Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 99 (17.12.1929)
- Date
- 1929-12-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 99, 17. xn. 1929 JÜED1SCHE RUNDSCHAU Seite 871 Hermann Ungar zum Ged&ditnis Von Oustav Krojanker. Die Premiere dei Stücke« ״Die Gartenlaube" hat die Littmerks&mkeit von Publikum und Presse auf Hermann Ungar gelenkt. Der nachfolgende Aufsatz von Krojanker war jedoch bereits vor einigen Wochen, unmittelbar nach Ungar! Tode, zur Veröffentlichung bestimmt; wegen Raummangel erscheint er erst heute. Red. Wenn hier von Hermann Ungar gesprochen wird, so ist vom Dichter und vom Freunde gleichermaßen die Rede; ich kann es nicht trennen. Hinter jeder Zeile, die er schrieb, steht für mich das Bild eines Menschen, von dem mir jeder Zug — sein Lachen wie sein Gequältsein, seine Art des Gangs wie die tiefen Falten auf seinem Kindergesicht — vertraut und nahe war wie bei einem belbnders geliebten Bruder. Ob dadurch auch jede Zeile sich besser erschließt oder ob nicht vielmehr zu große Nähe das Bild des Werkes verwischt, mag unentschieden bleiben; es kommt nicht darauf an. Es geht hier nicht um literarische Klassifikation, sondern um einen Menschen in seiner Ganzheit, von dem das Werk zwar ein wesentlicher Teil ist, neben dessen Leistungen aber auch die persönlichen Wirkungen seines einmaligen Daseins stehen. Die Leistungen haben ihr Fatum; man weiß nicht, ob sie bleiben oder verwehen. Und was heißt schon ״bleiben“? Von seinem Dasein aber weiß matt; daß es für einige wenigstens unverlierbar sein wird, solange sie selbst Atem haben. Vor mir ersteht wieder das Bild, da ich ihn zum ersten Male sah; es mag Ende 1911 gewesen sein. Eines Tages stand er in meinem Zimmer tnfd bot einen erheiternden Anblick: ein blonder rosiger Knabe mit weichen Zügen, der feierlich in ein dunkles Gewand gehüllt war und einen Zylinderhut in der Hand trug. Er stammte aus einem guten Bürgerhause in Boskowitz und war in dem nahegelegenen Brünn zur Schule gegangen; von dort kam er nun als Student nach Berlin und machte Antrittsvisite mit allen Attributen der Honoratioren von m Hause. Denn in einem Punkte war er schon damals, was er immer geblieben ist: nämlich eine sonderbare Mischung von absoluter Formlosigkeit, ja einer rebellischen Auflehnung gegen jede Konvention und einem widerwilligen Bcherrschtsein von ihr, einem Bezwungensein gleichsam durch die Sicherheit guter Formen. Es war in ihm ein tiefer sozialer Instinkt, der aber mit der gesättigten Tradition der bürgerlichen Gegenwelt nicht ohne weiteres fertig werden konnte. Es waren die absolut proletarischen Instinkte eines Bürgersohnes, die eben durch die bürgerliche Kultur einer langen Reihe vor ihm gebunden waren. Und vielleicht sind sein Zionismus und diese Bindung nur zwei Seiten eines Dings gewesen. Etwas von diesem Zwiespalt steckt für mein Gefühl in der Gestalt des Dieners Modlitzki, die seine tiefste geworden ist und die als einzige dreimal in seinen Werken wiederkehrt; es wird davon noch die Rede sein. Damals jedenfalls wirkte er halb komisch und halb feierlich. Und es war auch wirklich kein gewöhnlicher Besuch, dies erste Zusammentreffen, denn kaum daß er in seiner Sofa-Ecke saß, zückte er auch schon ein umfangreiches Manuskript und gestand mir den Traum seiner zwanzig Jahre, nichts geringeres als ein Dichter zu werden. Ich habe das damals wohl nicht übermäßig ernst genommen; und nicht dieses Bekenntnisses wegen ist mir die Stunde unvergeßlich geblieben, sondern weil ich schon damals spürte, hier einen Menschen gefunden zu haben, der einer ist. Gewiß, man findet sich schnell, wenn man so jung ist, wie wir damals waren: man hat noch keine Reservate in sich gemacht, man ist noch von keinen Abstumpfungen betroffen, und man öffnet sich leicht. Aber es war doch mehr als dies jugendliche Offensein. Ich verspürte schon damals, staunend zuerst, einen Hauch von dem, was nicht nur diesen Jungen, sondern was bis zuletzt den Mann ausgezeichnet hat und der Freundschaft, die er zu geben wußte, eine so besondere Innigkeit verlieh: nämlich ein ungewöhnliches Maß von Weichbeit, ja Zärtlichkeit, Wärme und Hingabe. Bei der rauheren Atmosphäre unseres Klimas; bei der Notwendigkeit, häufig erst umfangreiche Tiefbohrungen vornehmen zu müssen, um auf eine Quelle zu stoßen, war dieser Fundus menschlicher Vi'ärmc, der einfach dalag und genommen werden wollte, eine höchst überraschende Entdeckung. In seinem ganzen Umfang hi schätzen, was es heißt, einen Menschen mit immer offenem Herren zum Freund zu haben, der half, einfach indem er da war und alles Bedrückende in seine Wärme aufnahm — das habe ich auch erst etwas später gelernt als ich selbst älter und damit bedürftiger geworden war. Das Manuskript, das er mir damals gab, habe ich heute vergessen. Aber ich weiß, daß ihm bis zur ersten Veröffentiichung (1919 oder 1920) noch viele solcher vorbereitenden Arbeiten gefolgt sind. Er hat, obwohl er nebenbei ein Studium betrieb und auch zum Abschluß brachte, um seinen wahren Beruf immer mit aller Qual und aller Hingabe wirklicher Arbeit gerungen. Kurze Zeit zwischendurch ist er übrigens auch in irgendeiner kleinen damals noch österreichischen Stadt Schauspieler gewesen, ohne das selbst sonderlich ernst zu nehmen. Es war für ihn wohl mir ein Ausweg um seinen starken Qestalfungstrieb, den er damals dichterisch noch nicht voll ausleben konnte, in einer anderen Form zu betätigen, für die er einige Begabung besaß. Die Romane und Novellen, die in diesen Jahren bis zum Kriege entstanden, haben aut mich immer den gleichen Eindruck ,gemacht: nämlich den einer sicher vorhandenen Begabung, deren Ausdruck aber noch viel zu weich, zerfließend und formlos war. Es war schon eines Dichters Art, zu sehen aber noch ohne seine Hand und auch noch ohne Gegenstand. Denn wenn Ich mich auch des In- Halts dieser Arbeiten heute nicht mehr entsinne, das weiß ich bestimmt, daß noch keine von ihnen etwas von dieser abgründiscli-chaotisclien Welt offenbarte, die sein Gegenstand wurde, als er sich gefunden hatte. Sie kann also erst ganz im Keime vorhanden gewesen sein, so daß damals noch der äußere Eindruck, den er hervorrief, und das, was tatsächlich in ihm vorging, einigermaßen deckend gewesen sein muß. Denn das war ja später das Verblüffende für alle, die ihn nicht ganz nahe kannten, durch seine Veröffentlichungen auf einen geradezu ungeheuerlichen Gegensatz zwischen seiner inneren und äußeren Welt gestoßen zu werden. Er wirkte durchaus wie ein vom Glück verwöhnter Mensch und war es den äußeren Voraussetzungen nach auch. Er war sehr witzig, heiter und gesellig, infolgedessen überall ungewöhnlich beliebt, sah zudem gut aus, hatte Glück hei Frauen and kannte damals keine materiellen Sorgen. Man kann auch in seiner zärtlich behüteten und frei sich entfaltenden Jugend nichts finden, was diesem Bild nicht entspräche. Es ist richtig, daß seine Heiterkeit in Gesellschaft, in der er bezeichnend«•- weise nur zweierlei kannte: sie ganz beherrschen oder ganz abseits bleiben, nichts anderes war als eine Form der Produktion, hervorgegangen aus demselben Trieb, der ihn eine Zeitlang zum Schauspieler gemacht hatte, und daß er im Alleinsein mit wenigen Vertrauten ein ganz anderes Bild, das eines von sich selbst stark hergenommenen, sehr gequälten Menschen zeigte. Aber ich glaube, daß diese Qual, □er er sich überließ, wenn er sich nicht in größerem Kreise gleichsam produzierend von ihr ablenken konnte, vielmehr auf sein unablässiges Ringen um künstlerische Gestaltung als auf den Stoff selbst zurückzuführen war. Jedenfalls standen seine äußeren Voraussetzungen wie der Eindruck, den er selbst bei denen hervorrief, die ihm nietft ganz fern waren, im krassesten Gegensatz zu der Welt, die er durch seine Veröffentlichungen offenbarte; denn was er gab, war eine Hölle von Gefühlen der Erniedrigung und des Ausgestoßenseins. Da war keine körperliche und keine seelische Verstümmelung, keine Kränkung durch materielle Not, die er nicht zu seinem Gegenstand gemacht hätte. Und man fühlte, daß er nicht etwa nur darum wußte, wie der Dichter um die Leiden der Kreatur weiß, sondern daß er dies alles selber erlitten hatte, und daß er es darstellte, um sich davon zu befreien. Was seine Richtung bestimmte, waren überindividuelle Erlebnisse, In ihm als einem Menschen von wirklicher Substanz war das Gedächtnis der ganzen Reibe vor ihm; es saß in ihm, als hätte er selbst Jahrhunderte unserer Geschichte erlebt. Dieser scheinbar so heitere, so spielerisch leichte, so weitläufige Mensch war im Grunde ein alter Jude, der sich ausgeschlossen fühlt von den Gütern dieser Welt und dessen Platz auf der Seite der Entrechteten und Beladenen ist. Wenn es eines Beweises dafür bedürfte, so wird er durch das letzte Manuskript gegeben, das er vor seiner ersten Veröffentlichung geschrieben hat und das gegen Ausgang des Krieges entstanden sein muß. Dabei ist hier der Krieg lediglich als chronologische Angabe zu verstehen. Denn wenn er wohl auch in der Richtung eines beschleunigten Reifens und eines tieferen Ernst« gewirkt haben mag, so hat er doch bestimmt nichts Neues hinzugetan. Dieses Manuskript also war der Roman eines jungen Juden, aufgewachsen in der Orthodoxie, der Ungar selbst übrigens niemals unterworfen gewesen war, und dieser Orthodoxie nicht sinngemäß, sondern blutmäßig verfallen. Auf dem Helden dieses Romans, der in die große Stadt kommt und dort vergeblich auch um Innere Freiheit ringt, lag die ganze Last unserer Geschichte. In ihm hatten nicht nur alle die äußeren Erniedrigungen unseres geschiehtliehen Lebens in irgendeiner Form ihren Ausdruck gefunden, sondern vor allem auch das Unnatürliche, Gewaltsame, jeden Trieb Erstickende eines streng dem Gesetz unterworfenen Daseins. Es war der Aufschrei eines von innen und außen geknechteten Menschen, dem all seine Freiheit nichts nützt, weil die Generationen in ihm stärker sind als die Bedingungen seines individuellen Daseins, und der daran zugrunde gehen muß, weil er diese Bindungen nur erbmäßig mit sich herumschleppt, ohne noch in ihrem Sinne zu ruhen. Es war, wenn man so will, ein Stück bisher ungeschriebener Emanzipationsgeschichte: nämlich der Kampf zwischen neuen Lebensbedingungen und alter Tradition, verlegt aus der Sphäre geistesgeschichtlieber Betrachtung in Blut, Nerven, Geschlecht und alles Unbewußte eines Individuums. Der Roman ist nicht erschienen, und er war auch zur Veröffentlichung nicht reif, weil es ihm noch an wirklicher Formung fehlte. Und danach entstand dann das Manuskript seiner bekannten Novellen ״Knaben und Mörder", das ich im Sommer 1919 erhielt. Wenn mich nun sein Inhalt auch nicht mehr so verblüffte, wie es noch einige Zeit vorher der Fall gewesen wäre — höchst überraschend blieb die Form, die ihm bisher immer gefehlt hatte und die ihm nun gleich auf vorbildliche Art gelungen war. Hier war er nach all den Jahren unablässiger Bemühung begnadet worden. Und hier beginnt sein Weg In aie Öffentlichkeit. Es dürfte bekannt sein, daß ihm diese Noveilen, in literarischen Kreisen wenigstens, mit einem Schlage einen Namen gegeben haben. Es waren Thomas Mann und Stefan Zweig, die ihm durch ihre Kritiken den Weg ebneten, und Th. Mann hat übrigens auch durch die Aufnahme dieser Kritik in seine ״Gesammelten Werke“ Zeugnis davon abgelegt, welche Bedeutung er dieser Würdigung, im Gegensatz zu seinen sonstigen unendlich zahlreichen Anerkennungen, beilegt Und tatsächlich steht ein kleines Meisterwerk an seinem Anfang, ein größeres an seinem Ende, nämlich ״Die Gartenlaube“, eine Komödie, die jetzt aufgeführt werden wird und deren Aufführung er nicht mehr erleben sollte. Mit ihr beginnt ein ganz neues Kapitelv Und Hst das *Tragische,• neu das ungeheuer Sinnlose dieses Schicksals, daß es ihn in dem Augenblick ereilen mußte, wo er sich, wie mir scheint, zu einer höheren Stufe künstlerischer Produktion durchgerungen hatte, auf der für Ihn ein neuer und großer Weg gerade erst begann. Man kann seine Novellen ״Knaben und Mörder“ wie seine Romane ,,Die Klasse“ und ״Die Verstümmelten“, die ihnen folgten, als eine Einheit betrachten, in der für mein Gefühl das Erstlingswerk das in der Form reifste und höchste geblieben ist. Aber die Welt dieser drei Dichtungen ist dia gleiche. Es ist eine Welt, in der das Blut rauscht, in der alle Triebe und Verirrungen iosgelassen sind, aber durchaus nicht etwa in der frisch-frohliehen Manier, die manche Literatur unserer Tage kennzeichnet, sondern in einer unerhört gequälten Art, die noch am ehesten an den Dostojewski der Petersburger Geschichten erinnert. Seine unfreien Menschen, die nicht handeln, denen etwas aus ihrem Blute geschieht, winden sich gleichzeitig unter den Gesetzen von Schuld und Sühne; ihr Menschtum jagt sie und Gott, der Herr, der ein eifersüchtiger Gott ist und die Missetaten tilgt bis ins tausendste Glied. Es ist nicht zu sagen, wie jüdisch diese Welt ist, obwohl Ungar sich dessen nicht bewußt war und obwohl sie in dem Roman ״Die Klasse“ sogar katholisch behSngt wird, was freilich in diesem Zusammenhang keinen großen Unterschied macht. Es ist mit einem Wort, das ich inm selbst gegenüber immer gebraucht habe, die infernalisch-cbaotische Welt eines entlaufenen Jeschiwe-Bochers; nur daß man, um das Wort richtig zu verstehen, nun natürlich diese ganze Summe von individuellen Zügen hinzu tun muß, die ihr durch diesen einmaligen Menschen, Hermann Ungar, gegeben wurden. Was ihren künstlerischen Rang ausmacht, ist jene letzte Echtheit, die nichts anfaßt, was sie nicht anfassen muß, und eine Gestaltungsform von äußerster Eindringlichkeit. In einer Zeit des wildesten Expressionismus zeichnet er knapp und sachlich. Unerhörte Vorgänge werden in der Form eines beinahe trockenen Berichts vorgebracht, in kurzen Sätzen, die kein Wort zuviel enthalten, und so markant sind, daß sie ein höchst plastisches Bild ergeben. Es ist insbesondere der Rahmen von Armut und kleinbürgerlicher Enge, den er mit wenigen Worten so zu geben weiß, daß einem förmlich der Geruch dieser Luft beklemmend entgegenschlägt. Man ist ganz in dem Bann einer unendlich quälenden Welt, die, wenn sie mitunter wie ein drückender Traum anmutet, dann auch immer alle Schärfe und Helligkeit von Traumbiidem hat. Aber diese dichterischen Arbeiten sind noch nicht so ein Zeichen seiner Distanz zum behandelten Gegenstand wie ein Zeichen seines Ringens darum. Gewiß, er stellt die Dinge schon dar, aber er steht doch noch in ihnen. Es ist der Beginn eines unendlich mühseligen Durchbruchs zu freieren Sphären, zur Eroberung des Lebens durch den Geist. Denn seine Art des Geistes war eben die des Künstlers, die durch die sinnliche Welt geht, die aus allen Tiefen des Blutes kommt, sich mühsam befreit, dann aber Zeugnis davon ablegt, daß sie aus Regionen aufgestiegen ist, in die der spekulierende Verstand niemals gelangt. Ich erinnere mich, kurze Zeit mit ihm unter fachmännischer Leitung philosophische Studien getrieben zu haben. Da waren ganze Partien, die an ihm spurlos vorübergingen, während er dann aut einmal zwischendurch mit Fragen oder Bemerkungen hervorkam, die von einer so tiefen Erfassung des Gegenstandes zeugten, daß sie den Leiter unserer Lektüre immer wieder aufs äußerste verblüfften, als bräche plötzlich aus verdunkeltem Raum ein Strahl hellsten Lichtes. Er war durchaus das Gegenteil eines Intellektuellen, er war wirklich ein Dichter, dem sich ein Ding erhellt, wenn es ihn iin innersten berührt; der nicht über die Dinge denkt, sondern aus ihnen. Man durfte sich deshalb niemals an das halten, was er etwa über seine Arbeiten oder auch über seinen Zionismus sagte. Das war häufig reichlich naiv. Was in ihm war, konnte Gestalt annchmen, aber keine Begriffe. Nun kommt allerdings die Gestalt um so reiner zum Durchbruch, je mehr sie sich mit Hilfe des Geistes von allen Schlacken ihrer Herkunft, von allem Dunklen und Verstrickenden befreit, aus dem sie aufsteigen muß. Seine Romane haben diese Freiheit noch nicht ganz. Ihre Gestalten stehen schon im Licht, aber noch etwas wie verhüllt von dem Blutdunst, aus dem sie gekommen sind. Mit der Komödie ״Die Gartenlaube“ ist der Durchbruch ganz gelungen. Es ist 1m Grund dieselbe Welt der Leidenschaften und Triebe, aber von oben gesehen, mit einem verstehenden Lächeln. Vorbereitet ist diese Komödie durch eine Novelle ״Colberfs Reise“, die schon im August 1922 in der ,,Neuen Rundschau“ erschienen ist und vermutlich durch dies Erscheinen in einer Zeitschrift bei weitem nicht die Beachtung fand, die sie verdient hätte. In ihr ersteht zum ersten Male die Figur des Dieners Modlitzki, die dann in der ״Klasse“ und schließlich in der ״Gartenlaube" wiederkehren sollte. Wenn sie seine tiefste Figur geworden ist, so nicht 80 — wie man fälschlich hervorgehoben hat — durch ihre revolutionäre Taktik, so originell sie sein mag, wie durch den Gegenstand ihres Hasses. Dieser Diener trägt das soziale Gewand des Proletariers, aber er ist viel mehr: er ist das Urtier schlechthin, er ist die Auflehnung nackten Menschentums gegen die verhüllenden Schleier, die Ordnung und Formen über alles Ursprüngliche gebreitet haben. Denn wie der Besitz die Sicherheit gibt und die gute Form, so legt die Ordnung des bürgerlichen Lebens eine Atmosphäre von Ver« logenheiten über alles Triebhaft-Chaotische. Ungar, der selbst mit diesen Kräften rang, die er überall verleugnet und überall am Werke sah, erhebt sich mit dieser Gestalt gegen die bürgerliche Welt, die auf der Grundlage des Besitzes in der verlogenen Sphäre gefälliger Formen, ästheti• scher Spielereien und eines äußerlich adoptierten Sittengesetzes vor sich und anderen so tut, als wären Egoismus und Geschlecht nun tatsächlich höheren Gesetzen unterworfen. So geht der Haß des Proletariers Modlitzki nicht so gegen den Besitz wie gegen die bürgerliche Sphäre überhaupt Dieser Proletarier schielt nicht auf den Bürger, um sich au seine Stelle zu setzen, sondern negiert ihn schlechthin mb aller Kraft des Hasses, Ich glaube nicht zu irren, wenn ich sage, daß Ungar hier mit einem Problem rang; denn er sah doch gut, daß — wie der Besitz die Voraussetzung auch fü! wirkliche geistige Werte war — die bürgerliche Ordnung tat• sächlich etwas wie einen Schutzdamm darstellt, der die Qemein• Schaft und ihre Schöpfungen überhaupt erst möglich macht, kurz, daß es keine Art von Leben ohne die Beschränkung de! Form gibt. Wozu hätte er sonst selbst darum gerungen, seine chaotische Welt auf seine Art, durch die Gestalt zu ordnen? Modlitzki, die Revolte schlechthin, in ^Colberts Reise" noch wesentlich Ausdruck eigener Sedenstimmumg, wird in der ״Gartenlaube" auch schon von oben gesehen, auch er schon als eine jener Marionetten, die von etwas getrieben werden, das sie für Wahrheit halten und das für den überschauenden Blick nichts ist als eine Daseinsform wie eine andere, Und das ist überhaupt das Wesen dieser Komödie, eine Anzahl von Menschen gegeneinanderzustellen, von denen jeder nach Anlage, Alter und Herkunft in schier Welt lebt, diese für die einzig wichtige und berechtigte hält und nun mit einem — wie Ungar im Vorwort sagt — geradezu tierischen Ernst sich agiert: was für uns, solange wir lieber Gott spielen und zugucken, also den Gegensatz zwischen diesem Ernst und seinem Inhalt erfassen können, zu einer Komik von erschüttender Kraft wird. Und sehr bezeichnend Kr Ungar, diesen Gegensatz allen Literatentums, diesen durch und durch legitimen Menschen, daß er den Vertreter des künstlerischen Aesthetentwns in diesem Stück den Dümmsten von allen nennt. Des künstlerischen Aestfaetfltums — das ist zu wenig . gesagt Auch hierin liegt für Ungar eine ganze Welf: die Welt der nur gekonnten Form, der Verlogenheit und der Ordnung um ihrer selbst willen. Und soweit ist er doch nicht objektiviert, daß er nicht für sie seine ganze Verachtung bereit hätte und daß nicht auch in dieser Komödie noch ein Stück seines Herzens an ihrem äußersten Widerspiel hinge, an der revolutionierenden Urkraft Modlitzki, der Triebfeder seines eigenen Schaffens. Das ist der Weg der menschlichen und geistigen Ent- Wicklung, den Hermann Ungar in sechsunddreißig kurzen Lebeifejanren zurücklegen konnte. Er führt aus der Periode des Sturms und Drangs, in der die wilde Kraft sich manifestiert, in die der beginnenden Reife, in der sie sich bändigt und durch den Geist in Formen zwingt, die sie mir um so reiner und schöner zum Ausdruck bringen. Er war nun zu diesem Punkte gereift, seinen neuen Weg auf noch höherer Ebene fortsetzen zu können. Es war ihm nicht vergönnt, mehr als den ersten Stein zu setzen. Ich habe in diesem Zusammenhang den ״roten General“ nicht erwähnt, obwohl gerade dieses Stück, eben weil es ein Theaterstück war und darum den ganzen Apparat der Publizität für sich hatte, seinen Namen am bekanntesten gemacht hat. Aber der ״rote General“ gehört so wenig in das Bild seiner Entwicklung wie irgendeine der kleinen feuilletonistischen Arbeiten, die er gelegentlich schrieb. Der ״rote General“ entsprang keiner inneren Notwendigkeit. Gewiß, mit dem Problem dieses Stückes befaßte er sich, es war ihm nahe; aber seine wirklichen Probleme befaßten sich mit ihm, sie waren ihm nicht nahe, sondern ein Stück seiner selbst. Und deshalb gehört dies Schauspiel, zu dessen Qualitäten einer sonst stehen mag wie er will, jedenfalls ganz an den Rand des Bildes, das seine Farbe nur von dem innersten Kern des Menschen Ungar erhalten sollte. Zu diesem Kern aber gehört gewiß sein Zionismus. Nur glaube ich nicht, daß es nach allem, was ich gesagt habe, noch nötig ist, etwas hinzuzufügen. In ihm war die Bindung des jüdischen Menschen mit all der Kraft, deren sie heute unter Westjuden überhaupt noch fähig ist. Und daß er sich ihrer bewußt wurde, daß er ihrem dumpfen Trieb die Helligkeit des Willens auf erlegte, beweist sein Bekenntnis zu unserer Bewegung und seine Eingliederung in unsere Reihen; beweist die Tatsache, daß er nur in ihnen immer wirklich zu Hause war, auch noch zu einer Zeit, als sein diplomatischer Beruf, seine literarische Karriere und seine persönliche Bciiebtheit ihm eine andere, unendlich viel weitere Welt erschlossen hatten. Daß er sich mitunter an der Enge unserer Gesichtspunkte gestoßen hat, daß ihm Zweifel an der moralisehen Berechtigung unserer nationalen Bewegung gelegentlieh zu schaffen machten, war bei einem Mensälen seiner Art selbstverständlich: er wäre kleiner gewesen als er war, wenn das gefehlt hatte. Wie sehr er in Wahrheit mit seinem lästina ergriff. Er hat gleich nach den ersten Nachrichten einen Brief an mich gerichtet, der ein pathetisches Bekenntnis zu unserer Sache war und gerade durch diese für ihn ungewöhnliehe Form bewies, eine wie tiefe Verbindung er seinem ganzen Wesen nach mit der zionistischen Sache eingegangen war. * Ein anderer mag seine Entwicklung und seinen Weg anders sehen; es gibt da wohl keine Wahrheit. Man abstrahiert ja, man zieht ab; aus einem lebendigen Menschen zieht man Begriffe und setzt sie zusammen: das soll dann der Mensch sein. Bei einem Fremden, den man nur kennt und der einen mit interessiert, soweit er als Leistender sich heraus«