Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 100 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 680 JÜEDISCH1 RUNDSCHAU Nr. 100, 20. XE 1029 Innerzionistische Diskussion Keine Vertuschung I Von Dr. S. Schereschewsky, Berlin. Sinn und Zweck des kommenden Delegiertentages werden nach den Erklärungen der verschiedenen Gruppen immer unklarer. Die Begründungen schwanken, der eine sagt dies, der andere jenes. Darum sei nochmals dargelegt, worum es bei diesem Delegiertentag gehen soll, wenn er überhaupt einen Sinn haben soll. Dabei sei bemerkt, daß ich mich für keine der im Wahlkämpfe aufgetretenen Parteien, etwa die des ״Linken Zentrums“ oder der sozialistischen Zionisten einsetzen kann. ich habe z. B. immer erklärt, daß ich mich dtirch&lis nicht zu den חסידים der Meinekestraße zähle, vielmehr in einer Reihe von Fragen ihre Haltung für unannehmbar und bekämpfenswert halte. Ich stehe in Fragen der Qemeindepolitik durchaus auf dem Standpunkt unserer Freunde von der Volkspartei, in der Kulturarbeit der Z. V. f. D. und ihrer Richtung verlange ich eine ganz andere Tendenz als es diejenige Ist, die heute herrscht. Ich bin selbst gegen die überwiegende Mehrheit des Misrachi ebenso wie Dr. Barth für die Umwandlung der Z. V. f. D. in einen Territorialverband eingetreten, weil ich angesichts der Differenzierungen im Zionismus den bisherigen Zustand für unhaltbar erachte. Aber eben darum, weil es eine Reihe von Meinungsverschiedenheiten auf vielen anderen Gebieten zionistischer Arbeit gibt, darf es heute, bei diesem Delegiertentag, keine Vertuschung geben, muß Klarheit geschaffen werden. Wenn der Delegiertentag wirklich, wie gesagt wird, das Ziel haben soll, Frieden in der Z. V. f. D. zu schaffen, wenn verhindert werden soll, daß in kongreßpolitischen Fragen von der Z. V. f. D. eine Stellungnahme erfolgai soll, selbst wenn sich eine Mehrheit für die eine Meinung finden sollte (Dr. Ascher, Dr. Sandler), warum ruft man dann einen Delegiertentag zusammen, der gerade zu kongreßpolitischen Fragen Stellung nehmen soll, der gerade durch Mehrheitsvotum an die Stelle der einen Richtung, von der man behauptet, daß sie nicht die Meinung der deutschen Zionisten ist, eine andere Richtung setzen soll, die man dann als die der deutschen Zionisten der Welt präsentieren will? Soll es andererseits um die kongreßpolitische Aussprache wirklich gehen, was hat dies dann mit den Fragen der Orgar.isationstorm zu tun, mit der Zusammensetzung der Leitung, mit Koalition und dergleichen? Was für einen Sinn hat es dann, daß sich die Sonderverbände als solche vom Wahlkampf ausschließen. wo es sich doch um eine Frage handelt, die über die bestellenden Parteien hinweg behandelt werden soll! Darum muß klar herausgearbeitet werden, worum es geht! Dieser Delegiertentag soll und wird nicht die Entscheidung darüber bringen, ob eine Gruppe berechtigt ist, im Kamen des deutschen Zionismus zu sprechen, er wird nicht darüber zu entscheiden haben, aus welchen Gruppe» künftig das Präsidium zusammengesetzt sein soll, ,um den Frieden 1a der Organisation zu bewahren, er soll und wird vielmehr zu entscheiden haben, welche Richtung in unserer Politik maßgebend sein soll, welches die Grundlagen unserer Politik sein müssen, ganz gleich, welche Gruppe sie vertitt. Soli unsere Politik weitet wie bisher *ine solche der Illusion, der Proklamationen, Deklarationen i'jtfd Proteste sein, oder soll sie 'eine '■Wche^seltv-dWrmit; den vorhandenen Tatsachen rechnet, für deren Vorhandensein wir nichts können, und die uns nicht den Gefallen erweisen zu verschwinden, wenn wir sie ableugnen oder nicht sehen wollen. Soll unsere Politik orientiert sein an den Lebensformen und -forderungen der anderen Völker, sollen wir nach Erez-?Israel, in das Land des jüdischen Volkes und des Judentums, hineinkommen als die Träger europäischer, nichtjüdischer Auffassuhg vom Zusammenleben von Menschen und Völkern, oder erheben wir den Anspruch, dort ein neues, ein jüdisches Leben unseres Volkes aufzubauen?! Soll unsere Politik eine solche sein, daß sie bestehen kann vor unserer Geschichte, vor unserer Vergangenheit, vor unserem Judentum, vor unserer Zukunft, oder soll sie unser Innerstes, die Seele unseres Volkes beflecken?! Das sind die Fragen, die wir heute stellen, die wir als Zionisten stellen, die erkannt haben, daß Erez-Jisrael und Am-Jisrael untrennbar miteinander verbunden sind, daß das eine ohne das andere nicht lebe» kann; diese Fragen stellen wir, oder kh, als Misrachist, der weiß und bekennt, daß Erez-JisraeFAm-Jisrael und Thorath-Jisrael zueinander ge- Jütten wie Nahrung, Körper und Seele. Das sind die Fragen, über die der Delegiertentag entscheiden soll, und darum steht für uns im Mittelpunkt die Araberfrage. Sie, die Frage, wie wir unser Verhältnis zu der arabischen Bevölkerung Palästinas regeln wollen, ist für uns, und — das beweist die Haltung der Presse der Welt! — auch für die Welt, die wichtigste Frage, die entscheidende geworden, unabhängig davon, ob wir es wollen oder nicht. Es sind das Fragen, die wir uns überlegen müßten, selbst wenn es nicht die furchtbaren Ereignisse in Palästina gegeben hätte, es sind dieselben Fragen, die. Bubcr schon int Jahre 1921 auf dem ersten ZionistenkongreB nach der Balfour- Deklaration gestellt hat; es sind Fragen, auf die wir eine Antwort geben müßten, auch wenn wir die M a j o r i t ä t im Lande schon hätten, auch wenn die Araber ein ganz wehrloses, geringes Volk wären, — und vielleicht wäre dann die Antwort noch besonders schwer! Nun jetzt sind diese Fragen besonders dringend, besonders brennend, eben weil es die Unruhen im Lande gegeben hat, weil durch sie blitzartig unsere gegenwärtige Situation erhellt worden Ist. Wir müssen damit rechnen, daß in Erez-Jisrael 700000 Araber wohnen, die nicht die Absicht haben,«uns zuliebe das Land zu verlassen. Wir müssen damit rechnen, daß es heute, wie die Durchführung der Unruhen und besonders des Boykotts beweist, eine nationale Bewegung unter den Arabern gibt, deren Formen uns nicht gefallen mögen, deren Organisation uns nicht demokratisch erscheinen mag, — wir sind ja auch bei ihrer Aufrichtung nicht gefragt worden —, deren Führer von uns nichfeanerkannt werden — wir erkennen ja die unsrigen kaum an aber sie ist doch da, und es ist diesen undemokratischen Führern gelungen, sie zu schaffen und für ihre Zwecke zu benutzen! Wir müssen damit rechnen, daß, wie Arlosoroff in seinem Artikel schreibt, ״die Gruppe arabischer Jugend und Intelligenz, die mit moderner, besonders englischer Kultur erfüllt istj in dauerndem Wachstum begriffen ist, daß es in diesen Tagen im arabischen Lager in viel stärkerem Maße Tendenzen einer nationalen Intelligenz- und Jugendbewegung gegeben hat.“ Wir müssen damit rechnen, daß es in Palästina, wie überall, auch unter den Arabern Lehrer, Geistliche, Rechtsanwälte, Aerzte und Beamte gibt, die «ln starkes idealistisches, nationales Streben haben und nicht bereit sind, uns zuliebe oder für Geld und gute Worte auf ihre Ziele zu verzichten. Wir müssen damit rechnen, daß nicht alle Araber ״Räuber und Mörder“ sind, und daß es darum nicht n u r um die Frage des Schutzes vor Ueberfällen geht. Denn es gibt noch ganz andere Mittel des Widerstandes, wie z. B. den Boykott, gegen die uns auch zehn Legionen nicht helfen werden. Wir müssen damit rechnen, daß in fhlfour-Deklaration und Mandat, den einzigen Dokumenten für unsere Forderungen gegenüber England und (kn Völkerbund, euch de Wihnrng er Rechte der einheimischen Bevölkerung durch die Mandatarmacht übernommen worden Ist. und daß die englische Regierung, wie der Unterstaatssekretir für Kolonien im Unterhause mitteilte, nur bereit ist, Juden und Araber gleich zu behandeln. Wir müssen damit rechnen, wie es dis Mitglied der Exekutive, Herr Lazarus Barth, gegenüber einem revlsionistischen Redner in einer Berliner Versammlung gesagt hat, daß Palästina für uns zwar das einzige Land, für England jedoch nur eine kleine Insel in dem großen, von ihm zu berücksichtigenden, arabisch-mohammedanischen Meere ist. Die englische Regierung, die Indien den Domlnienstatus versprachen, die auf das Irakmandat verzichtet hat. wird in nicht zu langer Zelt, dem Drängen der Araber nach Abschaffung des automatischen Beamten- und Kolonisationsregimes und seiner Ersetzung oder Ergänzung durch eine Volksvertretung nicht widerstehen können. Kurz, wir müssen damit rechnen, daß die Araber 80 sind wie sie sind, nicht wie wir sie wünschen, und daß es auch politische Bedingungen gibt, deren gegenwärtige Gestalt von uns in weitem Maße unabhängig in. Und wir fragen, wir müssen fragen, unsere Führer, unsere Organisationen, unsere Parteien, unsere Bewegung•. Welche Antwort gebt ihr auf unsere Fragen? Wie stellt ihr, die ihr die Führer seid, die ihr die Verantwortung habt, ihr, die ihr vorgebt, die Erfahrenen zu sein, euch unser Verhäftnis zu den Arabern vor? Wollt ihr, wie es Arlosoroff schreibt, mit kühlem Kopf eine besonnene Analyse vornehmen, die die wirklichen Kräfteverhältnisse und Entwieklungstendenzen kalt abwägt, oder glaubt ihr nur durch Aufrufe an das Jüdische Volk, durch Forderung nach einer Majorität, deren Erringung doch jedenfalls eine lange Zeit in Anspruch nehmen wird und von den wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes abhängig ist, durch Ablehnung jeder Verhandlung, durch Geschrei nach dem Judenstaat allein, durch Verstärkung unserer Forderungen an England, dieser Tatsachen Herr zu werden? Wie stellt ihr euch wirklich das Zusammenleben von Juden und Arabern in Palästina vor, damit nicht die Begeisterung des jüdischen Volkes und sein Opfermut nutzlos vertan wird durch eine kt^rzsichtige, illusionistische Politik? Glaubt ihr wirklich, daß eine nationale Majorität auch Immer eine politische sein wird? Haben wir denn schon Petach- Tikwah vergessen, wo aus wirtschaftlichen Gründen luden, die Kolonisten, für arabische Arbeit eintraten? Von euch, den Führern, dem Delegiertentag, verlangen wir Antwort auf unsere Frage: Welche Politik soll getrieben werden? Realpolitik oder Illusionspolitik? Aber noch eine andere Frage haben wir zu stellen, wie Ich schon eingangs erwähnte. Die Frage nämlich: Sou unsere Politik eine solche sein, daß sie unserer Tradition, unserer Geschichte, unserem Judentum entspricht, oder sollen wir uns jener nationalen Assimilation hingeben, jenem ז נהיה ככל העמיס! Verpflichtet jüdische Politik oder nicht? Nicht die Balfour-Deklaration hat uns Er,ez-Jisrael gegeben, nicht die Völker der Welt haben uns unseren Anspruch auf unser Land zuerteilt, nein, es war der *5ג״ן< wie es Raw Werner aus Slchron Jakow neulich in einem Zelre-Misrachi- Kreise gesagt hat. Als Volk des חנ״ך •als Volk des Judentums haben wir unser Land erhalten• Als Volk, das mit seine! Ideen der Gerechtigkeit, des Rechte, das mit den Gestalten *einer :Propheten, das nflt;sei«e«».?LeJäea..c8e Witt;erobert hat. Als Volk, da® immer und gf. allen Orten die Männer gestellt hat, de gegen unterdrlctlng, de gegen Gew#, de fegen Ausbeutung der Schwachen ln erster leihe gekämpft aßen. Als das Volk, das durch seine Eidstenz die Wahrheit des Wortes bezeichnete, daß ׳לא כחיל 1לא בצח nicht die Macht das Entscheidende im Leben von Menschen und Völkern sein dürfe und sei. Dies war und ist unser Stolz, aber wir haben damit für alle Zeiten eine Verpflichtung auf uns genommen. Darum muß die Politik unserer Bewegung, wenn sie wirklieh im Zusammenhang mit dem Sehnen des jüdischen Volkes, mit dem Judentum bleiben will, auf Frieden und ehrlicher, klarer Verständigung mit den Arabern beruhen, sich freihalten von dem Scheine der Gewalt und Unterdrückung. ״W e r w i 11 denndasnfeh t?“ fragt man vielleicht! Nun, was hat denn das Wort, daß wir an die Frage der Regelung unseres Verhältnisses zu den Arabern erst ״nach Erlangung der Ma joritat“ herangehen wollen, für einen Sinn? Muß denn nicht jeder Unbefangene diese Worte mißdeuten? Wie soll man es verstehen, daß das jüdische Volk, das überall die Kämpfer für Völkerfreiheit gestellt hat, für das Selbstbestimmungsrecht der Völker, daß Zionisten, deren Bewegung doch die der Befreiung und Selbstbestimmung eines Volkes ist, daß wir Juden uns mit Händen und Füßen gegen jede Form einer parlamentarischen Vertretung der palästinensischen Bevölkerung wenden, daß wir diese Frage für indiskutabel halten, daß wir diejenigen, die sie aufwerfen, für Verräter und Defaitisten erklären!? Gewiß, unser. Kampf geht gegen jede Form der Unterdrückung, und auch in Erez- Israel und gerade dort werden wir gegen eine Ausnutzung der Macht gegen uns zu kämpfen haben, — aber gerade darum gibt es nur einen Weg, den der Verhandlung, der Verständigung, wo man bereit ist auf nicht Wesentliches zu verziehten, um das wirklich Wesentliche zu bewahren, das Gemeinsame zu betonen, die gemeinsamen Interessen herauszuarbeiten, und das Trennende zu überbrtteken, um in Palästina wirklich die Nationale Heimstätte des jüdischen Volkes zu errichten, wie es in der Balfour-Deklaration und dem von uns angenommenen Weißbuch gesagt ist, wo weder Araber die Juden noch Juden die Araber majorisieren sollen. Der Zionismus hat dem jüdischen Volke die schon fast verlorene Kraft wiedergegeben, selbst die Formung seines Geschickes in die Hana zu nehmen, sich freizumacnen von der Schtadlonus-Politik, und aufrecht als Volk gegenüber anderen Völkern, in würdiger Verhandlung, und Haltung, wie ein selbstbewußter Mensch vor dem andern, zu stehen und seine berechtigten Forderungen zu stellen. Aber der Zionismus hat dem Volk die Aufgabe gestellt, nun auch zu verwirklichen, was es von sich behauptet hat, nun auch zu zeigen, daß die Ideen von Recht und Gerechtigkeit nicht solange und deshalb von uns vertreten werden, weil wir die Geknechteten, die Unterdrückten sind, sondern auch, , wenn wir zur Macht gelangt sind, wenn wir unser eigenes, freies Heim bauen. Und wir haben diese Aufgabe bewußt übernommen, indem wir ankämpften gegen die verpflichtungslose Missionsidee der vorigen Generation. Und nicht umsonst steht an der Wiege unserer Heimstätte der Arbeiter, der Poel, als die den Zionfsmus beherrschende, und ihm Inhalt verleihende Macht, er, in anderen Ländern der Vertreter der unterdrückten Klasse. Und wiederum fragen wir, — und darüber soll der Delegiertentag die Entscheidung bringen, — welchen Weg soll unsere Politik gehen, denjenigen, den wir vor unserer Vergangenheit, vor unserer wirklichen Zukunft, vor unserer Verpflichtung, vor der wahren Zionssehnsucht des jüdischen Volkes vertreten können, den Weg, der uns die Sympathie der Wett um seiner Gerechtigkeit willen erringt, oder den traditionslosen, un jüdischen weg, der orientiert ist an der Herrenpolitik europäischer Völker? So stehen wir zum Delegiertentag, dies sind unsere Forderungen. Wir stellen sie an unsere Führung, besonders aber an die zionistische Oeffentlichkeit. Denn well wir sehen, daß unsere Führung nicht gegen die Stimmungen der zionistischen Massen auftreten will, daß sie sich treiben läßt, statt zu führen, darum gilt es jetzt ln der Organisation das Verständnis für die Verständigungspolitik zu wecken und zu verbreitern. Das soll der Sinn des Delegiertentages seinl Der Kampf wird nach ihm weiter gehen, er wird nach der Klärung offener, tiefer, wahrer sein, der Kampf nicht um die Macht im Zionismus, sondern um den Sinn des Zionismus, nicht um ״politischen Zionismus“, sondern um die zionistische Politik! Zum Delegierfentag Von Dr. Moritz BileskL I. Vom Delegiertentag wird die Bildung einer neuen Leitung der Z. V. f. D. mit der Begründung gefordert, daß die politische Haltung der alten Leitung nach den letzten Ereignissen nicht gebilligt werden könne. Die Gruppen, die in dieser Weise die Leitung unter dem Gesichtspunkt der allgemeinen zionistischen Politik zusammensetzen wollen, werden der Bedeufung der zionistischen Arbeit in Deutschland nicht gerecht, welche die Hauptaufgabe der Z. V. f. D. ist Die Leitung soll in erster Linie auf Grund der Eignung für diese Arbeit gewählt werden. Die Bedeutung unserer Aufgabe im deutschen Judentum verlangt, daß dieser jGrandsatz festdie־ heute die Repräsentation der verschiedenen politischen Meinungen in der Leitung verlangen, gleichzeitig den Grundsatz der Neutralisierung der Z. v. f. D. in kongreßpolitischen Fragen proklamieren. Wenn man diesen Widerspruch — einerseits völlige Abstinenz der Z.V. f. D. in kongreßpolitischen Fragen, andererseits Bildung der Leitung nach kongreßpolitisenen Gruppierungen — damit begründen will, daß auf diese Weise eine Garantie für politische Neutralität geschaffen würde, $0 darf wohl entgegnet werden, daß gerade diese Auflassung die Bedeutung unserer Leitung nicht angemessen würdigt. Sie ist zu schade, um lediglich als Kontrollinstanz für die Einhaltung des richtigen — oder gar keines — Kurses in der allgemeinen Kongreßpolitik gewertet zu werden. Wichtiger als die Sorge, daß die kongreßpolitisehen Aeußerungen der Z. V. f. D. auch wirklich von allen Kongreß-Fraktionen gebilligt werden können, ist die Sicherheit für eine würdige Vertretung und wirksame Verbreitung des Zionismus ln Deutschland. II. Die allgemeine zionistische Politik soll deswegen keineswegs gänzlich aus dem Arbeitegebiet der Z. V. f. D. ausgeschaltet werden. Trotz aller politischen Meinungsverschieaenheiten muß es Zionisten möglich sein, sich zur Arbeit zusammenzufinden, solange sie den Aufgaben, die uns allen die gemeinsame Sache stellt, dieselbe Bedeutung beimessen, wie ihrem Gruppenpatriotismus. Das zionistische Leben der Z.V.I. D. würde ärmer werden, wenn es in ihrem Bereich in Zukunft verboten sein sollte, die Kongreßprobleme zu behandein, wenn diese Aufgabe der innerzionistischen Diskussion ganz den Gruppen überlassen werden sollte. Will man aber eine Diskussion, so muß man auch die MögQchkeit einer Entsdteidtmg offen lassen, ohne die sie nicht in wirklich verantwbrtlfcher Weise, als Vorbereitung einer Willensbildung, politischen Diskussion. Die ״Rundschau“ ist durch die würdige und ernste Art, in der sie die allgemeinen Fragen des Zionismus behandelt, zu einem der wichtigsten Organe des Zionismus überhaupt geworden, und man kann wohl ohne Uebertreibung Sagen, daß die Bedeutung des deutschen Zionismus zu einem Teil ihrem Niveau auf diesem Gebiete zu verdanken ist (was zunächst noch gar nicht eine Uebereinstintmung mit ihrer Richtung bedeuten muß). Dieses wertvolle Aktivum des deutschen Zionismus sollte man nicht durch einen NeutralititsbeschluB zerstören, der aus der ״Rundschau“ ein Organ machen müßte, das alle zionistischen Richtungen mit derselben Leidenschaft oder Gleichgültigkeit vertritt. Wenn man daher der ״Rundschau“ eine politische Linie erhalten will ־- gleichgültig welcher Art sie sei — so müssen auch die Instanzen der Z. V. f. D. die Möglichkeit haben, diese Linie durch Beschlüsse zu bestimmen. III. Für den nächsten Delegiertentag sind Fragen der Politik von besonderer Bedeutung, weil um sie in den letzten Wochen im deutschen Zionismus scharfe Differenzen entstanden sind. Freilich ist der Inhalt dieses Meinung«־ Streites nicht ganz so, wie ihn manche Führer zur Rechtfertigung und besseren Erhaltung ihrer politischen Sonderexiatenz schildern. Wenn z. B. manche Gruppen sich als besonders patentierte Anhänger der Balfour-Deklaration auf* führen, die sie gegen schwächliche Verzichtspolitiker zu verteidigen hätten, 80 muß gegen diese Irreführung der öffentlichen Meinung mit Deutlicakeif W1־ dersprueb erhoben werden. Der Streit geht nicht um das Ob, sondern um das Wie der Realisierung der Baifour-Deklaration. Auch die Forderung ״neuer Zielsetzungen“, welche der Opposition so besonders verdächtig ist, soll doch nur dem einen großen Ziele — der Errichtung der Nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina — dienen. Durch den Rahmen dieses Zieles sind die Möglichkeiten unserer Politik für jede vorhandene Richtung fest Umrissen. In ihn hinein gehört und daher zulässig ist allerdings die Prüfung der Frage, ob die politischen Zieivor- Stellungen des Zionismus für alle Zeiten unwandelbar bleiben müssen, wen» die Nationale Heimstätte Wirklichkeit werden soll. Eine Abwandlung des politischen Zieles enthält es, wenn man die Vorstellung eines durch jüdische Staatsgewalt beherrschten Palästina durch den Plan einer politischen Gestaitung des Landes ersetzen will, in der auch das dauernde Recht der arabischen Einwohnerschaft auf autonomes Eigenleben und Mitbestimmung der politischen Entwicklung verfassungsmäßig anerkannt und auch der Staatsgewalt selbsf gegenüber, gleichviel in wessen Händen sie sei, verbürgt wird. Wenn, wie behauptet wird, auch eine solche Form, und unter den Bedin* gungen der Wirklichkeit vielleicht nur sie, die Errichtung aer Nationalen Heimstätte für das jüdische Volk sichern kann, so bedeutet das zwar eine Abwandlung der politischen Ziel- Vorstellung, aber keinen Verrat an der Balfour-Deklaration. IV. An diesem Punkte der Diskussion erklären in der Regel zahlreiche Angreifer neuer Zielsetzungen, das wäre ja alles selbstverständlich, auch der Judenstaat solle doch kein riehtlzer Staat sein, Majorität bedeute weder Verdrängung noch Unterdrückung, und gelegentlich spricht man sogar auf dieser Seite jetzt schon von bfnationaler Anerkennung der Araber. Ke Frage, ob es nicht politisch klug sei, die dann doch un-