Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 101-102 (24.12.1929)
- Date
- 1929-12-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 688 JUED1SCRE RUNDSCHAU Nr. 101/102, 24. XII. 1092 unmöglich ist, und er übernimmt ohne weiteres alle Behauptungen, die den für die Araber bedrohlichen Charakter verschiedener zionistischer Veranstaltungen und Resolutionen nachvveisen sollen. Obwohl sich bereits aus der Eröffnungsrede von Sir Boyd Merriman ergeben hat, daß die Zionistische Exekutive die Untersuchung in erster Linie als gegen die leitenden Beamten der Palästina -Administrat i o n gerichtet betrachtet, so konnte man doch auf diese Zuspitzung des Konfliktes kaum gefaßt sein. Denn da die Administration sich in der Defensive befindet, hätte man annehmen können, daß es ihr Bestreben sein wird, zu zeigen, daß sie sich unparteiisch verhalten hat und keiner antizionistischen Animosität verdächtig ist. Man hätte sogar noch verstanden, wenn sie ihre Meinung über die zionistische Mitschuld an den August-Ereignissen begründet hätte durch Hinweise auf verschiedene Handlungen und Reden zionistischer Gruppen und Personen. Aber der Rcgicrungsanwalt ist weit darüber hinausgegangen und hat versucht, die ganze zionistische Sache lächerlich zu machen. Man muß sagen, daß Sacher demgegenüber in bewundernswerter Weise seine Ruhe bewahrt hat und seine schwere Aufgäbe mit Würde gelöst hat. Bevor nicht der genaue Wortlaut der Aussage vorliegt, kann man im übrigen Sachers Ausführungen nicht abschließend beurteilen; wir halten es jedenfalls für unrichtig, im Zuge des Verfahrens die Aussagen der einzelnen jüdischen Zeugen einer Kritik zu unterziehen. Eine Kritik des ganzen Verfahrens vor der Untersuchungskommission, das sich ja doch jetzt zu einer Auseinandersetzung über die Grundfragen der Palästinapolitik ausgeweitet hat, wird erst erfolgen, wenn die Untersuchung abgeschlossen Ist und der Bericht vorliegt. ♦ Mr. Preedy befragte Sacher zunächst über die Bedeutung des Zionistenkongresses, der den Arabern Furcht eingeflößt habe. Er fragte besonders über Zusammen- Setzung des Zionistenkongresses, über Methode der Wahlen und die Zahl der Palästina-Delegierten usw. Sehr eigentümlich berührte die Frage Preedys: Waren auch ״Märtyrer“ auf dem Kongresse vertreten? Sacher antwortete: Märtyrer sind tot. Hier richtete Preedy in ironischem Tone an Sacher die Frage, ob nicht das Blutvergießen ein Ergebnis der zionistischen Politik ist. Sacher erwiderte: Es ist für mich sehr interessant, eine solche Bemerkung aus dem Munde des Vertreters der Palästina - Regierung zu hören. Ich werde mir das merken! Sir Boyd Merriman, der Anwalt der Zionistischen Exekutive, rief von seinem Sitz aus herüber: Auch ich werde mir das merken! Preedy replizierte: Sie werden mich durch Ihre Kommentare nicht davon abhalten, Fragen zu stellen. Hopkins-Morris, das liberale Mitglied der Kölnmissi'On, bemerkte zu Sachtfr: Sie sind ~ wenn ich so sagen darf — hier im Zeugenstand; Sie dürfen sich natürlich ״etwas merken“, aber Sie dürfen nicht Kommentare an Fragen knüpfen. Sacher erklärte daraufhin, er nehme seine Bemerkung zurück. Preedy fuhr fort, seine Fragen in ironischem Tone zu stellen, wobei es ihm offenbar darauf ankam, die in offiziellen Kreisen Palästinas angenommene Version, daß jüdische Arroganz für die Morde verantwortlich sei, zu begründen. Gibt es auch einen gemäßigten Zionisten? fragte Preedy. Sacher behielt nun seine Ruhe und antwortete einfach: Ja. Preedy stellte einige ironische Fragen bezüglich der P olitik der Revisionisten und verlas schließlich Auszüge aus einer Ansprache, die Dr. Ede r im September d. J. in einer in London abgehaltenen Sitzung des zionistischen Aktions־ Comites gehalten und in der er die Bestrafung der arabischen Rädelsführer, die Anwerbung von jüdischen Sonderpolizisten und die Einholung des Rates der Jewish Agency bei der Wahl von höheren Beamten für Palästina gefordert hat Sacher erwiderte, er war bei dieser Rede Eders nicht zugegen, er hätte sie nicht gebilligt. Preedy verlas dann Auszüge aus den Resolutionen des Administrative Committee der Jewish Agency, das gleichzeitig in London getagt hat, und wies darauf hin, daß auch das Administrative Committee fordert, daß die Jewish Agency bei der Auswahl des Personals der Pa* lästina-Administration zu Rate gezogen werde. Sacher erklärte, diese Resolution bedeute, daß bei der Auswahl des Personals bestimmte Prinzipien gelten sollen. Hopkins-Morris bemerkte, er dächte, bei Administratoren kämen Eignung und Tüchtigkeit, nicht aber Sympathien in Betracht. Sacher entgegnete, er wünschte, daß die für Palästina bestimmten Beamten eine Position einnehtneii, wie er, wenn er Beamter sein würde, sie einnelimen würde. Nachdem Preedy Sacher darüber befragte, wie oft er die Klagemauer besucht hat, ob er orthodoxer Jude sei und ob er bereits die palästinensische Bürgerschaft erworben hat, stellte er schließlich die Frage: Inwiefern war die jüdische Einwanderung Tür die Araber von Vorteil? Sacher: Die Einwanderung hat die Einkünfte des Landes gesteigert. Ohne diese könnten die Kosten des öffentlichen Unterrichtes und des Gesundheitsdienstes für die Araber nicht bestritten werden. Auch verschafft die Investierung jüdischen Kapitals den Arabern, direkt und indirekt, Beschäftigung. Preedy wies auf die Rede Sachers auf dem letzten Zionisienkongreß in Zürich hin und versuchte, aus deren Inhalt den Schluß zu ziehen, daß der Zionistenkongreß und die Zionistisclse Organisation dafür sind, daß der arabische Arbeiter verdrängt werde. Er deutete an, daß die Furcht der Araber vor der Jewish Agency und vor der Mitarbeit von Persönlichkeiten wie Lord Melchett und dem verstorbenen Louis Marshall berechtigt sei. Er zitierte Ausspruche Us s is chkins aus den Verhandlungen des Zionistenkongresses über den Umfang des jüdischen Bodenerwerbs in Palästina und wies darauf. hin, daß Dr. Weizmann bezüglich der Einwanderung eine Schätzung gab, dergemäß im Verlauf der nächsten fünf Jahre 100000 Juden nach Palästina gebracht werden würden. Dr. Weizmann, sagte Preedy, hat sich mit der von Lord Melchett geäußerten Unzufriedenheit hinsichtlich der Palästina-Verwaltung solidarisch erklärt und hat der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Jewish Agency bei der britischen Regierung das erreichen werde, was der Zionistischen Organisation zu erreichen bisher nicht gelungen war. S ach er erklärte daraufhin, die Führer der Jewish Agency seien der Ansicht, daß die Regierung das Jüdische Nationalheim nicht fördert, den Juden keinerlei Staatsbßden zur Verfügung stellt, die jüdische Einwanderung nicht unterstützt und die jüdischen Forderungen mit Bezug auf die Besteuerung nicht berückskhtigt. Was mich betrifft, fügte Sacher hinzu, so würde ich mich nicht in einen gar zu ernsten Streit mit der Regierung einlassen, weil sie die von den Zionisten geforderte Einwanderungsquote von über 5000 auf 2300 reduziert hatte. Preedy fragte: War die Forderung der Jewish Agency nicht dazu angetan, die Araber nervös zu machen? Sacher erwiderte: Ich behaupte nicht, daß die Araber nicht nervös wurden; aber unsere Forderung war nicht dazu angetan, sie nervös zu machen. Sacher fügte hinzu, er sei überzeugt, daß die Unruhen im August vor 11 er verabredet worden waren, und daß eine arabische Verschwörung bestand, aber er gebe zu, daß es eine schwierige Sache sei, das Bestehen der Verschwörung naclizuweiscn und die Schuldigen zu fassen. Aber auch die Regierung hat eine schwere Unterlassung begangen, weil sie den gefährlichen Gerüchten, daß sich die Juden der moslemlsehen Heiligen Stätten bemächtigen wollen, nicht autoritativ entgegengetreten ist. Auf weiteres Befragen Preedys gab Sacher zu, daß die revisionistische Zeitung ״Doar Häjom" und die Wochenschritt ״Palestine Weekly“ wegen ihrer scharfen Sprache hätten bestraft werd en sollen; allerdings, fügte er hinzu, hätten die arabischen Zeitungen eine noch härtere Strafe verdient. Sacher bekannte sich zu seinem im ״Manchester Guardian“ erschienenen Aufsatz, in welchem er der Palästina-Regierung Dummheit und Schwäche vorgeworfen hatte. Der Artikel, sagte er, führt eine starke Sprache, aber diese Sprache war richtig. Ich halte noch immer daran fest, daß die Behandlung der Klägern auer- Frage durch die Regierung nicht ungeschickter hätte sein können. In der Sitzung vom 20. Dezember wurden von der Kornmission eine Reihe jüdischer Zeugen verhört. Zunächst wurde Rabbi Jakob Josef Sion im am Hebron, der einen Sohn bei dem Massaker verloren hat, verhört, der die Verhältnisse vor Ausbruch der Unruhen und das Verhalten der Regierungsorgane schilderte, im Laufe des Nachmittags wurden sechs jüdische Zeugen einvernommen, die Angaben machten über die vor den Unruhen umgehenden Gerüchte und den Verlauf der Angriffe auf verschiedene Siedlungen. So x. B. schilderte Abraham Wolinsky aus Beer Tobia den Angriff auf diese Kolonie am 25. August. Viscount Erleigh teilte mit, daß die zionistische Seite noch 8 Z e u g e n führen wird. Damit wird dann die Beweisaufnahme abgeschlossen sein, so daß man allgemein annimmt, daß die Kommission ihre Arbeit noch vor Neujahr beendet haben wird. Zum jüdisch-arabischen Konflikt Von Charles Gide, Professor am College de France. Prof. Charles Gide, der Bekannte Nationalökonom und Zionisten freund, äusserte sick in der Zeitschrift des Jiid. NrF. für Frankreich ״La terre retrouvee“ qu den letzten Ereignissen m Palästina. A*׳w entnehmen sewu» interessanten,:Ausführungen nachstehende ÄBsätfe: . •־- ׳ ■■.י.״:.' •יי- "■•-־:׳׳׳־ - ׳ u: Es ist zu hoffen, daß die tragischen Ereignisse in Palästina die mühevolle Arbeit der Zionisten nicht zunichte machen Werden. Diese Ereignisse sind jedoch eine Warnung, die ernst genommen werden muß, denn sie beweisen, daß als Folge des jüdischen Nationalismus ein palästinensisch-arabischer Nationalismus entstanden ist .... Hüten wir uns vor der Annahme, daß die Ueberlegenheit einer Zivilisation ein Recht zur Herrschaft verleiht; das würde die Rechtfertigung der Vormundschaft über tieferstehende Rassen bedeuten. Juden, selbst Zionisten, selbst Revislonisten, können eine solche politische Denkweise nicht zu der ihren machen, und auf keinen Fall würde England —■ besonders jetzt — und würde der Völkerbund dies zugeben. Wie mir scheint, kann man sich also die Zukunft Palästinas nur jüdisch-arabisch denken, mit gleichen politisehen Rechten fürdie beiden Ra ssen, wie in vielen anderen zwei- oder dreisprachigen Ländern: Belgien, der Schweiz, Finnland, Tschechoslowakei, Jugoslawien. Ich glaube, daß die Mehrzahl der Zionisten mit dieser Lösung einverstanden ist, allerdings mit der Hoffnung, eines Tages die Majorität zu erreichen. Diese Hoffnung scheint mir zweifelhaft: die Wahrscheinlichkeit für eine jüdische Majorität in Palästina ist nicht rößer als für eine französische Majorität in Algier, beides aus em gleichen Grund: die Einwanderung und die Kolonisation — die der Juden in Palästina, der Franzosen in Algier — beschleunigt die Zunahme der eingeborenen Bevölkerung durch Hebung der Landwirtschaft, der Hygiene, des allgemeinen Lebensniveaus; das natürliche Wachstum ist auf diese Weise größer als das künstliche durch die Einwanderung bedingte Wachstum. Uebrigens findet das Wachstum der Landbevölkerung eine Grenze in der geringen Ausdehnung des bebauten Landes in Palästina. Allerdings gilt diese Grenze nicht für die Bevölkerung der Städte. Wenn Tel-Awiw oder Haifa eines Tages ebenso dicht bevölkert sein werden wie Alexandrien, wird die Zahlen frage zugunsten der Juden gelöst sein. Aber auch dann wäre nicht das Land Israel wieder erobert, sondern nur die Küstenzone, in der früher, vor der Eroberung Palästinas durch die Hebräer die kanaanitischen oder phömzischcn Kaufleute SaBeDie Zahl bedeutet ja aber nicht alles, sogar bei allgemeinem Wahlrecht nicht, und es ist nicht nötig, im Besitz der Majorität zu seJn, um die tatsächliche Macht auszuüben.... In Palästina besteht’bereits eine jüdische Minderheit von einem Fünftel, — das ist viel. Allem Anschein nach wird diese Minderheit einmal ein Viertel oder die Hälfte ausmachen, — und diese Minderheit wird in kultureller und ökonomischer Beziehung die Oberhand haben; so wird es ihr leicht möglich sein, in Palästnia wieder eine jüdische Nation zu begründen. Dies wird aber nur dann möglich sein, wenn Palästina unter dem englischen Mandat bleibt; würde es autonom — selbst unter der Form eines Dominion — so bestünde wenig Hoffnung, daß die Araber die Rechte der jüdischen Minorität respektieren und ihr eine freie Entfaltung ermöglichen würden. Wird also Palästina andauernd die Autonomie verweigert werden müssen, nur damit ein Jüdisches Nationalheim entstehen und bestehen kann? Sicherlich ist dies unter den vielen Problemen, die uns heutzutage das Völkerrecht stellt, eines der bedrohlichsten. Trotzdem dürfen wir die Hoffnung aut eine Einigung der beiden Völker, die ursprünglich Brüder waren, nicht aufgeben... Die Araber werden Verständnis dafür haben, wenn die Zionisten nicht zu sehr auf ihr Erstgeburtsrecht pochen und nicht allzu herrisch das Erbe in seiner Gesamtheit für sich allein in Anspruch nehmen. Brief aus Rumänien Von unserem Korrespondenten. Der Besuch Sokolows — Die Haltung der Revisionisten — Die Studentenausschreitungen — Wie reagiert die Regierung? —h. Bukarest, den 20. Dezember 1929. Die Reise Sokolows durch Rumänien hat der zionistischen Bewegung überall neue Impulse gegeben und die gedrückte Stimmung verscheucht, die in manchen jüdischen Kreisen als Folge der Ereignisse in Palästina zurückgeblieben war. Der Empfang, den die jüdische Bevölkerung dem Präsidenten der Zionistischen Weltexekutive bereitet hat, war aber auch ein imposanter. Wenn überhaupt eine Steigerung möglich war, dann war die Beteiligung der jfudenschaft, ohne Unterschied der, Partcielnstcltung, diesmal womöglich noch imponierender als es beim ersten Besuch Sokolows im Jahre 1925 der Fall war. Audi die Regierung hat Nahum Sokolow in ganz besonderer Weise geehrt. Nicht nur die Zentralregierung in Bukarest, die. von den verschiedenen Audienzen abgesehen, dem Präsidenten der Exekutive zu Ehren ein politisches Bankett gab und sich durch ihren Außenminister bei der großen zionistischen Volks- Versammlung vertreten ließ, sondern auch die verschiedenen lokalen Stellen in Klausenburg, Temesvar, Czernowitz und Kischineff. Nahum Sokolow sprach in unzähligen Versammlungen und Empfängen und wußte immer wieder die jüdischen Massen mit sich fortzureißen. Das finanzielle Ergebnis läßt sich selbstverständlich noch nicht abschätzen, da die Keren Hajesscxl- Aktion überall erst mit dem Besuch Sokolows eingesetzt hat. wenn man aber nach den Ergebnissen der ersten Tage schließen darf (besonders im alten Königreich), dann wird der diesjährige finanzielle Erfolg den der letzten Jahre bei weitem übertreffen. Als schwerer Mißton ist zu verzeichnen, daß in den letzten Tagen in J a s s y neuerlich große Studentenexzesse antisemitischen Charakters vorgekommen sind, und daß die Regierung die Zionistische Organisation und Herrn Sokolow hat ersuchen müssen, die geplante Reise nach Jassy, die die letzte Etappe des Besuches von Sokolow bilden sollte, uni einige Ta ge aufzuschieben, da sie nicht imstande sei, für völlige Ruhe zu garantieren. Ueber diese Studentenexzesse werden wir noch einige Worte zu sagen haben. * Im Zusammenhang mit dem Besuche Sokolows in Rumänien verdient die Haltung der revisionistischen Gruppe in Bukarest eine ganz besondere Erwähnung. Diese Gruppe hatte sich noch lange vor dem Eintreffen von Sokolow an das Direktorium des Keren Hajessod in Bukarest mit dem Ersuchen ewendet, davon abzusehen, Herrn Sokolow zur Inaugurierung er Keren Hajessod-Kampagne nach Bukarest zu bringen. Da die Einladung trotzdem beschlossen wurde, publizierte sie in der Presse eine Erklärung, daß sic sich von allen Empfängen und Festlichkeiten zu Ehren Sokolows absentieren würden. Nicht genug an dem, verteilten sie bei der großen Festversammlang, die in Bukarest stattfand, und die einen ganz besonders feierlichen Charakter hatte, Extraausgaben ihrer Organe, in welchen sie gegen den Besuch von Sokolow Stellung nahmen, und seinen Besuch in Rumänien als eine ״Provokation“ bczeichneten. Daß diese Erklärung überall großen Unwillen hervorgerufen hat und sicherlich geeignet war, auch der Keren Hajessod-Arbeit Schaden zuzufügen, Ist wohl selbstverständlich. Obwohl die revisionistische Gruppe in ihrem Flugblatt ausdrücklieh erklärte, daß ihre Stellungnahme gegen den Präsidenten der Zionistischen Weltexekutive aus zionistisch-politischen Gründen erfolgt, und daß sie bereit sind, auch weiterhin für den Keren ( H*fle«öd-׳ztteart»tten.־.:W׳fr.*k6nu*n u»adi«ae ■Äset von'׳Stellung- «ahme ®ir so «•Wären, daß die ftdlitische Leidenschaft jeuö klare Ueberlegung unmöglich gemacht hat. ־ * Wir stehen in Rumänien neuerlich vor einer a 111 i s e m I - tischen Welle, die wie alle früheren wieder vom antisemitisch orientierten Teil der Universitätsjugend getragen wird. Schon nach dem Studentenkongreß in Putna (Bukowina) im September d. J. gab es in den Eisenbahnzügen Exzesse gegen die Juden. Die schuldigen staatlichen Organe, weiche diesen Exzessen untätig zugesehen hatten, wurden wohl bestraft, gegen die exzedierenden Studenten wurden aber von seiten der Regierung keine Schritte unternommen. Trotz dieser Erfahrungen gab die Regierung neuerlich die Erlaubnis zur Abhaltung eines Kongresses der christlichen, rumänischen Studentenschaft in Craiova für den 1. Dezember a. c. Trotzdem dieser Kongreß gegen den Willen und gegen den Protest der Universitätsbehörden abgehalten wurde, gab die Regierung große Mittel für das Zustandekommen desselben aus und ließ den Kongreß auch in ihrem Namen offiziell begrüßen. Eine Interpellation des jüdischen Abgeordneten Landau in dieser Frage wurde vorn Parlament mit Geschrei und Terror zurückgewiesen. Der Vertreter der Regierung, der Unterrichtsminister Costachescu, hielt als Antwort auf die Interpellation des jüdischen Abgeordneten eine ausgesprochen antisemitische Rede, die eine unerhörte Provokation gegenüber der gesamten jüdischen Bevölkerung bedeutete und in einem Ton gehalten war, wie man sie noch vielleicht vom berüchtigten G og a (der Innenminister unter der letzten Averescu-Regierung) -im Jahre 1926 zu hören bekam. Es ist klar, daß die Glorifizierung der antisemitischen Studenten durch die Regierung dieselben zu weiterer anf!jüdischer Aktivität veranlassen mußte. Dies zeigte sich auch einige Tage später in den schweren Studentenexzessen in lassy, wo nicht nur acht jüdische Studenten von den studentischen Exzedenten erheblich verletzt wurden, wobei einzelne Universitätsprofessoren die ganze Bewegung leiteten oder ermunterten, sondern wo auch Ausschreitungen der christlichen Studenten gegenüber der jüdischen Bevölkerung von Jassy vorkamen. Die Ruhe ist, zur Zeit als wir das schreiben, noch nicht hergestellt, und die Regierung verspricht energische Maßnahmen zu ergreifen. Die letzten antisemitischen Ausschreitungen der Studenten sind eine direkte Folge der verfehlten Politik der gegenwärtigen Regierung. Schon bei ihrem Regierungsantritt hatte der Innenminister Vaida-Voevod nichts anderes zu tun, als die seitens der liberalen Regierung nach den bekannten Exzessen von Oradea Mare versiegelten Studentenheime wieder zu öffnen und die verbotenen antisemitischen Studentenorganisationen neuerlich in ihrer Arbeit zu autorisieren. Die Folge war, daß diese Brutstätten antisemitischer Propaganda ihre Arbeit frei wieder aufnehmen konnten. Hierzu kommt, daß bisher keine Regierung (mit Ausnahme des Falles von Oradea- Mare) es gewagt hat, die exzedierenden Studenten wegen ihrer Brutalitäten zur Rechenschaft zu ziehen und zu bestrafen. Es ist hier in Rumänien beinahe schon zur Selbstverständlichkeit eworden, daß, nach einem bekannten Ausspruch des Senators bner, die Studentenschaft über dem Gesetze steht, die Judenschaft aber außerhalb des Gesetz es. Wenn man noch, wie dies der Unferrichfsminister Costachescu als Vertreter der Regierung zweimal tat, die rumänischen Studenten in Schutz nimmt und feiert und gegen die Judenschaft eine antisemitische, ja im wahren Sinne des Wortes feindselige Haltung einnimmt, dann darf es niemanden wundern, wenn die antisemitischen Studenten glauben, vollkommen freie Hand zu haben. Die gegenwärtige Regierung muß tnoralisch die Verantwortung für die Ausschreitungen tragen.