kleine Minderheit habe aber unter diesem Ausdruck die Sicherung Palästinas ״unter den Auspizien der Großmächte" verstanden, ״die diese jüdische Besiedlung des Heiligen Landes als ein«! Bestandteil des europäischen Staatsrechtes anerkennen sollten. Die ungeheure Mehrheit des Kongresses jedoch war von dieser ausschweifenden Phantastik frei“ und verstand unter ״öffentlich-rechtlich" nichts als die Abwehr der bisherigen chowewezionistischen Infiltrationsmethode. (Protokoll des 9. Zionisten- Kongresses, S. 22.) Im Sinne dieses unbedingten Verzichtes auf den Charter, d. h. auf den Judenstaat, verlief die gesamte Debatte. Dr. Pasmanik, der heftigste Oppcsitionsredner, begründete seinen in der Presse gemachten Vorschlag auf Abänderung des Baseler Programmes durch die Mitteilung eines von Wolffsohn gegebenen Interviews, in dem es gleichfalls geheißen hatte: ״Aber unter dem neuen Regime sinef alje Pnvilegien überflüssig . . .“ (Protokoll, S. 4.) Der galizisdie Delegierte Dr. Reich beendete seine Rede mit den Worten: ״Nicht der Charter, den wir schon gestern verworfen haben, sondern der Pflug wird entscheiden, ob wir die Macht in Palästina erhalten" (Protokoll S. 63). Noch entschiedener fonnu- Iierte Prof. Dr. C ha i ni W e i z m a n n , damals einer der Hauptführer der sogenannten ״praktischen“ Opposition: ״Wir wissen sehr gut, daß damit (mit dem Aufgeben des Charters) auch die Diplomatie ins Archiv des sogenannten politischen Zionismus gegangen ist. Aber trotzdem die Herren ihre mächtigste Waffe verloren haben, hängen sie am Alten, haben sie nicht die Courage, zu sagen: Wir legen zwei Sachen ad acta und werden in unserer praktischen Tätigkeit Chowewe Zionisten“ (Protokoll S. 105). Dieser Einheitsfront schloß sich natürlich auch der Vertreter der praktischen Palästinaarbeit im engeren Aktionskomitee, Prof. War bürg, entschieden an (S. 132), und ebenso betonte der Führer der russischen Zionisten, Dr. Tschlenow: ״Die Türkei ist ein Rechtsstaat geworden.... Diese Umwälzung hat vieles unserer Arbeit geändert....“. (Protokoll S. 147.) So schien auf diesem sonst so kampferfüllten Hamburger Kongreß wenigstens in einer Frage vollkommene Einigkeit zu bestehen: in der Auffassung der türkischen Politik. Aber schon hatte sich ein neuer Konfliktstoff vorbereitet. Unter den Forderungen der russischen Opposition, die von der Leitung größere Aktivität in der Türkei verlangt hatte, befand sich auch die Anregung, in Konstantinopel ein zionistisches Pressezentrum einzurichten und Einfluß auf die türkische und jüdisch-türkische öffentliche Meinung zu gewinnen. Nach laugerem Widerstreben war Wolffsohn daraut tingegangen und hatte, unter der Oberaufsicht Victor Jacobsohns,