Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 99 (17.12.1929)
- Date
- 1929-12-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 072 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 99, 17. XII. 1929 gestellt hat — mag das angehen. An ihm ist wirklich nur das von Belang, was inan aus ihm herausgezogen hat. Bei einem geliebten Menschen aber, dessen lebendige Wärme und brüderliche Nähe man noch um sich spürt, hegt man den Wunsch, einen Hauch davon wenigstens all den andern mitzuteilen, die ihn nicht gekannt haben, als könnte man ihm dadurch ein Stückchen Dauer mehr sichern. Ach, inan müßte dazu selber ein Dichter sein. So muß ich schon das Wer hlnausgehen lassen, zu seinem Gedächtnis und a’s letzten Gruß. Jüdische Staatsmänner Der Zufall will es, daß fast zu gleicher Zeit drei Bücher erscheinen, welche von drei großen jüdischen Politikern handein, die charakteristische Exponenten der großen weltpolifischen Strömungen sind. Trotzki, der große Revolutionär und Mitschöpfer des Sowjetstaates, unternimm♦ in einem umfangreichen Bande ״Mein Leben“ (Verlag S. Fischer) den Versuch einer Autoblographie. Aus dem hochbedeutsamen Werke, das mit der Jugend auf dem südrussischen Gutshofe begännt und mH einer bitteren Ironisierung des Planeten ohne Visum endet, sei in diesem Zusammenhänge nur auf die negativen Aeußernngen Trotzkis über seine Beziehungen zum Judentum hingewiesen: ״Das nationale Moment nahm in meinem Bewußtsein keinen selbständigen Platz ein, da ich es im Alltagsleben nur wenig zu spüren bekam. In die Schulen wurden Juden zwar nur nach einer Prozentnorm aufgenommen, weshalb ich ein Jahr verlor. Aber später war ich immer Erster und fühlte die ״Norm“ nicht. . . . Mich berührten in gleicher Weise die maskierten Gemeinheiten des Cieschiehtslehrers gegen die Polen, die Gereiztheit des Franzosen Burnand gegen die Deutsehen, das Kopfschütteln des Popen gegen die Juden. Wahrscheinlich hat die nationale Ungleichheit einen unterirdischen Anstoß zu meiner Unzufriedenheit mit dem bestehenden Re- §ime gegeben; aber diese Ursache löste sich in den anderen rscheinungen sozialer Ungerechtigkeit auf und spielte keine ausschlaggebende, überhaupt keine selbständige Rolle.“ Rathenau der Demokrat und deutsche Außenminister, tritt uns in seinen politischen Briefen, die der Verlag Carl Reißner vorlegt, in der ganzen Tragik seiner Laufbahn vor Augen. Auch ihm kam sein Judentum dann zum Bewußtsein, wenn er unter den Anfeindungen der Umwelt zu leiden hatte. ״Sie wissen, ich bin Jude“, so schreibt er an Dr. van Eeden, ״und habe in unserem Lande, das von der Regierung zur Abwendung des Volksinteresses immer wieder auf Antisemitismus eingestellt wurde, aufs schwerste unter den Verfolgungen und Zurücksetzungen gelitten, die man mir und vielen anderen tüchtigen Deutschen angedeihen ließ. Auch hierin könnte der leidende Teil eine Schuld oder einen Fehler erblicken und sich erzürnen oder abwenden. Niemals ist mir das in den Sinn gekommen, niemals habe ich mich enger mit dem Lande verbunden gefühlt und so vollständig meine Empfindungen in denen meiner Landsleute aufgehen sehen wie in dieser Zeit“. Und an D. Mumm schreibt er: ״ihre Bezeichnung der Juden als ,Feinde Christi’ bezog ich nicht auf mich. Schmerzlich und verletzend war sie mir gleichwohl, denn unter den zahlreichen Juden, die mir bekannt sind, kenne ich viele, die in den Evangelien den Hauptinhalt ihres religiösen Bekenntnisses erblicken, und nicht einen einzigen, der der Person Christi gleichgültig, geschweige feindlich gegenübersteht“. Disraeü der große konservative Staatsmann Englands, hat in Georg Brandes einen Biographen allerersten Ranges gefunden. Die Arbeit liegt jetzt zum ersten Male als selb- Sfioaiges Buch vor. (Verjpg Carl Reißner.) Brandes hat es Verstanden, die vielfachen lebhaften Beziehungen des getauften Disraeü zum Judentum im Verlaufe seines Lebens anschaulich herauszuarbeiten. Brandes bezeichnet ihn nicht allein als einen ausgezeichneten Vertreter des Judentums, sondern in gewissem Sinne als den ״letzten Juden“. R. L. Eine neue Weltgeschichte Die Geschichtsperiode von der französischen Revolution bis zur Revolution von 1848 ist für das europäische Judentum eine Ejioche der größten inneren Umwälzungen. In dieser Zeit vollziehen sich die entscheidenden Schritte auf dem Wege der Emanzipation und Aufklärung auch im Judentum; die alte Form jüdischen Lebens, das jüdische Mittelalter, zerbröckelt und Europa dringt in den jüdischen Bezirk ein. So ist also gerade diese Periode für uns von gewaltiger Bedeutung und findet ein stärkeres natürliches Interesse als Zeiten, die nicht direkt in das jüdische Schicksal hineinwirkten. Die neue Propyläen- Weltgeschichte, großangelegt auf 10 Bände in herrlieber Ausstattung (Propyläen-Verlag Berlin), herausgegeben von Prof. Walter Ooetz, beginnt ihr Erscheinen mit dem siebenten Band, der die Zeit von 1789—1848 behandelt. Gemäß dem Gesamtplan des Werkes haben wir es hier nicht mit der Arbeit eines Einzelnen zu tun, sondern der Band enthält sechs Abschnitte, alle interessant und leicht verständlich geschrieben, von denen jeder einen besonderen Verfasser hat. Nach der *inleitenden Abhandlung von Goetz über den Geist des 19. Jahrhunderts folgen Teile über die französische Revolution (Alfred Stern). Napoleon (Franz Schnabel), Klassizismus und Romantik (Walzel), die wirtschaftlich-sozialen Bewegungen (Herkner), die Restauration (Luckwaldt). Man sieht also, daß der geistesgeschichtlichen und wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklung neben der politischen volle Gleichberechtigung eingeräumt ist, ein für das Bedürfnis des modernen Menschen durchaus unerläßliches Erfordernis. Der vorliegende Band interessiert uns auch darum besonders, weil wir in dem dargestellten Stoff die Anfänge des modernen Nationalismus und seine geistigen Voraussetzungen verstehen lernen. Dieses schöne Geschenkwerk, aut dessen Fortsetzung man gespannt sein wird, kann eine neue Epoche umfassender Universalbildung auf gesclmhtlichem Gebi et für den Durchschnittsgebildeten einleiten. Drittes Kammerkonzert Michael Taube Sein drittes Kammerkonzert leitete Michael Taube mit einer Uraufführung von Erich Walter Sternberg ein, einem kantatenartigen Gesangszyklus ״Gelobt!“ auf Gedichte von Jehuda-Halevi (in der Uebertragung von Franz Rosenzweig). Jeder, der das Schaffen des Komponisten Stemberg verfolgt, weiß, daß er siclts nicht leicht macht; daß jedes neue Werk eine wirkliche Schöpfung, einen Entwicklungsabschnitt, ein Programm bedeutet. Das Problem und die Problematik einer neuen jüdischen Musik haben seit Jahren an ihm einen ihrer produktivsten und verantwortungsvollsten Vorkämpfer. So ist auch sein neuestes Werk ein höchst bemerkenswerter Schritt in dieser Richtung. Es ist — trotz Benutzung der alten kultischen Form des Wechselgesanges zwischen Vor- Sänger und Gemeinde — doch ganz neuartig in Gestalt und Klangwirkung. Außer dem solistischen Chorsänger wird noch ein Sprecher eingeführt. Während der Vorsänger *hva als selbständiger Mittler der Gemeinde auftritt, löst sich der Sprecher nur an wenigen Stellen aus dem Chorgesang heraus — gewissermaßen ein Stadium des nocli-nicht-ganz-Befreitseins und •Oehobenseins symbolisierend. Die Sologesänge (die wohl als Kern des Ganzen angesehen werden können, was auch aus ihrer schon einige Jahre zurückliegenden Entstehungszeit hervorzugehen scheint) — bilden hymnische, unbegleitete Rezitative, Diese Partien des Werkes muten am meisten ״jüdisch“ an, jedoch scheint mir die Uebersetzung wenig für die Schaffung eines typisch jüdischen Rezitativs geeignet zu sein: sie verstärkt die ohnehin großen Schwierigkeiten der Aufgabe noch erheblich, (ich glaube überhaupt nicht, daß die deutsche Sprache dafür möglich ist.) Diese Sologesänge sind nun in sechsstimmige a-capella-Chorgesänge eingearbeitet, die klanglich viele Schönheiten aufwcisen. Besonders das erste Auftreten des Sprechers aus dein Chorgesang heraus wirkt überraschend eindringlich, obwohl diese Partie des Sprechers, von der man naturgemäß viel erwartet hatte, zu guter Letzt doch nicht ganz überzeugend durchgcführt ist. Der Chorsatz ist überall dort am kräftigsten, wo er sich der Einstimmigkeit zuneigt; im ganzen kann auch durch diese Komposition das Problem einer jüdisch-polyphonen Kunst noch keineswegs als gelöst bezeichnet werden. Das Werk wurde von Michael Taubes Kammerchor gesungen. Solist war Leo Rjasancew, dessen wunderschöner Bariton an Modulationsfähigkeit zwar erheblieh gewonnen hat, der aber den Rezitativen doch nicht genügend Plastik verleihen konnte, was allerdings hei unbegleiteten Solorezitativen eine fast unlösbare Aufgabe ist. Sprecher war Raoul Lange, der seine Partie — für mein Empfinden — zu konventionell deklamiert, nicht sprachgesanglich genug rezitiert hat. Im weiteren Verlauf des Konzertes — das noch eine zweite Uraufführung in Gestalt eines Cellokonzertes von Günther Raphael und die selten gehörte Kaffeekantate von Bach brachte, ragten noch folgende Solisten besonders hervor: Eva Heini tz (Cello), Hermann Schey (Bariton), Tilly de Oarmo (Sopran), Waldemar Henke (Tenor), Hermann Zanke (Flöte). Das Cembalo wurde von Dr. Eigel K r u 11 k e liebevoll und sachgemäß versorgt. Auch diesmal fand sich — wie immer in Taubes Konzerten — ein auserlesener Kreis von Musikverständigen zu dieser Gelegenheit gediegensten Musizieret« ein. Alice Jacob-Loewenson. Rundfunk für Palästina Von Nathan Gurdus. Der Rundfunk ist zu einem der größten Kulturfaktoren unseres Zeitalters geworden. Jedes Volk und jedes Land hat diese neue Macht schon lange erkannt. Die Stimmen aller Völker tönen im Aether, nur eine fehlt in diesem friedlichen Chor: die jüdische. Und gerade für Erez-Israel wäre ein Radiosender von besonders großer kultureller und politischer Wichtigkeit. Die jüdischen Kolonien sind im ganzen Lande verstreut. Sie sind eigentlich von der Außenwelt abgeschnitten. Die Mensehen in ihnen haben den größten Hunger nach Musik oder nach einem anderen Kunstgenuß. Mit einemmal würden sie mit dem Zentrum verbunden sein. Aber auch für die jüdische städtische Bevölkerung würde der Radiosender ein großer Kulturfaktor werden. Politisch könnte man aus dem Radiosender ein starkes Instrument zur jüdisch-arabischen Verständigung machen. Einigemal wöchentlich arabisches Programm, das aufklärend und versöhnlich wirken könnte. Die Kosten eines Radiosenders, der schon mit billigen Geräten im ganzen Lande gehört werden könnte, sind nicht mehr so groß. Die großen Rundfunkfirmen würden auch auf das weitgehendste entgegenkommen, da (das muß man besonders betonen) durch die Errichtung eines Senders in Palästina für sie ein ganz neuer Markt Tür ihre Empfangsapparate geschaffen wird. Die Kosten des Programms und der Erhaltung des Senders wären auch nicht groß. Die Regierung würde eine Sendelizenz ohne weiteres erteilen. Man könnte sich aber die Stütze der Regierung sichern, wenn man den Sender zu bestimmten Tageszeiten dieser zur Durchsprechung ihrer Nachrichten zur Verfügung stellen würde. Die Errichtung des Senders würde sich wegen der geographischen Lage am besten in Tel-Awiw empfehlen. Die betreffenden zionistischen Kreise müssen schon jetzt zur Gründüng einer ״Jewish Broadcastings Corporation“ schreiten, da die Errichtung eines Senders, die technischen Versuche, die Organisation längere Zeit in Anspruch nimmt. Vor allem muß für diesen Plan in Amerika Propaganda gemacht werden. Und so mögen die Juden in der ganzen Welt bald den Ruf aus ihrem Lande vernehmen: ״Hakscliew, Hakschew, po Tel- Awhv!“ Die Völker werden dann aufhorchen und der neuen Stimme zuhören, die ihnen von Erez-Israel erzählen wird. Kinderbücher Der Verlag Williams ßc Co. (Berlin-Grunewald), der sich um die Schaffung einer guten Jugendliteratur in Vorbildlicher Weise bemüht und dessen ״Doctor Doiittle“ und andere Bücher an dieser Stelle bereits wiederholt gepriesen wurden, bringt noch rechtzeitig vor Chanukkah eine neue Serie, ״Die Kind er weit“, heraus, die für Kinder von 5—8 Jahren bestimmt ist und den Kleinen bei ihren ersten Leseversuchen, deren Bedürfnis schon das Druckbild angepaßt ist, viel Freude machen wird. Das erste Bändchen ist von Hugh Loftin g, dem Autor von Doctor Doiittle ״Der böse Gutsherr und die guten Tiere“; die beiden folgenden Bändchen stammen von Lotte Hansen und heißen: ״Jürgens Abenteuer mit den Wolken“ und ״Die Kaputtmacher“, herzige Märchen der Wirklichkeit, ganz der jugendlichen Phantasie angepaßt. Die gut ausgestatteten, von jeder Geschmacklosigkeit freien Bücher kosten (in Halbleinen) nur 2,20 M. — Für kleinere Kinder, etwa von 3 oder 4—6 Jahren, gibt es ein hübsches Bilderbuch von Edwin Redslob ״Unterm Tisch und auf der Schaukel“, mit guten Bildern von Hildegard Weinitschke, in dem Gegenstände des täglichen Lebens lustig besungen werden. (Verlag Müller & Kiepenheuer, Potsdam). Derselbe Verlag bringt ein neues ״Buch der erfüllten Wünsche“ von Tom Seidmann- Freud, dieser Meisterin der Kinderbücher, deren einzigartiges ״Zauberboot“ hier vor einigen Wochen gepriesen wurde. Auch dieses neue Buch ist voll Phantasie und anregender Lustigkeit, und dazu machen die wirklich entzückenden Bilder dieser einzigartig begabten Künstlerin das Ganze zu einem Quell reiner Freude. Den Büchern von Tom Seidmann-Freud kann man mit bestem Gewissen weiteste Verbreitung wünschen. ״Liebste Mutter“, so betitelt sich ein von Paul El bogen herausgegebenes Sammelbuch (Ernst Rowohlt-Verlag, Berlin W 50), das ״Briefe berühmter Deutscher an ihre Mütter“ enthält. Ein Hauch von Mütterlichkeit weht um das Buch, man denkt dabei unwillkürlich an die Glückei von Hameln, wie verschiedene Menschen und Frauen auch da vor uns erstehen mögen. Von speziell jüdischem Interesse ist es, die im Buche vertretenen Juden zu erwähnen, von Heine über Lassalle zu Rathenau. Lassalle schreibt z. B. am 11. September 1863: ״Da ich vdn C’s gehört habe, daß dieser Tage Rescheschone ist (Rausch ha senono, um richtiger zu schreiben), so ermangle ich nicht, Dir meine heißesten und zärtlichsten Glückwünsche darzubringen! . . Nicht nur Figuren, auch Zeiten erschließen sich aus diesen Briefen. Zerstörung und Aufbau Vor den Toren von Jerusalem, fern von allen Wohnvierteln, wo sich weite Strecken brachen Landes, reich gegliedert durch Bergkegel und Talmulden in grandioser Einsamkeit und heroisolier Schönheit erstrecken, zieht sich eine jahrtausendelang ausgetretene Römerstraße dahin. Geht man diese Straße entlang durch die Oede des steinigen Geländes, das nichts als Dornen und Disteln trägt, so gelangt man schließlich an ein eisernes Tor und einen Stacheldraht, der ein weites Gelände umspannt. Man tritt ein durch das Tor und sieht voller Erstaunen, daß sich inmitten dieser Wildnis lange, wohlgeordnete Furchen in dem Erdboden, der hier nicht mehr grau und verkrustet, sondern rötlichbraun und voller Lebensfrische ist, dahinziehen. Aus diesen Furchen strebt es grün und saftig ans Licht: Reihen von Gemüsepflanzen, von ganz jungen Obst- und Waldbäumchen. Nun tauchen auch, in den Feldern hockend und die Pflanzen pflegend, ein paar vereinzelte Gestalten auf — geht man auf sie zu, so zeigt es sich, daß es junge Mädchen sind, in Arbeitsblusen und weiten schwarzen Pluderhosen, die hier draußen, ganz allein, blühendes Leben aus dem steinigen Boden zwingen. Das sind Mitglieder der Jerusalemer Ar heiterinnenfarm, deren energischer Leiterin, als die zionlstisehen Behörden ihre Pläne mit skeptischem Lächeln abwiesen, es gelang, aus privaten Mitteln dieses stattliche Gelände vor der Stadt zu erwerben, um hier eine große Lehrfarm für Garten- und Gemüsebau, für Geflügel- und Viehzucht zu errichten. Nach jahrelangen Bemühungen und unerfüllten Träumen begann das Unternehmen im letzten Sommer eine feste Form anzunehtnen Der Boden erwies sich als fruchtbar und gut, und dank giinstiger Witterung entwickelten sich die Saaten und Stecklinge schnell und kräftig. Einein ersten kleinen Hause auf dem Grundstück, das als Schuppen und Stall für das Pferd diente, war der Bau von zwei festen, großen Betonhäusern für das Geflügel gefolgt. 450 Hühner wurden in dem einen der Häuser untergebracht — lauter schneeweiße Leghorn, welche die Bewunderung und den Neid der vorübergehenden Araber erregten. Das andere Hühnerhaus richteten sich die Mädchen einstweilen als Wohnhaus ein — ein ganz gemütliches Wohnhaus mit weiß überzogenen Betten, mit Bildern an den getünchten Wänden und hübschen Läufern auf dem Fußboden. Das Wohnen in diesem Hause ersparte den Mädchen den tagliehen weiten Weg von und nach Jerusalem in aller Herrgottsfrühe und nach Sonnenuntergang. Von den Bewohnerinnen dieses eigenartigen Hiihnerhauses wurden nach Feierabend, wenn sie in der großen Stille der öden Landschaft beisammen saßen, hoffnungsvolle Träume . gespönnen; jeder Fleck des großen Geländes hatte in diesen Träumen seine feste Bestimmung: hier die Viehställe, dort die Weiden, da das Wohnhaus, von dessen Oberstock man die Häuser von Taipioth und Mekor Chajim sehen würde. Einnahmen vom Verkauf der Eier, Gemüse, Setzlinge, der Milch und Milchprodukte . . . die ganze, unter Entbehrungen und Mühe begonnene Farm schließlich ein neuer Stützpunkt der Arbeiterschaft, ein neues Beispiel für die Wiederbelebung der totenstarren alten Erde. Dann kam der 23. August, ln den letzten, gefahrschwangeren Tagen, die vorausgingen, hatte man die Gärtnerinnen überredet, nicht allein auf dem einsamen Grundstück zu schlafen, sondern in Taipioth, aber am frühen Morgen des Verhängnisvollen Freitags waren sie doch wieder hinausgegangen — man konnte doch nicht die Hühner ohne Futter, die Setzlinge ohne Wasser lassen. Acht Mädchen und drei Burschen, die zu ihrem Schutze mitgekommen waren, gingen ruhig ihrer täglichen Arbeit nach, als gegen 9 Uhr morgens die Leiterin der Farm aus der Stadt kam, den abgelegenen Feldweg entlang, auf dem streikende Arbeiter und Fellachen nach der Stadt zogen, und die Mädchen bewog, mit ihr in die Stadt zu fliehen. Am selben Tage stürzte sich eine arabische Horde auf das Farmgelände. Der Zaun wurde durchbrochen, die Futtervorrate im Schuppen ausgestreut, das Pferd geraubt. Die schönen weißen Hühner, die den Neid der Fellachen erregt hatten, wurden geraubt und im Hühnerstall alle Fenster, Türen, Gitter zerschlagen. Aus dem zweiten Hühnerstall — dem Wohnhaus der Mädchen — wurde alles geraubt, was nicht niet- und nagelfest war, zerbrochen, zertrampelt, zerrissen. Auf dem Gelände wurden die jungen Schattenbäumehen ausgerissen, die Tomatenstauden, die Ackerfurchen zertrampelt. Das war am 23. August. Am 3. September kehrten die Mädchen zu ihrer Arbeit zurück. Geht man heute über das einsame Feld zum Farmgelände, so findet man die Aecker wieder in tadelloser Ordnung, die Stauden und Bäumchen zu einem großen Teil durch andere ersetzt, der Stacheldrahtzaun ausgebessert. Nur die weißen Hühner fehlen und das Pferd, und das Innere der Hühnerhäuser mit den zerschlagenen Fenstern ist kahl und verödet. In den Feldern arbeiten die paar jungen Mädchen in ihren hellen Arbeitsblusen und schwarzen Pluderhosen genau wie früher — gehen morgens und abends die einsame Römerstraße entlang und verbringen den ganzen Tag im Freien bei ihrer Arbeit, allein auf dem großen Gelände, das in weitem Umkreis von vereinzelten Feilacheiiwohnungen umgeben ist, aus denen sich vor wenigen Wochen Räuber und Zerstörer auf die Farm der Mädchen stürzten. Und bei der schweigsamen Arbeit macht man große neue Pläne für einen Zukauf von Ländereien, die das Gebiet der Farm mit dem Gdud Avvoduh und Taipioth auf der einen, mit Mekor Chajim auf der anderen Seite verbinden und die Einrichtung eines Großfarmbetriebes ermöglichen sollen. Schon sieht man im Geiste die zerstörten Hauseinrichtungen neu hergestellt, die geraubten Tiere ersetzt, das große feste Wohnhaus gebaut, die Bäume fruchttragend, die Gemüsefelder gewinnbringend, das ganze Gebiet erschlossen — einer der vielen mit Mühen, Entbehrungen, Opfern und unzerstörbaren Hoffnungen aufgerichteten Pfeiler, auf denen die Heimstätte des jüdischen Volkes ersteht. Helene Hanna Thon. Die amerikanisch jfidisctien Arbeiter lür das Arbeiterwtrk in Palästina New York, 5. Dezember. (J.T. A.) Die Konferenz des Palästina-Komitees der jüdischen Arbeiterverbände Amerikas, der etwa 700 Delegierte aus allen Teilen der Vereinigten Staaten beiwohnten, hat eine Resolution gefaßt, in der die Palästina- Regierung als für die letzten Ereignisse in Palästina verantwort-!ich getadelt, der heroischen Verteidigung seitens der jüdischen Arbeiter Palästinas die Bewunderung ausgesprochen und an diese Arbeiter appelliert wird, auf ihren Positionen auszuharren. Die Konferenz beschloß, im Verlauf des Jahres 1930 500(1)0 Dollar für das Werk der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina zu sammeln. Die Nofgemeinschaft deutscher Wissenschaft teilt mit, daß sie Professor Schemann, dem Verfasser des zweibändigen Werkes ״Die Rasse in den Geisteswissenschaften“ wegen seiner mit Wissenschaft nichts zu tun habenden Feststellungen in dem Kapitel ״Juda und Rom“ und ״Die Herrschaft der Minderwertigen“ das ihm für Forschungsarbeit verliehene Stipendium entzogen hat.