Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 99 (17.12.1929)
- Date
- 1929-12-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 070 JUEDISCHE RÜNDSCHAO Nr. 60, 17. Xn. 1929 Beschwerden zu erreichen. Braude verharrte jedoch bei seiner Meinung, daß 1. die Regierung die an sie gerichteten Warnungen unbeachtet gelassen, die Panzerautos erst am späten Nachmittag des verhängnisvollen Freitag kommen ließ, daß das Feuer gegen die Angreifer erst am Sonnabend vormittag eröffnet wurde; 2. daß die Polizei keine Oe• wehre hatte; 3. daß nicht für genügend Truppen ge• sorgt wurde; 4. daß es nicht einmal genug Polizisten gab. Braude erklärte, die Lage war eine solche, daß schon mehrere Tage früher Truppen nach Palästina hätten an ge fordert werden sollen. Das Kommissionsmitglied Harry Snell umschrieb gegenüber den fortwährenden Fragen Preedys die These Braudes dahin, daß die für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung verantwortliche Regierung Anlaß hatte, rechtzeitig genügende Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Preedy machte sich Lukes Argument zu eigen, daß 1921 trotz der Anwesenheit von Truppen die Unruhen nicht verhindert werden konnten. Braude erwiderte, diesmal lagen die Dinge so, daß die Unruhen ausgebiieben •wären, wenn die Ordnung in Jerusalem angemessen kontrolliert worden wäre. Preedy ging alle von Braude nach London gesandten Telegramme durch und verlangte Beweise für die Behauptungen über die Schwäche der Regierungsmaßnahmen, die zaudernden Methoden der Regierung und den offiziellen Betrug bei Verlautbarung der Verlustziffern. Waren Sie sich, fragte Preedy emphatisch, dieser Tatsachen vollkommen sicher, bevor Sie sie der zivilisierten Welt bekannt gaben? Braude erwiderte, die Regierung selber habe zugegeben, daß die Streitkräfte unzureichend waren, daß sie nicht in der Lage •war, eine Polizei-Eskorte für das Säuglingsheim im Montenore-Vicrtel zu stellen, wodurch die Pflegerinnen gezwungen wurden, die Säuglinge unter einem Kugelregen fortzubringen. Das Mädchen-Waisenhaus im MusraraViertei flehte vergebens um Schutz und mußte schließlich ebenso wie die Lämel-Schule geräumt werden. Und ist es nicht eine zaudernde Taktile, wenn die Polizei die Plünderer von Talpioth gewähren ließ, ohne sie in ihrem Tun zu hindern? Auch in Oedud Awodah zog sich die Patrouille zurück und überließ den Ort den Plünderern, die der Polizei auf dem Fuße folgten. Die Araber waren dort mehrere Stunden versammelt, sie griffen aber eist an, als sie fest davon überzeugt waren, daß die Polizei sich nicht einmischen würde. Geradezu ein klassisches Beispiel einer ZaudertaWk war aber das Verhalten von Luke gegenüber dem Vorschlag, jüdische Polizisten anzuwerben. Lange, lange erwog er während der furchtbarsten Stunden, bis er sddießlich den Vorschlag zurückwies. Das gleiche gilt für seine Panzerautoakti on: er hielt die Autos lange nur zura Scheine. Welchen anderen Grund, sagte Braude, hatte die Regierung für das Zusammenwerfen der Verluste in Hebron und Jerusalem als den, den Umfang der Tragödie in Hebron zu verhüllen? Die Ereignisse, schloß Braude, waren weit ernster, als ich sie in meinen Telegrammen geschildert habe. Während der ganzen Sitzung herrschte eine gereizte Stirnmung, zwischen Preedy und Merriman kam es wegen geringfügiger Dinge zu ernsten Auseinandersetzungen. Der Vorsitzende, Walter Shaw, mußte immer wieder begütigend eingreifen. Bei weiterer Erörterung des Wirtschaftsproblems sagte Ho offen aus, die einzigen Unzufriedenen unter den Arabern seien die Großgrundbesitzer, die gewohnt waren, den arabischen landwirtschaftlichen Arbeitern niedrige Löhne zu zahlen und die nun sehen müssen, daß nach dem Beispiel der Jude» auch der Lebensstandard der Araber steigt. Sir Walter Shaw bemerkte, er höre zum erstenmal, daß über so etwas Klage geführt wird. Hoofien entgegnete, dies wären Klagen, die vor die Untersuchungskomraisslon nicht gebracht werden. Das liberale Kommissionsmitglied Hopkins Morris fragte, ob jüdische Arbeitgeber arabischen Arbeitnehmern niedrigere Löhne zahlen als jüdischen Arbeitnehmern. Ja, erwiderte Hoofien, aber die arabische Lohnskala steigt infolge der Agitation der jüdischen Arbeiter. Sicher aber ist, daß die jüdischen Bodenbesitzer arabischen Arbeitern höhere Löhne zahlen, als dies die arabischen Bodenbesitzer tun. Silley brachte ein von Hoofien nach London an die Exekutive abgesandtes Telegramm zur Sprache, worin erklärt wurde, die türkischen Methoden, Mörder und Verräter zu behandeln, seien besser gewesen als die britischen. Silley wies darauf hin, daß die zwei Araber, auf die sich dies Telegramm bezieht, die nämlich bei Luke wegen Entwaffnung der Juden interveniert haben, Auni Bey und Musa Kazim Pascha waren, die beide ihr Bestes taten, um Blutvergießen zu verhindern. Hoofien erwiderte, daß er das Telegramm aufrechterhalte, da er die türkischen Methoden, Leute, die der Regierung mit Drohungen kamen, zu verhaften, für ausgezeichnet halte, aber zugleich erklärte er, er habe nicht sagen wollen, daß die genannten beiden Herren persönlich Mörder sind. * Am Freitag, dem 13. Dezember, erschien vor der Kommission der Oberrabbiner der aschkenasischen Judenheit Paläsiinas, Rabbi Abraham Jizchak Kuk der auf das Recht, in seinem Hause vernommen zu werden, verzichtet hatte. ״Die Wahrheit ist nicht schamhaft und nicht furchtsam“ begann Oberrabbiner Kuk seine Aussage, indem er sich auf einen Ausspruch der jüdischen Weisen stützte, ״ich kam zu dem Gerichte“, fuhr er fort, ״obwohl die Herren von der Kommission bereit waren, zu mir zu kommen; denn es ist meine Gewohnheit, alles was ich zu sagen habe, vor aller Oeffentlichkeit zu sagen. Äußerem hatte ich das Empfinden, daß man Richtern Ehre erweisen müsse; sogar der Hohepriester erschien persönlich vor Gericht, wenn er vor den Richter geladen worden war.“ In dem weiteren Verlauf seiner Aussage erklärte Oberrabbiner Kuk, die Behauptung, daß die Juden sich des Gebietes der Omar-Moschee bemächtigen wollen, sei absurd; schon darum, weil solche Absichten mit dem jüdischen Glauben nicht übereinstimmen. Juden, die sich zur jüdischen Religion bekennen, dürfen der religiösen Vorschrift gemäß ihren Fuß nicht auf das Tempelgebiet setzen, weil dieses Gebiet, das jetzt von der Omar-Moschee eingenommen wird, heiliger Boden ist. Die jüdische Ewigkeitshoffnung ist es, daß die Erlösung durch den Messias kommen wird, dann wird der Tempel wieder auigebaut werden als ein Haus des Gebets füraile Nationen. ״Das Rabbinat,“ erklärte Kuk weiter, ״erbringt kein dokumentarisches Beweismaterial zur Begründung der jüdischen Rechte an der Klagemauer, weil diese Rechte nur allzugut berundet sind. Wollte man für diese jüdischen Rechte einen okumentarischen Beweis liefern, so würde dies so aussehen, wie wenn man eine Kerze hoch halte, um das Licht der Sonne zu verstärken.“ Die Aussage des Rabbi Kuk mußte Freitag um 3 Uhr wegen des herannahenden Sabbats unterbrochen werden. Die Einvernahme wird Montag fortgesetzt werdm. Inzwischen wurde das Verhör mit S&lomon Horovitz der während des Züricher Kongresses zusammen mit Braude und Hoofien die Exekutive vertrat, begonnen. Horovitz war früher Rechtsanwalt in Manchester und ist gegenwärtig einer der bekanntesten Anwälte Jerusalems und mit Sacher assoziiert Horovitz gab einen Ueberblick über seine Verhandlungen mit Luke in den Tagen bis zum 24. August. Er hielt gegenüber den Fragen des Regierungsanwaltes Preedy seine Beschuldigung aufrecht, daß die Regierung grobe Pflichtversäumnisse begangen hat. Insbesondere beschwerte er sich darüber, daß die Polizei nicht rechtzeitig Schußbefehl bekam. Weiter äußerte er sich über die Entwaffnung der jüdischen Hilfspolizisten. Auch Mr. Horovitz selbst ivar seine Waffe abgenommen worden. Des weiteren legte der Zeuge dar, daß die unrichtig abgefaßten Regierungscommuniquös dazu dienten, die Lügenpropaganda über angebliehe jüdische Ueberfllle auf Araber zu fördern, insbesondere auch in Syrien, Aegypten und -Transjordanien. Außerordentlicher Delegierten*»(* in Oesterreich Von unserem W. st-Korrespondenten. t Wien, am 9. Dezember 1929. Der eigentliche Zweck des außerordentlichen Delegiertentages, der am 8. Dezember stattfand, war die Wahl einer neuen Leitung. Das im April dieses Jahres gewählte Landeskomitee war durch Demissionen, die aus verschiedenen, meist persönliehen Gründen erfolgten, bis auf drei Mitglieder zusamntengeschmolzen, die begreiflicherweise nicht imstande waren, bis zura April 1930 die Geschäfte weiterzuführen. Nach Verhandlungen mit den maßgebenden Gruppen ist es gelungen, dem Deiegiertentag eine neue Leitung zu präsentieren, die teils Gesinnungsgenossen zählt, welche seit Jahren in der Partei tätig sind, zum größeren Teil aber aus solchen Gesinnungsgenossen, die es für ihre Pflicht halten, im gegenwärtigen kritischen Zeitpunkt nach einer längeren Unterbrechung vjpeder aktiv zu werden, besteht. Diese Liste wurde denn auch von dem Delegiertentag einstimmig und unter großem Beifall angenommen. Besondere Anerkennung gebührt Herrn Dr. Jakob Ehrlich für seinen Entschluß, das Präsidium dieses neugewählten Landeskomitees zu übernehmen. Es ist zu hoffen, daß die neue Leitung, deren Lebensdauer auf vier Monate beschränkt ist, den Forderungen des Augenblicks gewachsen sein wird. Neben der strafferen Organisierung der Partei, obliegt ihr die noch immer ungelöste Aufgabe, die große Zahl der nichtorganisierten Zionisten zu erfassen und weiter eine energische Arbeit für Palästina zu entfalten. Dem Delegiertentag lag denn auch ein Memorandum der österreichischen Chaluzorgamsationen vor, in welchen die Forderungen der Chaluzim formuliert waren. In dieser Richtung ist seit Jahren nichts oder fast nichts getan worden. Auch die Frage der Presse wurde eingehend behandelt In Oesterreich besteht seit dem Eingehen der ״Wiener Morgenzeitimg" ein radikales Organ ״Die neue Welt“ unter der Leitung Obering. Strickers und ein offizielles Wochenblatt ״Die Stimme“. Um nun das Landeskomitee finanziell zu entlasten, wurde die Gründüng eines eigenen Vereins beschlossen, weicher die ,,Stimme“ übernehmen soll, wobei jedoch der Parteileitung maßgebender Einfluß auf die redaktionelle Führung des Blattes ein geräumt werden wird. Von den Vereinbarungen zwischen diesem Verein und dem Landeskomitee wird es abhingen, ob man an diesem Experiment nicht ähnliche unangenehme Erfahrungen machen wird, wie ehemals mit der ״Morgenzeitung״. Der Delegiertentag hat diese ganze Gründung zunächst lediglich als Kommer« zialisierung aufgefaßt und erwartet sogar davon finanziellen Nutzen für das Landeskomitee. Besondere Erregung verursachte auch eine vom Landeskomitee selbst vorgeschlagene Aenderung des Wahlstatuts für den Delegiertentag. Von der radikalen Gruppe wurde schon längst die Forderung erhoben, diese Wahl nicht nach den Bezirksgruppen vorzunehmen, sondern ganz Wien zu einem Wahlkreis zu vereinigen. Die Radikalen erhofften sich .dabei Erfolge, die ihnen bei einer Zersplitterung in kleine Wahlkreise zweifellos versagt geblieben wären. Sie haben sich deshalb auch seit Jahren nicht mehr an den Wahlen beteiligt, erklärten die jeweils gewählten Parteileitungen wegen ewissen Unzukömmlichkeiten für illegal und leisteten ihre Areit außerhalb der Landesorganisation, die sie auf das heftigste bekämpften. Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese Einstellung der Radikalen sehr viel zum Niedergang des österreichischen Zionismus beigetragen hat. Mehrere Gruppen der österrelchisehen Partei machten mm diese Forderung der Radikalen zu der ihrigen, so daß sich das Landeskomitee bemüßigt sah, diesen Vorschlag aufzugreifen, wobei allerdings durch Zuerkennung je eines Delegierten für jede Bezirksgruppe und Sondervereinigung ein Kompromiß geschaffen werden sollte; so daß also jeder Wähler zweimal — einmal im Bezirk und einmal im allgemeinen Wahlkreis Wien — wählt. Diese Statutenänderung wurde denn auch vom Delegiertentag angenommen. Obwolu von den meisten Rednern betont wurde, daß es sich nicht um eine Konzession an die Radikalen, sondern mehr um ein Experiment handle, unterliegt es doch keinem Zweifel, daß man die Hoffnung hegt, durch die Erfüllung dieser Forderung die Radikalen in die Landesorganisation hereinzuziehen. Während auf dem Parteitag auch die ״Union der Zionisten-Revisionisten“ als Sondervereinigung anerkannt wurde, hat man die gleiche Forderung der Radikalen schon bei den Unterhandlungen, die dem Delegiertentag vorangingen, mit der Begründung abgej schlagen, daß die Radikalen keine eigene Ideologie besitzen und lediglich taktische Differenzen zur Anerkennung als Sondervereinigung nicht ausreichen. Wer die Mentalität der österreichischen Radikalen — die sich hier bekanntlich ״demokratische Zionisten“ nennen — kennt, wird demnach der Hoffnung auf einen Ausgleich skeptisch gegenüberstehen. Die Radikalen haben sich besonders in der Letzten Zeit als eine ganz selbständige Organisation gefühlt, ohne Verständigung der offiziellen Parteileifun״ Schritte bei der österreichischen Regierung unternommen, Aufrufe in der jüdischen Oeffentlichkeit erlassen, die den Anschein erwecken müssen, als gäbe es überhaupt keine andere zionistische Organisation, und in allerletzter Zeit in ihren Angriffen auf die Landesorganisation einenTon angeschlagen, der höchstens noch mit ihren persönlichen Verdächtigungen gegen alle Anhänger einer Verständigung zwischen Zionisten und Arabern verglichen werden kann. Es wird beispielsweise den zionistischen Kultusräten in dem letzten Aufruf vorbedachter Wortbruch in der Frage des allgemeinen Wahlrechts vorgeworfen. Und doch müßte der Delegiertentag den Verantwartungsbewußten unter den Radikalen bewiesen haben, daß ihre Hoffnung auf einen endgültigen Zusammenbruch der Landesorganisation noch lange nicht in Erfüllung gehen wird. * Die J. T. A. berichtete, daß der österreichische Delegiertentag ein« Resolution an genommen hat, worin u. a. erklärt wird, es sei die Aufgabe der Zionistischen Exekutive, ״der Britisehen Regierung verständlich zu machen, daß die überwältigende Mehrheit der zionistischen Bewegung sich niemals damit •einverstanden erklären wird, auf die Idee eines Judenstaates und einer jüdischen Mehrheit in Palästina zu verzichten, daß die jüdische öffentliche Meinung hinter dem Baseler Programm, der Balfour-Deklaraiion und dem unverkürzten Mandate einheitlich und geschlossen steht daß di• Zionisten den Kampf tun das Endziel nie aufgehen werden.“ Da diese Resolution in dem Bericht unseres Korrespondenten nicht erwähnt war, haben wir bei ihm angefragt, worauf er uns mitteilt, daß tatsächlich eine solche Resolution unmittelbar vor Schluß des Delegiertentages von dem Vertreter der Revisionlsten cingebracht und ohne Diskussion abgestimmt und angenommen wurde, zu einem Zeitpunkt, wo zahlreiche Delegierte die Sitzung bereits verlassen hatten. Trotzdem halten wir es für nötig, diese Resolution dem Bericht unseres Korrespondenten anzufügen. Ohne sich im übrigen in die Internen Angelegenheiten der österreichischen Schwesterorganisation cinzumischen, darf man wohl bemerken, daß weite Kreise innerhalb der zionistischen Bewegung von der Schädlichkeit einer derartigen lediglich einem Proklamationsbedürfnis entspringende Resolution überzeugt sind. Kurt Hiller sagt grundsätzliche Worte Meines Wissens hat Kurt Hiller in den letzten zwei Jahren zweimal zur Judenfrage Steilung genommen. Im Jahre 1927 tat er eine Reise nach Litauen und stellte u. a. fest, daß er als ״Deutscher judäischen Geblütes“, der in den Litauern Koneuropäer zu erblicken vermag, sich gegenüber einem angeblich schwindelnden jüdischen Autobusbesitzer Chaimke aber nur als Deutscher zu fühlen vermöge und daß ein möglicher Ausbruch des nächsten Judenpogroms in Litauen für ihn, den Deutsehen judäischen Geblüts, durch Wesen und Benehmen des Chaimke erklärt sein werde. Das zweite Mal betätigte sich Kurt Hiller in jüdischen 'Dingen, allerdings anonym, in einer nicht klar ersichtlichen Eigenschaft: er beriet in einer Konferenz der Protestisraeliten im Hotel Kaiserhof die Initiatoren der ״Erklärting deutscher Juden“, die ״Bourgeois“ Ostberg, Naumann usw. bei der Abfassung ihrer Protestresolution gegen den Palästina-Aufbau. Das dritte Mal tritt Kurt Hiller in ״Der Rote Aufbau“ (November 1929) als ״deutscher Sozialist jüdischer Abstammung“ mit einem Aufsatz ״Gegen den jüdischen Nationalismus“ in Erscheinung. Kurt Hiller nimmt im genannten Aufsatz Stellung zum Zionismus und zum Palästina-Aufbau. Schon der Titel seines Aufsatzes beweist, daß ihm die ganze Richtung nicht paßt. Und demgemäß ist denn auch der Inhalt seiner Ausführungen. Als ,,Deutscher judäischen Geblüts“ sind ihm die Juden in Deutschland, Frankreich, England usw. Deutsche, Franzosen, Engländer usw. Als Teilnehmer der Konferenz der Protestisraeliten im Kaiserhof hat er sich deren Terminologie angeeignet und schreibt u. a.: neben den fünf Dutzend Nationalismen der Erde noch einen weiteren zu stellen, statt in den Nationen als Motor der Internationalisierung zu wirken, des Kosmopolitismus und Sozialismus, der Humanität,...“ ״Eine reaktionäre Tendenz der geschichtlichen Sendung des Judentums.... völlig entgegengesetzt; eine Tendenz würdig des Fluchs aus dem Munde aller derer, die der Menschheitserlösung dienen, aller messianisch Gesinnten.“ (Die Sperrungen stammen von mir.) Das schreibt Kurt Hiller, der einige Zeilen früher feststellt, die Lehre, das jüdische Volk sei das auserwählte, ist lächerlich. Und dann folgt die, man kann es nicht anders nennen, jüdisch-chauvinistische Behauptung Kurt Hiliers, die Juden sollen Motor der Humanität sein und sollen ihrer geschichtlichen Sendung dienen. Das kommt davon, wenn man zu liberalen Israeliten in die Lehre gegangen ist. Als deutscher Sozialist jüdischer Abstammung ist er gegen den britischen und jüdischen Imperialismus, die im Zionismus stecken. Hiller definiert den Imperialismus folgendermaßen: ״Im• periaiistisch nennen wir eine nationale Tendenz, die sich nur auf Kosten eines fremden Volkstums verwirklichen kann.“ Diese Definition ist ziemlich verschwommen. Als Sozialist sollte Hiller wissen, daß man unter Imperialismus die Ausbeutung anderer Nationen bzw. der arbeitenden Klassen anderer Nationen zugunsten des eigenen Kapitalismus versteht. Dies und nichts anderes bedeutet die Verwirklichung eines nationalen Imperialismus auf Kosten eines anderen Volkes. Nun wird Kurt Hiller zugeben müssen, daß der Zionismus in Palästina niemals gegenüber den dort lebenden Arabern kapitalistisch ausbeutcrisch aufgetreten ist, sondern vielmehr durch eine einzigartige soziale Umschichtung einen großen Teil der Einwanderer zur produktiven Selbstarbeit erzieht Aber der Zionismus steht im Bunde mit dem britischen Imperialismus! Das ist allerdings ein auf den ersten Blick scheinbar berechtigter Vorwurf, der aber nur dann von Kurt Hiller erhoben werden dürfte, wenn er das Bündnis der von ihm als ״fortschrittlichster Staat“ der Welt bezeichneten Sowjet-Union mit Kemal Pascha, reaktionären arabischen Effendis oder Reaktionären in Mitteleuropa verurteilen würde. Kurt Hiller stellt schließlich, nachdem er, man weiß nicht warum, über eine in der Mendelssohn-Nummer des Gemeindeblattes der Berliner Jüdischen Gemeinde veröffentlichte Ucber- Setzung des Psalms 118 geschmust hatte, folgende Empfehlungen zusammen: Erstens: Die Unterbrechung der jüdischen Invasion, die Liquidierung des Zionismus und, darüber hinaus, der national-jüdischen Bewegung. Zweitens: Die Rückwanderung eines Teiles der Palästinajuden. Nicht gerade nach Polen, Ungarn, Rumänien, aber nach Amerika und nach der Sowjet-Union, welche gerade denjenigen Juden, die national abgesondert zu leben wünschen, die Möglichkeit national-kollektiver Siedlung bei völliger kultureller Freiheit in reichem Maße gewähren. Drittens: Die Solidarisierung der in Palästina zurückbleibenden jüdischen Proletarier und Kleinbauern mit dem arabischen Proletariat und Weinbauerntum — gegen die Großgrundbesitzer, Unternehmer und Spekulanten beider Stämme. Und gegen England. Nun wissen wir, was wir tun sollen. Die Invasion nach Palästina könnte man unterbrechen. Desgleichen den Versuch machen, den Zionismus und die national-jüdische Bewegung zu liquidieren. Schwer fiele jedoch, sofern das überhaupt möglich ist, Ueberführung der palästinensischen Juden nach Amerika, denn dieses läßt keine Juden hinein. Das gleiche gilt für die Sowjet-Union, die nur kommunistischen Ausländern die Einreise gewährt. Man müßte also die palästinensischen Juden zuerst zu Kommunisten machen. Aber was wäre damit geholfen? Wir haben uns bereits auf die Liquidierung der national-jüdischen Bewegung geeinigt, und nun sollen wir die Juden Palästinas in die Sowjet-Union führen, damit sie dort nicht etwa Russen werden und Motor des Internationalismus, Kosmopolitismus und der Humatltät werden, sondern die Möglichkeit national-kollektiver Siedlung bekommen! Das hieße doch den Teufel mit Beelzebub anstreiben! Denn wer kann die Garantie übernehmen, daß der ״Nationalismus“ der national-kollektiven jüdischen Siedlangen in Rußland nicht ansteckende Bazillen zu den Juden Westeuropas ausschicken wird? Ueber die dritte Empfehlung ließe sich vielleicht reden, wenn die ersten zwei restlos verwirklicht werden könnten. So sehen Kurt Hiliers Einwendungen und Empfehlungen aus. Kurt Hiller ist überhaupt eine widerspruchsvolle Persönlichkeit. Das tritt besonders in seinem Aufsatz ״Gegen dep jüdischen Nationalismus“ in Erscheinung. Ein bißchen deutschnational, ein bißchen liberal-jüdischer Prediger, ein bißchen Kommunist — alles in allem ein Mensch judäischen Geblüts, der innerlich weder in seine menschliche noch in seine jüdische Problematik Ordnung zu bringen versteht. m. w.