Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXIV (1929)
- Issue
- Heft 99 (17.12.1929)
- Date
- 1929-12-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 868 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 90, 17. XII. 1929 Habimah ' liUi Berlin Keter David Der Weg der jüdischen Renaissance führt von dem Zerfall einer kulturellen Einheit zu dem Ziele einer neuen geschlossenen Lebensgestalt. Auf diesem Wege, der ein Weg des Sehnens und Wollens ist, gibt es bisher wenige Erfüllungen. Die Wiedererweckung der hebräischen Sprache ist eine und Habimah ist eine. Man sucht jetzt nach einer Vorgeschichte des jüdischen Theaters, und man findet sie natürlich. Aber Habimah bedeutet einen Sprung, einen Neubeginn umwälzenden Charakters. Sie war und ist im modernen Judentum das Theater, das als erstes und einziges mit den Mitteln überlegener Gestaltungskraft dem Volk als Ganzem den Spiegel vorzuhalten vermochte, so daß es sich darin wirklich wiederfand und in der Seele tief berührt wurde. So erhielt Habimah die theatereigene Funktion, die den Bühnen ringsum abhandengekommen ist, wurde sie ein Ereignis im jüdischen Leben der ganzen Welt. Daß sie zudem in die werdende, problematische und noch ungestaltete neue jüdische Welt, wie aus dem Nichts geschaffen, als so vollendetes Instrument eintrat (ohne dieses aber wäre ihre Wirkung nicht möglich), das macht sie zum Stolz und Liebling des Volkes. Als Fest feierte auch diesmal das jüdische Berlin den Beginn ihres kurzen Gastspiels, des ersten nach der neuen Schaffens- Eeriode in Palästina. Es wurde mit der Darstellung der ״Krone »avids“ eröffnet, die in Palästina eine so heftige Auseinander- Setzung hervorgerufen hat. Die ״Krone Davids“ ist die von Jizchak Lamdau besorgte hebräische Neubearbeitung eines der vielen Dramen Calderons, die für das unzünftige Publikum verschollen sind: ״Die Locken Absaloms“. Den Inhalt bildet die Tragödie des Hauses David. Das Reich ist gefestigt, der Kampf mit der Sippe Sauls zu Ende geführt, David (Aron M e s k i n) steht auf dem Oipfel seiner Macht, lieber die Sünden seiner Jugend ist er hinweg. Er vermißt sich nicht. Den Tempel wird er nicht bauen; das Blut, das er an seinen Händen weiß, würde das Werk beflecken. Es soll dem Nachfolger überlassen bleiben. So sehr ist er mit Welt und Qott verglichen, daß er sich diesem Gottesbefehl ruhig ergibt. Da bereitet sich das Unheil im eigenen Hause vor. David ist nicht mehr jung. Fünf Söhne denken an die Krone. Amnon (F i n k e 1) ist der legitime Thronerbe. Aber Amnon fehlt unter den Söhnen, als der König־, vom Siege heimkehrend, sie um sich versammelt. Er ist krank, liebeskrank. Thamar (Rowina), die schöne Schwester, hat, ohne zu wissen, seine Leidenschaft entfacht. Absalom (Friedland), dem, wie die Bibel erzählt, ln ganz Israel keiner an Schönheit glich, mißfönnte Amnon die Krone. Er will sie für sich. Er sorgt dafür, aß Thamar geschickt wird, Amnons Krankheit durch besänftigende Lieder zu lindern. Amnon, tierhaft unbeherrscht, kraftstrotzend, nimmt Thamar, Schrecken über die Tat verwandelt seine Liebe schnell in ebenso heftigen Haß, aber Thamar hat nun ihr Herz an ihn gehängt. Sie will alle Demütigungen ertragen, nur bei sich mochte er sie behalten. Unerbittlich hinausfewiesen schwört sie Amnon Rache, ruft sie seine Tat in die traßea Jerusalems. Die Söhne und die Ratgeber: Achitophel (Bei ' «r, Namen tat Nur Joab (Ber tonoff), Heerführer und Legitimist, widersetzt sich. Amnon ist der Starke, der Tüchtige, er ist ein Kriegsheld, unter den Söhnen der zum Königtum berufene. Der König läßt Airmon holen, um ihn zu richten. Ein Blutschänder kann nicht Davids Krone erben. Aber er sieht die erwartungsvollen Gesichter seiner anderen Söhne und versteht den wahren Hintergrund ihres Eifers für die Gerechtigkeit. Er läBt Amnon laufen. Kein and* er von den Söhnen soll König werden. Absalom spinnt nei) ntrige. Er lidt — es ist zwei Jahre später — seine Brüder zu inem Fest in sein Haus, in aas er Thamar aufgenommen hat. Ein wildes Fest. Sie haben alle viel ge• trunken. Auf einen Wink Absaloms erscheint die unkenntlich verschleierte Thamar. Amnon will die Frau sehen. Er erzwingt ihre Entschleierung und — begreift Absaloms Hinterhalt. Er sucht nach seinem Schwert, aber die Lanzen von Absaloms Knechten töten ihn. Absalom fühlt sich schon als König, er will nicht warten, zieht mit seinen Mannen nach Jerusalem. David flieht auf Anraten Joabs,der nun Adonjahn erscheiner i ם s k i) zum König wünscht, während Salomo (winiar) seine Sache mit Hilfe Chuschais und diplomatischer Kunst betreibt. David auf der Flucht Schim’i ben Gera (Ben Chaim), ein Ueberlebender von der Sippe Sauls, trifft ihn allein, verflucht schmähend seine Bluttaten, bewirft ihn mit Steinen. Da bringt man auch schon den Leichnam Absaloms, mit den Kroninsignien, die er geraubt hat Gebrochen stimmt der König die furchtbare Wehklage über den Tod seines Sohnes an, beschuldigt er Joab, beklagt er, die Krone für den Hirtenstab eingetauscht und damit all die Schuld und all das Unglück auf sich geladen zu haben. Die bis ins Letzte gehende Angespanntheit und Konzentriertheit der Gestaltung, die priesterlich-sakrale Zelebrierung der Rollen zeichnet auch die Darstellung dieses sonst in Gehalt und Stil von den bisherigen Gestaltungen der Habimah so verschiedenen Stückes aus. Masken, Stimmführung, Bewegung sind wieder von überwirklicher Charakteristik, mit unerhörtem Ausdruck geladen und doch wieder so gebändigt, daß selbst die lebhafteste Bewegtheit erscheint wie hieratische Gemessefiheit. Die Dekorationen sind diesmal auf das Primitivste beschränkt; alle Farbigkeit und Bildhaftigkeit ist durch die Kostüme, die Masken, die Bewegungen und Gegenbevvegungen erzeugt. Hier, im Bildhaften, sind von Szene zu Szene unerhörte Wirkungen erzielt (nur die schwarz vermummten Ritter im Leichenzug Absaloms stören, wie überhaupt diese Prozession etwas zu dpernhaft wirkt). Wie Habimah es versteht, Gruppe* in Bewegung zu halten, umzugruppieren, ohne je die bildhafte Geschlossenheit preiszugeben, das ist einzigartig. Szenen, wie das Gelage im Hause Absaloms oder Stellen in der Gerichtsszene und manches andere gehört zum Besten, was Habimah in dieser Hinsicht bisher geschaffen hat. Dem Charakter des Stückes entsprechend sind diesmal, anders als sonst bei Habimah, fast alle Rollen stark individualisiert. So lernt man die Größe der Darsteller im Persönlichen kennen. Es fällt schwer, Einzelne zu nennen, und es Ist unmöglich, die Namenliste des Programms abzuschreiben, aber der restlos vollendeten, mächtigen und tief ergreifenden Leistung Meskins als König David muß Erwähnung getan werden. Sie verfolgt die Erinnerung und läßt nicht locker. Und noch eins muß erwähnt werden: der große Fortschritt im Sprachlichen. Die Artikulation des Hebräischen hat in Palästina unendlich gewonnen, sie ist klarer geworden und reiner. Hoffentlich ist Habimah bald so weit, für den Sprachgebrauch die traditionelle Führerfunktion der Bühne übernehmen zu können. Obwohl Habimah mit der ״Krone Davids“ eine ihrer besten schauspielerischen Leistungen gegeben hat (ich sage das mit vollem Bewußtsein nach dreimaligem Besuch der Vorstellung), erzeugt das Stück keine Wärme. In dieser nicht durchaus zwmfenden Abfolge von acht mehr oder weniger selbständigen zenen packt aas Einzelne, die einzelne darstellerische Leistung oder das einzelne Bild. Das Ganze läßt trotz des hinreißenden Schlusses kalt. Das liegt am Drama. Seine Wahl war ein Feldtriff, seine Zurechtmachung durch die Regie (oder schon durch en dramaturgischen Bearbeiter?) ein weiterer. Diese Szenenfolge ist kein Drama, weil sie zwar Verwicklungen, aber keinen zentralen Konflikt hat, der szenischen Steigerung entspricht keine dramatische. Es wird szenisch aus den letzten Kapiteln des zweiten Buches Schmuei das wiedergegeben, was sich um den Fall Thamar-Amnon und um den Fall Absalom gruppieren läßt. Dabei werden beide Geschichten lose und nicht überzeugend verknüpft. Die Umdeutung des Besuches der Thamar bei Amnon gibt zwar die Möglichkeit für die so ergreifende Szene der singenden Thamar-Rovvina, bedeutet aber ebensowenig eine dramatische Bereicherung wie die Erweiterung des Absalom-Stoffes in ein Intrigenspiel aller Königssohne. Was chronistisch in der Bibel, auch künstlerisch, so wirksam ist, das wird im Drama uninteressant. Nicht nur wegen des künstkrischen Stiles, der zum Stoff in genauer Beziehung stehen muß, sondern auch deshalb, well diese letzten Ereignisse im Leben DaVids aufgebaut sind auf der Geschichte_ eines Mensehen, die mehr ist, als die Geschichte eines Königs auf einer Erzählung von Berufung, Abfall, Reue, Kampf um die Sendung. IZs sind die letzten Episoden dieses Lebens, sie sind bedingt durch das, was vorangegangen ist, nicht die Krone steht im Mittelpunkt — und wo sie wichtig wird, ist sie mehr als eine Krone. Das Problem des biblischen Dramas ist durch die ״Krone Davids“ nicht gelöst. Vielleicht ist es unlösbar. Vielleicht gelingt es einem großen Dramatiker, das Thema so zu gestalten, daß von der Bunne her empfunden werden kann, was die Epik der Bibel noch den Gottlosesten empfinden läßt (Richard Beer- Hoffmann arbeitet bekanntlich an einem David-Drama). Viel- Idcht sollte man den epischen Text der Bibel selbst nach Passionsart darstellen. Das Problem bleibt weiter offen. Diese Einwendungen gegen Bewertung des Stückes ändern nichts an der Leistung von Habimah. Nur ihrer Kunst konnte es gelingen, daraus zu machen, was sie daraus gemacht hat. Die Aufführung war im Darstellerischen ein Gewinn, für das Theater als ein wichtiger Weg vorwärts vom unwiederholbaren Dibbuk und seiner Tradition weiter, für die Zuschauer als eine glänzende darstellerische Leistung. Und für beide Teile nicht zuletzt ein Gewinn im Negativen, als Experiment. Der Weg führt Habimah durch die .,Krone Davids“ weiter. M o s c h e C h a d a d. Musik zu ״Keter David“. Die Musik zu ,JCeter David“ ist von dem in Palästina lebenden Komponisten S.Rosowsky. Sie spielt keine selbständige Rolle und steht zu dem Charakter des Stückes in ziemlich losem Zusammenhang. Sie ist farbig und enthält Stilisiert-Orientalisches. Historisch ist sie etwa der Zelt und Art Rlni|cy-Korsakoffs und Debussys einzuordnen. Manche Partien — wie z. B. der Trauermarsch — erinnern etwas an Honegger in der Art, wie hier das antike Judentum akustisch eingefangen ist. Die Musik hat häufige liebenswerte Momente, ohne natürlich der Monumentalität der Sprache oder der elementaren Tierhaftigkeit dieser Schauspielkunst auch nur •lim entferntesten nahe zu Kommen. Beim Lied der Thamar — das melodiös ist ohne sehr echt zu ־wirken, und das von der Rowina mit der ihr eigenen morbiden Zartheit kantiliert wird — wirkt die das Harfenspiel nachahmerde Klavierbegleitung hinter i'd*rt'der mskretei•,AaSfObranS;'redhf stilles. Sonst ist die Instrumentation von angenehmer Aufdringlichkeit and die musikalische Leitung durch Fordhaus Bentzissy ausgezeichnet. — Die inzidenzmusiken zu ״Kether David“ sowie m dem nun folgenden Lustspiel ״Haozar“ (■nach Scholem Alechem) sind Rosowskys letzte werke. — Vor kurzem erschien ein palästinensisches Liedersammelbuch aus seiner Hand, das auch an dieser Stelle besprochen wurde. Alice J acob-Lo ewenson. * Nach der Premiere fand im Lessingtheater ein Begrüßungsabend statt, bei welchem Dr. Emil Cohn, Dir. Kareski (für die Gemeinde), Prof. Lewin (für das Jewish Agency* Komitee), Dr. Kanowitz (für die Z. V. f. D.), Frau Wischnitzer, Dr. Solo weit schik (für den Waad iwri) Reden hielten, worauf namens der Habimah Tschetnerinski antwortete, der hervorhob, welche Bedeutung Berlin und seine Hilfe für die Habimah hat. Palästina-Boden tür Londoner Jaden London, 11. Dezember. (J.T.A.) In Verfolg der von Lord Melchett und dem Jüdischen Nationalfonds für Großbritannlen und Irland ein gleiteten Bodenkauf aktion wurden von einer Anzahl jüdischer Geschäftsleute in der Londoner City durch ihren Beauftragten Zyril J. Roß 1000 Dunam Boden in Palästina erworben. Gemäß der Melchett-Aktion sollte jeder Jude in •England soviel Boden in Palästina erwerben, als er in England bewohnt Die jüdischen Kaufleute der Londoner City wollen aber darüber hinausgehen und in Palästina Boden im gesamten Ausmaß der City of London, das eine Quadratmeile beträgt, durch den Jüdischen Nationalfonds erwerben. Auswüchse antizionistischer Propaganda. Aus Beut ben wird uns berichtet: In einer Veranstaltung der Ortsgruppe des C.-V. sprach hier dieser Tage Herr Staatsrat Dr. Cohn, Dessau, über das Thema: ״Die Juden im neuen Deutschland“. Der Vortragende hielt es für gut, eine halbe Stunde seiner Ausführungen Angriffen gegen das jüdische Palästinawerk und gegen den Keren Haiessod zu widmen. Es hat außerordentliches Aufsehen erregt, daß in einer Veranrialhing des C.-V., deren Thema doch einen ausgesprochen neutralen Charakter trug, derartige, nicht zur Sache gehörige par-; teiliche Darstellungen über Palästina gegeben und so der innerjüdische Streit in die Versammlung hineingetragen wurde. Der Vortragende betonte, daß er seinen persönlichen Standpunkt und nicht den offiziellen Standpunkt des C. - V. zum׳ Ausdruck bringt, doch!st es bedauerlich, daß der C.-V, dieses Vorgehen für zulässig hielt Die hiesige ״Ostdeutsche Morgenpost“ Deriphtet Über den Vortrag, lndem sie hervorhebt, daß nach den Ausführungen Dr. Cohns eine ״unübersteigbare Mauer den Staatsbürger jüdLchen Glaubens von der Mentalität der Ostjuden und Zionisten trennt“. Diese Art eines jüdischen Redners, Antisemitismus zu verbreiten, hat in weiten jüdischen Kreisen Oberschlesiens starke Verstimmung hervorgerufen. — Es ist übrigens bemerkenswert, daß dieselbe Zeitung, die ein ziemlich weit rechts stehendes Organ ist, in einer ihrer nächsten Nummern eine informative Mitteilung über das deutsche Komitee Pro Palästina und dessen Zusammensetzung veröffentlichte. Wir hoffen, daß diese Notiz die Leser der ״Ostdeutschen Morgenpqst“ auch etwas stutzig macht bezüglich der seltsamen Stellungnahme des Herrn Staatsrates Dr. Cohn. Mit Scheuklappen durch Palästina Alfred Wiener wird belehrt Im letzten Heft der hervorragenden, von Dr. Ad. Grabowsky herausgegebenen ״Zeitschrift für Politik (XIX, 6) wird Alfred Wieners ״Kritische Reise durch Palästina“ (Berlin 1927, Philo-Verlag) von dem rechtsstehenden christlichen Schriftsteller Dr. Max Fischer einer vernichtenden Kritik unterzogen. Fischer, der dem Zionismus selbst kritisch gegenüberstehf, verteidigt ihn doch ganz energisch gegen Wieners Verkleinerungsversuche und bescheinigt diesem wörtlich folgendes: ״Die neue Schrift von Alfred Wiener, dem Syndikus des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, ist — wahrscheinlich ohne daß sich der gegen den Zionismus voreingenommene Verfasser selbst dessen bewußt wurde — trotz der Maskeeiner wissenschaftlich objektiven Betrachtungsweise nichts weiter als ein polemisches Pamphlet gegen die zionistischen Jude n.“ Man könne dem deutschen Juden ruhig das vom Zentralverein erstrebte Ziel einer vollen Assimilation an das Deutschtum zugestehen, brauche es aber deshalb an Objektivität gegen die bedeutsame kulturelle und politische Betätigung der ihrer Sonderart noch bewußten Juden in Palästina nicht derart fehlen zu lassen, wie es Wiener tue. Fischer weist zur Begründüng seines scharfen Urteils Wiener eine ganze Reihe von Unrichtigkeiten und Schiefheiten nach. Hierbei erweist sich Fischer selbst, wie immer, als ein kritischer Beobachter, der z. B. die ״vorschnelle Schaffung einer neuen Stadtsiedlung“ (Tel-Awiw) als ״taktischen Mißgriff“ bezeichnet. Aber um so schwerer wiegt die Tatsache, daß er Worte der höchsten Anerkennung für den Idealismus und die Leistungen der Zionisten findet, und vor allem die historische Bedeutung des zionistischen Experimentes hervorhebt, für die Wiener blind zu sein scheine. ,(Alfred Wiener bemüht sich, die außerordentliche Kleinheit und Zerrissenheit des jüdischen Nationalbesitzes darzutun und dadurch den Zionismus als eine wenig bedeutsame Angelegenheit hinzustellen. Wiener übersieht dabei geflissentlich alle psychologischen Faktoren. Er übersieht, daß 1n den übrigen Gegenden Palästinas im wesentlichen sehr extensiver Kornbau herrscht, während die Juden größtenteils zu sehr intensiven Gartenkulturen übergegangen sind.“ Ebenso stelle Wiener mit Nachdruck den großen Anteil privater jüdischer Unternehmungen gegenüber dem der Zionistischen Exekutive fest, übersehe aber auch hier wieder alle psychologischen Faktoren. Gewiß sei ״Tel-Awiw nicht von der Zionistischen Organisation erbaut“ worden, aber diese habe auch nicht das geringste Interesse, Juden daran zu hindern, sich mit eigenem Geld in der neuen Stadt ein Haus oder eine Fabrik zu erbauen. ״Aber die Schulen und die Krankenhäuser, die Hypothekenbank, die Förderung der Baubewegung, die Elektrifizierung ist durch jüdischnationale Mittel ermöglicht worden, während zahlreiche Industrien und handwerkliche Unternehmungen sowie der Ausbau des Stadtteiles Nordia vom Jüdischen Nationalfonds unterstützt wurden. Der Zionismus hat daher einen moralischen Anspruch darauf, diese ganz von national-jüdischer Ideologie getragene Stadtgründung Im wesentlichen auf seine Wirksamkeit zurückzuführen.“ Ebenso sei es gänzlich verfehlt, den Wert der alten, angeblich rein philanthropischen Rothschildschen Ko- Ionien auf Kosten der zionistischen herauszustreichen; denn auch die Rothschildschen Siedlungen hätten sich dem Siegeszug der zionistischen Gedanken nicht entziehen können, die Unterrichts- Sprache sei heute last überall hebräisch, und die junge Generation stände auch hiar der zionistischen ׳!*dankemvelt ganz nahe. \ki Der Kampf um eine moderne Wirtschaft jfn Palästina hab« die Juden aus allen Ländern in eine gemeinsame Front gegen die konservativen Neigungen der arabischen Wirtschaft gebracht; der Jude sei dort der Pionier moderner Wirtschaftsmethoden. ,,Dieses moderne Pioniertum schließt ihn naturgemäß auch bewußt als gemeinsame nationale Gruppe von überlegenem Kulturgefühl zusammen. Wieners antizionistisches Ideal mag für Mittel- und Westeuropa seine Berechtigung haben: die Juden Palästinas aber werden sich niemals als arabische oder englische Staatsbürger jüdischen Glaubens fühlen können. Nur auf dem National&ewußtsein beruht ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber den tatsächlichen Schwierigkeiten der Verhältnisse, und ihr bewundernswerter Elan, im Schweiße ihres Angesichts das Aussehen dieses jahrhundertelang verwahrlosten Landes zu wandeln, — das Land der Väter durch werktätige Arbeit neu zu erobern.“ Vielleicht am unangenehmsten dürften aber Herrn Wiener die Belehrungen über die Hebräische Universität ln den Ohren klingen. Es sei ״für die mangelnde Objektivität Wieners ungemein charakteristisch“, daß er die Hebräische Universität als eine unbedeutende Institution hinstelle, die vom deutsqh-evangelischen Institut in Jerusalem in den Schatten gestellt werde. So erfreulich es sei, daß ein überzeugter Jude wie Wiener so viel Sinn für die großen Verdienste jenes Institutes habe, so ״gänzlich abwegig“ sei es doch, hieraus negative Schlüsse auf die Universität zu ziehen, die ganz andere Forschungsaufgaben und eine andere Struktur habe. Sie sei noch im ersten Aufbau und lege sich gerade um des hohen wissenschaftlichen Niveaus willen in der Aufnahme von Studierenden große Beschränkung auf. Es gehörten schon ״starke Scheuklappen“ dazu, den Sinn der Hebräischen Universität zu verkennen! י Zum Schlüsse betont Fischer, daß der Zionismus — ganz gleich wie sein Ausgang sei — schon bis jetzt das palästinensische Wirtschaftsleben von Grund aus umgestaltet und damit Pionierarbeit für den Siegeszug moderner Methoden im Orient geleistet habe: ״Eine weltgeschichtliche Begeb e n h e i t, die gerechterweise mit rein philanthropischen Be- Strebungen nicht aufeeine Stufe gestellt werden kann.“ Aber Herr Wiener wird es nicht glauben. A. P. PresseschaD Die Zeitschrift des ״Bundes für koloniale Erneuerung“ ״Der Kolonialfreund“ veröffentlicht in ihrem November-Heft einen Aufsatz ״Das jüdische Aufbauwerk in Palästina“ von Nahum Goldmann, worin die Entwickltmg des Zionismus und der Aufbauarbeit in Palästina geschildert und insbesondere die Lage nach den letzten Erelgnisscn besprochen wird. Goldmann verteidigt das ״Recht auf Kolonisation“ der Juden als des fortgeschritteneren Eiementes und betont, daß das arabische Volk sein nationales Zentrum außerhalb Palästinas hat. Er schließt mit folgender Perspektive: ״Wenn es getingen wird, der kleinen Schicht von interessierten Aufwieglern das Handwerk zu legen, bestehen bei dem starken Verständigungswillen der Juden und bei der faktischen Verständigungsbereitschaft der großen arabischen Massen in Palästina alle Möglichkeiten und Chancen dafür, daß Juden und Araber friedlich zusammen in Palästina leben werden, jede Gruppe schöpferisch innerhalb ihrer Kultur und Eigenart und beide gemeinsam kooperierend am Aufbau und an der Entwicklung dieses Landes, das seit Jahrtausenden im Mittelpunkte weltgeschichtlicher Prozesse steht, das jahrhundertelang vernachlässigt und verwahrlost wurde und jetzt durch das jüdische Aufbauwerk zu neuer Entfaltung und Blüte gelangt.“