Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 100 (20.12.1929)
- Date
- 1929-12-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- Ahad Ha'am 1× ep/1026162
- Gustav Mahler 1× ep/1025344
- Jakob Wassermann 1× ep/1005248
- Jean-Richard Bloch 1× ep/1025921
- Joel Engel 1× ep/1009563
- Joseph Roth 1× ep/1025535
- Lazarus Goldschmidt 1× ep/1023674
- Lord Byron 1× ep/1024863
- Max Brod 1× ep/1024844
- Nathan Asch 1× ep/1034105
- Nossen 1× ep/1045325
- Oskar Baum 1× ep/1024770
- Paul Amann 1× ep/1023284
- Richard Friedenthal 1× ep/1025011
- Stefan Zweig 1× ep/1025800
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Seite 078 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr.!00, 20. XII.!929 11nH T Habimah: Der Schatz Scholem Aleichem bezelchnete sein Theaterstück ״Der Schatz“, das er im Jahre 1008 verfaßte, als eine ״Komödie“. Wie in vielen anderen humoristischen Skizzen und Erzählungen zeigt Scholem Aleichem seine Kasrilowker Juden wieder einmal in dem Zustand eines leichtbeschwingten Rausches, in welchen sie unbegründete Hoffnungen auf Erlösung aus materieller Not brachten. Alle Kasrilowker Juden Scholem Aleichems, alle seine Helden überhaupt, die arm sind, lieben dieses Phantasiespiel, ohne es ernst zu nehmen, ohne hernach verwundert, geschweige denn erschüttert zu sein, wenn aus dem- Spiel nichts wird. Es ist dies eine der reizendsten Besonderheiten in dem Schaffen des großen jüdischen Humoristen, daß seine Helden mit philosophischer Ruhe und Sorglosigkeit eigenes Mißgeschick und Oeldmiseren betrachtcn. Man erinnere sich bloß, wie Menachem Mendel aus allen Plagen, unter denen andere längst zusamtnengebrochcn wären, heil an Seele herauskommt, Hätte die Habimah, als sie Scholem Aleichems Theaterstück einstudierte, sich Mühe gegeben, das Wesen seines Schaffens, die Bedeutung seines Optimismus, seines Humors, zu erfassen, dann hätte sie ״Den Schatz“ nicht als ״Tragifarce“, sondern als leichte Komödie, als musikalische Operette gespielt. Keine Leidenschaft, keine Gier, keine Fratzen. Kasrilowker Juden haben wieder einen ״Wunschring“, die Armen wiegen sich wieder in einem Traum, diesmal ist es die Legende von einem Schatz, den Napoleon während seines Rückzuges auf dem jüdischen Friedhof begraben haben soll. Es ist also eine der vielen Variationen von, ״wenn Ich Rothschild wäre“, mit der ein Kasrilowker spielt und sich ein wenig tröstet.... Die Ha- Mmah mußte das Gemüt- und Seelenvolle aus dieser Schatz- Begebenheit heraasfiihlen und darstellen. Am besten in realistischen Formen: Einen kleinen Marktplatz mit jüdischem Leben. Und Juden, Juden nicht in widerlichen bemalten Fetzen, die auf die Dauer nicht zu ertragen sind, die uns mit Ekel erfüllen, sondern Scholem Aleichem-J uden, um Himmels *willen! Ein Schadchen bei Scholem Aleichem hat niemals wie ein herumspringender Teufel ausgesehen. Hablmah hat diesen leichten Ton, diese Komödie, das Spiel mit dem Schatz, mit einem Wort das Humorvolle, nicht herausgebracht oder nicht herausbringen wollen. Statt dessen bringt sie eine ihrer nicht würdige Granowsky-Nachahmung. Es ist traurig, dies feststellen zu müssen, besonders für einen, der zu den Freunden und Bewunderern der Habimah gehört Aber in Knnstdingen wenigstens muß Wahrheit herrschen. Als Granowsky mit seinem ״Benjamin III.“ und ,,Die Nacht auf dem alten Markt“ große Kunst zeigte, war man objektiv und gerecht genug, sie anzuerkennen, obwohl die ganze Granowskysche Art, jüdisches Leben darzustellen, abgelehnt wurde. Nun, da jetzt Habimah einen schlechten Granowsky bietet, ist es Pflicht, wie schmerzlich es auch sei, dies offen zu sagen. Jawohl, ein schlechter Granowsky mit all den expressionistisejien und Talro«rschen Mitzehen, mit der pbHgaten^ teiter, auf. der 'lemälte,.'’fmbe11Jiaffe JuaCtT-4 Scli'öiletTr:כAfetäfie^“״; Juden! — klettern und Gymnastik treiben, ״Awiroh deerez Jisroel machkim“ (Die Luft Erez-lsraels macht klug) heißt es bei uns, die Freunde der Habimah dachten gewiß an diesen Satz, als sie hofften, daß der Aufenthalt in Palästina neue künstlerische Taten zur Folge haben würde. Man wagte sogar zu hoffen, vielleicht einmal auch modernes jüdisches Leben dargestellt zu bekommen. Moderne jüdische Menschen mit all ihren Problemen und Konflikten. Menschen, die nicht unbedingt schreien, lärmen, sich wild gebärden, wenn sie etwas Ernstes erleben. Die Habimah will und kann aber mir Vergangenes gestalten; gut, wir akzeptieren das. Das Vergangene ist uns teuer genug, auch der Melamed. Wir haben alle bei dem Melamed gelernt, das ganze jüdische Volk hat bei dem Melamed gelernt und hart ihm gar manches zu verdanken. Der Melamed aber, den wir auf der letzten Habimah-Vorstellung gesehen haben, flößt uns tiefsten Widerwillen ein. Wieso wurde die Habimah von allen guten Geistern auf einmal verlassen? Aus der Fülle von Geschmacklosigketten will ich nur ein Beispiel herausgreifen: Jeder, der den ״Dy buk" gesehen hat, erinnert sich der Erschütterung, die das Weinen der Frau am heiligen Schrein, die für ihr sterbendes Kind betet, in ihm hervorgerufen hat. In diesem Klagen lag soviel Leid und Schmerz, das Leid und der Schmerz eines ganzen Volkes! Mutet es da nicht als Entveihung an, wenn die Habimah es jetzt fertig bringt, die Frau, die ihr Goldstück verliert, auf dieselbe Art weinen und klagen 7u lassen? Ueberliaupt herrscht ein Winseln, ein Jammern, ein Gekreische auf der Bühne in solcher Maßlosigkeit, daß vS auf die Nerven geht. Und zum Unglück fehlt dieses Mal, gerade dieses Mal, wo sie so am Platze wäre, die jüdische Musik, jene melancholische, jüdische Musik, die so oft bei mißlungenen Theaterauffftlirangen Retterin war. Noch ein Wort über die Beharrlichkeit, ostjüdische Körper unbedingt in Lumpen zu hüllen unc^ostjüdische Gesiebter nur verzerrt, grimassenhaft, darzustellen. Es soll neue Kunst, es soll symbolisch schattenhaft, grotesk unwirklich sein, aber das sind schließlich leere Worte, wenn man doch an dieser Gewohnheit tiefstes Aergernis nimmt, wenn unsere Seele sich dagegen wehrt. Der lange Kaftan war nicht zerlumpt, und der Jude — der Scholem Aleichem-Jude —, der ihn trug, schritt langsam dahin, in edle, fromme Gedanken vertieft. Auch mein Großvater, Vater und Onkel, auch unser ganzes Städtchen haben manchmal von einem Schatz, von einem ״״roiscen Gewinns“ geträumt, aber sie waren nicht wild, sic beruhigten sich bald, denn sie hatten geistigen und seelischen Halt. Diese Zeilen wollen im übrigen nicht als Rezension betrachtet sein. Sie sind vielmehr der Appell eines aufrichtigen Habimah-Freundes, der sie zu selbständigem, künstlerischein Denken und Empfinden ermuntern will. Habimah sollte sich von all dem Fratzenhaften, verletzend Karikaturistischen, Grellem, Schreiendem, das bei dieser ,,Schatz“-Auf führnng zum Vorschein kam, befreien. Sch. Gorelik. * Musik zu ״Haozar“. Auch in diesem Stück ist die Musik sehr spärlich. An den wenigen Stellen, wo der naturgegebene Zusammenhang von Wort und Musik, Lachen, Weinen, Tanz und Musik ausgenutzt wird — durch Uebergang in ״Nigun“ — atmet man befreit auf über die Entspannung, die dieser für eine ״Tragifarce“ doch reichlich statische Stil für einige Momente erfährt. Die Musik zu ״Haozar“ ist wie die zu ״Kether David“ von Rosowsky. Die Miniatur-Ouvertüre hat fraglos — trotzdem sie nur ganz einfache ostjüdische Volksmotive gibt — Verwandtschaft mit dem Anfang der vierten Sinfonie von Gustav Mahler. Das braucht kein Epigonentum zu sein: es deutet nur auf Beziehungen zwischen Mahlers Musik und jüdischen Volksmelodich, auf die Max Brod ja schon vor langen Jahren hingewiesen hat. Die schönste Partie ist die Zwischenaktmusik vor der Kirchhofszene, jedoch fehlt ihr das grausig Groteske. Am meisten ״jüdisch“ wirken — wie immer — die ״Nigunim“. Im ganzen muß man sagen, daß Rosowskys Theatermusik trotz etwas modernerer Harmonik und raffinierterer Instrumentation dieses Genre eigentlich nicht über das Entwicklungsstadium Joel Engel hinausgeführt hat. Alice Jacob-Loewenson. Habimah und Palästina Es ist eine Pikanterie der Geschichte, daß die großen sozialen Konzeptionen verwirklicht werden, aber anders. Achad Haam hat insofern richtig gesehen, als Palästina schon jetzt ein mächtiger geistiger Faktor geworden ist. Wir haben es am Beispiel Sukieniks voriges Jahr erlebt, was die Faszination dieses Landes vermag. Archäologen pflegen sonst über Fach« kreise hinaus kaum zu interessieren, die Ausgrabungen in Beth Alpha aber gewannen sofort weitgehende Beachtung, Juden und Christen, denen von einer Darstellung der Opferung Isaaks in einer antiken Synagoge erzählt wurde, erfaßten die Tragweite der Tatsache, denn Trgenwie, sei es auch nur von der Religionsstunde her, waren sie auf die Problemstellung vorbereitet. Aegypten, das Land der sensationellen Funde, kann enttäuschen, nicht Palästina, dieser spröde Boden, dem nur weniges abgerungen worden ist. Meier Graefe, dem die Spannung der Erwartung immer fatal wurde, hatte in Palästina glückliche Momente. Spanien brachte ihm die Enttäuschung an Velasquez, in Griechenland stürzte ihm die Vision der vollkommenen harmonischen Schönheit zusammen, nach Palästina ging er ohne Ansprüche. Bedeutet das auch eine Gefahr, nämlich die Ueberschätzung? Wird man bereit sein, alles vorbehaltlos zu bewundern? Kaum. Denn noch hat der Kitsch, der in Palästina, wie überall in der Welt auch, und ln Kolonialländern besonders, produziert wird, niemand irregeführt, oder nur wenige und nicht lange. Der Geschmack wird in Palästina im Zusammenprall mit den frommen Geschmackskulturen gebildet, wird er jemals führend sein? Wird dieses Land je and gesättigte ausstrahlungsfähige Formenkultur besitzen? Vorläufig ist es die Diaspora, die die intellektuellen und die künstlerischen Kräfte des Judentums liefert. Der Diaspora verdanken wir ihre Entstehung und ihre entseheidenae Formung. Aber schon macht sich die Anziehungskraft Palästinas bemerkbar, — in dem Bestreben so vieler, sich an diesem Lande zu messen, sich dort irgendwie wichtige Anregungen und einen Maßstab zu holen. Louis Qolding macht eine ästhetische Reise nach Palästina (״Those ancient lands“, 1928), wie etwa Maurice Barras seinerzeit nach Brügge oder VepifUgfe,,:. K;;fl; ■ , ,!• :;,j3; ־■׳., ״ ,, ״.(; Eine eng verbundene •Künstlergenieitischaft, die;Moskauer Schauspielertruppe ״H a b I m a h“ stimmt ihr wirken auf Palästina ab, bereitet sich durch die hebräische Sprache, durch die biblischen Darstelhmgsstoffe auf dieses Land, ein unerhörtes Beginnen. Man hat antike Dramen in griechischer Sprache aufgeführt, aber hat man es je für wichtig gehalten, diese Schauspiele den heutigen Griechen vorzuführen, um etwa zu prüfen, wie sie reagieren? Palästina ist ein Prüfstein geworden, und wenn sich die Habimah gekränkt fühlen sollte, weil ihr dort das Experiment nicht ganz geglückt ist, so muß man sie vertrösten mit dem Hinweis darauf, daß es ihr einmal gelingen könnte, durch immer innigere Anpassung. Die Frage ist, ob dies erwünscht ist. Denn, was die Habimah auf geben müßte, ist nicht mehr und nicht weniger als ihre Vergangenheit. Da hat sich dieses Moskauer Theater zu der Einsicht durchgerimgen, daß trockener Historizismus falsch ist, daß Gordon Craigsche Abstraktionen falsch sind, daß Altmannsche konstruktive Spielereien falsch sind, und doch hat es von jeder dieser Richtungen etwas gelernt und behalten, soll nun diese wertvolle Erfahrung, der Niederschlag einer verfeinerten, in jahrelanger Arbeit angeeigneten Theaterkultur, beiseite geschoben werden aus Rücksicht auf die zweifellos berechtigten Bedürfnisse der palästinensischen Wirklichkeit? Der Konflikt war vorauszusehen. Die Lösung wäre eindeutig, handelte es sich allein um die Schaffung eines Theaters für Palästina, aber es handelt sich um mehr, um ein Theater für das geistige Zentrum, um ein Theater, das berufen ist, den jüdischen Gemeinschaftsgedanken zu repräsentieren. Schon dieses Drama ״Ket her David“. Durch den mitschwingenden biblischen Hintergrund steigert sich uns darin mancher calderonsche Zug ins Shakespaerehafte. Es ist unsere Königstragödie. Der ganze Zuschauerraum empfindet das, sogar die anderen, die nicht mittun wollen. Welches Stück sonst, welches Theater hat uns je diese Schauer vermittelt? Vielleicht geht ln Palästina eine andere Version des David, des Absalom, des Amnon, des Salomo um. Aber uns, die wir nun einmal von den fleurs du mal der europäischen Kultur ge« nossen haben, uns ist David ״Der Alte der Tage“, ganz die Gestalt des Messkin, und Salomo schmal, zart und hart (Winiar), die scharf gezeichnete grazile Figur einer spätgotischen Miniatur, und zu Amnon (Finkei) suchen wir Parallelcn bei Rib-eira, und Absalom (Zwi Friedland) vergleichen wir unwillkürlich mit dem weicheren Gegenstück RemBrandts, und bei Tamar, der Rowina, der griechischen Vestalin, entgeht uns nicht der besondere Zug um den Mund, diesen zuweilen schmerzverkrümmten Mund, den das russisch-jüdische Elend geformt hat. All das sind Elemente unseres europäischen Schicksals, zweitausend Jahre Diaspora haben das ihrige getan, haben die Gestaltungsweise der Habimahkünstler ge« prägt. Wenn demgegenüber die Wahrsagerin und die Tamar in einigen ihrer Gesten orientalisch bedingt erscheinen — wie sie sich auf dem Boden wälzen; die Bodennähe ist orientalisch, die Europäerin bewegt sich im Raum, füllt ihn — so haben wir hier das neue, die palästinensische couleur locale. Die Zukunft wird zeigen, wie sich die heterogenen Eiemente vereinen lassen und was wir durch die Vorschiebung der Habimah nach dem Orient gewinnen. Solange Palästina uns aus sich heraus keine Kunst geben kann, bleibt wohl das Problem eines jüdischen Theaters an den Boden, dem es entwachset\ ist, durch vielfache Schichtungen verbunden. Rahel Wischnitzer- Bernstein. Am 22. Dezember, vorm., findet in der Jüdischen Gemeinde ein Empfang des Ensembles der ״Habimah" statt, Neue Büdier jüdischer Autoren (Vorläufige Ankündigung.) Von dem als Autor von ״Simler & Co.“ und ״Kurdische Nacht“ bekannten französisch - jüdischen Dichter Jean- Richard Bloch erschien jetzt im Verlag Paul Zsolnay (Wien) ein Reisebuch ״Auf einem Frachtdampfer nach Afrika. Entdeckungsfahrt ins Land des Allbekanntcn.“ Mit seinem feinen Einfühlungsvermögen und seinem Verständnis für menschliche und gesellschaftliche Tatbestände vermochte Bloch die Impressionen des Alltags dieser einsamen Seereise einzufangen, und da er ein glänzender und kuitivierter Schriftsteller ist, wurde es nicht nur ein nachdenklieh es, Probleme anschneidendes, sondern auch ein sehr unterhaltendes Buch (in kongenialer Uebersetzung von Paul Amann). Ein anderer beliebter französisch-jüdischer Schriftsteller, Josef Kessel, wird dem deutschen Publikum durch einen spannenden Roman ״Ab Mitternacht“ (Nuits des princes) nahegebracht, der in der verdienstvollen Serie ״Romane der Welt“ des Th. Knaur Nachf. Verlags, Berlin w 56 (zu M. 2,85), erschien. Kessel, der vor kurzem einen bedeutenden Literaturpreis erhielt (una der auch ein Buch über Palästina geschrieben hat), schildert Figuren der emigrierten russischen Aristokratie, die im Vergnügungsbetrieb von Montmartre in Paris ihr Leben fristen. Es ist ein Exilantenschicksal und seine Lösung durch gesundes Volkstum. Max Brods neues Drama ״Lord Byron kommt aus der Mode“ (Paul Zsolnay Verlag, Wien), das man hoffentlich bald in Berlin auf der Bühne sehen wird, gehört, wie alle Bücher Brods, in den geistigen Zusammenhang des ethischen Problemkreises; auch hier der Kampf der Menschen gegen das Böse, das behebbare, ״unedle“ Unglück, gepaart mit der Einsicht in die Unbehebbarkeit des ״edlen“, metaphysisch begründeten, aus dem Wesen der Weit sich ergebenden Unglück. Demgemäß hat auch diese Tragödie des Revolutionärs Byron kein rhetorisches Pathos, sondern durch das opferreiche Leben dieses der Idee dienenden und zugleich sinnlichen Menschen geht ein Zug von Skepsis, von Wissen um die notwendige Unzulänglichkeit alles Menschlichen, die aber niemand berechtigt, nicht ״dennoch“ das ihm Mögliche zu tun. ... ln der Nachbemerkung des Dichters steht der bemerkenswerte Satz: ״Ich lege wert auf die Feststellung, daß die englandfelndlicnen Aeußerungen Byrons nicht meine Erfindung, sondern wörtlich den Briefen oder Tagebüchern Byrons entnommen sind. Diese Feststellung ist mir wichtig, weil Ich jeden nationalen Chauvinist^«, jeden PauschalangriJf testen! Maß anwendet und die auch sein gutes Recht ist, denn sie entspringt zürnender Liebe, nicht dein Haß.“ Oskar Baum hat eine neue ergreifende und packende Blindengeschichte geschrieben ״Nacht ist umher“ (mit einem Nachwort von Stefan Zweig. Reclams Universalbibliothek Nr. 7005). Das kleine Büchlein wird hoffentlich £ie Eigenart dieses musikalisch empfindenden, seeienvollen Kürisf- Iers weiten Kreisen bekanntmachen. Mit warmen Worten setzt sich Stefan Zweig in seinem Nachwort für Baum ein. ״Der Eroberer“ von Richard Friedenthal (Insel- ׳,VajUrg,'. Leipzig) führt , in die 2(eit, der. Ero.berung Amerikas juiia- *verdien!' be GSaÜid’tiKöltmi emgründUffU ebenso unser besonderes Interesse wie durch'die Darstellung des Zusammenstoßes urfremder Kulturen und Menschenrassen. Darüber hinaus aber gibt das Buch ein geradezu visionär lebendiges Bild der Landschaft und des Volkes von Mexiko, in das der Eroberer Cortes mit seiner Soldateska unter vielen Abenteuern eindringt. — Eine Fafirt in das Unbekannte, wie Jakob Wassermann sie in seinem Columbus-Budi (S. Fischer Verlag, Berlin) aus charakterologischen Motiven nerleitet. Nathan Asch ist In Deutschland zuerst durch seinen amerikanischen Judenroman ״Als die Firma verkrachte“ bekannt geworden. Jetzt bringt derselbe Verlag Rütten & Loening, Frankfurt a. M., seine Erzählung ״Liebe in Chartres“, eine reizvolle Liebesgeschichte mit sozusagen kulturpolitischem Hintergrund, da die beiden amerikanischen Liebenden unter dem Eindruck des französischen Katholizismus zueinander kommen. Von Joseph Roth, in dessen Büchern fast stets etwas Jüdisches mitspielt, erschien ein Roman ״R e c h t s und Links“, ein bewegtes und von starkem Rhythmus erfülltes Buch, eine ״Entlarvung“ der Gesellschaft der Inflationszeit. Frau Bernheirn, die Mutter des Helden, ״war jüdischer Abstammung . . . und geriet, sobald jemand Anstalten machte, eine kleine Geschichte zu erzählen, in ein trübes und verwirrtes Schweigen — aus Furcht, es könnte die Rede auf einen Juden kommen . . Man sieht, es ist ein lebenswahres Milieu. Schließlich sei noch kurz auf die beiden neuen Romane des Weltverlages (Berlin W 57) bzw. des ״Heinebundes“ verwiesen: ״Der Aufstand“ von O patoschu (aus dem Jiddischen übersetzt von Siegfried Schmitz) und Niccolo Peccavi von Armand Lune! (aus dem Französischen von L. Frender). Mit beiden Büchern hat der Weltverlag seine verdienstvolle Vermittlung jüdischer fremdsprachiger Romane für den deutschen Leser glücklich fortgesetzt. 0er babylonische Talmud deutsch Im Jüdischen Verlag G. m. b. H., Berlin W 50, erscheint jetzt die vollständige auch revidierte deutsche Ausgabe des babylonischen Talmud von Lazarus Goldschmidt, dessen erster Band früher im Bibiion-Verlag, Berlin, erschienen ist. Der II. Band des zwölfbändigen Werkes wurde soeben ausgegeben. Diese Talmudausgabe ist die erste vollständige und ungekürzte deutsche Uebersetumg einschließlieh sämtlicher zensierten Stellen. Der I. Band hat einen Umfang von 950 Seiten, der II. Band von 75t) Seiten. Die weiteren Bände erscheinen jetzt in rascher Folge, und zwar etwa drei Bände im Jahr. Der Subskriptionspreis des Werkes beträgt vorläufig noch 15 AL in Ganzleinen pro Band, er wird nach Ausgabe des III. Bandes auf etwa 22 AL pro Band erhöht. ״Juden in der deutschen Politik“. Ungewöhnliches Interesse verdient dieses soeben im Weltverlag Berlin bzw. im ״Heinebund“ erschienene Buch, das Rudolf Schay zum Verfasser hat (mit 16 Bildtafeln, 320 S., 4 M.). Das Buch gibt ein volles Bild der Mitwirkung der deutschen Juden an der politischen Entwicklung Deutschlands von Marx bis Rathenau. Die Vielseitigkeit der jüdischen Mitarbeit und ihres Einflusses tritt klar zutage. In einzelnen Kapiteln werden die wichtigsten Gestalten behandelt, Marx, Lassalle, Moses Heß, Jacoby, Rießer, Stahl, Lasker, Batnberger, die Sozialisten von Ed. Bernstein bis Kurt Eisner, die Demokraten Preuß und Rathenau, die Publizisten Th. Wolff und Oeorg Bernhard. Wir kommen auf dieses wichtige Buch noch zurück.