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Jüdische Rundschau · 1929-12-17 · Heft 99 (17.12.1929) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXIV (1929)
Issue
Heft 99 (17.12.1929)
Date
1929-12-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 99, 17. XII. 1929 JOEDISCHE RUNDSCHAU Seite 073 Moses Mendelssohns Abstammung Von Dr. Ratner, Wiesbaden. Alle Lobredner auf Moses Mendelssohn haben die Tatsache absichtlich verschwiegen, daß er seiner Abstammung und Erziehung nach polnischer lüde war. Erstens war er Nachkomme der berühmten ״Remah" (R. Mosche Isserless, Oberrabbiner von Krakau). Sein Vater Mendel (daher Mendelssohn) war Lehrer und Tnoraschrelber in Krakau. Dieser wanderte nach Dessau aus und wurde Lehrer und Thora- Schreiber dort unter Oberrabbiner R. David Fraenkel. Mendel wurde in Dessau ein Sohn geboren, den er nach seinem Ahnen Reb Moscheh benamste. Da Vater Mendel ein großer hebräischer Grammatiker und gewiegter Kenner der altjüdischen Philosophie (speziell der Mösch Nebochim, Chöwath Hetewöroth, Kosari usw.) war. so weihte er diesen seinen Sohn, dessen große Fähigkeiten sich früh offenbarten, in diese Wissenschaft frühzeitig ein. . » . Zur Vervollkommnung auch in der talmudischen Literatur brachte er ihn zu Rabbi David Fraenkel, den berühmten Verfasser des ״Korban Hoedoh“ auf T. Jeruschalmi. ... Als Rabbi David das Oberrabbinat in Berlin übernahm, ließ er seinen genialen Schüler dorthin mitgehen.... Hier lernte Moses Mendelssohn gut Deutsch und Rechnen, ward Buchhalter und später Kompagnon der Seidenfirma Bernhard.., Alle ״Measphim", alle ״Maskilim", welche sich um Mendelssohn sammelten (wie z. B. Itzig Saiponer, Schlomoh Dubna usw.) waren fast durchweg eingewanderte Polen.... Sie halfen ihm bei der Bibelübersetzung und ganz speziell bei der Kommentierung ( ביאור).... Aber den Grund zu Mendelssohns abgeklärter Jüdisch-philosophischer Weltanschauung und Friedensphilosopnie hatte sein Vater gelegt, der Thoraschreiber Mendel aus Krakau. .! . Rabbiner Dr. Arthur Cohn: ״Von Israels Lehre und Leben“. Reden und Aufsätze. Verlag Rimon, Basel. 1929. Im Verlag Rimon, Basel, erschienen vor kurzem die ge• sammelten Reden und Aufsätze des verewigten Rabbiners Dr. Arthur Cohn, die in diesen Spalten anzuzeigen, mir eine be• sondere Freude bereitet Das nahezu 500 beiten umfassende und besonders schön ausgestattete Buch spiegelt mit allen seinen Beiträgen das Leben eines Rabbiners, von dem man im besten Sinne des Wortes sagen kann, daß er ein praktischer Rabbiner gewesen ist Es ist ein völlig unliterarisches Buch, das wir hier vor uns liegen haben, und sowohl die Bctrachtungen za den Feierstunden des Jahres, als auch die Beiträge zur jüdischen Kultur• und Literaturgeschichte sowie schließlich die aktuellen SteQun?nahmen zu den Problemen des bewegten Tages ertreuen durch den herzerfrischend einfachen, gratis:!: *igen und klaren Ton und Stil, der die Art eines echten Volksmannes beweist Dabei sind nicht nur die veröffentlichten Predigten populär und feinsinnig zugleich, sondern auch die volkstümliehen Vorträge, z. B. aie mustergültige Darstellung vom Leben und Wesen Raschis oder die Auseinandersetzung mit Chamberiain, wie überhaupt alles in dem Buche atmet einen gesunden und kräftigen Geist, und es wird nach diesem Buche sowohl das hohe Ansehen, als auch die tiefe Liebe verstandlieh, die Dr. Cohn in weiten Kreisen genoß. Daß auch die lebendige Zeit ihn bewegte und er gleichzeitig in treuem Gedenken seinen Lehrern und gelehrten Freunden liebevolle Denkmäler setzte, vervollkommnet nur das Bild des Mannes, dem die Liebe vieler noch lange übers Grab hinaus folgen wird. Emil Bernhard Cohn. Dfe Falschmflnzer In eher sich ״Hed Bethar“ nennenden revisionistischen Zeitschrift, die anläßlich der Wahlen zum Delegiertentag herauskam, wird unter ähnlichen Schmierereien auch folgende ״Glosse“ gebracht: * Was ist Zionismus? * Eine politische Bewegung? Das Streben nach der Heimat? Eine Volksorganisation? Der Aufbau des Judenstaates? Nein, weit gefehlt, sondern! — .was nun ist Zionismus? Was er im Grunde immer war (siel! d. Red.): die bewußte Form der jüdischen Sehnsucht nach höherer Menschlichkeit, menschlicherem Dasein, die in ihrem Zen• truxn den Glauben und noch an ihrer Peripherie die Energien er■ zeugt. . . . Zionismus als . . . die jüdische Art der Humanität im Gegensatz zu jener falschen Art der Humanität ... der Zio■ nismus ist . . . Bewußtsein und Gewissen des Judentums . . . (Dr. Robert W e 11 s 0 h, ״J. R,‘ Nr. 57/58.) In Wahrheit habe ich in Nr. 57/58, am Ende von AuSffih■ rungen, die die Schwierigkeiten behandeln, nach Schaffung der Agency die zionistische Propaganda rein auf Palästina zu stützen, folgendes geschrieben: Denn wir dürfen niemals vergessen, daß eine neue Generation heranwächst, der die Verbindung der Zionsidee mit den geistigen und sittlichen Idealen eines freien, seiner selbst bewußt gewordenen Judentums nicht mehr so selbstverständlieh ist wie den Menschen, die am Anfang standen und die erste Begeisterung durchlebten. Palästina ist eine vielfach prosaische Angelegenheit geworden, mit Rechnungen, Bud gets, geschäftlichen und persönlichen Mißerfolgen, mit allen Begleiterscheinungen eines leiderfüllten Erdenlebens, mit allen Zeugnissen menschlicher Schwächen. Der Streit um das Ob der Palästina-Sache ist völlig unaktuell geworden. Junge Mensehen, die jetzt aufwachsen, werden sich kaum mehr darüber erdfern, wir stehen in einer Zeit des Ueberganges, wo Pali׳ stina in den Mittelpunkt des Judentums tritt und die Fürsorge für das Jüdische Nationalheim zu cfner verbindenden Kraft ersten Ranges im Judentum wird. Was nun ist Zionismus? Was er im Grund! immer war: die bewußte Form der jüdisehen Sehnsucht nach höherer Menschlichkeit, menschlicherem Dasein, die in ihrem Zentrum den erlauben und noch an ihrer . Peripherie die Energien erzeugt, die das neue Gemeinwesen in Palästina aufbauen können. Die Parole, die vom Kongreß ausgehen muß, ist die Entfaltung des Zionismus als einer fronen geistigen und ethischen Macht, als der jüdischen Art er Humanität, im Qegensatz zu jener falschen Humanität in deren Namen die Assimilation Ihr Ressentiment des auf Humanität anderer Angewiesenen auslebte. Der Zionismus ist seiner Idee nach Bewußtsein und Oewissen des Judentums, er ist der Gestalter des jüdischen Lebens der Zukunft.“ Ob das ״Zitat" von Hed Bethar, insbesondere die Weglassung des dem Ganzen erst einen Sinn gebenden Nachsatzes ״die Energien, die das neue Oemeia wesen in Palästina aufbauen können״ — eine Fälschung darstellt, über lasse ich dem Urteil der Leser. Jedenfalls erweist sich in einem ganz anderen Sinne, als es in dem Artikel gemeint war, daß eine neue Generation heranwichst, der die Verbindung der Zionsidee mit den geistigen und sittlichen Idealen . . nicht mehr so selbstverständlich ist. . . Robert Weltsch, Die Zahl der Jüdischen städtischen Arbeiter in Palästina. Nach den letzten Statistiken beträgt in Palästina die Zahl der jüdischen Arbeiter in den Städten 14016; davon leben in Tel- Awiw 6471, in Jerusalem 4211, in Haifa 2029 und in anderen Städten 1305, etwa 40 «fe der jüdischen Arbeiter sind in Handel und Industrie, 11 p/0, bei Bauarbeitern beschäftigt. XXIII. Delegierientag der Zionist. Vereinigung für Deutschland In Jena, Volkshaus (Carl-Zeifj>Platz) am 29. und 30 Deiember 1929 Tagesordnung. Sonntag, den 29. Dezember, 10 Uhr vorm. 1. Eröffnung des Delegiertentages durch den Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. 2. Wahl des Büros. 3. Die politische Situation iin Zionismus und in Palästina. Referent: Dr. Chaitn Welzmann. 4. Debatte. 6 Uhr nach mittags: 5. Die zionistische Arbeit in Deutschland. Referent: Kurt Blumenfeld. Eintrittskarten Es werden Eintrittskarten zum Preise von 3 M. gegen Vor elnsendung des Betrages auf unser Postscheckkonto: Berlin 8091 oder per Nachnahme ausgegeben. Jugendliche erhalten Eintrittskarten zum Preise von 1 M. nur durch Vermittlung der . ugendverbände. Verpflegung Die rituelle Verpflegung hat der Restaurateur Gottlieb aus Leipzig übernommen. Gemeldete Delegiertenwahlen: Dortmund: Dr. Irwin Fisher, Dortmund, Delegierter. Erfurt: Dr. Richard Wolfheim, Erfurt, Adolf Israelski, Erfurt, Delegierte; Emil Unger, Erfurt, Melitta Köhler, Erfurt, Ersatzdelegie rte. Frankfurt/M.: Paula Fretikef, Frankfurt, Jacob Dränger, Frankfurt, Dr. F. Millner, Frankfurt, Jacob Wodowski, Frankfurt, Delegierte; Frau Löw-Tachauer, Frankfurt, R.-A. Julius Simon, Frankfurt, Sal. Stichel, Frankfurt, Elias Chweidansky, Frankfurt, Jedu Karpf, Frankfurt, Zwi Haussmann, Frankfurt, Ersatz delegierte. Görlitz: Frd# Grefe Sommer, Görlitz, Delegierte. Abendsitzung: 6. Debatte über das Referat: Die zionistische Arbeit in Deutschland. Montag, den 30. Dezember, 10 Uhr vorm. 7. Fortsetzung der Debatte. 8. Anträge und Wahlen. Wahlvorschriften. 1. Die Wahlen zum XXIII. Del egierten tag der Z. V. f. D. müssen stattfinden in der Zeit vom 14. bis 19. Dezember einschließlich. Wahlen, die vor oder nach diesem Termin stattfinden, sind ungültig. 2. Aktives Wahlrecht haben nur Mitglieder der Z, V. f. D., die das 18. Lebensjahr vollendet haben, den Schekel fjir das Jahr 5689 oder 5690 entrichtet und den Landesbeitrag Für das Jahr 1929 bezahlt haben. In der Zahlung der Zionistensteuer ist der Landesbeitrag einbegriffen. Der Landesbeitrag beträgt 1,— RM. Die Mitgliedschaft «zur Z. V. f. D. setzt nach § 2 des Statuts der Z. V. f. D. die Zugehörigkeit zu einer Ortsgruppe oder einem Gruppenverband der Z. V. f. D. voraus. 3. In jeder Ortsgruppe muß eine Wahlkartothek angelegt werden, auch in den Ortsgruppen, in denen Verhältniswählen nicht stattfinden. In die Wahlkartothek werden nur diejenigen Mitglieder der Z. V. f. D aufgenommen, die die Zionistensteuer, bzvv. den Land es beitrag für 1929 bis zum 9. Dezember 1929 bezahlt H3bc n, 4. Die Wahl ist in sämtlichen Ortsgruppen direjet und geheim. Jeder Wähler muß persönlich seine Stinflne abgeben. (Wahl durch Zuruf oder Handaufheben Ist unzulässig.) 5. In Ortsgruppen, in denen nur ein Wahlvorschlag existiert, entfällt der Wahlgang. Die auf dem betreffenden Wahivorschlag verzeichneten Kandidaten gelten als gewählt. 6. Jeder Wähler kann sein Wahlrecht nur einmal ausüben. Die Ortswahlleitungen haben darauf zu achten, daß jeder Wähler ihrer Ortsgruppe nur in einer Wahlliste geführt wird und haben die entsprechenden Listen vor der Absendung an die Z. V. f. D. miteinander zu vergleichen. Wähler, die in mehr als einer Wahlliste aufgeführt sind, werden aus samtliehen Wahllisten gestrichen. 1. Jedes Mitglied der Z.V.f.D., das für das laufende Jahr den Schekel sowie Zionistensteuer oder Landesbeitrag entrichtet hat, hat mit Vollendung des 18. Lebensjahres das aktive, mit Vollendung des 20. Lebensjahres das passive Wahlrecht zum Delegiertentag. 2. Das passive Wahlrecht zum Delegiertentag steht nur solchen Angehörigen der Z.V.f.D. zu, die ihre Maasserpf licht gegenüber dem Keren Hajcssod erfüllt haben. Dem Wahl- Prüfungsausschuß ist von jedem Delegierten eine schriftliche Bestätigung des Keren Hajessod vorzulegen; die Anerkennung des Mandats ist zu versagen, falls die Oberste Vertrauenskommission Einspruch erhebt. 3. jede Ortsgruppe von mindestens 25 Mitgliedern wählt einen Delegierten. Ortsgruppen von mehr als 75 Mitgliedern wählen zwei Delegierte und für jedes weitere Hundert Mitglieder einen weiteren Delegierten, wobei überschießende 50 Mitglieder einem vollen Hundert gleichgerechnet werden. Es wählen demnach: Ortsgruppen von 25 bis 75 Mitgliedern 1 Delegierten » » 76 ,, 125 ״ 2 ״ ״ 3 ״ 225 ,, 126 ,, ״ ״ 4 ״ 325 ״ 226 ״ ״ usw Als Mitglieder der Ortsgruppe werden hierbei nur diejenigen Zionisten gerechnet, für die der Schekel für das Jahr 5689 und der Zionistensteuerbeitrag oder der Landesbeitrag für 1929 in bar an die Z. V. f. D. spätestens bis zum 9, Dezember Uberwiesen ist. 4. Niemand darf sein Mandat doppelt (in der Ortsgruppe und in einer Sonderorganisation) ausüben. 5. Jeder Delegierte verfügt auf dem Delegiertentag nur über eine Stimme. Die Delegierten-Mandate sind nicht übertragbar. Die Delegierten sind an Aufträge und Instruktionen nicht gebunden. 6. Schriftliche Wahlen sind nicht gestattet. Unterbringung Alle Gesinnungsgenossen, die die Absicht haben, am Delegiertentag teilzunehmen, werden dringend gebeten, dies frühzeitig Herrn cand. jur. Wulf Mirlin, Jena, Lutnerstr. 143, (nitzuteilen. Es stehen Zimmer in Hotels mit Zentralh. und fließ. Wasser von 4,— bis 8,50 M. inkl. Steuer und Bedienungszuschlag, in Hotels mit Zentralh. ohne fließ. Wasser Inkl. Steuer, Bedienungszuschlag zum Preise von 3,50 M. ab, gute Privat qua« iere tum Preise von 2,50 M. zur Verfügung. Bei allen Bestellungen ist die genaue Ankunlt und die Aufenthaltsdauer anzugeben und auch mitzuteilen, ob Zimmer mit einem oder zwei Betten gewünscht werden. Einzelzimmer in Hotels sind nur in geringer Anzahl vorhanden und müssen umgehend bestellt werden. Zionistische Vereinigung für Deutschland. * Wahlen der Berliner Misrachigruppe. Die Wahlen der Berliner Misrachigruppe zum Delegiertentag der Z. V. f. D. finden am Donnerstag, dem 19. Dezember, abends 81/4 Uhr, im Gemeindebaus, Rosenstr. 2/4, statt. Es sind 5 Delegierte zu wählen. Nominierungen können bis Donnerstag im Zentralbüro des Misrachi sowie auch noch in der Wahlversammlung vorgenommen werden. Folgende Nominierungen liegen bisher vor: Dipl.-Ing. L. Bamberger, Dr. Barth, Dr. Kallner-Spandau, Dr. Knoller, Edmund Lewy, Rabb. J. Samuel, Dr. Sulzberger, Dr. Wolfsberg. Zahlreicher Besuch der Wahlversammlung ist in Anbetracht des Delegiertentages dringend erforderlich. Nürnberg-Fürth. Die Wahl zum 23. Delegiertentag der Zionistisehen Vereinigung für Deutschland findet am Donnerstag, dem 19. Dezember 1929, abends 8»/a Uhr, im Jugendheim, Nüraberg, Treustr. 7/11, statt. Die Wahllegitimation ist zur Wahl mitzubringen; Reklamationen wegen Nicbterhalt sind bis zum 18. Dezember auf dem Büro, Burgstr. 23, vorzubringen. Die Ortssvahlkom mission. Die Unschuld vor Gericht Von M. Y. Ben-Gavriäl (Jerusalem). Die palästinensischen Gefängnisse, die von vornherein für größten Betrieb eingerichtet sind, erweisen sich nun, nach der Unterdrückung des Aufstandes, als viel zu klein. Hunderte und hunderte Gefangene werden eingeliefert, Mord- und Raub■ verdächtige — darunter auch Burschen, die fünfzehn Morde auf dem Gewissen haben —, halbe Dörfer werden von den Strafexpeditionen eingebracht. Barackenlager mußten zu Gelangnissen umgewanaelt werden und die Gerichte arbeiten ununter• brochen. Jeder der unabsehbar vielen Prozesse ist irgendwie typisch und symptomatisch für dieses Land und für diesen Aufstand. Aus ihnen allein wäre die Geschichte und die Methode dieses grauenhaften Ueberfalls m• rekonstruieren. Abgesehen aber vom Wert der Prozesse zur Klärung der Schuldfrage sind sie besonders deswegen interessant, weil sie die Mentalität des Volkes charakterisieren. Ein paar Notizen aus diesen Prozessen seien daher wiedergegeben: Einer der Mörder von Mozza steht vor Gericht. Er ist angeklagt, mit ein paar Genossen, eine ganze Familie ausgeschlachtet zu haben. Er bringt Älibizeugen aus einem entfernten Dorf, die aussagen sollen, daß er an diesem Tag in diesem Dorf gewesen war. Zehn Fellachen sagen aus, autfallend übereinstimmend, daß dieser Mahmud am 23. August 1929 um halb zwölf Uhr mittags bei ihnen gewesen war. Nun kommt es aber sehr selten vor, daß der arabische Bauer das Datum kennt; er weiß zumeist nicht einmal nach arabischer Zeitrechnung, welcher Tag gerade ist, geschweige denn gar nach europäischer Rechnung, ebensowenig wie er die europäische Stundeneinteilung kennt. Der Richter ist daher über die merkwürdig präzise Zeitangabe der Bauern ein wenig erstaunt und ruft den ersten Zeugen nochmals vor. ״Sag mir, o Ahmed“, fragt er ihn, ״welches Datum haben wir heute?“ Der Zeuge schaut den Richter verblüfft an und antwortet dann: ,O erhabene Gegenwart, warum stellst Du mir unbeantwortoare Fragen? Bin ich denn ein Schriftgelehrter, daß ich das Datum weiß?“ * Ein arabischer Bursche aus dem Hafenviertel von Jaffa, ein Riese, mit dem Gesicht eines Bulldoggen, steht vor dem Richter. Er ist angeklagt, gegen sieben Polizisten gleichzeitig gekämpft zu haben. Der Verteidiger: ״Siehe, o Richter, auf diesen schwachen Knaben. Wie kann er, dem die Hinfälligkeit auf der Stirne steht, auch nur gegen einen Polizeisoldaten gekämpft haben?“ Der Richter: ״Welchen Beruf übt dieser schwache Knabe aus?“ Der Angeklagte (nicht ohne Stolz): ״Ich bin Preisboxer!“ * Ein siebzigjähriger Araber wurde von Polizeireitern verhaftet, weil man bei mm Beute gefunden hatte, die aus der jüdischen Kolonie Huldah stammte, die nach schwerem Kampf gegen zehnfache Uebermacht geräumt werden mußte. Der Richter: ״O alter Mann, v׳arutn bist du rauben gegangen?“ Der Alte: ״Das ganze Dorf ist rauben gegangen. Konnte ich, ein Einzelner, allein Zurückbleiben?“ Ein arabischer Advokat verteidigt einen Plünderer: ״Dieser Mann darf nicht verurteilt werden, denn es war Revolution. Während der Revolution aber ist jeder Mensch berechtigt, zu nehmen, was er kann. Er ist also straffrei zu erklären." * Ein baumlanger Beduine steht unter der Anklage, in der Nähe eines jüdischen Dorfes, und zwar gerade dort, wo das Vieh weidete, mit einem Gewehr über dem Rücken aufgegriffen worden zu sein. Da man sozusagen eine Entwaffnungsaktion durchführt — die natürlich sinnlos ist, da man aus dem benachbarten Transjordanien, wo jeder Mensch bewaffnet ist, täglich neue Waffen hereinbringt — ist in Palästina das Tragen von Oewehren strafbar. Der Richter: ״Wie kommst du dazu, mit einem Gewehr herumzugehen. Weißt du nicht, daß dies in Palästina verboten ist?“ Der Beduine: ״O Richter, ich wußte ja nicht, daß ich in Palästina bin."

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