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Jüdische Rundschau · 1929-12-20 · Heft 100 (20.12.1929) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 100 (20.12.1929)
Date
1929-12-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 670 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr, 100, 20. XTI. 1929 Vertreter der Verbände, Dr. Baeck und t)r. Munk, überhaupt nicht erst gefragt hat?! Welche Scherereien und Unerlreuliehkeiten bereitet er gegebenenfalls den Finanzämtern und den Magistraten, die auftragsweise die Synagogensteuern einziehen und jetzt bei den Ausländern, denen man plötzlich die Gemeinderechte genommen hat, kein Geld gutwillig erhalten werden?! Der Minister hat sogar in die religiösen Verhältnisse der Juden eingegriffen. In den kleinen und Mittelgemeinden üben die Vorstandsmitglieder der Synagogengemeinde nach altem Herkommen direkte synagog'ale Funktionen aus. Jetzt wird an den betreffenden Orten statuiert, ein Ostjude dürfe niemals in seinem Leben am Sefer stehen, und so etwas ist überhaupt nicht mehr Judentum. Am Schluß schlug Wiener vor, das Nötige zu veranlassen, damit das Ministerium über diese Mißstimmung unter der preußischen Judenheit informiert werde. Die Untersuchungskommission Fortsetzung des Verhandlungsberichtes Aus den Verhandlungen vom 12. Dezember (Donnerstag) ist noch die Vernehmung des Vizebürgermeisters von Jerusalem, Chaim Salomon, der zur Zeit der Unruhen stellvertretender Vorsitzender des Waad Leuml war, nachzutragen. Salomon wurde als dritter jüdischer Zeuge nach Hoofien vernommen. Er ist der erste Zeuge, der seine Aussage vor der Untersuchungskommission in hebräischer Sprache macht, die von einem Dolmetscher ins Englische übertragen wird. Er erklärt, daß er in Jerusalem geboren ist und daß auch sein Vater in Jerusalem geboren wurde. Er legte Beweismaterial darüber vor, daß die Juden vor 38 Jahren das Pflaster vor derwestlichenTempelmaueraufeigeneKosten haben ausbessernlassen, was beweist, daß ihre Rechte auf diesen Platz damals anerkannt waren. Die arabischen Vcrtreter waren nicht in der Lage, das von Salomon erbrachte Beweismaterial anzufechten, aber der Anwalt Silley erbot sich, den Beweis zu erbringen, daß im Jahre 1912 die Juden um die Erlaubnis nachgesucht hatten, ähnliche Reparaturen vorzunchmen, was ihnen aber verweigert wurde. Eine Nachprüfung des Materials von Silley erwies jedoch, daß die Verwcigerung, auf die er anspielte, aus dem Jahre 1840 datiert. Viscount Erleigh verlas den vom Waad Leumi im November 1928, nach dem Zwischenfall am damaligen Jom Kippur vor der Klagemauer, erlassenen Appell, in welchem die Moslems ersucht werden, der verleumderischen Behauptung, daß die Juden sich der Omar-Moschee bemachtigen wollen, keinen Glauben zu schenken. Der Appell, fuhr Viscount Erleigh fort, wurde durch die in den verschiedenen moslemischen Ländern lebenden jüdischen Oemeinden in der moslemischen Welt, zum Teil durch Radio, verbreitet. Eine Ausnahme machten jene Länder, in die die judenfeindliche Propaganda noch nicht gedrungen war. Der Anwalt der Araber, Silley, behauptete, die jüdischen Behörden hätten eine Woche vor Tischa b’Aw bereits gewußt, daß die Jugend von Tel-Awiw an der Kiagemauer zu demonstrieren beabsichtige. Er sagte ferner, daß den jüdischen Behörden die Warnung zuging, daß die erregten georgischen Juden entschlossen waren, die Entweihung ihres Eigentums zu rächen und in die kleine moslemische M^Schee int Sichrön JjiascjM^Viertel einzudringen. Chaim Sat lömön erklärte, fef habe dahin ge wirkt,;«laß nicht Juden in Massen nach Jerusalem kommen, weil ihm Bekannt war, daß eine Anzahl Araber danach strebte, eine solche jüdische Prozession zum Anlaß zu nehmen, um die Erregung unter den Arabern zu schüren. Was das moslemische Heiligtum im Sichron Mosche- Viertel betrifft, in das am 26. August eingebrociien wurde, so habe er jüdische junge Leute zu den erregten georgischen Juden entsandt, um diese zu beschwichtigen und gegebenenfalls sie auseinanderzutreiben. Die Erregung dieser georgischen Juden war ins Ungeheure gestiegen, da sie drei Tage lang einem furchtbaren Terror ausgesetzt waren und schmerzliche Verluste an Leben und Eigentum erlitten hatten. Salomon schilderte der Kommission, wie die verantwortliehen jüdischen Stellen die Regierung aut den bevorstehenden Ausbruch aufmerksam gemacht und sie gewarnt batten. Salomon erzählte, am Tage vor dem Ausbruch der Unruhen habe ein arabisches Marktweib seiner Frau gesagt: ״Morgen ist unser Tag! Wir werden euch mit Füßen treten, wir werden euch hinschlachten 1" Vom Regierungsanwalt P r e e d y zur Zurücknahme der jildischerseits gegen die britische Polizei und die Administration erhobenen Beschuldigungen aufgefordert, erklärte Salomon, er lehne es ab,dieseBeschuIdigungen zurückzunehmen! die britische Polizei habe bei der Auseinandertreibung der jüdischen Menge, die an dem Begräbnis des Misrachi teilgenommen hatte, ohne jedes Mitleid und ohne Hemmung darauf losgeschlagen. ' * Am Freitag, 13. Dezember, nachmittags, begann, wie bereits gemeldet, die Einvernahme von R.-A. Solomon Horowitz, der während der Abwesenheit der Mitglieder der Zionistischen Exekutive als zeitweiliges Mitglied der Exekutive ehrenamtlich und in beratender Eigenschaft fungierte. Er berichtete, in seinem Hause im Stadtviertel Rechawja sei in den Unruhetagen das zionistische Hauptbüro einquartiert gewesen, da die Gegend, in der dieses Büro für gewöhnlich untergebracht war, gefährdet war. Zehn Tage hindurch, und zwar ununterbrochen während aller 21 Tagesstunden, klingelte es an seinem Telephon; von überall in Stadt und Land kamen Hilferufe, Bij^en um Eskorten, sowie Warnungen vor drohenden Angriffen und Berichte über bereits stattgefundene Angriffe. Zwei Araber gegen den Mufti In der Sitzung vom 14. Dezember sagten zwei Araber, der frühere türkische Offizier Mohammed Tawil und der frühere türkische Beamte Elias Kawar aus Tiberias, die sich freiwillig als Zeugen gemeldet hatten, aus. Auf ihrem Wege zum Alten Zollhaus, wo die Untersuchungskommission tagt, wurden sie von Polizei begleitet, da ein Anschlag auf sie befürchtet wurde. Mohammed Tawil sagte aus, die Unruhen in Palästina seien durch ehrgeizige Personen von hohem Rang ins Werk gesetzt worden; diese Personen wollten einerseits dem Volke zeigen, daß sie die Führer sind, andererseits der Regierung zeigen, daß sie Einfluß auf das Volk haben; diese Personen haben stets ihren eigenen Vorteil im Auge. Elias Kawar führte aus, die von mehreren seitens der Arabischen Exekutive zitierten Zeugen aufgestellte Behauptung, daß die arabischen Siedler des Tales Jesreel infolge der jüdischen Kolonisation an den Bettelstab gebracht worden seien und daß die arabische Bevölkerung von Nazareth am Rande des Ruins stehe, sei vollkommen grundlos. Der Anwalt der Araber versuchte, die Zeugen durch ein scharfes Kreuzverhör zu erschüttern, sie verharrtem aber bei ihren Erklärungen. Der Anwalt Silley versuchte dann, die Zeugen zu diskreditieren und wies auf die bewegte Laufbahn Mohammed Tawils hin. Tawil erzählte, nach den Unruhen habe er, Tawil, etwa 90 Araber, die im Zusammenhang mit den Ereignissen verhaftet worden waren, in den Gefängnissen besucht und habe von ihnen Vollmacht erhalten, sie zu verteidigen. Alle die Häftlinge klagten, daß sie von ihren Führern getäuscht worden waren und daß diese Führer sie opferten, um auf dem Rücken des Volkes reiten zu können. Er habe die Häftlinge im Aufträge der mos- Ionisch-christlichen Vereinigung besucht. Der zweite Zeuge, Elias Kawar, sagte, der Verfall von Nazareth sei nicht auf die zionistische Kolonisation im Tale Jesreel zurückzuführen, sondern auf die noch vor 25 oder 30 Jahren begonnene Auswanderung, sowie darauf, daß das Eisenbahnnetz nicht bis Nazareth erweitert worden war. Die Zionistische Organisation habe vielleicht einigen Dorfbewohnern, die ihren Boden abgegeben hatten, aber nicht wieder Wurzel fassen konnten, Schaden gebracht. Aber diejenigen arabischen Bauern, die in der Nachbarschaft der jüdischen Kolonien verblieben sind, haben ihre Wirtschaften gut entwickelt, nachdem sie von den Juden die neuen Methoden des Pflügens und Düngens erlernt hatten. Der arabische Anwalt Moghanan Elias Effendie Moghanan stellte die Behauptung auf, daß Kawar im Solde des Herrn Kaivarisky, früheren Vertreters des Waad Leumi und der Zionistischen Exekutive, stehe. Kawar sei auch Organisator der arabischen Bauernpartei, die in Opposition zur Arabischen Exekutive steht. Kawar trat diesen Behauptungen entgegen und bestritt, je Aufträge der Pica ausgeführt zu haben. Wie die meisten Einwohner von Tiberias habe er etwas Pica-Boden in Pacht; ein solcher Pica-Pächter ist auch der Mufti von Tiberlas. Kawar erklärte die Behauptung des arabischen Anwalts, daß er sich als Bodenmakler zugunsten der Juden betätigt habe, für unwahr. Horowitz beschuldigt die Regierung Am 16. Dezember setzte die Kommission die Vernehmung des Rechtsanwalts Horowitz, der in den Unruhetagen Mitglied der Stellvertretenden Zionistischen Exekutive war, fort. Der Regierungsanwalt Preedy, der Horowitz in ein mehrständiges Kreuzverhör zog, zeigte sich ununterbrochen bemüht, Horowitz dazu zu bewegen, seine gegen die Palästina-Regierung erhobene Beschuldigung, daß sie auch nach Ausbruch der Unruhen in ihren Maßnahmen gezaudert hat, daß sie bei Bekanntgabe der Verlustziffern nicht in gutem Glauben gehandelt hat, daß sie sieh bei Abfassung ihrer Communiquös nicht von den wirklichen Tatsachen, sondern von der Absicht leiten ließ, gegen die Juden den Anschein zu erwecken, daß diese ebenfalls angegriffen hatten, zurücknehmen oder wenigstens zu mildern. Horowitz aber blieb bei seinen Behauptungen und teilte mit, daß er, Horowitz, selbst gezwungen worden war, sein Abzeichen als Mitglied der Sonderordnungspolizei abzugeben, als die Regierung beschloß, die jüdischen Sonderpolizisten zu entlassen. Er habe damals gegen diese ungerechte Maßnahme protestiert, und er wiederhole heute seinen Protest; denn seif der Emanzipation der Juden In England Ist es nicht vorgekommen, daß ein Unterschied zwischen jüdischen una nichtjüdischen britischen Staatsbürgern gemacht worden wäre, wie dies in Jerusalem der Fall war,!wo britische jüdische Staatsbürger, entwaffnet wurden, während die nichtjüdischen Briten ihre Raffen ,behälteddurfiei!;,,,''^' , ..-,;;;ן Horowitz stellte die von Sir John Chancellor bei seiner Rückkehr nach Palästina erlassene Proklamation, ln der die arabischen Greuel richtig gekennzeichnet waren, den ״nervenschwachen Berichten‘׳ gegenüber, die Herr Luke während der Anwesenheit Chancellors herausgegeben hatte. Nimmt man Chancellors Proklamation zur Grundlage, so müsse man zu dem Schlüsse kommen, daß die Regierung, als sie die Juden entvvaffnete, vor einer ״Bande von Mördern und Verrätern“ kapituliert hat. (Bekanntlich haben die Anwälte der Arabischen Exekutive vor der Kommission mit Entrüstung auf das während der Unruhen von der Zionistischen Exekutive in Jerusalem nach London gesandte Telegramm hingewiesen, in welchem von einer ״Bande von Mördern und Verrätern“ die Rede war.) Der Augenzeuge, fuhr Dr. Horowitz fort, der mir mitteilte, daß Dr. Mac Queen, der medizinische Seniorbeamte der Regierung, der in seinem Bericht behauptet hatte, es seien in Hebron an den jüdischen Opfern keine Verstümmelungen festgestellt worden, die Leichen der Massakrierten in Hebron garnichtuntersuchthat, dieser Zeuge ist ebenso glaubwürdig wie Dr. Mac Queen. Die Zionistische Exekutive war berechtigt, diese ihre Meinung dem Kolonialamt mitzuteilen. Die Regieritngscammuniqu^s sind nur dann verstandlieh, wenn man annimmt, daß sie zu einem anderen Zweck hergestellt wurden, als den, nur die Wahrheit zu sagen, und nichts als die Wahrheit. Preedy fragte: Enthielten die Telegramme der Zionistischen Exekutive die Wahrheit? Ja, erwiderte Horowitz, sie waren nach bester Kenntnis abgefaßt. Zu Beginn der Sitzung vom 17. Dezember sollte die Ver* nehmung des Arabers Elias Kawar aus Tiberias, der in der letzten Sitzung für die jüdische Sache günstig aussagte, fortgesetzt werden. Kawar erschien aber nicht, statt dessen langte ein Brief von ihm ein, in welchem er mitteilt, er habe in persön liehen Angelegenheiten plötzlich nach Transjordanien abreisen müssen; er müsse Angriffen, die gegen ihn geplant seien, aus dem Wege gehen. Sir Boyd Merriman bemerkte zu diesem Brief, Kawar fürchte sich, in Jerusalem zu verbleiben, weil gegen ihn wie gegen seinen Freund Tabari Drohungen ausgestoßen worden waren. Man ging dann in die weitere Vernehmung von Horowitz «in, der auf das weitere Drängen des Regierungsamvalts Preedy zugab, daß vieles von der Sprache, die die stellvertretende Zionistische Exekutive in ihren Telegrammen an das zionistische Hauptbüro in London geführt hatte, zu stark gewesen sei. Ich erklärte mich bereit, fuhr Horovvitz fort, alle Telegramme vor ihrer Absendung den Herren von der Regierung vorzulegen, aber ich widersetzte mich der aus der Kriegs-Psychologie zu erklärenden Absicht, die Telegramme hinter meinem Rücken zurückzuhalten. Ich erhob Einwendungen dagegen, daß die Regierung nicht, wie im Mandat vorgesehen, sich die zionistische Mitarbeit zunutze machte, dafür aber die Juden entwaffnete, ohne uns, die wir für die Zionistische Exekutive verantwortlich waren, auch nur hierüber zu informieren. Sir Henry Betterton richtete an Horowitz die Frage, welches seiner Meinung nach die Ursachen der Augustunruhen waren. Horowitz erwiderte, eine der Ursachen war, daß die Regierung den Fehler beging, die Veröffentlichung der Be- Schlüsse der Zionistischen Exekutive betreffend die Klagemauer vom 13. Juli nicht zuzulassen. Andere Ursachen waren erstens die verbrecherische Nachlässigkeit der Regierung, die keine polizeilichen Sicherheitsmaßnahmen getroffen hat, zweitens die Nichtannahme des Angebots von Captain Playfair, Streitkräfte nach Jerusalem zu senden. Warum hätte man die Klagemauerbeschlüsse veröffentlichen sollen? fragte Sir Walter Shaw. Horowitz erwidert,־: Ich wäre in diesem Falle besser 111 der Lage gewesen, die jüdische B e v ö 1 k e r u 11 g z u b e - ruhige 11. Sir Walter Shaw: Dann war also die jüdische öffentliche Meinung eine wesentliche Ursache der unruhigen Stimmung? Horowitz: Wäre die jüdische öffentliche Meinung nicht beunruhigt gewesen, dann hätte es keine Tumulte gegeben. Noch besser: Hätte es Juden in Palästina nicht gegeben, so wären erst recht keine Tumulte vorgekommen. Denn die jüdisehe Besorgnis mit Bezug auf die Klagemauer hat den Arabern die Handhabe gegeben, das zu tun, was sie eben zu tun wünsch ten. Herr P a s in a n , der frühere Leiter der American Zion Commonwealth, trat, ais Zeuge von der Kommission vernommen, der von der Arabischen Exekutive aufgestellten Behauptung entgegen, daß die Araber von dem Boden in Afulch vertrieben worden waren. (Afuleh im Emek Jesreel wurde von der American Zion Commonwealth gekauft.) Die Regierung, fuhr Pasman fort, hat die Form der Entschädigung für die auf dem Boden im Emek angesiedelt gewesenen arabischen Pächter für angemessen befunden, die Araber selbst zeigten sich befriedigt, nur 12 Araber hatten sich geweigert, den Boden zu verlassen, und zwar nur darum, weil die Arabische Exekutive in Jerusalem sie aufforderte, nicht wegzugehen. Diese 12 Araber griffen die ersten Juden, die den Boden pflügten, an, bald aber besannen sie sich eines besseren und nahmen dieEntschädigungan. Die arabischen Pächter in Jidro hatten sich auf anderem Boden angesiedelt, hatten dort Häuser gebaut und mit dem von den Juden erhaltenen Oelde lebendes Inventar angekauft. Die jüdische Gesellschaft hat die Beduinen-Siedler, obwohl diese keinerlei Rechtstitel auf den Boden hatten, zweimal entschädigt. Doch es waren Unruhe- Stifter am Werke, auf deren Propaganda es zurückzuführen ist, daß am 16. November die Farm des Juden K at z niedergebrannt wurde, wodurch ein großer Schaden entstand. Schon während der Unruhen im August war die Farm zu einem großen Teil zerstört worden. Sir Henry Betterton, das konservative Kommissionsmitglied, war erstaunt zu hören, daß auch noch am 16. November Unruhen stattenden und Zerstörungen vorkamen. Nach Paßmann wurde in der Sitzung vom 17. d. M. der bekannte jüdische Kolonist Mosche Smilansky aus Reehoboth vernommen. Smilansky sagte zunächst aus über die Gerüchte, die vor Ausbruch der Unruhen in den arabischen Dörfern in der Umgebung von Reehoboth ausestreut worden sind. In der Nachmittagssitzung wurde milansky vernommen über die wirtschaftlichen Be- Ziehungen zwischen jüdischen und arabisehen Dörfern. Er schilderte eindrucksvoll, welchen wirtschaftlichen Aufschwung die in der Umgebung der jüdischen Kolonien wohnenden Araber genommen haben im Gegensatz zu anderen arabischen Dörfern. Was die Verwaltung des Landes betrifft, erklärte Smilansky auf Befragen, er sei für eine britische Lanclesverwaltung mit weitgehender kommunaler Autonomie für Juden und Araber, wobei jedoch die Festsetzung der Zqhl der jüdischen Einwanderer innerhalb der ökonomischen Fassungskraft des Landes nur von den Juden bestimmt werden soll. Die Araber sollen keinerlei Einfluß auf die jüdische Einwanderung haben. Eine nene Schrill von Alfred Wiener ״Juden und Araber In Palästlna.“ In dem Soeben erschienenen 5. Heft der Zeitschrift ״De! Morgen“ (Dezember 1929) veröffentlicht Alfred Wiener eine eingehende Studie ״Juden und Araber in Palästina“, die sich mit den letzten Vorgängen beschäftigt. Die Arbeit zeugt von einem sehr gründlichen und ernsten Studium der einschlägigcn Quellen, einschließlich der palästinensischen und zionistischen Presse, sowie zum Teil auch Kenntnis arabischer Quellen. Die wichtigsten Dokumente der englischen Pa'äs'.inapolitik werden von Dr. Wiener objektiv verwertet und auch die einzelnen zionistischen Strömungen sind mit erkennbarem Willen zur Sachlichkeit und Objektivität charakterisiert. Dr. Wiener spricht zum Schluß die Ueberzeugung aus, daß die Jewlsh Agency jetzt endlich energische Anstrengungen unternehmen wird, um eine Verständigung zwischen Juden und Arabern herbeizuführen. Freilich erhebe sich der Zweifel, ob eine Einigung ohne Preisgabe wesentlicher Lebensgrundlagen möglich ist, trotzdem ist der Verfasser überzeugt, daß die Zionisten ihr Bestes für einen Ausgleich einsetzen werden. Der Aufsatz ist am 15. November abgeschlossen, so daß noch die Quellen von Anfang November verarbeitet sind (z. B. die faksimilierte Wiedergabe der Trauer umränderten Ausgabe des arabischen ״Felestin“ vom 2. November 1929). Gerade, da wir Dr. Wiener’s Buch ״Kritische Reise durch Palästina“ scharf ablehnen mußten, soll festgestellt werden, daß seine neue Schrift, auch wenn man in manchen Einzelheiten von seiner Beurteilung abweicht, worauf wir noch zurückkommen werden, durchaus ernst genommen zu werden verdient und in der Zusammenstellung des Materials auch Zionisten, die sich sachlich informieren wollen, nützliche Dienste leisten kann. Die Bestattnng von Jean Fischer Die Bestattung des verstorbenen /i׳>n'<! jschen Führers Jean Fischer gestaltete sich zu einer machtvollen Manifestation, die Zeugnis ablegte von der Bedeutung des Verstorbenen im jüdisehen Leben Belgiens und von der Teilnahme, die sein frühes Hinscheiden in allen Kreisen hervorgerufen hat. Viele Tausende folgten dem Leichen7.uge, weitere Tausende bildeten Spalier in den Straßen, durch die sich der Zug bewegte. Als der Zug an dem Haus der Zionistischen Organisation, dem ״Beth Zion“, vorbeikam, wurde das Gedränge der Teilnehmer zum undurchdringlichen Knäuel. An der Bestattung beteiligten sich sämtliche jüdischen Organisationen Antwerpens, zionistische und nichtzionistische, die Antwerpen er Gemeinde unter Führung ihres Präsidenten Oottschalk, das belgische Konsistorium und Vertretungen aus allen belgischen jüdischen Gemeinden. Die Londoner Exekutive und das zionistische Aktions-Comitee waren durch die Herren Dr. Berthold F e i w e I - London und Dr. Alfred Klee- Berlin vertreten. Die holländischen Zionisten hatten Herrn Nehemia de Lieme entsandt. Aus Paris war Frau Dr. Max Nordau erschienen, mit deren verewigtem Gatten der Verstorbene besonders innige » reundschaft gehalten hatte. Auf den Wunsch Jean Fischers unterblieben Ansprachen. Die traditionellen Gebete rezitierte Rabbiner Dr. Wiener, der zusammen mit dem misrachistischen Führer, Rabbiner Amiel, dem Sarge folgte. Jean Fischer war bei vollem Bewußtsein gestorben. Er hatte einige Stunden vor Eintritt des Todes einige Mitglieder der Zionistischen Landesorganisation zu sich an sein Bett gebeten und ihnen dringend ans Herz gelegt, auch nach seinem Tode in Opferfreudigkeit und Hingebung ihre Pflicht für die zionistische Sache zu tun.

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